Auf neuem Terrain

In diesem Monat (Februar 2021) habe ich eine Tätigkeit als Palliativpsychologe in einem Krankenhaus aufgenommen und stehe nun vor der Herausforderung, mich in diese (neue) berufliche Rolle hineinzufinden. Wie merke ich mir die Namen meiner vielen neuen Kollegen/-innen möglichst schnell? Wie finde ich mich im Gebäude und mit der Dokumentation zurecht? Wie verschaffe ich mir einen Überblick über meine Aufgaben, die Strukturen und Abläufe? Es gab gewiss noch weitere Fragen, die mir in diesem Zusammenhang durch den Kopf gegangen sind. Im Grunde genommen sind das normale Begleiterscheinungen eines Anfangs.

“Weiße Haare sind die Schaumspitzen, die das Meer nach dem Sturme bedecken.” Carmen Sylva

Spezifischer dürften hingegen jene Fragen sein, die auf meine Arbeitsweise abzielen. Zwar habe ich im Laufe der Jahre bereits etliche Menschen in den verschiedensten Kontexten – mit ganz unterschiedlichen Zielen – psychologisch beraten, auf einer geriatrischen Station habe ich bislang jedoch noch nicht gearbeitet. Die geriatrische Medizin versorgt Menschen, die meist (deutlich) älter als 65 Jahre sind und unter alterstypischen Erkrankungen (auch Mehrfacherkrankungen) leiden. In den vergangenen Wochen habe ich viel Zeit damit verbracht, mich in das Arbeitsfeld der Palliativpsychologie einzulesen. Besonders gut gefallen hat mir in diesem Zusammenhang übrigens das Buch Psychotherapeutische Perspektiven am Lebensende (Rezension). Inwieweit sich jedoch das, was in der Theorie schlüssig klingt, auch in der Praxis bewährt bzw. von mir entsprechend den Empfehlungen meiner erfahreneren Kollegen/-innen umgesetzt werden kann, muss(te) sich erst zeigen. Leider gehöre ich zu jenen Menschen, denen es schwerfällt, sich Situationen im Vorfeld auszumalen, die also zunächst reale Erfahrungen machen müssen, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie sie sich in ihnen adäquat verhalten können. Da mir ohnehin gar nichts anderes übrig blieb, bin ich sozusagen „ins kalte Wasser“ gesprungen und habe die ersten Patienten/-innen aufgesucht, die Gespräche anschließend reflektiert und ein Zwischenfazit sowie entsprechende Entwicklungsaufgaben (für mich) formuliert.

1. Was hätte besser laufen können?

Bei manchen Patienten/-innen scheint es wenig hilfreich zu sein, allein aus der Rolle des „humanistischen Psychologen“ heraus zu kommunizieren, wie ich scherzhaft jenen Anteil meiner Persönlichkeit nenne, der in erster Linie für die Erledigung meiner berufliche Aufgaben zuständig ist. Bei jenen Patienten/-innen, die eher abweisend oder wortkarg waren, war es hingegen zielführend, mir nochmals bewusst zu machen, dass ich einen Behandlungsauftrag habe, der mit dem der Ärzte und des medizinischen Personals korrespondiert. Mein Auftreten sollte ihnen gegenüber dann vor allem auch eine gewisse Sicherheit vermitteln und meine Art der Gesprächsführung müsste dafür manchmal direktiver sein. Die eigene Unsicherheit, mit der ich es am ersten Tag noch zu tun hatte, weil mir noch nicht ganz klar war, was genau eigentlich von mir erwartet wird, und ich mich in dem Arbeitsumfeld zudem noch orientieren musste, hat sich in zwei der Gesprächen vermutlich auf die Patienten/-innen übertragen, zumindest aber wurde sie wohl von ihnen wahrgenommen. Hilfreich ist logischerweise beides nicht, was mir auch direkt gespiegelt wurde. Zwar konnte ich eine Katastrophe gerade noch abwenden, d. h. die wichtigsten Fragen wurden mir beantwortet, zufrieden war ich jedoch nicht, weder mit mir, noch mit dem Verlauf der (ersten) Gespräche.

