Einschärfungen & Lebensskript

Wie kann man tief sitzende und blockierende Verhaltens- und Reaktionsmuster dauerhaft auflösen und somit in möglichst kurzer Zeit nachhaltige Veränderungen bewirken? Auf diese Frage gibt es wohl ganz unterschiedliche Antworten. Ein Ansatz, der mir in diesem Zusammenhang besonders zusagt, stammt aus der Transaktionsanalyse. Hierbei wird davon ausgegangen, „dass Menschen in der Kindheit eine Kombination von Glaubenssätzen und Verhaltensmustern entwickeln, die dazu führt, dass sie immer wieder auf die gleiche Art und Weise agieren“ (Dehner & Dehner, 2013). Eric Berne sprach in diesem Zusammenhang von einem ‘Skript’ (oder auch Drehbuch), also von einem unbewussten Lebensplan, der immer wieder zu ganz bestimmten Ereignissen führt.

Das Drehbuch unseres Lebens

Leonhard Schlegel (2002) äußert sich in seinem „Handwörterbuch der Transaktionsanalyse“ dazu wie folgt: „Die Skriptentscheidung ist nach Berne die Entscheidung zu einem bestimmten Selbst- und Weltbild und für ein bestimmtes Verhalten, mit welcher der Betreffende das Leben im Rahmen dieses Selbst- und Weltbildes bestehen werde. Was dem Betreffenden im Laufe des Lebens begegnet, wird im Sinn dieser Entscheidung ausgelegt werden, so dass sich die Richtigkeit der Entscheidung fortlaufend selbst bestätigen wird. Nach Berne wird die Skriptentscheidung bis zum sechsten oder siebenten Lebensjahr gefällt, nach […] anderen Autoren […] manchmal sogar […] später.“

Dehner und Dehner (2013) stellen allerdings Folgendes fest: „Nicht bei jedem Menschen ist [ein derartiges] Skript in gleichem Maße ausgeprägt. Manche Menschen haben Skriptglaubenssätze, die zwar vorhanden sind, [die] ihr Leben auf nur vergleichsweise gering beeinträchtigen, während bei anderen das Leben davon […] dominiert wird. Wie stark sich das Skript [tatsächlich] auswirkt, hängt davon ab, wie intensiv die Gebote [Antreiber] und Verbote [Einschärfungen] vermittelt wurden.“ Wer Bezugspersonen hatte, „die die Einschärfungen von Mutter und Vater relativierten, weil sie ganz andere Botschaften vermittelten“, ist ihrem dysfunktionalen Einfluss wahrscheinlich weniger stark ausgeliefert.

Veränderung ist möglich!

Einschärfungen haben ihren Ursprung demzufolge meistens in der Kindheit, d.h. in unüberlegten Aufforderungen der Eltern bzw. der Bezugspersonen in der emotionalen Beziehung zum Kind. Anfänglich werden sie nonverbal bzw. atmosphärisch vermittelt und im Zuge der Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten des Kindes verbal untermauert. Sie können sich im weiteren Verlauf in einer Grundstimmung manifestieren, die daraufhin charakteristisch für das Leben der Betroffenen ist. Einschärfungen können somit das Lebensskript eines Menschen maßgeblich beeinflussen, indem sie zu einem sogenannten „subjektiven Imperativ“ werden, also. zu einer Art inneren Stimme, die befiehlt, dass etwas auf eine ganz bestimmte Art und Weise geschehen muss bzw. dass etwas auf gar keinen Fall geschehen darf, und die gleichzeitig verlangt, dass von dieser Vorstellung nicht abgewichen werden darf.

Die transaktionsanalytische Neuentscheidungstherapie geht von der Annahme aus, dass alle Kinder Entscheidungen in Bezug auf sich und andere treffen, um sich an ihre Umgebung anzupassen. Auf diese Weise entwickeln sie ihr eigenes Lebensskript. Mary McClure Goulding und Robert L. (Bob) Goulding waren der Ansicht, dass Einschärfungen nicht automatisch in dieses Skript integriert werden, sondern dass sich die Kinder dafür „entscheiden“, auf eine bestimmte Art zu leben bzw. zu sein. Hierbei ist anzumerken, dass sie dies nicht mittels rationaler Erwägungen tun, sondern sie bei diesen Entscheidungen vor allem von Emotionen sowie ihrer Weise, die Realität zu erfassen, beeinflusst werden. Das Ziel dabei ist es, zu überleben und die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu gewährleisten. Diese frühen Entscheidungen können sich im weiteren Verlauf des Lebens äußerst dysfunktional auswirken, allerdings besteht auch im Erwachsenenalter noch die Möglichkeit, sie zu revidieren und damit Entwicklungspotenziale freizusetzen. Abzuraten ist deshalb davon, die Betroffenen nach Begründungen (oder „guten Gründen“) für den dysfunktionalen Imperativ zu fragen, da dies eine (heilsame) „spontane Einsicht“ verhindern und zu dessen Zementierung führen könnte. Eine Würdigung, wie sie bspw. bei den Antreibern empfohlen wird, sollte bei ihnen also keinesfalls erfolgen.

