Im Bann der Verschwörung

Mein Ausflug zu den „Corona-Leugnern“ hat hohe Wellen geschlagen. Aufgrund dessen, dass ich mir einen persönlichen Eindruck davon machen wollte, was auf der Demonstration am 29.08.2020 in Berlin geschah, worüber ich anschließend berichtet habe, wurde ich von einigen Leuten in irgendwelche Schubladen gesteckt, in denen ich mich gewiss nicht gern wiederfinden möchte. Viel Unverständnis habe ich zuvor schon dafür geerntet, ein Interview mit Prof. Dr. Franz Ruppert zu veröffentlichen, der die Ansicht hat, hinter der ausgerufenen Pandemie stecke ein perfider Plan, den ich der Einfachheit halber das „Bill-Gates-Narrativ“ nenne.

Bei Wikipedia findet man unter „Narrativ“ Folgendes: „Als Narrativ wird seit den 1990er Jahren eine sinnstiftende Erzählung bezeichnet, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen Nationalstaat oder ein bestimmtes Kulturareal bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind. […] Bestimmendes Element hinter einem Narrativ ist weniger der Wahrheitsgehalt, sondern ein gemeinsam geteiltes Bild mit starker Strahlkraft. Weit verbreitet ist die Meinung, dass Narrative gefunden und nicht erfunden werden. Konsens ist, dass Narrative eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Orientierung geben und Zuversicht vermitteln können.”

Was unterscheidet Verschwörungstheorien von Verschwörungserzählungen? Theorien basieren bekanntlich auf Fakten, die man überprüfen kann. Wird man auf etwas aufmerksam, das einer Theorie widerspricht, kann man diese anpassen oder verwerfen. Verschwörungserzählungen basieren zwar ebenfalls auf Tatsachen, die Verbindungen zwischen ihnen und die Schlussfolgerungen daraus sind aber wohl häufig frei erfunden. Moment mal, hieß es bei Wikipedia nicht, sie würden „gefunden“ werden? Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen und verwende die beiden Begriffe im Folgenden synonym.

Der Begriff “Verschwörungstheorie” beinhaltet eine Entwertung ihrer Diskutierbarkeit.

Obwohl sich Verschwörungstheorien manchmal als „wahr“ erweisen, sind sie in der Regel nicht Ausdruck von kritischem Denken, sondern weisen auf einen entsprechenden Mangel hin. Ihren Anhängern unterstellt man eine tendenziell geringere Komplexitäts- und/oder Ambiguitätstoleranz. Das habe ich so jedenfalls schon oft gehört und gelesen. Die Tendenz, an Verschwörungserzählungen zu glauben, wird von Wissenschaftlern „Verschwörungsmentalität“ genannt. Menschen, die an eine Verschwörungserzählung glauben, neigen eher als andere Personen dazu, auch weiteren anheimzufallen. Das lässt doch vermuten, dass mit ihrem Geisteszustand grundsätzlich etwas nicht stimmt, oder? Die Hypothese, dass Verschwörungstheorien bzw. entsprechende Überzeugungen Symptome von psychischen Erkrankungen seien, konnte jedoch bislang nicht bestätigt werden. Eine grundsätzliche Psychopathologisierung der Anhänger solcher Theorien ist also eigentlich unzulässig. Woran liegt es nun aber, dass manche Menschen eine sogenannte Verschwörungsmentalität aufweisen? Alter, Intelligenz, Geschlecht, Religion und Bildungsstand spielen in diesem Zusammenhang vermutlich höchstens eine untergeordnete Rolle. Probleme – wie Diskriminierung oder finanziellen Schwierigkeiten – befeuern den Glauben an realitätsferne Theorien hingegen. Verschwörungstheorien stiften Sinn und sie vermitteln Sicherheit, da sie Zusammenhänge zwischen Ereignissen konstruieren, entsprechende Erklärungsmodelle anbieten und somit vermeintlich vor potenziellen Schäden oder Gefahren schützen.

Verschwörungstheorien werden nach dem Zwiebelprinzip aufgebaut: Über die Wahrheit, also dem wahren Kern, legen Verschwörungstheoretiker schichtweise ihre eigenen Thesen, von deren Wahrheitsgehalt sie durchaus überzeugt sein können. Wohingegen Fake News dazu dienen, andere bewusst zu täuschen. Sie werden in der Regel gezielt „gestreut“, um (politische) Interessen zu verfolgen. Diejenigen, die sie (unbedarft) weiterleiten, müssen von diesen (bösen) Absichten allerdings nicht zwangsläufig etwas wissen. Je häufiger man eine Unwahrheit jedoch liest oder hört, desto wahrscheinlicher wird es, dass man eines Tages glaubt, sie würde stimmen. Man nennt dieses Phänomen „Illusory-Truth-Effekt,“. Da ich erst vor Kurzem selbst auf eine solche Falschmeldung hereingefallen bin, habe ich für mich entschieden, ab sofort bei jedem Artikel, den ich teile, sei es auch lediglich in einem Kommentar, die Seriostität der Quelle zu überprüfen und mich zu fragen, wie glaubwürdig die darin enthaltenen Informationen meines Erachtens sind? Das habe ich zwar vorher auch schon getan, allerdings kam es gelegentlich vor, dass ich mich – insbesondere in strittigen Diskussionen – lediglich auf mein Bauchgefühl verlassen und spontan einen Link gepostet habe, der meine Argumentation bekräftigen sollte. Derartige Impulse werde ich künftig kontrollieren.

„Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die richtige Wirklichkeit ist.“ Hilde Domin

Unsere Wahrnehmung ist selektiv und sie wird beeinflusst von unseren Bedürfnissen. Das ist kein Geheimnis. Bekannt ist auch, dass das Internet uns nahezu unendlich viele Möglichkeiten bietet, uns über Themen zu informieren. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass wir uns zunehmend eigene Echokammern oder Filterblasen erschaffen und unsere Wirklichkeit verzerrt wird.

  • „Echokammern beschreiben in der Kommunikationswissenschaft eine Hypothese (vgl. Rau/Stier 2019): Sie besagt zunächst, dass sich die öffentliche Kommunikation in voneinander isolierte ,Kammern‘ verlagert – ein Prozess, der als Fragmentierung bezeichnet wird. Eine solche Fragmentierung verläuft dabei nicht zufällig, sondern entlang von Einstellungen und Meinungen: Auf der Mikroebene geht die Echokammer-Hypothese also davon aus, dass sich Menschen mit ähnlichen Ansichten zunehmend in geschützten Räumen austauschen. Eine solche Fragmentierung ist dabei nicht per se als negativ zu beurteilen, im Gegenteil: Meinungsvielfalt gilt als vitales Merkmal einer funktionierenden Demokratie und die sichtbare Ausdifferenzierung politischer Ansichten ist mitunter imstande, die politische Beteiligung Einzelner zu stärken.“ (http://journalistikon.de/echokammer/)
  • Die Filterblase oder Informationsblase ist ein Begriff, der seit dem gleichnamigen Buch von Eli Pariser aus dem Jahr 2011 in aller Munde ist. Ihm zufolge entsteht eine Filterblase, weil Webseiten versuchen, algorithmisch vorauszusagen, welche Informationen eine Person auffinden möchte, basierend auf den verfügbaren Informationen, die über sie gesammelt wurden. Menschen neigen tendenziell dazu, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie mit den eigenen Erwartungen korrespondieren. Das wird in der Psychologie „confirmation bias“ genannt. Die Algorithmen von Google, Facebook und Co sorgen nun über Empfehlungen dafür, eine individuelle Filterblase zu erzeugen.

Wie dem aber auch sei. Damit ist noch längst nicht erklärt, warum einige Menschen dazu neigen, an Verschwörungsheorien zu glauben. Ist es eine bestimmte Art zu denken, die dafür empfänglich macht? Auf der Webseite quarks.de wurde ich auf ein Modell aufmerksam, das diese Vermutung zu bestätigen scheint:

Die sieben Merkmale des konspirativen Denkens (CONSPIR)

  • Contradictory = Widersprüchlichkeit: Menschen können an Ideen glauben, die sich gegenseitig widersprechen. Einer Umfrage der Universität Erfurt zufolge glaubten zehn Prozent der Befragten sowohl, dass das Coronavirus nicht existiere, als auch, dass es eine Biowaffe aus dem Labor sei.
  • Overriding Suspicion = Generalverdacht: Der Glaube an Verschwörungstheorien geht oftmals über „gesunde“ Skepsis hinaus. Extremes Misstrauen kann zu einer prinzipiellen Ablehnung gegenüber offiziellen Erklärungen führen.
  • Nefarious intent = Üble Absichten: Anhänger von Verschwörungstheorien gehen immer davon aus, dass der Gesellschaft geschadet werden soll. Es gibt keine Verschwörungserzählung, die positive Beweggründe unterstellt.
  • Something must be wrong = Etwas stimmt nicht: Verschwörungstheoretiker sind sich sicher, dass die gängige Erklärung auf jeden Fall falsch ist – selbst wenn sie Einzelheiten ihrer eigenen Erzählung mal fallen lassen, ändern oder neu bewerten, bleiben sie dabei, dass “die da oben” etwas im Schilde führen.
  • Persecuted Victim = Opferrolle: Verschwörungsgläubige nehmen sich gleichzeitig als Opfer der Gesellschaft und als mutige Helden im Kampf gegen den Mainstream wahr.
  • Immune to Evidence = Immun gegen Beweise: Gegenbeweise oder Widerlegungen prallen in der Regel an Verschwörungserzählungen ab. Kritik kann sogar dazu führen, dass Anhänger noch stärker an ihre Theorie glauben.
  • Re-interpreting Randomness = Zufälligkeiten uminterpretieren: Zufällige, eigentlich unwichtige und nebensächliche Ereignisse […] werden stets so interpretiert, dass sie zur Verschwörungserzählung und einem vermeintlich zusammenhängenden Muster passen.

Logische Inkonsistenzen im Denken lassen sich zwar nicht komplett vermeiden, aber in der Regel doch (relativ leicht) aufdecken und korrigieren. Vor einer solchen “Widersprüchlichkeit” ist wohl niemand gänzlich gefeit, das gilt auch für mich. Gelegentlich interpretiere ich gewiss auch mal etwas in Geschehnisse hinein, was sich im Nachhinein als Irrtum erweist. Unser Gehirn ist darauf aus, Muster und Zusammenhänge zu erkennen, was dazu führt, dass wir diese manchmal auch dort zu finden glauben, wo es eigentlich keine gibt. Ich nenne das Hypothetisieren, wobei ich jedoch jene Hypothesen, die eine gewisse Relevanz für mich haben, normalerweise zeitnah überprüfe und gegebenenfalls auch schnell wieder verwerfe. In zwei der sieben Punkte finde ich mich also ein Stück weit wieder. Die anderen fünf Merkmale sind mir allerdings weniger vertraut oder sogar fremd. Ich neige nicht zu extrem ausgeprägtem Misstrauen, unterstelle anderen Menschen nur äußerst selten böse Absichten, nehme mich keineswegs als „Opfer“ wahr und bin auch für Informationen zugänglich, die meinen bisherigen Erkenntnissen widersprechen. Na, da habe ich aber Glück gehabt! Vielleicht glaube ich ja deshalb nicht an das „Bill-Gates-Narrativ“?

Ich stelle mir jedoch die Frage, warum andere Menschen das tun? Warum verbreiten sogar – mehr oder weniger – berühmte Professoren, wie zum Beispiel Franz Ruppert, derartige Narrative? Sind sie wirklich davon überzeugt? Davon, dass sie naiv oder sogar dumm sind, gehe ich jedenfalls nicht aus. Es bleibt also viel Raum für Spekulationen.

“Man hört in der Welt leichter ein Echo als eine Antwort.” Johann Paul Friedrich Richter

Verschwörungstheorien erfüllen ganz unterschiedliche persönliche und soziale Funktionen. Das macht sie vermutlich so attraktiv. Sie bieten eine Erklärung für bedrohliche und außergewöhnliche Situationen an und können eine Strategie sein, die dabei hilft, mit Gefühlen von Unsicherheit, Angst oder Machtlosigkeit umzugehen. Viele Menschen erleben die heutige Welt als bedrohlich, chaotisch, nicht überschaubar und nicht beeinflussbar. Verschwörungstheorien bieten Orientierung und Halt, indem sie erklären, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und aus welchem Grund etwas geschieht. Zudem können Verschwörungstheorien dazu beitragen, das Selbstwertgefühl zu stabilisieren, da sie durch ihre Fokussierung auf „dunkle Mächte“ die Eigenverantwortlichkeit relativieren. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, Zusammenhänge zu verstehen und nach Ursachen zu fragen. Das verleiht den eigenen Erfahrungen Bedeutung. Verschwörungstheorien könnten demnach insbesondere für Menschen attraktiv sein, die ein Gefühl von Kontrollverlust erleben und die Ursachen für bestehende Probleme außerhalb ihres eigenen Einflussbereichs sehen. In der Psychologie unterscheidet man zwischen internalen und externalen Kontrollüberzeugungen, wobei wohl vor allem Letztere die Anfälligkeit erhöhen, in Verschwörungstheorien Halt zu suchen. Wenn es nicht so läuft, wie man es sich wünscht, können sie demnach Trost spenden, da man dank eines in ihnen benannten Sündenbocks keine Verantwortung für die Umstände übernehmen muss.

Verschwörungstheorien können das Bedürfnis nach Einzigartigkeit und den Wunsch, sich von der Masse abzuheben, befriedigen. Auch auf diese Weise können sie das Selbstwertgefühl von Menschen steigern. Prof. Dr. Julius Kuhl erwähnt in diesem Zusammenhang auch die narzisstischen Besserwisser. Bei ihnen ist – seinem Modell zufolge – der ehrgeizige Persönlichkeitsstil so stark ausgeprägt, dass übertriebene Rechthaberei und Selbstdarstellung die Folge sein können.

Zusätzlich kann das Bedürfnis nach ‚Bindung’ befriedigt werden, indem man sich einer Gruppe Gleichgesinnter zugehörig fühlt. Das sollte nicht unterschätzt werden! Wird man dafür, dass man anderen Menschen seine Ansichten mitteilt, angefeindet oder ausgegrenzt, sind Solidaritätsbekundungen unglaublich wohltuend. Menschen, die einem helfen, wie zum Beispiel bei einer Diskussion in den sozialen Netzwerken, vertraut man wohl auch künftig eher als solchen, die einen angreifen. So entstehen leicht Bündnisse und Koalitionen, die temporär emotional sabilisierend wirken, aber auch ein dichotomes Menschenbild begünstigen: Freund versus Feind.

Verschwörungsdenken können zudem ein probates Mittel sein, Kritik und Unzufriedenheit an Autoritäten Ausdruck zu verleihen. Geht damit der Wunsch einher, es ihnen zu zeigen bzw. es ihnen heimzuzahlen, ließe sich das mit „ohnmachtsgetriebener Rache“ vergleichen, die Klaus Eidenschink zufolge eines jener drei seelischen Muster ist, die Menschen dazu verleiten, Verschwörungstheorien anheimzufallen. In dem Artikel „Sagt die Wahrheit!“ erläutert er diese und noch zwei weitere, nämlich die „unbewussten Angstprojektionen“, also eine Variante, bei der eigene Ängste im Außen verortet bzw. externalisiert werden, sowie die „identitätsstiftende Demaskierung“.

Bild: Manfred Evertz

Aus den zahlreichen Artikeln (siehe unten), die ich über „Verschwörungstheorien“ gelesen habe, möchte ich noch einige Aussagen frei zitieren:

  • Eine Funktion solcher Theorien besteht in einer Sinnsuche sowie in einem Kontrollstreben in einer als chaotisch empfundenen Welt, bei gleichzeitig selbst erlebter Benachteiligung, mangelnder Kontrolle über das eigene Leben und dem Gefühl, gesellschaftlich abgehängt zu sein.
  • Personen, bei denen der Glaube an solche Theorien am ausgeprägtesten sind, tendieren dazu, Gegenständen und Tieren menschliche Intentionen zuzuschreiben (Anthropomorphismus).
  • Ein starker Glaube an Verschwörungstheorien geht mit intuitivem nichtrationalem Denken und einem geringeren Maß an analytischem Denken einher.
  • Es besteht eine Neigung, bedeutsamen Ereignissen auch bedeutende Ursachen – also nicht dem Zufall oder Pech – zuzuschreiben. .
  • Eine Verschwörungsmentalität geht einher mit Gefühlen von Misstrauen Autoritäten gegenüber, Unzufriedenheit, Kontrollverlust, was das eigene Leben betrifft und einem geringen Selbstwertgefühl, aber z. T. auch mit dem Gefühl, einzigartig zu sein, das heißt sich abzuheben aus der ‚naiven Schafherde’, die alles glaubt, und einer starken Identifikation mit einer bestimmten Gruppe, die soziale Identität stiftet.
  • Eine wichtige Rolle spielt die Wahrnehmung von Macht, wobei “die da oben” die Menschen in der Regel für dumm verkaufen und ausbeuten wollen. Diese Wahrnehmung kann dazu führen, dass […] machtlosen ‚Underdogs’ mehr Glauben geschenkt wird.
  • Die US-Psychologen Joshua Hart und Molly Graether schließen aus zwei Studien, dass Menschen eher dazu neigen, an Verschwörungstheorien zu glauben, wenn sie Eigenschaften aufweisen, die man unter dem Begriff „Schizotypie“ subsummiert: starkes Misstrauen und soziale Angst sowie die Neigung zu verzerrtem Wahrnehmen.
  • Manchmal reicht bereits das Gefühl, nicht als volles Mitglied der Mehrheitsgesellschaft anerkannt zu werden, um empfänglich für Verschwörungsdenken zu sein. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, vermutet demnach also mit besonderer Leichtigkeit finstere Mächte am Werk. Der eigene soziale Status spielt dabei offenbar keine Rolle.

