Das Ende vom Lied

Nicht jede Lebensgeschichte hat ein schönes Ende.

Im Februar 2021 habe ich eine Tätigkeit als Palliativpsychologe in einem Krankenhaus (Geriatrie) aufgenommen. Darüber habe ich vor Kurzem in dem Artikel Auf neuem Terrain berichtet. Seither wurde ich mehrfach gefragt, ob es gut für meine Psyche sei, mich mit dem Leid älterer, zum Teil schwer erkrankter Menschen zu befassen? Warum ich mir das überhaupt antue? Okay, die Probleme, über die man mit ihnen spricht, sind schon recht „speziell“ und in gewisser Hinsicht gravierender als jene, um die es in anderen Beratungskontexten geht. Aber was sollte ich dazu sagen? Ich habe mich jedenfalls nicht davon abhalten lassen, mich in einem solchen Arbeitsfeld zu betätigen.

Als ich im Dezember angesprochen wurde, ob ich noch Kapazitäten dafür hätte, mich für ca. zehn Stunden in der Woche mit geriatrischen Patienten/-innen zu befassen, ging ich davon aus, dem, was mich erwarten würde, gewachsen zu sein. Obwohl ich mich bereits intensiv mit meiner eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt habe und weiß, was es bedeuten kann, schwer erkrankt zu sein, war ich doch überrascht, wie wenig ich tatsächlich auf das vorbereitet war, was ich dort nun erlebe. So habe ich zum Beispiel noch nie so häufig über Suizidalität reden müssen, wie ich es momentan tue.

Manchmal ist es im Leben wohl leider so, dass man sich wünscht, es wäre (endlich) vorbei. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, als ich das am Ende meiner Pubertät so empfunden habe. Doch der Tunnelblick war nicht von Dauer. Auch bei anderen Menschen nicht. In den vielen Gesprächen mit jenen, die davor standen, sich etwas anzutun, oder es – wie ich damals – versucht haben, wurde mir immer wieder vor Augen geführt, dass der Lebensmut und auch die Freude am Sein bei fast allen eines Tages wieder zurückkehrte und sie sich von diesen destruktiven Gedanken befreien konnten. Diejenigen, die bei der Umsetzung ihrer Absicht erfolgreich waren, haben sich dieser Erfahrung entzogen und oftmals leidvolle Spuren hinterlassen. Gewiss gibt es besondere Umstände, in denen es m. E. durchaus verständlich ist, sich für ein selbstbestimmtes Sterben zu entscheiden. Welche genau das aber sind, ist eine Frage, die ich kaum beantworten kann und deshalb hier auch nicht thematisieren möchte. Für mich ist zunächst einmal jedes Leben wertvoll.

Quelle: pexels.com

Was es mit mir macht, wenn ich so häufig über Suizidgedanken und die ihnen zugrundeliegenden Motive oder Sorgen spreche, kann ich kaum in Worte fassen. Natürlich passiert es gelegentlich, dass ich dabei mit meinen eigenen Ängsten in Kontakt komme. Auch ich möchte gewiss niemandem zur Last fallen oder beim Toillettengang auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen sein. Körperlich beeinträchtigt zu sein und starke oder chronische Schmerzen zu haben, stelle ich mir ebenfalls nicht schön vor. Auch möchte ich keine Sauerstoffflasche solange mit mir herumtragen müssen, bis ich eines Tages trotzdem ersticke. Und das sind nur einige der Themen, um die es in den Gesprächen immer wieder geht.

Die momentane Situation erlaubt es leider nur sehr begrenzt, die gewohnte Zerstreuung oder Ablenkung zu finden, wodurch ich viel Zeit hatte, mich mit meinen Gedanken zu beschäftigen. Innerhalb weniger Wochen hat sich mein Blick auf meine eigene Zukunft so sehr verändert, dass ich nach neuen Möglichkeiten suchen musste, irgendwie damit umzugehen. Besonders deutlich wurde mir das, als ich an einem meiner freien Tage beschloss, die anderthalb stündige Anfahrtszeit nach Eutin auf mich zu nehmen, nur um nach einer Patientin zu schauen, deren Geschichte mich offensichtlich so sehr berührt hat, dass sie mich nicht mehr losließ.

Wie möchte ich künftig damit umgehen? Jene Verdrängungsstrategien und Abwehrmechanismen, die mich bislang davor bewahrten, mich mit derartigen Problemen auseinanderzusetzen, scheinen jedenfalls nicht mehr oder zumindest zurzeit nicht zu funktionieren. Mir ist klar geworden, wie wenig ich mich in der Vergangenheit um meine eigene Zukunft bemüht habe und wie unachtsam ich eigentlich mit meinem Körper umgehe. Kaum jemand weiß, wann und wie das eigene Leben zu Ende geht. Wir können aber natürlich etwas dafür tun, dass es nicht zum Schlimmsten kommen muss.

