“Burnout nun doch amtlich? Eine Verschlimmbesserung!” von Prof. Dr. Matthias Burisch

Matthias Burisch, Burnout-Institut Norddeutschland (BIND)

Was für eine Überraschung. Da war gerade noch in spektrum.de zu lesen: „Seit mehr als 40 Jahren beschäftigen sich Forscher mit dem Thema Burnout, doch noch immer gibt es ihnen viele Rätsel auf. Eine genaue Definition fehlt bis heute.“ Oder, fast gleichzeitig, in einem Interview des Mitteldeutschen Rundfunks, einen prominenten Psychiater hören: „Es gibt auch keine klare wissenschaftliche Definition, was ein Burnout ist und es gibt auch keine offizielle Diagnose.“ Was heißt: Burnout gibt es eigentlich gar nicht!

Aber unmittelbar drauf diese Schlagzeilen: „Burnout-Syndrom: WHO definiert es als Krankheit“ (SPUTNIK NEWS, 26.5.19); „WHO erkennt Burn-out als Krankheit an“ (SPIEGEL ONLINE, 27.5.); „Burn-out erstmals als Krankheit anerkannt“ (ZEIT-ONLINE; 28.5.). Nanu!

Die WHO, das ist die Welt-Gesundheitsbehörde in Genf. Die gibt, alle paar Jahrzehnte neu, die ICD heraus, den internationalen Diagnoseschlüssel. In Deutschland ist das die Ärzte-Bibel. Und da soll nun, nach Jahrzehnten harter Kämpfe, Burnout aufgenommen werden?

Nein, bloß eine Zeitungsente. Noch am Dienstag gab es von SPON das folgende Dementi: „In einer früheren Version hieß es, die WHO habe Burn-out im ICD-11 erstmals als Krankheit anerkannt. Die Organisation hat die Angaben inzwischen präzisiert, wir haben den Text entsprechend korrigiert.“ Tatsächlich hat sich die WHO dazu durchgerungen, Burnout als „occupational phenomenon“ (berufsbezogenes Phänomen) zu bezeichnen, nicht jedoch als „medical condition“, was wohl „Krankheit“ bedeutet hätte. Dazu gibt es eine etwas ausführlichere Symptomliste als bisher. Und eine Einschränkung: Berufsbedingt muss die Sache sein! Diese Einschränkung gab es vorher nicht.

Verbessert sich nun die Lage für Betroffene?

Im Gegenteil. Die Krankenkassen werden Therapien weiterhin sowieso nicht übernehmen. Und: Es war schon bisher unklug, sich mit der Selbstdiagnose Burnout beim Arzt vorzustellen. Da könnte nämlich der Kontakt zum Gutachter Schaden nehmen. Zukünftig sollte man aber alle außer beruflichen Problemen gar nicht mehr erwähnen. Sonst muss der ja sofort abwinken — fällt nicht unter die offizielle Richtlinie! Arbeitslose und Hausfrauen brauchen sich sowieso gar nicht anzustellen.

Schon bisher habe ich Psychiatern und Psychotherapeuten, die Therapien verschreiben möchten, immer den Rat gegeben: Meide das B-Wort in deinem Gutachten! Denn da wird die Kasse hellhörig. Besser nimm amtliche ICD-10-Diagnosen. In Zukunft gilt zusätzlich: Alles unerwähnt lassen, was nicht arbeitsbezogen ist!

Die Regelung ist wirklich hanebüchen. Oft spielt bei Burnout die Berufsarbeit überhaupt keine Rolle. Denken wir an die Ehefrau, die die aggressive Schwiegermutter pflegt. Oder solo den hochproblematischen Nachwuchs erzieht. Auch die Liste der Symptome, wäre sie nicht eh irrelevant, ist äußerst dubios. Aber wer weiß, das war ja erst der Anfang. Vielleicht wird noch nachgebessert?

Von Ausbrennern und Einhörnern

Auch nach dem WHO-Beschluss wird voraussichtlich die Frage offen gehalten werden: Burnout — gibt’s das überhaupt? Jedenfalls in Deutschland. Dazu ein paar Argumente.

Bei Marsmenschen und Einhörnern können wir klar sagen: Nein, die gibt’s wirklich nicht. Aber der Fall Burnout ist auch nur scheinbar vergleichbar. Man kann nämlich Burnout weder sehen noch anfassen. Bei Begriffen dieser Art ist die Frage Gibt’s das? nicht sinnvoll gestellt. Sinnvoller ist die Frage: Ist es nützlich, einen neuen Begriff überhaupt einzuführen? Denn die Psychiatrie ist ja weiß Gott nicht arm an Begriffen. Nehmen wir, beispielsweise, die Depression. Burnout-Leugner sagen in der Regel: Depression, das haben wir immer schon gehabt, mehr braucht‘s nicht. Um dann im selben Atemzug zu erklären, dass Depressive ganz anders behandelt werden sollten als Ausbrenner! Die es ja angeblich gar nicht gibt. Das ist nicht frei von Komik.

In Kliniken passiert genau diese Trennung schon lange. Während man Depressionspatienten in Bewegung zu bringen versucht, auch rein körperlich, bremst man Burnout-Patienten vor übertriebenem Aktionismus aus.

Übrigens: Burnout hat es schon lange gegeben, vielleicht schon immer. Jedenfalls finden sich bereits in der Bibel zwei Fallstudien, natürlich nicht unter diesem Namen. Aber das ist ein längeres Thema.

Ab nach Holland!

Was möglich wäre, zeigt der Blick über eine nahe Grenze: In die Niederlande. Das dortige Krankenversicherungssystem ist anders aufgebaut als unseres. Dort kann man sich gegen gewisse Risiken einzeln versichern, auch gegen Burnout. Letzteres musste natürlich erst einmal definiert werden. Was in Deutschland für undenkbar gilt, gelang dort schließlich, nach einiger Vorarbeit zugegebenermaßen. Drei Spitzenverbände von Psychiatern und Psychologen einigten sich 2011 auf eine praktikable Definition (Übersetzung in meinen Büchern). Übrigens wird Burnout dort nicht auf das Arbeitsleben begrenzt.

Nicht in allen Details bin ich glücklich mit der Definition. Aber sie scheint zu funktionieren. Und Holland ist nicht in Nöte geraten. Das Gesundheitswesen ist nicht kollabiert. Auch aus Österreich und der Schweiz hörte man kürzlich ähnliche Entwicklungen. Wer weiß — vielleicht geht ja auch bei uns noch was, irgendwann?

Kontakt:

Literaturhinweise:

  • Burisch, Matthias (2014). Das Burnout-Syndrom (5. Auflage). Springer Verlag.
  • Burisch, Matthias (2015). Dr. Burischs Burnout-Kur – für alle Fälle. Springer-Verlag.

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Ist die Psychologie noch zu retten? Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Schönpflug

Das folgende Gespräch fand am 16. Mai 2019 in Berlin statt. Anlass war ein Artikel von Professor Schönpflug in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. März 2019 mit dem Titel „Ist das Ende der Psychologie gekommen?“, den Sie hier nachlesen können.

Ihre Vorlesungen zur Geschichte der Psychologie an der Freien Universität Berlin habe ich in guter Erinnerung. Ihr Lehrbuch „Geschichte und Systematik der Psychologie“ benutze ich immer noch als Nachschlagewerk. Sie haben uns damals in die lange Geschichte der Psychologie eingeführt. Nun haben Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben, dass das neue Psychotherapeutengesetz das Ende der Psychologie als breitgefächerte und vielseitig anwendbare einheitliche Disziplin einläuten könnte.

W.S.: Erinnern Sie sich noch an das Zitat von Franz Kafka? „Übelkeit nach zu viel Psychologie. Wenn einer gute Beine hat und an die Psychologie herangelassen wird, kann er … in beliebigem Zickzack Strecken zurücklegen wie auf keinem anderen Feld. Da gehen einem die Augen über.“ So habe ich mir das vorgestellt: Je nach Temperament springen oder wandern, jedenfalls mobil sein, auch mal schwindelig werden auf einem weiten Feld, auf dem als Grundlagenfächer Allgemeine Funktionenlehre, Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Sozialpsychologie gedeihen, dazu viele Praxisfächer wie Klinische und Pädagogische Psychologie, Wirtschafts-, Gesundheits-, Umwelt- und Rechtspsychologie. Wie sich dieses Ensemble geformt hat, habe ich in der von Ihnen genannten „Geschichte und Systematik“ zu erklären versucht.

Mir hat das viel Spaß gemacht. Aber viele Kommilitonen haben sich von Ihrer Begeisterung nicht anstecken lassen. Sie fragten: Wozu soll ich das lernen? Das bringt mir doch nichts für meinen Beruf!

W.S.: Ja, das hat mir leid getan. Ich schwankte: Sollte ich die Studenten bedauern, weil sie mich als Dozenten und Prüfer ertragen mussten, oder sollte ich mich bedauern, weil ich Studierende unterrichten und prüfen musste, die an meiner Lehre kein Interesse hatten.

Das ging ja nicht nur Ihnen mit Ihrer Allgemeinen Psychologie so. Unter der Methodenlehre haben noch viel mehr gestöhnt. Wozu Forschungsmethoden? Das spielt doch in der Praxis keine Rolle!

W.S.: Da prallten zwei Welten aufeinander – die Innenwelt der Wissenschaft in ihrer kleinen Welt des Labors und der Forschungsparadigmen und die Außenwelt mit ihren Problemen der Erziehung, der Arbeit, der Gesundheits-, der Rechtspflege … Das konnte auf Dauer nicht gut gehen.

Also ein Krach? Eine Revolution?

W.S.: Der Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Psychologie hat es bei der Anhörung im Gesundheitsministerium im März einen Quantensprung genannt. Ich will nicht dramatisieren. Die Tatsachen sind die folgenden: Es kommt ein neues Psychotherapeutengesetz. Danach kann man sogleich nach fünf Studienjahren die staatliche Approbation für Psychotherapie erhalten – für Patienten aller Altersstufen. Voraussetzung ist: Man muss in den fünf Jahren die – wie es im Gesetz heißt – für eine psychotherapeutische Versorgungen erforderlichen grundlegenden Kompetenzen erworben haben. Die Kompetenzen erwirbt man in einem vom Gesundheitsminister verordneten Studienprogramm, das drei der fünf Studienjahre umfasst. In einer ersten Umfrage hat sich eine Mehrzahl der Universitätsinstitute in Deutschland bereit erklärt, das vom Ministerium verordnete Studium bis zum kommenden Jahr einzurichten. Viele Studierende, die Psychotherapeuten werden wollen, werden hoch zufrieden sein. Die ungeliebten Grundlagenfächer werden im Ministerprogramm auf einen Anstandsrest von insgesamt etwa einem halben Semester geschrumpft sein, schon im Grundstudium gibt es Praxisanteile – es geht also gleich los mit Psychotherapie satt.

Wird also aus dem Studium der Psychologie ein Studium der Psychotherapie?

W.S.: Der Gesundheitsminister selbst hat in einer Pressemitteilung den neuen Studiengang „Psychotherapie“ genannt und den Begriff „Psychotherapiewissenschaft“ verwendet. Der Fakultätentag Psychologie, der die deutschen Institute vertritt, will dafür Ressourcen des bisherigen Psychologiestudiums einsetzen. Das zukünftige fünfjährige Studium, das die Approbation voraussetzt, soll ein Bachelor-/Masterstudium der Psychologie sein – eben mit 60% heilkundlich relevanten Lehrveranstaltungen. Ein Studiengang Psychologie mit 60% Psychotherapie? Ich denke: Das kann doch nicht das weite Feld sein, auf dem man – wie ich vorhin zitierte – in beliebigem Zickzack große Strecken zurücklegt. Da wird´s doch eng. Und weil man auf dem engen Feld mehr Kapazität für Klinische Psychologie braucht, muss nichtklinische abgebaut werden.

Der Fakultätentag sieht das anders. Er sagt erstens: Die Institute brauchen ja nicht alle ihre Studienplätze für das approbationsgerechte Studium zu vergeben; sie können einen Teil für ein anderes, komplett polyvalentes – wie der Fakultätentag sagt – Studium vorsehen. Und zweitens: Es gibt ja noch 40% Studienzeit, die nicht für Psychotherapie reserviert ist; da kann man noch jede Menge andere, polyvalente – wie der Fakultätentag sagt – Psychologie unterbringen. Und drittens: Für den Mehrbedarf an Klinischer Psychologie gibt es neue Haushaltsmittel.

W.S.: Die Entscheidung darüber werden letztlich die Studierenden treffen. Schon jetzt ist die Nachfrage nach Ausbildung in Klinischer Psychologie groß. Und der Gesundheitsminister hat recht, wenn er vor der Presse verlautbart, die Approbation als Abschluss werde das neue Studium der Psychotherapie noch attraktiver machen. Wenn also ein Ansturm auf das approbationsfähige Psychotherapiestudium einsetzt und Plätze für einen nicht approbationsfähigen Psychologiemaster übrig bleiben, werden Universitätsverwaltungen und Verwaltungsgerichte dafür sorgen, dass umgeschichtet wird. Und zum Zweiten: Wenn die meisten angehende Psychotherapeuten nun einmal keinen Spaß an Grundlagen- und Methodenfächern sowie an nichtklinischen Anwendungen haben, dann werden sie ihre 40% vom Gesundheitsminister nicht beanspruchten Studienzeiten anderen Fächern widmen, die ihnen mehr Spaß machen und für ihren späteren Beruf mehr zu bringen versprechen: Zum Beispiel Familiensoziologie oder Interkulturelle Studien oder gender studies. Das erlaubt der Gesundheitsminister ausdrücklich. Denn er verlangt als Ergänzung zu seinem Pflichtprogramm ein Studium von Bezugswissenschaften. Psychologie ist eine dieser Bezugswissenschaften, aber eben auch nur eine von vielen wählbaren. Wie viele Wissenschaften stehen doch in Bezug zu einer Psychotherapie in der modernen Gesellschaft! Und zum dritten Punkt: Den Universitätskanzler gibt es wohl nicht, der für eine Reform der Psychotherapieausbildung mehr Geld ausgibt, wenn diese gleichzeitig im weiteren Bereich der Psychologie Einsparungen ermöglicht.

Also ein Ende der Psychologie! Gibt es da noch eine Rettung?

W.S.: Also erst einmal: Ich habe nicht den totalen Untergang der Psychologie vorhergesagt. Ich habe nur geschrieben: Die Psychologie hierzulande war bisher eine breitgefächerte, vielseitig anwendbare Einzeldisziplin. Damit ist Schluss, wenn die Psychotherapie jetzt rausgeht und sich als Psychotherapeutenberuf und als Psychotherapiewissenschaft – so steht das im Gesetz – verselbständigt. Insofern: Wende, Ende. Und hinzu kommt die Sorge: Bleibt genug für den Rest, wenn die Psychotherapie bei ihrem Auszug Ressourcen mitnimmt?

Sie haben gerade gesagt: Der Rest wird nicht groß sein, wird vielleicht gegen Null gehen, wenn sich alle Studierende nur auf Psychotherapie stürzen. Wenn dem so wäre, gäbe es bei uns bald nur mehr approbierte Psychotherapeuten.

W.S.: Mit einer bedeutsamen Einschränkung: Der Gesundheitsminister will die Zahl der Approbationen deckeln. Man spricht jetzt von knapp 3.000 Approbationen im Jahr. Wir haben gegenwärtig etwa 4.000 Masterabschlüsse. Das gibt entweder ein Hauen und Stechen um die Zulassung zur Approbation – und zwar erst nach Studienabschluss. Oder es wird bereits die Zulassung zum Psychotherapiestudium auf 3.000 landesweit gedeckelt. Dann bliebe freilich Kapazität übrig für nicht heilkundliche Psychologie.

Die könnte dann für die Ausbildung in Wirtschaftspsychologie, Schulpsychologie usw. eingesetzt werden.

W.S.: Ja, aber wieder mit einer Einschränkung: Das müssen die Studierenden wirklich wollen. Sie dürfen nicht Druck machen und eine Erhöhung der Zulassungen zum Psychotherapiestudium und zur Approbation fordern. Wir brauchen keine psychologischen Studiengänge für junge Leute, die frustriert sind, weil sie nicht zum Studium der Psychotherapie zugelassen wurden. Das ist es, was mich am Konzept des polyvalenten Studiums stört, das neben dem Psychotherapiestudium angeboten werden soll: Es kann allzu leicht negativ bestimmt werden – als Psychologie, die alles ist nur keine Psychotherapie. Bei der verbreiteten Erwartungshaltung ist das wie Kuchen ohne Rosinen.

Das gilt auch für Auftrag- und Arbeitgeber. Wenn ein polyvalent ausgebildeter Psychologe mit einem Mastergrad bei einem Auftrag- oder Arbeitgeber erscheint, der ein wenig Bescheid weiß, wird der möglicherweise fragen: Warum hat der keine Approbation? Soll ich nicht lieber einen Psychologen mit Approbation nehmen?

W.S.: Das vermeidet man, wenn man Studiengänge und Abschlüsse positiv bestimmt. Etwa durch bedeutsame Anwendungsfelder: Erziehung, Arbeit, Markt, Verkehr, Recht. Da gibt es viele Optionen, und man braucht das nicht knapp zuzuschneiden. Da kann man Cluster bilden – zum Beispiel Personalentwicklung, Training, Coaching, Marketing u. Ä.. Eine solche Aufzählung ist selbstverständlich viel zu umständlich. Da muss ein einheitliches Konzept her wie für ein neues Produkt, und ein neues Produkt braucht einen schlagkräftigen Namen, gern ein Anglizismus –beispielsweise für den genannten Cluster: Human economics / Humanwirtschaft. Klingt schrecklich, aber irgendwie so …

Ähnlich müsste es auch gehen in einem Cluster Erziehung/ Bildung/ Medien. Ich weiß, es gibt bereits Überlegungen zu einem weiteren Studiengang Human Engineering / Cognitive Ergonomics. Ein Cluster braucht nicht an allen Orten vertreten zu sein, aber doch wenigstens dauerhaft paarmal im Land. Dafür könnte man selbstbewusst werben, und wenn´s glückt, Studenten anziehen, die es begeistert. Und dann hat man sowohl Studierende als auch Abnehmer, welche die Ausbildung zu schätzen wissen.

