Persönlichkeit mit Stil?

Warum verhalten sich Menschen manchmal so eigenartig irrational oder seltsam? Wieso haben wir (vermutlich) alle irgendwelche Charakterzüge, die uns immer wieder mal in Schwierigkeiten bringen?

Bild: Manfred Evertz

Auf diese Fragen hat das Modell der Persönlichkeitsstile plausible Antworten parat. In diesem Modell, das von Prof. Dr. Julius Kuhl im Zusammenhang mit der PSI-Theorie entwickelt wurde, wird davon ausgegangen, dass die Umsetzung von Motiven durch Affekte moduliert wird, und zwar durch den Einfluss, den Affekte auf die Aktivierung jener kognitiven Systeme ausüben, die dafür gerade benötigt werden. Psychische Systeme konfigurieren sich – je nach situativen Anforderungen und in Abhängigkeit von der aktuellen Bedürfnislage eines Individuums – immer wieder neu. Diese Systemkonfigurationen werden als Formen der Motivumsetzung betrachtet, die mehr oder weniger adaptiv sein können. Affektive und kognitive Einseitigkeiten – wie sie bei den Persönlichkeitsstörungen unterstellt werden – können zu enormen Problemen führen. Demzufolge werden Persönlichkeitsstile und ihre pathologischen Übersteigerungen in der PSI-Theorie als stabile bzw. chronische Varianten entsprechender kurzfristig auftretender Systemkonfigurationen verstanden. Statt einseitiger Defizitorientierung ermöglicht das dimensionale Konzept der Persönlichkeitsstile nun aber zugleich einen ressourcenorientierten sowie einen problemorientierten, therapeutischen Zugang, indem jeder Persönlichkeitsstil in seinen Stärken und Schwächen dargestellt und als subjektiv sinnhafte Anpassungs- und Überlebensstrategie in spezifischen Sozialisationskontexten verstanden wird. Die durch den jeweils vorherrschenden Persönlichkeitsstil erklärbaren emotionalen (Erst-)Reaktionen treten zwar spontan auf (abhängig vom Temperament, den vorherrschenden Motiven, den konditionierten Reaktionsmustern etc.), sie lassen sich im Nachhinein aber durch selbstgesteuerte Affektregulation beeinflussen (emotionale Zweitreaktion). Je geübter eine Person darin ist, desto weniger ist sie einem Persönlichkeitsstil „ausgeliefert“.

„Das PSSI ist ein Selbstbeurteilungsinstrument, mit dem die relative Ausprägung von Persönlichkeitsstilen erfasst wird. Diese sind als nicht pathologische Entsprechungen der in den psychiatrischen diagnostischen Manualen DSM-IV und ICD-10 beschriebenen Persönlichkeitsstörungen konzipiert.“ (Quelle: Testmanual)

Mit dem PSSI werden die individuellen Ausprägungen der 14 Persönlichkeitsstile mit jeweils 10 Items ermittelt, d. h. dass der Fragebogen insgesamt 140 Aussagen beinhaltet (in der Kurzversion sind es 14 x 4, also 56 Items), denen im Rahmen einer Selbsteinschätzung jeweils ein Wert von 0 („trifft gar nicht zu“) bis 3 („trifft ausgesprochen zu“) zugeordnet wird. Addiert man die 10 Werte, die für einen Persönlichkeitsstil stehen, erhält man einen Rohwert, den man wiederum in ein statistisches Maß (T-Wert) umwandelt, um zu sehen, wie hoch dieser Wert im Vergleich zu einer bestimmten Population (Altersgruppe, Geschlecht) ausfällt.

Nachdem ich mich intensiver mit den verschiedenen Systemkonfigurationen, die den verschiedenen Persönlichkeitsstilen sowie den mit ihnen korrespondierenden Persönlichkeitsstörungen zugrunde liegen, wie es die PSI-Theorie postuliert, sowie mit den typischen Merkmalen der 8 Motivations- und 6 Temperamentstypen beschäftigt hatte, konnte ich relativ klar sagen, wo ich mich selbst sehe. Interessant war es für mich, dass meine Ergebnisse aus dem PSSI-K (also aus der Kurzversion) meine Annahmen tendenziell bestätigten und mich zugleich auf etwas aufmerksam machten, über das ich im Rahmen meiner (Lehr-)Therapie sehr häufig gesprochen habe. Durch die Lektüre des Buches „Motivation und Persönlichkeit“ ist es mir daraufhin gelungen, ein Phänomen, das ich bei mir seit Beginn meiner Pubertät beobachten konnte, das mir allerdings bis vor Kurzem äußerst rätselhaft zu sein schien, in Worte zu fassen und mittels des Modells sogar “funktionsanalytisch” erklären zu können. Damit – so würde ich sagen – habe ich endlich eine schlüssige Antwort auf eine Frage gefunden, die ich mir stelle, seitdem ich denken kann. Dass mich das begeistert hat, ist wohl nachvollziehbar.

Aufgrund dessen habe ich mir die vollständige Version des PSSI beim Hogrefe Verlag bestellt, was den Vorteil hatte, dass ich mir nun ein genaueres Bild von der Messung der 14 Persönlichkeitsstilen machen konnte. Also ich das PSSI daraufhin selbst ausfüllte und mir meine Ergebnisse anschaute, war ich allerdings enttäuscht. Zwar deuteten diese noch immer mit ganz leichter Tendenz darauf hin, dass meine erste Selbsteinschätzung nicht falsch war, allerdings lagen die T-Werte der 14 Persönlichkeitsstile fast alle in einem Bereich, der eigentlich keine entsprechende Interpretation (siehe oben) mehr zuließ. Meine T-Werte lagen (fast) alle zwischen 42 und 55, was ziemlich unspektakulär, aber nicht unbedingt überraschend ist.

Eine „gesunde“ Persönlichkeit sollte dazu in der Lage sein, verschiedene Persönlichkeitsstile flexibel einzusetzen bzw. die gezeigten Verhaltens- und Reaktionsmuster von ihrer aktuellen Bedürfnis- und Motivlage sowie von den situativen Gegebenheiten abhängig zu machen. Das bedeutet für mich übersetzt, dass ich manchmal einen eher ehrgeizigen (z. B. in Wettbewerbssituationen), manchmal einen liebenswürdigen (z. B. beim Flirten) und manchmal einen sorgfältigen Persönlichkeitsstil (z. B. bei der Bearbeitung meiner Steuererklärung) an den Tag legen kann. Je nachdem, worum es gerade geht, kann ich also in einen dazu passenden Modus wechseln. Bei „gesunden“ Menschen dürfte es in der Regel also unzählig viele Situationen geben, in denen sie typische Verhaltensweisen zeigen oder Einstellungen haben, die mit den verschiedenen Persönlichkeitsstilen korrespondieren. Sollte es dennoch häufiger zu einer (automatischen) emotionalen Erstreaktion kommen, im Zuge derer sich ein bestimmter Persönlichkeitsstil zeigt, der eigentlich unpassend ist, ist man dem ja nicht einfach ausgeliefert. Dem Modell zufolge haben Individuen verschiedene Möglichkeiten, in diesen Automatismus einzugreifen (z. B. über Selbstberuhigung oder Selbstmotivierung). Je ausgereifter die Fähigkeit zur Selbststeuerung bzw. -regulation eines Menschen ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in den Auswertungsergebnissen eines Testverfahrens (wie z. B. dem PSSI) deutliche Auffälligkeiten zeigen.

Um bspw. in Seminaren einen ersten Überblick über die 14 Persönlichkeitsstile geben zu können und dabei zugleich ein wenig zur Selbstreflexion anzuregen, habe ich auf Grundlage des Tests, der Beschreibungen aus dem Buch „Motivation und Persönlichkeit“ und dem Testmanual für jeden Persönlichkeitsstil ein Kärtchen vorbereitet, auf dem jeweils sieben Aussagen zu finden sind, die diesen charakterisieren. Sie ermöglichen es, einen ersten Eindruck zu bekommen, wie die verschiedenen Stile sich typischerweise zeigen. Eine exakte Messung mit einem wissenschaftlichen Verfahren können und sollen diese Kärtchen natürlich nicht ersetzen. Meine beiden “Spitzenreiter” zeige ich Ihnen einmal:

Die funktionsanalytische Perspektive der PSI-Theorie bietet m. E. außerordentlich viele, ganz wunderbare Erklärungen für Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit den einzelnen Persönlichkeitsstilen ergeben, und Problematiken, die ein unflexibler Einsatz oder die starre „Bevorzugung“ eines jeden Stils mit sich bringen kann. Zudem zeigt sie zahlreiche Möglichkeiten auf, wie sich charakterliche “Schwächen”, die zu Problemen führen, in den Griff bekommen lassen.

Literaturhinweise:

  • Julius Kuhl & Miquel Kazén (2009). Persönlichkeits-Stil- und Störungs-Inventar (2. überarbeitete und neu normierte Auflage). Hogrefe Verlag, Göttingen.
  • Julius Kuhl (2001). Motivation und Persönlichkeit. Hogrefe Verlag, Göttingen. → Hier gelangen Sie zur Produktseite des Verlags.

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Mensch im Umbruch

Warum fällt es uns so schwer, die eigene Persönlichkeit zu verändern, und warum lassen sich schlechte Angewohnheiten i. d. R. nicht einfach ablegen? Unsere Persönlichkeit ist zwar durch relativ überdauernde Eigenschaften beschreibbar, dennoch verändert sie sich im Laufe unseres Lebens stetig.

Grundsätzlich stellt sich die Persönlichkeitspsychologie die Frage, worauf Unterschiede in der Ausprägung gewisser Merkmale bzw. Eigenschaften zwischen den Individuen beruhen, also inwieweit sie bspw. durch Veranlagung zustande kommen oder durch Erfahrung erworben und ausgebildet werden?

Mit diesem Thema befasse ich mich bereits seit meiner Studienzeit. Jetzt habe ich gerade ein Konzept entwickelt, mit dem ich andere Menschen dabei unterstützen möchte, ihre eigene Persönlichkeit und ihr Verhalten zu reflektieren, individuelle Entwicklungspotenziale zu identifizieren und erste Schritte in Richtung einer gewünschten Veränderung einzuleiten. Gestern habe ich nun vom Hogrefe Verlag die freundliche Genehmigung bekommen, im Rahmen meiner Seminare die Kurzform eines Tests einsetzen zu dürfen, mit dem die individuellen Ausprägungen der 14 Persönlichkeitsstile erfasst werden, den PSSI-K. Dieser basiert u. a. auf der PSI-Theorie von Prof. Dr. Julius Kuhl und ist angelehnt an das Modell der Persönlichkeitsstörungen nach dem DSM (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen). Es ermöglicht einen ressourcenorientierten (statt einseitig defizitorientierten) sowie einen problemorientierten therapeutischen Zugang zum Verständnis der Verschiedenartigkeit von Menschen, indem jeder Persönlichkeitsstil in seinen Stärken und in seinen Risiken bzw. Schwächen dargestellt wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass oftmals seltsam und befremdlich wirkendes Verhalten im Grunde genommen subjektiv sinnhafte Anpassungs- und Überlebensstrategien in spezifischen Sozialisationskontexten waren.

Menschen mit einem dominanten Persönlichkeitsstil bevorzugen – ebenso wie jene, die eine entsprechende Persönlichkeitsstörung aufweisen – eine damit korrespondierende Systemkonfiguration. Die Systemkonfigurationen stehen in einem direkten Zusammenhang mit den vier Makrosystemen der PSI-Theorie.

Die PSI-Theorie (siehe: Eine neue Persönlichkeitstheorie) geht davon aus, dass die Umsetzung von Motiven durch Affekte moduliert wird, und zwar durch den Einfluss, den Affekte auf die Aktivierung jener kognitiven Systeme ausüben, die für die Motivumsetzung wichtig sind (vgl. Modulationsannahmen). So werden unterschiedliche Systemkonfigurationen differenziert, mit denen sich jedes Motiv verbinden kann. Diese Systemkonfigurationen werden als Formen der Motivumsetzung interpretiert, die je nach den vorherrschenden Bedingungen mehr oder weniger adaptiv sein können.

  • Fühlen (Extensionsgedächtnis):  Das „Fühl-System“ ist adaptiv für alle Motive: Fühlen ermöglicht Flexibilität der Umsetzung (Bedürfnisbefriedigung) und aktive Bewältigung der mit Herausforderungen verbundenen negativen Gefühle.
  • Intuieren (Intuitive Verhaltenssteuerung): Intuieren ist besonders adaptiv für die Umsetzung des Bedürfnisses nach Anschluss: Der spontane Austausch mit anderen Menschen erfordert intuitive Programme der emotionalen Ansteckung, des Blickverhaltens u.v.m.
  • Denken (Intentionsgedächtnis): Die Denkfunktion ist maladaptiv im Bereich Anschluss; adaptiv im Bereich Leistung und evtl. Macht, also überall da, wo strategisches, planerisches Vorgehen erforderlich ist.
  • Empfinden (Objekterkennungssystem): Empfinden ist für kein Motiv besonders adaptiv, da diese Funktion die Perseveration (= Tendenz seelischer Erlebnisse und Inhalte, im Bewusstsein zu verharren) negativer Gefühle erfasst, die nicht durch das Fühlen integriert werden können. Das Empfinden ist mit einem “diskrepanz- und konfliktsensitiven” Aufmerksamkeitssystem verbunden: Unstimmigkeiten werden besonders stark beachtet und können u. U. gar nicht mehr ausgeblendet werden.

BIld: Manfred Evertz

Eine zentrale Annahme der PSI-Theorie besagt, dass sich psychische Systeme – je nach situativen Anforderungen – immer wieder neu konfigurieren. Verschiedene soziale Basisbedürfnisse verlangen unterschiedliche Systemkonfigurationen. Affektive und kognitive Einseitigkeiten, wie sie bei den Persönlichkeitsstörungen angenommen werden, können zu Schwierigkeiten bei der Befriedigung verschiedener Bedürfnisse führen. Eine Person kann sich in ihrem Verhalten und in ihrer Selbstwahrnehmung zunehmend von ihrem eigenen Selbst entfremden, wenn sie nicht gelernt hat, flexibel zu den jeweils passenden Systemkonfigurationen umzuschalten, sobald ein neues Bedürfnis auftaucht. Demzufolge werden Persönlichkeitsstile und ihre pathologischen Übersteigerungen in der PSI-Theorie als stabile bzw. chronische Varianten entsprechender kurzfristig auftretender Systemkonfigurationen verstanden.

“Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“ Arthur Schopenhauer

Nun habe ich den PSSI-K natürlich selbst ausprobiert, da es mich interessierte, ob ich mit dem Ergebnis etwas anfangen kann? Vermutet habe ich, insbesondere bei hoher Belastung, einen selbstkritischen Persönlichkeitsstil zu zeigen. Dort hatte ich dann aber lediglich mit 7 die zweithöchste Punktzahl. Meinen höchsten Wert erreichte ich dabei beim „loyalen Persönlichkeitsstil“, der immerhin bei 9 von 12 möglichen Punkten lag. Wäre er etwas höher gewesen, würde er auf eine abhängige bzw. dependente Persönlichkeitsstörung hindeuten. Mein Testergebnis weist zwar noch längst nicht auf eine psychische Erkrankung hin, zeigt allerdings mit aller Deutlichkeit, wo meine „Baustellen“ verortet sind. Beide Stile haben nämlich etwas gemeinsam: Die Betroffenen neigen zum diskrepanzsensitiven Empfinden (ausgeprägte Empfänglichkeit für negative Affekte) und sie sind eher “kopflastig”, d. h. im Denk-Modus (gedämpfter positiver Affekt). Die Gefühle, die diese Stille am ehesten charakterisieren, sind Angst (loyaler PS) und Scham (selbstkritischer PS). Dass ich mich in schwierigen Lebensphasen oder unter Stress recht häufig im Objekterkennungssystem verheddere, war mir schon bewusst. Auch, dass ich in Zeiten, in denen ich einer hohen Belastung ausgesetzt bin, zur Anhedonie neige, wusste ich schon. Scham kenne ich ebenfalls recht gut. Das mit der “Angst” hat mich allerdings zunächst überrascht.

Manchmal ist die Wahrheit unbequem. Schon seit Beginn meiner Pubertät frage ich mich immer mal wieder, was mit mir eigentlich nicht stimmt? Obwohl ich seither nach Antworten suche, habe ich es irgendwie trotz eines Psychologiestudiums geschafft, über viele Jahre nahezu sämtliche relevante Informationen auszublenden, die mich zu einer tieferen Selbsterkenntnis hätten führen können. Dass ich gewisse Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit machen musste, aus meinem Erleben abgespalten hatte, ist mir inzwischen bewusst, ebenso wie die Tatsache, dass ich manchmal dazu neige, „unerwünschte“ Lebenswirklichkeiten, die für andere Menschen vollkommen selbstverständlich sind, komplett auszublenden und ein selbstausbeuterisches Verhalten an den Tag zu legen. Und ja, ich suche tatsächlich nach Halt, wobei mir gar nicht so ganz klar ist, was genau ich eigentlich damit meine. Dennoch ist dieses diffuse Grundmotiv im hohen Maße charakteristisch für mich. Auch wenn ich – dank meiner sogenannten „gesunden Anteile“ – unter normalen Lebensbedingungen weit davon entfernt bin, mir eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, so weiß ich doch, dass ich insbesondere in kritischen Lebensphasen dazu neige, zumindest einen Teil jener diagnostischen Kriterien zu erfüllen, die eine dependente Persönlichkeit ausmachen.

In solchen Phasen ist es mir tatsächlich mehr oder weniger gleichgültig, wer mir den gewünschten Halt gibt, sofern es sich natürlich um einen Menschen handelt, von dem ich annehme, Halt “bekommen” zu können. Und es stimmt auch, dass viele meiner Beziehungen, die ich dann aufbaue, rasch instabil werden, da ich mich zu sehr mit mir selbst und meiner eigenen Unzulänglichkeit beschäftige, sodass ich kaum wirkliches Interesse für die Bedürfnisse und Befindlichkeiten eines Gegenübers aufbringen kann. Ich fühle mich dann wieder so, wie ich es als kleiner Junge getan habe, was dazu führt, dass meine emotionale Bindung zu „ausgewählten“ Personen über die eines Kindes tatsächlich kaum hinausreicht. Das Stichwort lautet „Bedürftigkeit“. Dabei neige ich vermutlich eher zu einem aktiv-dependenten Interaktionsmuster. Diese Variante ist mit Anstrengungen verknüpft, und die Betroffenen sind in der Regel lebhaft, sozial angepasst und charmant, mit dem Ziel, (bestimmten) anderen Menschen zu gefallen und deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ebenfalls bewusst bin ich mir meiner Neigung zur dramatischen Gefühlsbetonung. Wer meinen Blog kennt hat, dürfte das vielleicht bereits bemerkt haben, mein damaliger Therapeut hat es jedenfalls ganz gewiss, was bei ihm – meinem Empfinden zufolge – zu äußerst bedrohlichen Abwehrreaktionen geführt hat.