2. Womit habe ich gute Erfahrungen gemacht?

Bei Patienten/-innen, die zugewandt sind und das Gesprächsangebot gern annehmen, hat sich – insbesondere in der Phase des Kennenlernens – eine non-direktive Gesprächsführung als hilfreich erwiesen, da diese Patienten/-innen i. d. R. von sich aus darüber sprechen, was sie bedrückt oder was ihnen im Moment wichtig ist. Das ist m. E. nicht anders, als in den meisten Gesprächen, die ich in anderen Zusammenhängen führe. Da die Menschen, mit denen ich mich dort beschäftige, mit gesundheitlichen Beschwerden und entsprechenden Beeinträchtigungen zu tun haben, fand ich es wichtig, nach nahestehenden Menschen zu fragen sowie über persönliche Ressourcen (wozu auch Erinnerungen an geliebte – vielleicht schon verstorbene – Personen und schöne Erlebnisse gehören) zu sprechen. Das habe ich zwar nicht in allen Gesprächen getan, immer aber, wenn ich es für sinnvoll hielt. Dem Ernst der jeweiligen Lage – bei allem Mitgefühl – mit einer wohldosierten Prise Humor zu begegnen, schien mir ebenfalls hilfreich zu sein.

Zwar macht es Corona momentan vor allem den Patienten/-innen nicht einfacher: Keine Besuche, kaum noch Raum für zwischenmenschliche Begegnungen etc. Da fällt es gewiss nicht leicht, sich bei Laune zu halten. Für mich bedeutet es allerdings in erster Linie etwas mehr Aufwand, da es Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten gilt, die über das hinausgehen, worauf wir so im Alltag achten sollten. Meine Befürchtung, dass es unter solchen Umständen schwieriger sei, eine Verbindung zu den Patienten/-innen aufzubauen, konnte ich jedoch schon ad acta legen. Dazu muss ich vielleicht sagen, dass ich bereits einige Gespräche geführt habe, bei denen es längst nicht ausreichte, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen. Aber auch das ging irgendwie ganz gut. Jedenfalls hätte ich erwartet, dass es für die Patienten/-innen befremdlicher sein würde, als es das meinem Eindruck zufolge tatsächlich war.

3. Wofür bin ich verantwortlich?

Nachdem ich das Haus am zweiten Tag verlassen hatte, entwickelte sich aus einem vordergründig gelösten Konflikt einer Patientin ein Folgekonflikt, den ich vielleicht hätte vorhersehen oder sogar verhindern können. Dabei wurde mir (wieder einmal) vor Augen geführt, dass Menschen – je nachdem, mit wem sie gerade kommunizieren – zum Teil ganz unterschiedliche Facetten von sich zeigen. Friedemann Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten „Hervorlockungen“. Das ist natürlich eine Binsenweisheit. Sie wirft aber die Frage auf, inwieweit es mir trotzdem gelingen kann, jedes Anliegen, das die Patienten/-innen hervorbringen, ernstzunehmen und darauf zu reagieren, selbst dann, wenn ich davon ausgehe, dass diesem eventuell eine tiefergreifendere Problematik zugrundeliegt. Wann bin ich dafür verantwortlich, problematische Verhaltensweisen anzusprechen und wie kann mir das gelingen, ohne für Verärgerung zu sorgen, oder wie und in welchem Maße kann bzw. sollte ich dazu beitragen, dass sie einer adäquaten Behandlung nicht im Wege stehen? All diese Fragen kenne ich eigentlich bereits aus anderen Beratungskontexten, dennoch erscheinen sie mir hier wie in einem neuen Gewand.

4. Achtsame Kommunikation (auch) im Team!

Als Freiberufler habe ich bei einigen meiner Auftraggeber zwar auch schon in Teams gearbeitet, in der Regel war ich – nach erfolgter Auftragsklärung – dabei aber frei, so arbeiten zu können, wie ich es für richtig hielt. Das wurde auch von mir erwartet. Absprachen mit Kollegen/-innen waren dafür in der Regel nicht oder eher selten notwendig. Gewisse Freiheiten habe ich wohl auch bei meiner neuen Tätigkeit als Palliativpsychologe, allerdings bin ich dabei zugleich in ein interdisziplinäres Team eingebunden. Das hat viele Vorteile, z. B. den der „kurzen Wege“, birgt allerdings auch ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotenzial. Deshalb sollte ich künftig wohl auch immer sehr darauf achten, wie ich das, was ich mit den Patienten/-innen erarbeite, auf den jeweiligen Stationen kommuniziere, damit etwaige Klagen oder Beschwerden, die ich aufgreife, von meinen Kollegen/-innen nicht wie Vorwürfe oder Schuldzuweisungen verstanden werden. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber es ist etwas, das ich vermutlich üben muss, weil meine Rückmeldungen zeitnah erfolgen sollten, auch wenn der Moment – bspw. aufgrund eines hohen Stresslevels – gerade ungünstig ist.

