Das Ende vom Lied

Nicht jede Lebensgeschichte hat ein schönes Ende.

Im Februar 2021 habe ich eine Tätigkeit als Palliativpsychologe in einem Krankenhaus (Geriatrie) aufgenommen. Darüber habe ich vor Kurzem in dem Artikel Auf neuem Terrain berichtet. Seither wurde ich mehrfach gefragt, ob es gut für meine Psyche sei, mich mit dem Leid älterer, zum Teil schwer erkrankter Menschen zu befassen? Warum ich mir das überhaupt antue? Okay, die Probleme, über die man mit ihnen spricht, sind schon recht „speziell“ und in gewisser Hinsicht gravierender als jene, um die es in anderen Beratungskontexten geht. Aber was sollte ich dazu sagen? Ich habe mich jedenfalls nicht davon abhalten lassen, mich in einem solchen Arbeitsfeld zu betätigen.

Als ich im Dezember angesprochen wurde, ob ich noch Kapazitäten dafür hätte, mich für ca. zehn Stunden in der Woche mit geriatrischen Patienten/-innen zu befassen, ging ich davon aus, dem, was mich erwarten würde, gewachsen zu sein. Obwohl ich mich bereits intensiv mit meiner eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt habe und weiß, was es bedeuten kann, schwer erkrankt zu sein, war ich doch überrascht, wie wenig ich tatsächlich auf das vorbereitet war, was ich dort nun erlebe. So habe ich zum Beispiel noch nie so häufig über Suizidalität reden müssen, wie ich es momentan tue.

Manchmal ist es im Leben wohl leider so, dass man sich wünscht, es wäre (endlich) vorbei. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, als ich das am Ende meiner Pubertät so empfunden habe. Doch der Tunnelblick war nicht von Dauer. Auch bei anderen Menschen nicht. In den vielen Gesprächen mit jenen, die davor standen, sich etwas anzutun, oder es – wie ich damals – versucht haben, wurde mir immer wieder vor Augen geführt, dass der Lebensmut und auch die Freude am Sein bei fast allen eines Tages wieder zurückkehrte und sie sich von diesen destruktiven Gedanken befreien konnten. Diejenigen, die bei der Umsetzung ihrer Absicht erfolgreich waren, haben sich dieser Erfahrung entzogen und oftmals leidvolle Spuren hinterlassen. Gewiss gibt es besondere Umstände, in denen es m. E. durchaus verständlich ist, sich für ein selbstbestimmtes Sterben zu entscheiden. Welche genau das aber sind, ist eine Frage, die ich kaum beantworten kann und deshalb hier auch nicht thematisieren möchte. Für mich ist zunächst einmal jedes Leben wertvoll.

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Was es mit mir macht, wenn ich so häufig über Suizidgedanken und die ihnen zugrundeliegenden Motive oder Sorgen spreche, kann ich kaum in Worte fassen. Natürlich passiert es gelegentlich, dass ich dabei mit meinen eigenen Ängsten in Kontakt komme. Auch ich möchte gewiss niemandem zur Last fallen oder beim Toillettengang auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen sein. Körperlich beeinträchtigt zu sein und starke oder chronische Schmerzen zu haben, stelle ich mir ebenfalls nicht schön vor. Auch möchte ich keine Sauerstoffflasche solange mit mir herumtragen müssen, bis ich eines Tages trotzdem ersticke. Und das sind nur einige der Themen, um die es in den Gesprächen immer wieder geht.

Die momentane Situation erlaubt es leider nur sehr begrenzt, die gewohnte Zerstreuung oder Ablenkung zu finden, wodurch ich viel Zeit hatte, mich mit meinen Gedanken zu beschäftigen. Innerhalb weniger Wochen hat sich mein Blick auf meine eigene Zukunft so sehr verändert, dass ich nach neuen Möglichkeiten suchen musste, irgendwie damit umzugehen. Besonders deutlich wurde mir das, als ich an einem meiner freien Tage beschloss, die anderthalb stündige Anfahrtszeit nach Eutin auf mich zu nehmen, nur um nach einer Patientin zu schauen, deren Geschichte mich offensichtlich so sehr berührt hat, dass sie mich nicht mehr losließ.