Wie kommt es dazu, dass ich mich insbesondere in jenen Situationen so seltsam verhalte, in denen ich extremen Belastungen ausgesetzt bin? Psychotherapeuten/-innen würden darauf vermutlich wie folgt antworten: „Dies weist deutlich auf einen Schock im Kindesalter hin, in dem sich das Subjekt einer Situation anpassen musste, der sie kognitiv nicht gewachsen war (z. B. sexueller, körperlicher oder seelischer Missbrauch, Übernahme von Erwachsenenrollen etc.). Oft ist es eine Form der anhaltenden Demütigung, welche die betroffene Person durch Abspaltung als Form der Ich-Abwehr versucht, zu meiden, oder besser zu ertragen.” (1) Ups… Es gibt sie allem Anschein nach auch bei mir, diese inneren Prozesse, die sich der Selbstaufmerksamkeit beharrlich entziehen und somit auch nur schwerlich artikulierbar sind.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass laut der Auswertung eines Tests, der sogenannte maladaptive Schemata erfasst, die „Trennungsangst“ wohl ein zentrales Thema in meinem Leben ist. Zwar erinnere ich mich an eine Situation aus meiner Kindheit, in der ich diese ganz intensiv gespürt habe, im weiteren Verlauf meines Lebens tauchte sie aber nie wieder auf. Warum sollte ich mich also heute damit beschäftigen? Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Was geschieht eigentlich mit Gefühlen, die nicht mehr erlebbar oder abgespalten sind? Sind sie einfach weg? Oder wirken sie aus dem Unbewussten weiter? Wie verhält sich das bei mir?

Leider muss ich mir eingestehen, dass ich mich seit jeher schon bei den geringsten Anzeichen einer möglicherweise bevorstehenden Trennung oder Abweisung emotional aus einer Beziehung herausgezogen – d. h. mich umgehend getrennt – habe, vermutlich deshalb, um die Angst, verlassen zu werden, gar nicht erst ausstehen zu müssen. Inzwischen scheint es mir aus diesem Grund sogar fast unmöglich zu sein, mich überhaupt auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Ich denke, dass die Angst vor dieser existenziellen Bedrohung, die ich als Kind wohl gespürt haben muss, ein wesentlicher Grund dafür ist. Daran arbeite ich aber schon eine ganze Weile mit recht gutem Erfolg. Dennoch finde ich es beachtlich, diesbezüglich abermals “entlarvt” worden zu sein.

Die gute Nachricht ist, dass ich mich in jenen Kriterien, anhand derer eine dependente Persönlichkeitsstörung dem ICD-10 nach diagnostiziert wird, nicht wiederfinde, und zwar in keinem von ihnen. Im DSM-5 gibt es jedoch ein Kriterium, mit dem ich mich im gewissen Maße durchaus identifizieren kann:

  • Betroffene haben Schwierigkeiten, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Dinge unabhängig durchzuführen (eher aufgrund von mangelndem Vertrauen in die eigene Urteilskraft oder die eigenen Fähigkeiten als aus mangelnder Motivation oder Tatkraft).

Darüber habe ich im Rahmen meiner (Lehr-)Therapie sehr häufig gesprochen. Wie kann es mir gelingen, in allen Lebensbereichen Selbstverantwortung zu übernehmen bzw. mich damit abzufinden, selbst für mich sorgen zu müssen? Was genau bereitet mir eigentlich so große Schwierigkeiten dabei, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Dinge unabhängig durchzuführen? Und was kann ich tun, damit es mir künftig leichter fällt? So hat der Entschluss, das Seminar „Persönlichkeit im Wandel“ eigenständig (d.h. nicht im Auftrag irgendeines renommierten Trainingsanbieters) durchzuführen, mich abermals mit einer meiner zentralen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Das fühlt sich überhaupt nicht gut an. Aushalten werde ich das jetzt aber trotzdem!

„Es kommt vieles auf ein richtiges Auffassen der eigenen Individualität an; wer sich falsch beurteilt, ist in Gefahr, sich selbst zu zerreiben.“ Johann Friedrich Herbart

Nun hat jeder Mensch natürlich seine eigene Geschichte und demzufolge auch ganz individuelle Themen, die es sich vielleicht lohnt, mal genauer anzuschauen. Dabei kann das Modell der Persönlichkeitsstile m. E. äußerst hilfreich sein. Im nächsten Schritt bietet es sich an, darüber nachzudenken, welche Veränderungen wünschenswert sind und wie sie sich realisieren lassen. Das tue ich, und das sollte eigentlich jeder tun.

PS: Die Beschreibung des o.g. Seminars “Persönlichkeit im Wandelfinden Sie übrigens hier.

Fußnote:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Abhängige_Persönlichkeitsstörung

Literaturempfehlung:

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“Der Weg von Vereinfachungs- zu Verschwörungsillusionen” von Prof. Dr. Julius Kuhl

Wie ließe sich eine Spaltung unserer Gesellschaft in die Lager der (1.) stetig Misstrauischen bzw. der sogenannten “Aluhut-Träger” und (2.) den scharfen Kritikern der Anhänger fragwürdiger “Verschwörungstheorien”, die im Namen einer (manchmal überdehnten) politischen Korrektheit bekämpft werden, verhindern bzw. eine konstruktive Diskussion zwischen ihnen ermöglichen?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst kurz auf einen Text von Klaus Eidenschink hinweisen, in dem er sich mit den Ursachen beschäftigt, warum Menschen überhaupt dazu neigen, an Verschwörungstheorien zu glauben. Anschließend erörtert Prof. Dr. Julius Kuhl (PSI-Impuls 4b), was die Kommunikation mit diesen Menschen – aber auch jene mit ihren Kritikern – so schwierig macht, und zeigt auf, wie sie trotzdem gelingen kann.

  • Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien?

In dem Artikel Sagt die Wahrheit (www.metatheorie-der-veraenderung.info) analysiert der Organisationsberater, Coachingausbilder und Exekutive-Coach Klaus Eidenschink den psychologischen Hintergrund von Verschwörungstheorien. Dabei sucht er nach Antworten auf die Frage, woher der erstaunliche Wunsch von Menschen kommt, an (verborgene) böse Mächte in dieser Welt zu glauben und diese demaskieren zu wollen? Was geschieht in Menschen, die sich so gebärden? Seiner Ansicht nach sind es im Wesentlichen drei seelische Muster (identitätsstiftende Demaskierung, ohnmachtsgetriebene Rache und unbewusste Angstprojektionen), für die Verschwörungstheorien eine ganz wichtige Funktion haben. “Menschen mit solchen Mustern suchen geradezu solche Theorien – je gefährdeter, labiler, verunsicherter und gestresster sie sich fühlen, desto mehr! […] Allen drei Varianten ist […] jedoch gemeinsam, dass es vollkommen nutzlos ist, mit inhaltlichen Argumenten auf sie einzugehen. Die Problematik ist nämlich keine denkerische, sondern eine durch und durch emotionale. Wenn Einwirkung möglich ist, dann durch Begegnung bzw. emotionalen Kontakt, aber nicht durch Diskussionen.“

Manfred Evertz / www.manfred-evertz-art.com


Hinweis: Der folgende Text ist nur für den persönlichen Gebrauch freigegeben, d.h. er darf nicht kopiert und an anderer Stelle publiziert werden. Sämtliche Urheberrechte verbleiben beim Autor.


“Das Unbehagen in der Kultur” von Prof. Dr. Julius Kuhl

Im Vergleich zu dem vor gut hundert Jahren zunehmenden “Unbehagen in der Kultur”, das Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, in seiner gleichnamigen Schrift thematisierte, können wir heute z. T. ähnliche, teilweise aber auch andere Gründe für die viel diskutierten “Krankheitssymptome” der Gesellschaft ausmachen. Symptome und vermutete Ursachen bilden ein verwirrendes Geflecht von sich gegenseitig verstärkenden oder hemmenden Faktoren: Neoliberalismus, Radikalkapitalismus, postmoderne Beliebigkeit, Pseudo-Toleranz, Werteverlust, Fremdenhass, Machtaversion (auch bei integrativen Führungsstilen), Verschwörungstheorien, politische Korrektheit, Blut-und-Boden-Patriotismus, Informationsüberflutung, Informationsbulimie (“zu viel rein und zu viel raus”), Hassbotschaften, eine Neigung zum Spalten (der Gesellschaft, in Beziehungen und innerhalb der Person), Empathiemangel, Egomanie, Depersonalisierung, Kontrollwahn, Vereinfachungsillusionen, Urteilsschwäche, narzisstische, antisoziale und paranoide Persönlichkeitsstörungen und last not least: Verlust des Grundvertrauens “in Gott und die Welt”: Es mangelt wahrlich nicht an Beschreibungen der Symptome und ihren potenziellen Ursachen. Es scheint schier unmöglich, sich in diesem Dickicht von irgendwie zusammenhängenden Einflussfaktoren zurechtzufinden.

  • Die Spaltung der Wissenschaften

Groß sind die Erwartungen an die Wissenschaft — womit jedoch schon das nächste Problem angesprochen ist. Die Wissenschaft gibt es ja gar nicht. Wenn hier einigermaßen gesichertes Wissen helfen sollte, dann müssten Antworten aus verschiedenen Disziplinen zusammengebracht werden, die bereits in der Aufzählung einiger Bestandteile des erwähnten Symptomgeflechts anklingen: Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Soziologie, (Neuro-)Biologie, Genetik, Psychologie und — Theologie (wobei letztere den meisten Zeitgenossen heute allenfalls als “Letztes” einfällt, obwohl sie doch ursprünglich die Entstehung der ersten Universitäten vorangetrieben hatte). Die erwähnte Tendenz zum Spalten betrifft allerdings auch die Wissenschaften; sie zerfallen in immer kleinere Spezialthemen und Minitheorien, zwischen denen wenig oder gar kein Austausch stattfindet. Dabei verlaufen die Spaltungslinien sowohl zwischen als auch innerhalb der Fächer. Das bedeutet, dass die verschiedenen Disziplinen die Frage nach den inneren Zusammenhängen zwischen den vielen Symptomen und vermuteten Ursachen oft in die Spalten zwischen den einzelnen Forschungsthemen fallen lassen.

  • Die Abwehr negativer Affekte

Bei allen Schwierigkeiten, hoch komplexe Zusammenhänge in der existierenden Forschungslandschaft zu untersuchen, möchte ich einen kleinen Lichtblick für den psychologischen Beitrag zur Klärung des Verursachungsgeflechts aufzeigen, den wir aus den Systemwissenschaften ableiten können. Wenn man ein großes Netz aus undurchsichtigem Gewässer ziehen will, braucht man nicht jeden einzelnen Knoten anzufassen. Wichtiger ist es, an einem gut platzierten Knoten mit großer Kraft und Ausdauer zu ziehen, um das ganze Netz freizulegen. Beginnen wir mit den heute wieder hoch “virulenten” Verschwörungstheorien, speziell mit dem Satz, der von Anhängern dieser wie einiger anscheinend verwandter Bewegungen zu hören ist: “Das wird man doch wohl noch sagen dürfen”. Da das Folgende kein Witz ist, darf ich die Pointe bereits vorwegnehmen: Es liegt hier ein gefährliches Missverständnis vor, das nicht nur auf Seiten der Sender, sondern auch auf Seiten der Adressaten besteht. Beide Seiten haben eines gemeinsam: Sie greifen gern zu raschen Methoden der Abwehr von negativen Affekten wie Unsicherheit, Schwäche, Schmerz und Angst, die nicht selten auf mangelnde Komplexitätstoleranz zurückgeht. Zudem verwechseln die sich Beklagenden das “Sagen dürfen” häufig mit “Zustimmung erhalten” und so manche ihrer Kritiker verwechseln politische Korrektheit mit Urteilsstärke und moralischer Verantwortung, nämlich dann, wenn sie die Grenzen dessen, was man nicht sagen darf oder mit wem man nicht diskutieren darf, überdehnen. Dies ist ein guter Ausgangspunkt für die persönlichkeitspsychologische Mikroanalyse, nicht nur zur Identifikation gestörter Prozesse, sondern auch zur Auffindung von Lösungen zur Überwindung der Störungsursachen. Die Pointe positiv gefasst: Alle Akteure verschiedener Lager können wieder zu einem konstruktiven Miteinander zusammenfinden, wenn sie Angstabwehr durch selbstkonfrontative Dialektik ersetzen.

  • Mögliche Ursachen des Unbehagens

Wie lässt sich diese kurze Skizzierung des Gesamtsystems der Verbindungen zwischen den vermuteten Symptomen und Ursachen des “Unbehagens in der Kultur” genauer fassen? Antworten sind von den Systemwissenschaften zu erwarten. Sie haben inzwischen nicht nur die psychologische Praxis (1, 2), sondern auch die psychologische Grundlagenforschung erreicht (3). Beginnen wir die systemische Funktionsanalyse an einem der Hotspots: Bei den Anhängern massiver Verschwörungsillusionen wurden z. B. “externalisierende” Persönlichkeitsstörungen vermutet und z. T. auch nachgewiesen (Sündenbock-Zuschreibungen): Größenfantasien und Besserwissergehabe (Narzissmus), Gewissen- und Rücksichtslosigkeit (antisoziale Störungen) und paranoider Intentionalisierungszwang (negative Ereignisse werden den Intentionen fremder Mächte zugeschrieben). Die Funktionsanalyse macht auf einen Wirkmechanismus aufmerksam, den diese Persönlichkeitsstörungen auch mit den Akteuren gemeinsam haben, auf die solche pathologisierenden Kategorien gar nicht passen: Die sich Beklagenden (“Das wird man wohl noch sagen dürfen”) – aber auch deren Kritiker – neigen nicht selten zur Abwehr negativen Affekts, die sich allerdings in beiden Gruppen unterschiedlicher Methoden bedient.

  • Die Neigung zur Externalisierung

Verschwörungsaffine Menschen scheinen zu einer externalisierenden Haltung zu neigen, um negativen Affekt wie Unsicherheit, Schwäche, Schmerz, Angst und Komplexität durch eine fluchtartige Aktivierung des für den gelassenen Weitblick zuständigen psychischen Systems zu suchen. Dieses System nennen wir das integrierte Selbst, das alle persönlich relevanten Lebenserfahrungen in einem ausgedehnten Netzwerk zusammenführt. Wenn der Selbstzugang allerdings derartig “fluchtartig” gesucht wird, verflacht die Selbstentwicklung, weil zu wenig neue, oft auch schmerzhafte Erfahrungen angeschaut werden.

  • Varianten überaktivierter mentaler Systeme

Funktionsanalytisch lassen sich übrigens auch die Unterschiede zwischen den drei genannten Externalisierungsvarianten begründen. Jede dieser drei Varianten lässt sich auf ein zusätzlich zum panoramischen Blick des Selbst überaktiviertes mentales System zurückführen:

  1. Bei übertrieben Misstrauischen können wir das ungerechtfertigte Zuschreiben von bösen Absichten auf die zusätzliche Aktivierung des Intentionsgedächtnisses zurückführen (bzw. der damit verbundenen Dämpfung positiven Affekts),
  2. bei den narzisstischen Besserwissern auf die Zusatzaktivierung der Intuitiven Verhaltenssteuerung und der damit verbundenen Sensibilität für positive Stimmungslagen und
  3. den rücksichtslosen Soziopathen stehen zusätzlich zu ihrem ständig verfügbaren und deshalb unterentwickelten Selbst (umfassendes Selbstwachstum braucht ja die Dialektik zwischen Zulassen von negativem Affekt und Selbstkontakt) eine hoch effiziente Handlungskompetenz zur Verfügung, die behände zwischen Intentionsbildung und intuitiver Ausführung wechselt.
  • Übertriebene politische Korrektheit

Bei den Kritikern der Verschwörungsgeneigten können andere Abwehrformen im Vordergrund stehen. Dazu gehört vor allem der kontrollierende Stil. Der lässt eine allzu eifrige politische Korrektheit leicht in eine Überdehnung von (Sprech-)Tabus münden. Überdehnung der politischen Korrektheit kann passieren, wenn man die soziale Missbilligung oder Ächtung bestimmter Wörter übertreibt und meint, die befürchteten Phänomene wie Diskriminierung, männlichen Chauvinismus oder andere Grenzüberschreitungen durch Verbote potenziell abwertender Begriffe wie auf magische Weise verbannen zu können. Vor diesem Hintergrund sollte Protesten gegen das beklagte Sprechverbot nicht voreilig jede Berechtigung abgesprochen werden, etwa durch den Hinweis auf die (Rede-)Freiheit, die wir doch in der demokratischen Gesellschaft genießen: Könnte es nicht sein, dass das Unbehagen an den Sprechverboten z. T. auch in einer intakten Demokratie berechtigt sein kann, wenn wir es mit der politischen Korrektheit übertreiben? Die psychologische Funktionsanalyse macht aber auch das erwähnte Missverständnis der “Sprechverbots-Opfer” deutlich: Deren Verwechslung des “Sagen dürfen” mit “Zustimmung erhalten” beruht auf demselben Entwicklungsproblem, das auch bei den anderen Abwehrformen zur erwarten ist: Wer auf Zustimmung fixiert ist und sich in mediale oder sonstige Blasen Gleichgesinnter einrichtet, ist — vielleicht sogar ähnlich wie diejengen ihrer Kritiker, die andere Formen der Angstabwehr bevorzugen — nicht willens oder nicht in der Lage, sich auf die Dialektik zwischen Zulassen von Angst und Schwäche und seiner kreativen Bewältigung durch ein differenzierungs- und urteilsstarkes Selbst einzulassen.