Wie argumentieren Verschwörungstheoretiker?

Eine rhetorische Strategie, die wir im Alltag wohl alle gelegentlich einsetzen, ist das sogenannte “cherry picking”, womit gemeint ist, dass wir nur jene Fakten präsentieren, die unsere Geschichte vermeintlich beweisen, und Widersprüche sowie Unstimmiges einfach weglassen bzw. ignorieren. Bei einem so bedeutsamen Thema wie COVID-19 ist ein solches Vorgehen natürlich nicht zu empfehlen. Aufgrund der unüberschaubaren Vielzahl an Informationen, die es im Zusammenhang mit der Pandemie gibt, ist es allerdings kaum möglich, sämtliche Fakten, die in irgendeiner Hinsicht relevant sind, in die eigene Argumentation mit einzubinden. Wer hat schon die Zeit, sich bis ins letzte Detail mit allen Fragen auseinanderzusetzen und entsprechende Recherchen zu betreiben?

Eine andere Strategie, die man mir vorwerfen könnte, in meiner Stellunganhme „Augen zu und durch?“ angewendet zu haben, ist das “Nur-Fragen-Stellen”. Sie hat den Zweck, gezielt Zweifel an anerkannten Erklärungen und Misstrauen gegenüber offiziellen Institutionen zu streuen. Diese Technik hat den Vorteil, dass diejenigen, die sie anwenden, schwer angreifbar sind, weil man gegen Fragen kaum sinnvoll argumentieren kann. Die Kurzformel lautet: Fragen wird man ja wohl noch stellen dürfen, oder?

Was habe ich aus den Diskussionen gelernt, die ich bei Facebook geführt habe?

Zunächst wurde mir abermals bewusst, wie wichtig es ist, jeden Gesprächspartner ernstzunehmen und zu respektieren, auch wenn dieser eine andere Meinung hat. Nicht sinnvoll ist es m. E., verärgert zu reagieren, zu schimpfen, zu beleidigen oder sogar zu diffamieren. Dadurch verhärten sich die Fronten und die Überzeugungen eines Gegenübers festigen sich eher noch. Das nennt man Reaktanz. Aussagen, die man für abwegig hält, sollten stets faktenbasiert widerlegt bzw. berichtigt werden. Regt man jene Menschen, die von ihnen überzeugt sind, zum rationalen Denken an, besteht immerhin die Möglichkeit, dass sie sich von ihren irrationalen Vorstellungen abbringen lassen. Je sachlicher man argumentiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass hervorgebrachte Argumente auch ankommen und über sie nachgedacht wird. Ein ausgeräumtes oder widerlegtes Argument hinterlässt jedoch eine Lücke im entsprechenden Narrativ, die stimmig gefüllt werden sollte. Es ist also hilfreich, eine alternative Erklärung anzubieten. Überladen Sie ihre Gesprächspartner aber nicht mit Informationen, da das überfordern kann. Hier gilt wohl der Spruch: Weniger ist mehr. Erwähnt werden sollten vor allem die wichtigsten Argumente. Ich weiß zwar nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn mir zu viele Fakten auf einmal dargeboten werden und mein Informationsverarbeitungssystem ausgelastet bzw. überfordert ist, schalte ich einfach ab und höre überhaupt nicht mehr zu.

In jenen Diskussionen, die ich über die Pandemie geführt habe, konnte ich feststellen, dass (mindestens) einmal das “Erst validieren, dann drehen”-Prinzip angewendet wurde. Dabei äußerte eine Dame zunächst Verständnis für meine Verunsicherung, anschließend folgte etwas Lob für meine Arbeit, und erst dann hagelte es Kritik. Das hatte immerhin die Auswirkung, dass ich ihr nicht böse sein konnte.

Da Verschwörungstheorien häufig einfache, leicht nachvollziehbare Erklärungen anbieten und bei Menschen verschiedene Bedürfnisse befriedigen können, ist es entscheidend, ihre Anhänger vor allem beim Umgang mit Unsicherheit zu unterstützen bzw. ihnen dabei zu helfen, Ambiguität auszuhalten.

“Alle Akteure verschiedener Lager können wieder zu einem konstruktiven Miteinander zusammenfinden, wenn sie Angstabwehr durch selbstkonfrontative Dialektik ersetzen. […] Das Erkennen der zugrundeliegenden Prozesse schützt vor einer Verwicklung, die durch ein engagiertes Sicheinlassen auf Diskussion oder Empathie passieren kann und man versteht, warum noch so engagiertes Argumentieren in die Sackgasse führen kann.” Prof. Dr. Julius Kuhl

Quellen:

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Das Hamburger Burnout-Inventar – Interview mit Prof. Dr. Matthias Burisch

Der Burnout-Test HBI misst 10 Dimensionen und genügt als einziges auf deutsch online verfügbares Instrument wissenschaftlichen Ansprüchen der Testkonstruktion: Seine Reliabilität und Validität wurden geprüft. Weltweit wurde er bislang von mehr als 300.000 Personen bearbeitet.

Das Burnout-Institut Norddeutschland (BIND) wurde 2008 von Prof. Dr. Matthias Burisch gegründet, der sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert wissenschaftlich und praktisch mit Burnout beschäftigt. Sein Buch Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung (5. Auflage 2014) gilt als das deutschsprachige Standardwerk zum Thema. Heute arbeitet er als Berater, Trainer und Coach für Psychologen und Führungskräfte.

Ihr Hamburger Burnout-Inventar (HBI) kommt in den nächsten Tagen bei SpringerTest heraus. Stimmt es, dass das HBI schon 30 Jahre in Gebrauch ist? Was hat denn so lange gedauert?

M. B.: Erstmal: Das stimmt tatsächlich. Mein Buch Das Burnout-Syndrom war 1988 bei Springer untergekommen, es erschien dann ein Jahr später. Aber das war für mich noch nicht das Ende. Das Thema hatte mich gepackt; das hat sich bis heute nicht geändert. Es wurde mir dann aber schnell klar, dass fast die gesamte Burnout-Forschung auf tönernen Füßen stand, weil die verwendeten Tests so unzulänglich waren. Auch das hat sich bis heute nicht verändert. Also mussten wir selber ran. Drei Diplomandinnen halfen mir mit ihren Projekten. Eine erste Validierungsstudie verlief dann positiv, aber damit war es natürlich auch noch nicht getan. Weitere folgten um einiges später.

In all den Jahren hatte ich an eine formale Veröffentlichung eigentlich gar nicht gedacht. Ein Testmanual hatte ich ja geschrieben und auf unserer Website allgemein zugänglich gemacht. Der Fragebogen selbst wurde über die Jahre dutzendfach angefordert und in Forschungsprojekten eingesetzt; von den Ergebnissen hörten wir allerdings nur selten etwas.

Dann passierte etwas Neues. Mein Buchverlag gründete eine eigene Testabteilung, und die kam auf mich zu. Ich habe das Manual dann noch einmal überarbeitet und ergänzt, anschließend verging noch einmal ein Jahr. Aber jetzt, mit einer runden Jahreszahl, soll es erscheinen.

Und was misst das HBI?

M. B.: Wir haben zunächst die vier Merkmale übernommen, die auch in früheren Tests erfasst werden: Emotionale Erschöpfung, Leistungsunzufriedenheit, Distanziertheit und Überdruss. Dazu kamen sechs weitere, die sich als gut messbar erwiesen.

So ein Test wird ja nicht als Selbstzweck eingesetzt. Wo sehen Sie die Anwendungsmöglichkeiten?

M. B.: Zum einen natürlich weiterhin in der Burnout-Forschung. Die hat ja einen erstaunlichen Umfang angenommen. Zum anderen sorgen sich anscheinend viele, viele Menschen, vor allem die Jungen, es könnte sie „erwischt“ haben. So ein Test kann ja der Selbstvergewisserung dienen. Und schließlich kann das HBI im Einzelfall Klinikern bei der Klärung helfen, wo genau das Kernproblem des Patienten zu finden ist. Unter Umständen kann das Therapiestunden sparen, weil der Prozess abgekürzt wird.

Für Zwecke der Betrieblichen Gesundheitsförderung ließe sich das HBI zur Aufklärung von Handlungsbedarf nutzen. Natürlich ausschließlich anonym und unter strengstem Datenschutz. Oder zur Evaluation von Maßnahmen der Organisationsentwicklung. Das wird normalerweise mit Ad-hoc-Fragebögen gemacht, aber da hätte ein standardisiertes und validiertes Instrument Vorteile.

Noch eine Frage zum Stichwort “Selbstvergewisserung”: Kann man denn nach wie vor auch selbst eine HBI-Auswertung bestellen, oder muss das ab jetzt über Psychologen laufen?

M. B.: Ja, das HBI bleibt über die Website des Burnout-Instituts Norddeutschland weiterhin allgemein zugänglich. Wir haben mit dem Verlag vereinbart, dass dieser zweite Zugang offen bleibt.

Wenn man sich ein bisschen umsieht, gibt es ja Dutzende von Fragebögen zu Burnout. Was ist das Besondere an Ihrem, am HBI?

M. B.: Stimmt, das Angebot ist breit, und es ist überhaupt nicht ausgeschlossen, dass brauchbare Alternativen darunter sind. Bloß, man weiß es nicht. Nur in den seltensten Fällen haben sich Autoren den beiden arbeitsaufwendigen Aufgaben gestellt: Der Validierung und der Normierung. Beim HBI kann man für fast alle der 10 Skalen sagen, dass sie recht gut mit den Einschätzungen von Bekannten der Probanden übereinstimmen. Das ist in diesem Fall besonders bemerkenswert, weil Burnout ja etwas ist, was Betroffene gern unterm Deckel verstecken. Die Normen andererseits erlauben es, im Einzelfall abzuschätzen, wie auffällig ein konkreter Befund tatsächlich ist. Natürlich kann man auch bei Illustrierten-Tests immer sagen: Ab X Punkten sollten Sie aufpassen! Aber wenn X nur von Gefühl und Wellenschlag des Testautors abhängt, dann kann es sein, dass drei Viertel der Menschheit als gefährdet eingestuft werden. Oder nur 1 Prozent.

Sie haben ja große Datenmengen mit dem HBI gesammelt. Gibt es da eigentlich Geschlechtsunterschiede, wie so oft behauptet wird? Und wie steht es mit dem Alter?

M. B.: Das hat uns selbst erstaunt: Die Mittelwerte von Frauen und Männern sind auf allen Skalen so ähnlich, dass wir auf separate Normierung verzichten konnten. Und das Gleiche gilt für den Alterseffekt. Es ist möglich, dass sich das bei sehr fortgeschrittenem Alter ändern würde, aber aus dieser Gruppe haben wir noch zu wenig Daten.

Schon vor ein paar Jahren titelte die ZEIT „Noch jemand ohne Burnout?“. Wenn man die Pressemeldungen zum Thema verfolgt, könnte man auf die Idee kommen, dass die Häufigkeit ständig zunimmt. Ist das so?

M. B.: In Zeiten von COVID gibt es sicher Menschen, die unverhofft mit schweren Problemen zu kämpfen haben, beruflichen, finanziellen, gesundheitlichen. Denken wir auch an die Krankenpflege, die war schon immer besonders gefährdet. Aber das verursacht nicht zwangsläufig Burnout. Extravertierte leiden im Augenblick wahrscheinlich stärker als Introvertierte. Ganze Berufsgruppen, die jetzt sehr plötzlich vom Aussterben bedroht sind, etwa Musiker, Schauspieler, Gastronomen — da wird es sicher Krisen geben, die man unter den Begriff fassen muss. Von Entwicklungen außerhalb Deutschlands, wo es öfter um die Existenz geht, ganz zu schweigen. So weit die aktuelle Bedrohung, von der wir hoffen, dass sie vorbeigeht, sobald alle geimpft sind.

Ansonsten muss man sich Folgendes klar machen: In den Medien wird berichtet, was Journalisten in ihrem Umfeld erleben, was sie erzählt bekommen oder über andere Medien erfahren haben. Wenn man davon ausgeht, was man liest oder hört, müsste man überall Flächenbrände vermuten. Aber das muss nicht der Realität entsprechen. Die wenigen aussagefähigen Daten, die ich kenne, deuten darauf hin, dass Burnout in Deutschland eher seltener geworden ist, jedenfalls zwischen 2007 und 2014. In diese Zeit fiel immerhin die vorletzte große Wirtschaftskrise.

Wie wird es weitergehen mit Burnout? Was ist Ihre Prognose?

M. B.: Burnout hat es schon immer gegeben und wird uns auch erhalten bleiben. Ähnliches gibt es ja sogar bei manchen Tieren. Das dürfte bei uns als Reaktionsmöglichkeit auf Fallensituationen festverdrahtet sein. Es stimmt schon: Primär sollten wir die Ursachen bekämpfen. Aber wo das nicht hilft, oder besser: auf jeden Fall, müssen wir auch Resilienz aufbauen. Das Leben ist bekanntlich kein Ponyhof. Aber als Straflager ist es nun auch wieder nicht gedacht.

Vielen Dank für das Interview!

Kontakt:

Literaturhinweise:

  • Burisch, Matthias (2014). Das Burnout-Syndrom (5. Auflage). Springer Verlag.
  • Burisch, Matthias (2015). Dr. Burischs Burnout-Kur – für alle Fälle. Springer Verlag.

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Leben oder Überleben – Interview mit Prof. Dr. Franz Ruppert

Prof. Dr. Franz Ruppert ist wohl einer der bekanntesten Psychotraumatologen im deutschsprachigen Raum. Als ich davon erführ, dass er für den “Außerparlamentarischen Corona Untersuchungsausschuss” (ACU) einen Vortrag gehalten hat, wurde ich neugierig. Nachdem ich mich daraufhin intensiver mit seinen Gedanken beschäftigt hatte, suchte ich das Gespräch mit ihm. Dabei ist die Idee für dieses Interview entstanden. Dass es hier um ein Thema geht, das polarisiert und äußerst brisant ist, ist mir bewusst. Einige seiner Aussagen sehe ich sehr kritisch. Dennoch denke ich, dass es richtig ist, diesen Diskurs zu führen.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Geschehnisse?

F. R.: Die Corona-Pandemie erzeugt meiner Einschätzung nach viel unnötiges Leid. Zwar kann niemand genau sagen, wie viele Menschen jetzt alleine zuhause sitzen, (noch) mehr einsam vor den Bildschirmen versumpfen, noch mehr trinken und aggressiv werden, vielleicht aufgrund ihres beruflichen Ruins und des Verlustes ihres Arbeitsplatzes verzweifeln, sich sogar das Leben nehmen oder – und hierbei schaue ich insbesondere auf die Kinder – gerade ernsthafte Angst- oder Zwangsstörungen entwickeln. Gesundheitsförderlich ist die aktuelle Situation für die Mehrheit der Bevölkerung jedenfalls ganz sicher nicht, weder psychisch noch körperlich.

Man wähnt sich offenbar seitens der Politik wie in einem Kriegszustand und im heroischen Kampf mit dem Feind “Corona”. Der französische Präsident Macron hat das gleich zu Beginn der Pandemie öffentlich so gesagt. Gewöhnliche Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte wurden zu Kämpfern an der Front ernannt, obwohl in vielen Krankenhäusern gar nichts los war und sogar Kurzarbeit gemacht wurde. Ist aber ein Krieg erst einmal offiziell verkündet, soll keiner mehr genauer nach den Kriegsgründen fragen, sondern nur noch danach, was er/sie persönlich dafür tun kann, damit dieser Krieg gewonnen wird. Im Kriegszustand darf keiner mehr nach dem persönlichen Nutzen oder Schaden und den Kosten für die Allgemeinheit fragen: „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ Einem Virus den Krieg zu erklären, der ja ohne uns Menschen gar nicht existenzfähig wäre, bedeutet im Grunde, uns Menschen den Krieg zu erklären. Das halte ich für einen sehr problematischen gesellschaftlichen Zustand.

Eines weiß ich sicher: Selbst wenn es ein Virus gibt, das möglicherweise gefährlicher ist, als ich es mir im Moment vorstellen kann, ist Angst schüren und Panik verbreiten das Letzte, was dabei hilft, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern. Angst macht blind und dumm. Angst verursacht Stress und untergräbt die Immunabwehr. Angst macht misstrauisch und vergiftet Beziehungen. Die Menschen haben ja sogar wieder angefangen, sich gegenseitig zu denunzieren.

Allerdings sind derartige Katastrophen, wie die jetzige Pandemie, aber auch nicht gerade „gesundheitsförderlich“, oder?

F. R.: In der Traumaforschung unterscheiden wir zwischen Naturkatastrophen und von Menschen herbeigeführte Katastrophen. Ich dachte Anfang März noch, diese Pandemie wäre eine Naturkatastrophe, die weitere Entwicklung hat mich allerdings eines Besseren belehrt. Diese Pandemie ist aus meiner Sicht eine ausgehend von der Weltgesundheitsorganisation WHO inszenierte Situation, um auf lange Sicht die Geschäftsidee voranzubringen, weltweite Massenimpfungen zu rechtfertigen. Wer sich mit meinen Argumenten dazu weiter auseinandersetzen möchte, kann dies durch die Lektüre meines Buches „Gesundes Ich, Liebe, Wahrheit, echte Gemeinschaft oder Masken, Panik, Lügen, Impfwahn & Elitendiktatur?“ gerne tun. Dieses Buch ist als pdf auf der Startseite meiner Internetpräsenz www.franz-ruppert.de zum Download verfügbar.

