Eine neue Persönlichkeitstheorie – Interview mit Prof. Dr. Julius Kuhl

Wie „funktioniert“ der Mensch? Begriffe wie Motive, Eigenschaften, Werte, Wünsche, Einstellungen, Ziele, Überzeugungen, Schemata und Bedürfnisse sind Beispiele jener konzeptionellen Einheiten, die in dem Vorhaben, die menschliche Persönlichkeit zu verstehen, vielfach untersucht wurden. In den vergangenen Tagen habe ich mich nun abermals mit der Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) von Prof. Dr. Julius Kuhl beschäftigt, die ich zu den populärsten und stimmigsten ihrer Art zähle.

Im Folgenden finden Sie eine Kurzvita des Forschers, die Darstellung der PSI-Theorie (als pdf-Dokument) sowie das Interview.

Prof. Dr. Julius Kuhl

Prof. Dr. Julius Kuhl, Foto: Dr. Brigitte Ruploh

Kurzvita

Professor Dr. Julius Kuhl (geb. 27.07.1947) vertrat von 1986 bis 2015 den Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeits­forschung an der Universität Osnabrück und war 2008-2016 Leiter der psychologischen Abteilung der Forschungsstelle Begabungsförderung im Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere waren wissenschaftlicher Assistent von Heinz Heckhausen in Bochum (1978-1982), Leiter eines entwicklungspsychologischen Teams am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München (1982-1986) und Forschungsaufenthalte in den USA (1976-78 Michigan, 1984-85 Stanford) und Mexiko (1984, 1986). Seine Forschungsschwerpunkte lagen im Bereich der Selbststeuerung und Affektregulation. Diese Forschung bildete die Grundlage für eine neue Persönlichkeitstheorie, die Fortschritte der Motivations-, Entwicklungs-, Kognitions- und Neuropsychologie integriert (PSI-Theorie). Aufbauend auf dieser Arbeit wurde in den letzten Jahren eine neue Methodik zur Diagnostik persönlicher Kompetenzen entwickelt, die bei Kindern und Erwachsenen eine umfassende Analyse vorhandener und entwicklungsfähiger Potenziale ermittelt (EOS: Entwicklungsorientierte Systemdiagnostik). Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat Prof. Kuhl 2012 den Preis für das wissenschaftliche Lebenswerk verliehen.

Eine sehr schöne Erläuterung der PSI-Theorie finden Sie hier: Eine neue Persönlichkeitstheorie. Bei diesem Text handelt es sich um eine erweiterte Version des 4. Kapitels aus dem Buch „Spirituelle Intelligenz: Glaube zwischen Ich und Selbst“ von Julius Kuhl, das im Herder-Verlag erschienen ist.

1. Obwohl sich Ihre Ausführungen auf wunderbare Weise mit meinem Extensionsgedächtnis abgleichen ließen, ohne auch nur den geringsten Widerspruch hervorzurufen, scheint eines meiner anderen Systeme enorme Schwierigkeiten mit den Begrifflichkeiten zu haben, die Sie verwenden. Lange Zeit erschien mir Ihr Modell jedenfalls irgendwie zu „technisch“. Was sagen Sie zu einem derartigen Vorbehalt? Könnte man Ihr Modell auch mit einer anderen Terminologie versehen?

Dieses Argument habe ich so noch nicht gehört. Im Gegenteil: wir hören immer wieder von Beratern, Coaches und Therapeuten, dass sie die Systeme sehr gut erklären können und Klienten ein rasches Verständnis für die vier Systeme entwickeln. Es versteht sich natürlich von selbst, dass Anwender der PSI-Theorie solche Erklärungen dem Begriffshorizont und der Sprache ihrer Zielgruppe anpassen (hier liegt ja gerade die Expertise der Anwender, die sie befähigt, sich auf ihre jeweilige Zielgruppe und die ganz konkrete Person besser einlassen zu können als das ein allgemeiner Text vermag). So werden die vier Systeme z.B. als „Hirnakrobaten“ bezeichnet (z.B. bei Schülern unter 12) und das Extensionsgedächtnis als der „Innere Ratgeber“, das Intentionsgedächtnis als der „Planer“, die Intuitive Verhaltenssteuerung als „Macher“ und die fehlersensible Objekterkennung als „Fehler-Zoom“ oder „Controller“ (letzteres z.B. bei Führungskräften). Entscheidend ist aber nicht so sehr die Bezeichnung, sondern die Beschreibung der sehr unterschiedlichen Funktionsweise der vier Systeme. Die meisten Leute können auch Fremdwörter umso besser vertragen, je genauer man ihnen erklärt, was damit gemeint ist.

Klienten, Coachees und Patienten betonen immer wieder, dass der Blick auf die Funktionsweise der persönlichkeitsrelevanten Systeme von expliziten oder impliziten Verantwortungs- oder gar Schuldzuschreibungen befreit. Die bislang üblichen Theorien und Begrifflichkeiten haben allzu leicht einen Appellcharakter, der mehr Kontrollierbarkeit des relevanten Verhaltens suggeriert als wirklich gegeben ist, etwa wenn direkt oder indirekt gut gemeinte Empfehlungen gegeben werden wie: „Sie müssen nur an sich glauben; immer positiv denken“ o.ä. Im Alltag wie auch in weiten Teilen der Psychologie wird das Handeln der Menschen bevorzugt auf psychische subjektiv kontrollierbare Inhalte statt auf die Funktionsweise psychischer Systeme zurückgeführt: Beispiele für solche Inhalte sind Überzeugungen, Erwartungen, Absichten und Ziele. Auf den ersten Blick erscheinen solche Inhalte vielen Menschen durchaus kontrollierbar: Was ich glaube, erwarte, will oder anstrebe, das kann ich verändern. Appelle an Verantwortungsübernahme, an positives Denken und an Kontrollüberzeugungen sind prima, solange es um Probleme geht, die von der betreffenden Person in dem jeweiligen Kontext wirklich kontrollierbar sind. Sobald wir aber verstehen, dass die Wirksamkeit von Überzeugungen, Erwartungen, Absichten und Ziele auch von objektiven Fähigkeiten abhängt, z. B. ob man die nötige Motivation selbst generieren kann, um eine Absicht in die Tat umzusetzen oder ob man an das Gedächtnissystem herankommt, in dem realistische Erwartungen gespeichert sind (z.B. das Extensionsgedächtnis), wird rasch deutlich, dass Appelle und Suggestionen hier nicht immer reichen, weil die relevanten objektive Kompetenzen gelernt werden müssen, bevor die jeweiligen Absichten, Erwartungen etc. wirksam werden können.

Um auch solche Fälle, in denen sonst kontrollierbare Leistungen nicht mehr gut kontrollierbar sind, erklären zu können, ergänzt die PSI-Theorie den traditionellen Fokus auf mentale Inhalte durch eine funktionsanalytische Betrachtung. So kann z.B. nicht jede Form von „Aufschieberitis“ (Prokrastination) damit erklärt werden, dass die Betroffenen zu geringe Selbstwirksamkeitserwartungen oder pessimistische Kontrollüberzeugungen haben oder einfach nicht die passenden Ziele oder Handlungsintentionen entwickeln: Wir wissen alle aus unserem Alltag, dass oft noch so gute Überzeugungen und Intentionen nicht garantieren, dass wir unangenehme Vorsätze auch wirklich in die Tat umsetzen. Einem Schüler oder Mitarbeiter, der sich wirklich vornimmt, am Nachmittag eine unangenehme Arbeit zu erledigen, kann es trotzdem passieren, dass er es vergisst oder einer attraktiven Freizeitbeschäftigung nicht widerstehen kann. Ein Beispiel für eine der möglichen funktionsanalytischen Erklärungen für „Aufschieberitis“, die die PSI-Theorie anbietet, ist die Schwierigkeit, das Intentionsgedächtnis (in dem der Vorsatz gespeichert ist) mit der Intuitiven Verhaltenssteuerung (die die Ausführung steuert) zu verknüpfen. Diese Verknüpfung kann aber besonders gut dadurch hergestellt werden, dass man sich selbst Mut macht oder funktionsanalytisch ausgedrückt: dass man die Dämpfung positiven Affekts (die unangenehme Absichten bewusst oder unbewusst mit sich bringen) gegenreguliert, indem man den positiven Affekt erhöht (eine Selbstkompetenz, die wir mit dem Begriff „Selbstmotivierung“ beschreiben). Psychologische Interventionen, die in der Beratung, im Coaching oder in den verschiedenen Therapieschulen eingesetzt werden, setzen nicht selten einseitig auf die Kontrollierbarkeit der erwünschten Verhaltensänderung: Die Person braucht „nur“ die richtigen Überzeugungen oder Ziele haben, sie braucht nur das adaptivere Verhalten wirklich zu wollen, dann ist die Aufschieberitis überwunden, dann kann erfahrenes Leid bewältigt werden und dann können dauerhafte Konsequenzen aus den eigenen Schwächen und Fehlern gezogen werden. Dieser Fokus auf Kontrollierbarkeit des Verhaltens ist gut gemeint: Er soll die Eigenverantwortlichkeit und die Selbstkompetenzen mobilisieren und tut dies auch oft. Dieser Ansatz stößt aber an seine Grenzen, wenn die Grenzen der Kontrollierbarkeit erreicht sind. Die PSI-Theorie bietet mit ihrem Fokus auf objektive Funktionen und Kompetenzen eine Ergänzung für genau diese Grenzfälle, die im Alltag gar nicht so selten auftreten, weil Menschen ja gerade dann psychologische Beratung oder Therapie suchen, wenn sie mit Dingen, die sie eigentlich können sollten, an die Grenzen ihrer Kontrollmöglichkeiten stoßen.

Übrigens: Psychologischen Laien fällt das Verständnis der PSI-Theorie oft leichter als so manchen Psychologen. Ein Grund scheint mir darin zu liegen, dass sich Psychologen über einige Jahrzehnte daran gewöhnt haben, dass das Handeln mit Einfachmodellen „erklärt“ wird, die nicht selten die Erklärungslast auf eine einzige Variable zentrieren (Selbstwirksamkeit, Erfolgserwartung, Zielsetzung o.a.). Das scheint auf den ersten Blick auch gerechtfertigt zu sein, weil man mit jedem dieser Konstrukte Verhalten sehr gut vorhersagen kann. Wer über eine hohe subjektive Selbstwirksamkeit verfügt, ist oft auch effizienter in seinem Handeln als jemand, der seine Selbstwirksamkeit eher niedrig einschätzt. Der Haken bei der Sache ist erst auf den zweiten Blick erkennbar – noch so gute Vorhersagen ersetzen keine Erklärung: Ich kann mit dem Neigungswinkel des Gaspedals die Geschwindigkeit eines Autos sehr gut vorhersagen. Wie wenig das zur Erklärung der Funktionsweise des Fahrzeugs mit allen beteiligten Teilsystemen beiträgt, merke ich spätestens dann, wenn das Auto nicht mehr fährt (dann hilft es überhaupt nicht mehr, den Neigungswinkel des Gaspedals zu verändern). Obwohl Psychologen in ihrer Methodenausbildung sehr früh lernen, dass Korrelationen, die gute Vorhersagen ermöglichen, nichts Verlässliches über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge aussagen, schleicht sich diese Verwechslung von Vorhersage und Erklärung allzu leicht in unser Denken ein, z.B. wenn wir vergessen, dass die hohe Korrelation zwischen der Überzeugung, dass ich gute Leistungen erzielen kann, und den guten Leistungen, die ich dann auch erziele, auch darauf beruhen kann, dass die positiven Selbstwirksamkeitsüberzeugungen gar nicht die Ursache für meine guten Leistungen sein müssen, sondern einfach die Folge meiner guten Leistungen sein können (wer merkt, dass er gute Leistungen erzielt, entwickelt hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugungen). Dann nützt der Appell, man müsse nur an sich glauben oder nur wollen, herzlich wenig, weil der Glaube bzw. das Wollen hier nicht die eigentliche Ursache, sondern womöglich sogar die Folge des Problems ist.

Kurz und gut: Die PSI-Theorie wirbt dafür, sich von den liebgewonnenen Vereinfachungsillusionen zu verabschieden und sich auf ein wenig mehr Komplexität einzulassen. Dazu reicht es zunächst einmal vier Funktionssysteme zu unterscheiden und zu lernen, wie ihre Interaktionen durch zwei motivationale Systeme gesteuert werden (d.h. durch das Belohnungs- und das Bestrafungssystem und die damit verbundenen positiven und negativen Affekte). Allerdings werden wir langfristig nicht umhin kommen, bei einem so komplexen System wie der Persönlichkeit des Menschen die Differenzierung zu erhöhen: Warum soll beim Umgang mit Menschen nicht gelten, was schon bei vergleichsweise einfacheren Systemen wie einem Auto oder einem Stereoverstärker selbstverständlich ist: Die Problembehebung ist umso leichter, je konkreter und spezifischer die Ursache des Problems ermittelt wird, d.h. je differenzierter die Diagnose ist.

2. In Ihrem Text erwähnen Sie 40 Komponenten der Selbststeuerung, von der Sie insbesondere die Bedeutung der „Selbstberuhigung“ betonen. Ein derartiges Modell verführt mich zu der Annahme, dass es möglich sein müsste, die Selbststeuerung zu optimieren, indem man erfasst, inwieweit die einzelnen Fähigkeiten ausgeprägt sind bzw. der eigenen Kontrolle unterliegen, um daraufhin gezielt an ihrer Vervollkommnung zu arbeiten. Würden Sie sagen, dass das möglich sei oder zu wünschen ist? Anders formuliert: Bestrebungen zur Selbstoptimierung scheinen ein Phänomen unserer heutigen Zeit zu sein. Das ist sicher nicht ganz unbedenklich… Deshalb diese Frage.

Was ist eigentlich so bedenklich an dieser Frage? Würde jemand dieselbe Frage stellen, wenn es um Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Fremdsprachen, Bruchrechnen oder Autofahren ginge? Ist es problematisch sich in solchen Fähigkeiten zu optimieren, wenn man das möchte? Wiederum scheint mir das der eigentliche Grund, warum Selbstoptimierung „nicht ganz unbedenklich“ erscheint, darin zu liegen, dass der Ruf nach Selbstoptimierung oft mit dem erwähnten Appellcharakter verbunden wird. Wir sind nicht daran gewöhnt, Fähigkeiten, die mit der Persönlichkeit eines Menschen verbunden sind, wie das Umsetzen von Vorsätzen (Willensstärke statt Prokrastination) oder das Lernen aus leidvollen Erfahrungen (Selbstwachstum statt denselben Fehler immer wieder zu machen) funktionsanalytisch zu betrachten. Sobald wir verstehen, welche Systeme an solchen Leistungen beteiligt sind, und wie sie funktionieren, werden wir weniger Probleme damit haben, die betreffenden Fähigkeiten optimieren zu wollen, vorausgesetzt es zeigt uns jemand, wie das geht.