Human Economics, Human Engineering – nicht Wirtschaftspsychologie, Arbeitspsychologie? Gibt es dann gar kein Studium mit „Psychologie“ mehr?

W.S.: Name ist Schall und Rauch. Oder ist nomen doch omen? Ich habe die Mode der Neubenennungen nicht erfunden. Ich habe mich als experimenteller Psychologie nie Hirnforscher genannt. Aber neue Namen schwirren herum und signalisieren Originalität, Eigenständigkeit. Was viel gravierender ist, als solche Sprachspiele: Ich schlage gerade vor, für einzelne Anwendungsfelder eigene Studiengänge zu konstruieren. Dabei führe ich gedanklich fort, was mit dem Auszug der Psychotherapie begonnen hat, und lande bei einer weiteren Teilung der Psychologie als einheitlicher Disziplin. Und Sie haben richtig bemerkt: Dabei geht ganz schnell die Bezeichnung Psychologie verloren. Aber Sie haben gefragt: Gibt es noch eine Rettung? Und ich antworte: Für unsere großen Anwendungsfelder könnte das eine Rettung sein.

Die bisherige Bachelor-/Masterausbildung in Fortführung der Diplomausbildung ist Ihrer Meinung nach ein Auslaufmodell?

W.S.: Ja.

Und damit auch der akademisch gebildete All-Round-Psychologe?

W.S.: Ja.

Ich bin erstaunt. Sie argumentieren gar nicht mehr wissenschaftsimmanent. Sie sprechen gar nicht mehr – wie vorhin – von einem großen Feld, in dem man wandert und springt zum eigenen Vergnügen. Sie argumentieren wie ein Unternehmensberater, der eine Firma zerlegt, um sie besser zu vermarkten.

W.S.: Oder um die Firma zu retten. Danach haben Sie doch gefragt: Gibt es eine Rettung für die Psychologie als akademisches Fach? Warum kann sie denn nicht weitermachen wie bisher? Weil sich ihre Bestandsbedingungen geändert haben. Es heißt nicht mehr: Ist sie sich selbst genug? Es heißt: Wie wird sie nachgefragt? Ja, wir sind ein Marktobjekt. Und die Psychotherapie ist – marktwirtschaftlich gesprochen – unser Filetstück. Die Psychotherapie ist die Task Force der Gesellschaft gegen psychische Störungen. Und psychische Störungen haben Karriere gemacht in unserer Gesellschaft: Nach Gesundheitssurvey machen sie 30% aller Erkrankungen von Erwachsenen aus. Laut Swiss Life, dem Lebensversicherer, sind in Deutschland 37% der Fälle vorzeitiger Berufsunfähigkeit psychisch bedingt. Das kostet Milliarden an Arbeitsausfällen, für Therapie und Rehabilitation. Deshalb hat auch der Gesundheitsminister eingegriffen. Nun geht das Filetstück weg. Und wir müssen erkennen: Es war der Garant unseres Wachstums.

Wie meinen Sie das? Welches Wachstum meinen Sie?

W.S.: Ich meine das Wachstum der Psychologie an den deutschen Hochschulen. Gegenwärtig studieren rund 80.000 Personen Psychologie. In den 1960er-Jahren waren es keine 10.000. Entsprechend ist das Lehrpersonal gewachsen auf rund 1.000 Professoren und 3.000 weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Von dem Wachstum haben aber doch alle Fächer profitiert.

W.S.: Das ist doch das Problem. Die Studierenden sind zu tausenden in das Studium der Psychologie gekommen, und wir haben ihnen experimentalpsychologische Praktika und Statistikveranstaltungen und viele Grundlagen angeboten. Aber die meisten wollten das gar nicht. Die wollten Psychotherapie. Und um Weiterbildung in Psychotherapie zu bekommen, mussten sie vorher das Psychologendiplom machen. Das war zunächst nicht bindend, doch ab 1998 durch das erste Psychotherapeutengesetz so geregelt. Und weil sie das Diplom wollten oder brauchten, haben sie die ungeliebten Veranstaltungen absolviert. Wir sprachen doch am Anfang davon. Je mehr Hörer und Prüflinge ich hatte, desto mehr kamen nur, weil sie meine Scheine und Noten wollten. Andererseits: Je mehr sich einschrieben, desto mehr Stellen bekamen wir. Der Ansturm auf die polyvalente Psychologie war eine sehr nützliche Illusion. Und die Illusion war auch selbstdienlich, weil wir uns ein wenig schmeicheln konnten, wir seien attraktiv, weil alle unsere Wissenschaft so gut war.

Doch warum diese Trennung von Psychologie und Psychotherapie? Ist Psychotherapie nicht aus der Psychologie hervorgegangen? Der Wissenschaftsrat hat ja kürzlich erst festgestellt: Psychologie ist die Mutterdisziplin der Psychotherapie.

W.S.: Da muss ich weiter ausholen. Da muss ich erst einmal etwas sagen zur Schichtung der Psychologie. Psychologie ist ja ein Kulturphänomen, sie steckt erst einmal in unserer Sprache und unseren Bräuchen. Mein Lehrer Fritz Heider nannte das „Naive Psychologie“, und damit war überhaupt nichts Abschätziges gemeint. Naiv bedeutete nur implizit, also nicht zur Sprache gebracht. Das ist die erste Schicht. Nun kommen Gelehrte und machen Psychologie explizit; sie bringen sie auf Begriffe und zur Sprache, suchen sie zu ergründen und zu erweitern. Die doctores und professores, die an den höheren Lehranstalten ihr Brot verdienen, sind kluge Leute, manche richtige Hochleistungsintellektuelle. Aber sie sind selbstbewusst, igeln sich ein in ihren akademischen Institutionen, ergänzen sich meist durch Berufung von Gleichgesinnten und Nachwuchspflege. Sie ereifern sich über Prinzipien, streben nach Generalisierung. Dafür ist die Welt zu komplex. Daher abstrahieren sie die Wirklichkeit in ihrem Denken und vereinfachen sie in ihren Laboratorien. So gelangen sie zu eindrucksvollen Erkenntnissen und nennen diese Wissenschaft. Das ist eine zweite Schicht. Zwischen naiver und wissenschaftlicher Psychologie bleibt viel Raum. Da siedelt sich eine weitere Schicht an, die bezeichne ich in Anlehnung an den von mir sehr geschätzten Max Dessoir „Popularpsychologie“. Das ist wieder nicht abschätzig gemeint, sondern höchst respektvoll. Es ist die Psychologie der Bürgergesellschaft, die im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung nimmt. Erzieher, Geistliche, Ärzte, Justizbeamte und Andere diskutieren und schreiben da über „Seelennatur-, Seelenkrankheits- und Seelenheilkunde“. Die Kunst nimmt regen Anteil und überhaupt die Öffentlichkeit. So kommen Konzepte wie „Unbewusstes“ auf. Berater, Lehrer, Nervenärzte propagieren eigene Theorien und Methoden. Es entstehen Richtungen wie die Psychagogik und die Psychoanalyse.

Die Wissenschaft an den akademischen Institutionen hat sich gegenüber diesen Richtung weit überwiegend distanziert oder sogar ablehnend verhalten. Kognitive Richtung erschienen zu wenig originell, weil sie bekannte antike Redekünste zur Sinngebung und Wertsetzung auffrischen; psychoanalytische Richtungen waren mit scharfsinnigen, mitunter an Tabus rührenden Annahmen über das Unbewusste originell, doch erschienen sie zu spekulativ. Die psychoanalytische Bewegung zog aus der Ablehnung eine doppelte Konsequenz: Sie richtete eigene Ausbildungsinstitute ein und ließ zur Ausbildung auch Laien zu, insbesondere ärztliche Laien. Aus einer popularpsychologischen Bewegung ging also eine Expertengruppe mit eigenen Konzepten und eigener Praxis hervor. Doch sie organisierte sich privat, blieb jedenfalls vor den Toren der akademischen Institutionen. Oder doch nicht ganz? Die Nervenärzte unter den Experten waren ebenfalls akademisch ausgebildet, durften sich „Doktor“ nennen. Im Unterschied zu den anderen, den nicht-ärztlichen Beratern und Therapeuten.

Ich erzähle hier lange und doch recht verkürzt.

Das ist schon in Ordnung. Das kann man in Ihrer „Geschichte und Systematik“ ausführlich nachlesen und in knapper Form in Ihrem Kurzlehrlehrbuch „Psychologie – historisch betrachtet“. Der Springer Verlag hat mir erlaubt, das Kapitel „Psychotherapie als Heilberuf“ als Leseprobe zu verlinken unter: https://psyche-und-arbeit.de/?page_id=13028. Da kann man also nachlesen: Sie unterscheiden eine Psychologie im akademischen Format und daneben eine aus Praxis hervorgehende Expertenpsychologie. Diese Auffassung ist sicherlich nicht mainstream. Der mainstream bevorzugt das Scientist-Practitioner-Modell. Das Modell verknüpft Ihre beiden Schichten: Die Expertenpsychologie aus der Praxis bringt ihre Konzepte in den Kontext der akademisch gepflegten Theorie ein, profitiert von ihren Methoden und steigert damit ihre Qualität. Eine doppelte win-Situation übrigens, weil die akademischen Vertreter ihrerseits einen theoretisch-methodischen Input erhalten, ihren Realismus erhöhen und ihre gesellschaftliche Relevanz.

W.S.: Der Begriff Scientist-Practitioner stammt aus den USA der 1930er-Jahre, und er war nicht zuletzt auf das dortige „clinical movement“ gemünzt. Es ging darum, an Universitäten als Alternative zu den psychologischen Laboratorien „psychological clinics“, also Ambulatorien zur psychologischen Beratung und Behandlung zu schaffen. Dabei galt in der Tat die Idealvorstellung, Praxis wissenschaftlich zu begründen und Wissenschaft durch Konfrontation mit praktischen Problemen lebensnäher zu gestalten. Die klinische Bewegung umfasste neben Erziehungsberatung auch Behandlung von Störungen – oft schwer zu unterscheiden. Um Protagonisten wie Aaron T. Beck bildeten sich eigene Gruppen, genannt „Schulen“. Die so in den USA aufkommende, immer stärker werdende Klinische Psychologie breitete sich dann seit den 1970er-Jahren auch in Europa und in Deutschland aus. Die Universitäten richteten Professuren für Klinische Psychologie ein, ja sogar „clinics“ für ambulante Behandlungen. Berufenere als ich müssen feststellen, wie weit damit die Idealvorstellung der wissenschaftlich fundierten Praxis verwirklicht wurde.

Das klingt sehr skeptisch. Haben Sie Zweifel?

W.S.: Der praktische Nutzen der Klinischen Psychologie ist unbestreitbar. Über ihre wissenschaftliche Fundierung will ich mir wirklich kein Urteil erlauben. Aber ein wenig sauer bin ich schon. Wir haben ja schon zu Beginn von meinen Schwierigkeiten mit Studenten gesprochen und deren Schwierigkeiten mit mir. Ich habe mich bemüht, gute Wissenschaft zu vermitteln. Und wie oft habe ich hören müssen: Nein danke – wir interessieren uns mehr für Klinische. Und dann habe ich gefragt: Warum seid ihr hier? Und so bin ich zur Erklärung gelangt: Man kann den Scientist-Practitioner unter zwei Aspekten sehen, einem genuinen und einem sozialen. Unter dem genuinen Aspekt verbindet er Wissenschaft und Praxis; dabei treiben sich Wissenschaft und Praxis gegenseitig. Unter dem sozialen Aspekt ist der Scientist-Practioner ein Praktiker, der zugleich einen Platz unter den Wissenschaftlern hat.

Also er ist Wissenschaftler und Praktiker, aber seine Praxis hat nicht unbedingt etwas mit seiner Wissenschaft zu tun. Und was bringt das?

W.S.:  Akademisch betriebene Wissenschaft ist ja ein Prestigeobjekt und in vielen Bereichen ein ungeheurer Fortschrittsmotor. Seitdem Preußen ein Staatsexamen eingeführt hat, mit dem sich Juristen für den Staatsdienst qualifizieren können, haben immer mehr akademische Fächer berufsqualifizierende Studienabschlüsse eingeführt und damit ihren Absolventen eine berufliche Laufbahn eröffnet. Die Psychologie ist gefolgt – zunächst mit ihrer Diplomprüfung. Die psychologischen Berater und Behandler hatten nun lange zwei Probleme: Ein äußeres Problem: Es fehlte dem Beruf die formelle akademische Anerkennung. Allerdings galt das nicht für alle Vertreter des Berufs in gleicher Weise. Denn einige waren als Ärzte ausgewiesen, verfügten also über eine akademische Zugehörigkeit. Das schuf wiederum ein inneres Problem: Ungleichheit von ärztlichen und nicht-ärztlichen Psychotherapeuten. Um gleichzuziehen, absolvierten die Nichtmediziner ein anderes Studium, vorzugsweise Psychologie, das ja nach populärem Verständnis den Rahmen der Psychotherapie bildet. So bekamen alle einen akademischen Status. Diese Regelung war viele Jahre informell. Doch 1998 wurde – wie bereits erwähnt – die Regelung in Deutschland gesetzlich, kurz danach ebenfalls in Österreich. Der Beruf des Psychotherapeuten für Erwachsene setzt seitdem ein Studium der Psychologie voraus. Für Kinder- und Jugendpsychotherapie wurde ein Studium der Pädagogik Voraussetzung. Leider stimmte das populäre Verständnis von Psychologie nicht mit dem überwiegenden Selbstverständnis der akademischen Psychologie an den Universitäten überein, und so kam es zu dem quälenden Nebeneinander.

Insofern ist es konsequent, wenn sich die Psychotherapie nun mit einem eigenen Studiengang verselbständigt.

W.S.: Ja. Es tut nur den Anderen weh, wenn damit so viele Mittel von der verbleibenden Psychologie abgezogen werden.

Wir sprechen von der Rettung der verbleibenden Psychologie. Sie sehen eine Aussicht auf Rettung für psychologische Studiengänge mit klarem Fokus auf Praxisbereiche wie Arbeit/Wirtschaft oder Erziehung/Bildung. Haben wir es da nicht auch mit der von Ihnen beschriebenen Schichtung zu tun?

W.S.: Selbstverständlich. Es gab und gibt doch Lehrer, Ökonomen, Richter, die sind gute Psychologen, ohne Psychologie studiert zu haben. Ihre Expertise schlägt sich in selbständigen Lehren nieder wie Pädagogik und Arbeitswissenschaft, aber auch in psychologischen Spezialdisziplinen wie Pädagogische Psychologie und Arbeitspsychologie.

Und wie beurteilen Sie das Wissenschafts-Praxis-Verhältnis in diesen Disziplinen – eher genuin oder eher sozial?

W.S.: Beziehungen sind immer auch Sozialbeziehungen. Aber hier sehe ich doch mehr genuine Wissenschafts-Praxis-Beziehungen, Synergien. Insbesondere gibt es engere Verbindungen zu Grundlagenfächern wie Entwicklungs- und Sozialpsychologie, Kognitions- und Handlungspsychologie, mehr Aufmerksamkeit für nicht intuitive wissenschaftliche Methoden.

Nun sind wir zu den Grundlagen- und Methodenfächern gekommen. Sind die zu retten als Teile von praxisfokussierten Studiengängen?

W.S.: Das könnte ein Weg sein.

Und ein eigener Studiengang „Psychologische Grundlagen und Methoden“?

W.S.: Das wäre schön. Aber immer wieder: Dafür muss man Studierende gewinnen. Das können wir nur, wenn wir ihnen eine berufliche Perspektive bieten. Dafür reicht der Personalbedarf der Hochschulen allein nicht. Wenn Hochschulen nur für die Hochschullaufbahn ausbilden, produzieren sie zu viele frustrierte Privatdozenten. Aber es gibt eine Perspektive außerhalb der Hochschulen. Die Bundesregierung und die Wirtschaft investieren viel Geld in außeruniversitäre Forschungsinstitute – etwa die nach Leibniz, Max Planck, Fraunhofer benannten. Außeruniversitäre Forschung – das könnte für Absolventen eines auf Grundlagen und Methoden fokussierten Psychologiestudiums das rettende Ufer sein.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Sind Sie sehr enttäuscht, Herr Schönpflug? Es geht ja auch um Ihr Lebenswerk.

W.S.: Ich klage nicht. Ich bin ja kein Akteur mehr. Ich bin nur noch Betrachter. Ich beobachte und analysiere – aus einer historischen Perspektive, auf einer Metaebene. Ich bin überzeugt: Rekonstruktion der Vergangenheit ist gut für die Diagnose der Gegenwart. Wenn es mir gelingt, das zu vermitteln, bin ich zufrieden. Vielleicht hilft das den aktiven Kolleginnen und Kollegen, das Bestmögliche aus der gegenwärtigen Situation zu machen.

Wolfgang Schönpflug

  • Geboren 1936 in Berlin. Studium der Psychologie, Physiologie, Betriebswirtschaftslehre an der University of Kansas, Lawrence, Kansas (USA) und Frankfurt am Main.
  • Wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Frankfurt a. M. (Prof. Rausch) und Bochum (Prof. Heckhausen). 1967 Dozent, 1969 Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Universität Bochum. Seit 1974 Professor für Psychologie (Schwerpunkt Allgemeine Psychologie) an der Freien Universität Berlin (seit 2003 emeritiert).
  • Mitwirkung in örtlichen und überregionalen Studienreformkommissionen. Erster Vorsitzender der Sektion Ausbildung (jetzt: Aus-, Fort- und Weiterbildung) des Berufsverbands deutscher Psychologen (jetzt: Psychologinnen und Psychologen). 2016 Goldene Ehrennadel des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Literaturhinweise:

  • Schönpflug, W. (2006). Einführung in die Psychologie. Weinheim: BeltzPVU (2012 Lizenzausgabe Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
  • Schönpflug, W. (2013). Geschichte und Systematik der Psychologie. Weinheim: Beltz (dritte, neu bearbeitete Auflage).
  • Schönpflug, W. (2016). Psychologie – historisch betrachtet. Wiesbaden: Springer.