Okay. Aber halten Sie es denn nicht trotzdem für wichtig, menschliches Leben zu schützen und zu erhalten?

F. R.: So wie die Pandemie verläuft, sehe ich gerade nicht, dass dies das oberste Ziel ist. Wenn z. B. die Schulen geschlossen werden und für manche Kinder in Entwicklungsländern die Schulspeisung die einzige Mahlzeit ist, die sie pro Tag bekommen, dann fördert das die Situation, dass noch mehr Kinder auf diesem Globus verhungern. Alte Menschen sterben dann z. B. auch aus Einsamkeit in ihren Alten- und Pflegeheimen. Durch falsche medizinische Behandlungen, z. B. Zwangsbeatmungen sind auf den Intensivstationen sogar Menschen gestorben. Ich sehe das Risiko, dass Menschen sterben und krank werden durch die Pandemie-Maßnahmen als wesentlich höher an als das, was durch sachgerechte medizinische Versorgung kranker Menschen an Vorsorge geleistet werden kann.

Die Situation der medizinischen Versorgung ist weltweit ja völlig unterschiedlich, weswegen das Ausrufen einer Pandemie sowieso keinen Sinn macht. Ich kann nur jedem empfehlen, der sich tiefer mit den verschiedenen Aspekten dieser Pandemie – z. B. was ist los in Italien, Spanien, den USA, Brasilien etc. – auseinandersetzen möchte, sich die mittlerweile fast schon 20 Sitzungen des außerparlamentarischen Corona-Untersuchungsaussschusses anzuhören. Sie sind unter oval media im Internet zu finden. Dort wird sehr differenziert von verschiedenen Experten weltweit informiert.

Wenn ich mir die Berichte über die weltweiten Infektionszahlen und Todesfälle anschaue, dann macht mir das schon Angst. Lässt Sie das etwa kalt?

F. R.: Wenn jemand durch einen PCR-Test als corona-positiv getestet wird, heißt das noch gar nichts. Weder dass er infiziert ist, noch dass er ernsthaft erkrankt ist. Die Behauptung, dass jemand, der positiv getestet ist, sofort einen anderen infizieren könnte, stimmt so nicht. Da müssen sie schon Krankheitssymptome haben, damit das eventuell geschieht. Die meisten Menschen haben ohnehin bereits eine Immunität auch gegenüber diesem SARS-CoV-2 Virus. Das kann man gut in dem Buch von Prof. Bhakdi „Corona Fehlalarm?“ nachlesen.

Die Zuordnung von Toten zu diesem Virus ist meines Erachtens auch völlig willkürlich. Denen, die diese Pandemie ins Leben gerufen haben und weiter am Laufen halten wollen, ist natürlich daran gelegen, die Anzahl der „Corona-Toten“ möglichst hoch zu rechnen. Mit Wissenschaft hat das alles gar nichts mehr zu tun. Da geht es nur darum, über eine gleichgeschaltete – weil gekaufte – Presse die Deutungsoberheit in der Bevölkerung zu behallen.

Warum wird nicht endlich ein runder Tisch einberufen, in dem Herr Spahn, Herr Wieler, Herr Drosten auf der einen Seite und Herr Bhakdi, Herr Wodarg und Herr Schiffmann auf der anderen Seite ihre Ansichten austauschen? Zwei geschulte Moderatoren und eine gute Sendezeit und dann wäre der Verdacht ausgeräumt, dass auch hier in Deutschland auf Kosten des Allgemeinswohls derzeit nur Lobbypolitik gemacht wird.

Was ist dann so schlimm an den Schutzmaßnahmen?

F. R.: Die sogenannten Eindämmungsmaßnahmen bewirken, dass sie das wunderbar funktionierende Immunsystem von uns Menschen enorm schwächen. Das menschliche Immunsystem reagiert sowohl auf körperlichen wie auf psychischen Stress. Vor allem Angst versetzt einen Menschen in Stress. Dann fährt sein Stress-System über Stresshormone hoch und seine Immunabwehr wird durch das im Übermaß produzierte Cortisol in seiner Aktivität herabgesetzt. Das wochenlange „Eingesperrtsein“, die Verhinderung von Bewegung und sportlichen Tätigkeiten wirken dem Stressabbau entgegen. Isolation und Einsamkeit versetzen Menschen ebenfalls in einen hohen inneren Stresszustand. Negative Gedanken, z. B. Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die berufliche Zukunft, schwächen ebenfalls das Immunsystem. Die Corona-Pandemie-Maßnahmen stellen aus meiner Sicht eine potenziell traumatisierende Situation her, in der sich Menschen ohnmächtig, ausgeliefert, immer hoffnungsloser erleben und damit in Hochstress geraten, den sie im Endeffekt nur noch durch die Abspaltung von ihren Gefühlen bewältigen können. Damit findet eine Trennung der Verbindung zwischen ihrem Körper und ihrem Geist statt. Der Körper verliert seine oberste Instanz, die ihm sagt, was für ihn gut ist und was nicht. Dies kann u. a. zu übermäßigem Essen führen, zu noch weniger Bewegung, zu noch schnellerem Gereiztsein bei zwischenmenschlichen Konflikten, zu noch mehr Alkohol-, Zigaretten- oder Medikamentenkonsum etc. Unter dem Stress der Erwachsenen leiden dann vor allem auch Kinder.

Jetzt wäre es interessant, mehr über die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie zu erfahren. Gibt es da ein Modell, das sich mit der aktuellen Situation in Verbindung bringen lässt?

F. R.: Das Basismodell meiner Identitätsorientierten Psychotraumatheorie (IoPT) definiert drei unterschiedliche psychische Anteile: gesunde Anteile, traumatisierte Anteile, Trauma-Überlebensstrategien.

1. Die Panikmache mit SARS-CoV-2 ist häufig ein Trigger für ein persönliches Trauma. So war das Anfangs auch bei mir, weswegen ich mich damit auch persönlich in traumatherapeutischen Sitzungen auseinandergesetzt habe.

2. Meine Sichtweise zur aktuellen Situation wurde, wie vermutlich auch bei vielen anderen Menschen, durch meine frühen Lebenserfahrungen geprägt. Wenn ich mich daher in einer solchen Situation weiter nur im Außen beschäftige, vertiefe ich die psychischen Abspaltung in mir.

3. Die jetzige Krise ist also auch eine Chance, mir in der Tiefe selbst zu begegnen.

4. Es gibt hier keine objektive Sicht der Situation, die durch Zahlen, Statistiken und Zahlenvergleiche zu beweisen wäre. Jeder interpretiert solche Zahlen aufgrund des momentanen Zustands seiner Psyche.

5. Auch das Handeln derer, die jetzt politische Entscheidungen treffen, ist nicht nur von vordergründigen Macht-, Geld- oder Karriereinteressen geprägt, sondern auch von ihren frühkindlichen psychischen Zuständen, die ihnen in der Regel nicht bewusst sind.

6. Weitreichende, das gesamte gesellschaftliche Leben verändernde politische Maßnahmen sollten aber möglichst frei von unbewussten, auf eigenen unverarbeiteten Traumata beruhenden psychischen Zuständen getroffen werden können.

7. Von nicht bewältigten eigenen Traumaerfahrungen geprägtes Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln führt zu unterschiedlichen Formen von Überlebensstrategien. Diese sind von Emotions- und vor allem Schmerzabwehr geprägt und werden der Komplexität von aktuellen Lebenssituationen nicht gerecht. Sie bestehen z. B. aus:

  • gefühllos nur im Kopf sein, z.B. über Todesraten reden ohne das Leid dahinter an sich herankommen zu lassen;
  • mit Zahlen und Statistiken jonglieren und manipulieren;
  • geistlosem Aktionismus;
  • Abwehr nicht in das eigene Konzept passender Informationen;
  • Freund-Feind-Schema-Denken;
  • sich selbst immer weiter radikalisierend, wenn Gegendruck kommt;
  • sich immer mehr unempathisch machend, wenn man mit realem Leid als Folgen der eigenen Entscheidungen konfrontiert wird;
  • die Opfer dann zu Tätern erklären etc.

8. Trauma-Überlebensstrategien versuchen Traumata im Extrem sogar mit Trauma zu bekämpfen. Dadurch wird das alte emotionale Dilemma nicht gelöst, sondern es werden immer neue Dilemmata geschaffen. Das führt dazu, dass z.B., Trauma-Überlebensstrategien an Stellen auch nicht handeln und helfend eingreifen, wenn das dringend erforderlich wäre.

9. Rationale Entscheidungen sind nur dort möglich, wo sie mit der eigenen, gesunden Emotionalität verbunden sind. Gefühle (Emotion) und Gedanken (Ratio) sind kein Gegensatz, wenn wir in unseren gesunden psychischen Anteilen sind.

10. Niemand ist für seine frühkindlichen Traumata verantwortlich zu machen. Verantwortlichkeit entsteht jedoch dann, wenn mir die Chance für eine Auseinandersetzung mit mir selbst angeboten wird, ich diese aber nicht nutze, und andere dann unter meinen Trauma-Überlebensstrategien zu leiden haben.

Ich biete daher allen, die jetzt die Pandemie am Laufen halten, ob als Politiker, Wissenschaftler oder Journalist, meine therapeutische Hilfe an.

Welche Rolle spielen unverarbeitete Traumaerfahrungen in der jetzigen Situation?

F. R.: Ich vermute: Weil frühkindliche Traumatisierungen weltweit – also pandemisch – verbreitet sind, gerieten selbst Menschen in solchen Staaten in Angst, in denen von Regierungsseite zunächst keine Zwangsmaßnahmen verordnet wurden. Sie distanzierten sich sogar freiwillig von ihren Partnern und Kindern und beharrten von sich aus auf Abstandsregeln. Auch in Betrieben fanden solche selbsterzeugten Shutdowns statt, weil Kollegen sich aus Angst vor einer Ansteckung gegenseitig nicht mehr zu nahe kommen wollten. Erfahrungen dieser Art haben mir Freunde aus Brasilien und Portugal mitgeteilt.

“Corona” ist in erster Linie eine Vorstellung in der menschlichen Psyche und davon abhängig, wie jemand in seiner Phantasie und in seinem Denken damit umgeht. Man kann sagen: „Okay, da ist eines von vielen Viren, die es gibt und mit dem das Immunsystem von uns Menschen wie üblich lernen wird, fertig zu werden. Oder man kann sich in das Horrorszenario hineinsteigern, dass jeder, der das Virus in sich tragt, jetzt ein Serienkiller ist und über kurz oder lang andere Menschen töten wird. Hier kommt jetzt neben der üblichen Psychologie auch die Psychotraumatologie ins Spiel: Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte, vor allem solche aus der frühen Kindheit, die traumatisch und mit Todesängsten und Kontrollverlust verbunden waren und die als bleibende Erinnerungen unbewusst im Organismus abgespeichert sind, werden nun mit etwas scheinbar Greifbarem im Außen verbunden. Die betroffenen Menschen lokalisieren ihre Ängste – statt in der eigenen Psyche – in der Außenwelt. Sie haben jetzt die Hoffnung, ihre Todesängste und innere Not durch den Kampf gegen einen greifbaren Feind in ihrer Umgebung endlich zum Verschwinden oder zumindest unter Kontrolle zu bringen. Also gehen sie zur aktiven Feindbekämpfung über. Das ist dann die Situation, in der sich die Täter, welche die Pandemie inszenieren, als die großen Menschheitsfreunde und Retter ins Spiel bringen.

Gab es deshalb inzwischen fast überall auf der Welt so strenge Maßnahmen, als die Pandemie ausgerufen wurde?

F. R.: Es sieht so aus, dass Länder, welche die Pandemie nicht mitmachen, auch politisch und wirtschaftlich z.B. vom Internationalen Währungsfond IWF unter Druck gesetzt werden, wie z. B. Weißrussland. Was da alles an Machenschaften im Geheimen im Hintergrund abläuft, erfahren wir ohnehin eher zufällig. Leider sind die Leitmedien diesbezüglich überhaupt nicht investigativ, sondern agieren nahezu geschlossen eher wie Propaganda-Ministerien für die Fortsetzung der Pandemie.

Könnte es nicht auch sein, dass die Politiker das Risiko nicht einzuschätzen wussten und deshalb so massive Schutzmaßnahmen eingeleitet wurden?

F. R.: Zu Anfang der Pandemie habe ich das noch gedacht. Jetzt denke ich, sie wissen sehr genau, wohin sie wollen. Die Maßnahmen sollen solange durchgezogen werden, das Angstniveau soll solange hochgepuscht bleiben, bis die Bevölkerung die Massenimpfung akzeptiert.

Was ist Ihrer Meinung nach so bedenklich daran, Angst vor einer Infektion zu haben?

F. R.: Wenn es um eine reale Gefahr ginge, hätte ich keinerlei Bedenken, dass wir Menschen Angst haben und uns dann entsprechend schützen. Wenn aber gar keine reale Gefahr mehr besteht und wir tun dennoch so tun, als wäre das der Fall, dann kommen wir in den Bereich des Wahns und der Massenpsychose. Jeder, der jetzt aus irgendwelchen Gründen hustet oder Fieber hat, ist schon ein Corona-Verdachtsfall. Jeder, der mit einem zusammen war, der hustet oder Fieber hat, gilt schon als ein Risikofaktor. Ich habe mich selbst dabei beobachtet, dass ich in den letzten Monaten Niesen und Husten in der Öffentlichkeit unterdrückt habe, um keinen Corona-Virus-Träger-Verdacht zu erwecken. Ein in sich selbst gefangenes Kopfkino mit Hochrechnungen von Zahlen möglicher Infizierter, von denen statistisch prognostizierbar dann ungeheuer viele sterben werden, bestimmt im Moment zwanghaft das Denken in den öffentlichen Medien. Damit wird tagtäglich die Bevölkerung infiziert. Hingegen wird die Bedeutung des Immunsystems als das eigentliche Heilmittel gegen Viren völlig außen vor gelassen. Daher haben die Menschen auch eher Toilettenpapier gekauft statt Vitamintabletten, was im Falle einer Umzingelung von Viren eigentlich nachvollziehbarer gewesen wäre.

Ich fürchte, wir sind mittlerweile bereits in einer weltweiten Corona-Diktatur angelangt.

Was sollten die Menschen denn Ihrer Meinung nach tun?

F. R.: Das Buch von Prof. Sucharid Bhakdi lesen, sich in den alternativen Medien informieren, gegen die Zwangsmaßnahmen demonstrieren, darauf bestehen, dass es tatsächlich um ihre Gesundheit, ihr Wohlbefinden und die Zukunft ihrer Kinder geht und nicht um die Geschäfts- und Profitinteressen eines Kartells von Pharmafirmen und einiger Mega-Superreicher Milliardäre, welche durch die Pandemie ohnehin schon wieder ihr Vermögen vermehrt haben, während gleichzeitig immer mehr Menschen in die Verarmung abrutschen. Der Angriff auf die Weltbevölkerung ist auch eine Chance für Solidarisierung über die nationalen Grenzen hinweg. Da geschieht im Moment auch eine ganz Menge. Und jeder kann sich dem gut anschließen.

Vielen Dank für das Interview!

Anmerkung: Eigentlich war es nicht meine Absicht, in diesem Interview die (vermeintlichen) politischen Hintergründe zu beleuchten. Mir ging es in erster Linie um die Auswirkungen der Pandemie sowie der entsprechenden Schutzmaßnahmen auf die Menschen, die ihnen ausgesetzt sind oder waren. Wie dem aber auch sei, man sollte m. E. auch dann miteinander sprechen, wenn man hier und da nicht einer Meinung ist. Das habe ich jedenfalls getan. Freundliche Grüße, Rainer Müller

PS: Her finden Sie eine persönliche Stellungnahme von mir, in der ich erläutere, wie dieses “Interview” zustande kam und warum ich es veröffentlicht habe. 

Dr. Franz Ruppert ist ein deutscher Psychotraumatologe. Er ist als Professor für Psychologie und als Psychologischer Psychotherapeut in München tätig. Seit vielen Jahren entwickelt er Traumatheorien und darauf basierende Therapiemethoden, wie zum Beispiel die Identitätsorientierte Psychotraumatherapie (IoPT).

Kontakt: www.franz-ruppert.de

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“Warum in der Praxis der Personalauswahl die Forschung keine Rolle spielt” von Prof. Dr. Uwe Peter Kanning

Wer sich ein wenig in der sehr umfangreichen Forschung zur Personalauswahl auskennt und gleichzeitig Einblick in die Praxis der Personalauswahl hat, wird nicht umhinkommen, gewaltige Diskrepanzen festzustellen.

Es beginnt bereits beim Personalmarketing, das eigentlich selektiv auf den Markt der potentiellen Bewerber wirken sollte. Um den prozentualen Anteil geeigneter Bewerbungen zu erhöhen, müssen bestimmte Personengruppen zu einer Bewerbung animiert, und gleichzeitig andere Gruppen von einer Bewerbung abgehalten werden. Die Praxis sieht jedoch oft so aus, dass man nur versucht, die Menge der Bewerbungen insgesamt zu maximieren.