  • Die “intuitive Intelligenz” des Selbst

Die genauere Analyse der Dialektik zwischen Zulassen von negativem Affekt und seiner kreativen Bewältigung durch ein zunehmend urteilsstarkes Selbst zeigt eine wichtige Besonderheit auf: Die gleichzeitige Separierbarkeit (unvermischt) und Verbundenheit (ungetrennt) von neuen und alten Erfahrungen, Wahrnehmungen oder Denkschritten (4). Sie ermöglicht komplexe Urteile und Entscheidungen, die viele, zunächst einzeln beachtete “Objekte” integrieren, z. B. Argumente, Denkschritte, Wahrnehmungen. Und wenn alle diese einzelnen Objekte trotz ihrer Verbindungen mit dem Netzwerk der relevanten Lebenserfahrungen (d. h. mit dem Selbst) ihre Eigenständigkeit behalten, ist es möglich, auch intuitive Entscheidungen bei Bedarf später authentisch zu begründen, ohne in ein nachträglich rechtfertigendes “Narrativ” zu verfallen: Man kann viele der Einzelheiten, die im Laufe der Selbstentwicklung intuitiv in einer komplexen Entscheidung berücksichtigt sind, wieder bewusst machen, weil sie ja einmal einzeln angeschaute Argumente, Denkschritte oder Wahrnehmungen waren. Ein Beispiel für dieses Zusammengehen von Verbundenheit und Autonomie, für die bleibende Eigenständigkeit der integrierten Elemente ist eine bestimmte Form von Zweierbeziehung: Zwei Menschen können ein Paar werden (ungetrennt), ohne dass jeder seine Eigenständigkeit und Autonomie verliert. Sie sind dann “unvermischt” und trotzdem “ungetrennt”. Zwei Menschen können sehr verschiedene Meinungen haben und sie gegenseitig würdigen, ja sogar an ihnen wachsen, ohne befürchten zu müssen, dass der eigene Standpunkt verloren geht. Dabei verdient der Dialog zwischen dem bewussten, unterschiedssensiblen System (“Objekterkennung”) und dem ganzheitlichen, mehr intuitiv fühlbaren, als verbalisierbaren persönlichen Erfahrungsnetzwerk (dem “Selbst”) durchaus die Bezeichnung “rational”. C. G. Jung zählte das intuitive, ganzheitliche Fühlen zu den rationalen Funktionen: Warum sollte man einem intuitiven (unbewussten) System, das viele rationale Argumente, Gedanken mit der Gefühlswelt eines Menschen zusammenführt, die Bezeichnung rational absprechen?

  • Die Irrationalität der “einfachen Intuition”

Damit unterscheidet sich allerdings die intuitive Intelligenz eines kreativ wachsenden, urteilsstarken Selbst von der einfachen Intuition, die in der hier zitierten Systemanalyse der Persönlichkeit als Komponente der Intuitiven Verhaltenssteuerung (IVS) aufgefasst wird: Die elementare Intuition, die C. G. Jung als eine irrationale Funktion bezeichnete, ermöglicht nicht das Herauslösen einzelner Informationen. Das IVS kann sehr viele Kontextaspekte in die unmittelbare Handlungssteuerung einfließen lassen, z. B. beim Tanzen auf einer dicht besetzten Tanzfläche oder bei komplexen Sportarten wie Fußball oder Tennis. Die meisten Wahrnehmungen, die auf dieser elementaren (“irrationalen”) Ebene intuitives Verhalten beeinflussen, sind nicht ohne Weiteres einzeln dem Bewusstsein zugänglich: Viele Aktivitäten einzelner Muskelfasern, der Wahrnehmungen aus dem Sehen, Hören, Tasten und dem Gleichgewichtsorgan sind in dem intuitiven Netzwerk der Verhaltenssteuerung verschmolzen (fusioniert). Sie können und brauchen nicht als Einzelheiten bewusst gemacht werden. Wenn intuitive Entscheidungen aus diesem System kommen, sind sie kaum authentisch begründbar (allenfalls durch nachträgliche Konstruktionen: rationalisierende Narrative). Hier wird verständlich, warum es so schwierig ist, mit Menschen zu argumentieren, die ganz aus ihrer elementaren, assimilativen Intuition entscheiden und handeln (was durchaus für viele Hassbewegte und Verschwörungstheoretiker zutreffen mag). Solange sie einseitig in der intuitiven Verhaltenssteuerung verhaftet sind, steht ihnen nur die Form der Kommunikation zur Verfügung, die für die Intuitive Verhaltenssteuerung charakteristisch ist: Gemeinsame emotionale und kognitive Schwingungen auf dem Weg der gegenseitigen Ansteckung mit Gleichgesinnten zu suchen.

  • Filterblasen und Echokammern

Die Forschung zur Funktionsweise der Spiegelneuronen ermöglicht heute, diesen Prozess der elementaren Intuition mehr und mehr zu verstehen (5). Bei der Kommunikation auf der Ebene elementarer Intuition erreicht allenfalls das Ergebnis einer Entscheidung oder einer Handlung das bewusste Erleben. Die verschiedenen Emotionen, Randbedingungen, Bedürfnisse und kognitiven Erwägungen, die zu dem jeweiligen Verhalten geführt haben, bleiben im Dunkeln. Diskussionen über das Zustandekommen von Entscheidungen, Forderungen, Verhaltensweisen überfordern das System der elementaren Intuition, das nur assimilatives Wachstum kennt, d. h. das auf geringfügige, graduelle Veränderungen der eigenen Schemata festgelegte Wachstum. Diese mehr auf Bestätigung und Erhalt als auf kreative oder gar radikale Veränderungen der eigenen Schemata ausgelegte Haltung wird durch gemeinsames Schwingen innerhalb einer Blase von Gleichgesinnten gefestigt.

  • Die Auflösung emotionaler Verstrickungen

Die Funktionsanalyse hilft dabei, das sinnvolle Maß an Distanzierung zu finden, das diskussionsbereite Kritiker von Verschwörungsbewegten brauchen: Das Erkennen der zugrundeliegenden Prozesse schützt vor einer Verwicklung, die durch ein engagiertes Sicheinlassen auf Diskussion oder Empathie passieren kann und man versteht, warum noch so engagiertes Argumentieren in die Sackgasse führen kann. Anregungen für Methoden mit den Betroffenen im privaten oder beruflichen Miteinander umzugehen, können u. a. aus der Familientherapie und anderen systemischen Ansätzen abgeleitet werden. Hier wurden Methoden entwickelt, wie emotionale Verstrickungen von Familien- bzw. Teammitgliedern überwunden werden können (z. B. wenn eine Person die eigenen Gefühle mit den Gefühlen einer anderen Person verwechselt oder vermischt).

Fußnoten:

  1. Kriz, J. (2016). Systemtheorie für Coaches. Springer Fachmedien Wiesbaden.
  2. von Schlippe, A. (Ed.). (2004). Personzentrierung und Systemtheorie: Perspektiven für psychotherapeutisches Handeln. Vandenhoeck & Ruprecht.
  3. Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme. Göttingen: Hogrefe.
  4. McClelland et al. 1995
  5. Heyes, C. (2010). Where do mirror neurons come from?. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 34(4), 575-583.

Prof. Dr. Julius Kuhl (geb. 27.07.1947) vertrat von 1986 bis 2015 den Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeits­forschung an der Universität Osnabrück und war 2008-2016 Leiter der psychologischen Abteilung der Forschungsstelle Begabungsförderung im Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Webseite: www.psi-theorie.com/.

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„Gütemerkmale der therapeutischen Allianz und Therapieerfolg“ von Dr. rer. medic. Hans-Jörg Lütgerhorst unter Mitarbeit von Nina Petermann

„Egal, was Therapeut und Patient miteinander anstellen, die Therapie ist erfolgreich, wenn sich beide wertschätzen.“ (Spitzer 2003) – Dann wäre es ja einfach, ein guter und erfolgreicher Psychotherapeut zu werden, ein akademisch-wissenschaftliches Studium und eine Psychotherapieausbildung wären sogar überflüssig.

Man stelle sich jedoch Folgendes vor: Der Psychotherapeut vermittelt Wertschätzung, Empathie, Wärme und Anteilnahme, aber er ist ungepflegt, das Zimmer ist in einem ungelüfteten und chaotischen Zustand, er weist Körper- und Mundgeruch auf, er versäumt Termine, vergisst wichtige Informationen oder nimmt Eigendokumentationen des Patienten nicht zur Kenntnis, raucht während der Sitzung, die Tür ist nicht geschlossen. Auch wenn man von diesem postmodernen Waldschratmodell eines Psychotherapeuten absieht und nur ein oder zwei seiner Merkmale erwartungswidrig sind, wird der Patient momentan in einen mentalen Zustand versetzt, in dem Wertschätzung, Empathie etc. möglicherweise nicht mehr wirken.

Nur in Einzelfällen können Abweichungen des Psychotherapeuten vom äußeren Habitus und Paradoxien in der Intervention zu einer Verblüffung und „Erfolg versprechenden Verstörung“ i. S. eines Weckrufs führen, wobei die Erwartungswidrigkeit ein Innehalten bewirken kann und vielleicht einen Neustart weg von eingefahrenen Kommunikationsmustern ermöglicht.

Bild: Manfred Evertz

Es stellt sich im Rahmen unseres Themas auch ein methodisches Problem, das die Vergleichbarkeit von Studien einschränkt: Wer schätzt die Güte bzw. Qualität der Allianz ein – der Psychotherapeut, der Patient oder ein unabhängiger Untersucher? Besonders komplex wird es bei multiplen Beurteilungen im Rahmen von Gruppentherapie. Und wie werden Therapieerfolg bzw. Stagnation oder Misserfolg gemessen – mittels Symptomreduktion, Verbesserung der Selbstwertschätzung, Verringerung der Symptomlast, Zunahme an Lebenszufriedenheit, Reduktion der Arbeitsunfähigkeitstage, Stabilität des Therapieerfolgs über Zeit hinweg, Anzahl der benötigten Therapiesitzungen etc.? Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Haltungen, Verhaltensweisen und Interventionsformen über Empathie und Wertschätzung hinaus die Güte der Allianz ausmachen. Interagiert die Güte oder Qualität der therapeutischen Allianz mit anderen Prädiktoren für den Therapieerfolg?

Studienlage in Auszügen

Nach Lambert (1992) beruhen 30 % des Therapieerfolgs auf der therapeutischen Allianz und nur 15 % auf der spezifischen Technik. Norcross und Wampold (2011) betonen die Bedeutung der therapeutischen Allianz in all ihren Aspekten für den Therapieerfolg, wozu auf Seiten des Therapeuten v.a. Empathie gehöre. Eine Metaanalyse der Studien über die Erfolgswirkung der Allianz liefert zwar eine mittlere Effektstärke von 0.57, dies lässt aber offen, in welchem Ausmaß die Allianzgüte mit der Behandlungskompetenz kovariiert bzw. davon abhängt (Horvath et al. 2011). Im Handbuch von Lambert (2013) werden ausführlich alle Einflussfaktoren für den Therapieerfolg dargestellt und diskutiert. In der umfangreichen Literatur zu diesem Thema ist es verwirrend, dass einige Autoren die Allianzgüte und die Therapeutenkompetenz unter „Therapeuteneffekt“ zusammenfassen, während andere (z.B. Wampold 2015) die therapeutische Allianz unter „gemeinsame Faktoren“ der verschiedenen Methoden subsummieren. Löffler et al. (2014) fanden in einer naturalistischen Studie, dass die Allianzgüte (in Patienteneinschätzung) eine signifikante Moderatorvariable für den erfolgreichen Einsatz von Techniken der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) bei der Depressionsbehandlung darstellt. Demnach ist die KVT umso besser, je mehr Therapeutenkompetenz zur Herstellung einer tragfähigen Allianz einschl. eines Arbeitsbündnisses vorhanden ist, was wiederum auch durch Patientenmerkmale wie deren Bindungsstil beeinflusst ist.

Sicher passen die folgenden Überlegungen und Vorschläge nicht so ganz in die gegenwärtige Wissenschaftslandschaft und sind provokativ. Die gesamte Fragestellung hat einen hohen Komplexitätsgrad. Eine Matrix unabhängiger (Psychotherapeut und Methode) und abhängiger Faktoren (Patient) würde sehr umfangreich ausfallen und keineswegs nur diese beiden Dimensionen umfassen. Dann stellt sich die Frage, was macht weitere Dimensionen aus? Handelt es sich um demografische soziokulturelle Faktoren oder um sogenannte Kontextfaktoren wie Geschlecht (s. Kap. 17.2), um Alter, Passung von Werthaltungen (Rosenthal 1955), Passung des Störungsmodells, Einbezug von Bezugspersonen, Einzel- versus Gruppentherapie, kompakte oder kontinuierliche Interventionsverteilung? Zu diesen Dimensionen gehört aber auch das Basisverhalten des Patienten wie z. B. Verlässlichkeit, soziale Verträglichkeit, Offenheit, Ausdauer, Veränderungsbereitschaft und aktive Anstrengungsbereitschaft.

Bei der Heranziehung von Daten aus dem deutschsprachigen Raum (Lohmann u. Mittag 1979) fällt auf, dass diejenigen Psychoanalytiker als besonders positiv vom Patienten eingeschätzt werden, die als empathisch erlebt werden. Diejenigen Gesprächspsychotherapeuten werden als besonders positiv eingeschätzt, die ab und zu auch einen Ratschlag gaben.

Freud wurde von seinen Schülern und Analysanden keineswegs als so beziehungsabstinent eingeschätzt, wie er es theoretisch vorgab, sondern vielmehr als anteilnehmend und empathisch. Wird damit die anfangs zitierte Bedeutung der Wertschätzung von Spitzer gestützt? Die gesamte gesprächspsychotherapeutische Forschung hat immer wieder die Bedeutung von Empathie, unbedingter Wertschätzung und Echtheit aufseiten des Therapeuten herausgestellt. Wir vermuten, dass auf „Echtheit“ des Psychotherapeuten nicht nur aus seiner verbalen Zuwendung geschlossen wird, sondern auch aus der Konkordanz von nonverbalen Botschaften und verbal geäußertem Inhalt. Placebo-Studien zeigen nämlich, dass der unzweideutig ausgestrahlte Optimismus entscheidend ist für die Bildung von Besserungserwartung, wobei Letztere der allgemeinste Prädiktor für Therapieerfolg aufseiten des Patienten zu sein scheint. Wir nehmen an, dass ein wesentlicher Aspekt der Resonanzfähigkeit des Psychotherapeuten darin besteht, dass er Mimik, Gestik, Stimmführung zu „deuten“ vermag sowie Diskordanzen zwischen den verbalen Äußerungen des Patienten einerseits und seinen nonverbalen Äußerungen andererseits richtig „deutet“ und in seinen Interventionen nutzt.

Klagen von Patienten über Psychotherapeuten (Mohr 1995) beziehen sich auf Distanziertheit, Empathiemangel und Ungeduld. Dies gilt unabhängig von der Therapierichtung. Auch Heim (2009) weist auf die Bedeutung der Dichotomie „freundlich versus unfreundlich“ hin. Er erwähnt aber auch die Dichotomie „dominant versus submissiv“ aufseiten des Psychotherapeuten; beide dieser Extremvarianten sind nicht hilfreich. Darüber hinaus gilt es auf möglichst ausgeglichene Redeanteile zu achten (Ausnahmen: Hypnose und Hypnotherapie).

Zusammenfassend weisen die Studien auf die Bedeutung der emotional-sozialen Kompetenz und Intelligenz des Psychotherapeuten hin. Schon 1961(!) wurde in einer Broschüre der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung über den Beruf des Psychotherapeuten auf folgende Voraussetzungen hingewiesen: natürliche Anlagen, Erwerb erlernbaren Wissens und erlernbarer Fähigkeiten (sic!), verstehende Güte und lebendiges Einfühlungsvermögen.

Zeichnet dieses zwischenmenschliche Geschick die Psychotherapeuten bereits vor ihrer Ausbildung aus und lässt es sich durch die Ausbildung verbessern? Emotional-soziale Intelligenz wird schließlich auch von Nicht-Professionellen erworben, z. B. durch Modelllernen, Übung, Rückmeldung und Reflexion (Lambert 2013). Umso mehr sollten diese übenden Aspekte in der Aus- und Weiterbildung systematische Berücksichtigung finden. Interessanterweise werden von Psychotherapeuten, die selbst Psychotherapie in Anspruch nehmen, nicht nur Wärme, Offenheit und Fürsorge geschätzt, sondern auch Berufserfahrung und -kompetenz (Norcross et al. 2009). […]

Zusammenfassung und Ausblick

Die therapeutische Allianz ist kein isolierter Faktor im Sinne von Orthogonalität. Es bestehen diverse Interkorrelationen zwischen Kontextmerkmalen einschließlich des Einflusses von relevanten Bezugspersonen, Patientenmerkmalen einschließlich der Art und des Ausprägungsgrades der Störung, der Veränderungsmotivation des Patienten und seines Beziehungsstils. Hinzu kommen folgende Therapeutenmerkmale: grundlegende emotional-soziale Intelligenz, Empathie in der Gestaltung der Allianz, die Beachtung formaler Regeln, Störungs- und Interventionswissen und vor allem aber Anwendungsfertigkeiten und -sicherheit im Rahmen fachlich-methodischer Behandlungskompetenz. Alles zusammen macht die Güte der therapeutischen Allianz aus und fördert den Therapieerfolg. Die bloße „kognitive“ Kenntnis der therapeutischen Handlungsregeln (Grawe 1999) reicht u. E. nicht aus, wenn nicht die Umsetzung der Regeln trainiert wird und Umsetzungskompetenz erworben wird. Hier klafft in der Aus- bzw. Weiterbildung eine zu schließende Lücke zwischen Wissen und Können. Es ist weder die Anwesenheit von Supervisoren bei Therapien von Ausbildungsteilnehmern vorgesehen noch die Anwesenheit von Teilnehmern bei Therapie von Supervisoren. Bisher geschieht Supervision nach vier Sitzungen stets verzögert und konterkariert das Wissen über die Wirksamkeit unmittelbarer Rückmeldung. […]

Das Training von Anwendungsfertigkeiten bzw. von Behandlungskompetenz halten wir im Rahmen der geplanten „Direktausbildung“ an Universitäten und Kliniken für gefährdet, und zwar sowohl wegen der geringen Erfahrung von Hochschullehrern in der praktischen Anwendung von Psychotherapie als auch wegen des Verzichts auf die Supervisions- und Selbsterfahrungsexpertise von in der Versorgungsrealität tätigen Psychotherapeuten während der Ausbildungsphase, die zur Approbation führen soll. Denn Psychotherapie ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern bei deren Anwendung in der Versorgungsrealität auch eine Kunst (Sulz 2014, 2015). Dies gilt trotz der Unterschiedlichkeit in den Konzeptuali-sierungen der therapeutischen Allianz zwischen den Psychotherapierichtungen, wie sie in Bronisch und Sulz (2015) dargestellt werden.