In den ersten Wochen habe ich fast in jeder Nacht unruhig geschlafen, träumte dabei unglaublichen Mist und dachte tagsüber immer wieder über das nach, worüber ich mit meinen Patienten/-innen gesprochen habe. Gelegentlich schienen meine Gedanken Amok zu laufen und sich mein Blick auf meine eigene Zukunft zu sehr auf das Leidvolle zu verengen. Es war also an der Zeit, etwas zu tun!

Als Psychologe sollte ich ja wissen, was zu machen ist, wenn die eigene Stressampel auf Rot umspringt. Dafür habe ich mir also Zeit genommen und mir zunächst die Frage gestellt, was ich mir für mein weiteres Leben wünsche? So kam ich auf die Idee, mir einen Zielkorridor – im Sinne eines konstruktiven Gegenentwurfs für die besagten Katastrophenszenarien – zu entwickeln. Damit bin ich zwar noch nicht fertig, arbeite aber daran. Hilfreich war es auch, mir meine Ängste genauer anzuschauen, also die vage Horrorvorstellung, ich würde eines Tages schwer erkrankt, verarmt und vollkommen hilflos sein, zu konkretisieren. Woran könnte ich erkranken? Wo wohne bzw. wie lebe ich dann vermutlich? Was würde realistischerweise geschehen, wenn ich „hilflos“ bzw. auf Pflege angewiesen wäre? Im nächsten Schritt habe ich mir die Frage gestellt, wie es mit mir wohl weiterginge, wenn ich an dieser Vorstellung festhielte? Gäbe es auch andere mögliche Zukünfte? Wie viele (in etwa)? Welche genau? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, genau die zu erleben, die mir gerade Angst macht? Kenne ich Menschen, die auch im hohen Alter ein Leben führen, dass ich für erstrebenswert halte? Im Grunde genommen habe ich also einen sokratischen Monolog geführt, der das Ziel hatte, meine irrationalen Überzeugungen aufzuweichen oder sie sogar aufzulösen. Das hat überraschend gut funktioniert. Jetzt fühle ich mich zumindest nicht mehr so aufgewühlt, wie ich es in den vergangenen Tagen getan habe.

Mein Verhalten habe ich schon jetzt ein Stück weit verändert: Da mir u. a. das COPD-Gespenst im Kopf herumgespukte, habe ich meinen Zigarettenkonsum deutlich reduziert und achte nun noch mehr darauf, wie ich mich ernähre. Ob das alles von Dauer ist, wird sich natürlich erst zeigen. Zudem habe ich das Gespräch mit einem erfahrenen Kollegen gesucht, also eine Art Supervision in Anspruch genommen.

Seinen Ängsten ist man nicht hilflos ausgeliefert. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, aber äußerst wohltuend! Das Handtuch werfen wollte ich nämlich nicht. Ich fände es schade, wenn ich meine Entscheidung, mich mit den Problemstellungen des höheren Alters zu beschäftigen, eines Tages bereuen würde. Denn auf eine seltsame Art und Weise bereitet mir die Arbeit mit den hochbetagten Menschen sogar Freude. An die Schwere der Themen muss ich mich zwar wohl erst noch gewöhnen, ich denke aber, dass mir das gelingen wird. Inzwischen schlafe ich jedenfalls wieder wesentlich besser.

Mein Fazit? Achten Sie gut auf sich!

PS: Sollten Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie bitte mit jemandem darüber! Sie können zum Beispiel jederzeit kostenfrei bei der TelefonSeelsorge anrufen (0800/1110111 oder 0800/1110222). Die Inhalte der Gespräche werden selbstverständlich vertraulich behandelt.

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Im Angesicht der Krise

Wie sollte man sich verhalten, wenn Klienten am Ende eines Gesprächs in einem emotionalen Ausnahmezustand sind, starke Belastungsreaktionen zeigen oder sogar Suizidgedanken äußern? Da mir diese Frage in Seminaren regelmäßig gestellt wird, möchte ich im Folgenden einmal in aller Kürze versuchen, sie zu beantworten:

“Schmerz und Freude liegt in einer Schale; ihre Mischung ist der Menschen Los.”  Johann Gottfried Seume