Manfred Evertz

Günther Mohr (s. u.) zufolge wird das Lebensskript „allgemein als sehr beständig angenommen. Versuche, das Gegenteil in einer Art Gegenskript zu leben (“counterscript”), sind nicht Erfolg versprechend […]. Für das Skript sind intelligente Lösungen und Alternativen erforderlich. Hier liegt die positive Weiterentwicklung eines Menschen im Bewusstwerden der bisher unbewusst lenkenden Skriptanteile und in der entschiedenen Entwicklung eines Lebensstils, der gleichzeitig sorgsam mit den eigenen früheren Lebensprägungen umgeht und [zudem] für heute angemessene autonome Reaktionen beinhaltet.“

Aufdeckung und Selbstexploration

Grundsätzlich können die folgenden vier Fragen dabei helfen, die subjektiven Imperative aufzudecken (vgl. Dehner & Dehner, 2016): Was löst bei einer Person Stress aus? Was ist das eigentlich Schlimme an der Situation? Was, glaubt sie, darf auf keinen Fall passieren? Was, glaubt sie, muss auf jeden Fall passieren? Sie ermöglichen es, Wesentliches über die individuellen Wirklichkeitskonstruktionen der Klienten zu erfahren und im weiteren Verlauf mit deren Worten bzw. Sprachgebrauch an einer Veränderung oder Auflösung zu arbeiten.

Da ich in Seminaren oft über Antreiber und Einschärfungen spreche, suchte ich nach einer Möglichkeit, Letztere auf eine ähnliche Weise zu ermitteln, wie es das bei Ersteren mit Hilfe des sogenannten „Antreiber-Tests“ (Beispiel: http://www.dic-ta.eu/downloads/Quinn_Akademie_SR_20.03.2013_Wer_bin_ich_und_wenn_ja_warum.pdf) getan wird, um über die Ergebnisse, die ja „lediglich“ auf Selbsteinschätzungen beruhen, thematische Schwerpunkte zu definieren, die für die Teilnehmer/-innen relevant sind. Die Auswertung eines Persönlichkeitstests erzeugt m. E. eine persönliche Betroffenheit, indem sie aufzeigt, wie man sich selbst sieht, und macht in der Regel neugierig auf weiterführende Erläuterungen.

Leider habe ich bislang keinen Test finden können, mit dem sich die verschiedenen Einschärfungen ermitteln lassen. Deshalb habe ich jetzt selbst einen erstellt, den ich künftig vorrangig in Seminaren einsetzen werde. Dabei habe ich allerdings lediglich neun der zwölf Bannbotschaften, wie diese auch genannt werden, aus dem Konzept von Bob und Mary Goulding berücksichtigt. Mit der von mir entwickelten Version des Tests lässt sich also ermitteln, wie groß der Einfluss ist, den diese Einschärfungen auf das Lebensskript eines Menschen haben könnten. Hier finden Sie ergänzende Erläuterungen: https://transaktionsanalyse.audio/einschaerfungen/.

Sollten Sie jetzt neugierig geworden sein, möchte ich Sie einladen, ihn selbst einmal auszuprobieren. Drucken Sie sich dafür einfach das pdf-Dokument (siehe unten) aus. Auswerten können Sie den Test problemlos selbst. Falls die Ergebnisse Sie irritieren oder sogar beängstigen, sprechen Sie bitte anschließend mit jemandem darüber.

In dem Test finden Sie 54 Aussagen. Bitte geben Sie jeweils auf einer Skala von 1 bis 5 an, wie sehr Sie diesen zustimmen (1= gar nicht, 2 = geringfügig, 3 = teilweise, 4 = größtenteils, 5 = voll und ganz). Anschließend übertragen Sie Ihre Werte in den Auswertungsbogen und addieren sie jeweils zu einem Gesamtwert. Jene Einschärfungen, bei denen Sie die höchsten Werte haben, sind es m. E. wert, genauer betrachtet zu werden. Je höher ein solcher Wert ist, desto größer ist jedenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass Sie der entsprechenden Einschärfung ausgesetzt waren und sie zu einem Bestandteil Ihres Lebensskripts geworden ist.

Fazit

Mein (mit Abstand) höchster Wert lag diesem Test zufolge übrigens bei 20 von 30 möglichen Punkten. Mein „Thema“ ist mir allerdings hinreichend bekannt, von daher hat mich das nicht sonderlich überrascht. Sollten Sie ähnlich hohe Werte haben, machen Sie sich deshalb bitte nicht verrückt! Da dieser Test den wissenschaftlichen Gütekriterien wohl kaum entspricht, kann er lediglich als Reflexionshilfe verstanden und eingesetzt werden. Zur Auswertung ist zu sagen, dass die Ergebnisse „nicht in Stein gemeißelt“ sind, sie also nur vage Anhaltspunkte liefern, mit welchen Themen man sich vielleicht mal etwas intensiver beschäftigen sollte. Zudem ist es natürlich möglich, dass sich die Ergebnisse, die man einmal hatte, im Laufe der Zeit verändern. Nicht immer ist dafür allerdings eine Psychotherapie erforderlich!

Den Test inklusive des Auswertungsbogens finden Sie hier: Einschärfungen -Test & Auswertungsbogen (pdf-Dokument).

Literaturhinweise:

  • Dehner, Ulrich & Dehner, Renate (2013). Transaktionsanalyse im Coaching. managerSeminare Verlags GmbH, Bonn.
  • Dehner, Ulrich & Dehner, Renate (2016). IntrovisionCoaching. managerSeminare Verlags GmbH.
  • Mohr, Günther: Transaktionsanalytisches Coaching → http://mohr-coaching.weebly.com/uploads/3/0/4/8/3048777/transaktionsanalytischescoachingt1.pdf
  • Schlegel, Leonhard (2002). Handwörterbuch der Transaktionsanalyse (2. Auflage). Deutschschweizerische Gesellschaft für Transaktionsanalyse.

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