Appelle an die Selbstoptimierung sind aus funktionsanalytischer Sicht deshalb problematisch, weil sie nur solange helfen, wie die betreffende Leistung willentlich prima steuerbar ist. Wenn das nicht mehr der Fall ist, dann sind Appelle kontraproduktiv, z.B. weil sie immer dann zu Enttäuschungen führen, wenn die durch die Appelle veranlassten Anstrengungen keinen Erfolg haben. Das kann dann sogar in lähmende Schuldgefühle münden. Dieses Problem wird besonders deutlich, wenn man an Leistungen denkt, bei denen die meisten Menschen wissen, dass man sie nicht einfach herbeibefehlen kann: Appelle wie „Freu dich doch, das ist doch ein gut gemeintes Geschenk!“ oder „Sei doch mal spontan!“ sind paradox oder sogar unsinnig. Wenn sich der Angesprochene trotzdem bemüht, sich zu freuen oder spontan zu sein, besteht ein hohes Risiko, dass er scheitert. Noch schwieriger wird es bei Fähigkeiten, die die meisten Menschen prinzipiell zu besitzen scheinen (z.B. etwas ausführen, was man sich vorgenommen hat, oder nicht immer wieder denselben Fehler machen). Dann fällt es vielen Menschen, denen das betreffende Verhalten leicht fällt, schwer einzusehen, dass diese Fähigkeiten bei manchen Menschen dauerhaft oder vorübergehend oder auch nur in bestimmten Situationen so beeinträchtigt sein können, dass sie nicht ohne weiteres steuerbar sind.

3. Einem Persönlichkeitstest, der aus der PSI-Theorie abgeleitet wurde, liegt das so genannte STAR-Modell zugrunde. Interessant sind m. E. vor allem die Parallelen zu der Typologie, die auf den Arbeiten von C. G. Jung beruhen. Da ich mich bislang immer vor der Anwendung jeglicher Instrumente gescheut habe, mit denen man Menschen miteinander zu vergleichen versucht, bin ich nun neugierig geworden… In welchen Kontexten bzw. bei welchen Klienten-Anliegen würden Sie denn am ehesten zu einem Einsatz des STAR-Modells raten? Welche Absicht(en) verfolgen Sie bzw. Ihre Klienten vorrangig, wenn Sie diesen Persönlichkeitstest durchführen? Anders gefragt: Wann macht dieser Test Sinn und wann eher nicht?

Hier geht es ja um Persönlichkeitsstile, wie sie auch in der klassischen Tradition der Persönlichkeitspsychologie mit den Großen Fünf Persönlichkeitsfaktoren erfasst werden (die bekanntesten Faktoren sind Extraversion und Emotionale Sensibilität). Problematisch ist eine solche Persönlichkeitsdiagnostik besonders dann, wenn man sich durch die Testergebnisse dazu verleiten lässt, Menschen in Schubladen zu stecken. Heute werden aber Persönlichkeitsstile nicht mehr typologisch interpretiert (wie z. B. bei C. G. Jung), sondern dimensional, d.h. man unterscheidet viele verschiedene Abstufungen (es wird z.B. das Ausmaß der Extraversion gemessen, ohne dass man Menschen in eine der beiden Schubladen für „extravertiert“ oder „introvertiert“ stecken muss. Wir messen mit dem PSSI (Persönlichkeits-Stil-und-Störungs-Inventar) 14 statt 5 verschiedene Persönlichkeitsstile. Damit können wir noch mehr Differenzierung erreichen als mit den „Großen Fünf“ Dimensionen.

Sie fragen, wann es hilfreich ist, Persönlichkeitsstile zu untersuchen. Das ist z.B. der Fall, wenn man sich in das Denken und Fühlen einer Person hineinversetzen will. Man geht mit einer unsicheren Person anders um als mit einer emotional völlig gelassenen Person, mit einem eigenwilligen Menschen anders als mit einer Person, die sich gern an andere anlehnt. Oder – um ein anderes Beispiel zu nennen: man spricht mit einer analytischen Person anders als mit einer mehr intuitiven Person. Die PSI-Theorie macht allerdings auf eine Begrenzung aufmerksam, die für alle Persönlichkeitsmodelle gilt (typologische wie dimensionale): Es wird immer wieder vergessen, dass Menschen nicht zwangsläufig ihrem vorherrschenden Persönlichkeitsstil ausgeliefert sind. Persönlichkeitsstile beschreiben die typische Erstreaktion einer Person: wie stark sie dazu neigt, in neuen Situation ängstlich, extravertiert, analytisch etc. zu reagieren. Menschen unterscheiden sich aber nicht nur in solchen Erstreaktionen, sondern auch darin, ob sie ihre Erstreaktion bei Bedarf regulieren können, z.B. ob ein ängstlicher Mensch seine Ängstlichkeit herunterregulieren kann, wenn er das für angemessen hält. Diese Zweitreaktion hängt also maßgeblich von Selbststeuerungskompetenzen ab, z.B. davon, wie gut man sich motivieren oder beruhigen kann, wann immer man das für angemessen und sinnvoll hält. Die von Ihnen angesprochene Skepsis gegenüber Persönlichkeitstypologien und Persönlichkeitstests hat aus dieser Sicht immer dann eine besondere Berechtigung, wenn die Zweitreaktion einer Person außer Acht gelassen wird. Die Vernachlässigung der Zweitreaktion kann in der Tat zu einem unangemessenen Schubladendenken führen.

Eines der spannendsten Forschungsergebnisse aus der neueren Persönlichkeitsforschung zeigt, dass selbst sehr bedenklich erscheinende Persönlichkeitsstile wie eine extrem hohe soziale Ängstlichkeit oder die Neigung zu abrupten Gefühlsumschwüngen (ein Kernsymptom der sog. Borderline-Störung) eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung nicht immer behindern müssen, sondern sogar fördern können. Das ist immer dann der Fall, wenn die Zweitreaktion (d.h. die Fähigkeit zur Selbstregulation der Erstreaktion) gut entwickelt ist. Dann wird sozusagen aus der Not eine Tugend: Die hohe Ängstlichkeit kann für Lerngelegenheiten sensibilisieren, die umso besser genutzt werden können, je wirksamer eine Person ihre anfängliche Ängstlichkeit wieder herunterregulieren kann, wenn sie das in der konkreten Situation für angemessen hält. Mit der PSI-Theorie haben wir diesen Effekt vorhergesagt: Ängstlichkeit und andere negative Affekte aktivieren das Objekterkennungssystem, das den Blick auf schmerzhafte oder Angst machende Einzelheiten verengt (was ja z.B. zum Erkennen und einem späterem Wiedererkennen einer Gefahrenquelle ganz nützlich ist). Wenn sich der verengte Blick auf eine Gefahr oder eine leidvolle Erfahrung festsetzt, kann das zu lähmendem Grübeln bis hin zur Depression führen. Wenn man diese sensible Erstreaktion aber gegenregulieren kann (z.B. wenn man sich selbst beruhigen kann), dann macht diese Selbstberuhigung aus der Fokussierung auf eine Gefahrenquelle oder auf eine leidvolle Erfahrung eine Lerngelegenheit, weil mit der Herabregulierung des negativen Affekts der Tunnelblick der Objekterkennung zugunsten des weiten Blicks des sogenannten „Extensionsgedächtnisses“ geöffnet wird. Dadurch kann die Person einzelne Erfahrungen, die durch die sensible Erstreaktion besonders intensiv erlebt und dadurch ernst genommen werden können, Schritt für Schritt in ihr umfassendes Erfahrungsnetzwerk integrieren (d.h. in das Extensionsgedächtnis). Sobald das geschehen ist, hat man aus misslichen Erfahrungen wirklich gelernt: Man macht denselben Fehler nicht so schnell noch einmal. Das hängt mit einem sehr nützlichen Funktionsmerkmal des Extensionsgedächtnisses zusammen: Dieses ausgedehnte Erfahrungsnetzwerk überwacht aus dem Hintergrund des Bewusstseins, also auch ohne bewusste Kontrolle, das eigene Handeln und macht die Person rechtzeitig auf Fehlerrisiken aufmerksam. In der Praxis heißt das: Wenn ich einer Person helfen möchte, aus ihren Erfahrungen wirksamere Lehren für die Zukunft zu ziehen, dann brauche ich nicht ihre Persönlichkeit (z.B. den ängstlichen Stil) zu ändern. Es ist viel sinnvoller, an der Zweitreaktion, in diesem Fall also der Fähigkeit zur Selbstberuhigung zu arbeiten, dann wird buchstäblich aus der Not eine Tugend.

Auch dieser Lernprozess wird in der PSI-Theorie einer Funktionsanalyse unterzogen, so dass man ihn genauer beschreiben kann: Wir wissen alle aus dem Alltag, dass Menschen umso besser lernen sich selbst zu beruhigen oder sich selbst zu motivieren, wenn sie öfter in einer traurigen Stimmung Trost oder guten Rat und mitfühlende Beruhigung von außen erfahren bzw. dann wenn sie entmutigt sind, ab und zu gerade so viel Unterstützung bekommen, dass sie wieder selbst weiterkommen. Psychologen gehen davon aus, dass die zunächst von außen angeregte (Fremd-)Regulation der Gefühle einer Person, mehr und mehr nach innen verlagert wird, bis sie die eigenen Gefühle immer öfter selbst regulieren kann. Die PSI-Theorie führt diesen Prozess auf die Entstehung einer neuen Verbindung zwischen zwei psychischen Systemen (oder Systemebenen) zurück, nämlich des Selbstsystems (das sind die persönlich relevanten Teile des Extensionsgedächtnisses) und des Bestrafungssystems, , wenn es um die Bewältigung einer schmerzhaften Erfahrung geht. Das Bestrafungssystem muss aktiviert oder gehemmt werden, wenn die Entstehung bzw. Dämpfung negativer Affekte erreicht werden soll. Schon diese einfache Funktionsanalyse macht auf eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der erwünschten Verinnerlicherung der erfahrenen Fremdregulation aufmerksam: Wenn jemand lernen soll, negative Affekte „von selbst“ herunter zu regulieren, dann muss das „Selbst“ mit den affektgenerierenden Systemen verknüpft werden.

Wie aber entstehen solche neuen Systemverbindungen? Neue Verbindungen entstehen im Gehirn, wenn die zu verbindenden Prozesse (fast gleichzeitig) aktiviert werden. Die meisten Leute kennen das aus den berühmten Experimenten des russischen Physiologen Iwan Pawlow: Wenn er seinen hungrigen Hunden ein Fleischstück zeigte, reagierten sie automatisch mit einer Speichelsekretion. Wenn er ab und zu kurz vorher oder gleichzeitig mit dem Fleischstück eine Glocke ertönen ließ, trat die Speichelproduktion auch dann auf, wenn nur die Glocke ertönte. Angewandt auf das Erlernen der Verbindung zwischen dem Selbst und den Affektgeneratoren im Gehirn bedeutet das: Das Selbst muss kurz vorher oder gleichzeitig mit der affektiven Erfahrung (im Beispiel also die Beruhigung oder der Trost durch eine Bezugsperson) aktiviert sein, damit die Beruhigung später buchstäblich „von selbst“ (aus dem Selbst) gesteuert werden kann. Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Was muss geschehen, damit das Selbst einer Person aktiviert wird? Auch das wissen wir alle aus dem Alltag: Eine Person öffnet „sich“ (d.h. ihr Selbst), wenn sie sich akzeptiert und verstanden fühlt (dann braucht sie dieses persönliche Erfahrungsgedächtnis, um sich der anderen Person gegenüber „öffnen“ zu können).

Jetzt wird die paradoxe Erfahrung verständlich, dass die Wirkung psychologischer Veränderungen oft recht kurzlebig sind: Warum verfliegt die aktivierende Wirkung mancher Motivationsgurus (vom Chaka-Chaka-Typus) nicht selten nach ein paar Tagen wieder? Wenn ein Lehrer, eine Mutter oder ein Therapeut oder eben auch einen Motivationstrainer einen entmutigten Menschen erfolgreich motiviert oder eine traurige Person wirklich zu trösten vermag, dann kann daraus nur dann eine Selbstkompetenz werden, wenn das Selbst des Kindes bzw. Patienten in der Beziehung zu der Bezugsperson geöffnet war, d.h. wenn das Kind oder der Patient sich angenommen und verstanden fühlt, und damit sein Selbst öffnet. Die affektregulierende Erfahrung kann nur ins Selbst integriert werden, wenn das Selbst in der betreffenden Situation geöffnet (aktiviert) ist. An dieser Stelle bietet die PSI-Theorie also eine Erklärung an für die Jahrtausende alte Menschheitserfahrung, dass die Beziehungsqualität für die Förderung der Selbstentwicklung von ganz besonderer Bedeutung ist.

4. Sie haben ein Buch dem Thema „Spirituelle Intelligenz“ gewidmet. Sie möchten das als einen Versuch verstanden wissen zur „Überwindung der Kluft zwischen Religion und naturwissenschaftlich orientierter Psychologie“… Wie ist das gemeint?

Spirituelle IntelligenzVon „Wissen“ sprechen wir, wenn eine Erkenntnis gesichert ist. Die (Natur-) Wissenschaft versucht, die Kräfte der Natur und des Zusammenlebens nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip zu erklären. Die Religion befasst sich mit Erfahrungen, die sich dem Sicherheits- und Kontrollprinzip und dem Ursache-Wirkungsschema zu entziehen scheinen, z.B. wenn es um den tieferen Sinn des Lebens geht. Religion beruht nach einer Formulierung des Philosophen Hermann Lübbe auf einer „Kultur des Umgangs mit dem Unverfügbaren“. Das wird besonders deutlich, wenn wir es mit Erfahrungen zu tun haben, denen wir mit unserem analytischen (einschließlich dem „wissenschaftlichen“) Verstand nicht so leicht einen persönlichen Sinn abgewinnen können: Krankheit, Tod oder überhaupt die menschliche Existenz oder auch „nur“ das, was einen Menschen im Innersten anrührt, ohne dass die dazugehörige Erfahrung in Worten ausgedrückt werden kann (geschweige denn in wissenschaftlichen Begriffen oder Formeln). Wissenschaft und Religion haben sich in den letzten Jahrhunderten immer mehr voneinander weg bewegt. Im Grunde gibt es aber Berührungs- und Überschneidungspunkte, z.B. wenn man in der Wissenschaft über lange Zeit auf Hypothesen, vielleicht auch auf ganz absurd wirkende Intuitionen angewiesen ist, bevor man irgendwann daraus echtes, durch messbare Fakten belegbares Wissen entwickeln kann. Andererseits ist die Religion natürlich nicht ganz vom Wissen abgetrennt. Das zeigt sich besonders in der Psychologie: Ob man aus einer Krankheit oder dem Tod eines Angehörigen einen subjektiven Sinn ableiten kann, ob eine Partnerschaft gut gelingt, sogar die Frage, ob man die Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz erfahren kann, all dies lässt sich z.T. auch auf Prozesse und erlernbare Kompetenzen zurückführen, die in der Psychologie und ihren Nachbarwissenschaften mit naturwissenschaftlichen Mitteln (einschließlich verschiedener hirnbiologischer Methoden) untersucht wird.