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Einschärfungen & Lebensskript

Wie kann man tief sitzende und blockierende Verhaltens- und Reaktionsmuster dauerhaft auflösen und somit in möglichst kurzer Zeit nachhaltige Veränderungen bewirken? Auf diese Frage gibt es wohl ganz unterschiedliche Antworten. Ein Ansatz, der mir in diesem Zusammenhang besonders zusagt, stammt aus der Transaktionsanalyse. Hierbei wird davon ausgegangen, „dass Menschen in der Kindheit eine Kombination von Glaubenssätzen und Verhaltensmustern entwickeln, die dazu führt, dass sie immer wieder auf die gleiche Art und Weise agieren“ (Dehner & Dehner, 2013). Eric Berne sprach in diesem Zusammenhang von einem ‘Skript’ (oder auch Drehbuch), also von einem unbewussten Lebensplan, der immer wieder zu ganz bestimmten Ereignissen führt.

Das Drehbuch unseres Lebens

Leonhard Schlegel (2002) äußert sich in seinem „Handwörterbuch der Transaktionsanalyse“ dazu wie folgt: „Die Skriptentscheidung ist nach Berne die Entscheidung zu einem bestimmten Selbst- und Weltbild und für ein bestimmtes Verhalten, mit welcher der Betreffende das Leben im Rahmen dieses Selbst- und Weltbildes bestehen werde. Was dem Betreffenden im Laufe des Lebens begegnet, wird im Sinn dieser Entscheidung ausgelegt werden, so dass sich die Richtigkeit der Entscheidung fortlaufend selbst bestätigen wird. Nach Berne wird die Skriptentscheidung bis zum sechsten oder siebenten Lebensjahr gefällt, nach […] anderen Autoren […] manchmal sogar […] später.“

Dehner und Dehner (2013) stellen allerdings Folgendes fest: „Nicht bei jedem Menschen ist [ein derartiges] Skript in gleichem Maße ausgeprägt. Manche Menschen haben Skriptglaubenssätze, die zwar vorhanden sind, [die] ihr Leben auf nur vergleichsweise gering beeinträchtigen, während bei anderen das Leben davon […] dominiert wird. Wie stark sich das Skript [tatsächlich] auswirkt, hängt davon ab, wie intensiv die Gebote [Antreiber] und Verbote [Einschärfungen] vermittelt wurden.“ Wer Bezugspersonen hatte, „die die Einschärfungen von Mutter und Vater relativierten, weil sie ganz andere Botschaften vermittelten“, ist ihrem dysfunktionalen Einfluss wahrscheinlich weniger stark ausgeliefert.

Veränderung ist möglich!

Einschärfungen haben ihren Ursprung demzufolge meistens in der Kindheit, d.h. in unüberlegten Aufforderungen der Eltern bzw. der Bezugspersonen in der emotionalen Beziehung zum Kind. Anfänglich werden sie nonverbal bzw. atmosphärisch vermittelt und im Zuge der Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten des Kindes verbal untermauert. Sie können sich im weiteren Verlauf in einer Grundstimmung manifestieren, die daraufhin charakteristisch für das Leben der Betroffenen ist. Einschärfungen können somit das Lebensskript eines Menschen maßgeblich beeinflussen, indem sie zu einem sogenannten „subjektiven Imperativ“ werden, also. zu einer Art inneren Stimme, die befiehlt, dass etwas auf eine ganz bestimmte Art und Weise geschehen muss bzw. dass etwas auf gar keinen Fall geschehen darf, und die gleichzeitig verlangt, dass von dieser Vorstellung nicht abgewichen werden darf.

Die transaktionsanalytische Neuentscheidungstherapie geht von der Annahme aus, dass alle Kinder Entscheidungen in Bezug auf sich und andere treffen, um sich an ihre Umgebung anzupassen. Auf diese Weise entwickeln sie ihr eigenes Lebensskript. Mary McClure Goulding und Robert L. (Bob) Goulding waren der Ansicht, dass Einschärfungen nicht automatisch in dieses Skript integriert werden, sondern dass sich die Kinder dafür „entscheiden“, auf eine bestimmte Art zu leben bzw. zu sein. Hierbei ist anzumerken, dass sie dies nicht mittels rationaler Erwägungen tun, sondern sie bei diesen Entscheidungen vor allem von Emotionen sowie ihrer Weise, die Realität zu erfassen, beeinflusst werden. Das Ziel dabei ist es, zu überleben und die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu gewährleisten. Diese frühen Entscheidungen können sich im weiteren Verlauf des Lebens äußerst dysfunktional auswirken, allerdings besteht auch im Erwachsenenalter noch die Möglichkeit, sie zu revidieren und damit Entwicklungspotenziale freizusetzen. Abzuraten ist deshalb davon, die Betroffenen nach Begründungen (oder „guten Gründen“) für den dysfunktionalen Imperativ zu fragen, da dies eine (heilsame) „spontane Einsicht“ verhindern und zu dessen Zementierung führen könnte. Eine Würdigung, wie sie bspw. bei den Antreibern empfohlen wird, sollte bei ihnen also keinesfalls erfolgen.

Manfred Evertz

Günther Mohr (s. u.) zufolge wird das Lebensskript „allgemein als sehr beständig angenommen. Versuche, das Gegenteil in einer Art Gegenskript zu leben (“counterscript”), sind nicht Erfolg versprechend […]. Für das Skript sind intelligente Lösungen und Alternativen erforderlich. Hier liegt die positive Weiterentwicklung eines Menschen im Bewusstwerden der bisher unbewusst lenkenden Skriptanteile und in der entschiedenen Entwicklung eines Lebensstils, der gleichzeitig sorgsam mit den eigenen früheren Lebensprägungen umgeht und [zudem] für heute angemessene autonome Reaktionen beinhaltet.“

Aufdeckung und Selbstexploration

Grundsätzlich können die folgenden vier Fragen dabei helfen, die subjektiven Imperative aufzudecken (vgl. Dehner & Dehner, 2016): Was löst bei einer Person Stress aus? Was ist das eigentlich Schlimme an der Situation? Was, glaubt sie, darf auf keinen Fall passieren? Was, glaubt sie, muss auf jeden Fall passieren? Sie ermöglichen es, Wesentliches über die individuellen Wirklichkeitskonstruktionen der Klienten zu erfahren und im weiteren Verlauf mit deren Worten bzw. Sprachgebrauch an einer Veränderung oder Auflösung zu arbeiten.

Da ich in Seminaren oft über Antreiber und Einschärfungen spreche, suchte ich nach einer Möglichkeit, Letztere auf eine ähnliche Weise zu ermitteln, wie es das bei Ersteren mit Hilfe des sogenannten „Antreiber-Tests“ (Beispiel: http://www.dic-ta.eu/downloads/Quinn_Akademie_SR_20.03.2013_Wer_bin_ich_und_wenn_ja_warum.pdf) getan wird, um über die Ergebnisse, die ja „lediglich“ auf Selbsteinschätzungen beruhen, thematische Schwerpunkte zu definieren, die für die Teilnehmer/-innen relevant sind. Die Auswertung eines Persönlichkeitstests erzeugt m. E. eine persönliche Betroffenheit, indem sie aufzeigt, wie man sich selbst sieht, und macht in der Regel neugierig auf weiterführende Erläuterungen.

Leider habe ich bislang keinen Test finden können, mit dem sich die verschiedenen Einschärfungen ermitteln lassen. Deshalb habe ich jetzt selbst einen erstellt, den ich künftig vorrangig in Seminaren einsetzen werde. Dabei habe ich allerdings lediglich neun der zwölf Bannbotschaften, wie diese auch genannt werden, aus dem Konzept von Bob und Mary Goulding berücksichtigt. Mit der von mir entwickelten Version des Tests lässt sich also ermitteln, wie groß der Einfluss ist, den diese Einschärfungen auf das Lebensskript eines Menschen haben könnten. Hier finden Sie ergänzende Erläuterungen: https://transaktionsanalyse.audio/einschaerfungen/.

Sollten Sie jetzt neugierig geworden sein, möchte ich Sie einladen, ihn selbst einmal auszuprobieren. Drucken Sie sich dafür einfach das pdf-Dokument (siehe unten) aus. Auswerten können Sie den Test problemlos selbst. Falls die Ergebnisse Sie irritieren oder sogar beängstigen, sprechen Sie bitte anschließend mit jemandem darüber.

In dem Test finden Sie 54 Aussagen. Bitte geben Sie jeweils auf einer Skala von 1 bis 5 an, wie sehr Sie diesen zustimmen (1= gar nicht, 2 = geringfügig, 3 = teilweise, 4 = größtenteils, 5 = voll und ganz). Anschließend übertragen Sie Ihre Werte in den Auswertungsbogen und addieren sie jeweils zu einem Gesamtwert. Jene Einschärfungen, bei denen Sie die höchsten Werte haben, sind es m. E. wert, genauer betrachtet zu werden. Je höher ein solcher Wert ist, desto größer ist jedenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass Sie der entsprechenden Einschärfung ausgesetzt waren und sie zu einem Bestandteil Ihres Lebensskripts geworden ist.

Fazit

Mein (mit Abstand) höchster Wert lag diesem Test zufolge übrigens bei 20 von 30 möglichen Punkten. Mein „Thema“ ist mir allerdings hinreichend bekannt, von daher hat mich das nicht sonderlich überrascht. Sollten Sie ähnlich hohe Werte haben, machen Sie sich deshalb bitte nicht verrückt! Da dieser Test den wissenschaftlichen Gütekriterien wohl kaum entspricht, kann er lediglich als Reflexionshilfe verstanden und eingesetzt werden. Zur Auswertung ist zu sagen, dass die Ergebnisse „nicht in Stein gemeißelt“ sind, sie also nur vage Anhaltspunkte liefern, mit welchen Themen man sich vielleicht mal etwas intensiver beschäftigen sollte. Zudem ist es natürlich möglich, dass sich die Ergebnisse, die man einmal hatte, im Laufe der Zeit verändern. Nicht immer ist dafür allerdings eine Psychotherapie erforderlich!

Den Test inklusive des Auswertungsbogens finden Sie hier: Einschärfungen -Test & Auswertungsbogen (pdf-Dokument).

Literaturhinweise:

  • Dehner, Ulrich & Dehner, Renate (2013). Transaktionsanalyse im Coaching. managerSeminare Verlags GmbH, Bonn.
  • Dehner, Ulrich & Dehner, Renate (2016). IntrovisionCoaching. managerSeminare Verlags GmbH.
  • Mohr, Günther: Transaktionsanalytisches Coaching → http://mohr-coaching.weebly.com/uploads/3/0/4/8/3048777/transaktionsanalytischescoachingt1.pdf
  • Schlegel, Leonhard (2002). Handwörterbuch der Transaktionsanalyse (2. Auflage). Deutschschweizerische Gesellschaft für Transaktionsanalyse.

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Persönlichkeitstests & Testarchive

In Seminaren arbeite ich relativ oft mit Persönlichkeitstests, die ohne eine kostenpflichtige Lizenz verwendet werden dürfen. Dabei geht es mir vor allem darum, über die Ergebnisse, die ja „lediglich“ auf Selbsteinschätzungen beruhen, thematische Schwerpunkte zu definieren, die für die Teilnehmer/-innen relevant sind. Sie erzeugen eine persönliche Betroffenheit, indem sie aufzeigen, wie man sich selbst sieht, und somit in der Regel ein gesteigertes Interesse an weiterführenden Erläuterungen.

Manfred Evertz

Des Weiteren können sie eine hilfreiche Anregung zur Selbstreflexion sein. So habe ich bspw. irgendwann einmal einen Test zur Ermittlung der maladaptiven Schemata – sogenannter „Lebensfallen“ – ausgefüllt. Hierbei interessierte es mich, bei welchem Schema (emotionale Entbehrung, Trennungsangst, Misstrauen, Minderwertigkeit, Versagen, Anfälligkeit für Leid und Krankheit, Selbstaufopferung, Unterwerfung, hohe Leistungsstandards, Anspruchshaltung) ich die höchste Ausprägung habe. Darüber habe ich dann im Rahmen meiner (Lehr-)Therapie gesprochen. Das war äußerst spannend, da mich das Ergebnis zunächst irritierte und ich mir deshalb die Frage stellte, warum das wohl so ist? Was sagt das über mich aus? Eine mögliche Gefahr besteht m. E. allerdings darin, sich selbst aufgrund irgendwelcher Testergebnisse vielleicht (vorschnell) eine psychische Erkrankung zu diagnostizieren. Das sollten Sie lieber einem Arzt oder Psychotherapeuten überlassen.


Anmerkung: Psychische Störungen werden definiert durch das Auftreten von bestimmten Symptomen (Dauer, Anzahl, Schweregrad). Sofern „lediglich“ pathologische Veränderungen vorliegen, die nicht zu Symptomen führen, wird nicht von einer psychischen Krankheit gesprochen, sondern allenfalls von einer Krankheitsdisposition. Erst wenn der Leidensdruck auf der Ebene des Fühlens, Erlebens und/oder in Beziehungen stark ausgeprägt ist bzw. bereits psychische und/oder körperliche Beeinträchtigungen, Erkrankungen oder Symptome zu erkennen sind, ist demzufolge eine Psychotherapie zu empfehlen.


Im Laufe der Jahre habe ich mir etliche Persönlichkeitstests angeschaut. Begeistert haben mich allerdings nur sehr wenige. Einen davon möchte ich an dieser Stelle deshalb besonders hervorheben:

„Der B5T® von Dr. Lars Satow zählt seit 2010 zu den am häufigsten eingesetzten psychologischen Persönlichkeitstests im deutschsprachigen Raum. Der Test erfasst die fünf grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen (Big Five Factors) sowie die drei Grundmotive ‘Bedürfnis nach Anerkennung und Leistung’, ‘Bedürfnis nach Einfluss und Macht’ und ‘Bedürfnis nach Sicherheit und Ruhe’. Zudem gibt es eine Kontrollskala ‘Ehrlichkeit bei der Beantwortung der Fragen’.“

https://www.psychomeda.de/online-tests/persoenlichkeitstest.html

Sollten Sie also herausfinden wollen, wie die Eigenschaften Extraversion, Neurotizismus, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit sowie die drei Grundmotive (s. u.) bei Ihnen ausgeprägt sind, dann empfehle ich Ihnen diesen Test, den Sie online ausfüllen können. Die Auswertung meiner Antworten sah bspw. wie folgt aus:

Sollten Sie nach weiteren Persönlichkeitstests im Internet suchen, dann ist der folgende Link vielleicht hilfreich. Dort finden Sie jedenfalls verschiedene Sammlungen lizenzfreier Testverfahren:

PsychLinker → Testarchive → Open Access

“Neben den in Testverlagen veröffentlichten oder sonst urheberrechtlich geschützten Testverfahren und Forschungsinstrumenten, die dem Copyright der Autoren oder Verlage unterliegen, gibt es in den letzten Jahren im Zuge der Open-Access-Bewegung vermehrt Verfahren, die als “lizenzfrei” benannt werden oder unter der Bezeichnung “Open Access” firmieren oder die unter einer speziellen Creative Commons Lizenz […] den Anwendern frei zur Verfügung gestellt werden. Diese Verfahren können “in ihrem Einsatzbereich sogar problemlos mit kostenpflichtigen psychometrischen Instrumenten mithalten” (Heintz & Wunder, 2012, S. 12).“

https://www.psychlinker.de/category.php?cat=589

PS: Da ich am vergangenen Wochenende nach dem Link zu den Testarchiven gefragt wurde, dachte ich mir, es sei vielleicht eine gute Idee, einen kurzen Artikel darüber zu schreiben.

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„Scham und Verbitterung“ von Wolfram Kölling

Was hat die vergessene Scham mit einer Verbitterung zu tun?

Wenn der Mensch sich verletzt, angegriffen oder sonst irgendwie beschädigt erlebt, kann es zu sehr verschiedenen inneren Zuständen kommen, die nicht immer klar zu definieren sind. Auch die Schädigungen des Ich-Erlebens, die zu solchen Zuständen führen, können sehr unterschiedlich bezeichnet werden. Man spricht bei solchen Verwundungen auch von Kränkungen, von Beleidigungen oder auch von Traumatisierungen, Demütigungen und Entwürdigungen. Das gemeinsame dieser Erfahrungen ist immer die Beschädigung oder Erschütterung des Ich-Selbst. Ich spreche deshalb überwiegend von Erschütterungen.

Diese Erschütterungen des Ich-Selbst lösen also Zustände aus, die aufgrund der Beschädigung des Ich-Selbst-Erlebens entstehen. All diese Zustände sind Scham, denn sie bedeuten letztlich immer so etwas wie: „ich bin nicht“, „ich bin nicht ganz oder vollständig“, „ich bin nicht in Ordnung“ oder „ich bin nicht wert oder liebenswert“. Wenn manche Fachleute bei Scham von einem Gefühl sprechen, welches entsteht wenn der Mensch gegen verinnerlichte Normen verstößt, so erklärt dies nur einen Teil des Phänomens. Man ist dann davon ausgegangen, dass dieses Gefühl des „Normverstoßes“ beim kleinen Kind erst entstehen kann, wenn es über solche Verstöße reflektieren kann. Nun, dem ist nicht so. Das Zerfallsprodukt Scham kann schon viel früher im Leben entstehen, immer dann wenn grundsätzlich das Ich-Selbst als „verletzt“ nicht „vollkommen“ oder nicht „ganz“ erlebt wird. Auch Erschütterungen, die vor der Entwicklung eines Ich-Selbst erlebt werden, führen zu neuronalen Mustern, die im Leben immer wieder aktiviert werden können und auch aktiviert werden. Solche sehr frühen Erschütterungen führen also etwas einfacher ausgedrückt, zu Körpererinnerungen. Jede Erschütterung, im ganzen Leben, kann also dazu führen, dass die allgemeine und existenzielle Norm, ein „Ich-Selbst“ zu sein, geschädigt ist.