In der Vorauswahl orientieren sich Arbeitgeber immer noch gern am Anschreiben, obwohl etwa zwei Drittel der Bewerber heute mit Vorlagen aus dem Internet arbeiten, die sie nur noch geringfügig an die Stellenanzeige anpassen oder aber sie lassen das Anschreiben gleich von Profis verfassen. Große Aufmerksamkeit wird auf formale Kriterien wie etwa Tippfehler, die Strukturierung des Lebenslaufs oder die persönliche Ansprache gelegt, weil man hierin versteckte Hinweise auf Eigenschaften der Bewerber vermutet – eine Hypothese, die weder plausibel ist, noch empirisch bestätigt werden konnte.

Einstellungsinterviews laufen überwiegend unstrukturiert oder bestenfalls gering strukturiert ab. Verschiedenen Bewerbern für dieselbe Stelle werden dabei unterschiedliche Fragen gestellt, ohne zu berücksichtigen, dass sich die Bewerber, dann nicht mehr untereinander vergleichen lassen. Klare Kriterien zur Bewertung der einzelnen Antworten fehlen ebenso, wie ein direkter Bezug zu den realen Anforderungen der vakanten Stelle. Am Ende werden daher vor allem die Bewerber eingestellt, die dem Entscheidungsträger ein gutes Gefühl vermittelt haben und nicht diejenigen die tatsächlich die beste Eignung aufweisen.

Testverfahren werden ohne Prüfung teststatistischer Gütekriterien ausgewählt. Stattdessen vertraut man dem versierten Berater, der nicht viel mehr als Marketingsprüche für sein Produkt anzuführen weiß. Obwohl Intelligenztests insbesondere bei der Auswahl von (Spitzen-)Managern gute Dienste leisten würden, gibt es nur sehr wenige Unternehmen, die sich trauen, Bewerber für Geschäftsführungsposten, o. Ä. auf ihre Intelligenz hin zu überprüfen.

Die Zukunft wird zeigen, wie man mit der künstlichen Intelligenz umgehen wird. Bislang verhält man sich erstaunlich zurückhaltend aber wahrscheinlich ist dies nur eine Frage der Zeit. Je stärker sich solche Produkte auf dem Markt etablieren, desto eher knicken die Nächsten ein, weil sie sich nicht vorstellen können, dass Hunderte von Unternehmen permanente Fehlentscheidungen treffen.

Letztlich schaden die Verantwortlichen ihren Unternehmen ebenso sehr wie den Menschen, die sie (nicht) einstellen. Die Tatsache, dass man nicht alle eingestellten Bewerber nach einem Jahr wieder entlassen muss, wird dabei gern als Beleg für die Qualität des eigenen Vorgehens missverstanden. Ein Fehler in der Personalauswahl liegt aber bereits vor, wenn sich im Bewerberpool eine Person befand, die 10 % mehr leisten würde, als diejenige, die man eingestellt hat. Würde man in der Medizin ähnlich vorgehen, so würden Chirurgen darauf verzichten, ihre Bestecke zu sterilisieren und zwar mit der Begründung, dass ja viele Patienten auch so überleben. Obwohl man sich als Arbeitgeber in anderen Bereichen des Unternehmens ganz selbstverständlich wissenschaftlicher Erkenntnisse bedient, verharrt die Personalauswahl (und -entwicklung) bis heute in den meisten Unternehmen in einem voraufklärerischen Stadium. Meinungen zählen mehr als Fakten, Expertise wird nicht ernst genommen. Die Gründe hierfür sind vielfältig:

  • Gut ausgebildete Personaler verfügen im Unternehmen nicht über den notwendigen Einfluss im Unternehmen, um professionelle Personalauswahlmethoden durchsetzen zu können. Sie sind oft reine Dienstleister und müssen das umsetzen, was die jeweiligen Fachvorgesetzten einfordern, obwohl Letztere keinerlei diagnostische Ausbildung genossen haben. Ebenso gut könnte man in einem Automobilkonzern die Motoren nach den Vorgaben der Personaler bauen lassen.

  • Bei der Einstellung der Personaler wird mehr auf die Berufserfahrung als auf die fachliche Qualifikation geachtet, obwohl mehrere Studien zeigen, dass auch erfahrene Personaler bei konkreten Auswahlentscheidungen denselben Urteilsfehlern unterliegen wie Laien.

  • Wer selbst keine hohe Expertise aufweist, der schaut nach links und rechts, was die anderen machen. Wenn dort aber auch überwiegend diagnostische Laien stehen, gibt es hier leider nicht viel Gutes zu lernen. Am Ende sichert man im Zirkelschluss gegenseitig falsche Methoden ab und wähnt sich in trügerischer Sicherheit.

  • Menschen überschätzen ihre Fähigkeit, andere Menschen richtig einschätzen zu können. Da in den Unternehmen kaum professionelle Evaluationen durchgeführt werden, können sich die Verantwortlichen die Realität subjektiv immer so zurechtbiegen, dass jeder am Ende die Illusion aufrechterhält, selbst ein Menschenkenner zu sein. Handwerkern oder Ingenieuren würde dies sehr viel schwerer fallen, weil ihre Fehler offensichtlicher zutage treten.

  • Personalauswahl ist immer auch eine Frage von Macht und Einfluss. Mancher Entscheidungsträger mag die Rolle des Türstehers so sehr lieben, dass er den Einsatz professioneller Auswahlmethoden nicht nur als narzisstische Kränkung, sondern auch als handfeste Bedrohung seiner Position erlebt.

Eine Studie mit 600 Praktikern verdeutlicht tiefergehend das Problem mangelnder Fachexpertise. Befragt danach, zu wie viel Prozent sich die zukünftige Leistung von neuen Mitarbeitern über die Dauer der Berufserfahrung prognostizieren lässt, geben die befragten Praktiker im Mittelwert fast 55 % an. Der reale Wert liegt bei gerade einmal 7 %. Das unstrukturierte Interview wird auf 41 % geschätzt, während das hochstrukturierte Interview bei 47 % landet. Die tatsächlichen Werte bewegen sich zwischen 4 und 14 % für das unstrukturierte, und zwischen 19 und 49 % für das hochstrukturierte Interview. Wer glaubt, dass er durch die Kombination aus Dauer der Berufserfahrung und unstrukturiertem Interview die spätere berufliche Leistung der Bewerber fast vollständig prognostizieren kann, handelt in gewisser Weise rational, wenn er diesen beiden Methoden vertraut. Erst wenn er erkennen würde, wie sehr er mit seinen Einschätzungen daneben liegt, könnte er die Fehler einsehen und korrigieren. In sehr vielen Unternehmen fehlt es schlichtweg am notwendigen Fachwissen, um richtige Entscheidungen zur Gestaltung der Personalauswahl treffen zu können.

Die richtige Personalauswahl und auch die richtige Platzierung von Mitarbeitern innerhalb der Organisation gehört wahrscheinlich zu den wichtigsten Investitionsentscheidungen eines jeden Unternehmens. Erst wenn man dies erkannt hat, werden Arbeitgeber damit beginnen, ihre Auswahlprozesse zu professionalisieren. Das Know-how hierfür steht schon lange zur Verfügung und gut ausgebildete Eignungsdiagnostiker warten nur darauf, endlich ernst genommen zu werden.

Dr. Uwe Peter Kanning ist seit 2009 an der Hochschule Osnabrück Professor für Wirtschaftspsychologie. Als Personaldiagnostikexperte setzt er sich für evidenzbasiertes Personalmanagement ein und klärt über Pseudowissenschaften in der Personalauswahl und im Personalmanagement auf.

Kontakt: https://www.hs-osnabrueck.de/prof-dr-uwe-p-kanning/

Literaturempfehlungen:

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Persönlichkeit mit Stil?

Warum verhalten sich Menschen manchmal so eigenartig irrational oder seltsam? Wieso haben wir (vermutlich) alle irgendwelche Charakterzüge, die uns immer wieder mal in Schwierigkeiten bringen?

Bild: Manfred Evertz

Auf diese Fragen hat das Modell der Persönlichkeitsstile plausible Antworten parat. In diesem Modell, das von Prof. Dr. Julius Kuhl im Zusammenhang mit der PSI-Theorie entwickelt wurde, wird davon ausgegangen, dass die Umsetzung von Motiven durch Affekte moduliert wird, und zwar durch den Einfluss, den Affekte auf die Aktivierung jener kognitiven Systeme ausüben, die dafür gerade benötigt werden. Psychische Systeme konfigurieren sich – je nach situativen Anforderungen und in Abhängigkeit von der aktuellen Bedürfnislage eines Individuums – immer wieder neu. Diese Systemkonfigurationen werden als Formen der Motivumsetzung betrachtet, die mehr oder weniger adaptiv sein können. Affektive und kognitive Einseitigkeiten – wie sie bei den Persönlichkeitsstörungen unterstellt werden – können zu enormen Problemen führen. Demzufolge werden Persönlichkeitsstile und ihre pathologischen Übersteigerungen in der PSI-Theorie als stabile bzw. chronische Varianten entsprechender kurzfristig auftretender Systemkonfigurationen verstanden. Statt einseitiger Defizitorientierung ermöglicht das dimensionale Konzept der Persönlichkeitsstile nun aber zugleich einen ressourcenorientierten sowie einen problemorientierten, therapeutischen Zugang, indem jeder Persönlichkeitsstil in seinen Stärken und Schwächen dargestellt und als subjektiv sinnhafte Anpassungs- und Überlebensstrategie in spezifischen Sozialisationskontexten verstanden wird. Die durch den jeweils vorherrschenden Persönlichkeitsstil erklärbaren emotionalen (Erst-)Reaktionen treten zwar spontan auf (abhängig vom Temperament, den vorherrschenden Motiven, den konditionierten Reaktionsmustern etc.), sie lassen sich im Nachhinein aber durch selbstgesteuerte Affektregulation beeinflussen (emotionale Zweitreaktion). Je geübter eine Person darin ist, desto weniger ist sie einem Persönlichkeitsstil „ausgeliefert“.

„Das PSSI ist ein Selbstbeurteilungsinstrument, mit dem die relative Ausprägung von Persönlichkeitsstilen erfasst wird. Diese sind als nicht pathologische Entsprechungen der in den psychiatrischen diagnostischen Manualen DSM-IV und ICD-10 beschriebenen Persönlichkeitsstörungen konzipiert.“ (Quelle: Testmanual)

Mit dem PSSI werden die individuellen Ausprägungen der 14 Persönlichkeitsstile mit jeweils 10 Items ermittelt, d. h. dass der Fragebogen insgesamt 140 Aussagen beinhaltet (in der Kurzversion sind es 14 x 4, also 56 Items), denen im Rahmen einer Selbsteinschätzung jeweils ein Wert von 0 („trifft gar nicht zu“) bis 3 („trifft ausgesprochen zu“) zugeordnet wird. Addiert man die 10 Werte, die für einen Persönlichkeitsstil stehen, erhält man einen Rohwert, den man wiederum in ein statistisches Maß (T-Wert) umwandelt, um zu sehen, wie hoch dieser Wert im Vergleich zu einer bestimmten Population (Altersgruppe, Geschlecht) ausfällt.

Nachdem ich mich intensiver mit den verschiedenen Systemkonfigurationen, die den verschiedenen Persönlichkeitsstilen sowie den mit ihnen korrespondierenden Persönlichkeitsstörungen zugrunde liegen, wie es die PSI-Theorie postuliert, sowie mit den typischen Merkmalen der 8 Motivations- und 6 Temperamentstypen beschäftigt hatte, konnte ich relativ klar sagen, wo ich mich selbst sehe. Interessant war es für mich, dass meine Ergebnisse aus dem PSSI-K (also aus der Kurzversion) meine Annahmen tendenziell bestätigten und mich zugleich auf etwas aufmerksam machten, über das ich im Rahmen meiner (Lehr-)Therapie sehr häufig gesprochen habe. Durch die Lektüre des Buches „Motivation und Persönlichkeit“ ist es mir daraufhin gelungen, ein Phänomen, das ich bei mir seit Beginn meiner Pubertät beobachten konnte, das mir allerdings bis vor Kurzem äußerst rätselhaft zu sein schien, in Worte zu fassen und mittels des Modells sogar “funktionsanalytisch” erklären zu können. Damit – so würde ich sagen – habe ich endlich eine schlüssige Antwort auf eine Frage gefunden, die ich mir stelle, seitdem ich denken kann. Dass mich das begeistert hat, ist wohl nachvollziehbar.

Aufgrund dessen habe ich mir die vollständige Version des PSSI beim Hogrefe Verlag bestellt, was den Vorteil hatte, dass ich mir nun ein genaueres Bild von der Messung der 14 Persönlichkeitsstilen machen konnte. Also ich das PSSI daraufhin selbst ausfüllte und mir meine Ergebnisse anschaute, war ich allerdings enttäuscht. Zwar deuteten diese noch immer mit ganz leichter Tendenz darauf hin, dass meine erste Selbsteinschätzung nicht falsch war, allerdings lagen die T-Werte der 14 Persönlichkeitsstile fast alle in einem Bereich, der eigentlich keine entsprechende Interpretation (siehe oben) mehr zuließ. Meine T-Werte lagen (fast) alle zwischen 42 und 55, was ziemlich unspektakulär, aber nicht unbedingt überraschend ist.

Eine „gesunde“ Persönlichkeit sollte dazu in der Lage sein, verschiedene Persönlichkeitsstile flexibel einzusetzen bzw. die gezeigten Verhaltens- und Reaktionsmuster von ihrer aktuellen Bedürfnis- und Motivlage sowie von den situativen Gegebenheiten abhängig zu machen. Das bedeutet für mich übersetzt, dass ich manchmal einen eher ehrgeizigen (z. B. in Wettbewerbssituationen), manchmal einen liebenswürdigen (z. B. beim Flirten) und manchmal einen sorgfältigen Persönlichkeitsstil (z. B. bei der Bearbeitung meiner Steuererklärung) an den Tag legen kann. Je nachdem, worum es gerade geht, kann ich also in einen dazu passenden Modus wechseln. Bei „gesunden“ Menschen dürfte es in der Regel also unzählig viele Situationen geben, in denen sie typische Verhaltensweisen zeigen oder Einstellungen haben, die mit den verschiedenen Persönlichkeitsstilen korrespondieren. Sollte es dennoch häufiger zu einer (automatischen) emotionalen Erstreaktion kommen, im Zuge derer sich ein bestimmter Persönlichkeitsstil zeigt, der eigentlich unpassend ist, ist man dem ja nicht einfach ausgeliefert. Dem Modell zufolge haben Individuen verschiedene Möglichkeiten, in diesen Automatismus einzugreifen (z. B. über Selbstberuhigung oder Selbstmotivierung). Je ausgereifter die Fähigkeit zur Selbststeuerung bzw. -regulation eines Menschen ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in den Auswertungsergebnissen eines Testverfahrens (wie z. B. dem PSSI) deutliche Auffälligkeiten zeigen.

Um bspw. in Seminaren einen ersten Überblick über die 14 Persönlichkeitsstile geben zu können und dabei zugleich ein wenig zur Selbstreflexion anzuregen, habe ich auf Grundlage des Tests, der Beschreibungen aus dem Buch „Motivation und Persönlichkeit“ und dem Testmanual für jeden Persönlichkeitsstil ein Kärtchen vorbereitet, auf dem jeweils sieben Aussagen zu finden sind, die diesen charakterisieren. Sie ermöglichen es, einen ersten Eindruck zu bekommen, wie die verschiedenen Stile sich typischerweise zeigen. Eine exakte Messung mit einem wissenschaftlichen Verfahren können und sollen diese Kärtchen natürlich nicht ersetzen. Meine beiden “Spitzenreiter” zeige ich Ihnen einmal:

Die funktionsanalytische Perspektive der PSI-Theorie bietet m. E. außerordentlich viele, ganz wunderbare Erklärungen für Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit den einzelnen Persönlichkeitsstilen ergeben, und Problematiken, die ein unflexibler Einsatz oder die starre „Bevorzugung“ eines jeden Stils mit sich bringen kann. Zudem zeigt sie zahlreiche Möglichkeiten auf, wie sich charakterliche “Schwächen”, die zu Problemen führen, in den Griff bekommen lassen.

Literaturhinweise:

  • Julius Kuhl & Miquel Kazén (2009). Persönlichkeits-Stil- und Störungs-Inventar (2. überarbeitete und neu normierte Auflage). Hogrefe Verlag, Göttingen.
  • Julius Kuhl (2001). Motivation und Persönlichkeit. Hogrefe Verlag, Göttingen. → Hier gelangen Sie zur Produktseite des Verlags.

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Mensch im Umbruch

Warum fällt es uns so schwer, die eigene Persönlichkeit zu verändern, und warum lassen sich schlechte Angewohnheiten i. d. R. nicht einfach ablegen? Unsere Persönlichkeit ist zwar durch relativ überdauernde Eigenschaften beschreibbar, dennoch verändert sie sich im Laufe unseres Lebens stetig.

Grundsätzlich stellt sich die Persönlichkeitspsychologie die Frage, worauf Unterschiede in der Ausprägung gewisser Merkmale bzw. Eigenschaften zwischen den Individuen beruhen, also inwieweit sie bspw. durch Veranlagung zustande kommen oder durch Erfahrung erworben und ausgebildet werden?