„Erfahrung ist eine verstandene Wahrnehmung.“ Immanuel Kant

Vielleicht ist es etwas zu früh, schon nach dem dritten Arbeitstag ein erstes Zwischenfazit zu formulieren? Mir hilft es aber hoffentlich dabei, mögliche Faktoren, die mir die Arbeit erschweren könnten, oder Verhaltens- und Reaktionsweisen, mit denen ich mir eventuell selbst im Weg stehe, von vornherein im Blick zu haben, um mich auf sie einzustellen. Zudem hilft es mir dabei, meine eigene Haltung zu hinterfragen und mich in diese neue Rolle hineinzufinden. Schon jetzt habe ich jedenfalls den Eindruck, dass es mir leichter fällt, einen guten Einstieg in die Gespräche zu finden, als es meine ersten beiden Patientenkontakte vermuten ließen.

Weshalb sind die Unterschiede so gewaltig?

Diese Frage wurde mir von einem Kollegen gestellt. Darauf habe ich wie folgt geantwortet:

Es wäre gewiss naiv, wenn ich davon ausginge, dass ein höheres Lebensalter zwangsläufig mit Attributen wie „Gebrechlichkeit“, „Demenz“ oder einer wie auch immer gearteten „Schrulligkeit“ einhergehen müsse. Ich habe zahlreiche Freunde und Bekannte im Rentenalter, von denen einige bereits ihr 80. Lebensjahr überschritten haben und die sich dennoch bester Gesundheit erfreuen, also körperlich vital sowie geistig rege sind und entsprechend am Leben teilnehmen. Bislang wurden mir auf der Geriatrie allerdings überwiegend Menschen vorgestellt, die Symptome einer Depression aufzeigten, über starke Ängste berichteten oder einfach nur noch nicht genau wissen, wie es nun weitergehen soll? Mit denjenigen, die trotz ihrer körperlicher Beschwerden oder Einschränkungen psychisch stabil zu sein scheinen, spreche ich dort eher nicht. Aber gut, das ist in anderen Beratungskontexten auch so, dass in erster Linie diejenigen zu einem kommen (oder geschickt werden), die Unterstützung, Beistand oder zumindest eine Form von Begleitung brauchen.

Eigentlich gibt es demzufolge gar keinen großen Unterschied zu dem, was ich sonst so getan habe oder tue: Ich spreche mit Menschen, von denen sich zumindest einige in einer seelischen Notlage befinden, stelle dabei Fragen, die mir sinnvoll zu sein scheinen, und erarbeite gemeinsam mit ihnen Lösungen für die dringlichsten Probleme. Auch die Themen, die dabei bislang zur Sprache gekommen sind, kenne ich schon aus anderen Beratungskontexten: Trauerbewältigung, Umgang mit gesundheitlichen Einschränkungen und/oder Überforderung, Konflikte mit anderen Menschen, Hoffnungslosigkeit, Verbitterung, Depressivität etc.

„Eigentlich“ bedeutet in diesem Zusammenhang aber, dass es – zumindest gefühlt – sehr wohl einen Unterschied für mich macht, dass die Menschen, mit denen ich dort spreche, sich in einer Phase ihres Lebens wiederfinden, in der sie mit Veränderungen konfrontiert werden, die nicht selten irreversibel sind (z. B. Verlust ihrer Mobilität). Und obwohl ich viele Menschen gekannt habe, die schon in jungen Jahren schwer erkrankt oder sogar verstorben sind, scheinen mir gewisse Themen (wie bspw. die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit) doch deutlich präsenter zu sein als in anderen Kontexten. Hinzu kommt, dass es bestimmte (alterstypische) Erkrankungen (z. B. Demenz) gibt, mit denen ich im Rahmen meiner bisherigen Tätigkeiten bislang so gut wie keine praktischen Erfahrungen sammeln konnte, mit denen ich mich nun aber intensiver befassen muss. Auch gehe ich davon aus, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob ich mich mit Klienten/-innen in einem schicken Büro in der Hamburger Innenstadt treffe, in das sie (mehr oder weniger) freiwillig kommen, oder ob ich sie in einem Krankenhaus aufsuche, weil ich beauftragt bin, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Hinzu kommt, dass ich auf der Geriatrie in ein multidisziplinäres Team eingebunden bin, was neben vielen Vorteilen eben auch gewisse Fragen mit sich bringen kann, mit denen ich mich bislang eher selten beschäftigen musste. Letzteres dürfte aber vermutlich etwas sein, mit dem ich mich lediglich arrangieren muss bzw. an das ich mich im Laufe der Zeit gewöhnen werde.

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