Burnout – Interview mit Prof. Dr. Matthias Burisch

Als ich anfing, mich dafür zu interessieren, was Burnout eigentlich genau ist, entdeckte ich die ersten Texte und das 7-Phasen-Modell von Prof. Dr. Matthias Burisch. Eine differenziertere Darstellung konnte ich nicht finden. In fachlicher Hinsicht war ich also sofort begeistert. Nachdem ich mich intensiver damit beschäftigte, kam ich zu dem Schluss, dass ich es hier mit einem Menschen zu tun habe, der sich nicht (wie viele es tun) aus monetären Gründen damit auseinandersetzt. Nein, ich spürte, dass er irgendeinen persönlichen Bezug dazu haben muss. Sein Buch „Das Burnout-Syndrom“ (Rezension) ist jedenfalls das beste Fachbuch, das mir in diesem Zusammenhang bekannt ist. Leider aber ist es eben doch in erster Linie ein Fachbuch und somit Nicht-Psychologen nur bedingt zu empfehlen. Selbst habe ich einige Wochen benötigt, um es konzentriert durchzuarbeiten… Heute arbeitet Prof. Dr. Matthias Burisch als Berater, Trainer und Coach für Psychologen und Führungskräfte (Burnout-Institut Norddeutschland, Bind).

Prof. Dr. Matthias Burisch

Prof. Dr. Matthias Burisch www.michaelfuchs-fotografie.de

Nun habe ich erfahren, dass er ein neues Werk speziell für Betroffene geschrieben hat, das voraussichtlich im September erscheinen wird. Daraufhin hatte ich die Idee, ein paar Fragen an ihn zu richten. Seine Antworten können Sie nun hier lesen.

Mögen Sie erklären, wie Sie auf die Idee gekommen sind, sich mit dem Thema „Burnout“ zu befassen? Haben Sie ggf. eigene Erfahrungen damit? Was hat Ihnen persönlich am meisten dabei geholfen, sich wieder aufzurichten?

M. B.: „Ich habe Burnout in drei klassischen Rollen des Universitätsbetriebs kennen gelernt: Als Forscher, als Hochschullehrer, als Administrator. Beobachten konnte ich darüber hinaus Studenten, die innerhalb Wochen abbauten. Musterschüler auf ihren Gymnasien, die aber mit der neuen Freiheit, sich Ziele zu setzen, nicht zurecht kamen. Oder Studentenvertreter, wohl eher der Typ Schulsprecher, die schnell resignierten, wenn sie nicht mehr verleugnen konnten, dass ihr Klientel ausschließlich an Klausuren-Kopien interessiert war, nicht an Hochschulpolitik oder gar strukturellen Veränderungen. Beides war glücklicherweise nicht mein Schicksal.

Ich selbst hatte mir, in der Rolle des Nachwuchs-Forschers, für meine Dissertation ein Himalaya-Projekt gewählt. Das Ding ging natürlich schief. Der Fall, den ich in meinem neuen Buch (S. 69) skizziert habe — das war natürlich ich. Ich habe bis Mitternacht in meinem Büro gesessen und aus dem Fenster gestarrt, war völlig blockiert. Burnout #1.

Burnout #2 begann, als ich, nach ungefähr 10 Jahren, meine Lehrveranstaltungen runderneuert hatte. Das hatte viel Arbeit gekostet, und so hegte ich denn die Erwartung, ohne dass mir das bewusst gewesen wäre, meine Studenten würden nun ebenfalls ihren Arbeitseinsatz erhöhen, mit größtmöglicher Begeisterung selbstverständlich. Wie es weiterging, können Sie sich ausmalen. Für ein paar Jahre bin ich meinem Job nur sehr säuerlich nachgegangen, habe überlegt, ihn ganz aufzugeben.

Um die Jahrtausendwende, da war mein erstes Buch längst fertig, bin ich dann ein drittes Mal in eine Falle getappt, sehenden Auges, aber eben doch. An meinem Fachbereich, den ich nun mal als meine berufliche Heimat betrachtet habe, ließ sich eine Führungskrise nur dadurch beenden, dass die Dekanats-Funktion auf vier Personen aufgeteilt wurde. Das Puzzle ging nur dann auf, wenn ich den Studiendekan machte, für drei Jahre. Das war ein Himmelfahrtskommando, speziell zu den damaligen turbulenten Zeiten; meiner Nachfolgerin erging es nicht viel besser als mir. Vor allem aber fehlten mir zu der Aufgabe alle Voraussetzungen, insbesondere die Lust. Es war ein reines Pflichtprogramm, an dem nichts, aber auch gar nichts Spaß machte. Verbittert hat mich in diesen Jahren am stärksten die Gleichgültigkeit und Ignoranz der meisten Kollegen, die weiter vor sich hin wurschtelten und quengelten, während wir im Dekanat alle Hände voll damit zu tun hatten, den Fachbereich umzubauen und permanent Feuerchen zu löschen. Das Tagesgeschäft war natürlich parallel auch noch zu erledigen.“

Gibt es etwas, das Sie aus Ihren eigenen Erfahrungen gelernt haben bzw. worauf Sie nun bei sich achten?