„Seele“ von Manfred Evertz

Die PSI-Theorie eignet sich besonders dazu, Brücken zwischen Wissenschaft und Religion aufzuzeigen, weil sie subjektive Erfahrungen, die mehr der Sphäre der Sinnerfahrung zuzurechnen sind, mit einer Analyse der am Zustandekommen und der Wirkung solcher Erfahrungen beteiligten Systeme und Funktionen verbindet. So spielt z.B. im christlichen Glauben die existenzielle Bedeutung eines tiefen, unerschütterlichen Vertrauens eine zentrale Rolle, das in der Vorstellung eines gütigen Vater-Gottes zum Ausdruck kommt,. Wie wichtig ein solches „Ur-Vertrauen“ für die gesunde Entwicklung der Persönlichkeit ist, wird in verschiedenen Persönlichkeitstheorien erklärt. In der PSI-Theorie ist das Vertrauen u.a. die Basis für die bereits erwähnte Fähigkeit, aus Fehlern und leidvollen Erfahrungen zu lernen, statt sie verdrängen zu müssen oder gar an ihnen zu verzweifeln. Der Wechsel zwischen dem Anschauen einer leidvollen Erfahrung und der darauf folgenden Integration in ein stetig wachsendes Erfahrungsnetzwerk (d.h. ins Selbst) wird durch das fundamentale Vertrauen in die Geborgenheit der eigenen Existenz erleichtert. Ohne dieses Vertrauen kann man sich den ersten Schritt dieses Wachstumsprozesses (d.h. das Anschauen und Ernstnehmen einer leidvollen Erfahrung oder auch nur eines begangenen Fehlers) oft gar nicht leisten, weil man befürchten muss, in ihr zu versinken statt an ihr zu wachsen. In der entwicklungspsychologischen Bindungsforschung sind die psychischen und neurobiologischen Grundlagen der Entstehung des Ur-Vertrauens und der daraus resultierenden Bindungssicherheit (d.h. Aufgehobenheit in zwischenmenschlichen Beziehungen) gut erforscht. Der religiöse Glaube an ein grundlegendes Aufgehobensein in der Welt, der sich in dem Bild eines gütigen Vater-Gottes ausdrückt, übersteigt das, was der einzelne Mensch aufgrund seiner individuellen Erfahrungen mit den eigenen Bezugspersonen an Vertrauen aufbauen konnte. Das von ihnen erwähnte Buch zur Spirituellen Intelligenz versucht, die Vereinbarkeit vieler christlichen Glaubensinhalte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen der Psychologie und der Hirnforschung aufzuzeigen, ganz ähnlich, wie ich es mit diesem Beispiel zum Glauben an einen Vater-Gott erläutert habe,

5. Nicht angesprochen wurde in Ihrem Text („Eine neue Persönlichkeitstheorie“, s.o.) die Therapiebegleitende Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (TOP). Was kann man sich als Laie darunter vorstellen? Was ist das Besondere daran? Welche Verbindungen gibt es zur PSI-Theorie? Was ist ihr spezieller Nutzen?

Die Therapie- und Trainingsbegleitende Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (TOP), die als Unterstützung von Selbstentwicklungsprozessen (z.B. bei Führungskräften, Lehrern, Schülern, Studierenden) auch als Entwicklungsorientierte Systemdiagnostik (EOS) angeboten wird, beruht auf einer Weiterentwicklung und Ergänzung bestehender persönlichkeitspsychologischer Untersuchungsmethoden mit dem Ziel, einen umfassenden Überblick über persönliche Stile und Selbstkompetenzen auf allen persönlichkeitsrelevanten Systemebenen zu vermitteln. Die klassische Diagnostik der persönlichkeitstypischen Erstreaktionen (vgl. die erwähnten Tests zur Diagnostik der „Großen Fünf“ Persönlichkeitsdimensionen), wird konkretisiert und differenziert, indem die den Persönlichkeitsstrukturen zugrundeliegenden typischen emotionalen Erstreaktionen und die mit ihnen verbundenen kognitiven Stile (s.o.) erfasst werden. Darüber hinaus werden mit der ebenfalls schon erwähnten Diagnostik der Selbststeuerungskompetenzen die für die persönliche Entwicklung so wichtigen Zweitreaktionen („Selbstkompetenzen“) so differenziert erfasst, dass sich für die individuelle Person ganz konkrete Ansatzpunkte für die weitere Entwicklung ihrer Selbstkompetenzen ergeben.

Die an der Selbststeuerung beteiligten Kompetenzen bilden den Kern der „entwicklungsorientierten“ Diagnostik: Sie sind sehr stark erfahrungsabhängig und deshalb durch Beratung, Training oder Therapie leichter veränderbar als die Erstreaktionen. Allerdings wirkt sich die selbstregulierte Veränderung der Erstreaktion typischerweise nur vorübergehend auf den betreffenden Zustand (engl. state) aus, während der dispositionelle Anteil der Erstreaktion sich nicht ändert. Wenn jemand z.B. eine ausgeprägte Disposition (engl. trait) zur Ängstlichkeit hat, dann kann er lernen, in Situationen, in denen er zuerst ängstlich reagiert, seine Ängstlichkeit herunterzuregulieren, z.B. wenn sie ihm bei genauerer Betrachtung nicht gerechtfertigt erscheint. Seine ängstliche Disposition (trait) wird durch diese Regulation des ängstlichen Zustandes (state) nicht verändert. Wie ich bereits erläutert habe, ermöglicht die selbstgesteuerte Veränderung des durch die eigenen Erstreaktionen ausgelösten Zustands, dass sogar extreme und für sich genommen vielleicht sogar nachteilige (oder gar krankhafte) Erstreaktionen zum Motor für die Selbstentwicklung werden können, ohne dass man diese dispositionellen Erstreaktionen selbst überhaupt verändern muss.

Schließlich liefert die Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (TOP bzw. EOS) auch eine differenzierte Beurteilung der unbewussten Kräfte, aus denen die persönliche Motivation in verschiedenen Lebensbereichen gespeist wird. Dabei wird nicht nur die Stärke von Basisbedürfnissen wie den Bedürfnissen nach Beziehung und Bindung, nach Leistung und Lernen, nach Macht und Einfluss und nach freier (ungehinderter) Selbstentwicklung gemessen, sondern auch die Art der Umsetzung, z.B. ob das jeweilige Bedürfnis unter Beteiligung des weitgehend unbewussten Selbst mit seinem ausgedehnten Erfahrungsnetzwerk (Extensionsgedächtnis) befriedigt wird oder ob dabei mehr die strenge Kontrolle durch das bewusste Ich und seine Absichten (Intentionsgedächtnis) im Vordergrund steht. Untersucht wird auch, in wieweit die Bedürfnisbefriedigung auf das Aufsuchen positiver oder auf das Vermeiden negativer Gefühle ausgerichtet ist. Wenn wir den Umgang mit diesen Basisbedürfnissen derart differenziert beurteilen können, dann können wir einer Person sehr viel genauer sagen, in welchen Situationen das betreffende Bedürfnis gut zu seinem Recht kommen kann und wann Frustrationen entstehen können. Sehr hilfreich für die Entwicklung der persönlichen Potenziale ist es auch zu wissen, inwieweit die bewussten Ziele zu den unbewussten Bedürfnissen passen. Die motivationspsychologische Forschung hat an vielen Beispielen gezeigt: Wenn z.B. die eigenen Leistungsziele ständig an der unbewussten Bedürfnissen vorbeigehen (z.B. wenn für jemanden eigentlich Beziehung viel wichtiger ist als Leistung), dann können Probleme, Stress oder sogar psychische/physische Krankheitssymptome entstehen.

Es ist ein schöner Erfolg, dass wir durch die jahrelange Optimierung unserer Testverfahren, die Persönlichkeit eines Menschen in dieser enormen Breite gemeinsam mit dem Betreffenden untersuchen können und dazu kaum mehr als 2 Stunden Testzeit benötigen. Das geht besonders deshalb, weil wir bei vielen Selbstkompetenzen Fragen gefunden haben, mit denen die meisten Menschen ihre objektiven Fähigkeiten ganz gut beurteilen können (was wir bei der Validierung dieser Fragen natürlich durch den Vergleich mit objektiven Tests zur Messung der betreffenden Selbstkompetenzen überprüfen müssen). Natürlich stellt ein solches diagnostisches System höhere Anforderungen an die Anwender (z.B. Berater, Coaches, Therapeuten, Pädagogen) als weniger differenzierte Tests. Für die Klienten wird aber die Botschaft paradoxerweise einfacher: Dadurch, dass Experten sich ein umfassendes Bild von den Entwicklungspotenzialen, den Schwächen und Stärken einer Person gebildet haben, können sie sehr klare und konkrete Hinweise geben, an welcher Stelle es sich besonders lohnt, eigene Potenziale weiter zu entwickeln. Wenn das Management eines so komplexen Systems wie der Persönlichkeit durch den Experten geleistet wird, kann der Klient eine für ihn praktikable Vereinfachung erwarten, ohne dass es sich um eine der erwähnten Vereinfachungsillusionen handelt. Durch die umfassende Diagnostik ist die Chance groß, dass eine konkrete Empfehlung gegeben werden kann, die auf einen aussichtsreichen Entwicklungsschwerpunkt hinweist.

6. Da ich mir sicher bin, dass Sie bis zum heutigen Tag bei der Entwicklung der PSI-Theorie sich auch den ein oder anderen Irrtum eingestehen mussten, würde es mich interessieren, welche (wesentlichen) Erkenntnisse Sie im Laufe Ihrer bisherigen Forschungsarbeit zunächst für richtig gehalten, anschließend aber wieder verworfen haben?

In der Tat fußt die Entwicklung der PSI-Theorie auf einer langen Phase der Konfrontation mit Ungereimtheiten, fehlerhaften Annahmen oder groben Verallgemeinerungen. Einige Beispiele kann ich nennen: So haben wir in meiner Forschungsgruppe lange Zeit gedacht, dass unerledigte Absichten im Gedächtnis aufrechterhalten werden, bis die mit ihnen verbundenen Spannungsgefühle verschwinden, sobald sie ausgeführt werden. Der große Motivationspsychologe Kurt Lewin, der vor den Nazis in die USA fliehen musste, nannte unerledigte Absichten „Spannungssysteme“ und eine seiner Doktorandinnen, die Russin Bluma Zeigarnik, konnte in vielen Experimenten zeigen, dass sich Probanden in der Tat an unerledigte Tätigkeiten besser erinnern konnten als an erledigte („Zeigarnik-Effekt“). So plausibel uns das alles erschien, es ergaben sich immer mehr Ungereimtheiten: Ausgerechnet Menschen, die ihre Absichten gut behalten konnten (z.B. Menschen mit hohen Werten in Tests für Ängstlichkeit, Depression oder „lageorientierte“ Zögerlichkeit) hatten Schwierigkeiten mit der Ausführung ihrer Absichten (obwohl sie sich doch besser an Unerledigtes erinnern konnten). Dieses Problem konnten wir erst theoretisch lösen, als wir mit der Neuformulierung der „ersten Modulationsannahme“ der PSI-Theorie davon ausgingen, dass die mit dem Fassen eines Vorsatzes verbundene Anspannung zu einer Dämpfung handlungsbahnender Energie (z.B. des positiven Affekts) führt. Man kann dieses Phänomen schon im Alltag beobachten: Je mehr unerledigte Aufgaben wir vor uns herschieben, umso häufiger passiert es, dass uns die Puste ausgeht. Dann kann man die „Dämpfung positiven Affekts“ mitsamt ihrer handlungslähmenden Wirkung am eigenen Leibe erleben. Die erwähnte Annahme heißt „Modulationsannahme“, weil sie beschreibt, wie diese Handlungshemmung, die durch die Bildung eines Vorsatzes entsteht, überwunden werden kann, nämlich z.B. dadurch dass handlungsbahnender positiver Affekt wiederhergestellt wird, entweder durch Ermutigung von außen oder durch Selbstmotivierung: Der positive Affekt vermittelt („moduliert“) dann die Verbindung zwischen dem Absichtsgedächtnis und der Intuitiven Verhaltenssteuerung, so dass das eigene Handeln unter die Regie der betreffenden Absicht kommen kann statt automatisch irgendeine lustvollere oder tiefsitzende Gewohnheit auszuführen.

Ein zweites Beispiel dafür, dass wir ursprüngliche theoretische Konzeptionen aufgeben mussten, betrifft die Selbststeuerung, also das, was wir im Alltag den Willen nennen. Wir mussten lernen, dass es mindestens zwei sehr unterschiedliche Formen der Selbststeuerung (und damit des Willens) gibt, von denen jede wie bereits erwähnt in weitere Funktionskomponenten aufgegliedert werden kann. Zwei verschiedene Arten von Willen – das war für uns ein ganz ungewohnter Gedanke: Unter Wille versteht man seit mehr als 2000 Jahren die Fähigkeit des Menschen, seine bewussten Absichten gegenüber allen möglichen Versuchungsquellen durchzusetzen, also Fähigkeiten oder Tugenden wie Selbstbeherrschung, Disziplin u.ä. (ich nannte sie zu Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit „Handlungskontrolle“). Diese Form des Willens kostet Anstrengung wie der amerikanische Psychologe Roy Baumeister immer wieder aufgezeigt hat. Es ist die traditionelle Konzeption eines Willens, der durch das bewusste Ich gesteuert wird. Es gibt aber auch eine nicht bewusstseinspflichtige Form des Willens, die durch das nicht bewusste Selbst mit seinem ausgedehnten Überblick über alle für das Entscheiden und Handeln relevante Bedürfnisse, Werte, Kompetenzen und Kontextmerkmale gesteuert wird. Diese Form des Willens ist uns nicht vertraut, weil sie mit dem Bewusstsein nicht vollständig erkennbar ist. Sie kostet wenig Anstrengung oder mobilisiert sogar zusätzliche Energien (das liegt an einem weiteren Funktionsmerkmal des Selbst, nämlich der Tatsache, dass das Selbst eine ausgedehnte Verknüpfung mit dem autonomen Nervensystem, d.h. mit den Gefühlen und Körperwahrnehmungen). Diese Form des Willens, die wir nicht Ich-Kontrolle, sondern Selbstregulation nennen, ist nicht darauf ausgerichtet, attraktive, aber nicht gewollte Handlungsoptionen zu unterdrücken, sondern sie sucht nach emotionaler Unterstützung für das Gewollte bzw. macht sogar eine innere Abstimmung innerhalb des eigenen Erfahrungsnetzwerks, mit dem Ziel herauszufinden, ob ein Vorsatz in eine Form gebracht werden kann, die durch eigene Gefühle unterstützt werden kann. Diese anstrengungsarme Variante des Willens gleicht also eher einer „inneren Demokratie“, während mit dem traditionellen Willensbegriff schon etwas mehr oder weniger Diktatorisches gemeint ist. Natürlich gibt es eine Möglichkeit die Vorteile beider Willensformen zu verbinden, z.B. wenn Ziele und Vorsätze zunächst mit dem Weitblick des Selbst gebildet und bei auftretenden Schwierigkeiten mit der Durchsetzungsstärke des Ich umgesetzt werden.

Es gibt noch viele andere Stellen, an denen wir unsere ursprünglichen Auffassungen revidieren mussten, z.B. als wir merkten, dass wir zwischen objektgebundenen und diffusen Emotionen unterscheiden müssen oder lernten, dass noch so gut entwickelte Selbstkompetenzen nicht immer verfügbar sind (z.B. bei manchen Menschen unter Stress weniger als in entspannten Situationen, während es bei anderen Menschen sogar umgekehrt sein kann). Schließlich konnten wir auch den pauschalen Stressbegriff nicht beibehalten: Belastungsstress, der z.B. entsteht, wenn man viel Unerledigtes vor sich herschiebt, hat z.T. ganz andere Auswirkungen als Bedrohungsstress (z.B. wenn ein Ereignis Unsicherheit oder sogar Angst auslöst). Wir haben mit dem jetzigen Stand der PSI-Theorie zwar eine gewisse Stabilisierung der Theorieentwicklung erreicht. Trotzdem gibt es noch viele Baustellen, von denen allerdings viele zunächst mehr für die Grundlagenforschung als für die Praxis relevant sind. Ein Beispiel ist die Frage, ob positiver Affekt immer die Umsetzung von Absichten bahnt, oder ob diese Bahnung auch von anderen Faktoren abhängt, z.B. von der Art des Bedürfnisses, das gerade handlungsleitend ist. Oder: Was ist an der Umsetzung des eigenen Willens anders, wenn die Umsetzungsenergie nicht durch positiven Affekt, sondern durch die Vermeidung von negativem Affekt zustande kommt (z.B. wenn ein Student seinen Vorsatz zu lernen einen Tag vor der Prüfung nur deshalb ausführt, weil er Angst bekommt durchzufallen). Eine psychologische Theorie ist wie jede naturwissenschaftliche Theorie nie etwas Fixes. Sie soll dabei helfen, Bekanntes zu integrieren und zu erklären und bei der Erforschung unbekannter Phänomene eine Orientierung zu bieten. Fortschritt besteht im Wesentlichen darin, immer wieder auch an die Grenzen einer Theorie zu stoßen, nach neuen Lösungen zu suchen und sie so weiterzuentwickeln bzw. sie zu verwerfen, wenn sie nicht mehr hilfreich ist.