Mit diesem Thema befasse ich mich bereits seit meiner Studienzeit. Jetzt habe ich gerade ein Konzept entwickelt, mit dem ich andere Menschen dabei unterstützen möchte, ihre eigene Persönlichkeit und ihr Verhalten zu reflektieren, individuelle Entwicklungspotenziale zu identifizieren und erste Schritte in Richtung einer gewünschten Veränderung einzuleiten. Gestern habe ich nun vom Hogrefe Verlag die freundliche Genehmigung bekommen, im Rahmen meiner Seminare die Kurzform eines Tests einsetzen zu dürfen, mit dem die individuellen Ausprägungen der 14 Persönlichkeitsstile erfasst werden, den PSSI-K. Dieser basiert u. a. auf der PSI-Theorie von Prof. Dr. Julius Kuhl und ist angelehnt an das Modell der Persönlichkeitsstörungen nach dem DSM (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen). Es ermöglicht einen ressourcenorientierten (statt einseitig defizitorientierten) sowie einen problemorientierten therapeutischen Zugang zum Verständnis der Verschiedenartigkeit von Menschen, indem jeder Persönlichkeitsstil in seinen Stärken und in seinen Risiken bzw. Schwächen dargestellt wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass oftmals seltsam und befremdlich wirkendes Verhalten im Grunde genommen subjektiv sinnhafte Anpassungs- und Überlebensstrategien in spezifischen Sozialisationskontexten waren.

Menschen mit einem dominanten Persönlichkeitsstil bevorzugen – ebenso wie jene, die eine entsprechende Persönlichkeitsstörung aufweisen – eine damit korrespondierende Systemkonfiguration. Die Systemkonfigurationen stehen in einem direkten Zusammenhang mit den vier Makrosystemen der PSI-Theorie.

Die PSI-Theorie (siehe: Eine neue Persönlichkeitstheorie) geht davon aus, dass die Umsetzung von Motiven durch Affekte moduliert wird, und zwar durch den Einfluss, den Affekte auf die Aktivierung jener kognitiven Systeme ausüben, die für die Motivumsetzung wichtig sind (vgl. Modulationsannahmen). So werden unterschiedliche Systemkonfigurationen differenziert, mit denen sich jedes Motiv verbinden kann. Diese Systemkonfigurationen werden als Formen der Motivumsetzung interpretiert, die je nach den vorherrschenden Bedingungen mehr oder weniger adaptiv sein können.

  • Fühlen (Extensionsgedächtnis):  Das „Fühl-System“ ist adaptiv für alle Motive: Fühlen ermöglicht Flexibilität der Umsetzung (Bedürfnisbefriedigung) und aktive Bewältigung der mit Herausforderungen verbundenen negativen Gefühle.
  • Intuieren (Intuitive Verhaltenssteuerung): Intuieren ist besonders adaptiv für die Umsetzung des Bedürfnisses nach Anschluss: Der spontane Austausch mit anderen Menschen erfordert intuitive Programme der emotionalen Ansteckung, des Blickverhaltens u.v.m.
  • Denken (Intentionsgedächtnis): Die Denkfunktion ist maladaptiv im Bereich Anschluss; adaptiv im Bereich Leistung und evtl. Macht, also überall da, wo strategisches, planerisches Vorgehen erforderlich ist.
  • Empfinden (Objekterkennungssystem): Empfinden ist für kein Motiv besonders adaptiv, da diese Funktion die Perseveration (= Tendenz seelischer Erlebnisse und Inhalte, im Bewusstsein zu verharren) negativer Gefühle erfasst, die nicht durch das Fühlen integriert werden können. Das Empfinden ist mit einem “diskrepanz- und konfliktsensitiven” Aufmerksamkeitssystem verbunden: Unstimmigkeiten werden besonders stark beachtet und können u. U. gar nicht mehr ausgeblendet werden.

BIld: Manfred Evertz

Eine zentrale Annahme der PSI-Theorie besagt, dass sich psychische Systeme – je nach situativen Anforderungen – immer wieder neu konfigurieren. Verschiedene soziale Basisbedürfnisse verlangen unterschiedliche Systemkonfigurationen. Affektive und kognitive Einseitigkeiten, wie sie bei den Persönlichkeitsstörungen angenommen werden, können zu Schwierigkeiten bei der Befriedigung verschiedener Bedürfnisse führen. Eine Person kann sich in ihrem Verhalten und in ihrer Selbstwahrnehmung zunehmend von ihrem eigenen Selbst entfremden, wenn sie nicht gelernt hat, flexibel zu den jeweils passenden Systemkonfigurationen umzuschalten, sobald ein neues Bedürfnis auftaucht. Demzufolge werden Persönlichkeitsstile und ihre pathologischen Übersteigerungen in der PSI-Theorie als stabile bzw. chronische Varianten entsprechender kurzfristig auftretender Systemkonfigurationen verstanden.

“Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“ Arthur Schopenhauer

Nun habe ich den PSSI-K natürlich selbst ausprobiert, da es mich interessierte, ob ich mit dem Ergebnis etwas anfangen kann? Vermutet habe ich, insbesondere bei hoher Belastung, einen selbstkritischen Persönlichkeitsstil zu zeigen. Dort hatte ich dann aber lediglich mit 7 die zweithöchste Punktzahl. Meinen höchsten Wert erreichte ich dabei beim „loyalen Persönlichkeitsstil“, der immerhin bei 9 von 12 möglichen Punkten lag. Wäre er etwas höher gewesen, würde er auf eine abhängige bzw. dependente Persönlichkeitsstörung hindeuten. Mein Testergebnis weist zwar noch längst nicht auf eine psychische Erkrankung hin, zeigt allerdings mit aller Deutlichkeit, wo meine „Baustellen“ verortet sind. Beide Stile haben nämlich etwas gemeinsam: Die Betroffenen neigen zum diskrepanzsensitiven Empfinden (ausgeprägte Empfänglichkeit für negative Affekte) und sie sind eher “kopflastig”, d. h. im Denk-Modus (gedämpfter positiver Affekt). Die Gefühle, die diese Stille am ehesten charakterisieren, sind Angst (loyaler PS) und Scham (selbstkritischer PS). Dass ich mich in schwierigen Lebensphasen oder unter Stress recht häufig im Objekterkennungssystem verheddere, war mir schon bewusst. Auch, dass ich in Zeiten, in denen ich einer hohen Belastung ausgesetzt bin, zur Anhedonie neige, wusste ich schon. Scham kenne ich ebenfalls recht gut. Das mit der “Angst” hat mich allerdings zunächst überrascht.

Manchmal ist die Wahrheit unbequem. Schon seit Beginn meiner Pubertät frage ich mich immer mal wieder, was mit mir eigentlich nicht stimmt? Obwohl ich seither nach Antworten suche, habe ich es irgendwie trotz eines Psychologiestudiums geschafft, über viele Jahre nahezu sämtliche relevante Informationen auszublenden, die mich zu einer tieferen Selbsterkenntnis hätten führen können. Dass ich gewisse Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit machen musste, aus meinem Erleben abgespalten hatte, ist mir inzwischen bewusst, ebenso wie die Tatsache, dass ich manchmal dazu neige, „unerwünschte“ Lebenswirklichkeiten, die für andere Menschen vollkommen selbstverständlich sind, komplett auszublenden und ein selbstausbeuterisches Verhalten an den Tag zu legen. Und ja, ich suche tatsächlich nach Halt, wobei mir gar nicht so ganz klar ist, was genau ich eigentlich damit meine. Dennoch ist dieses diffuse Grundmotiv im hohen Maße charakteristisch für mich. Auch wenn ich – dank meiner sogenannten „gesunden Anteile“ – unter normalen Lebensbedingungen weit davon entfernt bin, mir eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, so weiß ich doch, dass ich insbesondere in kritischen Lebensphasen dazu neige, zumindest einen Teil jener diagnostischen Kriterien zu erfüllen, die eine dependente Persönlichkeit ausmachen.

In solchen Phasen ist es mir tatsächlich mehr oder weniger gleichgültig, wer mir den gewünschten Halt gibt, sofern es sich natürlich um einen Menschen handelt, von dem ich annehme, Halt “bekommen” zu können. Und es stimmt auch, dass viele meiner Beziehungen, die ich dann aufbaue, rasch instabil werden, da ich mich zu sehr mit mir selbst und meiner eigenen Unzulänglichkeit beschäftige, sodass ich kaum wirkliches Interesse für die Bedürfnisse und Befindlichkeiten eines Gegenübers aufbringen kann. Ich fühle mich dann wieder so, wie ich es als kleiner Junge getan habe, was dazu führt, dass meine emotionale Bindung zu „ausgewählten“ Personen über die eines Kindes tatsächlich kaum hinausreicht. Das Stichwort lautet „Bedürftigkeit“. Dabei neige ich vermutlich eher zu einem aktiv-dependenten Interaktionsmuster. Diese Variante ist mit Anstrengungen verknüpft, und die Betroffenen sind in der Regel lebhaft, sozial angepasst und charmant, mit dem Ziel, (bestimmten) anderen Menschen zu gefallen und deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ebenfalls bewusst bin ich mir meiner Neigung zur dramatischen Gefühlsbetonung. Wer meinen Blog kennt hat, dürfte das vielleicht bereits bemerkt haben, mein damaliger Therapeut hat es jedenfalls ganz gewiss, was bei ihm – meinem Empfinden zufolge – zu äußerst bedrohlichen Abwehrreaktionen geführt hat.

Wie kommt es dazu, dass ich mich insbesondere in jenen Situationen so seltsam verhalte, in denen ich extremen Belastungen ausgesetzt bin? Psychotherapeuten/-innen würden darauf vermutlich wie folgt antworten: „Dies weist deutlich auf einen Schock im Kindesalter hin, in dem sich das Subjekt einer Situation anpassen musste, der sie kognitiv nicht gewachsen war (z. B. sexueller, körperlicher oder seelischer Missbrauch, Übernahme von Erwachsenenrollen etc.). Oft ist es eine Form der anhaltenden Demütigung, welche die betroffene Person durch Abspaltung als Form der Ich-Abwehr versucht, zu meiden, oder besser zu ertragen.” (1) Ups… Es gibt sie allem Anschein nach auch bei mir, diese inneren Prozesse, die sich der Selbstaufmerksamkeit beharrlich entziehen und somit auch nur schwerlich artikulierbar sind.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass laut der Auswertung eines Tests, der sogenannte maladaptive Schemata erfasst, die „Trennungsangst“ wohl ein zentrales Thema in meinem Leben ist. Zwar erinnere ich mich an eine Situation aus meiner Kindheit, in der ich diese ganz intensiv gespürt habe, im weiteren Verlauf meines Lebens tauchte sie aber nie wieder auf. Warum sollte ich mich also heute damit beschäftigen? Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Was geschieht eigentlich mit Gefühlen, die nicht mehr erlebbar oder abgespalten sind? Sind sie einfach weg? Oder wirken sie aus dem Unbewussten weiter? Wie verhält sich das bei mir?

Leider muss ich mir eingestehen, dass ich mich seit jeher schon bei den geringsten Anzeichen einer möglicherweise bevorstehenden Trennung oder Abweisung emotional aus einer Beziehung herausgezogen – d. h. mich umgehend getrennt – habe, vermutlich deshalb, um die Angst, verlassen zu werden, gar nicht erst ausstehen zu müssen. Inzwischen scheint es mir aus diesem Grund sogar fast unmöglich zu sein, mich überhaupt auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Ich denke, dass die Angst vor dieser existenziellen Bedrohung, die ich als Kind wohl gespürt haben muss, ein wesentlicher Grund dafür ist. Daran arbeite ich aber schon eine ganze Weile mit recht gutem Erfolg. Dennoch finde ich es beachtlich, diesbezüglich abermals “entlarvt” worden zu sein.

Die gute Nachricht ist, dass ich mich in jenen Kriterien, anhand derer eine dependente Persönlichkeitsstörung dem ICD-10 nach diagnostiziert wird, nicht wiederfinde, und zwar in keinem von ihnen. Im DSM-5 gibt es jedoch ein Kriterium, mit dem ich mich im gewissen Maße durchaus identifizieren kann:

  • Betroffene haben Schwierigkeiten, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Dinge unabhängig durchzuführen (eher aufgrund von mangelndem Vertrauen in die eigene Urteilskraft oder die eigenen Fähigkeiten als aus mangelnder Motivation oder Tatkraft).

Darüber habe ich im Rahmen meiner (Lehr-)Therapie sehr häufig gesprochen. Wie kann es mir gelingen, in allen Lebensbereichen Selbstverantwortung zu übernehmen bzw. mich damit abzufinden, selbst für mich sorgen zu müssen? Was genau bereitet mir eigentlich so große Schwierigkeiten dabei, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Dinge unabhängig durchzuführen? Und was kann ich tun, damit es mir künftig leichter fällt? So hat der Entschluss, das Seminar „Persönlichkeit im Wandel“ eigenständig (d.h. nicht im Auftrag irgendeines renommierten Trainingsanbieters) durchzuführen, mich abermals mit einer meiner zentralen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Das fühlt sich überhaupt nicht gut an. Aushalten werde ich das jetzt aber trotzdem!

„Es kommt vieles auf ein richtiges Auffassen der eigenen Individualität an; wer sich falsch beurteilt, ist in Gefahr, sich selbst zu zerreiben.“ Johann Friedrich Herbart

Nun hat jeder Mensch natürlich seine eigene Geschichte und demzufolge auch ganz individuelle Themen, die es sich vielleicht lohnt, mal genauer anzuschauen. Dabei kann das Modell der Persönlichkeitsstile m. E. äußerst hilfreich sein. Im nächsten Schritt bietet es sich an, darüber nachzudenken, welche Veränderungen wünschenswert sind und wie sie sich realisieren lassen. Das tue ich, und das sollte eigentlich jeder tun.

Fußnote:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Abhängige_Persönlichkeitsstörung

Literaturempfehlung:

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„Gütemerkmale der therapeutischen Allianz und Therapieerfolg“ von Dr. rer. medic. Hans-Jörg Lütgerhorst unter Mitarbeit von Nina Petermann

„Egal, was Therapeut und Patient miteinander anstellen, die Therapie ist erfolgreich, wenn sich beide wertschätzen.“ (Spitzer 2003) – Dann wäre es ja einfach, ein guter und erfolgreicher Psychotherapeut zu werden, ein akademisch-wissenschaftliches Studium und eine Psychotherapieausbildung wären sogar überflüssig.

Man stelle sich jedoch Folgendes vor: Der Psychotherapeut vermittelt Wertschätzung, Empathie, Wärme und Anteilnahme, aber er ist ungepflegt, das Zimmer ist in einem ungelüfteten und chaotischen Zustand, er weist Körper- und Mundgeruch auf, er versäumt Termine, vergisst wichtige Informationen oder nimmt Eigendokumentationen des Patienten nicht zur Kenntnis, raucht während der Sitzung, die Tür ist nicht geschlossen. Auch wenn man von diesem postmodernen Waldschratmodell eines Psychotherapeuten absieht und nur ein oder zwei seiner Merkmale erwartungswidrig sind, wird der Patient momentan in einen mentalen Zustand versetzt, in dem Wertschätzung, Empathie etc. möglicherweise nicht mehr wirken.

Nur in Einzelfällen können Abweichungen des Psychotherapeuten vom äußeren Habitus und Paradoxien in der Intervention zu einer Verblüffung und „Erfolg versprechenden Verstörung“ i. S. eines Weckrufs führen, wobei die Erwartungswidrigkeit ein Innehalten bewirken kann und vielleicht einen Neustart weg von eingefahrenen Kommunikationsmustern ermöglicht.

Bild: Manfred Evertz

Es stellt sich im Rahmen unseres Themas auch ein methodisches Problem, das die Vergleichbarkeit von Studien einschränkt: Wer schätzt die Güte bzw. Qualität der Allianz ein – der Psychotherapeut, der Patient oder ein unabhängiger Untersucher? Besonders komplex wird es bei multiplen Beurteilungen im Rahmen von Gruppentherapie. Und wie werden Therapieerfolg bzw. Stagnation oder Misserfolg gemessen – mittels Symptomreduktion, Verbesserung der Selbstwertschätzung, Verringerung der Symptomlast, Zunahme an Lebenszufriedenheit, Reduktion der Arbeitsunfähigkeitstage, Stabilität des Therapieerfolgs über Zeit hinweg, Anzahl der benötigten Therapiesitzungen etc.? Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Haltungen, Verhaltensweisen und Interventionsformen über Empathie und Wertschätzung hinaus die Güte der Allianz ausmachen. Interagiert die Güte oder Qualität der therapeutischen Allianz mit anderen Prädiktoren für den Therapieerfolg?

Studienlage in Auszügen

Nach Lambert (1992) beruhen 30 % des Therapieerfolgs auf der therapeutischen Allianz und nur 15 % auf der spezifischen Technik. Norcross und Wampold (2011) betonen die Bedeutung der therapeutischen Allianz in all ihren Aspekten für den Therapieerfolg, wozu auf Seiten des Therapeuten v.a. Empathie gehöre. Eine Metaanalyse der Studien über die Erfolgswirkung der Allianz liefert zwar eine mittlere Effektstärke von 0.57, dies lässt aber offen, in welchem Ausmaß die Allianzgüte mit der Behandlungskompetenz kovariiert bzw. davon abhängt (Horvath et al. 2011). Im Handbuch von Lambert (2013) werden ausführlich alle Einflussfaktoren für den Therapieerfolg dargestellt und diskutiert. In der umfangreichen Literatur zu diesem Thema ist es verwirrend, dass einige Autoren die Allianzgüte und die Therapeutenkompetenz unter „Therapeuteneffekt“ zusammenfassen, während andere (z.B. Wampold 2015) die therapeutische Allianz unter „gemeinsame Faktoren“ der verschiedenen Methoden subsummieren. Löffler et al. (2014) fanden in einer naturalistischen Studie, dass die Allianzgüte (in Patienteneinschätzung) eine signifikante Moderatorvariable für den erfolgreichen Einsatz von Techniken der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) bei der Depressionsbehandlung darstellt. Demnach ist die KVT umso besser, je mehr Therapeutenkompetenz zur Herstellung einer tragfähigen Allianz einschl. eines Arbeitsbündnisses vorhanden ist, was wiederum auch durch Patientenmerkmale wie deren Bindungsstil beeinflusst ist.