Als Verbitterungsstörung werden die Zustände benannt, die beim Erleben von Ungerechtigkeit, Herabwürdigung, Vertrauensbruch oder Kränkung entstehen und die dauerhaft und nagend erlebt werden. Nun könnte man ja gleich sagen, dass dieses Erleben zur Scham führt und somit die Verbitterung eine Schamstörung ist. Ja, das ist so, nur nicht ganz so einfach. Nach der Theorie der Verbitterungsstörung werden die Grundannahmen des Menschen verletzt. Dies sind Einstellungen und Wertorientierungen, die über die Lebensspanne als kohärent erlebt werden. Also, was ist für den Menschen ganz besonders lebenswichtig, welche Werte, welche Normen (z.B. die Familie oder der Beruf)? Die Verletzung solcher ständig vorhandenen und auch immer für das Leben des Ich-Selbst notwendigen Wertorientierungen führen dann zu dieser Symptomatik einer nagenden Verbitterung.

Wir können nun davon ausgehen, dass sich immer wiederholende Erschütterungen des Ich-Selbst, also mehrfache, häufige oder ständige Beschämungen, dauerhaft zu dem Zerfallsprodukt Scham führen. So verstehe ich auch diese Verletzungen der Grundannahmen und Wertorientierungen als Schädigungen des Ich-Selbst-Gefühls und damit immer auch als beschämend. Das Erleben von Vertrauensbrüchen, von Ungerechtigkeiten oder von Herabwürdigungen und Kränkungen, können wir also immer auch als Schädigung des Ich-Selbst betrachten. Es sind immer Erschütterungen des Ich-Selbst, die zu den Zuständen eines möglichen „Zerfalls“ führen. Dauerhafte verinnerlichte Scham und daraus entstehende ständige Schamangst, also der Angst erneut beschämt zu werden, führt also zu dem, was Verbitterung genannt wird.

Wie bei allen Traumatisierungen, bei allen psychischen Verwundungen, bei allen Kränkungen und allen sogenannten narzisstischen Störungen, haben wir es also bei der Verbitterung immer auch mit der Scham zu tun. Ich gehe sogar davon aus, dass bei all diesen Phänomenen die Scham die größte Bedeutung hat. Die Scham ist beteiligt an depressiven Reaktionen, an Abhängigkeiten und der sogenannten Co-Abhängigkeit, genauso wie an Suchtverhalten oder Suizidalität. Sie gehört zur sogenannten Opferhaltung und auch als scheinbare Schamlosigkeit, zum Täterverhalten. Ich benutze die Begriffe Täter und Opfer allerdings nicht mehr gerne, denn schnell können durch solche Etikettierungen wieder neue Beschämungen entstehen.

Die Scham wird jedoch in unserer Zeit immer mehr tabuisiert, vergessen oder verleugnet und aus dem bewussten Erleben abgespalten. Das hat damit zu tun, dass wir Menschen in unserer heutigen Gesellschaft immer weniger zulassen wollen, dass wir unvollkommen sind. Wir wollen keine Fehler oder Schwächen zeigen oder uns nicht zu Verletzungen und Schmerz bekennen. Dabei ist die Verwundbarkeit des Menschen das, was das Menschsein ausmacht. Scham ist jedoch nicht nur extrem schmerzhaft, sondern zeigt ja gerade die menschliche Schwäche an. Somit wird auch das Schamgefühl als obsolet betrachtet und soweit es irgend möglich ist, aus dem Bewusstsein verbannt. Das Schamgefühl als Zerfallsprodukt ist ja ganz besonders schmerzhaft und muss deshalb immer weiter maskiert werden. Die sogenannten Masken der Scham bestimmen mehr und mehr das Leben in unserer Kultur der scheinbaren Schamlosigkeit.

Der Weg, der aus diesem Dilemma herausführt, kann nur der Weg der Scham sein. Deshalb ist es notwendig überall in unserer Gesellschaft die Scham wieder zu erkennen, sie zu akzeptieren und sie auch als existenziellen Grundzustand des menschlichen Da-Seins zu würdigen.

Weitere Informationen finden Sie in meinem Buch (siehe unten). Außerdem gibt es Vorträge der Arbeiterkammer Feldkirch bei YouTube sowie mehrere Vorträge auf CD (erhältlich bei www.foerder-kreis.de).

Wolfram Kölling ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut mit jahrzehntelanger Erfahrung als Gruppen- und Seminarleiter. Er war siebzehn Jahre Leitender Psychologe in einer Psychosomatischen Klinik. Nach intensiven Fort- und Weiterbildungen sowie Selbsterfahrungen u.a. in Kathatym Imaginativer Psychotherapie (KIP), Primärtherapie, Holotropen Atmen, Gestalttherapie und EMDR hat er sich vor allem mit dem Studium schwerer Schamkonflikte und Persönlichkeitsstörungen beschäftigt. In einem eigenen Ansatz der Arbeit mit inneren Einstellungen verbindet er traditionelle Psychotherapie mit den Erkenntnissen einer Integralen Transpersonalen Psychologie.

Literaturhinweis:

Einen Vortrag zum Thema „Scham – Schamlosigkeit und ihre Folgen“ von Wolfram Kölling, den er bei der Kammer für Arbeiter und Angestellte für (AK) Vorarlberg im Jahr 2012 gehalten hat, können Sie sich bei YouTube anschauen.

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Die Methode definiert den Gegenstand!

Essay über die Aussagekraft und Kritisierbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse:

Die Frage, der in diesem Text nachgegangen wird, lautet in ihrer Kurzform: Wie kann eine Methodenkritik aus konstruktivischer Sicht dem Kriterium wissenschaftlicher Relevanz entsprechen, wenn doch die Methode den Gegenstand definiert und dieser als solcher innerhalb eines empirischen Vorgehens einer Methodenkritik zwangsläufig anders definiert ist?

Manfred Evertz, www.manfred-evertz-art.com

Um ein besseres Verständnis dieses Problems zu ermöglichen, soll zum einen die Fragestelluing genauer erörtert, und zum anderen aufgezeigt werden, inwieweit es doch möglich ist, dem oben angesprochenen Gütekriterium gerecht zu werden. Hierzu werden verschiedene erkenntnistheoretische Positionen herangezogen, die eine sinnvolle Auflösung dieser Problematik erlauben.

Die Methode definiert den Gegenstand: Diese Betrachtungsweise des Zusammenhangs zwischen Methode und Gegenstand (einer Untersuchung) ist im Konstruktivismus sowie in der Quantenphysik vorzufinden. So ergab sich die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik daraus, dass Niels Bohr (1885-1962) der „Unschärferelation“ Heisenbergs die der „Komplementarität“ der atomaren Teilchen hinzufügte. Ein Elektron wurde demnach nicht mehr als Teilchen oder als Welle betrachtet, sondern beide Aspekte wurden als komplementär angesehen: Sie schlossen sich gegenseitig aus und bildeten doch zusammen erst das Ganze. „Will man den Ort eines Elektrons feststellen, so muss man es beleuchten und unter einem Mikroskop betrachten. Dabei wird aber das Elektron von einem Lichtteilchen getroffen, wodurch es seine Bewegungsrichtung sowie seinen Impuls verändert -und zwar auf unkontrollierbare Weise. Je genauer man die Ortsmessung vornehmen will, desto kleiner muss die Wellenlänge des Lichts sein, desto größer ist jedoch seine Energie und damit auch sein Impulsübertrag. Es erscheint somit wenig sinnvoll, von Größen wie Ort und Geschwindigkeit zu sprechen, ohne gleichzeitig anzugeben, wie man sie misst. „Die Bahn [eines Teilchens] entsteht erst dadurch, dass wir sie messen“, schrieb Heisenberg (Bührke, 1997, S. 198 f.). In dieser Aussage Heisenbergs liegt die Parallele zum Konstruktivismus. So hat Maturana (1982, S. 309) darauf hingewiesen, dass Wissenschaft kein Bereich objektiver Erkenntnis sei, sondern ein Bereich subjektabhängiger Erkenntnis, der durch die Methodologie defniniert wird, die die Eigenschaften des Erkennenden festlegt. Deshalb beruht die Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis ihm zufolge auf ihrer Methodologie, die die Einheitlichkeit der Beobachter bestimmt, und nicht auf der Widerspiegelung objektiver Realität. Die Methode definiert demnach also den Gegenstand.

Nüse, Groeben, Freitag und Schreier (1991, S. 195) argumentieren bezüglich ihrer Forderung nach Wahrheitsannäherung wissenschaftlicher Forschung, dass es keinen Beobachter bzw. Forscher verwehrt sein dürfe und könne, darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen die angestellten Überlegungen der Wahrheit wohl am nächsten kommen. Hierin spiegelt sich die Auffassung wider, dass der zu erforschende Gegenstand durch die aufgrund dieser Überlegungen angewandten Methodik in einem Rahmen eingebettet wird, innerhalb dessen die Ergebnisse der Forschung Gültigkeit (im Sinne einer Annäherung an die „Wahrheit“) erlangen können. Da aus konstruktivischer Sicht Empirizität jedoch an erfahrende Systeme und deren kognitive Konstuktivität – und nicht an objektive Strukturen der Realität – gebunden ist, lassen sich solche appoximationstheoretischen Auffassungen sensu Popper & Co. nicht ohne Weiteres halten. Es kann aus konstruktivischer Perspektive in einem solchen Fall nur gelten, dass die Egebnisse des Forschers A innerhalb seiner Methodik Gültigkeit haben, bei einer Abänderung des Vorgehens (wie im Falle einer Methodenkritik) kann es dann jedoch zu anderen Erkenntnissen kommen. Ein Urteil über die Annäherung an die Realität ist nicht möglich, ebensowenig wie das Erfassen dieser. Es müsste bei einer Methodenkritik sensu Sozialem Konstruktivismus folglich der wissenschaftliche Diskurs darüber entscheiden, welche Ergebnisse mehr Akzeptanz erlangen und als viabler (und folglich nicht als „bessere“ Annäherung an die „Wahrheit“) aufgefasst werden. Diese Argumentation erscheint zwar plausibel, sie ist aber dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht unbedingt förderlich, da sie einer gewissen Willkür den Weg ebnet, die sich konkret in dem Einfluss einzelner Forscher innerhalb einer Wissenschaftlergemeinschaft äußert (vgl. hierzu die Ausführungen weiter unten).

Um zu erläutern, wie das Kriterium der „Relevanz wissenschaftlicher Forschung“ auch in Bezug auf eine Methodenkritk erfüllt werden kann, wird im Folgenden zunächst der Empiriebegriff erläutert. Anschließend soll eine Klärung des diesem Text zugrunde liegenden Verständnisses von „Intersubjektivität“ und „Konsens“ folgen, woraufhin in Anlehnung an Luhmann (1990) und Schlosser (1993) eine Lösung angeboten wird, wie man der oben angesprochen Willkür wissenschaftlicher Wahrheitsannäherung, wie sie bspw. dem Sozialen Konstruktivismus häufig vorgeworfen wird, entgehen kann.

Der Empiriebegriff

Der konstruktivische Empiriebegriff stellt nach Rusch (1984, S. 242) eine Umorientierung von „empirisch“ auf Wissen, anstatt auf Realität dar. Empirisches Wissen ist ihm zufolge Erfahrungswissen, welches an die erfahrenden Systeme und deren kognitive Konstruktivität gebunden ist – nicht jedoch an die „objektiven Strukturen“ der Realität. Nach Rusch (1984) wird Erfahrung als ein Prozess verstanden, in dem sinnliche, konzeptionelle und motorische Komponenten zusammenspielen, so dass neue ontische Elemente und Operationen neues ontologisches und operationales Wissen – und dadurch neue Wahrnehmungs- und Veränderungsmöglichkeiten – entstehen können.

Janich (1992, S. 24) argumentiert ähnlich. Empirisches Wissen wird als Wissen über Resultate von Handlungen definiert, nicht als eine Erkenntnis über „natüliche“ Gegebenheiten. Seiner Auffassung nach machen erst wiederholbare Handlungssequenzend die daran gebundenen definitorischen Normierungen fachwissenschaftlichen Sprechens (d.h. die operationalen Definitionen) naturwissenschaftliche Empirie möglich. Janich vertritt somit einen eindeutig handlungstheoretischen Wahrheitsbegriff, der wissenschaftliche Wahrheit explizit als Handlungserfolg deutet. Wahrheit wird von ihm als erfolgreiches, gemeinsames Handeln betrachet, wobei er die generelle Geltung von Begründungen und Widerlegungen als regulative Idee postuliert (nach Schmidt, 1998, S. 168).

Kriz (1985, S. 12 f.) stellt in diesem Zusammenhang fest, dass die letzte Prüfinstanz für empirisches Wissen untrennbar an menschliche Handlungen gekoppelt ist. Aspekte der Wirklichkeit werden ihm zufolge nicht erfasst, sondern in den Modalitäten des Rezeptorsystems „konstituiert“. Demnach handelt es sich immer nur um eine Interaktion des „Erfahrenden“ und „Zu Erfahrendem“. Eine Aussage über das „Zu Erfahrende“ ist nach Kriz nicht möglich, da sich alle Aussagen auf das Ergebnis des oben angesprochenen Interaktionsprozesses beziehen.

Nach Schmidt (1998, S. 125) vollzieht sich wissenschaftliche Erkenntnisproduktion auf der Ebene von Handlungen und Kommunikation im Rahmen des Sozialsystems Wissenschaft. Es sind aber nicht „Realitäten“, womit Wissenschaftler kommunikativ umgehen, sondern experimentell und kommunikativ stabilisierte Beschreibungen und Unterscheidungen einer Gesellschaft: „sie operieren mit Fakten (= Gemachtem), und nicht mit Daten (= Gegebenem). ‘Empirisch forschen’ kann dementsprechend allgemein bestimmt werden als praktisches Herstellen logischer, pragmatischer und sozialer Stabilitäten […], mit denen Wissenschaftler wie mit unabhängigen Gegenständen kommunikativ umgehen. Alles, was zu dieser Stabilitätskonstruktion agrumentativ erfolgreich herangezogen werden kann, fungiert – je nach Kriterium und Kontext – als Plausibilisierung oder Beleg. Empirisches Forschen kann mithin als eine spezifische Art und Weise der Wirklichkeitskonstruktion bezeichnet werden“ (Schmidt, 1998, S. 125).

Wissenschaftliche empirische Forschung ist nach Schmidt (1998, S. 127) dadurch gekennzeichnet, „dass das Erfahrungmachen in einer Reihenfolge festgelegter Verfahrensschritte, d.h. methodisch […] erfolgt. Die Unterscheidung bzw. die systematisch geordneten Mengen von Unterscheidungen, mit deren Hilfe methodisch geregelte Beobachtungen bzw. experimentelle Handlungen durchgeführt werden, müssen im Rahmen einer expliziten Theorie geklärt und begründet werden […]. wobei der Grad und die Akzeptanz von Klärungen und Begründungen ausschließlich im Wissenschaftssystem selbst bestimmt wird.“ Zur Wissenschaftlichkeit empirischen Forschens im Sozialsystem der jeweiligen Disziplin gehört nach Schmidt (1998, S. 128) zudem, „dass die Ergebnisse des systematisch geregelten Erfahrungmachens kommunikativ stabilisierbar bzw. stabilisiert sind, insofern im Diskurs einer relevanten epistemischen Gemeinschaft Konsens über die Konzepte, Kritiken und Ergebnisse des Erfahrungmachens hergestellt werden kann. Dies wird über Publikationen erprobt und geregelt.“

Nach Rusch (1987, S. 542) liegen die Gründe dafür, dass empirisches Wissen als Wissen über die Wirklichkeit gilt, nicht in der Übereinstimmung mit der Realität, sondern in der Kognition begründet: Die Übereinstimmung von Theorie und Wirklichkeit sei demnach Gegenstand eines Feststellungsverfahrens, von dem aus auf die Adäquatheit theoretischer ontologischer Vorstellungen geschlossen wird. Diesem Feststellungsverfahren liegen immer kogntive Operationen zugrunde. Können auf diese Art Prognosen ermöglicht werden, die sich als zutreffend erweisen, wird im Allgemeinen auf einer Wirklichkeitsadäquatheit der betreffenden Bedingungen geschlossen.

Manfred Evertz, www.manfred-evertz-art.com

Intersubjektivität und Konsens

Der wissenschaftliche Erwerb empirischen Wissens wird methodologischen Anforderungsprofilen ausgesetzt, von denen nach Rusch (1987) eines die intersubjektiv zugängliche Dokumentation ist, die eine Prüfung der entwickelten Strategien, Systeme und Verfahren ermöglicht.

Schmidt (1998, S. 135 f.) erläutert in diesem Zusammenhang, dass der Erwerb von Wissen prinzipiell von der Bindung an die Einzelperson gelöst wird, „indem Operationalisierungen für Explanitivität entwickelt und standardisierte Handlungsvollzüge in Meß-, Beobachtungs- und Schlussprozesse eingeführt werden, die als Garant für eine erfolgreiche kommunikative Herstellung von Intersubjektivität betrachtet werden [können]“. Schmidt sagt zudem, dass eine systematische Kontrolle der Wissensproduktion durch Programme (Theorien, Methoden) von einer Beobachterebene zweiter Ordnung her erfolgen – sowie die Anforderungen der Operationalisierung bei empirischer wissenschaftlicher Forschungerhalten bleiben – muss. Dies lässt eine formale Loslösung der Ergebnissse vom Individuum zu und ermöglicht somit Intersubjektivität bzw. eine Verwendung des Begriffs „Wahrheit“. Weiterhin führt Schmidt (1998, S. 139) aus, dass Wissenschaft als Unerfangen sozialisierter Individuen deren Handlungen und Kommunikation in hinreichend bindender Weise spezifiziert und sie sich auf eine systematische Erweiterung der spezifischen Wissensbestände und den damit verbundenen Handlungen einer Disziplin orientiert.