Wie möchte ich künftig damit umgehen? Jene Verdrängungsstrategien und Abwehrmechanismen, die mich bislang davor bewahrten, mich mit derartigen Problemen auseinanderzusetzen, scheinen jedenfalls nicht mehr oder zumindest zurzeit nicht zu funktionieren. Mir ist klar geworden, wie wenig ich mich in der Vergangenheit um meine eigene Zukunft bemüht habe und wie unachtsam ich eigentlich mit meinem Körper umgehe. Kaum jemand weiß, wann und wie das eigene Leben zu Ende geht. Wir können aber natürlich etwas dafür tun, dass es nicht zum Schlimmsten kommen muss.

In den ersten Wochen habe ich fast in jeder Nacht unruhig geschlafen, träumte dabei unglaublichen Mist und dachte tagsüber immer wieder über das nach, worüber ich mit meinen Patienten/-innen gesprochen habe. Gelegentlich schienen meine Gedanken Amok zu laufen und sich mein Blick auf meine eigene Zukunft zu sehr auf das Leidvolle zu verengen. Es war also an der Zeit, etwas zu tun!

Als Psychologe sollte ich ja wissen, was zu machen ist, wenn die eigene Stressampel auf Rot umspringt. Dafür habe ich mir also Zeit genommen und mir zunächst die Frage gestellt, was ich mir für mein weiteres Leben wünsche? So kam ich auf die Idee, mir einen Zielkorridor – im Sinne eines konstruktiven Gegenentwurfs für die besagten Katastrophenszenarien – zu entwickeln. Damit bin ich zwar noch nicht fertig, arbeite aber daran. Hilfreich war es auch, mir meine Ängste genauer anzuschauen, also die vage Horrorvorstellung, ich würde eines Tages schwer erkrankt, verarmt und vollkommen hilflos sein, zu konkretisieren. Woran könnte ich erkranken? Wo wohne bzw. wie lebe ich dann vermutlich? Was würde realistischerweise geschehen, wenn ich „hilflos“ bzw. auf Pflege angewiesen wäre? Im nächsten Schritt habe ich mir die Frage gestellt, wie es mit mir wohl weiterginge, wenn ich an dieser Vorstellung festhielte? Gäbe es auch andere mögliche Zukünfte? Wie viele (in etwa)? Welche genau? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, genau die zu erleben, die mir gerade Angst macht? Kenne ich Menschen, die auch im hohen Alter ein Leben führen, dass ich für erstrebenswert halte? Im Grunde genommen habe ich also einen sokratischen Monolog geführt, der das Ziel hatte, meine irrationalen Überzeugungen aufzuweichen oder sie sogar aufzulösen. Das hat überraschend gut funktioniert. Jetzt fühle ich mich zumindest nicht mehr so aufgewühlt, wie ich es in den vergangenen Tagen getan habe.

Mein Verhalten habe ich schon jetzt ein Stück weit verändert: Da mir u. a. das COPD-Gespenst im Kopf herumgespukte, habe ich meinen Zigarettenkonsum deutlich reduziert und achte nun noch mehr darauf, wie ich mich ernähre. Ob das alles von Dauer ist, wird sich natürlich erst zeigen. Zudem habe ich das Gespräch mit einem erfahrenen Kollegen gesucht, also eine Art Supervision in Anspruch genommen.

Seinen Ängsten ist man nicht hilflos ausgeliefert. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, aber äußerst wohltuend! Das Handtuch werfen wollte ich nämlich nicht. Ich fände es schade, wenn ich meine Entscheidung, mich mit den Problemstellungen des höheren Alters zu beschäftigen, eines Tages bereuen würde. Denn auf eine seltsame Art und Weise bereitet mir die Arbeit mit den hochbetagten Menschen sogar Freude. An die Schwere der Themen muss ich mich zwar wohl erst noch gewöhnen, ich denke aber, dass mir das gelingen wird. Inzwischen schlafe ich jedenfalls wieder wesentlich besser.

Mein Fazit? Achten Sie gut auf sich!

PS: Sollten Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie bitte mit jemandem darüber! Sie können zum Beispiel jederzeit kostenfrei bei der TelefonSeelsorge anrufen (0800/1110111 oder 0800/1110222). Die Inhalte der Gespräche werden selbstverständlich vertraulich behandelt.

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