Zunächst einmal etwas ganz Grundsätzliches: Im Rahmen einer Therapie oder eines Coachings beschäftigen sich Menschen in einer intensiven Weise mit ihrem eigenen Erleben und Verhalten, wobei es mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Steigerung ihrer Selbstaufmerksamkeit kommt. Die Theorie der objektiven Aufmerksamkeit besagt, dass sich die Aufmerksamkeit eines Individuums auf externe Ereignisse oder auf die eigene Person richten kann. Im Zustand der objektiven Selbstaufmerksamkeit achtet das Individuum auf eigenes Verhalten sowie auf eigene Stimmungen und entsprechende Standards. Die wahrgenommene Diskrepanz führt zu dem Bedürfnis, diese zu reduzieren („Diskrepanzreduktion“). Das kann zu Verhaltensänderungen motivieren oder eine Defensivreaktion (Leugnen etc.) auslösen. Bestehende oder vermeintliche Ist-Soll-Diskrepanzen werden dabei verstärkt erlebt, aktuelle Emotionen intensiviert und die eigenen Normen für das Handeln wirken eventuell stärker. Auch das trägt dazu bei, dass es im Verlauf eines Coachings oder eines therapeutischen Prozesses immer mal wieder zu einer temporären Verschlechterung der Befindlichkeit kommen kann. Hinzu kommt, dass (nicht nur) im Rahmen einer Therapie zwischen sogenannten Verstehens- und Bewältigungspunkten unterschieden wird, wie die Abbildung (siehe unten) aufzeigt. Es ist demzufolge also durchaus möglich, dass sich Klienten am Ende eines Gesprächs in einer akuten Krise befinden.

Abbildung: Prof. Dr. Dirk Zimmer, Universität Tübingen: Gesprächsführung in der Verhaltenstherapie (Vorlesung)

Tipps zur Gesprächsführung

Was kann man also tun, um die Risiken für Klienten möglichst kleinzuhalten, wenn es um besonders problematische bzw. hoch emotionale Themen geht?

  • Im Rahmen einer Therapie oder eines Coachings ist es meist unerlässlich, „negative“ Gefühle sowie problembehaftete Facetten des individuellen Erlebens und Verhaltens zu explorieren. Davor sollte man sich keineswegs scheuen. Ein reflexartiges Ausweichen kann – ebenso wie eine unbeholfene Herangehensweise – u. a. dazu führen, dass dysfunktionale Abwehr- bzw. Vermeidungsstrategien der Klienten verstärkt werden, was eine Problemlösung eventuell erschwert oder schlimmstenfalls sogar verhindert. Eigene Ängste, die in einem solchen Zusammenhang spürbar werden, sollten also unbedingt hinterfragt und bearbeitet werden, damit sie den therapeutischen Prozess nicht behindern.
  • Fragen zu stellen bedeutet immer, die Aufmerksamkeit eines Gegenübers in eine entsprechende Richtung zu lenken. Auch die Dauer und die Intensität etwaiger Emotionen lassen sich dadurch beeinflussen.
  • Da die zur Verfügung stehende Gesprächszeit meist sehr begrenzt ist, sollte man darauf achten, das (vermeintlich) Schlimmste möglichst früh in einer Sitzung zu besprechen. Dann wäre anschließend nämlich noch hinreichend Zeit, die im Falle eines Falles zur Stabilisierung genutzt werden kann. D. h. im Umkehrschluss, dass man in heikle oder hoch emotionale Themen nicht erst gegen Ende einer Sitzung einsteigen sollte. Nutzen Sie dafür ggf. besser den nächsten Termin.

“Säge nicht den Ast ab, auf dem der Klient sitzt, bevor Du ihm geholfen hast, eine Leiter zu bauen!” Frederick Kanfer

Manfred Evertz / www.manfred-evertz-art.com

Wie beendet man eine Krisensitzung möglichst behutsam?

Auch wenn man die oben erwähnten Ratschläge gewissenhaft befolgt, kann es geschehen, dass Klienten am Ende eines Gesprächs sichtbar niedergeschlagen, todtraurig und ohne Hoffnung oder extrem aufgewühlt sind. Das Sprechen über problematische Themen kann sehr belastend sein, im schlimmsten Fall sogar eine Retraumatisierung zur Folge haben. Manchmal suchen Klienten das Gespräch, weil sie sich bereits in einer Krise befinden. Was kann man dann tun? Hier sind einige Anregungen, die – wie ich finde – ganz nützlich sind:

  • Zunächst einmal sollte man m. E. Mitgefühl haben und es auch zum Ausdruck bringen! Dabei halte ich es allerdings für wichtig, zugleich – in angemessener Weise – Zuversicht auszustrahlen, und nicht im Mitleid zu versinken.
  • Sprechen Sie Ihre Anerkennung für das in diesem Gespräch Erreichte aus. Loben Sie Ihre Klienten dafür, heute einen ganz wichtigen Schritt gemacht zu haben!
  • Hilfreich können auch sogenante Distanzierungstechniken sein. Ein Beispiel dafür ist die Tresor Technik: „Stellen Sie sich bitte einen Tresor vor, in dem wir all die wichtigen Themen ablegen und sicher aufbewahren, über die wir heute gesprochen haben. Die Inhalte werden wir am kommenden Termin dort herausholen, so dass nichts verloren geht. So brauchen Sie sich bis zu unserem nächsten Gespräch nicht weiter damit zu belasten, sondern können dann wieder gemeinsam mit mir daran arbeiten.“. Fertigen Sie ggf. eine Liste mit den wesentlichen Themen an und holen Sie diese in der folgenden Sitzung wieder hervor.
  • Sinnvoll ist es auch, die Aufmerksamkeit der Klienten auf jene Fortschritte zu richten, die die Therapie bereits macht, also auf das schon Erreichte, das Positive des heutigen Ereignisses sowie auf individuelle Ressourcen, die dazu beigetragen haben, dass es bis jetzt irgendwie gelungen ist, mit den Geschehnissen umgzugehen. Das hat den Zweck, die Aufmerksamkeit vom Schmerzvollen wegzulenken (“Umfokussierung”).
  • Ggf. kann man eine Entspannungstechnik zur Beruhigung einsetzen. Hier finden Sie einige Links zu angeleiteten Entspannungsübungen, die die Techniker Krankenkasse auf ihrer Webseite zum kostenlosen Dowload im mp3-Format anbietet.
  • Erarbeiten Sie gemeinsam mit Ihren Klienten einen Notfall-Plan: „Was werden Sie tun, wenn es Ihnen im Laufe der nächsten Zeit schlechter geht? Wer oder was kann Ihnen dann helfen? Wie kommen Sie über die nächste Woche?“
  • Treffen Sie verbindliche Vereinbarungen (vgl. Suizid-Vertrag)! Diese können Sie schriftlich festhalten und Ihren Klienten mitgeben, damit sie im Falle eines Falles nicht in Vergessenheit geraten.
  • Lassen Sie Ihre Klienten nicht gehen, solange Sie sich unsicher sind, ob Sie das verantworten können. Sprechen Sie mit ihnen darüber, was sie nach der Sitzung tun werden bzw. zu wem sie gehen. Organisieren Sie ggf. ein Treffen.
  • Zum Abschlus eines solchen Gesprächs ist es ratsam, einen weiteren Termin abzustimmen und die getroffenen Vereinbarungen in einer klaren und möglichst einfachen Sprache zu wiederholen. Ich bitte meine Klienten dann nochmals um Zustimmung, um die Verbindlichkeit der Abmachung zu unterstreichen: “Sind Sie damit einverstanden?”
  • Bieten Sie ggf. einen Notfall-Termin an, der auch kurzfristig vereinbart werden kann.

“Haben Sie schon mal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?”

Unter Suizidalität versteht man sämtliche Gedanken und Handlungen, bei denen es darum geht, den eigenen Tod anzustreben bzw. diesen als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf zu nehmen. Dazu gehören suizidale Gedanken, Suizidideen und -absichten, Suizidankündigungen, Suizidversuche und Suizide.

Zum diesem Thema gibt es zahlreiche Informationen im Internet. Kennen Sie zum Beispiel den Unterschied zwischen einem “erweiterten” und einem “gemeinsamen” Suizid? Was ist ein “harter” und was ist ein “weicher” Suizid? Welche Risikofaktoren und Frühwarnzeichen gibt es? Sollte man Menschen darauf ansprechen und nach Suizidgedanken oder -absichten fragen? Falls ja, wie sollte man das tun?

“Über 100.000 Menschen versuchen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben zu nehmen. Was für Anzeichen gibt es und wie geht man mit latenter und akuter Suizidgefahr um?” In diesem Online-Seminar aus dem Jahr 2012 finden Sie die wesentlichen Informationen, die für die Heilpraktiker-Prüfung benötigt werden.

Ein paar Tipps möchte ich noch ergänzen:

  • Sprechen Sie über Suizidgedanken! Wie genau äußern sie sich? Wie häufig treten sie auf? Wie lange schon? Wie stark? Erstmalig? Falls nein, wie haben sie sich zeitlich entwickelt? Werden mir Suizidgedanken anvertraut, versuche ich währenddessen beiläufig herauszufinden, was denjenigen oder diejenige dazu bewogen hat, mir diese anzuvertrauen? GIbt es einen Appell? Wie lautet er? Nach einer genaueren Betrachtung der Gedanken, thematisiere ich das manchmal.
  • Jene Verantwortung, die ich für mich selbst übernehme und als Psychologe für meine Klienten habe, bringe ich dann zur Sprache, wenn mir von konkreten Suizidabsichten berichtet wird: „Sie wissen schon, dass ich Sie jetzt nicht einfach so gehen lassen darf. Sie bringen mich in eine schwierige Situation. Als Mitwisser oder Eingeweihter trägt man gewissermaßen auch einen Teil der Verantwortung.”. Damit habe ich bislang jedenfalls gute Erfahrungen gemacht.
  • Als ich mit meinem damaligen Therapeuten über das Thema sprach, gab er mir den Tipp, in etwa Folgendes zu sagen, wenn es sich stimmig anfühlt: “Es täte mir wirklich sehr leid und es würde mich traurig machen, wenn ich erfahren müsste, dass Sie sich das Leben genommen hätten.”
  • Schließen Sie einen Suizid-Vertrag ab und/oder entwickeln Sie gemeinsam mit Ihren Klienten einen Krisenplan.
  • Im Notfall: Sorgen Sie für eine anschließende Betreuung. Die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik (aufgrund einer akuten Selbstgefährdung) kann allerdings einen irreparablen Vertrauensverlust zur Folge haben! Deshalb sollte man meiner Ansicht nach vorab den Versuch unternehmen, die Situation zu deeskalieren und eine andere Möglichkeit zu finden (z. B. Familie, Freunde etc.).
  • Lassen Sie Klienten nicht einfach gehen, wenn ernsthafte (akute) Suizidgedanken geäußert werden. Setzen Sie das Gespräch dann solange fort, bis eine emotionale Beruhigung spürbar wird und ein Notfallplan erstellt ist!