Sicher passen die folgenden Überlegungen und Vorschläge nicht so ganz in die gegenwärtige Wissenschaftslandschaft und sind provokativ. Die gesamte Fragestellung hat einen hohen Komplexitätsgrad. Eine Matrix unabhängiger (Psychotherapeut und Methode) und abhängiger Faktoren (Patient) würde sehr umfangreich ausfallen und keineswegs nur diese beiden Dimensionen umfassen. Dann stellt sich die Frage, was macht weitere Dimensionen aus? Handelt es sich um demografische soziokulturelle Faktoren oder um sogenannte Kontextfaktoren wie Geschlecht (s. Kap. 17.2), um Alter, Passung von Werthaltungen (Rosenthal 1955), Passung des Störungsmodells, Einbezug von Bezugspersonen, Einzel- versus Gruppentherapie, kompakte oder kontinuierliche Interventionsverteilung? Zu diesen Dimensionen gehört aber auch das Basisverhalten des Patienten wie z. B. Verlässlichkeit, soziale Verträglichkeit, Offenheit, Ausdauer, Veränderungsbereitschaft und aktive Anstrengungsbereitschaft.

Bei der Heranziehung von Daten aus dem deutschsprachigen Raum (Lohmann u. Mittag 1979) fällt auf, dass diejenigen Psychoanalytiker als besonders positiv vom Patienten eingeschätzt werden, die als empathisch erlebt werden. Diejenigen Gesprächspsychotherapeuten werden als besonders positiv eingeschätzt, die ab und zu auch einen Ratschlag gaben.

Freud wurde von seinen Schülern und Analysanden keineswegs als so beziehungsabstinent eingeschätzt, wie er es theoretisch vorgab, sondern vielmehr als anteilnehmend und empathisch. Wird damit die anfangs zitierte Bedeutung der Wertschätzung von Spitzer gestützt? Die gesamte gesprächspsychotherapeutische Forschung hat immer wieder die Bedeutung von Empathie, unbedingter Wertschätzung und Echtheit aufseiten des Therapeuten herausgestellt. Wir vermuten, dass auf „Echtheit“ des Psychotherapeuten nicht nur aus seiner verbalen Zuwendung geschlossen wird, sondern auch aus der Konkordanz von nonverbalen Botschaften und verbal geäußertem Inhalt. Placebo-Studien zeigen nämlich, dass der unzweideutig ausgestrahlte Optimismus entscheidend ist für die Bildung von Besserungserwartung, wobei Letztere der allgemeinste Prädiktor für Therapieerfolg aufseiten des Patienten zu sein scheint. Wir nehmen an, dass ein wesentlicher Aspekt der Resonanzfähigkeit des Psychotherapeuten darin besteht, dass er Mimik, Gestik, Stimmführung zu „deuten“ vermag sowie Diskordanzen zwischen den verbalen Äußerungen des Patienten einerseits und seinen nonverbalen Äußerungen andererseits richtig „deutet“ und in seinen Interventionen nutzt.

Klagen von Patienten über Psychotherapeuten (Mohr 1995) beziehen sich auf Distanziertheit, Empathiemangel und Ungeduld. Dies gilt unabhängig von der Therapierichtung. Auch Heim (2009) weist auf die Bedeutung der Dichotomie „freundlich versus unfreundlich“ hin. Er erwähnt aber auch die Dichotomie „dominant versus submissiv“ aufseiten des Psychotherapeuten; beide dieser Extremvarianten sind nicht hilfreich. Darüber hinaus gilt es auf möglichst ausgeglichene Redeanteile zu achten (Ausnahmen: Hypnose und Hypnotherapie).

Zusammenfassend weisen die Studien auf die Bedeutung der emotional-sozialen Kompetenz und Intelligenz des Psychotherapeuten hin. Schon 1961(!) wurde in einer Broschüre der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung über den Beruf des Psychotherapeuten auf folgende Voraussetzungen hingewiesen: natürliche Anlagen, Erwerb erlernbaren Wissens und erlernbarer Fähigkeiten (sic!), verstehende Güte und lebendiges Einfühlungsvermögen.

Zeichnet dieses zwischenmenschliche Geschick die Psychotherapeuten bereits vor ihrer Ausbildung aus und lässt es sich durch die Ausbildung verbessern? Emotional-soziale Intelligenz wird schließlich auch von Nicht-Professionellen erworben, z. B. durch Modelllernen, Übung, Rückmeldung und Reflexion (Lambert 2013). Umso mehr sollten diese übenden Aspekte in der Aus- und Weiterbildung systematische Berücksichtigung finden. Interessanterweise werden von Psychotherapeuten, die selbst Psychotherapie in Anspruch nehmen, nicht nur Wärme, Offenheit und Fürsorge geschätzt, sondern auch Berufserfahrung und -kompetenz (Norcross et al. 2009). […]

Zusammenfassung und Ausblick

Die therapeutische Allianz ist kein isolierter Faktor im Sinne von Orthogonalität. Es bestehen diverse Interkorrelationen zwischen Kontextmerkmalen einschließlich des Einflusses von relevanten Bezugspersonen, Patientenmerkmalen einschließlich der Art und des Ausprägungsgrades der Störung, der Veränderungsmotivation des Patienten und seines Beziehungsstils. Hinzu kommen folgende Therapeutenmerkmale: grundlegende emotional-soziale Intelligenz, Empathie in der Gestaltung der Allianz, die Beachtung formaler Regeln, Störungs- und Interventionswissen und vor allem aber Anwendungsfertigkeiten und -sicherheit im Rahmen fachlich-methodischer Behandlungskompetenz. Alles zusammen macht die Güte der therapeutischen Allianz aus und fördert den Therapieerfolg. Die bloße „kognitive“ Kenntnis der therapeutischen Handlungsregeln (Grawe 1999) reicht u. E. nicht aus, wenn nicht die Umsetzung der Regeln trainiert wird und Umsetzungskompetenz erworben wird. Hier klafft in der Aus- bzw. Weiterbildung eine zu schließende Lücke zwischen Wissen und Können. Es ist weder die Anwesenheit von Supervisoren bei Therapien von Ausbildungsteilnehmern vorgesehen noch die Anwesenheit von Teilnehmern bei Therapie von Supervisoren. Bisher geschieht Supervision nach vier Sitzungen stets verzögert und konterkariert das Wissen über die Wirksamkeit unmittelbarer Rückmeldung. […]

Das Training von Anwendungsfertigkeiten bzw. von Behandlungskompetenz halten wir im Rahmen der geplanten „Direktausbildung“ an Universitäten und Kliniken für gefährdet, und zwar sowohl wegen der geringen Erfahrung von Hochschullehrern in der praktischen Anwendung von Psychotherapie als auch wegen des Verzichts auf die Supervisions- und Selbsterfahrungsexpertise von in der Versorgungsrealität tätigen Psychotherapeuten während der Ausbildungsphase, die zur Approbation führen soll. Denn Psychotherapie ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern bei deren Anwendung in der Versorgungsrealität auch eine Kunst (Sulz 2014, 2015). Dies gilt trotz der Unterschiedlichkeit in den Konzeptualisierungen der therapeutischen Allianz zwischen den Psychotherapierichtungen, wie sie in Bronisch und Sulz (2015) dargestellt werden.

Auf diesen Erkenntnissen, Überzeugungen und eigenen Erfahrungen aufbauend begrüßen wir einen Brückenschlag zwischen Behandlungsmethoden. Dieser integrative Ansatz wird auch von ehemals rein kognitiven Verhaltenstherapeuten favorisiert, welche die eher aus psychodynamischen und humanistischen Verfahren stammende Einbeziehung von frühen sozialen Erfahrungen und Prägungen (Bindungserfahrungen) nahelegen. Außerdem wird ein Eingehen auf die Vermeidung von emotionalem und somatischem Erleben sowie die Einbeziehung des Erlebens der gegenwärtigen therapeutischen Allianz empfohlen (Borkovec 2005; Newman et al. 2004). Wir schlagen daher eine maßgeschneiderte und Ressourcen berücksichtigende Psychotherapie mit Individuum bezogener „Feinsteuerung“ (Dick et al. 1999) vor, und zwar über Richtlinienverfahren hinaus. Die große Mehrzahl stationär und ambulant tätiger Psychotherapeuten behandelt trotz ihrer verfahrensspezifischen Ausbildung übrigens längst im Sinne einer integrativen Psychotherapie (s. Kap. 12). Systematisierte eklektische Ansätze sind bereits von Wachtel (1977), Beutler (1983) und von Orlinsky und Howard (1987) vorgelegt worden. Heim (2ooo) hat den Versuch unternommen, solche Modelle einem Ausbildungskonzept zu Grunde zu legen. Lazarus (1989) hatte sich mit seine Multimodalen Therapie von der klassischen Verhaltenstherapie zu Gunsten eines technischen Eklektizismus` entfernt. All diese seit langer Zeit bekannten Ansätze entsprechen im Kern unserer hier dargelegten Auffassung von einer Individuum bezogenen Maßschneiderung.

Seit Jahren mehren sich die Veröffentlichungen über Glück und Glücklichsein (z.B. Bormans 2011) und über Freude als Haltung dem Leben gegenüber i.S. einer spirituellen Lebensphilosophie (Dalai Lama und Tutu 2016). Diese Ansätze der Philosophischen Psychologie sind oft überlappend mit solchen der Positiven Psychologie (Seligman 2012). Tugenden, Resilienz- und Salutogenesefaktoren sind daraus zu entnehmen wie: Akzeptanz, Weisheit, Neugier, Echtheit, Tapferkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Selbstdistanzierung, Besonnenheit, Dankbarkeit, Vergebung, Transzendenz, Humor, Sinnorientierung und -erleben. Insbesondere im Sinnerleben besteht eine Nähe zum Kohärenzkonzept von Antonovsky (1997). Was das nun für Psychotherapeuten und deren Allianz- und Interventionsgestaltung bedeutet, das mag jeder für sich entscheiden. Aber welchen Wert hat eine Haltung ohne entsprechendes Verhalten, denn: „Um die Menschen kennen zu lernen, muss man sie handeln sehen“ (J. J. Rousseau).

PS: In dem Buchartikel finden sich 43 Hinweise für die Ausbildung von Umsetzungs- und Behandlungskompetenz.

Dr. Hans-Jörg Lütgerhorst war 35 Jahre in psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken in Vollzeit tätig, seit 2010 in ambulanter Praxis. Er verfügt über eine Approbation und zertifizierte über Aus- bzw. Weiterbildungen in Verhaltenstherapie und Kognitiver VT, Gesprächspsychotherapie und Focusing-Therapie sowie Hypnosetherapie. Er wurde 1993 von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung als Supervisor für Einzel- und Gruppen-VT anerkannt und ist akkreditierter Dozent, Supervisor, Selbsterfahrungsleiter und Approbationsprüfer an den Landesprüfungsämtern NRW u. RPL. Er unterrichtet in Südafrika sowie an 10 staatlich zugelassenen Aus- und Weiterbildungsinstituten im Bundesgebiet und hat 6 Fachartikel veröffentlicht. Weitere Informationen zum Werdegang finden Sie hier: Curriculum Vitae 2020. Kontakt: www.praxis-am-richterbusch.de/hans-joerg-luetgerhorst, E-Mail: hans-joerg@luetgerhorst.de

Quelle:

Bei diesem Text handelt es sich um Auszüge aus dem 9. Kapitel des folgenden Buches:

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„Startet das Psychotherapiestudium im Wintersemester 20/21?“ von Prof. Dr. Wolfgang Schönpflug

Die neue Approbationsordnung ist da! Vor einem Jahr habe ich in einem Interview mit dem Titel “Ist die Psychologie noch zu retten?” die dramatischen Veränderungen behandelt, welche der Psychologie als Wissenschaft und Beruf bevorstehen dürften, wenn die gegenwärtige Reform der Psychotherapieausbildung verwirklicht wird. Nachdem in diesem Monat das Gesundheitsministerium die neue Approbationsordnung erlassen hat, lassen sich manche Auswirkungen klarer einschätzen. Zunächst werde ich darstellen, wie überhaupt die Ausbildung der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Zukunft gestaltet sein soll.

Die Reform ist nun in vollem Gange: Das „Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung“ ist beschlossen, der Bundesgesundheitsminister hat gerade die zugehörige Approbationsordnung erlassen (veröffentlicht im Bundesgesetzblatt vom 12. März 2020). Nun sind die Hochschulen am Zug. Sie müssen ihre Studienordnungen neu schreiben. Und ihre Entwürfe müssen die zuständigen Landesministerien oder Senatsverwaltungen genehmigen. Ob das bis zum Wintersemester gelingt, wenn der nächste Jahrgang von Studienwilligen in die Hörsäle drängt? Nach den alten gesetzlichen Bestimmungen kann der neue Jahrgang jedenfalls das Studium nicht mehr aufnehmen. Denn diese sind nur noch bis zum 1. September dieses Jahres in Kraft.

So wird es in Zukunft sein: Es gibt eine staatliche Approbationsprüfung. Wer die Prüfung besteht, erhält die Approbation für Psychotherapie. Die Approbation berechtigt zur selbständigen und eigenverantwortlichen Psychotherapie. Approbierte können sich beruflich weiterbilden; danach können sie die Zulassung zum System der gesetzlichen Krankenversicherung erhalten. Die Approbationsprüfung setzt ein Bachelor-/Masterstudium an einer Hochschule voraus. Für das Bachelorstudium sind sechs Lehrgebiete vorgeschrieben: Klinische Psychologie, Nicht-klinische Psychologie (u. a. Entwicklungs- und Sozialpsychologie), Methodenlehre und Diagnostik, Medizin und Psychopharmakologie; für diese Lehrgebiete ist ein Mindestumfang vorgegeben. Hinzu treten weitere Bezugswissenschaften der Psychotherapie – wie etwa Philosophie oder Neurowissenschaft. Im Bachelorstudium soll in die Grundlagen der Psychotherapie eingeführt werden. Das Masterstudium konzentriert sich dann auf Forschungen zur Psychotherapie, die Lehre von den psychischen Störungen und ihrer Behandlung, die weiteren Aufgaben Klinischer Psychologinnen und Psychologen – wie etwa Begutachtung – sowie einschlägige berufsrechtliche und ethische Fragen. Auch zum Masterstudium werden Mindestumfänge für Lehrgebiete vorgegeben. Das Studium soll die für den Beruf der Psychotherapie nötigen Kompetenzen vermitteln. Daher gehören zum Pflichtprogramm sowohl im Bachelor- als auch im Masterabschnitt praktische und patientennahe Übungen und Tätigkeiten. Insgesamt sind etwa zwei Drittel des Studiums staatlich vorgegeben, und die Hochschulen sind verpflichtet, etwa ein Fünftel des Studiums praxis- und patientennah zu gestalten.

Was wird damit anders? Die Approbation wird vor der Weiterbildung erteilt, nicht wie bisher nach der Weiterbildung. Therapeutische Leistungen können daher schon während der Weiterbildung vergütet werden; das Gesetz garantiert sogar ein Mindesteinkommen von 1.000 Euro monatlich. Damit entspannt sich die oft als prekär beklagte Lage der Berufsanfänger. Die Approbation wird für Psychotherapie insgesamt erteilt, nicht mehr wie bisher getrennt für Erwachsenen- sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Daher setzt die Vorbereitung auf die Approbation weder – wie bisher für Erwachsenenpsychotherapie – allein ein Studium der Psychologie voraus, noch – wie bisher für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – allein ein Studium der Pädagogik. Vielmehr werden sowohl Kenntnisse der Psychologie als auch Kenntnisse der Pädagogik verlangt, dazu noch – wie erwähnt – Medizin, Psychopharmakologie sowie andere Bezugswissenschaften. Das bisher disziplinäre Studium wird also multidisziplinär.