7. Was hat Sie persönlich dazu veranlasst, sich überhaupt mit derlei Fragestellungen zu beschäftigen?

Zur Psychologie hat mich nicht nur ein besonderes Interesse am Menschen gezogen, sondern auch die damals fast schon vermessene Idee, die Komplexität des menschlichen Seelenlebens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu erforschen. Vertieft habe ich mich als Student in einen Teilbereich der Persönlichkeitspsychologie, nämlich in die Motivationspsychologie. Dieser Bereich hatte trotz seiner großen Bedeutung für viele Anwendungsfelder der Psychologie schon damals zu Anfang der siebziger Jahre eine schwindende Bedeutung in der psychologischen Grundlagenforschung, weil man meinte, alle wichtigen Fragen der Motivation mit biologischen und kognitiven Prozessen lösen zu können, sodass man keine eigene Motivationspsychologie brauche. Inzwischen haben viele Forschungsergebnisse aus der experimentellen Psychologie und der Hirnforschung gezeigt, dass motivationale Kräfte stark aus dem Unbewussten wirken und mit Erkenntnisprozessen (Kognitionen) allein nicht erklärbar sind. Als ich vor fast 50 Jahren mein Psychologiestudium aufnahm, konnte die Kognitionspsychologie bereits beeindruckende Forschungsergebnisse vorweisen, während die Motivationspsychologie die Art, wie Motive und Ziele verhaltenswirksam werden, nicht annähernd so differenziert und methodisch abgesichert aufzeigen konnte, wie es der Kognitionspsychologie gelang, Erkenntnisprozesse zu erklären (z.B. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen). Aus meiner Sicht hatte die Kognitionspsychologie die besseren Antworten und die Motivationspsychologie die spannenderen Fragen. Ich habe mich damals für die spannenderen Fragen entschieden.

Ich wusste allerdings nicht wie aufwändig der Weg zur Entwicklung einer Motivationstheorie sein würde, die die relevanten Prozesse und Funktionen wissenschaftlich zufriedenstellend erklärt, und außerdem in der Lage sein würde, die zentralen Erkenntnisse verschiedener Persönlichkeitstheorien zu integrieren. Die enge Verbindung zwischen Motivation und Persönlichkeit wurde dann auch neurobiologisch bestätigt: Von den ältesten Strukturen im Hirnstamm, die überlebenswichtige Prozesse wie Atmung, Wachheit etc. automatisch steuern, verlaufen Bahnen verschiedener Überträgersubstanzen (Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin) über die motivations- und emotionsrelevanten Strukturen des limbischen Systems bis hin zu den intelligentesten Regionen der Hirnrinde, die zielorientiertes, sinnvolles und selbstkongruentes Handeln vermitteln. Diese Verbindungsbahnen bilden die biologische Grundlage für die Interaktionen zwischen sieben verschiedenen Systemebenen der Persönlichkeit, die in der PSI-Theorie beschrieben werden.

8. In Zusammenarbeit u. a. mit Maja Storch, die vor allem durch das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®) Berühmtheit erlangte, bieten Sie eine Ausbildung zum CoachPSI® an. Mögen Sie kurz erläutern, was das Besondere daran ist?

Die Ausbildung zum wissenschaftlich geprüften Persönlichkeitscoach CoachPSI® ist eine in sich geschlossene Ausbildung. Ebenso ist die Ausbildung von Maja Storch „ZRM® für Coaching“ in sich geschlossen. Haben TeilnehmerInnen beide Ausbildungsabschlüsse, zertifizieren wir diese gemeinsam mit dem Titel „Persönlichkeitscoach CoachPSI® & ZRM®“.

CoachPSI® ist eine auf neuesten Erkenntnissen der Persönlichkeitspsychologie und Hirnforschung beruhenden Qualifikation für professionelle Coaches. Diese persönlichkeitspsychologische Ausbildung habe ich zusammen mit Doris Gunsch entwickelt, einer sehr erfahrenen Coaching-Ausbilderin, die seit 1998 die PSI-Theorie im Lehrcoaching einsetzt. Sie ist PSI-Expertin, Psychologische Psychotherapeutin und verfügt aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeiten als Management Trainerin und Coach über ein breites Methodenspektrum verbunden mit viel Branchen- und Projektkenntnissen.

CoachPSI® wendet sich an Teilnehmer, die bereits als Coach arbeiten und ihr theoretisches und methodisches Repertoire erweitern und auf den neuesten Stand bringen möchten. Das Neue daran ist, dass PSI-Coaches die jeweilige psychofunktionale Verursachungsebene für ein Problem (aus den 7 Persönlichkeitsebenen) ausmachen können und deshalb genau bestimmen können: wann, welche Methode, bei wem und wozu hilfreich ist. In der Ausbildung wird besonders viel Wert auf die Haltung der Coaches gelegt, ihre Methodenkompetenz, Durchführungskompetenz und Sozialkompetenz. Zum Beispiel wird ihre Gesprächsführung psychologisch professionalisiert. Die Teilnehmer lernen relevante Forschungsergebnisse kennen, die wichtige Fortschritte im theoretischen Verständnis einer Vielfalt von Interventionsmöglichkeiten begründen. Damit wird die Fähigkeit vermittelt, aus dem vorhandenen methodischen Repertoire jeweils diejenigen Bausteine auszuwählen, die zur individuellen Lösung eines konkreten Problems am besten beitragen können. Die wissenschaftliche Professionalisierung des Coachings soll also mehr bieten als einen Werkzeugkoffer mit allen möglichen Trainings- bzw. Therapiebausteinen. Sie befähigt die Teilnehmer, theoretisch über die eigenen Selbstkompetenzen und die des Klienten zu reflektieren. Darüber hinaus ermöglicht unsere wissenschaftliche Professionalisierung des Coaching, die Entwicklungspotenziale der individuellen Persönlichkeit des Klienten auszuschöpfen. Die von Maja Storch und ihren MitarbeiterInnen durchgeführte Qualifikation“ ZRM® für Coaching“ elaboriert insbesondere die Methoden des Zürcher-Ressourcen-Modells (ZRM), die dabei helfen, angestrebte Ziele mit verschiedenen Quellen motivationaler Energie zu verknüpfen (z.B. somatische Marker, Motto-Ziele und Hilfen, die im Alltag, die Umsetzung eigener Vorsätze erleichtern).

9. Welche Literatur empfehlen Sie?

Abgesehen von meinem oben erwähnten Einführungskapitel (Kap. 4 aus: „Spirituelle Intelligenz“, s.o.), das den Kern der PSI-Theorie erläutert („Vorsätze umsetzen und aus Fehlern lernen“) eignen sich für die meisten Leser die allgemeinverständlichen Einführungen, die ich zusammen mit Maja Storch verfasst habe: „Die Kraft aus dem Selbst“ und „Ich blick’s“. Wer bei einzelnen Aspekten der Theorie die wissenschaftlichen Grundlagen genauer verstehen möchte, kann mein „Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie“ konsultieren und wer noch tiefer eindringen möchte, findet eine sehr ausführliche Darstellung jeder der sieben Systemebenen in dem 1200-Seiten starken Buch „Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme“, in dem ich den Stand der PSI-Theorie und viele neue Anwendungsmöglichkeiten zu einem Zeitpunkt dargestellt habe, als die Ausarbeitung der Kernbereiche der Theorie eine recht stabile Form erreicht hatte.

Julius Kuhl

www.psi-theorie.com

Weitere Informationen finden Sie hier: www.psi-theorie.com und www.impart.de (TOP- bzw. EOS-Diagnostik) sowie doris-gunsch.eu (CoachPSI®-Ausbildung).

Vielen Dank für das Interview!

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Der Mythos der eigenen Minderwertigkeit

Im Grunde genommen ist jeder Mensch gleichermaßen wertvoll. Ist es nicht so? Und obwohl Sie diese Überzeugung mit mir teilen, fühlen Sie sich manchmal so, als würde das für alle gelten, nur nicht für Sie? Dann können Ihnen die folgenden Gedanken vielleicht dabei helfen, den Mythos von der eigenen Unzulänglichkeit aufzulösen.

Das Modell des Inneren Teams von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun eignet sich ganz hervorragend dafür, bei schwierigen Entscheidungen zu einer klaren Haltung zu gelangen. Hierzu müsse man nur sämtliche Mitglieder bzw. die entsprechenden Persönlichkeitsanteile auf die sogenannte Bühne holen bzw. an einen Tisch setzen, die sich zu einem Thema äußern wollen, einen Dialog initiieren und dann eine Einigung erzielen. Das klingt verlockend einfach! Nicht immer ist es das aber wirklich…

Inneres Team

Manfred Evertz

So scheint es in jedem Inneren Team einige Gestalten zu geben, die sich auf derartige Diskussionen nicht einlassen wollen und scheinbar alles dafür tun, um die eigenen Vorhaben zu boykottieren. Der Autor bezeichnet sie als Widersacher. Der bekannteste unter ihnen ist wohl der innere Kritiker, der an allem, was man tut oder plant, herummäkelt und einen dabei stets mit voller Wucht niedermacht. In dem Buch „Hermann! Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker“ stellt Tom Diesbrock eine wunderbare Methode vor, wie er sich besänftigen lässt.

Der kluge Umgang mit dem inneren Kritiker

Versuche, den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen oder ihn durch positives Denken zu übertönen, kosten viel Kraft und führen nicht immer zu dem gewünschten Ergebnis, zumindest nicht auf Dauer. Tom Diesbrock empfiehlt deshalb, mit dieser Stimme in einen Dialog zu treten, sie an- und ernstzunehmen, sich dabei allerdings ihrer kindlichen Konstitution bewusst zu sein.

Schritt 1: Wie äußert sich Ihr Kritiker?

Zunächst sollte es darum gehen, sich des eigenen Kritikers bewusst zu werden und ein Tagebuch zu führen, in dem jede Bewertung notiert wird, die von ihm ausgeht. Folgende Fragen können dabei helfen, seinen Einfluss zu ergründen:

  • Woran bemerken Sie Ihren inneren Kritiker?
  • Wie genau kommuniziert er mit Ihnen und was sagt er?
  • Welche Gefühle haben Sie dabei?
  • In welchen Situationen meldet er sich zu Wort?
  • Was sind seine Hauptkritikpunkte an Ihnen?
  • Bei welchen Themen wird er besonders kleinlich und entwertend?
  • Gibt es bestimmte Menschen, von denen er glaubt, dass sie Sie besonders kritisch betrachten?

Schritt 2: Visualisieren Sie Ihren Kritiker!

Manfred Evertz

Um sich des inneren Kritikers bewusster zu werden, empfiehlt der Autor, diesem ein Gesicht zu geben und ihn dann für eine Weile so zu platzieren, dass Sie ihn immer wieder vor sich sehen. Fertigen Sie dafür eine Zeichnung an oder wählen Sie ein Foto, ein Stofftier, eine Puppe oder Ähnliches aus, das Ihrem Bild dieser Stimme entspricht.

Immer wenn Sie merken, dass Ihr innerer Kritiker sich zu Wort meldet, sollten Sie sich bewusst machen, dass Sie inzwischen erwachsen sind. Um das zu erreichen, kann es Ihnen helfen, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wann sind Sie selbstbewusst und finden sich in Ordnung, so wie Sie sind – mit allen Ihren „Fehlern“ und Eigenarten?
  • Was denken Sie in diesen Momenten über sich und die Welt?
  • Wie ergeht es Ihnen dabei?

Der Kritiker ist nur ein Teil der eigenen Persönlichkeit, der sich ruhig zu Wort melden darf. Die Führung sollte aber der Erwachsene in Ihnen übernehmen! Wann immer der Kritiker sich äußert, stehen Sie auf, atmen Sie tief durch und machen Sie sich bewusst, dass Sie heute eine andere Perspektive auf die Dinge haben (dürfen), als Sie es als Kind hatten.

Schritt 3: Hinterfragen Sie seine Bewertungen!

Hinterfragen Sie die Aussagen Ihres Kritikers kritisch. Differenzieren Sie seine Verallgemeinerungen und Ungenauigkeiten und finden Sie Argumente, die Sie diesen entgegenhalten können. Zeigen Sie ihm, dass die Wirklichkeit komplexer ist, als er sie sieht und widerlegen Sie seine Aussagen.

Sollten Sie ihn bemerken, ist es ratsam, ihn zu stoppen, bevor er die Oberhand gewinnt. Bauen Sie sich ein gedankliches „Stopp“ ein und sprechen Sie dieses ruhig laut aus, wenn er meint, wieder einmal an Ihnen herummäkeln zu müssen.

Schritt 4: Akzeptieren Sie Ihren Kritiker!

Respektieren Sie sein kindliches Bedürfnis und nehmen Sie es ernst. Bedenken Sie, dass er Angst hat und Sie schützen will. Lassen Sie Ihren Kritiker seiner Aufgabe ruhig nachkommen, aber seien Sie sich dabei immer bewusst, dass Sie jetzt das Sagen haben und Sie die Welt als Erwachsener heute anders sehen dürfen. Schließen Sie Frieden mit ihm.

Selbsterfahrungsbericht: Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse

Ich habe diesen Teil meiner Persönlichkeit übrigens „Dr. Mabuse“ getauft. Die Filme habe ich mir während meiner Kindheit stets mit großer Faszination angesehen. Für Dr. Mabuse haben Menschen – so ist zumindest meine Interpretation – nur dann einen Wert, wenn sie perfekt funktionieren und er sie für die Umsetzung seiner Vorhaben benutzen kann. Auch die Angst davor, entdeckt oder entlarvt zu werden, charakterisiert ihn. Lange Zeit mischte er sich also auf perfide Weise in alles ein, was ich tat, und schwächte auf diese Weise mein Selbstwertgefühl.

Scham und Schatten

Manfred Evertz

Immer wieder versuchte ich ihn zu packen und aus meinem Leben zu verbannen. Je mehr ich mich jedoch bemühte, um so stärker wurde er. Obwohl die Mehrzahl der Mitglieder meines Inneren Teams ihn nicht mochten und mit seinen unverschämten Äußerungen keineswegs einverstanden waren, konnten sie wenig gegen ihn ausrichten. Gingen sie gegen ihn an, machte er sie solange nieder, bis sie schließlich den Mut verloren und aufgaben. Schlimmer noch wurde es, als sich immer mehr von ihnen auf seine Seite stellten und sich mit seinen überhöhten Ansprüchen identifizierten. Diese kriminelle Vereinigung hatte es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, mein Selbstwertgefühl vollends zu zerstören! Nichts und niemand konnte das verhindern bzw. sie hinter Schloss und Riegel bringen.