Auf diesen Erkenntnissen, Überzeugungen und eigenen Erfahrungen aufbauend begrüßen wir einen Brückenschlag zwischen Behandlungsmethoden. Dieser integrative Ansatz wird auch von ehemals rein kognitiven Verhaltenstherapeuten favorisiert, welche die eher aus psychodynamischen und humanistischen Verfahren stammende Einbeziehung von frühen sozialen Erfahrungen und Prägungen (Bindungserfahrungen) nahelegen. Außerdem wird ein Eingehen auf die Vermeidung von emotionalem und somatischem Erleben sowie die Einbeziehung des Erlebens der gegenwärtigen therapeutischen Allianz empfohlen (Borkovec 2005; Newman et al. 2004). Wir schlagen daher eine maßgeschneiderte und Ressourcen berücksichtigende Psychotherapie mit Individuum bezogener „Feinsteuerung“ (Dick et al. 1999) vor, und zwar über Richtlinienverfahren hinaus. Die große Mehrzahl stationär und ambulant tätiger Psychotherapeuten behandelt trotz ihrer verfahrensspezifischen Ausbildung übrigens längst im Sinne einer integrativen Psychotherapie (s. Kap. 12). Systematisierte eklektische Ansätze sind bereits von Wachtel (1977), Beutler (1983) und von Orlinsky und Howard (1987) vorgelegt worden. Heim (2ooo) hat den Versuch unternommen, solche Modelle einem Ausbildungskonzept zu Grunde zu legen. Lazarus (1989) hatte sich mit seine Multimodalen Therapie von der klassischen Verhaltenstherapie zu Gunsten eines technischen Eklektizismus` entfernt. All diese seit langer Zeit bekannten Ansätze entsprechen im Kern unserer hier dargelegten Auffassung von einer Individuum bezogenen Maßschneiderung.

Seit Jahren mehren sich die Veröffentlichungen über Glück und Glücklichsein (z.B. Bormans 2011) und über Freude als Haltung dem Leben gegenüber i.S. einer spirituellen Lebensphilosophie (Dalai Lama und Tutu 2016). Diese Ansätze der Philosophischen Psychologie sind oft überlappend mit solchen der Positiven Psychologie (Seligman 2012). Tugenden, Resilienz- und Salutogenesefaktoren sind daraus zu entnehmen wie: Akzeptanz, Weisheit, Neugier, Echtheit, Tapferkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Selbstdistanzierung, Besonnenheit, Dankbarkeit, Vergebung, Transzendenz, Humor, Sinnorientierung und -erleben. Insbesondere im Sinnerleben besteht eine Nähe zum Kohärenzkonzept von Antonovsky (1997). Was das nun für Psychotherapeuten und deren Allianz- und Interventionsgestaltung bedeutet, das mag jeder für sich entscheiden. Aber welchen Wert hat eine Haltung ohne entsprechendes Verhalten, denn: „Um die Menschen kennen zu lernen, muss man sie handeln sehen“ (J. J. Rousseau).

PS: In dem Buchartikel finden sich 43 Hinweise für die Ausbildung von Umsetzungs- und Behandlungskompetenz.

Dr. Hans-Jörg Lütgerhorst war 35 Jahre in psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken in Vollzeit tätig, seit 2010 in ambulanter Praxis. Er verfügt über eine Approbation und zertifizierte über Aus- bzw. Weiterbildungen in Verhaltenstherapie und Kognitiver VT, Gesprächspsychotherapie und Focusing-Therapie sowie Hypnosetherapie. Er wurde 1993 von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als Supervisor für Einzel- und Gruppen-VT anerkannt und ist akkreditierter Dozent, Supervisor, Selbsterfahrungsleiter und Approbationsprüfer an den Landesprüfungsämtern NRW u. RPL. Er unterrichtet in Südafrika sowie an 10 staatlich zugelassenen Aus- und Weiterbildungsinstituten im Bundesgebiet und hat 6 Fachartikel veröffentlicht. Weitere Informationen zum Werdegang finden Sie hier: Curriculum Vitae 2020. Kontakt: www.praxis-am-richterbusch.de/hans-joerg-luetgerhorst, E-Mail: hans-joerg@luetgerhorst.de

Quelle:

Bei diesem Text handelt es sich um Auszüge aus dem 9. Kapitel des folgenden Buches:

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„Startet das Psychotherapiestudium im Wintersemester 20/21?“ von Prof. Dr. Wolfgang Schönpflug

Die neue Approbationsordnung ist da! Vor einem Jahr habe ich in einem Interview mit dem Titel “Ist die Psychologie noch zu retten?” die dramatischen Veränderungen behandelt, welche der Psychologie als Wissenschaft und Beruf bevorstehen dürften, wenn die gegenwärtige Reform der Psychotherapieausbildung verwirklicht wird. Nachdem in diesem Monat das Gesundheitsministerium die neue Approbationsordnung erlassen hat, lassen sich manche Auswirkungen klarer einschätzen. Zunächst werde ich darstellen, wie überhaupt die Ausbildung der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Zukunft gestaltet sein soll.

Die Reform ist nun in vollem Gange: Das „Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung“ ist beschlossen, der Bundesgesundheitsminister hat gerade die zugehörige Approbationsordnung erlassen (veröffentlicht im Bundesgesetzblatt vom 12. März 2020). Nun sind die Hochschulen am Zug. Sie müssen ihre Studienordnungen neu schreiben. Und ihre Entwürfe müssen die zuständigen Landesministerien oder Senatsverwaltungen genehmigen. Ob das bis zum Wintersemester gelingt, wenn der nächste Jahrgang von Studienwilligen in die Hörsäle drängt? Nach den alten gesetzlichen Bestimmungen kann der neue Jahrgang jedenfalls das Studium nicht mehr aufnehmen. Denn diese sind nur noch bis zum 1. September dieses Jahres in Kraft.

So wird es in Zukunft sein: Es gibt eine staatliche Approbationsprüfung. Wer die Prüfung besteht, erhält die Approbation für Psychotherapie. Die Approbation berechtigt zur selbständigen und eigenverantwortlichen Psychotherapie. Approbierte können sich beruflich weiterbilden; danach können sie die Zulassung zum System der gesetzlichen Krankenversicherung erhalten. Die Approbationsprüfung setzt ein Bachelor-/Masterstudium an einer Hochschule voraus. Für das Bachelorstudium sind sechs Lehrgebiete vorgeschrieben: Klinische Psychologie, Nicht-klinische Psychologie (u. a. Entwicklungs- und Sozialpsychologie), Methodenlehre und Diagnostik, Medizin und Psychopharmakologie; für diese Lehrgebiete ist ein Mindestumfang vorgegeben. Hinzu treten weitere Bezugswissenschaften der Psychotherapie – wie etwa Philosophie oder Neurowissenschaft. Im Bachelorstudium soll in die Grundlagen der Psychotherapie eingeführt werden. Das Masterstudium konzentriert sich dann auf Forschungen zur Psychotherapie, die Lehre von den psychischen Störungen und ihrer Behandlung, die weiteren Aufgaben Klinischer Psychologinnen und Psychologen – wie etwa Begutachtung – sowie einschlägige berufsrechtliche und ethische Fragen. Auch zum Masterstudium werden Mindestumfänge für Lehrgebiete vorgegeben. Das Studium soll die für den Beruf der Psychotherapie nötigen Kompetenzen vermitteln. Daher gehören zum Pflichtprogramm sowohl im Bachelor- als auch im Masterabschnitt praktische und patientennahe Übungen und Tätigkeiten. Insgesamt sind etwa zwei Drittel des Studiums staatlich vorgegeben, und die Hochschulen sind verpflichtet, etwa ein Fünftel des Studiums praxis- und patientennah zu gestalten.

Was wird damit anders? Die Approbation wird vor der Weiterbildung erteilt, nicht wie bisher nach der Weiterbildung. Therapeutische Leistungen können daher schon während der Weiterbildung vergütet werden; das Gesetz garantiert sogar ein Mindesteinkommen von 1.000 Euro monatlich. Damit entspannt sich die oft als prekär beklagte Lage der Berufsanfänger. Die Approbation wird für Psychotherapie insgesamt erteilt, nicht mehr wie bisher getrennt für Erwachsenen- sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Daher setzt die Vorbereitung auf die Approbation weder – wie bisher für Erwachsenenpsychotherapie – allein ein Studium der Psychologie voraus, noch – wie bisher für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – allein ein Studium der Pädagogik. Vielmehr werden sowohl Kenntnisse der Psychologie als auch Kenntnisse der Pädagogik verlangt, dazu noch – wie erwähnt – Medizin, Psychopharmakologie sowie andere Bezugswissenschaften. Das bisher disziplinäre Studium wird also multidisziplinär.

Wenn in Zukunft Großeltern ihre Enkel fragen: „Was studierst du eigentlich?“ Dann müssten die „studierenden Personen“ – so die neue Sprachregelung in der Approbationsordnung – streng nach der gesetzlichen Regelung antworten: „Wir erwerben die Kompetenzen zur Ausübung des Berufs eines Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin.“ So drückt es der Gesetzgeber aus und vermeidet es, dem von ihm kreierten Studiengang einen Namen zu geben. Der Gesundheitsminister ist vor der Presse weniger zurückhaltend und spricht beherzt von einem Psychotherapiestudium. Die Bezeichnung „Psychotherapiestudium“ ist inzwischen in aller Munde. Die Scheu, die zum Psychotherapeutenberuf führende Ausbildung offiziell als Psychotherapiestudium zu bezeichnen, beruht vor allem auf Rücksichtnahme gegenüber der Psychologie und der Pädagogik, die bisher allein die wissenschaftliche Vorbereitung auf die therapeutische Praxis geleistet haben. Ob sie das effektiv genug taten, ist umstritten. Obwohl der Gesetzgeber im Streit um die Kompetenz akademischer Disziplinen nicht offen Partei ergreift, folgt er doch zwei Forderungen aus der öffentlichen Debatte: Die Anerkennung einer eigenen Psychotherapiewissenschaft und die Einführung eines sich über alle Studiensemester erstreckenden „Direktstudiums“ der Psychotherapie. Die Entscheidung über den Namen des neuen Studiengangs ist nunmehr in die Hochschulen verlagert, und diese werden sich wahrscheinlich nicht alle auf denselben Namen einigen. Sie können den neuen Studiengang weiterhin als „Psychologie“ oder „Pädagogik“ bezeichnen, oder sie geben den traditionellen Namen auf und bezeichnen den Studiengang klar als „Psychotherapie“ – wobei als Kompromisslösung auch „Psychologie und Psychotherapie“ eine Chance hat.

Bild: Manfred Evertz

Eine kleine Revolution ist für ein akademisches Fach die vergleichsweise hohe Praxis- und Patientennähe des Studiums. Man kann den neuen Studiengang fast als „dual“ bezeichnen. Bisher hat man Studierende in den Semesterferien in sechswöchige Außenpraktika geschickt, damit sie etwas Berufspraxis schnuppern. In den Instituten gab es ein Empirisches Praktikum, bei dem die Probanden meist selbst Studierende waren. Für die neuen „Berufspraktischen Einsätze“, Magisterarbeiten und weitere Forschungen werden die Hochschulen Kliniken und andere Gesundheitseinrichtungen als Partnerinnen gewinnen müssen. Wollen sie aber selbst Lehre, Forschung und Praxis verbinden, werden sie ihre Hochschulambulanzen ausbauen. Dann entstehen Kliniken wie in der Medizin, in denen angehende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten einen Teil ihres Studiums absolvieren, Forschungen für ihre wissenschaftlichen Arbeiten durchführen und schließlich ihre berufliche Weiterbildung erhalten.

Das mag gesundheitspolitisch eine glänzende Perspektive sein. Für die Psychologie wird die gegenwärtige Entwicklung zur Existenzfrage. Verliert das Fach Psychologie im Psychotherapiestudium an Bedeutung, so wird Psychotherapie nicht mehr als psychologischer Beruf erkennbar. Das droht auch, die Qualifikation der Studienabsolventen zu mindern. „Wirkt nicht richtig“, hat der Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen das Reformgesetz kritisiert und aus Protest dagegen sogar eine Demonstration vor dem Berliner Reichstagsgebäude veranstaltet. Zudem befürchtet der Berufsverband eine „Klinikisierung und Medikalisierung“ psychologischer Berufe, wenn für Psychotherapie Approbierte in Schulen, Bertriebe etc. drängen. Besorgnis erregt an den Psychologischen Instituten und Fachbereichen der Hochschulen, dass Personal- und Sachmittel für Grundlagen- und nicht-klinische Praxisfächer gestrichen werden könnten, um Mittel für den erhöhten Bedarf an im Bereich der Psychotherapie freizusetzen.

In der Tat: Die Nachfrage nach dem neuen Psychotherapiestudium wird beträchtlich sein. Ob dagegen an allen Hochschulorten die bundesweite Nachfrage nach Experimenteller Psychologie, Sozialpsychologie, Wirtschaftspsychologie und Ähnlichem für ein volles Lehrangebot ausreicht, ist ungewiss. Wirtschaftlich gesehen, ist dann eine Umschichtung von Ressourcen zugunsten des klinisch-therapeutischen Bereichs geboten. Und was den Psychologenberuf anbelangt: Angesichts der zu erwartenden starken Nachfrage werden die staatlichen Hochschulen bestrebt sein, die Zahl der Plätze für das Psychotherapiestudium hochzuhalten; für Privathochschulen ist das Studienangebot sicher auch finanziell attraktiv. Studierende haben freilich keine Gewähr, nach dem Studium zum Psychotherapeutenberuf zu gelangen; der Gesundheitsminister will nämlich die Zahl der Approbationen „deckeln“. Auch hat, wer nach der Approbation die Weiterbildung absolviert hat, keinen Anspruch auf Krankenkassenzulassung; die Kassen können die Zulassung aus Kostengründen einschränken. Damit ist abzusehen, dass psychotherapeutisch Aus- und sogar Weitergebildete auf nicht-therapeutische Berufe ausweichen müssen, dann z.B. mit ausgebildeten Familien-, Schul- und Arbeitspsychologen konkurrieren und in Schulen, Betrieben usw. das breite Spektrum psychologischer Leistungen auf klinisch ausgerichtete reduzieren (z. B. in Schulen auf die Betreuung von auffälligen Schülern zu Lasten von Schullaufbahnberatung und Unterrichtsorganisation).

Eine Konkurrenz zwischen Psychotherapie und nicht-klinischer Psychologie wäre gar nicht entstanden, hätte man das neue Studium zusätzlich zu dem bestehenden eingerichtet; wofür man allerdings beträchtliche Personal- und Sachmittel bereitstellen müsste. Völlige Neueinrichtungen waren freilich nicht nötig. Die bestehenden Psychologischen Institute und Fachbereiche waren bereit, ja sogar vielfach bestrebt, sich an dem reformierten Studium zu beteiligen. Doch nun erweist sich: Für die Reform reichen die vorhandenen Kapazitäten an Klinischer Psychologie nicht aus, während vorhandene Kapazitäten an nicht-klinischer Psychologie jedenfalls für den Psychotherapiestudiengang nicht mehr gebraucht werden. Kann man die Kapazitäten erhalten für psychologische Lehre und Forschung außerhalb der Psychotherapie?

Die Präsidenten der Deutsche Gesellschaft für Psychologie und des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen unterzeichneten noch 2015 eine Erklärung, nach der die Reform der Therapieausbildung nicht auf Kosten nicht-klinischer Fächer erfolgen dürfe. Das war eine klare Forderung nach zusätzlichen Mitteln. Der Gesundheitsminister selbst errechnete einen erhöhten Bedarf für die neue Ausbildung und Prüfung. Doch schon bei der Beratung im Bundesrat gaben die für die Finanzierung der Hochschulen zuständigen Länder zu Protokoll, sie seien an der Vorbereitung der Reform nur unzureichend beteiligt gewesen und hätten dafür keine Mittel vorgesehen. Das bedeutet: Auf absehbare Zeit müssen die Hochschulen die Reform aus ihren bestehenden Haushalten finanzieren. Werden sie dafür nicht in erster Linie Mittel aus dem Bereich der Psychologie selbst umwidmen?

Die Präsidien der Deutschen Gesellschaft für Psychologie haben bei der Reform der Psychotherapieausbildung einen besonderen Eifer an den Tag gelegt. Ihre Strategie war, den Schwerpunkt der klinischen Ausbildung in den Masterstudiengang zu legen und die nicht-klinische Psychologie im Bachelorstudium so zu stärken, dass deren Kapazitäten voll erhalten blieben. Dazu sollte vor allem der Freiraum genutzt werden, den Gesetz und Verordnung den Hochschulen bei ihrer Studienordnung ließ. Das Bachelorstudium sollte dadurch „polyvalent“ werden, d.h. eine Fortsetzung in Masterstudien mit anderen als klinischen Schwerpunkten zulassen. Der Begriff „polyvalent“ wurde tatsächlich in das Reformgesetz aufgenommen. Doch die weiteren Regeln machen es sehr schwer, eine Polyvalenz in dem genannten Sinne zu verwirklichen. Denn der für polyvalente Psychologie verfügbare Freiraum ist im Laufe der Beratungen immer kleiner geworden. Erstens wurden die festgesetzten Pflichtanteile als Mindestwerte deklariert; es ist damit zu rechnen, dass diese in den örtlichen Studienordnungen überschritten werden und die zur freien Verfügung verbleibende Stundenzahl schrumpft. Zweitens ist Psychologie eindeutig als Bezugswissenschaft der Psychotherapie definiert und steht in Konkurrenz mit anderen als Bezugswissenschaft in Frage kommenden Disziplinen. Und drittens ist deutlich gemacht, dass Psychologie das Studienangebot nicht dominieren darf und überhaupt nur insoweit zu lehren ist, als eine Relevanz für die Psychotherapie besteht. Man muss fragen: Für welche Psychotherapie? Ist es die in den Klassifikationssystemen der Krankenkassen und in den Manualen der Richtlinienverfahren definierte? Dann muss sich psychologische Lehre tatsächlich – wie schon so oft in der Vergangenheit – die Kritik gefallen lassen, sie sei für die Praxis nicht relevant! Dann ist nur wissenschaftlich legitimierte und nur in anderen Anwendungsfeldern bewährte Psychologie Ballast, den Reformer zu Recht abzuwerfen trachten!

Spätestens bei der Studienplanung wird man sehen: Das Konzept der Polyvalenz ist gescheitert. Und wenn Hochschulen an dem Konzept festhalten, so ist das Formsache und wird der Psychologie in ihrer bisherigen Fächervielfalt nicht helfen, ihre Bestände zu erhalten. Wie konnten die Deutsche Gesellschaft für Psychologie am Reformprozess mitwirken, ohne für den Fall einer ernsthaften Gefährdung zahlreicher Fachgruppen ihre Unterstützung zu versagen? Diese Frage stellt sich umso dringlicher, als die überwiegende Mehrheit ihrer Mitglieder gefährdeten Fachgruppen angehört. Über Erklärungen wird man wohl diskutieren, wenn in den nächsten Monaten die Folgen der laufenden Reform erkennbar werden. Doch Erklärungsansätze seien schon heute genannt: Motor der Reformen waren Therapeutenverbände, insbesondere die Bundespsychotherapeutenkammer, die alle in Deutschland tätigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vertritt – es sind 52.000. Seit dem 16. Psychotherapeutentag im Jahre 2010 hat die Bundespsychotherapeutenkammer das Prinzip der einheitlichen und multidisziplinären Ausbildung vertreten. Beim Bundesgesundheitsministerium fand das offenen Ohren, weil es in das Schema der heilkundlichen Berufe passte. Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Psychologie suchte die Fachgruppe „Klinische Psychologie“ oder zumindest die in einer Kommission „Psychologie und Psychotherapie“ vertretenen Mitglieder der Fachgruppe den Schulterschluss mit der Bundespsychotherapeutenkammer. Allerdings war man mit einem klinischen Schwerpunkt im Masterstudiengang zufrieden; ein Wachstum an Personal und eine Vergrößerung von Hochschulambulanzen hätte auch eine vergleichsweise kleine Reform eingebracht.