Weiterführende Informationen zum Thema “Suizidalität”

Besonders gefährdet, einen Suizid zu begehen, sind Menschen, die an einer Depression leiden. Ca. 50% der Betroffenen waren daran erkrankt. Weitere Gefährdungsrisiken bestehen bei Alkoholismus und/oder Drogenabhängigkeit (ca. 20%), Schizophrenie (ca. 10%), vergangenen Suizid-Vorkommen in der Familie, früheren Suizidversuchen, in biologischen Krisenzeiten (Pubertät, Schwangerschaft, Wochenbett, Wechseljahre), bei zerrütteten Familienverhältnissen, Identitätsverlust und Migration, Einsamkeit bzw. Isolation, beim Fehlen religiöser Bindungen, nach critical life events, bei Schuld- und Insuffizienzgefühlen,andauernden Schlafstörungen, unheilbaren Krankheiten oder chronischen Schmerzen.

Antidepressiva können Suizidgedanken hervorrufen | Visite | NDR

“Antidepressiva werden verschrieben, um schwer depressive Menschen von negativen Gedanken abzukoppeln. In Ausnahmefällen rufen die Medikamente aber Suizidgedanken hervor.” In dieser Dokumentation geht es vor allem um die Nebenwirkungen der sogenannten SSRI-Antidepressiva. Eines der Symptome, das als Warnsignal gedeutet werden kann, ist die Akathisie (quälende Unruhe).

Die beiden folgenden Modelle sind nützliche Heuristiken, die dabei helfen können, das Suizidrisiko von Menschen besser einzuschätzen:

Stadien der Suizidalität nach Erwin Ringel (1969)

  • 1. Präsuizidales Syndrom
    • Einengung (Suizid als letzter Ausweg)
    • sozialer Rückzug und Vorbereitung der suizidalen Handlung
    • Aggressionsumkehr (Wut, Autoaggression)
    • Suizid- und Todesfantasien
    • Anhedonie
    • depressiver Affekt (Antriebsminderung, Affektverflachung)
  • 2. Vorbereitungsstadium

Phasen der Suizidalität nach Walter Pöldinger (1968)

  • Erwägungsphase (Suizidgedanken)
  • Ambivalenzphase (Merkmale: Andeutungen und Appelle)
  • Entschlussphase & Ruhephase (Merkmale: verdächtig aufgeräumt, gelöst)

Wen sollte bzw. muss man im Notfall (d. h. bei akuter Selbstgefährdung von Klienten) kontaktieren?

  • Sozialpsychiatrischer Dienst
  • 112 (Notruf)
  • 110 (Polizei, nur in Bayern, laut Unterbringungsgesetz)

Bei einem Verdacht auf Suizidalität wird empfohlen, ein Gespräch mit einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie zu führen, um sich ggf. abzusichern und das weitere Vorgehen abzustimmen.

Das Leben nach einem Suizidversuch | SRF DOK

Jeden Tag versuchen in der Schweiz rund 50 Menschen, ihr Leben selbst zu beenden – und überleben. Im berührenden «DOK»-Film «Das Ende war der Anfang» erzählen Menschen, wie es dazu kam, dass sie ihrem Leben selbst ein Ende setzen wollten. Und wie sie den Weg zurück ins Leben und in die Gesellschaft wieder gefunden haben. Weil es einen Anfang gibt nach dem Ende.

Im Notfall können sich Betroffene, Angehörige oder Ratsuchende in Deutschand kostenfrei und rund um die Uhr an die TelefonSeelsorge wenden: 0800 / 111 0 111 oder 111 0 222.

Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention hat es sich zur Aufgabe gemacht, die praktische und wissenschaftliche Arbeit zu fördern, um Suizidalität zu verstehen, Konzepte adäquater Hilfen zu erarbeiten und Suizide zu verhindern. Auf der Webseite der DGS finden Sie verschiedene Broschüren im pdf-Format:

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Hermann Hesse, das mir persönlich sehr gut gefällt und vielleicht etwas Zuversicht vermittelt: “Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.”