Erst viele Jahre später – mit der Hilfe des Buches von Tom Diesbrock – stellte ich fest, was seine eigentliche Absicht war. Im Grunde genommen wollte er mich nur vor möglichen Angriffen anderer Menschen beschützen, indem er sie unverblümt vorwegnahm. Damit war er ausgesprochen erfolgreich. Als ich das erkannte, war es mir möglich, in sein Herz zu schauen, seinen Schmerz zu sehen und seine Bemühungen anzuerkennen. Tritt er heute auf die Bühne und meckert an mir herum, nehme ich ihn an die Hand und beruhige ihn. Inzwischen weiß ich ja, dass er es gut mit mir meint. Lediglich die vielen seelischen Verletzungen, die er schon sehr lange mit sich herumträgt, ließen ihn so gemein und grausam wirken. Seitdem ich das verstanden habe, betrachte ich ihn als einen Freund, dem ich für seine Dienste sehr dankbar bin. Auf diese Weise ist es zumindest mir gelungen, mich aus den unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse und somit von meinen eigenen Minderwertigkeitskomplexen zu befreien.

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Literaturempfehlungen:

  • Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 3 – Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Sonderausgabe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011 (Die Originalausgabe erschien erstmals 1981).
  • Tom Diesbrock (2011). Hermann! Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker. Patmos Verlag.

Ein Friedensangebot an das innere Kind

Erinnern Sie sich daran, wie Sie die Welt um sich herum als Kind wahrgenommen oder wie Sie sich gefühlt haben? Wissen Sie noch, welche Sehnsüchte und Wünsche Sie hatten, als Sie klein waren?

Rainer - 4 JahreDie Arbeit mit dem „inneren Kind“ ist seit langer Zeit ein fester Bestandteil vieler psychotherapeutischer Verfahren. Das hat einen guten Grund: Wir Menschen entwickeln die Grundzüge unserer Persönlichkeit und die dazugehörigen Reaktionsmuster in Wechselwirkung mit jenen Erfahrungen, die wir mit unseren ersten Bezugspersonen machen. Einige davon sind schmerzvoll und führen dazu, dass wir uns davor schützen wollen, ähnliches Leid erneut erleben zu müssen. Als Kind haben wir dafür allerdings nur wenige Möglichkeiten, zudem können wir viele Dinge einfach noch nicht so richtig verstehen. Und obwohl sich beides im Laufe der Zeit ändert, scheint es manchmal so, als gingen wir noch im Erwachsenenalter intuitiv davon aus, die Welt um uns herum sei so geblieben, wie wir sie einst kennengelernt haben.

Wurden unsere kindlichen Bedürfnisse in der Vergangenheit nicht hinreichend wahrgenommen bzw. hat es uns in manchen Situationen an Verständnis, Trost oder Zuwendung gemangelt, kann das tiefe Narben hinterlassen. Die gute Nachricht ist, dass man das Vermisste wenigstens ansatzweise nachreichen bzw. gezielt etwas dafür tun kann, um die verletzte Kinderseele zu trösten. Im Rahmen der Aufarbeitung meiner eigenen Vergangenheit habe ich seinerzeit mal einen Brief an jenen kleinen Jungen geschrieben, der ich einst war. Mir hat das damals jedenfalls sehr geholfen.

Friedensangebot an das innere Kind

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Das ABC der inneren Haltung

Ärgern Sie sich gelegentlich über die Unhöflichkeit anderer Menschen? Vielleicht kommen Ihnen sogar folgende Gedanken vertraut vor: „Warum grüßt man mich nicht? Bin ich es nicht wert, dass man mir einen guten Morgen wünscht? Mag der oder die mich etwa nicht? Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“

Manfred Evertz

Sollten Sie sich jetzt ertappt fühlen, dann könnten Ihnen einige Überlegungen, die aus dem Bereich der Kognitiven Verhaltenstherapie stammen, dabei helfen, besser mit entsprechenden Situationen zurückzukommen. Sie lösen zwar nicht alle zwischenmenschlichen Probleme, können aber hier und da eine spürbare Erleichterung bewirken.

Ärgert man sich bspw. über das Verhalten einer anderen Person und geht man davon aus, dass man andere nicht einfach ändern kann, so sehr man es sich vielleicht auch wünscht, bleibt einem eigentlich nur die Möglichkeit, etwas bei sich selbst zu verändern. Tut man das, dann reagieren in der Regel auch die Mitmenschen darauf.

Nach Ansicht des Psychotherapeuten Albert Ellis scheint es so, als würden gewisse Situationen bzw. äußerer Geschehnisse unwillkürlich Gefühle hervorrufen. Ein Ereignis (a = activating event) würde demnach also zu einem bestimmten Gefühl (c = consequence) führen. In dieser „Alltagsvorstellung“ bleibt aber ein wesentlicher Faktor unberücksichtigt: Ihm zufolge wird ein Ereignis zunächst wahrgenommen und daraufhin bewertet, wobei sogenannte Glaubenssätze (b = beliefs) eine wichtige Rolle spielen. Erst das bewirkt die emotionale Reaktion. Wie eine Person empfindet, ist also im hohen Maße abhängig von den entsprechenden Bewertungen der Situation.

Aus diesem Gedanken heraus entwickelte Albert Ellis ein Modell, dessen Grundaxiom besagt, dass wir für unsere Gefühle selbst verantwortlich sind. Das Ziel dieses Ansatzes ist es, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen, um diese besser regulieren zu können. Bereits seit den 1960’er Jahren bilden diese Überlegungen der REVT (Rational-Emotive Verhaltenstherapie) das Fundament der kognitiven Umstrukturierung.

Alltags- & ABC-Modell

Dieses Prinzip lässt sich nicht nur im Rahmen einer Therapie psychischer Störungen anwenden, sondern ist übertragbar auf alle alltäglichen Problemstellungen und Schwierigkeiten.

Ein Beispiel: Die unfreundliche Sekretärin

  • Ein Mitarbeiter bemerkt, dass eine Sekretärin ihn heute nicht begrüßt hat.
  • Er denkt sich, dass er ihr doch nichts getan habe, woraufhin er sich ärgert.

Menschen suchen stets nach Ursachen oder Motiven für die Handlungen anderer, um diese einschätzen und bewerten zu können. Im Rahmen einer derartigen Attribuierung werden verschiedene Bewertungen nahezu automatisiert abgerufen. Diese beruhen zumeist auf früheren Erfahrungen, die allerdings nicht immer mit der aktuellen Situation korrespondieren müssen.

Folgende Fragestellungen können dabei helfen, die Perspektive des betroffenen Mitarbeiters zu erweitern:

  • Warum ärgert er sich eigentlich so sehr darüber?
  • Unterstellt er der Sekretärin, dass sie sich absichtlich unfreundlich verhalten hat?
  • Weiß er denn, ob sie ihn überhaupt wahrgenommen hat? Hat sie ihn angesehen?
  • Hat sie dieses Verhalten ihm gegenüber schon häufiger gezeigt?
  • Verhält sie sich anderen Personen gegenüber genauso?

Die Verärgerung des Mitarbeiters deutet hin auf den Glaubenssatz: „Andere Menschen müssen mich stets freundlich und zuvorkommend behandeln.“ Das Verhalten der Sekretärin wird also aufgrund dieser fundamentalen Grundeinstellung negativ bewertet, da sie dies ja nicht getan hat. Der Mitarbeiter bewertet die Situation demzufolge wahrscheinlich folgendermaßen: „Werde ich nicht so behandelt, bekomme ich nicht die Beachtung, die ich verdiene. Ich werde also nicht respektiert.“ Das löst verständlicher Weise Ärger oder Wut aus.

Während unserer Kindheit hören wir unsere Eltern und andere Bezugspersonen immer wieder über die Welt, über das Leben, über uns selbst und über andere Menschen sprechen. Diese Aussagen absorbieren wir, um uns irgendwie orientieren zu können. Die meisten dieser Aussagen hinterfragen wir dabei zunächst nicht, sondern speichern sie so ab, wie wir sie hören. Sie können Tatsachen aber auch Meinungen sein. Mit der Zeit bekommen wir so ein Bild von der Wirklichkeit übermittelt, welches wir mehr und mehr verinnerlichen. Auf diese Weise bilden sich sogenannte fundamentale Grundannahmen darüber aus, wie die Welt um uns herum funktioniert und wie sie beschaffen ist oder sein sollte.

Diese fundamentalen Grundannahmen werden zu einem wesentlichen Teil unserer Persönlichkeit. Wenn wir in eine bestimmte Situation geraten und eine Entscheidung treffen, wie wir uns in dieser verhalten, werden wir von bestimmten Kognitionen gesteuert, die uns Aufschluss darüber geben, wie sinnvoll oder zielführend eine bestimmte Reaktion ist. So leiten wir auf Grundlage unserer Vorstellungen stets situative Einschätzungen ab, die sich in „automatischen Gedanken“ äußern.

Während wir also unsere Aufmerksamkeit auf das ein oder andere richten, führen wir (oftmals unbemerkt) einen inneren Dialog mit uns, und beeinflussen mittels damit einhergehender Bewertungen unsere Emotionen und damit unmittelbar auch unser Verhalten. Unser emotionales Gedächtnis vergleicht jeden Reiz, den wir wahrnehmen, mit bereits gemachten Erfahrungen. Das führt über die Ausschüttung von Neurotransmittern und Hormonen unwillkürlich zu körperlichen Reaktionen.

Um sein eigenes Bewertungssystem nun in Frage zu stellen, könnte der Mitarbeiter aus dem obigen Beispiel einmal darüber nachdenken, welche anderen möglichen Gründe es für das Verhalten der Sekretärin geben könne, und überprüfen, wie wahrscheinlich es tatsächlich ist, dass sie ihn nicht gegrüßt hat, weil sie unfreundlich ist oder ihn nicht mag?

Folgende Ideen könnten ihm in diesem Zusammenhang in den Sinn kommen:

  • Die Sekretärin ist aus irgendeinem anderen Grund verärgert.
  • Die Sekretärin war abgelenkt und hat ihn einfach nicht wahrgenommen.
  • Die Sekretärin hat ihn gegrüßt, ohne dass er es bemerkt hat.

Hilfreich kann es zudem sein, sich die Frage zu stellen, in welchem Moment er sie angetroffen hat? Was hat sie getan? War sie vielleicht gerade abgelenkt? Auf diese Weise kann dazu angeregt werden, die Bewertung der entsprechenden Situation zu hinterfragen bzw. zu überprüfen, ob diese eventuell dysfunktional ist? Dysfunktional wäre sie, wenn die Bewertung auf möglicherweise fehlerhaften Einschätzungen beruht, in deren Konsequenz negative Gefühle entstehen.

Eine Veränderung des Attributionsstils erfordert Klarheit darüber, dass es stets die eigenen Gedanken sind, die Gefühle in uns hervorrufen, und nicht die Ereignisse selbst, also das Bewusstsein darüber, dass man eigentlich selbst dafür verantwortlich ist, wie man sich fühlt. Die Glaubenssätze oder fundamentale Annahmen, die unsere Bewertungsmuster maßgeblich beeinflussen, können sehr vielfältig sein.

  • Einige Menschen neigen zu einem alles umfassenden Bedürfnis nach überragender Kompetenz und unbedingter Anerkennung der eigenen Leistungen durch die Umwelt.
  • Einige Menschen neigen zu der Auffassung, dass sie von (allen) anderen immer fair und freundlich behandelt werden müssen. Das eigene Selbstwertgefühl scheint stark davon abzuhängen.
  • Einige Menschen machen sich bzw. ihre emotionale Befindlichkeit abhängig von der Erfüllung ihrer Bedürfnisse bzw. vom Erreichen ihrer Ziele. Sie neigen eventuell sogar zu der Einstellung, dass die Umwelt es ihnen leicht machen müsse.

Um derlei irrationale Überzeugungen zu identifizieren, ist demnach ein genaues Hinterfragen der Situation ratsam, in der die dysfunktionalen Bewertungen erkennbar werden. Grundsätzlich gilt hierbei, dass es hilfreich ist, alternative Einschätzungen und entsprechende Neubewertungen vorzunehmen.

Der Aussage, dass es unhöflich ist, wenn eine Person nicht grüßt, kann man bspw. entgegnen, dass niemand immer grüßen müsse, weil es ja auch mal sein könne, dass jemand gedanklich gerade mit anderen Dingen beschäftigt sei. Verhindert diese „neue“ Kognition die Entstehung einer Verärgerung, wäre sie funktionaler.

Zudem ist es eigentlich grundsätzlich ratsam, den Auslöser für das Verhalten anderer Menschen nicht ausschließlich in der eigenen Person zu suchen, also nicht immer alles auf sich selbst zu beziehen. Das kann verunsichern, zu Selbstzweifeln führen und das eigene Wohlbefinden beeinträchtigen.

Natürlich ist es aber nicht immer gänzlich unberechtigt, sich über die Unfreundlichkeit anderer zu ärgern. Einige Menschen verhalten sich manchmal nun einmal einfach doof. 🙂

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Quelle:

  • A. Ellis & B. Hoellen (1997). Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie – Reflexionen und Neubestimmungen.

Die Seele eines Künstlers

Im Gespräch mit Manfred Evertz

Seelenbilder, Engel und Masken… Die Werke des norwegischen Künstlers wirken auf viele Betrachter zunächst irritierend oder verstörend. Mich aber haben sie von Beginn an in ihren Bann gezogen. So entwickelte sich im Laufe der Zeit aus einem freundschaftlichen Kontakt eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die sehr bereichernd ist. Seither zieren seine Bilder immer wieder die Inhalte dieses Blogs sowie die Webseite vom Fachforum Mobbing. Insbesondere aber das gemeinsam erdachte Kartenset (Art & Poems), welches mit lyrisch untermalten (die Gedichte stammen aus der Feder von Christine Matha) Bildern von Engeln und Masken zur Selbstreflexion bzw. zur therapeutischen Arbeit einlädt, erfüllt mich mit großem Stolz. Vor allem die starke Suggestivwirkung der Werke von Manfred Evertz kommt hierbei zum Tragen. Durch ihr tiefes Hineinwirken in das Unbewusste, fühlt man sich von ihnen berührt und versteht sie auf eine Weise, die sich rational nur schwer erklären lässt. Es scheint so, als würden sie es der Intuition erlauben, dem Unaussprechlichen eine Gestalt zu geben.

Manfred Evertz

Doch wer ist dieser Künstler eigentlich? Was inspiriert einen Menschen zu einer Kunstform, die sich den Namen „Psychosymbolismus“ gibt? Der folgende Text gestattet einen bescheidenen Einblick in das Leben und Wirken von Manfred Evertz. Hier spricht er über seine Kindheit, seinen Weg zur Kunst, seine Ausbildung, die Stufen seiner Entwicklung, seine Botschaft und seine Inspiration sowie über sein Lebenswerk. Mit einer ganz persönlichen Bilanz schließt dieser Text dann ab, der eine faszinierende Sicht auf einen beeindruckenden Künstler ermöglicht…

Meine Kindheit

Geboren am 9. Mai 1948, Einzelkind und überbeschützt von meiner Mutter, die ich bis heute als den einzigen Menschen betrachte, der mir uneingeschränkt Liebe, Zuwendung und Hingabe schenkte, empfinde ich meine Kindheit dementsprechend als glücklich. Aber als Angehöriger der ersten deutschen Nachkriegsgeneration fühlte und erlebte ich auch die Schrecken des Krieges fast hautnah mit, die meine Eltern täglich – bis weit in meine jugendlichen Jahre hinein – reflektierten und aufarbeiteten. Obwohl ich drei Jahre nach dem Kriegsende geboren wurde, fühle ich mich, als hätte ich selbst daran teilgenommen. Auch der erste bewusste visuelle Haupteindruck war von den Folgen des Krieges geprägt: Zerstörung und Ruinen in einer der Industriestädte am Rhein – Duisburg. Luftschutzbunker und befestigte Stellungen üben ebenfalls noch immer eine eigenartige Faszination auf mich aus. In der Kindheit verspürte ich kaum eigene Furcht, aber die von meinen Eltern überführte Angst hinterließ eine bleibende Wirkung.