Als sich eine Reform abzeichnete, welche die Psychologie in ihrer Breite zu dezimieren droht, hat der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie keinen Widerspruch eingelegt. Das mag daran liegen, dass in der Gesellschaft selbst eine Gruppierung Einfluss gewonnen hatte, für die ein Direktstudium der Psychotherapie die höchste Priorität hatte: der Fakultätentag Psychologie. Der Fakultätentag ist eine Versammlung von Vertretern psychologischer Studieneinrichtungen – offenbar nach dem Vorbild des Psychotherapeutentages und des Medizinischen Fakultätentages. Der Fakultätentag ist – wohl auf Initiative Klinischer Psychologen – im Jahre 2016, in der Endphase der Reformdiskussion, gegründet worden. Als Institutionenvertretung bildet er – eine ungewöhnliche Konstruktion – eine Fachgruppe innerhalb der Gesellschaft, und ihr Vorsitzender ist im Reformjahr zusammen mit der Präsidentin der Gesellschaft als Doppelspitze aufgetreten. Zusammen haben sie das Reformgesetz und die Approbationsordnung öffentlich begrüßt.

Das Jahr 2020 könnte also zu einem Schicksalsjahr für die Psychologie in Deutschland werden. Wird Psychologie als Wissenschaft und Beruf bleiben, was sie geworden ist – frei und reich an Perspektiven? Oder wird sie zur alten Dame am Hof einer aufstrebenden Psychotherapie? Oder wird sie zum gesunkenen Luxusliner, aus dessen Rumpf findige Taucher immer wieder wertvolle Stücke bergen?

Wolfgang Schönpflug

  • Geboren 1936 in Berlin. Studium der Psychologie, Physiologie, Betriebswirtschaftslehre an der University of Kansas, Lawrence, Kansas (USA) und Frankfurt am Main.
  • Wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Frankfurt a. M. (Prof. Rausch) und Bochum (Prof. Heckhausen). 1967 Dozent, 1969 Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Universität Bochum. Seit 1974 Professor für Psychologie (Schwerpunkt Allgemeine Psychologie) an der Freien Universität Berlin (seit 2003 emeritiert).
  • Mitwirkung in örtlichen und überregionalen Studienreformkommissionen. Erster Vorsitzender der Sektion Ausbildung (jetzt: Aus-, Fort- und Weiterbildung) des Berufsverbands deutscher Psychologen (jetzt: Psychologinnen und Psychologen). 2016 Goldene Ehrennadel des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Literaturhinweise:

  • Schönpflug, W. (2006). Einführung in die Psychologie. Weinheim: BeltzPVU (2012 Lizenzausgabe Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
  • Schönpflug, W. (2013). Geschichte und Systematik der Psychologie. Weinheim: Beltz (dritte, neu bearbeitete Auflage).
  • Schönpflug, W. (2016). Psychologie – historisch betrachtet. Wiesbaden: Springer.

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Warum neigen Menschen zur Prokrastination?

Wie kommen wir bei unliebsamen Aufgaben ins Handeln? Was wir tun können, ist uns für die Erledigung zu belohnen, uns die positiven Konsequenzen vor Augen zu halten, die damit verbunden sind, oder uns etwaige Folgen bewusst zu machen, die uns erwarten, sollten wir untätig bleiben. Bei umfangreicheren Aufgaben empfiehlt es sich, diese in kleine Häppchen zu zergliedern, um sie daraufhin peu à peu abzuarbeiten. Hilfreich soll auch die 10-Minuten-Regel sein, bei der man sich einen Wecker stellt, um nach zehn Minuten des Tuns zu entscheiden, ob man weitermachen möchte oder aufgrund einer verbleibenden Lustlosigkeit zunächst wieder damit aufhört, um in naher Zukunft einen erneuten Anlauf zu starten. Hat man sich erst einmal überwunden und angefangen, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man dann auch am Ball bleibt und die Sache abschließt. Ein vernünftiges Zeitmanagement mit SMARTen Zielen, eine ablenkungsfreie Arbeitsumgebung und ein wenig Selbstdisziplin dürften dann wohl genügen, um das unerfreuliche Vorhaben anzugehen und alles, was damit zusammenhängt, kurz darauf erledigt zu haben, oder? Nun, obwohl es so funktionieren kann, scheint es das nicht immer zu tun.

Bild: Manfred Evertz

Wenn aus einer harmlosen Aufschieberitis ein ernsthaftes Problem wird, sind die meisten Tipps, die gängigerweise gegeben werden, oft nur wenig hilfreich. Auf die Frage, warum das so ist, liefert die PSI-Theorie (“Eine neue  Persönlichkeitstheorie”, pdf-Dokument) von Prof. Dr. Julius Kuhl schlüssige Antworten (PSI-Impuls 2).

Um Vorhaben umzusetzen bzw. um ihren Transfer vom Intentionsgedächtnis in das intuitive Verhaltenssteuerungssystem zu ermöglichen, braucht es die Willensbahnung, d.h. einen selbst- oder fremdgenerierten positiven Affekt. Es geht also vor allem um die Förderung der Fähigkeit, sich selbst zu motivieren. Bereitet das Schwierigkeiten, besteht der optimale Lösungsweg nicht immer darin, sich unliebsame Aufgaben schönzureden oder einen (neuen) Blickwinkel einzunehmen, der es ermöglicht, deren Erledigung positiv zu bewerten. Hilfreich ist es hingegen, nach den Ursachen des problematischen Verhaltens zu fragen und sich die Bedingungen genauer anzuschauen, unter denen es gezeigt wird. Die Neigung zur Prokrastination kann nämlich ganz unterschiedliche Gründe haben, von denen in diesem Artikel fünf besprochen werden: Lustfixierung, Unlustfixierung, Vermeidungsmotivation, Bequemlichkeit und Reaktanz (Trotz gegenüber Fremdbestimmung).

Bildet man eine Absicht, d. h. „lädt“ man sie ins Intentionsgedächtnis, wird zugleich auch eine Ausführungshemmung aufgebaut. Diese Hemmung hat die Funktion, den Organismus dazu zu befähigen, auf den richtigen Ausführungszeitpunkt zu warten, statt vorschnell zu handeln, da das ja nicht immer sinnvoll oder möglich ist.

Gegensatz: Lust vs. Unlust (Lust-Unlust-Paradox)

Das Umsetzen von Vorsätzen wird durch die Interaktion des Intentionsgedächtnisses (Arbeitsgedächtnis) mit der intuitiven Verhaltenssteuerung vermittelt. Diese Interaktion ist wiederum von dem Wechsel zwischen dem Aushalten von „Unlust“ (d. h. Dämpfung von positivem Affekt) und „Lust“ (zum Handeln) abhängig. Unlust braucht man, um einen unangenehmen Vorsatz zu bilden und aufrechterhalten zu können, Lust braucht man, um ihn in die Tat umzusetzen.

→ Ursache 1: Lustfixierung

Beschreibung: Der Lusttypus hat Schwierigkeiten mit Schwierigkeiten. Ohne Unlust oder „Frustrationstoleranz“ kann man nämlich nur Dinge tun, die Spaß machen.

Diagnostik: Erkennen lässt sich dieser Typus daran, dass der Proband dann, wenn er bei einer schwierigen „Willensaufgabe“ (Emoscan©) an positive Erlebnisse im Leistungsbereich erinnert wird, nicht den üblichen Willensbahnungseffekt (d. h. verkürzte Reaktionszeiten) zeigt, sondern einen Willenshemmungseffekt. Eine besonders lukrative Variante dieses Typs ist der Manager, der für das Delegieren schwieriger oder unangenehmer Aufgaben sogar gut bezahlt wird.

Intervention: Hilfreich ist es, zwischen dem Fokussieren auf angenehme Zielvorstellungen („Wie fühle ich mich, wenn ich den Vorsatz erfolgreich ausgeführt habe?“) und der Imagination der nächsten schwierigen oder unangenehmen Schritte, die auf dem Weg zum Ziel zu gehen sind (vgl. die Kontrastierungsmethode von Prof. Gabriele Oettingen), zu pendeln. Hier kommt es vor allem darauf an, Frustrationstoleranz, z. B. das Aushalten von auftretenden Schwierigkeiten, zu üben.

  • Frustrationstoleranz stärken: https://karrierebibel.de/frustrationstoleranz/
  • Kontrastierungsmethode: Im wissenschaftlichen Kontext wird diese Methode “Mentales Kontrastieren mit Implementierungs-Intentionen” (MCII) genannt. Das Kürzel “WOOP” ist jedoch etwas griffiger. Dabei steht das „W“ für Wish (Wunsch), ein „O“ für Outcome (Ergebnis, positive Folge), das andere „O“ für Obstacle (Hindernis) und das „P“ für den Plan bzw. für “Wenn-Dann-Pläne” (nach Peter Gollwitzer).

 

→ Ursache 2: Unlustfixierung

Beschreibung: Menschen dieses Typs waren in ihrer Kindheit vermutlich einem strengen Erziehungsklima ausgesetzt. Man erkennt sie daran, dass sie zwar wunderbar Absichten bilden und auch davon erzählen, sie aber nicht gut umsetzen können, zumindest nicht über die vorteilhafte Variante, die durch den verhaltensbahnenden positiven Affekt vermittelt wird.

Diagnostik: Erkennen können wir den Unlust-Typus an einem niedrigen Testwert für prospektive (d. h. auf auszuführende Absichten bezogene) Handlungsorientierung, was einer hohen prospektiven Lageorientierung gleichkommt: Lageorientierte zeigen einen Willenshemmungseffekt, wenn sie an Situationen erinnert werden, in denen es um Leistung oder Macht geht (d. h. in wirkungs- oder zweckorientierten Motivationslagen).

Intervention: Die Kontrastierungsmethode (s. o.) ist hier ebenfalls hilfreich. Dabei kommt es jetzt aber vor allem darauf an, den selbstständigen Wechsel in den positiven Affekt zu üben, z. B. durch positive Zielimaginationen, Ermutigung bei auftretenden Schwierigkeiten und Motivationsverlust, das Aktivieren des Selbstzugangs (z.B. durch Aktivieren der rechten Hemisphäre wie es das Team um Prof. Nicola Baumann aufgezeigt hat) oder durch Motto-Ziele (vgl. das ZRM©).

  • Aktivieren des Selbstzugangs: Solange es gelingt, Stress und negative Emotionen selbstkonfrontativ und handlungsorientiert zu bewältigen, bleibt der Selbstkontakt (auch ohne Maßnahmen zur Aktivierung der rechten Hemisphäre) intakt. Ein versperrter Selbstzugang geht mit einer Unteraktivierung des rechten Vorderhirns einher. Falsche Selbstzuschreibungen fremder Einflüsse auf das eigene Verhalten durch das bewusste Ich führen häufig zum (wenig hilfreichen) Grübeln über die Ursachen einer negativen Stimmung. Die rechte Hirnhemisphäre lässt sich allerdings recht einfach aktivieren, bspw. durch das dreiminütige Drücken eines Softballs mit der linken Hand.

 

Stress und negativer Affekt hemmt den Zugang zum Extensionsgedächtnis und zum integrierten Selbst, das dabei hilft, sehr viele Erfahrungen und Wissenbestände miteinander zu verbinden. Wenn es gelingt, den negativen Affekt zu dämpfen, wird dieser Zugang ermöglicht.

Gegensatz: Vermeidung vs. Bequemlichkeit (Sonderfall: Reaktanz)

→ Ursache 3: Vermeidungsmotivation

Beschreibung: Der Vermeidungstyp führt unangenehme Vorsätze besonders dann aus, wenn er ein Angst besetztes Ereignis vermeiden kann (natürlich kann er gleichzeitig auch ein Unlust- oder Lusttypus sein). Ängstliche Menschen können aus dieser Motivationsquelle (= Vermeidung unangenehmer Konsequenzen) viel Handlungsenergie beziehen. Der Nachteil dieser Variante: Im Unterschied zur Selbstmotivierung durch positiven Affekt, hemmt der mit der Angst und anderen negativen Affekten verbundene Stress ausgerechnet die höheren Funktionen, die helfen Verbindungen zwischen verschiedenen Wissens- und Erfahrungsbeständen herzustellen.

Diagnostik: Schüler und Studierende, die allzu einseitig unter solchen Bedingungen lernen, erkennt man daran, dass sie zwar auswendig Gelerntes wiedergeben können, aber Schwierigkeiten haben, verschiedene Fakten mit einander oder mit passenden Beispielen zu verbinden.

Intervention: Hier sollte das Aufspüren und Bewältigen willenslähmender Ängste im Vordergrund stehen. Derlei Ängste können nämlich nicht nur den Zugang zur Selbstwahrnehmung lähmen, sondern auch den Zugriff auf die für das Handeln erforderliche Energie beeinträchtigen.

  • Die Befürchtung, etwas falsch zu machen, kann dazu führen, dass die Betroffenen gar nichts tun. Im schlimmsten Fall führt dies zu der negativistischen Überzeugung, dass andere Menschen mit mehr “Talenten” ausgestattet sind und man selbst immer nur benachteiligt wird. “Dann sieht man das Leben vielleicht als Konkurrenzkampf […], und man versteckt seine eigenen Ressourcen, um sie zu schützen, und merkt gar nicht, dass man gerade dadurch selbst dazu beiträgt, dass sie sich nicht enfalten können. […] Nur die beschönigungsfreie Konfrontation mit der Mutlosigkeit und dem Schmerz über die “ungerechte Welt” […] bietet die Chance, irgendwann vielleicht einmal aus diesem Lamento herauszukommen.” (Quelle: “Spirituelle Intelligenz”)

→ Ursache 4: Bequemlichkeit

Beschreibung: Nicht Ängstlichkeit, sondern Gelassenheit ist seine typische Stimmungslage. Die hohe Gelassenheit kann dazu führen, dass der Bequemlichkeitstypus gerade dann, wenn Druck entsteht, in eine gelassene Stimmung geht, womit der allerdings nicht nur den Druck reduziert, sondern auch die Energie Vorsätze umzusetzen. Die gelassene Stimmung kann dazu führen, dass das Aufschieben ganz positiv, vielleicht sogar als besondere Fähigkeit gesehen wird (man „schont die eigenen Kräfte“, lässt sich nicht drängen etc.). Man könnte also auch vom „fröhlichen Aufschieber“ (happy procrastinator) sprechen. Der Bequemlichkeitstyp hadert nicht mit seinem Aufschieben, sondern findet gute Gründe dafür und macht eher andere als sich selbst dafür verantwortlich (Selbstkritik erfordert ja eine gewisse Schmerztoleranz).

Diagnostik: Indirekte Methoden zur Messung der unbewussten Gelassenheit (Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (EOS und Emoscan©)

Intervention: Hier sollte das Fokussieren und Aushalten von negativen Gefühlen (eigener wie fremder) im Vordergrund stehen.

→ Ursache 5: Reaktanz

Die Reaktanztheorie “erklärt die Reaktionen von Personen, deren Handlungs- bzw. Entscheidungsfreiheit bedroht ist. Reaktanz ist eine motivationale Erregung mit dem Ziel, die bedrohte Freiheit wiederherzustellen. Freiheit impliziert, zwischen Alternativen wählen oder eine Handlung ausführen zu können. Diese Freiheit ist bedroht, wenn die Ausübung der Handlung schwieriger bis unmöglich geworden ist. Die Stärke der Reaktanz steigt mit der Wichtigkeit der eingeengten Freiheit, dem Umfang des (subjektiven) Freiheitsverlustes und der Stärke der Einengung. Die motivationale Erregung wird abgebaut durch (1) direkte Wiederherstellung der Freiheit (zu tun, was verboten, oder zu lassen, was geboten wurde; (2) indirekte Wiederherstellung der Freiheit (z. B. ein anderes, aber vergleichbares Verhalten ausüben oder aber in einer anderen Situation das bedrohte Verhalten zeigen); (3) Aggression (die einengende Instanz kann attackiert werden, damit die Freiheitseinengung aufgehoben wird) und (4) Attraktivitätsveränderungen (die verbotene Alternative wird attraktiver, die gebotene weniger attraktiv).” (vgl. DORSCH, Lexikon der Psychologie: https://portal.hogrefe.com/dorsch/reaktanz-reaktanztheorie/)

Beschreibung: Der Reaktanztypus schiebt unangenehme Vorsätze besonders dann auf, wenn er sich fremdbestimmt fühlt (da das oft mit dem Gefühl einhergeht, unter Druck zu geraten, gibt es hier Berührungspunkte mit dem Bequemlichkeitstypus). Beim Reaktanztyp kann die bewusste oder unbewusste Vorstellung, von anderen kontrolliert zu werden, sogar dann auftreten, wenn er selbst einen Vorsatz fasst. Dieses Phänomen könnte daher rühren, dass in der Lerngeschichte einer solchen Person (also z.B. in der Kindheit) unangenehme Vorsätze meist von anderen Personen aufgezwungen wurden (z.B. Eltern oder Lehrern), sodass jeder Gedanke an einen unerledigten Vorsatz schon mit der Vorstellung von Fremdbestimmung verknüpft ist. Das ist natürlich besonders schmerzhaft für Menschen, die ein starkes Bedürfnis nach Autonomie (freies, ungehindertes Selbstsein) entwickelt haben (z. B. wenn dieses Bedürfnis in der Kindheit oft verletzt wurde). Wir haben in unserer Forschung beobachtet, dass der Reaktanztyp leicht in eine ärgerliche Stimmung geraten kann, besonders natürlich dann, wenn er sich fremdbestimmt fühlt.

Diagnostik: Diese Stimmung wird aber meist nicht bewusst erlebt (vielleicht deshalb, weil dieser Typus zumindest im bewussten Erleben auf Gelassenheit festgelegt ist) und ist deshalb nur (bzw. vornehmlich) durch indirekte Messmethoden erkennbar.