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Die Unlust am Leben

“Plötzlich kam wie eine verspätete, flüchtige Welle ein Anflug der vorigen Lustigkeit zurück; er schnitt eine Grimasse und sang vor sich hin: O du lieber Augustin, Augustin, Augustin, O du lieber Augustin, alles ist hin. Und kaum hatte er ausgesungen, so tat ihm etwas im Innersten weh und stürmte eine trübe Flut von unklaren Vorstellungen und Erinnerungen, von Scham und Selbstvorwürfen auf ihn ein. Er stöhnte laut und sank schluchzend ins Gras.“ (Zitat aus „Unterm Rad“ von Hermann Hesse)

Manfred Evertz

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation suizidieren sich pro Jahr weltweit ca. 1 Million Menschen. Die Anzahl der intendierten aber scheiternden Selbsttötungen beläuft sich auf das Zehn- bis Zwanzigfache. Wegen der hohen Dunkelziffer sind auch für einzelne Länder keine genauen Angaben möglich. In Deutschland sind die statistisch erfassten Suizide seit ca. 1980 stark rückläufig, entsprechende Fälle allerdings regelmäßig in den Schlagzeilen. So wurde z. B. Adolph Merckle (Gründer der Phoenix Pharmahandel AG) am 5. Januar 2009 von einem Zug erfasst. In einem Abschiedsbrief verkündete er, dass er durch die aufgrund einer Finanzkrise entstandene Unsicherheit und die dabei empfundene Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, gebrochen wurde. Auch der berühmte Torwart der Fußball-Nationalmannschaft Robert Enke beging einen sogenannten Schienensuizid, nachdem er über sechs Jahre lang an einer schweren Depression litt, wegen der er bereits mehrfach in psychotherapeutischer Behandlung war.

Gibt es EIN Erklärungsmodell?

Suizidgedanken sind eine nicht untypische Begleiterscheinung vieler psychischer Erkrankungen und können unter anderem durch intensive Gefühle der Hoffnungslosigkeit bzw. der Verzweiflung, der Schuld oder der Scham ausgelöst werden. Aber auch besondere Krisensituationen, bedingt durch äußere Faktoren, können Menschen zu einer Selbsttötung veranlassen. Obwohl die individuellen Gründe sicher sehr unterschiedlich sind, sei hier nun der Versuch unternommen, sich einem Verständnis des Phänomens unter Heranziehung des bereits in der Psychoanalyse Sigmund Freuds benannten Todestriebs „Thanatos“ anzunähern und dabei einen möglichen Mechanismus aufzuzeigen, der als Ursache für den starken Widerwillen einiger Menschen gegen das Leben in Erwägung gezogen werden kann.

Der Todestrieb der Seele

Elisabeth Naomi Reuter

Thanatos ist als Erklärungsmodell für eine dunkle Facette der menschlichen Seele durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds bekannt geworden und wird als dialektischer Gegensatz zum Lebenstrieb (Eros) betrachtet. Namensgeber ist der Totengott der griechischen Mythologie. Er strebt nach einer Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand des Unbelebten, der Starre bzw. des Todes und kann u. a. in der Gestalt eines Wiederholungszwangs (Zwangsneurose) in Erscheinung treten. Obwohl Sigmund Freud seine Überlegungen selbstkritisch als weitausholende Spekulationen bezeichnete, obliegt ihnen eine gewisse Plausibilität, die sich in dem schrecklichen Schicksal des Menschen ausdrückt, im endlosen Wiederholungskreislauf eines von Schuld und Schmerz gekennzeichneten Umherwandelns gefangen zu sein. Nach dem Verständnis des slowenischen Philosophen und Psychoanalytikers Slavoj Žižek wirkt Thanatos nicht einfach durch den Wunsch nach Erstarrung und Selbstvernichtung. Ihm zufolge sind Menschen nicht einfach nur lebendig, sondern besessen „von dem seltsamen Trieb, das Leben exzessiv zu genießen“. Um die in ihm liegende Todessehnsucht zu betäuben, kann Thanatos vermutlich eine Neigung zu Ausschweifungen hervorrufen, die „den normalen Gang der Dinge zum Scheitern bringt“ und den Menschen vor scheinbar unauflösbare Probleme stellt…

Eingeführt in die psychoanalytische Theorie wurde der Begriff allerdings nicht von Sigmund Freud, sondern von Ernst Federn (1914-2007). Der Sohn eines jüdischen Psychoanalytikers widmete sich Zeit seines Lebens der psychologischen Analyse des Lebens in Konzentrationslagern sowie der psychoanalytischen Pädagogik und Sozialarbeit in Gefängnissen. Er überlebte die Unterbringungen in Dachau (vier Monate) und Buchenwald (sieben Jahre), wo er zum „Psychoanalytiker des Lagers“ wurde, in dem die Menschen jemanden fanden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen konnten. Es ist wohl nicht verwunderlich, dass der griechische Gott des Todes in einem solchen Umfeld eine Art Renaissance erlebte…

Gefangen im Leben

Berichten Menschen darüber, dass sie von Suizidgedanken geplagt werden, sollte man das stets sehr ernst nehmen. Bemühungen, diese aufkommenden Absichten zu relativieren („Ich weiß, dass man sich nicht selbst töten darf.“), wirken oftmals hilflos und verzweifelt. Unter einem immensen Leidensdruck stehend, erscheinen der Glaube an einen übergeordneten Sinn und das von vielen Religionen diktierte Verbot, sich das Leben zu nehmen, in manchen Fällen als die einzigen noch zur Verfügung stehenden „Rettungsanker“. Wie lange jedoch reicht ihre Kraft, der Verlockung zu widerstehen, sich aus einem nur noch als leidvoll und hoffnungslos erlebten Dasein zu befreien?