Kriz (1985) sieht den Sinn empirischer Wissenschaft in einer Reduktion der Unsicherheit handelnder Subjekte hinsichtlich möglicher Erfahrungen. „Eine […] intersubjektive, zusammenwirkende Konstruktion relevanter Wirklichkeit […] kann allerdings nur dann erfolgreich funktionieren, wenn die Positionen, aus denen heraus der Einzelne jeweils perspektivisch einen Aspekt dieser Wirklichkeit konstituiert, möglichst genau im Diskurs der Forscher vermittelt werden.“

Auch Janich (1992) sieht die empirische Forschung als rationale Tätigkeit, die einem methodischen Operationalismus verpflichtet ist, denn erst die operationalen Definitionen machen seiner Ansicht nach naturwissenschaftliche Empirie möglich. Janich (1995) spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Hochstilisierung lebensweltlicher Praxen zu Wissenschaften. Ihm zufolge wird die Hochstilisierung von Fachsprachen zu Terminologien durch Diskursfähigkeit bestimmt, die das Kriterium für den Übergang zu Lehrmeinungen darstellt. Diese Hochstilisierung zeichnet sich durch die Merkmale einer Theoriefähigkeit und der Philosophiefähigkeit aus. „Theoriefähigkeit“ bezeichnet die Kohärenz und Konsistenz einer Terminologie im Sinne einer Lehr- und Lernbarkeit sowie ihrer expliziten, zirkelfreien und vollständigen Bestimmung. „Philosophierfähigkeit“ bezeichnet den expliziten Nachweis der Tauglichkeit wissenschaftlicher Methoden und Terminologien gemäß einer Zweck-Mittel-Rationalität. Dabei wird vorausgesetzt, dass eine hinreichend normierte Sprache zur Verfügung steht, die es erlaubt, in expliziter Argumentation den Geltungsanspruch wissenschaftlicher Resultate einzulösen (Schmidt, 1998, S. 146).

Die oben angesprochene Zweck-Mittel-Rationalität wissenschaftlicher Handlungen (Experimente, Kommunikationen) besagt, dass mit dem (Handlungs-)Wissen operiert werden muss, „das wissenschaftliche Aktanten aus früheren Problemlösungen gewonnen haben und in Lehrmeinungen kommunikativ verfügbar halten“ (Schmidt, 1998, S. 152). Theorien können auf diese Art Erfahrungen der Forscher systematisieren und ihren Erfahrungsraum strukturieren, so dass eine kulturelle Einheitlichkeit als Grundlage kommunikativer Intersubjektivität konstituiert werden kann.

Schmidt (1998, S. 153) führt hierzu aus, dass die „Überprüfung wissenschaftlicher Problemlösungen […] nicht im Sinne von Verifikation oder Adäquanzprüfung, also nicht im Sinne von ontologisch gedeutet werden [kann]“. Geprüft werden kann lediglich, „ob der angestrebte Zweck erreicht worden ist und ob das dabei gewonnnene Wissen mit dem bisher bewährten und daher akzeptierten Wissen kompatibel ist. In einer Problemlösungskonzeption wissenschaftlichen Handelns, in der Problemstellung, Theorien und Methoden (geeignet gewählte Mittel für Erkennniszwecke sensu Janich) sowie die Beurteilung von Problemlösungen notwenig und immer an Beobachter und deren komplexe Kognitionsbedingungen gebunden sind, kann es keine letzten methodologischen Kriterien und kein endgültiges fundamentum in re für Prüfoperationen geben.“

Auch Schlosser (1993) betont, dass Konsens das plausibelste (für ihn sogar das einzige) Wahrheitskriterium intersubjektiv geführter Diskurse ist. Hierbei ist hervorzuheben, dass Konsens nicht als willkürlich getroffene Einigung von Individuen betrachtet wird, sondern als Kompatibilität wissenschaftlichen Wissens mit dem in einer Forschergemeinschaft akzeptierten Hintergrundwissen, den Rechtfertigungen und den Maßstäben der Problemkonstitution und -lösung.

Schmidt (1998, S. 172) legt dar, „dass die Produktion von Wissen und Ordnung Wissen und Ordnung voraussetzt“. Somit hält er auch die Kohärenztheorie (s. u.) von Wahrheit für stimmig, „die als Kohärenz die Übereinstimmung von Erkenntnissen miteinander und mit dem Gesamtsystem des Wissens in einem bestimmten Diskurs bestimmt“. Er postuliert also „Wissen auf der Ebene von Wissenschaften als Theorie-wahr bzw. Diskurs-wahr zu konzipieren und zu bewerten.“

Den Kohärenztheorien zufolge gibt es Wahrheit immer nur relativ zu einer Theorie, auf die Bezug genommen wird. „Wahrheit“ bedeutet in dieser Konzeption: Kohärenz im System einer Theorie kennzeichnet eine interne Relation zwischen Sätzen und keine externe Relation zwischen Theorie und Wirklichkeit. Das Kriterium der Wahrheit einer Aussage wird hier bestimmt als Übereinstimmung mit allen anderen Aussagen bzw. – im Sinne H. Putnams – als „rationale Akzeptierbarkeit“ (Schmidt, 1998, S. 165).

Luhmann (1990, S. 397) betrachtet Wissenschaftstheorie als konstruktivistische Reflexionstheorie, die – wie jede andere Wissenschaft auch – lediglich Konstruktion und nicht Entdeckung oder Repräsentation der Welt ist. Wissenschaft ist ihm zufolge das, was die Wissenschaft tut. Da Wissenschaft von Wissenschaftlern betrieben wird, unterscheidet Luhmann interessanterweise drei rivalisierende Rationalitätstypen, denen deren Aktivitäten unterworfen sind:

  1. Systemrationalität, die sozialen Aktionen über systemspezifische Anschließbarkeiten einer spezifischen Bedeutung zuordnet [vgl. „Konsens“ sensu Schlosser, s. o.];
  2. Kommunikationsrationalität, die die Rolle von Kommunikationen in sozialen Prozessen definiert [vgl. „Konsens“ sensu Sozialer Konstuktivismus];
  3. Aktantenrationalität, also die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die Aktanten [= Foscher] aus lebensweltlichen Zusammenhängen in Systemzusammenhänge einbringen bzw. dort ausprägen [vgl. „Sozialisation“].

Schmidt (1998, S. 187 ff.) führt die von Luhmann benannten Rationalitätstypen an, um die von diesem postulierte unwiderlegbare Dominanzsetzung der alles inkludierenden Systemrationalität über die anderen Rationalitätstypen in Frage zu stellen. Ihm zufolge stellt die Systemrationalität einen wichtigen Faktor für „die Regelung der Anschließbarkeit wissenschaftlicher Handlungen im weitesten Sinne über Theorien und Metodologien“ dar, er weist jedoch auf die aus der Kommunikationsrationalität hervorgehende Wirksamkeit sozialer Mechanismen des Zugangs zu wissenschaftlicher Kommunikation, der Prestigepolitik, der Kritikstrategien, der Interessensdurchsetzung usw. hin, die mit der Systemrationalität konfligiert.

So kann festgehalten werden, dass der Systemrationalität sensu Luhmann (1990), die ja im Einklang mit dem von Schlosser (1993) postulierten Verständnis von „Konsens“ steht, in jedem Fall eine höhere Wertigkeit zuzuordnen sei, als der Kommunikationsrationalität, die dem Verständnis von „Konsens“ sensu Sozialer Konstruktivismus nahekommt. Der wissenschaftliche Alltag bzw. der Vorgang der Entstehung von „Wissen“ verläuft zwar nicht konsequent systemrational, sondern eher kommunikationsrational, dies stellt jedoch kein plausibles Argument für die Beurteilung wissenschaftlichen Fortschritts nach Maßstäben der Kommunikationsrationalität bzw. der Konsensbildung nach Mehrheits- und Einflussprinzipien dar. Es kann zwar die Aussage, dass die Methode nach konstruktivischem Verständnis den Gegenstand bestimmt, aufrechterhalten werden, eine Entkräftung von bereits bestehenden Aussagen, wie sie bspw. durch eine Methodenkritik möglich ist, sollte nach dem Verständnis einer Systemrationalität sensu Luhmann dennnoch machbar sein.

Fazit

Fasst man „Konsens“, wie Schlosser (1993), als Kompatibilität wissenschaftlichen Wissens mit dem in einer Forschergemeinschaft akzeptierten Hintergrundwissen, den Rechtfertigungen und den Maßstäben der Problemkonstitution und -lösung auf, betrachtet man Konsens also im Sinne einer Intersubjektivität wissenschaftlichen Handelns sensu Schmidt (1998), dann kann die Systemrationalität sensu Luhmann (1990) als einzig relevanter Rationalitätstyp (von den drei oben aufgeführten) angesehen werden, zumindest wenn es um das Kriterium der Relevanz wissenschaftlicher Forschung geht.

PS: Dieser Text aus dem Jahr 2000 diente zur Darlegung theoretischer Begründungen einer Methodenkritik, die ich bei Prof. Dr. Hans Westmeyer (Freie Universität Berlin) eingereicht – und gerade in einem Stapel Studienunterlagen wiederentdeckt – habe.

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Literaturhinweise

  • Bührke, Th. /(1997). Newtons Apfel. Sternstunden der Physik. München.
  • Hauptmeier, H. & Rusch, G. (1984). Erfahrung und Wissenschaft. Überlegungen zu einer konstruktivistischen Theorie der Erfahrung. LUMIS-Schriften 4., Universität-GH-Siegen.
  • Janich, P. (1992). Die methodische Ordnung von Konstruktionen. Der Radikale Konstruktivismus aus der Sicht des Erlanger Konstruktivismus. In: S. J. Schmidt (Hrsg.). Kognitionen und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus 2. (S. 24-41). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Janich, P. (1995), Die methodische Konstruktion der Wirklichkeit durch die Wissenschaften. In: H. Lenk & H. Poser (Hrsg.). Neue Realitäten – Herausforderungen der Philosophie (XVI. Dt. Kongress f. Philosophie. Berlin, 20.-24. September 1993 (S. 460-475). Berlin: Akademie Verlag.
  • Kriz, J. (1985). Wie empirisch ist die Empirie? In: Spiel 4 (S. 7-40), H. 1.
  • Luhmann, N. (1990). Soziologische Aufklärung 5: Konstruktivistische Perspektiven. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • Maturana, H. R. (1982). Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit – Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Epistemologie. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg (Wissenschaftstheorie, Wissenschaft und Philosophie, Bd. 19, autorisierte deutsche Fassung von W. K. Köck).
  • Nüse, R., Groeben, N., Freitag, B. & Schreier, M. (1991). Über die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus: Kritische Gegenargumente aus psychologischer Sicht. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.
  • Rusch, G. (1987). Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte. Von einem konstruktivistischen Standpunkt. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Schlosser, G. (1993). Einheit der Welt und Einheitswissenschaft. Grundlegungen einer Allgemeinen Systemtheorie. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg (Wissenschaftstheorie, Wissenschaft und Philosophie, Bd. 37).
  • Schmidt, S. J. (1998),. Die Zähmung des Blicks. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Wie „intensiv“ darf ein Seminar sein?

Stressmanagement, Umgang mit psychischen Belastungen & Burnout-Prävention: In der Abschlussrunde eines Seminars, das vor Kurzem stattfand, stellte ein Teilnehmer diese Frage zur Diskussion. Das hat mir in den letzten Tagen keine Ruhe gelassen. Wie weit darf ich mit meinen Gesprächen in einem solchen Setting gehen, ohne Gefahr zu laufen, hinterher für eine Retraumatisierung verantwortlich zu sein? Da ich es für wichtig hielt, eine stimmige Antwort darauf zu finden, habe ich mal einige meiner Überlegungen in diesem Artikel zusammengefasst.

In vielen Schulungen wird vor allem darauf geachtet, anwendbares Wissen zu vermitteln. Dafür wird in der Regel eine schöne Präsentation vorbereitet und ein Ablauf- oder Seminarfahrplan erstellt, der mit Power-Point unterstützte Vortragselemente für den theoretischen Rahmen, verschiedene Übungen und/oder Kleingruppenarbeiten sowie Diskussionen bzw. einen Erfahrungsaustausch der TeilnehmerInnen vorsieht. Ich fände es jedenfalls vollkommen in Ordnung, selbst auch so vorzugehen, tue es jedoch in der Regel nicht. Selbstverständlich überlege auch ich mir vorher grob, wie das Seminar ablaufen könnte und welche Themen vielleicht zur Sprache kommen. Tatsächlich arbeite ich dann aber meistens prozessorientiert mit dem, was die TeilnehmerInnen so mitbringen. Damit habe ich bislang immer gute Erfahrungen gemacht.

In einigen Seminaren bitte ich die bspw. darum, problematische Situationen oder Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag zu skizzieren, über die im Folgenden detailliert gesprochen werden soll. Diese bearbeiten wir dann mit einer Mischung aus SORKC-Analyse (einem Modell zur Verhaltensanalyse), zum Fallbeispiel passender Theorie und viel Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch. Zudem werden jene Fallbesprechungen mit einer praktischen Übung abgerundet, bei denen das sinnvoll zu sein scheint.

Da ich mich für verschiedene Therapieverfahren interessiere und ich viele Jahre mit Menschen gearbeitet habe, die sehr schwer oder chronisch psychisch erkrankt waren, finde ich es nicht ungewöhnlich, über belastende Gefühle oder „schwierige“ Themen zu sprechen und ihren Ursachen auf den Grund zu gehen, um Lösungs- oder (wenigstens) hilfreiche Verhaltensstrategien für problematische Situationen zu entwickeln. Meine beruflichen Stationen sowie auch die intensive Auseinandersetzung mit mir selbst haben wohl dazu geführt, dass ich nicht davor zurückscheue, auch unangenehme Dinge anzusprechen. Vielleicht liegt darin aber auch eine Gefahr? Durch meine Fragen kann nämlich auch schnell mal eine seelische Verletzung spürbar werden, was dann vielleicht nur schwer auszuhalten ist. Obwohl ich mich natürlich immer darum bemühe, die Belastungsgrenze meiner Gesprächspartner im Blick zu haben und ein Gespür dafür zu bekommen, wie weit ich mit meinen Fragen gehen darf, kann ich nur schwerlich einschätzen, was aus den Gedanken und Gefühlen wird, die im Laufe eines Seminars auftauchen? Im schlimmsten Fall könnten sie zu einer zusätzlichen Belastung werden. Dass diese Befürchtung nicht ganz unberechtigt ist, wurde mir vor Kurzem aufgezeigt.

Nach einem zweitägigen Seminar zum Thema „Umgang mit Stress und psychischen Belastungen“ gab mir eine Teilnehmerin unter der Rubrik „Sonstiges/Ideen/Anmerkungen“ folgendes Feedback:

„Der erste Tag hat Erinnerungen wieder hochgebracht, bei denen ich dachte, ich hätte sie bereits verarbeitet. Das hat dann dazu geführt, dass es mir schlecht ging. Es war schwierig für mich, mit dieser Situation vor Arbeitskollegen umzugehen. Der zweite Tag hat allerdings Lösungen dafür geboten. Ich habe erkannt, dass ich mit meinem Therapeuten noch etwas erarbeiten möchte. Herr Müller hat schneller den Punkt getroffen als die Leute in der Reha.“

Mich hat das nachdenklich gestimmt.

Manfred Evertz

„Du und ich – wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“ Mahatma Gandhi

Wenn ich künftig also das Gefühl habe, ich müsste tiefer in eine Problematik einsteigen, um sie besser verstehen zu können, werde ich mir explizit eine Erlaubnis einholen, bevor ich damit anfange, Fragen zu stellen, mit denen ich vielleicht einen wunden Punkt treffen könnte. Bei jenen Themen, wo nicht so sehr in die Tiefe gegangen werden muss, halte ich das aber für überflüssig. Immerhin habe ich ja den Auftrag, die vorgetragenen Fälle zu bearbeiten. Darauf, dass gewisse Themen besser im Rahmen einer Psychotherapie besprochen werden sollten, musste ich bislang jedenfalls noch niemanden aufmerksam machen. Da ich also der Meinung bin, dass man hin und wieder auch als Trainer den Kern eines Problems erkunden sollte, um individuelle Lösungsstrategien zu entwickeln, die für die Betroffenen wirklich hilfreich sind, empfehle ich, besonders achtsam dabei zu sein.

Doch was kann man sich unter einer “achtsamen Gesprächsführung” vorstellen? In Anlehnung an das Zwei-Komponenten-Modell von Prof. Dr. Scott R. Bishop et al. (2004) verstehe ich unter einer achtsamen Gesprächsführung, dass man die eigene Aufmerksamkeit reguliert und sie auf das richtet, was man im Hier und Jetzt erlebt. Das können Gedanken, Gefühle oder Wahrnehmungen sein. Dabei achtsam zu sein, bedeutet zudem, jedes Abschweifen der Aufmerksamkeit zu registrieren und sie wieder auf das zurückzuführen, was gerade ist. Von zentraler Bedeutung ist auch die Haltung, die man dabei einnehmen sollte, d.h. neugierig darauf zu sein und es zu akzeptieren. Im Grunde genommen geht es also darum, offen zu sein und alles, was da ist, unvoreingenommen und ohne Wertung zuzulassen und zunächst einmal als „mentales Ereignis“ wahr- und anzunehmen. Begegnet man einem Menschen so und ist zugleich empathisch, wertschätzend und kongruent, dann öffnen sich Türen. Das beobachte ich jedenfalls recht häufig. Deshalb ist es unabdingbar, einen funktionalen Umgang mit dem hinzubekommen, was sich dann so zeigt.

Hier kommen jene Herangehensweisen und Techniken ins Spiel, die zum Teil aus dem psychotherapeutischen Kontext stammen. Das gilt insbesondere dann, wenn über Stresssymptomatiken gesprochen und gefragt wird, was man gegen diese tun könne. So wurde zum Beispiel die Tendenz zum Grübeln bereits von etlichen Seminarteilnehmern zum Thema gemacht. Die Strategien, mit denen man es stoppen kann, sind schnell und leicht zu vermitteln. Das gilt übrigens für sämtliche Methoden aus dem Bereich der Emotionsregulation. In Stressmanagement-Seminaren gehören sie zu den Standards. Im Grunde genommen ist die Grenze zur Psychotherapie also allein deshalb schon fließend. Auch aus diesem Grund sollte man sie m. E. immer gut im Blick haben. Das ist eine der großen Herausforderungen, die die Arbeit in Gruppen mit sich bringen kann.