Intervention: Hier geht es insbesondere darum, früh erlebte und aktuell relevante Quellen von Fremdkontrolle aufzuspüren und Autonomie fördernde Ermutigung zum „freien Selbstsein“ anzubieten. Menschen, die an der Reaktanzvariante der Prokrastination leiden, werden Fortschritte machen, wenn sie lernen, eigene von fremden Erwartungen und Wünschen zu unterscheiden, fremde Erwartungen so umzugestalten, dass sie selbstkompatibel sind bzw. abzulehnen, wenn eine solche Umgestaltung nicht möglich ist.

  • Wer erwartet was von Ihnen? Übung: www.ryschka.de/arbeitsblatt-rollenklaerung.pdf
  • Bei der Symptomverschreibung wird das als problematisch verstandene Verhalten (z. B. die Prokrastination) bewusst gefördert, um eine Veränderung zu bewirken. So kann z. B. die folgende Anweisung gegeben werden: “Bis zu unserer Sitzung untersagen Sie es sich bitte, jedweden Tätigkeiten nachzugehen, die mit dieser Aufgabe in Verbindung stehen.” Das eigentliche Problem – nämlich der Gedanke, fremdbestimmt etwas tun zu müssen – löst sich dadurch eventuell auf.

Ergänzende Hilfestellungen: Auf karrierebibel.de (hier) und typentest.de (hier) finden Sie zahlreiche Tipps zum Thema.

PS: Bei dem kursiv markierten Text handelt es sich um Passagen aus einem PSI-Impuls, der von mir mit einigen Erläuterungen und praktischen Hilfestellungen angereichert wurde.

Professor Dr. Julius Kuhl (geb. 27.07.1947) vertrat von 1986 bis 2015 den Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeits­forschung an der Universität Osnabrück und war 2008-2016 Leiter der psychologischen Abteilung der Forschungsstelle Begabungsförderung im Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Webseite: www.psi-theorie.com/.

Quellen:

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“Positive Aggression – Wer sie hat, ist klar im Vorteil” von Prof. Dr. Jens Weidner

Ein unbewusster Umgang mit den eigenen Aggressionen kann schaden – und zwar auf der ganzen Linie: Sowohl die Karriere als auch die Psyche können durch den falschen Einsatz der aggressiven Energien zerstört werden. Die Gesundheit wird nachhaltig schwer geschädigt, Unternehmen drohen Millionenschäden.

  • Wer nur kollegial, nett und teamorientiert ist, ist ein toller Mensch, aber ungeeignet fürs Management.
  • Wer sein eigenes aggressives Potential nicht reflektiert, beschneidet sich selbst.
  • Positiv Aggressive kämpfen engagiert für ihre Interessen und haben auch den Mumm, sie durchzusetzen.

Darum plädiert der Autor dieses Beitrages wie auch der renommierte Psychologe Fritz Riemann für die positive Aggression. Neben den strategischen Vorteilen im Beruf hilft der unverkrampfte, aber bewusste Umgang mit den eigenen aggressiven Anteilen außerdem, die eigenen Ängste besser in den Griff zu bekommen. Die gesunde und gekonnte Aggression, so Riemann in seinem Klassiker Grundformen der Angst, ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Selbstwertgefühls, des Gefühls für die Würde unserer Persönlichkeit und für einen gesunden Stolz!

Fakt ist: Wer seine positive Aggression nicht annehmen mag, wird größte Schwierigkeiten haben, sich in der Wettbewerbsgesellschaft zu positionieren. Wer hier den Kopf aus dem Fenster hält, muss den Gegenwind ertragen können – und dazu braucht man Biss. Positive Aggression ist – bei aller Rücksichtnahme und Teamgeist – der Schlüssel zum Erfolg. Die eigene Power aktivieren und ausleben, um Gutes zu tun: Gibt es etwas Schöneres und Konstruktiveres?

Ihr Einsatz, um das zu erreichen, ist Ihr Engagement gegen den Verlust der natürlichen Aggression, denn die positive Aggression ist das Kraftwerk in Ihnen, das Ihnen erst Mut macht, sich gegen Widerstände durchzusetzen!

www.manfred-evertz-art.com

Power freisetzen

Wer hier mehr Power freisetzen möchte, muss sein Verhalten ändern, muss auch gegen Kräfte in seinem Inneren (Moralvorstellungen, alte Erziehungsgrundsätze, gesellschaftliche Erwartungen) angehen. Doch es lohnt sich – und es dient einem guten Zweck, denn die konstruktiv-strategische Aggression dient nicht der Zerstörung, sondern der Erhaltung, genauer: der Erhaltung dessen, was man selbst für wichtig erachtet. Die Grundlage ist dabei ein vernünftiges Kalkül: Was nützt gleichzeitig mir und dem Unternehmen. Der Zweck heiligt hier nicht die Mittel. Die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Strategien muss stimmen, und das Gemeinwohl bleibt bedeutend. Dass sich mit diesem Selbstverständnis sogar werben lässt, demonstriert der schillernde Trigema-Chef Wolfgang Grupp: »Ich stehe für jeden Arbeitsplatz gerade, Shareholder Value ist unmenschlich. Wie kann sich einer als erfolgreicher Manager feiern lassen, weil er die Aktienkurse in die Höhe treibt, aber gleichzeitig rücksichtslos die Menschen auf die Straße setzt?«

Moralische Prinzipien

Gerade diese moralischen Prinzipien, so die kognitionspsychologischen Ausführungen der Managementautorin Hedwig Kellner, machen den zentralen Unterschied zwischen positiver Aggression und Boshaftigkeit aus und an denen sollten auch Sie sich orientieren:

  • Positiv aggressive Menschen kämpfen hart für ihre Interessen, aber sie streben keine Vernichtung Dritter an.
  • Sie demütigen nicht unterlegene Gegner.
  • Sie zollen ihnen Respekt.
  • Sie vergessen nicht, wer ihnen in schweren Zeiten geholfen hat.
  • Sie achten Fairness, Mitgefühl, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Seriosität.
  • Sie setzen sich gegen Unverschämtheiten und Erniedrigungen zur Wehr.
  • Sie legen Zivilcourage an den Tag, wenn es dem Unternehmen und den Mitarbeitern dient.

Positive Aggression ist also nicht für einen tumben Ellenbogen-Karrierismus geeignet. Positive Aggression ist der konstruktive Schlüssel zur Power, die wir brauchen, um dauerhaft erfolgreich zu sein!

Prof. Dr. Jens Weidner lehrt Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Fakultät für Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Kontakt: https://prof-jens-weidner.de/

PS: Dieser Artikel wurde am 18.02.2020 bei XING veröffentlicht.

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Im Angesicht der Krise

Wie sollte man sich verhalten, wenn Klienten am Ende eines Gesprächs in einem emotionalen Ausnahmezustand sind, starke Belastungsreaktionen zeigen oder sogar Suizidgedanken äußern? Da mir diese Frage in Seminaren regelmäßig gestellt wird, möchte ich im Folgenden einmal in aller Kürze versuchen, sie zu beantworten:

“Schmerz und Freude liegt in einer Schale; ihre Mischung ist der Menschen Los.”  Johann Gottfried Seume

Zunächst einmal etwas ganz Grundsätzliches: Im Rahmen einer Therapie oder eines Coachings beschäftigen sich Menschen in einer intensiven Weise mit ihrem eigenen Erleben und Verhalten, wobei es mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Steigerung ihrer Selbstaufmerksamkeit kommt. Die Theorie der objektiven Aufmerksamkeit besagt, dass sich die Aufmerksamkeit eines Individuums auf externe Ereignisse oder auf die eigene Person richten kann. Im Zustand der objektiven Selbstaufmerksamkeit achtet das Individuum auf eigenes Verhalten sowie auf eigene Stimmungen und entsprechende Standards. Die wahrgenommene Diskrepanz führt zu dem Bedürfnis, diese zu reduzieren („Diskrepanzreduktion“). Das kann zu Verhaltensänderungen motivieren oder eine Defensivreaktion (Leugnen etc.) auslösen. Bestehende oder vermeintliche Ist-Soll-Diskrepanzen werden dabei verstärkt erlebt, aktuelle Emotionen intensiviert und die eigenen Normen für das Handeln wirken eventuell stärker. Auch das trägt dazu bei, dass es im Verlauf eines Coachings oder eines therapeutischen Prozesses immer mal wieder zu einer temporären Verschlechterung der Befindlichkeit kommen kann. Hinzu kommt, dass (nicht nur) im Rahmen einer Therapie zwischen sogenannten Verstehens- und Bewältigungspunkten unterschieden wird, wie die Abbildung (siehe unten) aufzeigt. Es ist demzufolge also durchaus möglich, dass sich Klienten am Ende eines Gesprächs in einer akuten Krise befinden.

Abbildung: Prof. Dr. Dirk Zimmer, Universität Tübingen: Gesprächsführung in der Verhaltenstherapie (Vorlesung)

Tipps zur Gesprächsführung

Was kann man also tun, um die Risiken für Klienten möglichst kleinzuhalten, wenn es um besonders problematische bzw. hoch emotionale Themen geht?

  • Im Rahmen einer Therapie oder eines Coachings ist es meist unerlässlich, „negative“ Gefühle sowie problembehaftete Facetten des individuellen Erlebens und Verhaltens zu explorieren. Davor sollte man sich keineswegs scheuen. Ein reflexartiges Ausweichen kann – ebenso wie eine unbeholfene Herangehensweise – u. a. dazu führen, dass dysfunktionale Abwehr- bzw. Vermeidungsstrategien der Klienten verstärkt werden, was eine Problemlösung eventuell erschwert oder schlimmstenfalls sogar verhindert. Eigene Ängste, die in einem solchen Zusammenhang spürbar werden, sollten also unbedingt hinterfragt und bearbeitet werden, damit sie den therapeutischen Prozess nicht behindern.
  • Fragen zu stellen bedeutet immer, die Aufmerksamkeit eines Gegenübers in eine entsprechende Richtung zu lenken. Auch die Dauer und die Intensität etwaiger Emotionen lassen sich dadurch beeinflussen.
  • Da die zur Verfügung stehende Gesprächszeit meist sehr begrenzt ist, sollte man darauf achten, das (vermeintlich) Schlimmste möglichst früh in einer Sitzung zu besprechen. Dann wäre anschließend nämlich noch hinreichend Zeit, die im Falle eines Falles zur Stabilisierung genutzt werden kann. D. h. im Umkehrschluss, dass man in heikle oder hoch emotionale Themen nicht erst gegen Ende einer Sitzung einsteigen sollte. Nutzen Sie dafür ggf. besser den nächsten Termin.

“Säge nicht den Ast ab, auf dem der Klient sitzt, bevor Du ihm geholfen hast, eine Leiter zu bauen!” Frederick Kanfer

Manfred Evertz / www.manfred-evertz-art.com

Wie beendet man eine Krisensitzung möglichst behutsam?

Auch wenn man die oben erwähnten Ratschläge gewissenhaft befolgt, kann es geschehen, dass Klienten am Ende eines Gesprächs sichtbar niedergeschlagen, todtraurig und ohne Hoffnung oder extrem aufgewühlt sind. Das Sprechen über problematische Themen kann sehr belastend sein, im schlimmsten Fall sogar eine Retraumatisierung zur Folge haben. Manchmal suchen Klienten das Gespräch, weil sie sich bereits in einer Krise befinden. Was kann man dann tun? Hier sind einige Anregungen, die – wie ich finde – ganz nützlich sind:

  • Zunächst einmal sollte man m. E. Mitgefühl haben und es auch zum Ausdruck bringen! Dabei halte ich es allerdings für wichtig, zugleich – in angemessener Weise – Zuversicht auszustrahlen, und nicht im Mitleid zu versinken.
  • Sprechen Sie Ihre Anerkennung für das in diesem Gespräch Erreichte aus. Loben Sie Ihre Klienten dafür, heute einen ganz wichtigen Schritt gemacht zu haben!
  • Hilfreich können auch sogenante Distanzierungstechniken sein. Ein Beispiel dafür ist die Tresor Technik: „Stellen Sie sich bitte einen Tresor vor, in dem wir all die wichtigen Themen ablegen und sicher aufbewahren, über die wir heute gesprochen haben. Die Inhalte werden wir am kommenden Termin dort herausholen, so dass nichts verloren geht. So brauchen Sie sich bis zu unserem nächsten Gespräch nicht weiter damit zu belasten, sondern können dann wieder gemeinsam mit mir daran arbeiten.“. Fertigen Sie ggf. eine Liste mit den wesentlichen Themen an und holen Sie diese in der folgenden Sitzung wieder hervor.
  • Sinnvoll ist es auch, die Aufmerksamkeit der Klienten auf jene Fortschritte zu richten, die die Therapie bereits macht, also auf das schon Erreichte, das Positive des heutigen Ereignisses sowie auf individuelle Ressourcen, die dazu beigetragen haben, dass es bis jetzt irgendwie gelungen ist, mit den Geschehnissen umgzugehen. Das hat den Zweck, die Aufmerksamkeit vom Schmerzvollen wegzulenken (“Umfokussierung”).
  • Ggf. kann man eine Entspannungstechnik zur Beruhigung einsetzen. Hier finden Sie einige Links zu angeleiteten Entspannungsübungen, die die Techniker Krankenkasse auf ihrer Webseite zum kostenlosen Dowload im mp3-Format anbietet.
  • Erarbeiten Sie gemeinsam mit Ihren Klienten einen Notfall-Plan: „Was werden Sie tun, wenn es Ihnen im Laufe der nächsten Zeit schlechter geht? Wer oder was kann Ihnen dann helfen? Wie kommen Sie über die nächste Woche?“
  • Treffen Sie verbindliche Vereinbarungen (vgl. Suizid-Vertrag)! Diese können Sie schriftlich festhalten und Ihren Klienten mitgeben, damit sie im Falle eines Falles nicht in Vergessenheit geraten.
  • Lassen Sie Ihre Klienten nicht gehen, solange Sie sich unsicher sind, ob Sie das verantworten können. Sprechen Sie mit ihnen darüber, was sie nach der Sitzung tun werden bzw. zu wem sie gehen. Organisieren Sie ggf. ein Treffen.
  • Zum Abschlus eines solchen Gesprächs ist es ratsam, einen weiteren Termin abzustimmen und die getroffenen Vereinbarungen in einer klaren und möglichst einfachen Sprache zu wiederholen. Ich bitte meine Klienten dann nochmals um Zustimmung, um die Verbindlichkeit der Abmachung zu unterstreichen: “Sind Sie damit einverstanden?”
  • Bieten Sie ggf. einen Notfall-Termin an, der auch kurzfristig vereinbart werden kann.

“Haben Sie schon mal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?”

Unter Suizidalität versteht man sämtliche Gedanken und Handlungen, bei denen es darum geht, den eigenen Tod anzustreben bzw. diesen als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf zu nehmen. Dazu gehören suizidale Gedanken, Suizidideen und -absichten, Suizidankündigungen, Suizidversuche und Suizide.

Zum diesem Thema gibt es zahlreiche Informationen im Internet. Kennen Sie zum Beispiel den Unterschied zwischen einem “erweiterten” und einem “gemeinsamen” Suizid? Was ist ein “harter” und was ist ein “weicher” Suizid? Welche Risikofaktoren und Frühwarnzeichen gibt es? Sollte man Menschen darauf ansprechen und nach Suizidgedanken oder -absichten fragen? Falls ja, wie sollte man das tun?

“Über 100.000 Menschen versuchen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben zu nehmen. Was für Anzeichen gibt es und wie geht man mit latenter und akuter Suizidgefahr um?” In diesem Online-Seminar aus dem Jahr 2012 finden Sie die wesentlichen Informationen, die für die Heilpraktiker-Prüfung benötigt werden.

Ein paar Tipps möchte ich noch ergänzen:

  • Sprechen Sie über Suizidgedanken! Wie genau äußern sie sich? Wie häufig treten sie auf? Wie lange schon? Wie stark? Erstmalig? Falls nein, wie haben sie sich zeitlich entwickelt? Werden mir Suizidgedanken anvertraut, versuche ich währenddessen beiläufig herauszufinden, was denjenigen oder diejenige dazu bewogen hat, mir diese anzuvertrauen? GIbt es einen Appell? Wie lautet er? Nach einer genaueren Betrachtung der Gedanken, thematisiere ich das manchmal.
  • Jene Verantwortung, die ich für mich selbst übernehme und als Psychologe für meine Klienten habe, bringe ich dann zur Sprache, wenn mir von konkreten Suizidabsichten berichtet wird: „Sie wissen schon, dass ich Sie jetzt nicht einfach so gehen lassen darf. Sie bringen mich in eine schwierige Situation. Als Mitwisser oder Eingeweihter trägt man gewissermaßen auch einen Teil der Verantwortung.”. Damit habe ich bislang jedenfalls gute Erfahrungen gemacht.
  • Als ich mit meinem damaligen Therapeuten über das Thema sprach, gab er mir den Tipp, in etwa Folgendes zu sagen, wenn es sich stimmig anfühlt: “Es täte mir wirklich sehr leid und es würde mich traurig machen, wenn ich erfahren müsste, dass Sie sich das Leben genommen hätten.”
  • Schließen Sie einen Suizid-Vertrag ab und/oder entwickeln Sie gemeinsam mit Ihren Klienten einen Krisenplan.
  • Im Notfall: Sorgen Sie für eine anschließende Betreuung. Die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik (aufgrund einer akuten Selbstgefährdung) kann allerdings einen irreparablen Vertrauensverlust zur Folge haben! Deshalb sollte man meiner Ansicht nach vorab den Versuch unternehmen, die Situation zu deeskalieren und eine andere Möglichkeit zu finden (z. B. Familie, Freunde etc.).
  • Lassen Sie Klienten nicht einfach gehen, wenn ernsthafte (akute) Suizidgedanken geäußert werden. Setzen Sie das Gespräch dann solange fort, bis eine emotionale Beruhigung spürbar wird und ein Notfallplan erstellt ist!

Weiterführende Informationen zum Thema “Suizidalität”

Besonders gefährdet, einen Suizid zu begehen, sind Menschen, die an einer Depression leiden. Ca. 50% der Betroffenen waren daran erkrankt. Weitere Gefährdungsrisiken bestehen bei Alkoholismus und/oder Drogenabhängigkeit (ca. 20%), Schizophrenie (ca. 10%), vergangenen Suizid-Vorkommen in der Familie, früheren Suizidversuchen, in biologischen Krisenzeiten (Pubertät, Schwangerschaft, Wochenbett, Wechseljahre), bei zerrütteten Familienverhältnissen, Identitätsverlust und Migration, Einsamkeit bzw. Isolation, beim Fehlen religiöser Bindungen, nach critical life events, bei Schuld- und Insuffizienzgefühlen,andauernden Schlafstörungen, unheilbaren Krankheiten oder chronischen Schmerzen.