Unter der Perspektive, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen aus verschiedenen bedürfnis- oder triebgeleiteten Anteilen zusammensetzt, kann Thanatos als eine „graue Eminenz“ (vgl. Die grauen Eminenzen der Persönlichkeit) betrachtet werden, die meist im Verborgenen wirkt und von dort aus ihre Fäden zieht. Ausgelöst durch ein sogenanntes activating event (z. B. eine finanzielle oder gesundheitliche Krise) kann er aber plötzlich ins Rampenlicht treten und dazu raten, dem Leben ein Ende zu bereiten. Etliche Argumente, mittels belastender Grübelschleifen in ständiger Wiederholung hervorgebracht, erwecken dann leicht den Anschein, als wäre ein Selbstmord der einzige Ausweg und eine überaus plausible Lösung. Es kommt dann zu dem berühmten „Tunnelblick“. Der dafür verantwortliche Persönlichkeitsanteil, der auch als „der Verweigerer“ bezeichnet werden könnte, entwickelt sich bei einigen Menschen vermutlich aus dem frühkindlichen Gefühl der Unlust und ist gekennzeichnet von einem fundamentalen Widerwillen bzw. dem Wunsch, sich jedem bzw. dem gegebenen Kontext zu entziehen – am liebsten für immer. Dieser scheint in der Regel nicht kompromiss- oder gesprächsbereit zu sein und sich vor sich selbst, vor dem Leben und vor allem, was damit zusammenhängt, zu ekeln.

Lust vs. Unlust = Eros vs. Thanatos?

Man versetze sich einmal in die Lage eines ungeborenen Kindes und stelle sich vor, man befände sich plötzlich an einem fremden Ort und wird sich seiner selbst das erste Mal bewusst. Vielleicht weiß man, dass man irgendwoher kommt, kann sich aber nicht mehr daran erinnern, wie es dort war. Man stelle sich jetzt weiterhin vor, man würde spüren, dass man an diesem fremden Ort unerwünscht ist bzw. als störend empfunden wird, es also besser wäre, es würde einen selbst nicht geben… Für ein Embryo ist Innen und Außen nicht differenzierbar. Alles ist eine Einheit, es ist absolut verbunden mit dem, was es umgibt. Also wird jedes erspürte Gefühl zum Teil des Selbsts. Vielleicht lässt sich die Internalisierung des Todestriebs bzw. die Entstehung des Verweigerers unter anderem auf diese Weise erklären? Dass nicht nur die Erlebnisse nach der Geburt, sondern bereits die Erfahrungen im Mutterleib die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen können, wurde übrigens inzwischen in diversen Untersuchungen nachgewiesen. Aus einer Studie der Havard University in Cambridge, die im Jahr 2013 veröffentlicht wurde, ging zum Beispiel hervor, dass Mütter, die während ihrer Kindheit misshandelt oder missbraucht wurden, dreimal so häufig autistische Kinder bekommen, wie jene einer Vergleichsgruppe. Erkenntnisse aus dem Bereich der Hirnforschung lassen zudem den Schluss zu, dass bereits die Erfahrungen, die ein Embryo im Mutterleib macht, einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des emotionalen Gedächtnisses und somit auch auf die Selbstwahrnehmung eines Menschen und auf seine grundlegende Haltung zum Leben haben. Ablehnende Gefühle der Mutter ihrem ungeborenen Kind gegenüber könnten demnach eine mögliche Erklärung für die Entstehung eines solch ausgeprägten Todestriebs sein.