Im Einzelcoaching ist das etwas klarer: So wird beim Entwicklungscoaching bspw. eine ganzheitliche Perspektive mit explizitem Bezug auf die Persönlichkeit sowie die jeweiligen Lebensthemen der Klienten/-innen eingenommen, wofür verschiedene Methoden aus dem Bereich der Psychotherapie eingesetzt werden können. Die Klienten/-innen sollten psychisch stabil bzw. gesund sein. Psychische Störungen werden durch das Auftreten von bestimmten Symptomen (Dauer, Anzahl, Schweregrad) definiert. Sofern „lediglich“ pathologische Veränderungen vorliegen, die nicht zu Symptomen führen, wird demnach nicht von einer psychischen Krankheit gesprochen, sondern allenfalls von einer Krankheitsdisposition. Ist hingegen der Leidensdruck auf der Ebene des Fühlens, Erlebens und/oder in Beziehungen stark ausgeprägt bzw. sind bereits psychische und/oder körperliche Beinträchtigungen bzw. Erkrankungen oder Symptome zu erkennen, die therapeutisch behandelt werden sollten, kommt das Coaching an seine Grenzen. Folglich wäre dann eine Psychotherapie zu empfehlen.

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Notfallpsychologie – Interview mit Prof. Dr. Bernd Gasch

Vom 11. bis zum 13. Oktober 2018 fand in Hamburg die 5. Fachtagung Notfallspsychologie statt. Im Anschluss daran hatte ich die Gelegenheit, ein persönliches Gespräch mit Prof. Dr. Bernd Gasch zu führen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit einem Gebiet zu beschäftigen, das sich mit Notfällen und den entsprechenden Aspekten und Aufgaben befasst, die für die Psychologie von Interesse sind?

B. G.: Es ist schon etliche Jahre her, da fuhr ich auf dem Heimweg nach Nordkirchen im Münsterland mit meinem Auto an einer Unfallstelle vorbei und sah dort einen verletzten Motorradfahrer liegen. Da der Krankenwagen bereits unterwegs war, konnte ich zwar weiterfahren, stellte mir daraufhin aber die Frage, was ich in einer solchen Situation eigentlich hätte tun können? Woran ich auch dachte, die gängigen Interventionsmöglichkeiten erschienen mir allesamt nicht zweckmäßig zu sein: Ein Tiefenpsychologe hätte vielleicht analysiert, in welchem Zusammenhang dieses Ereignis mit der Beziehung steht, die der Verunglückte zu seinen Eltern hat? Ein Verhaltenstherapeut wäre eventuell auf Idee gekommen, die ein oder andere Entspannungstechnik aus seinem Methodenkoffer hervorzuholen. Auch Viktor Frankls Frage nach dem „Sinn“ hätte hier wohl nicht geholfen. Also sprach ich mit meinem Kollegen Frank Lasogga darüber, der anmerkte, dass es so etwas wie eine Fünf-Minuten-Kurzzeittherapie wohl nicht gäbe. Daraufhin beschlossen wir, ein Buch über die psychologische Erste Hilfe bei Unfällen zu schreiben.

Womit haben Sie sich eigentlich (vorrangig) befasst, bevor Sie diese Idee hatten?

B. G.: Offiziell habe ich eine Professur für Psychologie mit dem Schwerpunkt Pädagogische und Unterrichtsspsychologie. Dafür wurde ich damals an der Pädagogischen Hochschule Ruhr eingestellt, die nach einem halben Jahr meiner dortigen Tätigkeit mit der Universität Dortmund zusammengeführt wurde. Das war ein recht streitvoller Prozess. Eine Folge davon war es, dass ich dort zunächst innerhalb der Lehrerausbildung keine konkreten Zuständigkeiten hatte. Man sagte mir: „Machen Sie halt mal was!“ Die acht Lehrstunden pro Woche, die ich laut meines Vertrags abhalten durfte, habe ich dann nach eigenem Gutdünken gefüllt.

Womit?

B. G.: Ich habe zunächst eine „Einführung in die Psychologie“ für alle angeboten, vor allem für Lehramtsstudenten und Diplom-Pädagogen. Das hat sich dann jahrzehntelang fortgesetzt. Diese Vorlesungen wurden jeweils von ca. 600 Studentinnen und Studenten besucht. Des Weiteren habe ich klassische Themen abgearbeitet, von denen ich vermutete, dass LehrerInnen davon einen Nutzen davon hätten, z. B. Lerntheorien und Intelligenzforschung, Ein bis zwei Themen waren jedoch immer etwas außergewöhnlicher. So habe ich einen Kompaktkurs „Gesprächsführung in Problemsituationen“ konzipiert, den ich auch jetzt noch in der Weiterbildung für Schulleiter anbiete. Weitere Sonderveranstaltungen waren „Kreativitätsförderung“ oder ein Seminar zum Thema „Meine eigenen Schulerfahrungen und die Konsequenzen für den Lehrerberuf“. Interessant für die Studierenden war auch das Seminar „Prüfungsvorbereitung und -technik“, im Verlauf dessen die Studenten/-innen auch mich zu einem Thema ihrer Wahl prüfen und dieses Szenario mit einer Videokamera aufnehmen sollten. Dabei habe ich aufzeigen können, dass es gewisse Strategien gibt, mit denen man sich selbst dann herausreden kann, wenn man mal in die Klemme kommt.

Was ja auch irgendwie „Notfallpsychologie“ ist, wenn auch in einem ganz anderen Sinne…

B. G.: Dann kam ein neuer Strang hinzu: Der ehemalige Rektor und der ehemalige Kanzler hatten die Idee, an der Universität Dortmund auch Diplom-Psychologen auszubilden. Bei der Beantragung gab es jedoch Probleme. Zudem witterte die Universität Bochum Konkurrenz, weshalb wir dann ersatzweise einen „Zusatzstudiengang Organisationspsychologie“ einrichteten. Ich hatte zwar immer wieder mal überlegt, ob ich mich vielleicht irgendwo anders bewerbe und die Universtität wechsle, blieb aber doch in Dortmund; denn in dieser Zeit war ich bereits Dekan und wurde in den 1990er Jahren auch einer der Pro-Rektoren.

Obwohl ich in diesen Positionen weniger lehren musste, ließ ich mir die Freude nicht nehmen, mir für die verbleibenden Stunden etwas Neues einfallen zu lassen. Aufregend fand ich insbesondere ein Seminar zum „Abbau unerwünschter Hemmungen“, da ich bis dato überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wovor die Studenten/-innen Hemmungen hatten (beispielsweise sich zu melden oder in ein Mikrophon zu sprechen). Im Rahmen dieses Seminars führten wir dann auch verschiedenartige öffentliche Mutproben durch. In einer davon ging es darum, mit zwei unterschiedlichen Schuhen in der Stadt umherzulaufen. Dabei gab es dann einen herrlichen Vorfall, an den ich mich noch bestens erinnere: Ich stellte mich selbst mit zwei verschiedenen Schuhen vor ein Schuhgeschäft und erklärte den Passanten, welche Vorteile es hat, so herumzulaufen, bis der Geschäftsführer aus dem Laden kam und mich ärgerlich fragte, was ich denn da tue? Als ich es ihm erklärte und ihm anbot, ihm diese Geschäftsidee zu verkaufen, war er empört und rief die Polizei. Als diese daraufhin kann, erklärte ich auch dem Polizisten meinen Vorschlag. Ich sollte dann dem Geschäftsführer meine Adresse nennen, was ich auch ohne Bedenken tat. Der kündigte dann eine Reaktion seiner Zentrale an, auf die ich mich wirklich freute, die aber leider nicht erfolgte. Die zuschauenden Studenten sollten lernen, sich nicht vor Autoritäten zu fürchten, wenn sie sich im Recht fühlten. Jedenfalls amüsierten sie sich köstlich.

Was hat Sie damals dazu motiviert, Psychologie zu studieren?

B. G.: Oberflächliche Antwort: In der Abiturklasse wurden wir eines Tages alle gefragt, was wir studieren wollen? Ich hatte damals den Vorsatz, mir ein Fach auszuwählen, das sonst niemand studierte. Zwar habe ich es trotzdem zunächst mit einem Semester Jura probiert, bin dann allerdings rasch zur Psychologie gewechselt, obwohl meine Eltern etwas ängstlich waren, da die Psychologie damals nicht zu den Studienfächern zählte, mit denen man Geld verdienen könne.

Tiefergehende Antwort: Ich bin 1941 in der Tschechoslowakei geboren und damit „Heimatvertriebener“. 1946 wurden dort alle Deutschen „entfernt“ und landeten zunächst in einem Flüchtlingslager. Damals war ich vier Jahre alt. Daraus entstand wohl irgendwie der Wunsch, Dinge, die Menschen tun, zu ordnen, weil zu jener Zeit alles irgendwie durcheinander ging…

Warum haben Sie aus der Notfallpsychologie ein eigenständiges Fachgebiet innerhalb der Psychologie gemacht? Anders gefragt: Warum wurden diese Erkenntnisse nicht „einfach“ der Sozialpsychologie zugeordnet?

B. G.: Frank Lasogga und ich haben einen Antrag auf Förderung des Projekts Notfallpsychologie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt. Der wurde abgelehnt. Die Begründung war vermutlich, dass man nicht genau wusste, welchem Gutachter man den Antrag zuschicken sollte: den Arbeitspsychologen, den Verkehrspsychologen, den Therapeuten oder wem sonst? Das Fach lag denen sozusagen zu sehr zwischen den konventionellen Fächern. Anders war es beim Bund Deutscher Psychologen (BDP): Hier hat sich die Notfallpsychologie inzwischen etabliert. Zu der heutigen Tagung, die der BDP organisiert hat, kamen immerhin ca. 80 Teilnehmer aus zahlreichen Ländern.

Die Notfallarten sowie die damit einhergehenden Interventionsmöglichkeiten weisen auf ein breites Forschungsfeld hin. Gibt es darunter Bereiche oder Themen, die Sie besonders interessieren?

B. G.: Ein Thema, das mich besonders interessiert, ist der öffentliche Suizid. Warum? Eigentlich hatte ich Angst, dass ich mal an einem solchen Notfall vorbeikomme und angesprochen werde, ich solle da helfen. Darauf wollte ich vorbereitet sein.

Das zweite Thema ist „Panik“. Grund dafür war ein persönliches Erlebnis. Es gab mal eine notfallmedizinische und notfallorganisatorische Übung im Westfalen-Stadion in Dortmund, zu der ich eingeladen wurde und bei der ein Großunfall simuliert wurde: Ein Feuer sei durch das Verhalten von Hooligans entstanden! Dann kam ein Polizist zur Lautsprecherkabine und machte die m. E. vollkommen unmögliche Durchsage, dass „durch das unvernünftige Verhalten einiger Chaoten“ ein Brand enstanden sei. Als ich ihn daraufhin auf diese für mich unangebrachte Formulierung ansprach, erhielt ich lapidar die Antwort: „Machen Sie’s doch besser“, was ich dann auch mit einer alternativen Durchsage versuchte“. Das war der Startpunkt, mich intensiver mit der Panik zu beschäftigen und entsprechende Kapitel zu schreiben.

Gab es im Laufe der jungen Geschichte der Notfallpsychologie Erkenntnisse, die Sie überrascht haben?

B. G.: Für mich war eine der überraschendsten Erkenntnisse, was ein Helfer zu einem Notfallopfer sagen sollte, bevor der Rettungswagen kommt. Die bislang vorherrschende Meinung war, dass man nach „Rogers und Tausch“ vorgehen solle, also „echte positive Wertschätzung, emotionale Wärme, und einfühlendes Verständnis“ zeigen sollte. „Oh, das ist ja wirklich schlimm. Ich kann das wirklich gut nachfühlen!“ Später haben wir Unfallopfer im Krankenhaus interviewt. Ein Patient sagte, dass er diese Formuierungen nicht positiv empfunden hatte und äußerte: „Der wollte mich ja nur trösten“. Was braucht ein Notfallopfer stattdessen? Ordnung im Chaos und Information! Das erreicht man, indem man sagt, wer man ist, konkret fragt, welche Hilfestellungen der- oder diejenige braucht und ihn informiert, dass und wann bspw. der Rettungswagen kommt. In aller Kürze geht es also darum, die kognitive Seite zu betonen, nicht die emotionale. Wir haben dann dieses Vorgehen in vier Regeln für Laien sowie in ca. zwölf für professionelle Helfer zusammengefasst.

Gibt es einen Menschen, der Sie besonders inspiriert hat? Wer war das und warum?

B. G.: Mein ehemaliger Lehrer, Walter Toman, Der ist zwar nicht sehr bekannt, hat aber alle seine Assistenten enorm beeinflusst. Er war ein hagerer, fast unsicherer wirkender Mensch und entsprach damit nicht dem Klischee eines Idols. Aber er hat sich im besonderen Maße um seine „Zöglinge“ gekümmert und sie umfassend und gut betreut. Jeder von uns musste zum Beispiel unter seiner Supervision einen anderen Menschen therapeutisch begleiten. Er war einerseits psychoanalytischer Therapeut, war aber auch viele Jahre in Amerika gewesen und hat dort behavioristisches Denken adaptiert und mit den analytischen Theorien verbunden. Eine Schlüsselveranstaltung von ihm ging um Gesprächsführung (Exploration). Dort hat er ein „Gespräch“ mit einem ihm fremden Menschen geführt und anschließend eine Zusammenfassung vorgetragen. Dabei habe ich einige Regeln gelernt, die er uns implizit vermittelt hat, zum Beispiel wie man einen anderen Menschen akzeptiert, aber auch „öffnet“. Seine Vorgehensweise bestand u. a. darin, keine neuen Themen in ein Gespräch einzuführen, sondern immer nur an dem anzuknüpfen, was der andere sagt.

Haben Sie sich durch die dauerhafte Auseinandersetzung mit der Notfallpsychologie in irgendeiner Weise verändert?

B. G.: Wenig. Und das liegt daran, dass ich nicht aus altruistischen Gründen darauf gekommen bin, mich damit zu beschäftigen, also nicht wegen eines Helfersyndroms. Mein Motiv war der Ärger über die eigene Wissenschaft, dass sie für diese Situationen nichts Wesentliches beizutragen hatte. Es war bei mir also eher ein wissenschaftliches Interesse.

Mit welchen Projekten beschäftigen Sie sich zurzeit? Oder lassen Sie Ihre Arbeit allmählich ausklingen, um Ihren Ruhestand einzuleiten?

B. G.: Letzteres. Die Tendenz geht in Richtung eines ausgedehnteren Ruhestands. Ich habe zunächst freiwillig ein Jahr länger gearbeitet, als ich es gemusst hätte. Was tue ich ab jetzt? Nun: Der Vorschlag meiner Frau, mehr im Garten zu helfen, missglückte total. Aktuell bilde ich noch leitende Notärzte dahingehend aus, wie sie sich in komplexen Situationen unter Stress verhalten sollten, also in dem, womit sich auch Dietrich Dörner lange Zeit beschäftigt hat. Das werde ich wahrscheinlich noch eine ganze Weile tun. Fortführen werde ich auch die Seminare „Schwierige Gesprächsführung“ für Schulleiter.

Gibt es etwas, das Sie der nachfolgenden Generation von Psychologen mit auf dem Weg geben wollen?

B. G.: Ja. Kümmert euch um das Verhalten der Menschen und nicht um Worte! Gebt euch bspw. nicht mit einer Floskel wie „Kooperation“ zufrieden, sondern geht eine Stufe tiefer und schaut, wie sich diese auf der konkreten Verhaltensebene zeigt. Im Grunde genommen bin ich also ein Behaviorist. Aber nicht wie im manipulativen Sinne, wie Watson oder Skinner diesen wohl verstanden haben. Ich meine damit, dass ich mir das Verhalten angucke, das mir die Menschen anbieten, ohne sie in irgendeine Richtung beeinflussen zu wollen. Mein Leitspruch lautet also: Schaut, was die Leute tun, nehmt es zur Kenntnis und zieht dann Schlüsse! Eine Übungsaufgabe für Studenten war: Geht mal unvoreingenommen für eine Stunde auf einen öffentlichen Kinderspielplatz und schreibt alles auf, was dort geschieht. Dadurch bekommt ihr Einblicke, die wirklich interessant sind!

Gerade fand in Hamburg die 5. Fachtagung Notfallpsychologie statt. Gibt es in diesem Zusammenhang etwas Interessantes zu berichten?

B. G.: Auf der Tagung wurde deutlich, dass sich die Notfallpsychologie in eine neue Richtung entwickelt. So entdecken die jungen Notfallpsychologen insbesondere größere Unternehmen und Organisationen als Kundenkreis. Dabei geht es zum Beispiel um die Prävention von Suiziden unter den Mitarbeitern etc. Wahrscheinlich sind derartige Zielgruppen auch deshalb so interessant, weil sich damit Geld verdienen lässt. Es wurden inzwischen Beratungsunternehmen gegründet, die sich mit solchen Problematiken beschäftigen, und entsprechende Lösungen anbieten. Dies wurde jedoch in der Tagung kontrovers diskutiert („Kapitalismus!“). Ein weiterer Trend, der auf der Tagung festzustellen war, erfreut mich allerdings sehr: Die Internationalität nimmt offensichtlich zu!

Betrachten Sie und Prof. Dr. Frank Lasogga sich als die „Urväter der Notfallpsychologie“?

B. G.: Nein, obwohl wir schon manchmal so bezeichnet worden sind. Vielleicht liegt der Grund darin, dass wir das Thema schon sehr früh aufgegriffen haben und mit Beharrlichkeit versucht haben, nahezu alle Aspekte der Thematik einzubeziehen. Dies hat dazu geführt, dass unser letztes Buch „Notfallpsychologie“ offenbar ein „Standardwerk“ geworden ist. Frank und ich hatten aber bestimmt nie die Absicht, „Urväter“ zu werden.

Prof. Dr. (em.) Bernd Gasch, geb. 1941, Dipl-Psych. Promotion an der Universität Erlangen. Tätig in Augsburg, Mannheim. Seit 1979 Professur an der Universität Dortmund, Forschungsaufenthalte in Mailand, Australien, USA. Forschungsgebiete: Pädagogische Psychologie, Organisationspsychologie, Notfallpsychologie.

Literaturhinweis:

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Mobbing verändert Menschen!

Wenn wir nicht mehr so sein können, wie wir einmal waren… Wer von Mobbing betroffen ist oder war, muss ein furchtbarer oder labiler Mensch sein, zumindest aber „schwierig“ im Umgang. Zum Streiten gehören nämlich immer zwei! Außerdem sei es ja lediglich ein mögliches Resultat mangelnder Selbstwertschätzung, wenn man sich zur Zielscheibe der Feindseligkeiten anderer mache. Wenn ich solche Aussagen höre, erkenne ich darin vor allem Ignoranz oder Überheblichkeit. Jeder Konflikt, der sich nicht ohne Weiteres auflösen lässt, bringt für die Betroffenen eine erhebliche psychosoziale Belastung mit sich, die sich selbstverständlich auf die Psyche auswirkt und die Persönlichkeit nachhaltig verändern kann. Wie das genau geschieht, wurde bereits hinlänglich untersucht und beschrieben.