Antidepressiva können Suizidgedanken hervorrufen | Visite | NDR

“Antidepressiva werden verschrieben, um schwer depressive Menschen von negativen Gedanken abzukoppeln. In Ausnahmefällen rufen die Medikamente aber Suizidgedanken hervor.” In dieser Dokumentation geht es vor allem um die Nebenwirkungen der sogenannten SSRI-Antidepressiva. Eines der Symptome, das als Warnsignal gedeutet werden kann, ist die Akathisie (quälende Unruhe).

Die beiden folgenden Modelle sind nützliche Heuristiken, die dabei helfen können, das Suizidrisiko von Menschen besser einzuschätzen:

Stadien der Suizidalität nach Erwin Ringel (1969)

  • 1. Präsuizidales Syndrom
    • Einengung (Suizid als letzter Ausweg)
    • sozialer Rückzug und Vorbereitung der suizidalen Handlung
    • Aggressionsumkehr (Wut, Autoaggression)
    • Suizid- und Todesfantasien
    • Anhedonie
    • depressiver Affekt (Antriebsminderung, Affektverflachung)
  • 2. Vorbereitungsstadium

Phasen der Suizidalität nach Walter Pöldinger (1968)

  • Erwägungsphase (Suizidgedanken)
  • Ambivalenzphase (Merkmale: Andeutungen und Appelle)
  • Entschlussphase & Ruhephase (Merkmale: verdächtig aufgeräumt, gelöst)

Wen sollte bzw. muss man im Notfall (d. h. bei akuter Selbstgefährdung von Klienten) kontaktieren?

  • Sozialpsychiatrischer Dienst
  • 112 (Notruf)
  • 110 (Polizei, nur in Bayern, laut Unterbringungsgesetz)

Bei einem Verdacht auf Suizidalität wird empfohlen, ein Gespräch mit einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie zu führen, um sich ggf. abzusichern und das weitere Vorgehen abzustimmen.

Das Leben nach einem Suizidversuch | SRF DOK

Jeden Tag versuchen in der Schweiz rund 50 Menschen, ihr Leben selbst zu beenden – und überleben. Im berührenden «DOK»-Film «Das Ende war der Anfang» erzählen Menschen, wie es dazu kam, dass sie ihrem Leben selbst ein Ende setzen wollten. Und wie sie den Weg zurück ins Leben und in die Gesellschaft wieder gefunden haben. Weil es einen Anfang gibt nach dem Ende.

Im Notfall können sich Betroffene, Angehörige oder Ratsuchende in Deutschand kostenfrei und rund um die Uhr an die TelefonSeelsorge wenden: 0800 / 111 0 111 oder 111 0 222.

Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention hat es sich zur Aufgabe gemacht, die praktische und wissenschaftliche Arbeit zu fördern, um Suizidalität zu verstehen, Konzepte adäquater Hilfen zu erarbeiten und Suizide zu verhindern. Auf der Webseite der DGS finden Sie verschiedene Broschüren im pdf-Format:

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Hermann Hesse, das mir persönlich sehr gut gefällt und vielleicht etwas Zuversicht vermittelt: “Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.”

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Sozialpsychologie mit Prof. (Dr. Hans-Peter) Erb

In der Sozialpsychologie wird untersucht, welchen Einfluss die tatsächliche oder vorgestellte Anwesenheit anderer auf menschliches Verhalten und Erleben hat. Auf einem YouTube-Kanal erläutert Prof. Dr. Hans-Peter Erb zahlreiche Fachbegriffe, die in diesem Forschungsgebiet eine Rolle spielen.

Worum es in den Interviews geht, erfahren Sie weiter unten. Die einleitenden Texte habe ich den jeweiligen Kurzbeschreibungen bei YouTube entnommen, gekürzt und teilweise ein wenig umformuliert. Vorab erfahren Sie aber noch, was Prof. Dr. Hans-Peter Erb motiviert, auf einem YouTube-Kanal über grundlegende Konzepte aus dem Forschungsfeld der Sozialpsychologie zu sprechen.

H.-P. Erb: “Das Team von „Sozialpsychologie mit Prof. Erb“ hat einfach Spaß daran, diesen Kanal zu betreiben. Wir wählen Themen aus, die wir spannend finden, und versuchen die Inhalte in freundlicher Atmosphäre so zu präsentieren, dass praktische alle sie verstehen können. Besonders spannend finden wir die Reaktionen: Warum wird das Video zur „Kognitiven Dissonanz“ mehr als 20.000-mal aufgerufen, das zu „Bauchentscheidungen“ aber nur 500-mal, obwohl wir es eigentlich umgekehrt erwartet hätten?

Die Sozialpsychologie hat eine enge Beziehung zum Alltag der Menschen. Soziale Beziehungen beeinflussen wie wir denken, fühlen und handeln. Wer über sozialpsychologische Phänomene Bescheid weiß, wird sich und andere besser verstehen können. Das Wissen ist verfügbar. Aber wer liest schon Lehrbücher oder gar wissenschaftliche Fachartikel? Hier kann der Kanal eine Brücke schlagen zwischen dem „Elfenbeinturm“ der Wissenschaft und der Relevanz, die Sozialpsychologie für alle Menschen jeden Tag hat.

Wir hatten von Anfang an im Sinn, dass ein großer Teil unseres Publikums aus Studierenden der Psychologie und verwandten Fächern wie Soziologie, Pädagogik, Sozialarbeit usw. besteht. Vieles spricht dafür, die Inhalte aus Vorlesung oder Seminar mit Hilfe eines Videos zu wiederholen, bevor man sich mit der Fachliteratur genauer auseinandersetzt.

Schließlich ergibt sich auch ein Motiv hinter „Sozialpsychologie mit Prof. Erb“ aus der Qualität mancher selbsternannter Psycho-Ratgeber auf YouTube auf dem Niveau von „Die 10 krassesten Psycho-Tricks“. Die Psychologie ist eine seriöse und wunderbare Wissenschaft. Diese Botschaft übermittelt der Kanal an derzeit etwa 9.000 Menschen monatlich. Und für die Zukunft wünschen wir uns, dass es bald doppelt so viele sein werden.”

Dr. Hans-Peter Erb ist seit 2007 als Professor für Sozialpsychologie an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg tätig. Seine Forschung umfasst die Themen Persuasion, Urteilsbildung im Allgemeinen und Sozialer Einfluss durch Minderheiten und Mehrheiten. Webseite: www.hsu-hh.de/sozpsy, E-Mail: erb@hsu-hh.de.

Im Folgenden finden Sie die Links zu zahlreichen Interviews aus dieser Serie bei YouTube. Die ausgewählten Videos sind den Themenfeldern „1. Persönlichkeit“, „2. Motivation & Verhalten“, „3. Sozialverhalten“ „4. Soziale Beeinflussung“ und „5. Fehlurteile & Selbsttäuschungen“ zugeordnet und innerhalb dieser Kategorien in einer möglichst stimmigen Abfolge aufgelistet:

1. Persönlichkeit

Wer bin ich? Oder was glaube ich, wer ich bin? Wie bzw. woraus entwickeln Menschen ihr Selbstkonzept?

Bei der Introspektion richtet der Mensch seine Aufmerksamkeit nach innen und macht sich Gedanken über die eigene Person und ihr psychisches Funktionieren. Aber wie zuverlässig ist Introspektion als Quelle individueller Selbsterkenntnis? Können wir uns selbst verstehen? Warum ist Introspektion fehleranfällig und wie kann eine realistische Selbsteinschätzung gelingen?

Das Selbstwertgefühl ist eine Einstellung gegenüber der eigenen Person: “Mag ich mich oder mag ich mich nicht?” Eine positive Einstellung sich selbst gegenüber ist eine wichtige Grundlage für individuelles Glück und ein erfolgreiches Leben. Interessant sind hier auch die Aussagen von Isabell Mezger, die gegen Ende des Videos über ihr eigenes Selbstwertgefühl spricht.

Dass wir bestimmte Einstellungen zu vielen Objekten und Menschen haben, ist vielen von uns bewusst. Wir reagieren mit guten oder schlechten Gedanken und Gefühlen auf solche Objekte und richten unser Verhalten danach aus.

Wenn wir uns nicht gut fühlen, weil unser Verhalten nicht zu unseren Überzeugungen passt, dann bezeichnen Psychologen diesen Zustand als “kognitive Dissonanz”.

Kreativität ist die Fähigkeit, die zu herausragenden Leistungen in Kunst oder Wissenschaft, aber auch zu nützlichen Einfällen im Alltag verhelfen kann. Die Befähigung liegt darin, Lösungen oder neue Möglichkeiten zu (er-)fnden, die in irgendeiner Weise nützlich sind. Was macht kreative Menschen aus und welche Situationen können Kreativität fördern?

Intelligenz beschreibt die Fähigkeit von Menschen in neuen Situationen Probleme zu lösen, die Denken erfordern. Was hat Intelligenz mit Wissen zu tun, wird sie vererbt oder gelernt, wie misst man Intelligenz und macht eine hohe Intelligenz glücklich?

Anders als im Alltag hat der Begriff “Persönlichkeit” in der Psychologie eine ganz spezielle Bedeutung. Man verwendet ihn dort insbesondere, um Unterschiede im Verhalten von Menschen zu erklären, die sich in derselben bzw. in einer vergleichbaren Situation befinden.

Die Big Five Persönlichkeitsfaktoren erfassen die zentralen Charaktereigenschaften (lexikalischer Ansatz). Dazu gehören Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Neu: Merkmale, die von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst werden, sind häufig normalverteilt. Das heißt, dass mittlere Werte häufiger vorkommen als extrem kleine oder extrem große Werte. Normalverteilt sind viele Größen in der Psychologie, wie z. B. Intelligenz oder Extraversion.

Menschen mit einer hohen Ambiguitätstoleranz sind offen für den Umgang mit mehrdeutigen Situationen. Sie reagieren positiv auf Spontaneität und sind offen für den Umgang mit Unerwartetem. Leute mit geringer Ambiguitätstoleranz planen gern genau und bevorzugen eindeutige Antworten, auch auf komplexe Fragen.

Need for Closure: Menschen unterscheiden sich dahingehend, wie sehr sie dazu neigen (bzw. es mögen), schnell zu entscheiden, ohne vorab alles genauestens zu durchdenken.

Narzissmus ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die mit hoher Eigenliebe einhergeht. Was macht einen Narzissten aus? Wie erkennt man Narzissten im Alltag und wie kann man mit Narzissten umgehen? Wird unsere Gesellschaft immer narzisstischer?

Für den Autor des Buches “Ein Narzisst packt aus”, Leonard Anders, ist die Lehrbuchmeinung über Narzissmus nur eine Seite der Medaille. Im Interview berichtet er über das Innenleben bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, darüber mit welchen Gefühlen und Gedanken Narzissmus einhergeht und wie man schließlich davon auch geheilt werden kann.

Autoritarismus: Die autoritäre Persönlichkeit zeichnet sich durch potenziell antidemokratische Einstellungen und Verhaltensweisen aus. Autoritätsgläubigkeit, Identifikation mit der Macht, Ablehnung von Schöngeistigem, Vorurteile gegenüber Minderheiten und Herabsetzung von anderen Menschen sind Merkmale dieser Persönlichkeitsstruktur.

Gehorsamkeit: In den berühmten Milgram-Experimenten wurden Menschen dazu gebracht, (vermeintlichen) Versuchspersonen gesundheitsschädliche, ja sogar tödliche Elektroschocks zu verabreichen. Sind das ganz besonders böse Menschen oder Leute wie du und ich? Wie weit und unter welchen Bedingungen neigen Menschen dazu, dem Befehl einer (selbsternannten) Autorität Folge zu leisten?

Individualismus und Kollektivismus: In individualistischen Kulturen steht der Unterschied der Menschen zu anderen Menschen im Fokus, während in kollektivistischen Kulturen die Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen betont werden. Was ist der Unterschied zwischen einer interdependenten und einer independenten Selbstkonstruktion?

Wie groß ist die Macht der Masse? Der Mensch neigt zur Konformität. Mit dem Strom zu schwimmen, gibt uns das Gefühl, mit Sicherheit das Richtige zu tun. Querdenker dagegen haben es viel schwerer. Doch was verbirgt sich hinter dem Phänomen der Konformität und warum verhalten wir uns in manchen Situationen konform?


2. Motivation & Verhalten

Neu: Um “gute Vorsätze” umzusetzen, benötigen wir Menschen Willenskraft und müssen Selbsterschöpfung vermeiden. Unter dem Stichwort Selbstregulation lässt es sich untersuchen, unter welchen Bedingungen, Menschen es eher schaffen zu erreichen, was sie sich vorgenommen haben.

Mithilfe der Theorie des geplanten Verhaltens kann man erklären, warum Einstellungen sich manchmal in Verhalten äußern und manchmal auch nicht.

Menschen entscheiden häufig “irrational” und verletzen dabei normative Modelle, wie etwa aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung oder der Ökonomie. Irrational bedeutet aber nicht, dass solche Abweichungen unsystematisch erfolgen und sich nicht beschreiben und vorhersagen lassen. Die Prospect Theory erklärt, wie Menschen Entscheidungen treffen.

Bauchentscheidungen: Mehr als 90 % unserer Entscheidungen treffen wir auf der Grundlage des Bauchgefühls. Was aber sind Bauchentscheidungen? Und wie gut sind sie? Ist die weibliche Intuition besser als die männliche?

Wir alle streben danach, Angenehmes herbeizuführen und Unangenehmes zu vermeiden. Dieses Prinzip ist die Grundlage der Theorie des regulatorischen Fokus. Sie unterscheidet, ob Menschen danach streben das Maximum zu erreichen (Promotion Fokus) oder eher danach , möglichst keine Fehler zu machen (Prevention Fokus).

Wie kann man Menschen überzeugen? Ein schon “klassisch” zu nennendes Modell, das Elaboration-Likelihood-Model, beschreibt, wie Menschen auf Botschaften reagieren, mit denen ihre Einstellungen verändert werden sollen (z. B. in der Werbung). Dabei spielen die Motivation und die Fähigkeit, ausführlich Information zu verarbeiten, eine entscheidende Rolle.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Wahlfreiheit und der Reaktanz? Wird dieser Effekt auch in der Werbung genutzt? Wo und wie kann man ihn im Alltag beobachten?

Intrinsisch motiviert sind Tätigkeiten, die dem eigenen Interesse entsprechen und Spaß bringen. Extrinsisch motivierte Handlungen werden ausgeführt, weil sie von außen belohnt werden, etwa durch ein Gehalt oder Schulnoten. Intrinsische und extrinsische Motivation voneinander zu unterscheiden, hilft das Verhalten von Menschen im Alltag besser zu verstehen.

Wenn Menschen überlegen, warum ein bestimmtes Ereignis eingetreten ist, führen sie Attributionen durch. Ein fundamentales Modell, das den Attributionsprozess beschreibt und erklärt, stammt von H. H. Kelley. Es wird auch ANOVA-Modell der Attribution genannt.

Prophezeiungen können Einfluss auf das Ereignis nehmen, das sie vorhersagen. Wenn ein Ereignis nur oder vor allem deshalb eintreten ist, weil es vorhergesagt wurde, spricht man von selbsterfüllenden Prophezeiung. Warum hat das im Alltag eine so große Bedeutung? Und was sind selbstzerstörende Prophezeiungen?


3. Sozialverhalten

Menschen geben sich Mühe, bei anderen einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Strategien, die dazu eingesetzt werden, werden unter dem Begriff “Impression Management” zusammengefasst. “Theater spielen” ist weit verbreitet, und “hinter die Kulissen schauen” wird negativ bewertet. Bei welchen Gelegenheiten spielen wir besonders gern Theater und welche Strategien setzen wir dabei ein?

Sozialer Vergleich: Wir alle vergleichen uns immer wieder. Mit Menschen, denen es besser geht, mit Menschen, denen es schlechter geht, und natürlich auch mit uns selbst über die Zeit hinweg. Was fühlen wir dabei? Was können wir aus dem Vergleich mit anderen lernen?

Warum ist der erste Eindruck über eine Person so wichtig? Lässt sich ein schlechter erster Eindruck korrigieren? Gehen Experten anders vor, wenn sie sich einen Eindruck bilden? Was können wir tun, damit wir einen möglichst guten ersten Eindruck hinterlassen?

Was sind Stereotype und woher kommen sie? Welche Funktion haben sie in unserem täglichen Leben und wie helfen sie uns dabei, kognitive Energie zu sparen?

Der Schönheitsstereotyp: Werden schöne Menschen anders beurteilt? Sind sie intelligenter, erfolgreicher und sozial kompetenter? Warum haben es „die Schönen“ häufig leichter im Leben?

Diskriminierung bedeutet Verweigerung der Gleichbehandlung auf Grund der Gruppenmitgliedschaft einer Person unter Vernachlässigung ihrer individuellen Eigenschaften, Verdienste usw. Auch Sprache kann diskriminieren.

Neu: Das Minimalgruppen-Paradigma beschreibt eine experimentelle Vorgehensweise, bei der Menschen ganz beliebig in völlig unbedeutende Gruppen eingeteilt werden, z. B. in Klee- oder Kandinski-Fans. Obwohl die Gruppen keine Geschichte haben, die Mitglieder vollkommen anonym bleiben usw., reagieren Menschen in mancher Hinsicht ganz unerwartet.

Ein Stigma ist ein negativ bewertetes Merkmal einer Person – Beispiele sind körperliche oder geistliche Gebrechen, Langzeitarbeitslosigkeit, ungewöhnliche sexuelle Neigungen usw. Stigmatisierung enthält generalisierte Annahmen über Menschen mit Stigma mit weitreichenden Konsequenzen für die Betroffenen und das Zusammenleben als Ganzes. Warum ist Selbststigmatisierung nicht weniger problematisch?

Lügen ist ein sehr häufiges Alltagsphänomen. Woran kann man erkennen, ob bzw. wann jemand lügt? Gibt es unterschiedliche Arten von Lügen? Lügen Frauen anders als Männer und gibt es tatsächlich notorische Lügner?

Reziprozität: “Wie du mir, so ich dir” ist eine im Alltag wichtige Regel, die das Zusammenleben der Menschen entscheidend beeinflusst. Die soziale Norm, dass man Gefallen zurückzahlen muss, wirkt unbewusst und lässt sich nur schwer überwinden.


4. Soziale Beeinflussung

Sozialer Einfluss im Alltag: “Foot- in-the-door” oder “Door-in-the-face” sind zwei Techniken, die beim Verhandeln häufig eingesetzt werden. Wie funktionieren sie, wie kann man sie nutzen oder sich ggf. davor schützen?

Der autokinetische Effekt ist der Name für eine optische Täuschung, bei der sich ein Lichtpunkt in dunkler Umgebung zu bewegen scheint, obwohl er in Wirklichkeit feststeht. Der autokinetische Effekt wurde in einem klassischen Experiment zum Thema „soziale Beeinflussung“ genutzt, um zu demonstrieren, wie innerhalb von Gruppen Normen entstehen und aufrechterhalten werden.