Die Inszenierung eines Lebensdramas

Manfred Evertz

Vermittelt die Rückschau auf das Leben eines von Suizidgedanken geplagten Menschen ein Bild, das gekennzeichnet ist von Exzessen (z. B. durch Substanzmissbrauch oder anderen Ausschweifungen) sowie Dramen auf der Beziehungsebene (z. B. zerrüttenden Konflikten in der Herkunftsfamilie und tragisch gescheiterten Liebesbeziehungen), und wurden vielleicht schon vergebliche Versuche unternommen, die dahinterliegenden Muster therapeutisch aufzulösen, kann das Modell des Inneren Teams als Erklärungsmodell Erleichterung bewirken. Ihm folgend, scheint manchmal eine ganze „Abteilung“ (der „innere Geheimdienst“) in der Persönlichkeitsstruktur eines Betroffenen dafür zuständig zu sein, den oben beschriebenen Verweigerer im Alltag in Schach zu halten. Dysfunktional regulierende Persönlichkeitsanteile, die dem Modell nach z. B. als „Feuerlöscher“, „Betäuber“, „Aufschieber“ oder „Theatraliker“ bezeichnet werden können, entwickelten sich, um seinen Einfluss zu verringern und das eigene Leben irgendwie weiterzuführen. Sie scheinen die implizite Genehmigung zu haben, sich über sämtliche Regeln (also auch über die Vernunft) hinwegsetzen zu dürfen. Den Befehlen „Du musst weiterleben und dankbar dafür sein!“ folgend, könnte – sozusagen als Gegenspieler des Verweigerers – „der Pflichterfüller“ aktiv werden, der mit Bestimmtheit die Bewusstheit bewirkt, dass das Leben einen Wert habe, der nicht in Frage gestellt werden dürfe. Seine Instruktion, alles dafür zu tun, das Leben (weiter) zu führen, kann dann als eine Art „Überlebenstrieb“ aufgefasst werden. Um bei sich bemerkbar machendem Aufkommen der lebensverneinenden Unlust intensive Emotionen hervorzurufen, bedient er sich zwar oftmals eines selbstschädigenden Hedonismus, doch tut er dies nur aus der Not heraus. Ihm scheint es dabei nicht um den Genuss zu gehen, sondern um die bloße Ermöglichung des Verharrens in einem als qualvoll empfundenen Sein.

Vielleicht lassen sich die spürbar große Scham und die mit ihren „Verfehlungen“ einhergehende (vermeintliche) „Schuld“ der Betroffenen mit diesem Modell in ein Licht rücken, das es ihnen erleichtert, milder über sich selbst zu urteilen und dem Leben eine Chance zu geben?

Der Verweigerer kann als einer der gefährlichsten Widersacher des Inneren Teams betrachtet werden. Meldet er sich zu Wort und dominiert das Geschehen, ist höchste Vorsicht geboten. Eine Auseinandersetzung mit ihm sollte unbedingt im therapeutischen Rahmen erfolgen. Hilfreich dabei kann die Vorgehensweise sein, die Tom Diesbrock in seinem Buch „Hermann!“ für den Umgang mit dem inneren Kritiker vorschlägt. Hierbei sollte man sich zunächst einmal (z. B. mittels eines Tagebuchs) bewusst machen, wann bzw. in welchen Situationen sich der Verweigerer wie zu Wort meldet und welche Gefühle er dabei auslöst. In einem zweiten Schritt könnte man ihn mittels einer Zeichnung, eines Fotos oder einer Puppe etc. visualisieren, um sich dieses inneren Anteils bewusster zu werden bzw. um ihn „greifbar“ zu machen. Ebenso wie der Kritiker hat auch der Verweigerer (zumindest bei der hier vorgeschlagenen Betrachtungsweise) seinen Ursprung in der (frühen) Kindheit. Sich darüber klar zu werden und das Kindliche in diesem Bedürfnis bzw. Widerwillen zu erkennen, kann dabei helfen, einen Weg zu finden, mit ihm umzugehen bzw. ihn leichter zu ertragen. Ihn zu unterdrücken, macht wenig Sinn, da diese Versuche – wie oben geschildert – weitreichende Konsequenzen haben können. Der ewige „Nein-Sager“ scheint nichts anderes zu wollen, als jene Verbundenheit zu spüren, die ihm schon damals verwehrt geblieben ist. Auch er möchte doch nur angenommen werden und sich im Leben erwünscht fühlen dürfen. Wird es ihm zu kalt oder zu dunkel und findet sich kein Trost, äußert er seinen Unmut so unbeholfen wie ein hilfloses, trotziges Kind, das sich nach menschlicher Wärme sehnt und nicht versteht, warum sie (schon wieder) nicht zu spüren ist!

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Literatur:

  • Andrea L. Roberts, PhD; Kristen Lyall, ScD; Janet W. Rich-Edwards, ScD; Alberto Ascherio, Dr. PH; Marc G. Weisskopf, PhD, ScD. Association of Maternal Exposure to Childhood Abuse With Elevated Risk for Autism in Offspring. In: JAMA Psychiatry. 2013;70(5):508-515
  • Hermann Hesse (1972). Unterm Rad. Suhrkamp Taschenbuch Verlag.
  • Slavoj Žižek (2006). Parallaxe. Suhrkamp.
  • Sigmund Freud (1920). Jenseits des Lustprinzips. In: Studienausgabe, Band III: Psychologie des Unbewußten. Fischer (1975).
  • Tom Diesbrock (2011). Hermann! Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker. Patmos Verlag.
  • Tomas Plänkers & Ernst Federn (1994): Vertreibung und Rückkehr. Interviews zur Geschichte Ernst Federns und der Psychoanalyse. Diskord.
  • World Health Organization (1999). Figures and facts about suicide. WHO, Geneva.