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Der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Argeo Bämayr schlägt in diesem Zusammenhang bspw. vor, zum Zwecke einer angemessenen Behandlung eine eigenständige Diagnose ins ICD (International Classification of Diseases) aufzunehmen. Seiner Meinung nach ist vor allem die sehr häufig verwendete Diagnose „Anpassungsstörung“ äußerst unangebracht für die Betroffenen einer „Mobbing-Katastrophe“. So ist das „Bedrängnis“ bei Mobbing keineswegs „subjektiv“ (was eine Voraussetzung dafür wäre), sondern „objektiv“. Niemand könne sich einem Psychoterror mit dem Zweck einer psychosozialen Destabilisierung „anpassen“. Zudem führt eine solche Diagnose leicht zu einer klassischen Opferbeschuldigung und ist somit diskriminierend. Dr. Bämayr weist in diesem Zusammenhang eindringlich auf das Problem einer Verkehrung von Ursache und Wirkung hin, d. h. dass vielen Betroffenen unterstellt werde, ihre Erkrankung sei die Ursache und nicht eine Folge von Mobbing.

Bei der Primärdiagnose „Mobbingsyndrom“, die in „NeuroTransmitter“ (Heft 11/2006) erstmals benannt wurde, lassen sich vier Stadien erkennen: Nach der akuten Belastungsreaktion folgt eine „kumulative“ traumatische Belastungsstörung (mit Depressionen, Selbstzweifeln, Schuldgefühlen, Vermeidungsverhalten, Schlafstörungen, Grübelzwängen, eingeengtem Denken u.v.m.). Diese wiederum mündet in einer Posttraumatischen Belastungsstörung, welche im schlimmsten Fall andauernde Persönlichkeitsveränderungen nach Extrembelastungen nach sich zieht.

Dr. Argeo Bämayr

Die posttraumatische Verbitterungsstörung, wie sie Prof. Dr. Michael Linden (Leiter der “Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation” an der Charité Universitätsmedizin Berlin) vorschlägt, weist hierzu einige Parallelen auf. So können auch gesunde bzw. stabile Persönlichkeiten unter den Belastungen einer anhaltenden Mobbingsituation psychisch und körperlich erkranken. Sie ließe sich als ein den Beginn der Krankheit herbeiführendes „außergewöhnliches Lebensereignis“ betrachten, vor allem dann, wenn die Betroffenen zuvor keine psychischen Auffälligkeiten zeigten. Der Zusammenhang zwischen der psychischen Befindlichkeit und diesen Ereignissen ist offenkundig. In Gesprächen berichten die Menschen immer wieder von empfundenen Ungerechtigkeiten und wirken emotional erregt, wenn sie an ihre Erlebnisse erinnert werden. Viele Betroffene betrachten sich selbst als Opfer und sind hilflos, mit dem Ereignis oder mit dessen Folgen umzugehen. Nicht selten geben sie sich selbst die Schuld bzw. werfen sie sich vor, sich nicht wirkungsvoll zur Wehr gesetzt zu haben bzw. nicht adäquat damit umgehen zu können. Des Weiteren berichten sie oftmals über intrusive Erinnerungen an das kritische Ereignis. Manche Patienten äußern Suizidgedanken. Begleitende Gefühle können sein: Dysphorie (Missstimmung), Aggressivität und Niedergeschlagenheit, die einer melancholischen, depressiven Verfassung (mit psychosomatischen Syndromen) ähnelt. Weitere unspezifischere Symptome sind Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Schmerzen oder Ängste, die sich auf die Orte oder Personen beziehen, die mit dem besagten Ereignis in Verbindung stehen. Der Antrieb dieser Menschen ist nicht selten reduziert oder sogar blockiert.

Zur Behandlung einer Verbitterungsstörung schlägt er übrigens eine spezielle – eigens von ihm entwickelte – Therapie vor, mit der er im Rahmen seiner Tätigkeit als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin sowie als Psychotherapeut sehr gute Erfahrungen gemacht hat: die Weisheitstherapie.

Prof. Dr. Michael Linden

Doch ist eine Psychopathologisierung der Betroffenen tatsächlich hilfreich? Zum Zwecke einer zielgerichteten Therapie ist sie es mit Sicherheit. Allerdings scheint mir dabei leicht vergessen zu werden, wie normal derartige Wesensveränderungen eigentlich sind, wenn man sich in einer ständigen psychosozialen Belastungssituation (wie bspw. Mobbing) befindet.

Sind Menschen längere Zeit in einem Konflikt verstrickt, dann neigen sie stärker als sonst dazu, Ereignisse in ihrer Wahrnehmung zu selektieren, zu filtern oder zu verzerren. Sie hören ihrem Gegenüber nicht mehr genau zu und sehen nur noch das, was sie zu sehen glauben. Schnell entwickelt sich dabei eine Art Tunnelblick. Die Wahrnehmung wird von Denkmustern gesteuert, was dazu führen kann, dass man nur noch sieht, was man denkt. Dies wiederum erleichtert die Entstehung sogenannter Denkfehler, die Aaron T. Beck bereits bei seinen Patienten entdeckte, die er aufgrund einer Depression behandelte. Übergeneralisierungen, willkürliche Schlussfolgerungen und dichotomes Denken nehmen zu. Schnell werden andere Menschen kategorisch in „gut“ und „böse“ unterteilt. Es kommt zu Verdächtigungen, Missverständnissen und Fehlinterpretationen, wenn es um das Verhalten des Kontrahenten geht. Das Tragische dabei ist, dass sich beide Parteien im Recht fühlen, weil sie der Überzeugung sind, dass die Dinge genauso sind, wie sie darüber denken.

Auch die Gefühle werden selbstverständlich in Mitleidenschaft gezogen. Aufgrund der akuten Bedrohung werden Ängste zur handlungsleitenden Emotion. Man fühlt sich der Situation ausgeliefert, empfindet Ohnmacht, wird unsicher, misstrauisch und empfindlich. Um sich selbst zu schützen bildet man einen Schutzpanzer oder spaltet einzelne Gefühlsbereiche aus dem Erleben ab. Allmählich geht die Empathiefähigkeit verloren. So wirkt man auf den Konfliktpartner kühl und berechnend, zumindest solange, bis sich die aufgestauten Emotionen in einem Ausbruch entladen. Diese Explosionen führen dann schnell dazu, dass Außenstehende einen als unberechenbar oder psychisch instabil wahrnehmen.

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In einer derartigen Stresssituation werden Überlebensinstinkte wach, die archaische Reaktionsmuster auslösen: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Das Ego zentriert sich immer mehr auf die unerfüllten sozialen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Verbundenheit, Anerkennung, Wertschätzung etc. Es wird starr und zwanghaft. Dass sich dann auch das Verhalten verändert, scheint auf der Hand zu liegen. Man reagiert oftmals nur noch instinktgesteuert bzw. ohne Besinnungspausen einzulegen auf das Verhalten des Konfliktpartners. In Verstrickungen eines solchen Ausmaßes neigen Menschen (oftmals ohne es kontrollieren zu können) immer mehr dazu, frühkindliche Bewältigungsstrategien zu nutzen: Sie schreien sich an, erkranken, ziehen sich zurück oder bemühen sich verkrampft darum, immer alles richtig zu machen.

Das aber sind vollkommen menschliche Reaktionen, die man gelegentlich (zumindest im Ansatz) auch bei „gesunden“ Menschen beobachten kann, wenn diese in einer emotional belastenden Auseinandersetzung verstrickt sind oder sie vor einem Zerwürfnis stehen. Mobbing ist allerdings mehr als nur ein einfacher Konflikt, da eine fundamentale Unterlegenheit damit einhergeht, die oftmals zu Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweiflung führt. Es ist für mich zwar verständlich, dass man sich im Rahmen einer Therapie darum bemüht, die Betroffenen wieder zu stärken und zu schauen, was bei ihnen vielleicht zu einer erhöhten Empfindlichkeit bzw. Vulnerabilität beigetragen haben könnte, grundsätzlich halte ich die entsprechenden Reaktionsmuster allerdings für normal. Jedenfalls sind sie für mich absolut nachvollziehbar.

Sollten Sie sich durch diesen Artikel angesprochen fühlen, sind Sie herzlich willkommen, sich dem Fachforum bei XING anzuschließen. Weitere Informationen und Unterstützungsangebote finden Sie auf der Webseite www.fachforum-mobbing.de.

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Literatur:

  • Bämayr, Argeo (2012). Das Mobbingsyndrom. Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt. Munich University Press.
  • Linden, Michael. Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. In: Fuchs, Thomas & Berger, Mathias. Affektive Störungen. Klinik – Therapie – Perspektiven (Kapitel 8). Schattauer (2013).

Weitere Quelle:

  • Ballreich, Rudi & Hüther, Gerald (2010). Du gehst mir auf die Nerven! Neurobiologische Aspekte der Konfliktberatung. Ein Workshop, Zürich 2010. DVD: Audiotorium Netzwerk.

Psychotherapie, Coaching & Organisationsberatung – Interview mit Dr. Bernd Schmid

Im März hatte ich die Gelegenheit, Dr. Bernd Schmid in Wiesloch zu besuchen und mit ihm über seine Arbeit zu sprechen. Da ich mich auf dieses Gespräch allerdings nicht richtig vorbereiten konnte, habe ich ihn darum gebeten, mir im Nachklang – also im Rahmen eines Interviews – ein paar Fragen zu beantworten. Sollte es Sie also auch interessieren, was sich hinter der „Systemischen Transaktionsanalyse“ verbirgt, welche Erfahrungen ihr Begründer mit den verschiedenen Verfahren oder Lehren machen durfte, die im Coaching sowie im psychotherapeutischen Kontext einen gewissen Ruhm erlangt haben, oder was ihn überhaupt dazu angetrieben hat, sich mit derartigen Fragestellungen zu befassen, dann finden Sie hier einige Antworten!

Wer ist Dr. Bernd Schmid?

Wer ich bin? Eine gelungene Promenadenmischung vielleicht?! Irgendwie bin ich jedenfalls ein bunter Hund, der nirgends richtig hineingepasst hat und deswegen immer seinen eigenen Weg suchen musste. Die Evolutionsleute nennen solche Kreaturen – wenn ich mir schmeichle – „hopefull monsters“. Sie sehen aus wie Missgeburten, sind aber vielleicht der Anfang einer neuen Spezies. Die Evolution macht viele Experimente und das Schicksal eines Einzelnen interessiert nicht, so dass viele Unangepasste Schiffbruch erleiden und untergehen. Irgendwie haben mich aber glückliche Umstände, einige Talente und Ambitionen sowie viel Fleiß davor bewahrt. Zudem hatte ich immer ein Gespür dafür, wohin sich meine Umwelt entwickeln wird, und lag damit eigentlich nie wirklich falsch. Im Laufe der Zeit konnte ich das immer besser formulieren und entsprechend agieren.

So habe ich auf meinem beruflichen Werdegang viele Bereiche kennengelernt, wollte mich jederzeit frei dorthin bewegen, wo ich es wirklich interessant fand, habe immer neue Aufbrüche gewagt, wenn Möglichkeiten zu Vorschriften, wenn Lehren zu Dogmen verkamen. Daneben bin ich wohl als Entwickler und Unternehmer begabt, so dass aus Ideen, die viele haben, eine Schatzkiste stimmiger Konzepte und Vorgehensweisen geworden ist und ein erfolgreiches Unternehmen. Die isb-Konzepte gehören mittlerweile in vielen Feldern zum Hand- und Denk-Werkzeug von Professionellen.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, sich beruflich vorrangig mit psychologischen Themen zu befassen und im therapeutischen Bereich tätig zu werden?

Der Psychologie Jung’scher Prägung bin ich zunächst in meiner Schwiegerfamilie begegnet, der Pädagogischen Psychologie und der Sozialpsychologie im Studium. Die Gruppendynamik und die humanistischen Verfahren habe ich mir dann selbst gesucht. Psychotherapie faszinierte mich viele Jahre mit wechselnden Schwerpunkten. Die 68er-Zeit des Aufbruchs erlaubte da viel Wildwuchs, so dass ich ab 1976 fast 20 Jahre als Psychotherapeut praktizierend und später auch lehrend tätig war.

Aber fangen wir mal ganz von vorn an: Ursprünglich wollte ich Lehrer werden, war aber kein besonders guter Schüler. Da habe ich gehört, dass man auch in der Wirtschaft als Lehrer tätig sein könne. So habe ich in Mannheim Wirtschaft studiert mit dem Ziel Handelslehrer. Im Studium begann ich dann, mich mit Hochschuldidaktik zu beschäftigen. Denn mir war schnell klar geworden, dass die herkömmlichen Lernformen wenig taugen. Die Leute müssen statt dessen miteinander reden und arbeiten, um wirklich zu lernen. Deshalb habe ich mich dann in meiner Diplom- und Doktorarbeit unter anderem mit der Gruppendynamik beschäftigt. Das war die einzige Methode, die man damals kannte, die hierzu etwas beisteuern konnte. Und so begann ich, zunächst an der Universität, später dann überregional Seminare in Gruppendynamik anzubieten. Allmählich bin ich ins freiberufliche Seminargeschäft reingewachsen, ohne dass mir damals bewusst war, was sich daraus entwickeln würde.

Anfang der 70er Jahren sind die Wellen der Humanistische Psychologie in den Heidelberger Raum geschwappt: Klientenzentrierte Gesprächstherapie, Psychodrama, Körpertherapie, Gestalttherapie und so weiter. Das habe ich dann alles mitgemacht. 1976 kam ich mit der Transaktionsanalyse in Kontakt. Ich fing sofort Feuer und begann eine systematische Ausbildung. Meine internationalen Examina machte ich 1979 als klinischer Transaktionsanalytiker in Aix-en-Provence und 1986 als Lehrtrainer und -supervisor in Barcelona. In den 80er-Jahren habe ich dann die systemische Transaktionsanalyse formuliert und über viele Jahre später mit Schwerpunkt Coaching ausgebaut. Ich war von der klassischen TA doch schon recht weit weggedriftet, als ich 2007 als europäischer Vertreter auf die internationale TA-Konferenz in San Francisco eingeladen wurde, 31 Jahre nachdem ich TA dort auf einer internationalen Konferenz kennengelernt hatte. Dort hat man mir als erstem Deutschen und weltweit erstem Vertreter des Organisationsbereichs die wohl bedeutsamste internationale Auszeichnung den „Eric Berne Memorial Award“ verliehen. Das war heilsam.

Zwischendrin hatte ich bei Milton Erickson und NLP-Vertretern studiert. Mit der Jungianischen Psychologie hatte ich mich ohnehin schon seit Jahren beschäftigt. Und über die Gruppe um Helm Stierlin in Heidelberg war ich mit dem systemischen Gedankengut in Kontakt gekommen und habe schließlich zusammen mit Gunthard Weber das Institut für systemische Therapie und Transaktionsanalyse, wie es damals hieß, gegründet. Mir erschien manches der Orientierung der TA an der Psychotherapie des letzten Jahrhunderts mit der Zeit antiquiert. Man hat ja nicht nur Defizite, Störungen und pathologische Beziehungen, sondern auch Begabungen, Kompetenzen und kreative Beziehungen! Statt den Blick dafür zu schärfen, mit wem ich mich in tragisch endende sexuelle Spiele verstricken könnte, wäre es sinnvoll zu erkennen, mit wem ich ein gutes Lern- und Arbeitsbündnis entwickeln könnte? Ressourcenorientierung macht den Unterschied und die Entwicklung professioneller Rollen.

Die damalige Psychotherapie war mir zu überwertig von einer Ideologie des ›Befreiens von etwas‹ getragen: Wenn ich, so die Annahme, Eierschalen biografischer Art, die mich noch an einer völlig freien Bewegung hindern, abstreifen würde, dann würde ich flügge werden. Das stimmt aber nicht, denn man muss auch fliegen lernen. Vielleicht schafft man es ohne die Schalen, das Nest zu verlassen und zu lernen. Ob man ein guter Flieger wird, hat aber sehr viel mit Kompetenz zu tun. Wenn man passend zum eigenen Wesen lernt, in der Welt etwas zu tun, ist das die beste psychotherapeutische Versorgung. Von daher bin ich immer eher auf der Seite der Lernkultur mit therapeutischen Effekten als auf der Seite der Psychotherapiekultur.

Dennoch hatte ich mich zwar nicht den dogmatischen Strebungen in der TA-Szene, aber doch der Professions, -Weiterbidlungs- und Prüfungskultur immer dankbar verbunden gefühlt.

Warum haben Sie sich später dazu entschieden, in die Organisationsberatung zu wechseln?

Da gab es weltanschauliche Gründe. Ich fand, dass der „Reparaturbetrieb Psychotherapie“ zwar einzelnen hilft, aber die gesellschaftlichen Probleme nicht wirksam angeht, und suchte nach weiteren Hebeln. Auch war mir selbst die systemische Orientierung dieser Zeit zu dogmatisch geworden. So war bspw. auch das systemische Therapieverständnis in sich dann einseitig oder unzureichend, wenn es die inneren Steuerungsprozesse der Menschen vernachlässigte und sich nur auf Beziehungs- Systeme fokussierte. Zudem fand ich es unpassend, Psychotherapie in gesellschaftliche Felder zu übertragen, die nach anderen Spielregeln funktionieren. Dort mussten andere Rollen, andere Kontexte, andere Beziehungslogiken und andere Verantwortlichkeiten im Vordergrund stehen. Im Organisationsbereich müssen die Selbststeuerungen und Beiträge zum System auch unter ökonomischen, rechtlichen, markt- oder branchenorientierten Gesichtspunkten Sinn machen bzw. anschlussfähig sein. Ganzheitlichkeit kann eben auch heißen, unternehmerische und andere gesellschaftliche Belange nicht nur im Prinzip mit zu berücksichtigen, sondern durch konkrete Entwicklungen von anschlussfähigen Konzepten und Vorgehensweisen.