Mein Weg zur Kunst

SeelenbildSchon als Kleinkind wurde mir eine besondere künstlerische Begabung nachgesagt. Als ich zur Volksschule und später in die Lehre ging, verstärkte sich dieses Bewusstsein um die eigene Veranlagung bedeutend, da ich nun von allen Seiten viel Lob und Anerkennung bekam. Mein Vater betrachtete dies fast als eine Art Schande und so konnte ich nur auf die volle Unterstützung meiner Mutter hoffen. Allerdings räume ich ein, dass auch mein Vater im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten und auf Drängen meiner Mutter alles tat, um mich auf meinem Wege in eine künstlerische Laufbahn zu unterstützen. Mein erster Förderer war dann auch ein früherer Schulkamerad von ihm, der als freischaffender Künstler tätig war: Walter vom End. Während meiner Ausbildung zum Musterzeichner traf ich dann auf die Eheleute Sigrid und Klaus Mundt, die beide ein Kunststudium an der Folkwangschule in Essen absolviert hatten, mich aufmunterten und mir dabei halfen, selbst ein solches Studium anzustreben und aufzunehmen.

Meine Ausbildung

Manfred Evertz - Abstraktes Bild 2Meine Ausbildung besteht im Wesentlichen aus der Lehre als Musterzeichner (drei Jahre) in Krefeld sowie dem Studium an der Folkwangschule in Essen (vier Jahre). Das Kunststudium wurde mir ermöglicht durch das Bestehen einer Begabten-Sonderprüfung, mittels derer ich ein Jahr jünger und ohne Abitur dafür zugelassen wurde. So war ich im Alter von 17 der jüngsten Student dieser Schule. Die auf diesem Wege erlangte Fachlichkeit, die mir zudem ein Pädagogik-Studium in Norwegen möglicht machte, brachte mir den Beruf als Lehrer bzw. Studienrat an einem Gymnasium ein. Im Jahre 1979 wanderte ich dann nach Norwegen aus, wo ich fortan mehr als 20 Jahre als Studienrat und Kunstpädagoge tätig war. Mit einigen Unterbrechungen betätigte ich mich seither als freischaffender Künstler, was ich mir im Grunde auch immer wünschte. Obwohl ich also den größten Teil meines Lebens in Norwegen verbracht habe, ist mir meine deutsche Staatsangehörigkeit geblieben.

Die Stufen meiner Entwicklung

Das Kunststudium an der Folkwangschule in Essen ist natürlich das zentrale Ereignis meiner Ausbildung, weil es mir auch in Norwegen alle Türen öffnete, so dass ich als Folge daraus ein praktisch-pädagogisches Studium absolvieren konnte, was mir wiederum eine gesicherte Existenz als Lehrer mit Pensionsberechtigung ermöglichte. Besonders jetzt – im Alter von 67 – weiß ich das sehr zu schätzen. Obwohl das eigentlich nur wenig mit meiner künstlerischen Entwicklung zu tun hat, wirkt ja letztendlich alles Erlernte und Erfahrene irgendwie darauf ein.

Panzer & BlumenDirekt – auf meine künstlerische Tätigkeit – übte der Surrealismus den größten Einfluss auf mich aus. Ich glaube, dass das Surreale einer gewissen „Wahrheit“ am nächsten kommt. Mit dieser „Wahrheit“ (im allgemeinen Sinne), befasste ich mich über viele Jahre in Form autodidaktischer Philosophiestudien, um zu dem Schluss zu gelangen, dass es eine solche nicht gibt, da sich die Dinge und das Sein in ständiger Bewegung und Veränderung befinden. Die „Prozesshaftigkeit des Seins“ wurde so zu einem Leitbild, das mich sehr prägte. Im Zusammenhang mit meiner praktischen künstlerischen Aktivität hatte ich mehre internationale Vorbilder, bspw. den Engländer Francis Bacon und den Deutschen Anselm Kiefer.

Aufgrund bitterer Erfahrungen im Familien- und Freundeskreis erkannte ich auch den psychologischen Aspekt des Seins, wodurch ich jetzt nicht mehr nur die Prozesshaftigkeit, sondern ebenso die psychologische Dimension im Leben eines einzelnen Menschen, aber auch der sozialen Zusammenhänge der Menschheit als Ganzes, zu erkennen glaube. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis, habe ich maßgeblich an der Gründung, Manifestierung und dem Aufbau der internationalen Kunstbewegung PSI-ART (Psychosymbolismus International) mitgearbeitet.

Meine Botschaft

PSI-Arts 1Trotz aller bewussten oder automatischen Expressivität – also Ausdrucksstärke -, versuche ich in meinen Bildern möglichst viele handwerkliche und theoretische Kriterien durchblicken zu lassen. Wohl wissend, dass dies keine aktuellen Kriterien mehr sind, sehe ich sie für mich weiterhin als Basis an. Darüber hinaus interessiere ich mich sehr für die Postmoderne und bemühe mich darum (soweit es geht), „als Mensch in seiner Zeit“, meinen persönlichen Beitrag dazu zu leisten.

Meine Inspiration

Die Freude an meiner Arbeit ist mit der Zeit einer gewissen Besessenheit gewichen bzw. hat sich zu einer Art „Selbsttherapie“ entwickelt. Der therapeutische Aspekt rückte also immer mehr in den Vordergrund. Auch meinen Schülern versuche ich zu vermitteln und klarzumachen, dass sich ihnen allein schon durch das Befassen mit Kunst eine weitere Dimension ihres Daseins eröffnet. Da mir der größere künstlerische Durchbruch bislang nicht gelungen ist, bin ich zwar nicht besonders stolz auf meine Leistung, angesichts der Reaktionen einiger Menschen auf meine Arbeiten verspüre ich allerdings immer wieder eine gewisse (freudige) Verwunderung.

PSI-Arts 2Die Motive und Themen meiner Bilder ergeben sich aus inneren Prozessen, d. h. sie sind Problemstellungen und Reflexionen des täglichen Geschehens. Die Suggestivkraft entsteht aus der Auseinandersetzung mit der authentischen Situation während des Schaffensprozesses sowie aus der expressiven Kraft der Farben und Formen. „Schwierige Themen“ sind ja im Grunde alltäglich bzw. allgemein und fallen damit automatisch in den Bereich jener Herausforderungen, welche bearbeitet werden sollten. Nur die Abkopplung und Flucht davor treibt den Kunstschaffenden zuweilen in die Welt des „Glanzbildes“, die natürlich nicht echt ist. Dem gegenüber ist das Surreale – das aus der Seele kommende – wahrhaftig, wenn es auch nicht unbedingt immer mit einem allgemeinen Realbild übereinstimmt und sehr unbehaglich sein kann.

Generell glaube ich, dass jede künstlerische Tätigkeit aus der Seele des Schaffenden kommt und mit dieser untrennbar verbunden ist. So ist die Kunst immer auch von der Psyche des Künstlers geprägt. Für mich ist sie zur Selbsttherapie geworden, die jedoch nicht unbedingt immer erfolgreich ist. Sie geht in eine Art „Abhängigkeit“ über, die sich aus meinem inneren Drang zur Selbsterkenntnis ergibt. Es überrascht mich, dass der direkte Zusammenhang zwischen Kunst und Psychologie scheinbar nicht grundsätzlich gesehen wird. Der Mensch ist m. E. ein psychologisches Wesen – also ist auch jede künstlerische Tätigkeit eine Ausdrucksform der Psyche des Menschen.

Mein Lebenswerk

Ausstellung mit Werken von Manfred EvertzDazu muss ich zunächst sagen, dass ich über ein umfangreiches Werk verfüge, das sowohl Bilder in verschiedenen Formaten, auch Großformate (bis zu 350cm lange Malereien und Materialbilder) sowie dreidimensionale Objekte (Installationen und Skulpturen) umfasst, insgesamt also mehrere hundert Exponate. Der Verkauf oder die intensive Ausstellungstätigkeit bzw. eine besondere Exponierung in der Öffentlichkeit gehörten nie zu meinen Stärken. Das Lebenswerk meiner praktischen bzw. handwerklichen Arbeit liegt also zum größten Teil noch auf Lager, abgesehen von einigen öffentlich ausgestellten oder sich im privaten Besitz befindlichen Kunstobjekten in Deutschland, Norwegen und den USA.

Seit dem Jahre 2010 habe ich mich verstärkt um die Gründung und Lancierung einer neuen Kunstrichtung und globalen Künstlergruppe, der PSI-ART (Psychosymbolismus International), bemüht. Die Tätigkeit in diesem Zusammenhang liegt mir besonders am Herzen und schwebte mir schon seit Jahrzehnten vor. Erst seit Beginn der Kooperation mit der Lyrikerin und Kunstgeschichtlerin Christine Matha (Italien) im Jahre 2011 begann sich das Projekt zu realisieren und wird jetzt in Form von internationalen Gruppen-Ausstellungen, Büchern und Katalogen sowie im Internet publiziert.

Mein Schicksal

Bild im RahmenAufgrund eines früheren, allzu großen Ambitions-Niveaus, waren meine Wünsche und Erwartungen immer so hoch gesteckt, dass eine Realisierung vollkommen außerhalb der realistischen Möglichkeiten lag. Dies hat mich im Alter sehr ernüchtert und in einen depressiven Zirkel hineingetrieben, so dass ich heute weder wesentliche Hoffnungen noch größere Wünsche hege. Viele Menschen sagen mir, dass ich mit dem Erreichten durchaus zufrieden sein könne. Bisweilen gelingt es mir auch, das so zu sehen. Aber der Abstand zwischen dem Erreichten und dem Gewünschten bzw. dem damals Erhofften ist so groß, dass ich in mir eine Kluft spüre, für die ich keine stimmige Überbrückung finde.

Im privaten Bereich habe ich eine liebenswerte Familie, zwei Töchter (aus erster Ehe) und drei Enkelkinder, die mir sehr viel Freude bereiten. Meine Ehepartnerin Liv besitzt eine kleine Galerie im Ort und wir arbeiten auch im künstlerischen Bereich zusammen. Obwohl mir dies für kurze Perioden immer wieder eine gewisse innere Zufriedenheit ermöglicht, werde ich stetig von meinem Gewissen (dem eigenen Schicksal gegenüber) geplagt.

Kontakt:

Einige Anregungen zur Selbstreflexion, die in der Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden sind, finden Sie hier.

Art & Poems 2

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Ein paar gute Fragen

Manfred Evertz

Fühlen Sie sich ausgebrannt, übermäßig erschöpft oder chronisch überfordert? Sind Sie ständig müde oder haben keine Energie mehr und das ewige Grau des Alltags satt? Oder kennen Sie Menschen, denen es so ergeht? Auch wenn es sicher kein Allheilmittel dafür gibt, kann Ihnen dieser Blog-Artikel ein paar Ideen an die Hand geben, mit denen sich vorhandene Kräfte auffrischen und neue Wege entdecken lassen, um (künftige) Belastungssituationen erfolgreicher zu meistern oder sie zumindest besser zu überstehen.

„Das Wichtigste ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ Albert Einstein

Nehmen Sie sich zunächst etwas Zeit, die folgenden Fragen zu beantworten. Noch besser ist es, Sie lassen sich diese von einer Person Ihres Vertrauens stellen, die nachhaken kann, sollten Sie dazu tendieren, ausweichend zu antworten.

  • Wie würden Sie Ihre aktuelle Arbeitsbelastung auf einer Skala von 1 bis 10 einstufen? Welchen Wert halten Sie mittel- oder langfristig für erstrebenswert und durchhaltbar? Wie können Sie es schaffen, dorthin zu gelangen?
  • Was müsste jemand anderes tun, um sich genauso überlastet fühlen zu können, wie Sie es zurzeit tun? Was können Sie daraus lernen?
  • Was könnten Sie aktiv dafür tun, um möglichst schnell auszubrennen bzw. um sich innerhalb kürzester Zeit vollkommen zu verausgaben? Was wäre ein mögliches Gegenteil davon?
  • Woran erkennen Sie die Grenzen Ihrer eigenen Belastbarkeit? Wie genau schaffen Sie das?
  • In welchen Situationen fällt es Ihnen leicht, Ihre eigene Belastungsgrenze zu erkennen und sich selbst zu stoppen? Was unterscheidet diese Situationen von denen, in denen es Ihnen schwer fällt?
  • Wie haben Sie es in der Vergangenheit geschafft, sich vor einer Überlastung zu schützen?
  • Welche Person aus Ihrem Umfeld ist am ehesten davon überzeugt , dass Sie Ihre eigenen (Belastungs-)Grenzen kennen. An welcher Beobachtung würde diese Person das festmachen?
  • Gab es in der letzten Zeit Tage, an denen Sie sich bewusst Zeit für sich genommen und die Arbeit liegengelassen haben? Wie haben Sie das geschafft? Welche Gedanken haben Ihnen zu dieser Entscheidung verholfen?
  • Unter welchen Bedingungen erlauben Sie es sich, Ihr eigenes Wohl über das anderer Menschen bzw. Ihres Unternehmens zu stellen?
  • Wie leicht fällt es Ihnen, anderen Menschen klare Grenzen aufzuzeigen? Bitte schätzen Sie sich ein auf einer Skala von 1 bis 10? Woran würden die anderen es merken, wenn Sie jetzt bei einer 10 wären?
  • Wann haben Sie sich zuletzt erfolgreich abgegrenzt und wie genau haben Sie das getan?
  • Wer aus Ihrer Familie hat Sie in Ihrer Jugend dazu ermutigt, für sich selbst zu sorgen und sich gegebenenfalls klar abgrenzen zu dürfen? Welchen Rat würde diese Person Ihnen heute geben?
  • Wenn Sie Ihr eigener Selbstfürsorge-Berater wären, welchen Rat würden Sie sich bezogen auf Ihr aktuelles Arbeitspensum bzw. Ihre Einstellung zur Arbeit geben?

„Die meisten Menschen sind unzufrieden, weil die wenigsten wissen, dass der Abstand zwischen Eins und Nichts größer ist als der zwischen Eins und Tausend.“ Carl Ludwig Börne

Manchmal fällt es einem schwer, mit sich und dem, was man erreicht hat, zufrieden zu sein. Eine übermäßige Selbstkritik bzw. ein überhöhter Anspruch an die eigenen Leistungen kann eine mögliche Ursache sein. Deshalb ist es gelegentlich erleichternd zu erfahren, wie andere über uns denken. Testen Sie es! Wählen Sie hierzu drei Menschen aus, die Ihnen persönlich nahe stehen, und bitten Sie sie darum, sich in dem folgenden Fragebogen über Sie zu äußern. Geben Sie die Instruktion, dabei möglichst ehrlich zu sein, und lassen Sie sich von den Ergebnissen überraschen.

Fragebogen

„Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt.“ Alfredo Le Mont

Manfred Evertz - Einsamkeit II

Manfred Evertz

Dass auch das soziale Umfeld einen großen Einfluss darauf hat, wie sehr man gegen eventuelle Widrigkeiten des Lebens gewappnet ist, ist eine Binsenweisheit. Doch wird gerade in schwierigen Lebensphasen leicht übersehen, welche Ressourcen in den Beziehungen liegen, die wir zu anderen Menschen haben. Nicht ohne Grund gehört der soziale Rückzug zu den Hauptsymptomen einer Depression sowie zu den Begleiterscheinungen eines Burnouts, was die Chancen auf eine rasche Heilung nicht gerade verbessert. Aber auch unabhängig von einer solchen Erkrankung lohnt es sich, über folgende Fragen einmal nachzudenken.

  • Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem derzeitigen Freundes- und Bekanntenkreis (auf einer Skala von 1 bis 10) und wie zufrieden wären Sie gern?
  • Wie könnten Sie es schaffen, Ihren Skalenwert auf eine 1 (= vollkommen unzufrieden) herabzusenken? Was müssten Sie dafür tun?
  • Welche Eigenschaften mögen Sie besonders an Ihren Freunden?
  • An welche gemeinsamen Erlebnisse denken Sie gern zurück?
  • Welches davon hat Ihnen am meisten Freude bereitet und was genau haben Sie dazu beigetragen, dass es dazu kam?
  • Mit welchen Menschen aus Ihrem Umfeld hätten Sie gern mehr Kontakt und was können Sie dafür tun?
  • Womit könnten Sie ihnen eine Freude machen? Wann haben Sie das zuletzt getan? Wann möchten Sie es das nächste Mal tun?
  • Gibt es jemanden, den oder die Sie gern näher kennenlernen möchten? Was zeichnet diese Person aus? Wo könnten Sie Menschen treffen, die ähnliche Eigenschaften haben?

„Die Welt wäre schöner, wenn man nicht wünschte, dass die Welt schöner wäre.“ Wolfgang J. Reus

Manfred Evertz - schöne Welt

Manfred Evertz

Es mag banal sein, aber das Entwickeln einer optimistischen Sichtweise ist die wirkungsvollste Methode, um die eigenen Abwehrkräfte zu stärken. Im Alltag sind wir immer wieder mehrdeutigen (sozialen) Situationen ausgesetzt, die wir dann unserer Veranlagung entsprechend in für uns schmeichelhafter oder abträglicher Weise interpretieren. Im Sinne einer selektiven Wahrnehmung entscheidet vor allem unsere affektive Veranlagung darüber, was wir uns angewöhnen in den Vordergrund zu rücken oder zu ignorieren. Deshalb hat es erhebliche Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit, wenn man sich der guten und schönen Dinge bewusster wird und ein positives Selbstbild entwickelt. Folgende Fragen können beispielsweise dazu anregen, die Gedanken einmal in eine solche Richtung zu lenken:

  • Was war der schönste Tag in Ihrem bisherigen Leben?
  • Worüber haben Sie sich zuletzt so richtig gefreut?
  • Womit kann man Ihnen eine große Freude bereiten?
  • Wofür sind Sie in Ihrem Leben dankbar?
  • Worauf sind Sie stolz?
  • Was können Sie wirklich gut?

Selbstverständlich ersetzen all diese Fragen keine Therapie und sie sind im Falle einer ernsthaften psychischen Erkrankung auch wenig hilfreich. Wenn Symptome wie Stimmungstiefs, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Ängste etc. bereits so stark ausgeprägt sind, dass der Leidensdruck ein erträgliches Maß übersteigt, sollte nicht davor gescheut werden, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Der Pro Psychotherapie e. V. bietet in diesem Zusammenhang einen kostenlosen Burnout-Selbstbeurteilungstest (hier) an, der Aufschluss über eine mögliche Gefährdung gibt und aufzeigt, ob das Aufsuchen eines Therapeuten bereits zu empfehlen ist.

Ein Ratgeber zum Thema „Burnout“, den ich gern empfehle, ist „Dr. Burischs Burnout-Kur – für alle Fälle“ von Prof. Dr. Matthias Burisch (Rezension).

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Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Ärgern Sie sich manchmal übermäßig stark über Ihre Vorgesetzten oder Kollegen? Sind Sie in manchen Situationen wie erstarrt oder haben einen Kloß im Hals, ohne zu wissen, warum das so ist. Verschlägt es Ihnen bei Präsentationen oder in Gesprächen die Sprache und Sie haben keine Erklärung dafür? Bereitet es Ihnen Schwierigkeiten, ein angemessenes Honorar für Ihre Leistungen zu verlangen, obwohl Sie wissen, welchen Wert diese haben? Es gibt Situationen, in denen es so wirkt, als würden wir uns selbst im Weg stehen. Obwohl unser Selbstbild eigentlich etwas anderes erwarten ließe, verhalten wir uns ungeschickt oder geraten in emotionale Verstrickungen, die uns daran hindern, persönlich bedeutsame Ziele zu erreichen oder mit den tatsächlichen Gegebenheiten in angemessener Weise umzugehen. So können Blockaden, Konflikte oder Verstimmungen entstehen, die bei genauerer Betrachtung keinen Sinn zu ergeben scheinen. Doch wie kommt es dazu und – vor allem – wie lässt sich das ändern?

„Gesunde Menschen brauchen eine glückliche Kindheit.“ Astrid Lindgren

Edgar Piel

Edgar Piel

Kinder sind im hohen Maße auf die Zuwendung und Liebe ihrer Eltern angewiesen und sie lernen früh und nachhaltig, was sie dafür tun müssen. In der Interaktion mit den sie umgebenden Bezugspersonen erfahren sie also, durch welche Verhaltensweisen ihnen das gelingt bzw. wie sie sich vor (seelischen) Verletzungen schützen können. Auf diese Weise werden spezifische Reaktionsmuster internalisiert, die sie in ähnlichen Situationen bzw. später immer wieder aufs Neue abrufen. Da jedes Elternteil eine individuelle charakterliche Struktur aufweist, sind auch die Strategien, die Kinder entwickeln, sehr unterschiedlich. Im optimalen Fall führen sie auch in künftigen sozialen Beziehungen, in die sie „übertragen“ werden, zum erwünschten Ziel oder Schutz. Leider ist das aber nicht immer so. Vor allem dann, wenn in den ersten Lebensjahren negative Gefühle vorherrschend sind oder sogar schlimme Erfahrungen gemacht werden, können solche Übertragungseffekte dysfunktional werden und zu großen Problemen führen. Aus systemischer Sicht ließe sich vielleicht noch ergänzen, dass jedes Kind in dem System „Familie“ eine gewisse „Funktion“ erfüllt, die dort sozusagen „eingeübt“ und später (unbewusst) wie eine Art Skript (mit spezifischen Erwartungs- und Verhaltensmustern) auf andere Systeme übertragen wird. Auch diese Betrachtungsweise lässt erahnen, wie schwierige Verhältnisse und konflikthafte oder -trächtige Beziehungen in der Primärgruppe noch Jahre später Probleme hervorrufen können. So agieren Erwachsene oftmals so, als würden sie eine frühkindliche Szene nachspielen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Kränkungen oder Gefühle der eigenen Wertlosigkeit, deren Ursprung im Kindesalter liegen, können dann durch das Verhalten von Personen, die damit in keinem Zusammenhang stehen, angetriggert bzw. erneut erlebbar werden und die gleichen intensiven Gefühle und Reaktionen auslösen, die bereits in der Kindheit darauf erfolgt sind.

Der Psychoanalytiker und Soziologe Alfred Lorenzer sieht in der Übertragungsneurose ein deformiertes Sprachspiel, welches sich mittels eines Vergleiches von aktuellen und lange zurückliegenden Situationen entschlüsseln lässt (1). Natürlich gibt es auch Übertragungen, die angenehme Gefühle bewirken und dazu führen, dass Menschen sich einander zuwenden, freundlich sind und Vertrauen entwickeln. Zwar sind es in der Regel die negativen Übertragungen, die einen in Schwierigkeiten bringen und eine Veränderungsmotivation bewirken, dennoch ist zu bedenken, dass die Gefühle, die man für einen anderen Menschen empfindet, oftmals ambivalent sind, vor allem dann, wenn es sich um nahe Verwandte handelt.

Der Schatten der Vergangenheit

Manfred Evertz - Narben der Kindheit

Manfred Evertz

Nicht jedes Kind wächst in einem liebevollen und harmonischen Umfeld auf. Laut einer Studie des „Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen“ (2) erlebten im Laufe des Jahres 1998 12% aller Kinder unter zwölf Jahren häusliche/körperliche Gewalt. 8,1% von ihnen mussten sogar schwere Züchtigungen über sich ergeben lassen. Nicht berücksichtigt hierbei sind andere Formen der Misshandlung (z. B. sexueller Missbrauch, Vernachlässigung oder psychische Misshandlung, von der man dann spricht, wenn Eltern oder andere Betreuungspersonen Kinder überfordern, sie ängstigen oder ihnen ein Gefühl der Wertlosigkeit vermitteln). Würde man diese mit einbeziehen, ergäbe sich eine deutlich höhere Zahl. Die Folgen sind gravierend. So wird immer wieder durch Studien belegt, dass bei vielen eine Selbstwertproblematik entsteht, sie verhaltensauffällig werden und/oder diese Erlebnisse ihre geistige Entwicklung beeinträchtigen (3). In einer 1994 veröffentlichten Studie (4) konnte u. a. aufgezeigt werden, dass Kinder, die im Alter von drei Monaten vernachlässigt wurden, noch vier Jahre später ein erhöht aggressives bzw. impulsives Verhalten zeigten und sich einnässten oder einkoteten sowie gravierende kognitive Rückstände aufwiesen. Auch die Spätfolgen sind beachtlich: So (5) sind sie in der Jugend deutlich anfälliger für Ängste, Depressionen, Suizidalität oder Suchtprobleme und es lassen sich häufiger Störungen im Sozialverhalten sowie Delinquenz feststellen, bei einem Teil der Betroffenen sogar noch im Erwachsenenalter (6, 7). Frühe Stresserfahrungen lassen demnach psychische und psychosomatische Erkrankungen wahrscheinlicher werden (8). Obwohl die Resilienzforschung (9) diverse Ressourcen ausmachen konnte, die die psychische Widerstandsfähigkeit steigern und einen psychopathologischen Verlauf verhindern können (z. B. das Vorhandensein von mindestens einer stabilen Bezugsperson, ausgeprägte soziale Kompetenzen, Selbstwirksamkeitserfahrungen etc.), bleiben die gemachten Erfahrungen im emotionalen Gedächtnis in Form sogenannter innerer Arbeitsmodelle von Bindung erhalten und wirken auf (meist) subtile Weise nach, d. h. sie werden in künftigen Beziehungen aktiviert und üben einen wesentlichen Einfluss auf das Selbstvertrauen und das Selbstbild aus. Dies betrifft vor allem – aber nicht nur – Gewalterfahrungen, die einen gewissen Schweregrad überschreiten bzw. die nicht durch vorhandene Resilienzfaktoren abgefangen werden können (10).

„Die Vernunft ist dem Menschen gegeben, damit er sich von dem befreie, was ihn beunruhigt.“ Leo N. Tolstoi

In dem Buch „Ein Kurs in Wundern“ (11), einer Synthese zeitloser geistiger Einsichten und psychologischer Erkenntnisse, werden die schattenhaften Gestalten aus der Vergangenheit als Schmerzensstellen im Geiste bezeichnet, die einen dazu anweisen, in der Gegenwart anzugreifen und Vergeltung für eine Vergangenheit einzufordern, die es nicht mehr gibt. Folgt man ihnen, so bewirkt das vergangene Leid auch künftiges. Eine Befreiung ist aber in jedem gegenwärtigen Moment möglich, indem man sich bewusst wird, einer Illusion zu unterliegen. Doch wie kann das gelingen?

Papa, Du stehst mir im Weg!

Die Grundidee der Übertragung ist es, dass unbewusste Wünsche in das Vorbewusste gelangen (12) und sowohl die Wahrnehmung wie auch das Verhalten steuern. Das Konzept erlangte Berühmtheit durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds und wurde später erweitert, da deutlich wurde, dass auch Rollenerwartungen, verdrängte Gefühle und Affekte sowie Befürchtungen, die zunächst auf die Eltern oder Geschwister bezogen waren, nicht selten bis ins Erwachsenenalter präsent bleiben und zu erheblichen Problemen oder Spannungen in gegenwärtigen Beziehungen führen können. Ohne eine therapeutische Unterstützung lassen sich Übertragungen mit den tiefenpsychologischen Techniken (z. B. freies Assoziieren, Traumdeutung, etc.) nicht auflösen, da der natürliche Schutzmechanismus der Verdrängung das bewusste Erinnern an die ihnen zugrunde liegenden Ereignisse erschwert oder sogar verhindert. Dennoch kann man sich z. B. folgende Fragen stellen:

  • An wen aus meiner Vergangenheit erinnert mich mein Gegenüber?
  • Habe ich als Kind ähnliche Situationen erlebt?
  • Kenne ich die Reaktion meines Gegenübers (oder meine eigene) aus meiner Kindheit?
  • Wem gegenüber habe ich mich früher auf eine ähnliche Weise verhalten?
  • Ist mir das Gefühl vertraut, das ich in diesem Moment habe?

Dem Modell der Transaktionsanalyse (13, 14) zufolge entwickeln Menschen sehr früh eine Art Skript, nach dem sie ihr Leben gestalten. In diesem können sogenannte Einschärfungen enthalten sein, die ihnen in Form von Verboten mit auf den Weg gegeben wurden und die sich auf das individuelle Verhalten in den unterschiedlichsten Situationen auswirken. Beispiele hierfür sind „Sei nicht!“, „Sei nicht wichtig!“, „Sei nicht erfolgreich!“ oder „Gehör nicht dazu!“. Sie verdeutlichen, welche Rolle einem Kind in der Ursprungsfamilie zugewiesen wurde bzw. wie es sich grundsätzlich zu verhalten hatte. Diese Anweisungen werden oftmals so sehr verinnerlicht, dass sie auch dann noch unbewusst befolgt werden, wenn sich der Kontext längst verändert hat. So gibt es Menschen, die sich ihr Leben lang darum bemühen, ihren eigenen Weg zu gehen, ihre Interessen durchzusetzen, (berufliche) Erfolge zu erzielen oder in einem Team bzw. in einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden, und damit immer wieder scheitern, weil sie – ohne es zu wissen – dem gehorchen, was ihnen in ihrer Kindheit aufgetragen wurde. Die (innere) Stimme des Vaters, der Mutter oder einer anderen wichtigen Bezugsperson scheint die tatsächlichen Gegebenheiten zu übertönen und die Möglichkeit, sich frei zu entfalten, nachhaltig zu beeinträchtigen. Diese Skripte zu entdecken und den Betroffenen dabei zu helfen, sich davon zu lösen, erfordert großes therapeutisches Geschick und lässt sich kaum allein bewerkstelligen. Helfen kann es aber schon, das eigene Leben einmal aus der Vogelperspektive zu betrachten, um die vorliegenden Muster aufzuspüren, und sich bewusst zu machen, welche Restriktionen man sich bei seinen Bemühungen auferlegt (und woher sie kommen), die es verhindern, das zu erreichen, was man eigentlich will.