Gruppendenken oder auch “Group Think” beschreibt ein Phänomen, bei dem bei Gruppenentscheidungen der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe wichtiger erscheint als die Beachtung realer Fakten. Unter Gruppendenken entscheiden Kommissionen, Vorstände aber auch Freundeskreise und Familien oft schlecht und an der Realität vorbei. Welche Bedingungen führen zum Gruppendenken und wie können Gruppen sich davor schützen?

Arbeiten Menschen besser in Gruppen oder alleine? Wie so oft bei solchen Fragen lautet auch hier die Antwort: Es kommt darauf an. Soziale Erleichterung findet man, wenn Aufgaben einfach zu erledigen sind. Geht es um schwierige Aufgaben, arbeiten Menschen dagegen besser alleine.

Soziales Faulenzen: Bei der Arbeit in Gruppen, neigen Menschen dazu, sich auf die Leistung der anderen zu verlassen. Wie stark der Kraftaufwand beim Einzelnen sinkt, lässt sich – beim Tauziehen zum Beispiel – sogar messen.

Emotionale Ansteckung: Menschen tendieren dazu, die Gefühle anderer Menschen unbewusst zu übernehmen. Wir imitieren Mimik, Gestik, Körperhaltung usw. eines Gegenübers und empfinden schließlich dasselbe.

Emotionen

Neu: Schlechte Laune? Was sind eigentlich Stimmungen und wie unterscheiden sie sich von Emotionen wie Freude oder Ärger? Und wenn wir einmal schlechte Laune haben, was können wir dagegen tun?

Was ist eigentlich Liebe? Menschen lieben ihre Partnerin oder ihren Partner, Familienmitglieder, Gott, die Natur, Haustiere oder ganz banale Objekte wie Autos oder Musikinstrumente können Objekt der Liebe sein. Merkmale sind Bindung, Nähe, Vertrautheit, Leidenschaft und vieles mehr.

Neu: Untreue ist ein Vertragsbruch zwischen Partnern. Unter welchen Bedingungen und in welchen Situationen werden Menschen untreu? Gibt es Menschen die eher zu Untreue tendieren? Und wie reagieren die Betrogenen?

Einerseits ein Liebesbeweis, andererseits eine Belastung für die Beziehung: Eifersucht kennen wir alle! Was verbirgt sich hinter dem Gefühl und was kann man dagegen tun?

Kann Gewalt in den Medien aggressives Verhalten begünstigen? Oder können Menschen vielleicht sogar ihr aggressives Potenzial durch Gewaltkonsum abbauen? Und über welche psychische Mechanismen wirkt Gewalt in den Medien auf das Verhalten?

Neu: Unsere Gespräche im Alltag folgen ihren eigenen Regeln – den Konversationsregeln. Diese Regeln lassen sich formulieren. Und manchmal werden sie auch bewusst verletzt, zum Beispiel um einen Witz zu produzieren. Denn was gesagt wird, ist noch lange nicht gemeint.


5. Fehlurteile & Selbsttäuschungen

Die Tendenz, das Verhalten anderer Menschen auf deren Persönlichkeitseigenschaften zurückzuführen, wird fundamentaler Attributionsfehler genannt. Wie kommt es dazu und welche Konsequenzen hat das?

Wenn eine Eigenschaft einer Person alles “überstrahlt”, spricht man in der Sozialpsychologie vom Halo-Effekt (deutsch Heiligenschein-Effekt).

Objektive Bewertungen vorzunehmen, fällt uns Menschen nicht immer ganz leicht. Der Rosenthal-Effekt beschreibt, wie sich unsere Erwartungen auf unsere Beurteilungen auswirken können.

Täglich begegnen wir unzähligen Menschen und Objekten. Unsere Bewertung derselben hängt auch davon ab, wie oft wir sie sehen bzw. wie oft wir sie schon gesehen haben. Dahinter verbirgt sich ein Phänomen, das Mere Exposure Effect genannt wird.

Priming bezeichnet einen Vorgang, bei dem ein Konzept (z. B. Tisch) ein anderes Konzept (z. B. Stuhl) aktiviert. Verwandte Konzepte rufen sich gegenseitig auf und beeinflussen so unsere Urteile und Verhaltensweisen, ohne dass es uns bewusst wird. Es können auch soziale Inhalte “geprimt” werden. So aktiviert etwa das Konzept “Professor” das verwandte Konzept “zerstreut”. Das kann unser Urteil über eine andere Person beeinflussen, insbesondere dann, wenn sie mehrdeutige Verhaltensweisen zeigt.

Im Nachhinein ist man immer klüger. Der Rückschaufehler (Hindsight-Bias) beschreibt das Phänomen, dass sich Menschen verzerrt an ihre Prognosen erinnern, sobald sie das tatsächliche Ergebnis kennen. Wie kommt es zu dem Gefühl, dass wir am Ende unsere Fähigkeit zur Prognose überschätzen? Und welche Konsequenzen hat diese Selbstüberschätzung?

Menschen tendieren dazu, Information bevorzugt zu verarbeiten, die dem entspricht, was sie schon immer gedacht und geglaubt haben. Wie führt uns der Confirmation Bias im Alltag in die Irre? Lassen sich eigene Urteile und Entscheidungen verbessern, wenn man auch nach Informationen sucht, die nicht dem entsprechen, was man bereits glaubt zu wissen?

Klingelt bei Ihnen auch immer das Handy, wenn sie gerade unter der Dusche stehen? Oder ist die Katze immer dann im Weg, wenn es am meisten stört? Tatsächlich haben Menschen häufig das Gefühl, dass zwei Ereignisse gemeinsam auftreten, auch wenn das objektiv gar nicht stimmt. Dieses Phänomen wird “Illusorische Korrelation” genannt. Was steckt dahinter und wie kann die Illusorische Korrelation dazu führen, dass Vorurteile gegenüber Minderheiten entstehen?

Dunning-Kruger-Effekt: Arbeite ich von allem im Team am meisten? Bin ich eine weit überdurchschnittlich gute Autofahrerin? Das glauben zum Beispiel 90 % aller Befragten. Wie kommt es zu dieser Art Selbstüberschätzung? Und welche Konsequenzen hat die Selbstüberschätzung? Warum überschätzen sich gerade diejenigen am meisten, die am wenigsten kompetent sind.

Mit künstlich erzeugter Sympathie, mit angeblicher Expertise und mit dem Hinweis, dass viele andere etwas auch gut finden, können menschliche Urteile und Entscheidungen im Alltag beeinflusst werden. Viele Verkäufer und Werbetreibende nutzen die Sympathie-, Experten- und Konsensheuristik, um ihre Waren und Dienstleistungen zu verkaufen.

Wie typisch ist ein Exemplar für eine Kategorie? Welche Lottozahlen sollte man also tippen? Die Repräsentativitätsheuristik führt Menschen manchmal aufs Glatteis.

Bei (Ein-)Schätzungen orientieren wir uns oftmals an Werten, die uns aktuell präsent sind. Zum Beispiel schätzen wir den Eiffelturm höher, wenn wir unmittelbar vorher an eine große Zahl gedacht haben, und niedriger bei einer kleinen Zahl. Dieses Phänomen wird Anker-Effekt genannt.

Neu: Das “Asian Disease Problem” ist eine Entscheidungssituation, bei der sich demonstrieren lässt, dass ein und dasselbe Problem unterschiedliche Reaktionen auslöst, je nachdem ob die Konsequenzen von Entscheidungen als Verlust oder als Gewinn “geframt” werden.

Dieser Blog-Artikel wird fortlaufend um neue Themen erweitert.

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Mensch ärgere Dich nicht

Bringen Ihre Kunden, Kollegen oder Ihre Vorgesetzten Sie manchmal zur Weißglut oder schimpfen Sie häufig über andere Menschen? Nörgeln Sie an anderen herum, obwohl Sie merken, dass Ihnen das nicht gut tut? Leider können wir es uns nicht immer aussuchen, mit welchen Charakteren wir es zu tun haben. Manche Menschen haben nun einmal Eigenschaften, die uns nicht gefallen, oder zeigen ein Verhalten, das uns stört. Wie kann es uns trotzdem gelingen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, ohne dass wir uns immer wieder über sie aufregen müssen?

Manfred Evertz – www.manfred-evertz-art.com

Wir alle haben gelernt, uns und andere Menschen auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen und einzuschätzen. Manchmal geraten wir aber gerade deshalb immer wieder in die gleichen Konflikte oder fühlen uns schlicht gesagt unwohl. Leider ändert sich ein Charakter nicht allein dadurch, dass wir uns über ihn ärgern. Deshalb lohnt es sich eventuell, die eigenen Bewertungen einmal zu hinterfragen. Doch wie kann man das auf möglichst einfache Weise tun?

Bezieht sich der Ärger auf die Eigenschaft oder das Verhalten eines Mitmenschen, kann es helfen, sich zu fragen, warum man darauf so emotional reagiert? Handelt es sich eventuell um eine „Überempfindlichkeit“? Um das herauszufinden, sollte danach geschaut werden, ob es vielleicht eigene Anteile gibt, die dazu führen oder geführt haben? Oder gab es in der Vergangenheit jemanden, an den oder die man durch die betreffende Person unwillkürlich erinnert wird?

  • Was genau ist es, das meinen Ärger auslöst? Worauf richtet er sich?
  • Warum reagiere ich so empfindlich bzw. emotional?
  • Welche Gefühle werden bei mir (noch) dabei ausgelöst und was bewirken sie? Kenne ich das aus meiner Vergangenheit? Kommt mir das irgendwie bekannt vor?

Leider ist es uns nicht immer vollständig bewusst, worauf wir bei einem Gegenüber so emotional reagieren oder warum wir es eigentlich tun. Dann kann es sein, dass unser Unterbewusstsein uns einen Streich spielt. Schauen wir uns deshalb zunächst einmal zwei in diesem Zusammenhang berühmt gewordene „Konfliktfallen“ an:

Projektion und Übertragung

Wahrscheinlich haben wir alle irgendwelche Facetten in unserer Persönlichkeit, die nicht mit unserem Ideal-Selbst korrespondieren, oder Wünsche, die wir uns nicht zu- oder eingestehen mögen. Das kann dazu führen, dass die entsprechenden Persönlichkeitsanteile, Bedürfnisse, Sehnsüchte etc. vom eigenen Erleben – so gut es geht – abgespalten werden. Wirkt das Verdrängte jedoch im Unbewussten weiter, kann das in der Begegnung mit anderen Menschen dazu führen, dass man es in ihnen erkennt bzw. zu erkennen glaubt. Wie sehr sich der Blick des Projizierenden dabei auf die Projektion verengt, hängt – so lässt es sich m. E. vermuten – vor allem vom Ausmaß des seelischen Konflikts ab. Im Grunde genommen setzt man sich in einem solchen Fall zwar mit sich selbst auseinander, wählt hierfür aber einen „Nebenkriegsschauplatz“. Der eigentlich im Inneren des Projizierenden liegende Konflikt wird also ausgelagert und im Außen ausgetragen. In jenen Augenblicken, in denen wir selbst projizieren oder auf eine unserer Projektionen reagieren, bemerken wir es in der Regel natürlich nicht. Eine unverhältnismäßig emotionale Reaktion auf eine andere Person, auf das, was jemand sagt, oder auf ein bestimmtes Verhalten, wäre aber möglicherweise ein Indiz.

Bei einer Übertragung erkennt man hingegen bei einem anderen Menschen etwas, das einem vertraut zu sein scheint, und reagiert in etwa so darauf, wie man es damals auch getan hat. Sigmund Freud beobachtete bei einigen seiner Patientinnen, dass sie ihm gegenüber im Verlauf der Therapie unangemessen intensive Gefühle von Liebe oder Hass entwickelten. Er betrachtete diese Gefühlsregungen als eine Art Neuauflage von Emotionen und Fantasien, wobei innere Vorgänge, die aus einer früheren, oft sogar frühkindlichen Beziehung resultieren, von dem einen Interaktionspartner gegenüber einem neuen Interaktionspartner wiederbelebt werden. Hatte ich bspw. einen autoritären Lehrer, der mich bei jeder Gelegenheit vor der gesamten Klasse bloßstellte, reagiere ich heute vielleicht besonders ängstlich, wenn ich Menschen begegne, die ähnlich resolut auftreten, da ich die Erwartung habe, diese würden sich auch so verhalten und nur auf eine Gelegenheit warten, in der sie mich kompromittieren können.

“Menschen, an denen nichts auszusetzen ist, haben nur einen, allerdings entscheidenden Fehler: sie sind uninteressant.” Zsa Zsa Gabor

Entwickelt sich aus dem Ärger allmählich ein handfester Konflikt, subjektiviert sich die Wahrnehmung in der Regel immer mehr. Im Angriffsmodus neigt unser Gehirn nämlich zum ressourcenschonenden Schemadenken. Dabei werden Informationen verzerrt, verdichtet, getilgt oder angereichert, damit sie besser ins eigene Wahrnehmungsraster passen und somit schneller verarbeitet werden können. Dadurch wird es keineswegs einfacher, mit der betreffenden Person zurechtzukommen.

Die oben angeführten Fragen können schon ein wenig dabei helfen, mögliche Projektionen oder Übertragungen zu entlarven. Einfach ist das allerdings nicht. Sollten Sie also weiterhin in Ihrem Ärger “feststecken”, dann sind die folgenden Tipps vielleicht hilfreich:

Neu- bzw. Umbewertung durch Reframing

Jede Wahrnehmung und Interpretation eines Ereignisses findet jeweils innerhalb eines gewissen (Bezugs-)Rahmens („frame“) statt, der charakteristisch für ein entsprechendes Denkmuster ist. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass jedem (erlernten) Verhalten eine positive Absicht zugrunde liegt und es mindestens in einem Zusammenhang nützlich ist oder war. Führt ein bestimmtes Selbstbild zu negativen Gefühlen oder die Verärgerung über die Art, wie andere sich verhalten, zu immer wiederkehrenden Konflikten, könnte ein Reframing hilfreich sein.

Beim Bedeutungsreframing werden Annahmen über kausale Zusammenhänge neu betrachtet, um jene Sichtweisen, die zu negativen Gefühlen und Gedanken führen, so zu erweitern, dass sie selbstwertdienlicher sind bzw. dass es einem besser damit geht. So muss der Grund dafür, dass jemand von seinen Kollegen so selten um Rat oder Hilfe gebeten wird, zum Beispiel nicht zwingend der sein, dass diese ihn für inkompetent halten. Es wäre ja auch möglich, dass sie ihn einfach ungern bei der Arbeit stören, weil sie schüchtern sind oder (zu) großen Respekt vor ihm haben. Diese erweiterte Sichtweise ermöglicht es dem Betroffenen dann, anders (z. B. verständnisvoller bzw. weniger feindselig) auf seine Kollegen zu reagieren, wodurch sich daraufhin wahrscheinlich auch der Kontakt zu ihnen verbessert bzw. dieser harmonischer und konfliktfreier wird.

  • Welche andere Bedeutung könnte das Verhalten Ihres Gegenübers haben?
  • Welche Motive könnten dem Verhalten zugrunde liegen? Welche (anderen) Beweggründe könnte es dafür geben?

Sollte das Reframing erfolgreich sein, dürften Sie das recht rasch feststellen. Aber auch das funktioniert leider nicht immer. Dann macht es m. E. Sinn, sich nochmals intensiver mit der Ursache für die Verärgerung zu befassen.

Emotionsregulation

Im Alltag neigen wir in der Regel dazu, „störende“ Gefühle (Wut, Ärger, Enttäuschung, Neid, Traurigkeit etc.) zu unterdrücken, um nach außen hin stabil zu erscheinen. Im geschützten Raum dürfen Sie sich aber auch mit ihnen befassen. Lassen Sie diese also einmal ihre volle Kraft entfalten, damit sie in ihrer tatsächlichen Intensität erlebbar werden und das, was sie Ihnen sagen wollen, besser zu Ihnen durchdringt und somit verstanden werden kann. Eine funktionale Selbststeuerung im Sinne einer gelingenden Emotionsregulation setzt nämlich voraus, dass man sich auch auf die “schwierigen” Gefühle einlassen kann, um zu schauen, was sie begründet und wie man mit ihnen umgehen möchte.

Schritt 1: Gefühlsaktualisierung

  • Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Ihr Ärger besonders deutlich wurde, und spüren Sie sich in diese hinein.
  • Was genau läuft dabei in Ihnen ab? Notieren Sie sämtliche Gedanken, Gefühle, körperliche Reaktionen (z. B. Zittern, Anspannung etc.) und Impulse, die Sie dabei wahrnehmen.
  • Wie verhalten Sie sich? Wie verhält sich die andere Person?
  • Welche Ziele und/oder Bedürfnisse haben Sie? Worum geht es Ihnen?

Schritt 2: Perspektivwechsel

  • Versetzen Sie sich bitte einmal in Ihr Gegenüber hinein und entwickeln Sie Hypothesen zu folgenden Fragen: Wie könnte das, was Sie sagen oder tun, auf diesen wirken? Welche Bedürfnisse könnte sie oder er haben? Warum verhält sie/er sich so?
  • Lassen Sie Ihr Gegenüber einmal ausführlich begründen (im Sinne einer Apologie), warum sie/er jene Eigenschaft entwickelt hat oder das Verhalten zeigt, worüber Sie sich ärgern.

Schritt 3: Ins Handeln kommen

  • Wie könnten Sie es schaffen, sich noch mehr über diese Person zu ärgern? Was genau müssten Sie dafür tun oder denken? Was wäre ein mögliches Gegenteil davon, d. h. wie könnten Sie Ihren Ärger abschwächen oder sogar auflösen? Was genau müssten Sie dafür tun oder denken?
  • In welchen Situationen haben Sie es in der Vergangenheit bereits geschafft, mit ähnlichen Menschen zurechtzukommen? Wie haben Sie das geschafft? Welche dieser Strategien könnte(n) Ihnen auch jetzt helfen? Wie ließe(n) sie sich umsetzen?
  • Sammeln Sie möglichst mehrere Ideen und entscheiden Sie sich dann für eine Strategie.

Sollte die Umsetzung Schwierigkeiten mit sich bringen oder unerwartete Folgen haben und eine „Nachbesserung“ erforderlich machen, gehen Sie noch einmal in die Reflexion: Was hat funktioniert und was nicht? Warum ist das so? Wie könnte Ihnen das, was gescheitert ist, künftig besser gelingen? Oder wäre es vielleicht ratsam, eine andere Strategie zu wählen? Welche? Wie genau wollen Sie sich künftig verhalten?

Fazit: “Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.” Konrad Adenauer

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