Und dann störte mich auch die Trägheit vieler meiner Weggefährten. Sie waren auf dem Standpunkt stehen geblieben: Wir haben so tolle Dinge anzubieten, da kann jeder etwas Interessantes lernen und das Gelernte selbst in seine Welten übertragen. Mir hat das nie gereicht. Ich habe mich gefragt, was fehlt noch, was schließen wir aus, welche Berufsverständnisse exportieren wir unbemerkt? Welche Kulturinfektion ziehen sich Organisationen zu, wenn sie mit Dienstleistungen die gewohnheitsmäßigen Wirklichkeitsverständnisse und Handlungsmaxime der Anbieter ins Haus und in die Köpfe holen. Deshalb habe ich mich aufgemacht, die Konzepte der Transaktionsanalyse vom Berufsverständnis der Therapeuten zu reinigen.

Ganz praktisch bekam ich immer mehr interessante und gut honorierte Aufträge für Beratung und Workshops aus dem Organisationsbereich. So konnte ich die Welt der Unternehmen besser verstehen lernen und ausprobieren, wie ich mein Können dort nutzen konnte. Aus der konkreten Arbeit heraus entwickelte ich Konzepte, Modelle und Methoden. Sie fanden bei Kollegen Anklang und ich wurde immer mehr als Lehrer und Supervisor angefragt. So entstanden immer mehr Curricula für Professionelle im Organisationsbereich. Schließlich gab ich die psychotherapeutische Arbeit ganz auf.

Seit etlichen Jahren habe ich mit dem isb-Wiesloch nun sozusagen „meine eigene Hochschule“ aufgebaut und mittlerweile an die nächste Generation übergeben. Die Chancen, die eine Kultur ohne eine leistungsfähige Wirtschaft hat, sind nur gering. Diese Kombination aus humanistischem Bildungsideal und marktwirtschaftlichem Verantwortungsprinzip hat uns immer gezwungen, gute Kompromisse zwischen gesellschaftstauglichen Anforderungen und eigenen Wertevorstellungen zu finden.

Warum haben Sie die Schmid-Stiftung gegründet?

Ein Unternehmen, das so stark kulturgeprägt ist wie das isb, kann man nicht einfach verkaufen und jemandem übergeben, der diese Kulturtradition nicht auch pflegen kann oder möchte. Deshalb stellte ich mir die Frage, wie eine unternehmerische Nachfolge aussehen könnte? Wie meist, unter der Dusche, hatte ich plötzlich die Idee: Ich gründe eine Stiftung! Zunächst habe ich ganz naiv und einfach nur großzügig gedacht, dass ich die erheblichen wirtschaftlichen Überschüsse des Unternehmens nicht mehr brauchen werde und sie für den guten Zweck, für den das isb steht, nämlich Wirtschafts- und Gesellschaftskulturentwicklung, zur Verfügung stehen sollten. Der Zweck der Stiftung ist es, gemeinwohlorientierten Initiativen und Organisationen unser Coaching- und OE-Knowhow für ihre Entwicklung zugänglich zu machen. Aber nicht, indem wir einfach Dienstleistungen verschenken, die normalerweise gekauft werden müssten, sondern indem wir Organisationen helfen zu verstehen, wofür man Coaching- und OE-Knowhow zur eigenen Entwicklung nutzen kann und sie darin begleiten, zu lernen, wie man dieses Wissen eigenverantwortlich anwendet. Auch glaube ich, dass Individuen und Organisationen künftig einen Mix von Erwerbs- und Gemeinwohl-Orientierung entwickeln müssen und wir von Anbieterseite für solche kombinierten Entwicklungen Beispiele liefern sollten.

Inwiefern beeinflusst Ihre Persönlichkeit Ihren Coachingstil?

Von meinem Wesen her bin ich eher introvertiert. Ich habe zwar gelernt, in der Welt auch extravertiert zu sein, aber das geht bei mir nur ›auf Akku‹. Das heißt, ich brauche anschließend immer etwas Rückzug und die Erneuerung in der Introversion. Ich bin auch nicht so der wöchentliche Begleiter, eher jemand, der hilft Schlüsselsituationen für Neu-Orientierung zu kreieren und dann loslässt, bis sich die Impulse ausgewachsen haben oder neue Aspekte auftauchen. Als Ideenfinder und -entwickler kann ich am besten mit Menschen arbeiten, die ich nicht tragen muss, sondern anregen kann, so dass sie dann selbstständig weiterarbeiten können. Da muss ich dann auch nicht mehr dabei sein.

Mir fällt es eher schwer, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die viele „Wiederholungs-Runden“ drehen müssen. Da wird dann mein Drang nach Fortschritt zu sehr gebremst. Das hatte schon nach vielen Jahren Einzeltherapie dazu geführt, dass ich vor allem Arbeit in der Gruppe gemacht habe. Denn da konnte ich immer mit denen arbeiten, bei denen Entwicklung gerade möglich war. Später habe ich feste Rhythmen ganz aufgelöst und nur noch dann neue Termine vergeben, wenn ich den Eindruck hatte, dass die Klienten wirklich etwas bewegen möchten oder dass sie das in vorigen Sitzungen Erarbeitete auch verwerten. Auch deswegen gab es immer Tonaufnahmen von Sitzungen. So können Anregungen, falls sie im Moment der Sitzung nicht integriert werden, durch das wiederholte Hören Schicht für Schicht aufgenommen werden.

Dieses Prinzip des Auf-Augenhöhe-Seins mit dem Gegenüber ist mir wichtig. Deswegen ist es für mich in der Beratungsarbeit immer entscheidend, dass man erst einmal eine gemeinsame Lern- und Arbeitsbeziehung auf Augenhöhe errichtet. Natürlich muss man mit dem Klienten darüber sprechen, wo er oder sie eigentlich hin will, damit man nicht einfach irgendwas macht. Ich selbst spreche aber nicht gern von einem Ziel, sondern eher von einer Richtung. Was Richtung dabei meint, ist nicht immer leicht zu operationalisieren. Intuitiv haben wir die Fähigkeit, bei der Beschreibung von sinnvollen Richtungen bedeutsame, aber ganz verschiedene Dimensionen zusammenzubringen und zu integrieren Wir versuchen dies in unseren Gruppen durch verschiedene Spiegelungsübungen zu trainieren.

Dafür ist es wohl erforderlich, eine gewisse Offenheit für neue Erfahrungen mitzubringen, oder?

In Sachen Offenheit hat uns Milton Erickson den Weg gewiesen: Zum Beispiel soll er früher seine Ausbildungskandidaten vors Haus geführt und sie aufgefordert haben, sich den gegenüberliegenden Hügel anzuschauen. Auf diesem Hügel waren aufgrund des Windes, der von Nord nach Süd wehte, alle Bäume außer einem etwas nach rechts geneigt. Und da sagte Erickson, dass dieser eine Baum den Klienten repräsentieren könnte. Dies ist eine wunderbare Metapher dafür, dass es im Einzelfall immer wieder anders sein kann und wir uns trotz aller Erfahrungen und Empirie ein neues Urteil bilden müssen. Erickson hat Schemata ganz klar abgelehnt, er wollte vielmehr, dass die Menschen metaphorisch und an Beispielen solche Schöpfungsakte miterleben und eine entsprechende Haltung einnehmen können. Das Überraschende, das das Leben an mich herangetragen hat, war oftmals sehr lehrreich – und zwar sowohl in positiven Aspekten als auch in situativ manchmal sehr unangenehmen Geschehnissen oder Enttäuschungen.

Wie gehen Sie mit beruflichen Misserfolgen um?

Bei meiner Arbeit läuft die Selbstreflexion eigentlich immer mit. Im Laufe der Zeit entwickelt man ein Gefühl für Stimmigkeit und Richtigkeit. Ich glaube, dass Reflexion immer etwas mit dem Denkstil und der eigenen Nachdenkkultur zu tun hat. Da bin ich sehr eigen. Wenn ich etwa bemerke, dass etwas irgendwie danebengegangen ist, dann nehme ich mir Zeit, um herauszufinden, was ›das‹ war und was richtig sein könnte. Oder ich merke mir zumindest die Situation. Dann sage ich mir, dass es in Ordnung ist, jetzt nichts ungeschehen machen zu wollen. In den meisten Fällen habe ich nicht das Bedürfnis, mit Leuten darüber zu sprechen, und kann das Problem dann auch ruhen lassen!. Dann arbeitet ›es‹ in mir und irgendwann morgens unter der Dusche macht es klick – ich bin mit dem Thema auf einem neuen Niveau angelangt und es ist erst einmal abgeschlossen. Wenn ich also merke, dass etwas nicht passt, initiiere ich automatisch Suchprozesse, um herauszufinden, was da genau schiefgelaufen ist. Ich bin eher der Typ, der das sehr fein beobachtet, für sich verarbeitet und nicht alle möglichen Leute fragt. In der Regel komme ich dann auch zu Einsichten, selbst wenn ich diese nicht immer gleich gut umsetzen kann.

Was zeichnet einen guten Coach aus?

Ein guter Coach versteht sowohl Menschen als auch Organisationen – und er überträgt nicht einfach Psycho-Beratung. Er hat eine solide Ausbildung sowie Erfahrung im Organisationsbereich. Wichtig ist auch die Lebenserfahrung: Ein guter Coach hat Augenmaß und springt nicht auf jede Mode auf. Er gehört keiner Sekte an und hat kein sektenähnliches Denken. Wenn ein charismatischer Coach sektenähnlich auftritt, kann er Verantwortliche auf seltsame Trips bringen. Das kann zu pseudokompetenten Haltungen führen, die an der eigentlichen Problematik vorbeigehen. Zudem tauscht ein guter Coach Erfahrungen und Informationen mit Berufskollegen aus. Das wäre es in etwa.

Was macht Ihrer Ansicht nach einen gelungenen Coachingprozess aus?

Um das zu beantworten, würde ich gern einen Schritt zurückgehen. Coaching ist für mich nicht in erster Linie das Arbeiten mit bestimmten Methoden oder einem bestimmten Ablaufschema. Für mich ist (Professions- und Organisations-)Coaching vor allem die Entwicklung einer integrierenden Perspektive in der Beziehung von Mensch zur Berufswelt und von Mensch zur Organisationswelt. Wenn man diese beiden Pole aufmacht, heißt das, dass man die Berufswelt und ihre Auswirkungen genügend studieren und am Puls der Evolution arbeiten muss, um die Menschen und Organisationen zukunftsfähig zu machen. Ich muss quasi irgendwelche Bilder von der Entwicklung von Organisationen und der Gesellschaft schaffen, um im Umkehrschluss daraus ableiten zu können, was das für den einzelnen Menschen heißt. Die meisten Menschen fragen ja gern, ob die Organisation und der Beruf, in dem sie arbeiten, Sinn stiften. Aber es ist ja auch immer die zweite Frage relevant: Mache ich Sinn für dieses Berufsfeld und für diese Organisation? Und, weiter gedacht, wie passe ich in die Gesellschaft und ihre Entwicklung? Wenn man Coaching als Expertise versteht, heißt das, dass ich für Anschlussfähigkeit verantwortlich bin, weil menschliche und gesellschaftliche Prozesse immer ganzheitlicher Natur sind. In diesem Kontext haben wir im Deutschen Bundesverband Coaching (DBVC) auch die dialogische Qualitätssicherung eingeführt, die darauf abzielt, sich im Dialog immer wieder mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und sich gemeinsam – ungeachtet irgendwelcher Normen – weiterzuentwickeln.

Woran kann man denn erkennen, ob ein Coaching tatsächlich hilfreich war? Wie kann man also messen, ob und mit welchem Erfolg es zu den erhofften Entwicklungen geführt hat?

Hierzu fällt mir der Begriff „zirkuläre Evaluation“ ein: Wenn jemand bspw. ein Coaching macht, das er nicht selbst finanziert, gibt es ja irgendwelche Stakeholder, die wollen, dass irgendetwas anders wird, weshalb sie das finanzieren und Zeit dafür bereitstellen. Und wenn man einen Kontrakt macht, macht man den dann ja nicht nur mit dem Coachee, sondern zugleich auch mit der Organisation oder anderen Stakeholdern. Man muss demzufolge klären, wer das ist und was sie für Vorstellungen haben, was in ihren Augen also Fortschritte wären. Dazu muss man m. E. vor allem miteinander sprechen. Coaching soll ja etwas bringen, das für andere Menschen spürbar ist. Allerdings warne ich davor, das völlig zu operationalisieren. Ich halte also nichts von irgendwelchen Fragebögen, da sich komplexe Entwicklungsprozesse durch diese (wenn überhaupt) nur oberflächlich erfassen lassen. Wir Menschen sind intuitive, sinnbegabte Wesen, die ein Gespür dafür haben, wenn sich etwas Gutes entwickelt.

Obwohl ich selbst eine Ausbildung zum „Systemischen Business Coach“ absolviert habe, stehe ich keinem Verband nahe. Sie hingegen sind Ehrenvorsitzender im Präsidium des DBVC. Welche Vorteile sehen Sie für Menschen wie mich, sich einem solchen Verband anzuschließen?

Solchen Formulierung begegnet der DBVC immer wieder. Als Gegengewicht habe ich immer formuliert: Der DBVC ist eine Investorengemeinschaft! Wer zur Kulturbildung im Coaching aus weltanschaulichen Gründen beitragen will, findet dort dafür einen guten Rahmen und Gleichgesinnte. Ob es sich für die, die nur Renommee und Vorteile suchen, lohnt, weiß ich nicht zu sagen. Ich wäre dafür nicht beigetreten und wir Gründer haben ihn nicht dafür gegründet. Am wichtigsten ist die eigene Passion, ein guter Coach zu sein und mit sich und anderen dabei wahrhaftig, wesentlich und verantwortlich sein zu wollen. Dafür braucht man keinen Verband. Lebendiger Austausch in Communities reicht. Verbände und eine rechtlich geschützte Profession Coaching bringen alle Probleme einer Institutionalisierung mit sich. Verkirchlichung kann Verkrustung, Vereinsmeierei und Funktionärsherrschaft auf der einen Seite und stabile Rahmen, Nachhaltigkeit und Schutz gegen Tagesmoden auf der anderen Seite bedeuten. In jeder gesellschaftlichen Institution ist diese Spannung angelegt. Jeder muss herausfinden, wie er sich dazu stellen kann. Mein Engagement im DBVC war dadurch getragen, dass ich Mitstreiter/-innen gefunden habe, die einen lebendigen und kompromissfähigen Verband auf den Weg gebracht haben, der lebendige Qualität und offenen Diskurs mit Meinungsführerschaft und einer gewissen Expertenmacht kombiniert. Es scheint uns nachhaltig recht gut gelungen zu sein, hier einen Leuchtturm gegen manche Irrlichter zu etablieren. Ob dies über die Zeit erhalten werden kann, weiß ich nicht.

Haben Sie eine Art „Lebensmotto“?

»Wenn Du etwas in unserer Welt vermisst, sorge mit dafür, dass es in die Welt kommt.« Ich habe für Jammern und das Beklagen von Mangel nie viel übrig gehabt. Mich berührt, wenn jemand auch mit Beeinträchtigungen seinen Lebensweg eigenverantwortlich und mutig zu gehen versucht, sich nicht unnötig mit Defiziten beschäftigt, sondern aus dem Holz, aus dem er nun mal gewachsen ist, etwas Taugliches macht. Unangepasstheiten sind für mich noch nicht ins Gleichgewicht und ins richtige Zusammenspiel gebrachte Kompetenzen. Ich machte mich immer für das Ergänzende, was meiner Ansicht nach fehlte, stark. Schon als Therapeut war ich dafür, Unangepasstheiten nicht wegzutherapieren, sondern zu helfen, dass sie sich im richtigen Zusammenspiel und Zusammenhang zum Guten entwickeln. Mein Bonmot war: aus Neurose Charakter machen.

Gibt es etwas, das Sie jenen Menschen ans Herz legen bzw. mit auf den Weg geben möchten, die sich dafür interessieren, selbst Coach zu werden? Was wäre Ihre Botschaft an den Nachwuchs der Coaching-Szene?

Was sollte ich auswählen aus den vielen Erfahrungen und Einsichten, die mir das Leben beschert hat? Und wer weiß, was davon für jemand anderen bedeutsam werden kann? Mir kommt allenfalls ein Spruch aus meiner christlichen Vergangenheit in den Sinn: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Was meine ich bloß mit Seele? „Ich stelle mir meine Seele wie ein unsichtbares Fischernetz vor. Es hängt an Bojen, die an der Oberfläche sichtbar sind, doch das Netz reicht in Tiefen, die ich letztlich nicht ausloten kann. Das Netz selbst kann ich auch nicht wahrnehmen. Ich bekomme aber eine Vorstellung davon, durch das, was darin hängen bleibt. Allein, dass etwas geblieben ist, zeigt, dass es mit mir zu tun hat. Was geblieben ist, sagt etwas über das Netz. Wichtig ist, was bei jedem hängenbleibt. Es erzählt von Ihm.“

Vielen Dank für das Interview!

Dr. Bernd Schmid ist Leitfigur des isb-Wiesloch www.isb-w.eu, der Schmid-Stiftung http://schmid-stiftung.org/ und des International Network for Organization Development and Coaching www.inoc-network.org. Er ist u.a. Ehrenvorsitzender Präsidium DBVC, Ehrenmitglied der Systemischen Gesellschaft, Preisträger des EATA-Wissenschaftspreises 1986 und des Eric Berne Memorial Award 2007 der Internationalen TA-Gesellschaft, Life Achievement Award 2014 der deutschen Weiterbildungsbranche. Life Achievement Award der deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse 2017.

Literaturhinweise:

  • Bernd Schmid & Thorsten Veith (2014). Systemische Organisationsentwicklung: Change und Organisationskultur gemeinsam gestalten. Schäffer Poeschel.
  • Bernd Schmid & Andrea Günter (2012). Systemische Traumarbeit. Der schöpferische Dialog anhand von Träumen. Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Bernd Schmid & Christiane Gérard (2012). Systemische Beratung jenseits von Tools und Methoden. Mein Beruf, meine Organisation und ich (EHP-Handbuch Systemische Professionalität und Beratung). EHP Edition Humanistische Psychologie.

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