Elisabeth Naomi Reuter

Auch die Schematherapie (15), ein integratives Psychotherapieverfahren zur Erklärung und Behandlung von Störungsbildern, die ihren Ursprung in der Kindheit oder Jugend haben und denen oftmals Traumatisierungen oder Vernachlässigungen zugrunde liegen, geht einen ähnlichen Weg. Hierbei wird versucht, dysfunktionale Beziehungsmuster aufzulösen, die sich früh herausgebildet haben, um frustrierte Grundbedürfnisse (z. B. nach Bindung) entweder (doch noch) zu erfüllen oder sie durch die Befriedigung anderer (z. B. dem nach Autonomie) zu kompensieren. Ähnlich wie bei den in der Transaktionsanalyse beschriebenen Skripten gehen mit ihnen bestimmte Wahrnehmungs-, Handlungs- und Denkmuster bzw. Bewältigungsstrategien (Vermeidung, Erduldung oder Kompensation) einher, die (vergleichbar mit Trampelpfaden im neuronalen Netz der Betroffenen) äußerst veränderungsresistent sind und jeweils mit einem ganzen Komplex dysfunktionaler Glaubenssätze in Verbindung stehen können. Das Modell differenziert achtzehn verschiedene kognitiv-emotionale Bewältigungsschemata, die sich durch entsprechende therapeutische Interventionen (wie z. B. dem „Nachnähren“ oder der empathischen Konfrontation) schrittweise auflösen lassen. Vereinfacht lässt sich sagen, dass die Wahrnehmung aktueller Situationen und das durch sie ausgelöste Verhalten durch eine „Übertragung“ dessen gesteuert wird, was in der Kindheit „erlernt“ wurde.

Es ist sehr schwierig, die eigene Vergangenheit ohne therapeutische Hilfe zu klären. Zumindest bei weniger dramatischen Vorkommnissen ist diese aber nicht immer zwingend erforderlich. Wenn man nun also selbst etwas tun möchte, bieten sich am ehesten die Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie an. Eine Möglichkeit ist es zum Beispiel, jene Situationen in einem Tagebuch festzuhalten, in denen man Gefühle bei sich bemerkt, die vermutlich unangemessen oder übermäßig intensiv sind, diese sowie die in ihnen ausgelösten Emotionen darin zu beschreiben und jene Gedanken zu ergänzen, die währenddessen ins Bewusstsein gelangen. Mittels einer Reflexion (oder Disputation) können bestehende Ambivalenzen dann aufgelöst werden, wobei die in diesem Zusammenhang auftretenden Bedenken und Missstimmungen mit offenen Fragen auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen sind. Daraufhin hat man dann die Möglichkeit, sich für ein funktionaleres Verhalten zu entscheiden bzw. das (unwillkürlich durch Trigger ausgelöste) Reaktionsmuster künftig bewusst zu durchbrechen. Im Vorfeld sollte man zunächst angemessene Ziele und Wertvorstellungen herausarbeiten, sich darin bestärken, dass eine Verhaltensänderung gelingen kann, und entsprechende Resultate im Nachhinein vergegenwärtigen, damit Selbstwirksamkeitserfahrungen spürbar gemacht und dazugehörige Überzeugungen gefestigt werden. Dabei auftretenden Widerständen ist am besten mit Geduld und Selbstakzeptanz zu begegnen.

Auch mit der Methode des Inneren Teams lässt sich ein guter Einblick in die eigene Bedürfnisstruktur gewinnen, aus der heraus ein zunächst befremdlich erscheinendes Verhalten erklärbar und veränderbar wird. Hierbei wird die Persönlichkeit des Menschen als eine Art Team und die in einer Situation erkennbar werdenden Gefühle, Gedanken, Impulse oder Bedürfnisse als dessen Mitglieder aufgefasst. Mittels eines inneren Dialoges können diese miteinander ins Gespräch gebracht und dazu bewogen werden, eine gemeinsame (funktionale) Strategie zu entwickeln. Eine genauere Beschreibung der Methode lässt sich in dem Buch „Miteinander Reden: 3 – Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation“ (16) nachlesen. Meinen eigenen Erfahrungen zufolge ist diese Technik sehr wirkungsvoll und (auch) für Laien eine gute Möglichkeit, selbstreflexive Prozesse zu initiieren.

Unterdrückt man ein Gefühl oder Bedürfnis dauerhaft und werden zudem raffinierte Vermeidungsmuster entwickelt, die es an seiner Entstehung hindern oder bereits im Keim ersticken, breitet es sich allmählich auf andere Lebensbereiche aus. So wird es stärker und immer diffuser. Betreffen kann dies auch jene Empfindungen, die man den eigenen Eltern gegenüber hatte, aber nicht haben „durfte“. Irgendwann werden sie evtl. so einnehmend und zugleich derart irrational, dass man der eigenen (Selbst-)Wahrnehmung nicht mehr traut. Die „unerwünschten“, abgespaltenen Emotionen können sich dann bspw. im Rahmen von Übertragungen auf andere Menschen richten und äußerst dysfunktionale Reaktions- bzw. Verhaltensmuster zur Folge haben. Die eigenen Gefühle zuzulassen, sie ernst zu nehmen und achtsam mit ihnen umzugehen, ist ein erster Schritt, sich daraus zu befreien. Die Kunst liegt aber vor allem darin, sie auch in angemessener Form zum Ausdruck zu bringen. Das muss allerdings in der Regel zunächst gelernt und dann geübt werden.

Sind die Verstrickungen so ausgeprägt, dass sie seelisches Leid hervorrufen, ist eine psychotherapeutische Behandlung angeraten. In leichteren Fällen kann es bereits helfen, sich ein paar Fragen (s. o.) zu stellen, mit denen man eine entsprechende Situation beleuchtet, einen inneren Dialog zu initiieren oder ein Gefühlstagebuch zu führen. Da Übertragungen stets mit Emotionen einhergehen, lösen sie sich manchmal nur langsam auf. Durch ein wiederholtes Bewusstmachen dessen, was in den entsprechenden Situationen oder Interaktionen abläuft, verlieren sie aber allmählich ihre Wirkung. Als Konstrukteure unserer eigenen Wirklichkeit haben wir es letztendlich selbst in der Hand, uns von den Schatten der Vergangenheit zu befreien und das, was in unserer Kindheit zum Scheitern verurteilt war, in der Gegenwart zum Erfolg zu führen.

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Literatur:

  1. Lorenzer, Alfred. Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Ffm. 1970, Neuausgabe 1973.
  2. Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen, Christian Pfeiffer, Peter Wetzels und Dirk Enzmann, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, 1999
  3. Hildyard, K. L., Wolfe, D. A. (2002). Child neglect. Developmental issues and outcomes. In Child Abuse & Neglect, 26, 679-695.
  4. Esser, G., Laucht, M. & Schmidt, M. H. (1995). Der Einfluss von Risikofaktoren und der Mutter-Kind-Interaktion des Säuglingsalters auf die seelische Gesundheit des Vorschulkindes. Kindheit und Entwicklung, 4, 33-42.
  5. Eckenrode, J., Zielinski, D., et al. (2001). Child maltreatment and the early onset of problem behaviors: Can a program of nurse home visitation break the link?. Development and Psychopathology, 13, 873-890.
  6. McCord, J. „Conduct Disorder and Antisocial Behavior: Some Thoughts about Processes.“ Development and Psychopathology, 5, 321-329, 1993.
  7. Bifulco, A, Moran, P. M., Ball, C., & Bernazzani, O. (2002). Adult Attachment Style: I. Its relationship to clinical depression. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 37, 50-59.
  8. Teicher M. H., Andersen S. L., Polcari A., Anderson C. M., Navalta C. P. Developmental neurobiology of childhood stress and trauma. The Psychiatric Clinics of North America. 2002;25(2): 397–426.
  9. Wustmann, C. (2005). „So früh wie möglich!“ – Ergebnisse der Resilienzforschung. In IKK-Nachrichten (1-2), 14-19.
  10. Lillig, S. (2006). Welche Aspekte können insgesamt bei der Einschätzung von Gefährdungsfällen bedeutsam sein? In Kindler, H., Lillig, S., Blüml, H., Werner, A.,
  11. Rummel, C. (Hrsg.). Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst. München.
    USA Foundation für Inner Peace (Hrsg.). Ein Kurs in Wundern (1994). Greuthof, Gutach i.Br.
  12. Freud, Sigmund. Die Traumdeutung. [1900] Gesammelte Werke, Band II/III, S. Fischer, Frankfurt / M, folgende Seitenangaben aus: Taschenbuch-Ausgabe der Fischer-Bücherei, Aug. 1966; zu Stw. „Übertragung“: S. 458 f.
  13. Stewart, I. & Joines, V. (2010). Transaktionsanalyse (10. Auflage). Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau.
  14. Dehner, U. & Dehner, R. (2013). Transaktionsanalyse im Coaching. managerSeminare Verlags GmbH, Bonn.
  15. Young J. E., Klosko J. S., Weishaar M. E. (2005). Schematherapie. Ein praxisorientiertes Handbuch. Junfermann, Paderborn.
  16. Schulz von Thun, F. (1998). Miteinander Reden: 3 – Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek.

(Dieser Artikel wurde im Juni 2015 überarbeitet.)

Die Akzeptanz des Ungeliebten

Warum es wichtig und sinnvoll ist, wertschätzend mit Mitarbeitern (und Kollegen) umzugehen, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Der in vielen Branchen bestehende Konkurrenz- und Leistungsdruck macht es den Menschen allerdings nicht immer leicht, sich jederzeit so zu verhalten. Auch ist es verständlich, dass Mitarbeiter dazu neigen, im Unternehmen ein bestimmtes Bild von sich zeigen bzw. diesem entsprechen zu wollen. Dadurch können Ambivalenzen entstehen, die für die Betroffenen manchmal schwer zu ertragen sind: „Muss ich etwas tun, das mir gesagt wird, obwohl es sich nicht gut anfühlt?“, „Was mache ich, wenn mir mein Verstand zu etwas rät, das ich innerlich verurteile oder ablehne?“, „Wie gehe ich damit um, wenn ich Wut auf einen Kollegen oder Vorgesetzten empfinde und diese nicht zeigen möchte?“ oder „Was mache ich, wenn ich traurig bin und mich schwach fühle, obwohl ich doch souverän und selbstsicher sein und wirken will?“ In einem Vortrag aus dem Jahr 1910 benannte der Psychiater Paul Egon Bleuler drei Arten von Ambivalenzen (affektive, voluntäre und intellektuelle) und führte den Begriff damit in die Fachwelt ein.

Manfred Evertz

Menschen neigen oftmals dazu, ihre innere Zerrissenheit bzw. Pluralität dadurch zu „lösen“, indem sie sich mit bestimmten Anteilen ihrer Persönlichkeit identifizieren und andere verdrängen, abspalten bzw. aus ihrer Wahrnehmung verbannen. Diese verstoßenen Anteile suchen aber nun als „ungeschlossene Gestalten“ immer wieder Wege, erlebt werden zu dürfen, um den Menschen zu einer Ganzheit zu führen und um die ihnen zugrunde liegenden Bedürfnisse zu erfüllen. Sie zeigen sich dann oftmals in Form einer unklaren oder inkongruenten Kommunikation bzw. in einem entsprechend uneindeutigen Verhalten und können so zu Konflikten oder Problemen führen, sich also dysfunktional (auch auf die Arbeit) auswirken. Zudem bewirken sie bei den Betroffenen einen Energieverlust und führen zu einer Verflachung der zwischenmenschlichen Kontakte. Die Qualität und die Quantität der Leistung sowie die Beziehungen zu Kunden und Geschäftspartnern können empfindlich darunter leiden.

Viele Menschen haben „gelernt“, nicht alles zu spüren (bzw. spüren zu dürfen), was in ihnen vorgeht. Im schlimmsten Fall haben sie sogar Lebensskripte entwickelt, die es ihnen „verbieten“, so zu sein, wie sie tatsächlich sind. Auch die Einberufung einer Konferenz des eigenen Inneren Teams (wie Prof. Dr. Schulz von Thun es in „Miteinander Reden“ vorschlägt), bei der man in sich hineinhören und sämtliche Regungen, die dann auftauchen, nach ihren dahinterliegenden Bedürfnissen befragen, diese wertschätzend anerkennen und in einen Dialog miteinander bringen soll, führt manchmal nicht umgehend zu einer Lösung, da es immer sogenannte Spätmelder oder ungehörte (bzw. eingekerkerte) Stimmen gibt, die die Bühne des Bewusstseins sehr spät oder überhaupt nicht betreten. Freud hat mit der Beschreibung der Abwehrmechanismen des Unbewussten bzw. in der Triebreduktionstheorie schon vor langer Zeit sehr deutlich aufgezeigt, wie schwierig es sein kann, zu einer vollkommenen Bewusstheit zu gelangen, und mit welch perfiden Tricks Menschen sich daran hindern, mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Eine besonders konfliktträchtige Wirkung erzielen die unterdrückten Anteile oder Gefühle z.B. mittels der Projektion, bei der diese bei einem anderen Menschen wahrgenommen und verurteilt werden. Die Ambivalenz lässt sich dadurch allerdings ebenso wenig auflösen, wie durch eine Überbetonung besonders erwünschter Charakterzüge im Sinne einer Selbst-Idealisierung, da sie eine Ablehnung vorhandener Regungen und damit immer auch eine Selbstabwertung impliziert. Daraus kann schließlich eine Selbstwertproblematik entstehen, die nicht selten zu einer affektiven Störung und damit zu einer (langen) Krankschreibung oder sogar zur Arbeitsunfähigkeit führt.

Edgar Piel

Der Wunsch, einem bestimmten Bild zu entsprechen, veranlasst Mitarbeiter also dazu, die „Außenseiter“ des Inneren Teams in Schach zu halten. Ein Mechanismus, der besonders dramatische Folgen haben kann, ist jener des „Feuerlöschers“ (nach Prof. Dr. Richard C. Schwartz). Drohen unliebsame Gefühle an die Oberfläche zu gelangen, wird sie „gerufen“, um die unerwünschten Regungen zu überdecken oder zu betäuben, zum Beispiel durch Alkohol- oder andere Exzesse, mittels des Konsums von Drogen und Beruhigungsmitteln oder durch die Inszenierung spektakulärer Dramen. Abgesehen davon, dass das Aufflammen zwar kurzzeitig gestoppt wird, das betreffende Gefühl bzw. das dahinterliegende Bedürfnis aber nicht befriedigt und deshalb immer wieder zum Vorschein kommen wird, können die Konsequenzen sehr schwerwiegend – im schlimmsten Fall sogar tödlich – sein. Mindestens aber bringen sie eine „Katerstimmung“ oder Leistungsminderung mit sich, auch wenn sich diese Dinge zumeist erst am Feierabend abspielen.

„Frei ist, wer in Ketten tanzen kann.“ Friedrich Nietzsche

Es kann sehr nützlich sein, Menschen zu finden, die einen dabei unterstützen, sich selbst besser zu verstehen (und sich zu mögen). Der Psychotherapeut Carl Rogers hat in einem Stufenmodell erläutert, wie einfach es sein kann, mithilfe eines anderen zu lernen, die eigenen Gefühle – so unerwünscht sie zunächst auch sein mögen – zu akzeptieren, um dadurch dem Labyrinth der eigenen Unklarheit zu entrinnen.

  1. Das Gefühl wird vom Gegenüber wahrgenommen und akzeptiert.
  2. Es wird mit dieser Hilfe von den Betroffenen selbst wahrgenommen.
  3. Die Betroffenen öffnen sich der Wahrnehmung eigener Gefühle immer mehr und lernen, diese zu akzeptieren.
  4. Sie erfahren eine positive Wertschätzung der eigenen Gefühle durch den anderen Menschen.
  5. Sie lernen schließlich, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind.

So einfach, wie sich das liest, ist es aber wohl nicht… Dennoch sind Empathie und echte Wertschätzung nicht nur „therapeutische Methoden“, sondern auch wichtige Faktoren für ein erfülltes Berufsleben. Deshalb ist es für Führungskräfte ratsam, sich darum zu kümmern, wie es den Menschen (mit ihrer Arbeit) geht!

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