Wenn in Zukunft Großeltern ihre Enkel fragen: „Was studierst du eigentlich?“ Dann müssten die „studierenden Personen“ – so die neue Sprachregelung in der Approbationsordnung – streng nach der gesetzlichen Regelung antworten: „Wir erwerben die Kompetenzen zur Ausübung des Berufs eines Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin.“ So drückt es der Gesetzgeber aus und vermeidet es, dem von ihm kreierten Studiengang einen Namen zu geben. Der Gesundheitsminister ist vor der Presse weniger zurückhaltend und spricht beherzt von einem Psychotherapiestudium. Die Bezeichnung „Psychotherapiestudium“ ist inzwischen in aller Munde. Die Scheu, die zum Psychotherapeutenberuf führende Ausbildung offiziell als Psychotherapiestudium zu bezeichnen, beruht vor allem auf Rücksichtnahme gegenüber der Psychologie und der Pädagogik, die bisher allein die wissenschaftliche Vorbereitung auf die therapeutische Praxis geleistet haben. Ob sie das effektiv genug taten, ist umstritten. Obwohl der Gesetzgeber im Streit um die Kompetenz akademischer Disziplinen nicht offen Partei ergreift, folgt er doch zwei Forderungen aus der öffentlichen Debatte: Die Anerkennung einer eigenen Psychotherapiewissenschaft und die Einführung eines sich über alle Studiensemester erstreckenden „Direktstudiums“ der Psychotherapie. Die Entscheidung über den Namen des neuen Studiengangs ist nunmehr in die Hochschulen verlagert, und diese werden sich wahrscheinlich nicht alle auf denselben Namen einigen. Sie können den neuen Studiengang weiterhin als „Psychologie“ oder „Pädagogik“ bezeichnen, oder sie geben den traditionellen Namen auf und bezeichnen den Studiengang klar als „Psychotherapie“ – wobei als Kompromisslösung auch „Psychologie und Psychotherapie“ eine Chance hat.

Bild: Manfred Evertz

Eine kleine Revolution ist für ein akademisches Fach die vergleichsweise hohe Praxis- und Patientennähe des Studiums. Man kann den neuen Studiengang fast als „dual“ bezeichnen. Bisher hat man Studierende in den Semesterferien in sechswöchige Außenpraktika geschickt, damit sie etwas Berufspraxis schnuppern. In den Instituten gab es ein Empirisches Praktikum, bei dem die Probanden meist selbst Studierende waren. Für die neuen „Berufspraktischen Einsätze“, Magisterarbeiten und weitere Forschungen werden die Hochschulen Kliniken und andere Gesundheitseinrichtungen als Partnerinnen gewinnen müssen. Wollen sie aber selbst Lehre, Forschung und Praxis verbinden, werden sie ihre Hochschulambulanzen ausbauen. Dann entstehen Kliniken wie in der Medizin, in denen angehende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten einen Teil ihres Studiums absolvieren, Forschungen für ihre wissenschaftlichen Arbeiten durchführen und schließlich ihre berufliche Weiterbildung erhalten.

Das mag gesundheitspolitisch eine glänzende Perspektive sein. Für die Psychologie wird die gegenwärtige Entwicklung zur Existenzfrage. Verliert das Fach Psychologie im Psychotherapiestudium an Bedeutung, so wird Psychotherapie nicht mehr als psychologischer Beruf erkennbar. Das droht auch, die Qualifikation der Studienabsolventen zu mindern. „Wirkt nicht richtig“, hat der Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen das Reformgesetz kritisiert und aus Protest dagegen sogar eine Demonstration vor dem Berliner Reichstagsgebäude veranstaltet. Zudem befürchtet der Berufsverband eine „Klinikisierung und Medikalisierung“ psychologischer Berufe, wenn für Psychotherapie Approbierte in Schulen, Bertriebe etc. drängen. Besorgnis erregt an den Psychologischen Instituten und Fachbereichen der Hochschulen, dass Personal- und Sachmittel für Grundlagen- und nicht-klinische Praxisfächer gestrichen werden könnten, um Mittel für den erhöhten Bedarf an im Bereich der Psychotherapie freizusetzen.

In der Tat: Die Nachfrage nach dem neuen Psychotherapiestudium wird beträchtlich sein. Ob dagegen an allen Hochschulorten die bundesweite Nachfrage nach Experimenteller Psychologie, Sozialpsychologie, Wirtschaftspsychologie und Ähnlichem für ein volles Lehrangebot ausreicht, ist ungewiss. Wirtschaftlich gesehen, ist dann eine Umschichtung von Ressourcen zugunsten des klinisch-therapeutischen Bereichs geboten. Und was den Psychologenberuf anbelangt: Angesichts der zu erwartenden starken Nachfrage werden die staatlichen Hochschulen bestrebt sein, die Zahl der Plätze für das Psychotherapiestudium hochzuhalten; für Privathochschulen ist das Studienangebot sicher auch finanziell attraktiv. Studierende haben freilich keine Gewähr, nach dem Studium zum Psychotherapeutenberuf zu gelangen; der Gesundheitsminister will nämlich die Zahl der Approbationen „deckeln“. Auch hat, wer nach der Approbation die Weiterbildung absolviert hat, keinen Anspruch auf Krankenkassenzulassung; die Kassen können die Zulassung aus Kostengründen einschränken. Damit ist abzusehen, dass psychotherapeutisch Aus- und sogar Weitergebildete auf nicht-therapeutische Berufe ausweichen müssen, dann z.B. mit ausgebildeten Familien-, Schul- und Arbeitspsychologen konkurrieren und in Schulen, Betrieben usw. das breite Spektrum psychologischer Leistungen auf klinisch ausgerichtete reduzieren (z. B. in Schulen auf die Betreuung von auffälligen Schülern zu Lasten von Schullaufbahnberatung und Unterrichtsorganisation).

Eine Konkurrenz zwischen Psychotherapie und nicht-klinischer Psychologie wäre gar nicht entstanden, hätte man das neue Studium zusätzlich zu dem bestehenden eingerichtet; wofür man allerdings beträchtliche Personal- und Sachmittel bereitstellen müsste. Völlige Neueinrichtungen waren freilich nicht nötig. Die bestehenden Psychologischen Institute und Fachbereiche waren bereit, ja sogar vielfach bestrebt, sich an dem reformierten Studium zu beteiligen. Doch nun erweist sich: Für die Reform reichen die vorhandenen Kapazitäten an Klinischer Psychologie nicht aus, während vorhandene Kapazitäten an nicht-klinischer Psychologie jedenfalls für den Psychotherapiestudiengang nicht mehr gebraucht werden. Kann man die Kapazitäten erhalten für psychologische Lehre und Forschung außerhalb der Psychotherapie?

Die Präsidenten der Deutsche Gesellschaft für Psychologie und des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen unterzeichneten noch 2015 eine Erklärung, nach der die Reform der Therapieausbildung nicht auf Kosten nicht-klinischer Fächer erfolgen dürfe. Das war eine klare Forderung nach zusätzlichen Mitteln. Der Gesundheitsminister selbst errechnete einen erhöhten Bedarf für die neue Ausbildung und Prüfung. Doch schon bei der Beratung im Bundesrat gaben die für die Finanzierung der Hochschulen zuständigen Länder zu Protokoll, sie seien an der Vorbereitung der Reform nur unzureichend beteiligt gewesen und hätten dafür keine Mittel vorgesehen. Das bedeutet: Auf absehbare Zeit müssen die Hochschulen die Reform aus ihren bestehenden Haushalten finanzieren. Werden sie dafür nicht in erster Linie Mittel aus dem Bereich der Psychologie selbst umwidmen?

Die Präsidien der Deutschen Gesellschaft für Psychologie haben bei der Reform der Psychotherapieausbildung einen besonderen Eifer an den Tag gelegt. Ihre Strategie war, den Schwerpunkt der klinischen Ausbildung in den Masterstudiengang zu legen und die nicht-klinische Psychologie im Bachelorstudium so zu stärken, dass deren Kapazitäten voll erhalten blieben. Dazu sollte vor allem der Freiraum genutzt werden, den Gesetz und Verordnung den Hochschulen bei ihrer Studienordnung ließ. Das Bachelorstudium sollte dadurch „polyvalent“ werden, d.h. eine Fortsetzung in Masterstudien mit anderen als klinischen Schwerpunkten zulassen. Der Begriff „polyvalent“ wurde tatsächlich in das Reformgesetz aufgenommen. Doch die weiteren Regeln machen es sehr schwer, eine Polyvalenz in dem genannten Sinne zu verwirklichen. Denn der für polyvalente Psychologie verfügbare Freiraum ist im Laufe der Beratungen immer kleiner geworden. Erstens wurden die festgesetzten Pflichtanteile als Mindestwerte deklariert; es ist damit zu rechnen, dass diese in den örtlichen Studienordnungen überschritten werden und die zur freien Verfügung verbleibende Stundenzahl schrumpft. Zweitens ist Psychologie eindeutig als Bezugswissenschaft der Psychotherapie definiert und steht in Konkurrenz mit anderen als Bezugswissenschaft in Frage kommenden Disziplinen. Und drittens ist deutlich gemacht, dass Psychologie das Studienangebot nicht dominieren darf und überhaupt nur insoweit zu lehren ist, als eine Relevanz für die Psychotherapie besteht. Man muss fragen: Für welche Psychotherapie? Ist es die in den Klassifikationssystemen der Krankenkassen und in den Manualen der Richtlinienverfahren definierte? Dann muss sich psychologische Lehre tatsächlich – wie schon so oft in der Vergangenheit – die Kritik gefallen lassen, sie sei für die Praxis nicht relevant! Dann ist nur wissenschaftlich legitimierte und nur in anderen Anwendungsfeldern bewährte Psychologie Ballast, den Reformer zu Recht abzuwerfen trachten!

Spätestens bei der Studienplanung wird man sehen: Das Konzept der Polyvalenz ist gescheitert. Und wenn Hochschulen an dem Konzept festhalten, so ist das Formsache und wird der Psychologie in ihrer bisherigen Fächervielfalt nicht helfen, ihre Bestände zu erhalten. Wie konnten die Deutsche Gesellschaft für Psychologie am Reformprozess mitwirken, ohne für den Fall einer ernsthaften Gefährdung zahlreicher Fachgruppen ihre Unterstützung zu versagen? Diese Frage stellt sich umso dringlicher, als die überwiegende Mehrheit ihrer Mitglieder gefährdeten Fachgruppen angehört. Über Erklärungen wird man wohl diskutieren, wenn in den nächsten Monaten die Folgen der laufenden Reform erkennbar werden. Doch Erklärungsansätze seien schon heute genannt: Motor der Reformen waren Therapeutenverbände, insbesondere die Bundespsychotherapeutenkammer, die alle in Deutschland tätigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vertritt – es sind 52.000. Seit dem 16. Psychotherapeutentag im Jahre 2010 hat die Bundespsychotherapeutenkammer das Prinzip der einheitlichen und multidisziplinären Ausbildung vertreten. Beim Bundesgesundheitsministerium fand das offenen Ohren, weil es in das Schema der heilkundlichen Berufe passte. Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Psychologie suchte die Fachgruppe „Klinische Psychologie“ oder zumindest die in einer Kommission „Psychologie und Psychotherapie“ vertretenen Mitglieder der Fachgruppe den Schulterschluss mit der Bundespsychotherapeutenkammer. Allerdings war man mit einem klinischen Schwerpunkt im Masterstudiengang zufrieden; ein Wachstum an Personal und eine Vergrößerung von Hochschulambulanzen hätte auch eine vergleichsweise kleine Reform eingebracht.

Als sich eine Reform abzeichnete, welche die Psychologie in ihrer Breite zu dezimieren droht, hat der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie keinen Widerspruch eingelegt. Das mag daran liegen, dass in der Gesellschaft selbst eine Gruppierung Einfluss gewonnen hatte, für die ein Direktstudium der Psychotherapie die höchste Priorität hatte: der Fakultätentag Psychologie. Der Fakultätentag ist eine Versammlung von Vertretern psychologischer Studieneinrichtungen – offenbar nach dem Vorbild des Psychotherapeutentages und des Medizinischen Fakultätentages. Der Fakultätentag ist – wohl auf Initiative Klinischer Psychologen – im Jahre 2016, in der Endphase der Reformdiskussion, gegründet worden. Als Institutionenvertretung bildet er – eine ungewöhnliche Konstruktion – eine Fachgruppe innerhalb der Gesellschaft, und ihr Vorsitzender ist im Reformjahr zusammen mit der Präsidentin der Gesellschaft als Doppelspitze aufgetreten. Zusammen haben sie das Reformgesetz und die Approbationsordnung öffentlich begrüßt.

Das Jahr 2020 könnte also zu einem Schicksalsjahr für die Psychologie in Deutschland werden. Wird Psychologie als Wissenschaft und Beruf bleiben, was sie geworden ist – frei und reich an Perspektiven? Oder wird sie zur alten Dame am Hof einer aufstrebenden Psychotherapie? Oder wird sie zum gesunkenen Luxusliner, aus dessen Rumpf findige Taucher immer wieder wertvolle Stücke bergen?

Wolfgang Schönpflug

  • Geboren 1936 in Berlin. Studium der Psychologie, Physiologie, Betriebswirtschaftslehre an der University of Kansas, Lawrence, Kansas (USA) und Frankfurt am Main.
  • Wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Frankfurt a. M. (Prof. Rausch) und Bochum (Prof. Heckhausen). 1967 Dozent, 1969 Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Universität Bochum. Seit 1974 Professor für Psychologie (Schwerpunkt Allgemeine Psychologie) an der Freien Universität Berlin (seit 2003 emeritiert).
  • Mitwirkung in örtlichen und überregionalen Studienreformkommissionen. Erster Vorsitzender der Sektion Ausbildung (jetzt: Aus-, Fort- und Weiterbildung) des Berufsverbands deutscher Psychologen (jetzt: Psychologinnen und Psychologen). 2016 Goldene Ehrennadel des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Literaturhinweise:

  • Schönpflug, W. (2006). Einführung in die Psychologie. Weinheim: BeltzPVU (2012 Lizenzausgabe Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
  • Schönpflug, W. (2013). Geschichte und Systematik der Psychologie. Weinheim: Beltz (dritte, neu bearbeitete Auflage).
  • Schönpflug, W. (2016). Psychologie – historisch betrachtet. Wiesbaden: Springer.

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Warum neigen Menschen zur Prokrastination?

Wie kommen wir bei unliebsamen Aufgaben ins Handeln? Was wir tun können, ist uns für die Erledigung zu belohnen, uns die positiven Konsequenzen vor Augen zu halten, die damit verbunden sind, oder uns etwaige Folgen bewusst zu machen, die uns erwarten, sollten wir untätig bleiben. Bei umfangreicheren Aufgaben empfiehlt es sich, diese in kleine Häppchen zu zergliedern, um sie daraufhin peu à peu abzuarbeiten. Hilfreich soll auch die 10-Minuten-Regel sein, bei der man sich einen Wecker stellt, um nach zehn Minuten des Tuns zu entscheiden, ob man weitermachen möchte oder aufgrund einer verbleibenden Lustlosigkeit zunächst wieder damit aufhört, um in naher Zukunft einen erneuten Anlauf zu starten. Hat man sich erst einmal überwunden und angefangen, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man dann auch am Ball bleibt und die Sache abschließt. Ein vernünftiges Zeitmanagement mit SMARTen Zielen, eine ablenkungsfreie Arbeitsumgebung und ein wenig Selbstdisziplin dürften dann wohl genügen, um das unerfreuliche Vorhaben anzugehen und alles, was damit zusammenhängt, kurz darauf erledigt zu haben, oder? Nun, obwohl es so funktionieren kann, scheint es das nicht immer zu tun.

Bild: Manfred Evertz

Wenn aus einer harmlosen Aufschieberitis ein ernsthaftes Problem wird, sind die meisten Tipps, die gängigerweise gegeben werden, oft nur wenig hilfreich. Auf die Frage, warum das so ist, liefert die PSI-Theorie (“Eine neue  Persönlichkeitstheorie”, pdf-Dokument) von Prof. Dr. Julius Kuhl schlüssige Antworten (PSI-Impuls 2).

Um Vorhaben umzusetzen bzw. um ihren Transfer vom Intentionsgedächtnis in das intuitive Verhaltenssteuerungssystem zu ermöglichen, braucht es die Willensbahnung, d.h. einen selbst- oder fremdgenerierten positiven Affekt. Es geht also vor allem um die Förderung der Fähigkeit, sich selbst zu motivieren. Bereitet das Schwierigkeiten, besteht der optimale Lösungsweg nicht immer darin, sich unliebsame Aufgaben schönzureden oder einen (neuen) Blickwinkel einzunehmen, der es ermöglicht, deren Erledigung positiv zu bewerten. Hilfreich ist es hingegen, nach den Ursachen des problematischen Verhaltens zu fragen und sich die Bedingungen genauer anzuschauen, unter denen es gezeigt wird. Die Neigung zur Prokrastination kann nämlich ganz unterschiedliche Gründe haben, von denen in diesem Artikel fünf besprochen werden: Lustfixierung, Unlustfixierung, Vermeidungsmotivation, Bequemlichkeit und Reaktanz (Trotz gegenüber Fremdbestimmung).

Bildet man eine Absicht, d. h. „lädt“ man sie ins Intentionsgedächtnis, wird zugleich auch eine Ausführungshemmung aufgebaut. Diese Hemmung hat die Funktion, den Organismus dazu zu befähigen, auf den richtigen Ausführungszeitpunkt zu warten, statt vorschnell zu handeln, da das ja nicht immer sinnvoll oder möglich ist.

Gegensatz: Lust vs. Unlust (Lust-Unlust-Paradox)

Das Umsetzen von Vorsätzen wird durch die Interaktion des Intentionsgedächtnisses (Arbeitsgedächtnis) mit der intuitiven Verhaltenssteuerung vermittelt. Diese Interaktion ist wiederum von dem Wechsel zwischen dem Aushalten von „Unlust“ (d. h. Dämpfung von positivem Affekt) und „Lust“ (zum Handeln) abhängig. Unlust braucht man, um einen unangenehmen Vorsatz zu bilden und aufrechterhalten zu können, Lust braucht man, um ihn in die Tat umzusetzen.

→ Ursache 1: Lustfixierung

Beschreibung: Der Lusttypus hat Schwierigkeiten mit Schwierigkeiten. Ohne Unlust oder „Frustrationstoleranz“ kann man nämlich nur Dinge tun, die Spaß machen.

Diagnostik: Erkennen lässt sich dieser Typus daran, dass der Proband dann, wenn er bei einer schwierigen „Willensaufgabe“ (Emoscan©) an positive Erlebnisse im Leistungsbereich erinnert wird, nicht den üblichen Willensbahnungseffekt (d. h. verkürzte Reaktionszeiten) zeigt, sondern einen Willenshemmungseffekt. Eine besonders lukrative Variante dieses Typs ist der Manager, der für das Delegieren schwieriger oder unangenehmer Aufgaben sogar gut bezahlt wird.

Intervention: Hilfreich ist es, zwischen dem Fokussieren auf angenehme Zielvorstellungen („Wie fühle ich mich, wenn ich den Vorsatz erfolgreich ausgeführt habe?“) und der Imagination der nächsten schwierigen oder unangenehmen Schritte, die auf dem Weg zum Ziel zu gehen sind (vgl. die Kontrastierungsmethode von Prof. Gabriele Oettingen), zu pendeln. Hier kommt es vor allem darauf an, Frustrationstoleranz, z. B. das Aushalten von auftretenden Schwierigkeiten, zu üben.

  • Frustrationstoleranz stärken: https://karrierebibel.de/frustrationstoleranz/
  • Kontrastierungsmethode: Im wissenschaftlichen Kontext wird diese Methode “Mentales Kontrastieren mit Implementierungs-Intentionen” (MCII) genannt. Das Kürzel “WOOP” ist jedoch etwas griffiger. Dabei steht das „W“ für Wish (Wunsch), ein „O“ für Outcome (Ergebnis, positive Folge), das andere „O“ für Obstacle (Hindernis) und das „P“ für den Plan bzw. für “Wenn-Dann-Pläne” (nach Peter Gollwitzer).

 

→ Ursache 2: Unlustfixierung

Beschreibung: Menschen dieses Typs waren in ihrer Kindheit vermutlich einem strengen Erziehungsklima ausgesetzt. Man erkennt sie daran, dass sie zwar wunderbar Absichten bilden und auch davon erzählen, sie aber nicht gut umsetzen können, zumindest nicht über die vorteilhafte Variante, die durch den verhaltensbahnenden positiven Affekt vermittelt wird.

Diagnostik: Erkennen können wir den Unlust-Typus an einem niedrigen Testwert für prospektive (d. h. auf auszuführende Absichten bezogene) Handlungsorientierung, was einer hohen prospektiven Lageorientierung gleichkommt: Lageorientierte zeigen einen Willenshemmungseffekt, wenn sie an Situationen erinnert werden, in denen es um Leistung oder Macht geht (d. h. in wirkungs- oder zweckorientierten Motivationslagen).

Intervention: Die Kontrastierungsmethode (s. o.) ist hier ebenfalls hilfreich. Dabei kommt es jetzt aber vor allem darauf an, den selbstständigen Wechsel in den positiven Affekt zu üben, z. B. durch positive Zielimaginationen, Ermutigung bei auftretenden Schwierigkeiten und Motivationsverlust, das Aktivieren des Selbstzugangs (z.B. durch Aktivieren der rechten Hemisphäre wie es das Team um Prof. Nicola Baumann aufgezeigt hat) oder durch Motto-Ziele (vgl. das ZRM©).

  • Aktivieren des Selbstzugangs: Solange es gelingt, Stress und negative Emotionen selbstkonfrontativ und handlungsorientiert zu bewältigen, bleibt der Selbstkontakt (auch ohne Maßnahmen zur Aktivierung der rechten Hemisphäre) intakt. Ein versperrter Selbstzugang geht mit einer Unteraktivierung des rechten Vorderhirns einher. Falsche Selbstzuschreibungen fremder Einflüsse auf das eigene Verhalten durch das bewusste Ich führen häufig zum (wenig hilfreichen) Grübeln über die Ursachen einer negativen Stimmung. Die rechte Hirnhemisphäre lässt sich allerdings recht einfach aktivieren, bspw. durch das dreiminütige Drücken eines Softballs mit der linken Hand.

 

Stress und negativer Affekt hemmt den Zugang zum Extensionsgedächtnis und zum integrierten Selbst, das dabei hilft, sehr viele Erfahrungen und Wissenbestände miteinander zu verbinden. Wenn es gelingt, den negativen Affekt zu dämpfen, wird dieser Zugang ermöglicht.

Gegensatz: Vermeidung vs. Bequemlichkeit (Sonderfall: Reaktanz)

→ Ursache 3: Vermeidungsmotivation

Beschreibung: Der Vermeidungstyp führt unangenehme Vorsätze besonders dann aus, wenn er ein Angst besetztes Ereignis vermeiden kann (natürlich kann er gleichzeitig auch ein Unlust- oder Lusttypus sein). Ängstliche Menschen können aus dieser Motivationsquelle (= Vermeidung unangenehmer Konsequenzen) viel Handlungsenergie beziehen. Der Nachteil dieser Variante: Im Unterschied zur Selbstmotivierung durch positiven Affekt, hemmt der mit der Angst und anderen negativen Affekten verbundene Stress ausgerechnet die höheren Funktionen, die helfen Verbindungen zwischen verschiedenen Wissens- und Erfahrungsbeständen herzustellen.

Diagnostik: Schüler und Studierende, die allzu einseitig unter solchen Bedingungen lernen, erkennt man daran, dass sie zwar auswendig Gelerntes wiedergeben können, aber Schwierigkeiten haben, verschiedene Fakten mit einander oder mit passenden Beispielen zu verbinden.

Intervention: Hier sollte das Aufspüren und Bewältigen willenslähmender Ängste im Vordergrund stehen. Derlei Ängste können nämlich nicht nur den Zugang zur Selbstwahrnehmung lähmen, sondern auch den Zugriff auf die für das Handeln erforderliche Energie beeinträchtigen.

  • Die Befürchtung, etwas falsch zu machen, kann dazu führen, dass die Betroffenen gar nichts tun. Im schlimmsten Fall führt dies zu der negativistischen Überzeugung, dass andere Menschen mit mehr “Talenten” ausgestattet sind und man selbst immer nur benachteiligt wird. “Dann sieht man das Leben vielleicht als Konkurrenzkampf […], und man versteckt seine eigenen Ressourcen, um sie zu schützen, und merkt gar nicht, dass man gerade dadurch selbst dazu beiträgt, dass sie sich nicht enfalten können. […] Nur die beschönigungsfreie Konfrontation mit der Mutlosigkeit und dem Schmerz über die “ungerechte Welt” […] bietet die Chance, irgendwann vielleicht einmal aus diesem Lamento herauszukommen.” (Quelle: “Spirituelle Intelligenz”)

→ Ursache 4: Bequemlichkeit

Beschreibung: Nicht Ängstlichkeit, sondern Gelassenheit ist seine typische Stimmungslage. Die hohe Gelassenheit kann dazu führen, dass der Bequemlichkeitstypus gerade dann, wenn Druck entsteht, in eine gelassene Stimmung geht, womit der allerdings nicht nur den Druck reduziert, sondern auch die Energie Vorsätze umzusetzen. Die gelassene Stimmung kann dazu führen, dass das Aufschieben ganz positiv, vielleicht sogar als besondere Fähigkeit gesehen wird (man „schont die eigenen Kräfte“, lässt sich nicht drängen etc.). Man könnte also auch vom „fröhlichen Aufschieber“ (happy procrastinator) sprechen. Der Bequemlichkeitstyp hadert nicht mit seinem Aufschieben, sondern findet gute Gründe dafür und macht eher andere als sich selbst dafür verantwortlich (Selbstkritik erfordert ja eine gewisse Schmerztoleranz).

Diagnostik: Indirekte Methoden zur Messung der unbewussten Gelassenheit (Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (EOS und Emoscan©)

Intervention: Hier sollte das Fokussieren und Aushalten von negativen Gefühlen (eigener wie fremder) im Vordergrund stehen.

→ Ursache 5: Reaktanz

Die Reaktanztheorie “erklärt die Reaktionen von Personen, deren Handlungs- bzw. Entscheidungsfreiheit bedroht ist. Reaktanz ist eine motivationale Erregung mit dem Ziel, die bedrohte Freiheit wiederherzustellen. Freiheit impliziert, zwischen Alternativen wählen oder eine Handlung ausführen zu können. Diese Freiheit ist bedroht, wenn die Ausübung der Handlung schwieriger bis unmöglich geworden ist. Die Stärke der Reaktanz steigt mit der Wichtigkeit der eingeengten Freiheit, dem Umfang des (subjektiven) Freiheitsverlustes und der Stärke der Einengung. Die motivationale Erregung wird abgebaut durch (1) direkte Wiederherstellung der Freiheit (zu tun, was verboten, oder zu lassen, was geboten wurde; (2) indirekte Wiederherstellung der Freiheit (z. B. ein anderes, aber vergleichbares Verhalten ausüben oder aber in einer anderen Situation das bedrohte Verhalten zeigen); (3) Aggression (die einengende Instanz kann attackiert werden, damit die Freiheitseinengung aufgehoben wird) und (4) Attraktivitätsveränderungen (die verbotene Alternative wird attraktiver, die gebotene weniger attraktiv).” (vgl. DORSCH, Lexikon der Psychologie: https://portal.hogrefe.com/dorsch/reaktanz-reaktanztheorie/)

Beschreibung: Der Reaktanztypus schiebt unangenehme Vorsätze besonders dann auf, wenn er sich fremdbestimmt fühlt (da das oft mit dem Gefühl einhergeht, unter Druck zu geraten, gibt es hier Berührungspunkte mit dem Bequemlichkeitstypus). Beim Reaktanztyp kann die bewusste oder unbewusste Vorstellung, von anderen kontrolliert zu werden, sogar dann auftreten, wenn er selbst einen Vorsatz fasst. Dieses Phänomen könnte daher rühren, dass in der Lerngeschichte einer solchen Person (also z.B. in der Kindheit) unangenehme Vorsätze meist von anderen Personen aufgezwungen wurden (z.B. Eltern oder Lehrern), sodass jeder Gedanke an einen unerledigten Vorsatz schon mit der Vorstellung von Fremdbestimmung verknüpft ist. Das ist natürlich besonders schmerzhaft für Menschen, die ein starkes Bedürfnis nach Autonomie (freies, ungehindertes Selbstsein) entwickelt haben (z. B. wenn dieses Bedürfnis in der Kindheit oft verletzt wurde). Wir haben in unserer Forschung beobachtet, dass der Reaktanztyp leicht in eine ärgerliche Stimmung geraten kann, besonders natürlich dann, wenn er sich fremdbestimmt fühlt.

Diagnostik: Diese Stimmung wird aber meist nicht bewusst erlebt (vielleicht deshalb, weil dieser Typus zumindest im bewussten Erleben auf Gelassenheit festgelegt ist) und ist deshalb nur (bzw. vornehmlich) durch indirekte Messmethoden erkennbar.

Intervention: Hier geht es insbesondere darum, früh erlebte und aktuell relevante Quellen von Fremdkontrolle aufzuspüren und Autonomie fördernde Ermutigung zum „freien Selbstsein“ anzubieten. Menschen, die an der Reaktanzvariante der Prokrastination leiden, werden Fortschritte machen, wenn sie lernen, eigene von fremden Erwartungen und Wünschen zu unterscheiden, fremde Erwartungen so umzugestalten, dass sie selbstkompatibel sind bzw. abzulehnen, wenn eine solche Umgestaltung nicht möglich ist.

  • Wer erwartet was von Ihnen? Übung: www.ryschka.de/arbeitsblatt-rollenklaerung.pdf
  • Bei der Symptomverschreibung wird das als problematisch verstandene Verhalten (z. B. die Prokrastination) bewusst gefördert, um eine Veränderung zu bewirken. So kann z. B. die folgende Anweisung gegeben werden: “Bis zu unserer Sitzung untersagen Sie es sich bitte, jedweden Tätigkeiten nachzugehen, die mit dieser Aufgabe in Verbindung stehen.” Das eigentliche Problem – nämlich der Gedanke, fremdbestimmt etwas tun zu müssen – löst sich dadurch eventuell auf.

Ergänzende Hilfestellungen: Auf karrierebibel.de (hier) und typentest.de (hier) finden Sie zahlreiche Tipps zum Thema.

PS: Bei dem kursiv markierten Text handelt es sich um Passagen aus einem PSI-Impuls, der von mir mit einigen Erläuterungen und praktischen Hilfestellungen angereichert wurde.

Professor Dr. Julius Kuhl (geb. 27.07.1947) vertrat von 1986 bis 2015 den Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeits­forschung an der Universität Osnabrück und war 2008-2016 Leiter der psychologischen Abteilung der Forschungsstelle Begabungsförderung im Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Webseite: www.psi-theorie.com/.

Quellen:

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

“Positive Aggression – Wer sie hat, ist klar im Vorteil” von Prof. Dr. Jens Weidner

Ein unbewusster Umgang mit den eigenen Aggressionen kann schaden – und zwar auf der ganzen Linie: Sowohl die Karriere als auch die Psyche können durch den falschen Einsatz der aggressiven Energien zerstört werden. Die Gesundheit wird nachhaltig schwer geschädigt, Unternehmen drohen Millionenschäden.

  • Wer nur kollegial, nett und teamorientiert ist, ist ein toller Mensch, aber ungeeignet fürs Management.
  • Wer sein eigenes aggressives Potential nicht reflektiert, beschneidet sich selbst.
  • Positiv Aggressive kämpfen engagiert für ihre Interessen und haben auch den Mumm, sie durchzusetzen.

Darum plädiert der Autor dieses Beitrages wie auch der renommierte Psychologe Fritz Riemann für die positive Aggression. Neben den strategischen Vorteilen im Beruf hilft der unverkrampfte, aber bewusste Umgang mit den eigenen aggressiven Anteilen außerdem, die eigenen Ängste besser in den Griff zu bekommen. Die gesunde und gekonnte Aggression, so Riemann in seinem Klassiker Grundformen der Angst, ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Selbstwertgefühls, des Gefühls für die Würde unserer Persönlichkeit und für einen gesunden Stolz!

Fakt ist: Wer seine positive Aggression nicht annehmen mag, wird größte Schwierigkeiten haben, sich in der Wettbewerbsgesellschaft zu positionieren. Wer hier den Kopf aus dem Fenster hält, muss den Gegenwind ertragen können – und dazu braucht man Biss. Positive Aggression ist – bei aller Rücksichtnahme und Teamgeist – der Schlüssel zum Erfolg. Die eigene Power aktivieren und ausleben, um Gutes zu tun: Gibt es etwas Schöneres und Konstruktiveres?

Ihr Einsatz, um das zu erreichen, ist Ihr Engagement gegen den Verlust der natürlichen Aggression, denn die positive Aggression ist das Kraftwerk in Ihnen, das Ihnen erst Mut macht, sich gegen Widerstände durchzusetzen!

www.manfred-evertz-art.com

Power freisetzen

Wer hier mehr Power freisetzen möchte, muss sein Verhalten ändern, muss auch gegen Kräfte in seinem Inneren (Moralvorstellungen, alte Erziehungsgrundsätze, gesellschaftliche Erwartungen) angehen. Doch es lohnt sich – und es dient einem guten Zweck, denn die konstruktiv-strategische Aggression dient nicht der Zerstörung, sondern der Erhaltung, genauer: der Erhaltung dessen, was man selbst für wichtig erachtet. Die Grundlage ist dabei ein vernünftiges Kalkül: Was nützt gleichzeitig mir und dem Unternehmen. Der Zweck heiligt hier nicht die Mittel. Die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Strategien muss stimmen, und das Gemeinwohl bleibt bedeutend. Dass sich mit diesem Selbstverständnis sogar werben lässt, demonstriert der schillernde Trigema-Chef Wolfgang Grupp: »Ich stehe für jeden Arbeitsplatz gerade, Shareholder Value ist unmenschlich. Wie kann sich einer als erfolgreicher Manager feiern lassen, weil er die Aktienkurse in die Höhe treibt, aber gleichzeitig rücksichtslos die Menschen auf die Straße setzt?«

Moralische Prinzipien

Gerade diese moralischen Prinzipien, so die kognitionspsychologischen Ausführungen der Managementautorin Hedwig Kellner, machen den zentralen Unterschied zwischen positiver Aggression und Boshaftigkeit aus und an denen sollten auch Sie sich orientieren:

  • Positiv aggressive Menschen kämpfen hart für ihre Interessen, aber sie streben keine Vernichtung Dritter an.
  • Sie demütigen nicht unterlegene Gegner.
  • Sie zollen ihnen Respekt.
  • Sie vergessen nicht, wer ihnen in schweren Zeiten geholfen hat.
  • Sie achten Fairness, Mitgefühl, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Seriosität.
  • Sie setzen sich gegen Unverschämtheiten und Erniedrigungen zur Wehr.
  • Sie legen Zivilcourage an den Tag, wenn es dem Unternehmen und den Mitarbeitern dient.

Positive Aggression ist also nicht für einen tumben Ellenbogen-Karrierismus geeignet. Positive Aggression ist der konstruktive Schlüssel zur Power, die wir brauchen, um dauerhaft erfolgreich zu sein!

Prof. Dr. Jens Weidner lehrt Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Fakultät für Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Kontakt: https://prof-jens-weidner.de/

PS: Dieser Artikel wurde am 18.02.2020 bei XING veröffentlicht.

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