M. B.: „Tja, was habe ich daraus gelernt? Ich überlege es mir viel sorgfältiger, bevor ich mich in Situationen begebe, die sich zu Fallen entwickeln könnten. Natürlich ist das viel leichter, seitdem ich im Ruhestand bin. Wie Sie an Geschichte #3 ablesen konnten, hat es mich nicht geschützt, dass ich über Burnout nun wirklich gründlich nachgedacht hatte. Bei der rückblickenden Verarbeitung, beim Wiederaufrichten, wie Sie das genannt haben, war es aber sicher hilfreich, die Geschehnisse einordnen zu können.

Nach wie vor wird in den Medien sehr viel über das Thema berichtet. Manchmal scheint es so, als wären die Veränderungen der modernen Arbeitswelt (Informatisierung, Subjektivierung, Akzeleration etc.) dafür verantwortlich, dass der Burnout zu einer Art Volksseuche oder auch (wie Kritiker sagen) Modeerscheinung geworden ist. Irgendwo dazwischen liegt wahrscheinlich die Wahrheit…?

Na ja, Burnout ist ja im letzten Jahr schon ein paar Mal totgesagt worden, der Medien-Hype hat halt Gegenreaktionen ausgelöst. Man konnte das Wort nicht mehr hören. Die Praktiker in den Organisationen, soweit sie ehrlich sind, haben aber immer gewusst, dass das Phänomen, um das es geht, damit nicht ausgestorben ist. Andererseits: Die aussagekräftigsten Zahlen, die ich kenne, lassen mich vermuten, dass etwa 10% der erwachsenen deutschen Bevölkerung sich als ausgebrannt empfinden. Das heißt aber ja auch, dass 90% das Gefühl haben, ihr Leben einigermaßen im Griff zu haben.“

Was ist ein bzw. was verstehen Sie unter einem „Organizational Burnout“?

M. B.: „Der Erfinder hat sich den Begriff patentieren lassen, ich habe sein Buch aber nicht gelesen. Immerhin: Schon eine ganz frühe Fallstudie aus dem Jahre 1953, die überhaupt noch nicht von Burnout spricht, schildert einige Wochen aus dem Leben einer Krankenschwester und analysiert sehr hellsichtig, wie sich auf einer amerikanischen Psychiatriestation aus scheinbar trivialen Startereignissen vielerlei Teufelskreise, innerhalb des Personals und zwischen Personal und Patientenschaft, aufschaukeln. Ein noch einfacheres Beispiel ist die „Ansteckung“, die passieren kann, wenn ein ausbrennender Mitarbeiter ganz oder teilweise ausfällt. Normalerweise müssen dann ja die Kollegen seine Arbeit mit erledigen, was in der Regel die Arbeitsfreude nicht gerade fördert.“

Wie können Unternehmen diesem Phänomen Ihrer Meinung nach am wirkungsvollsten entgegenwirken?

M. B.: „Es muss zu den Spielregeln gehören, dass man über Missstände und ungelöste Probleme offen reden darf, und zwar über Hierarchieebenen hinweg. Wo dafür das Vertrauen fehlt, entsteht leicht eine Problemblindheit, die sich zu einer Lösungsblindheit weiter entwickeln kann. Das führt dann zu einem kollektiven Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit. Dann ist Burnout nicht mehr weit. Dagegen hilft am besten regelmäßige offene Kommunikation.“

Welche Rolle spielen die Führungskräfte dabei? Wie können sie sich selbst und ihre Mitarbeiter am ehesten vor einem Burnout bewahren?

M. B.: „Die Führungskräfte setzen nun einmal die Normen, wie kommuniziert wird. Jede und jeder Vorgesetzte sollte sich klar machen, dass Vertrauen erarbeitet werden muss. Misstrauen kann man sehr schnell schaffen, bei Vertrauen ist das anders.“

In der einschlägigen Literatur findet man immer wieder das sogenannte „Burnout-Rad“, das den Prozess der Erkrankung (nach dem Modell von Freudenberger) in verschiedene Phasen aufteilt und dazu verwendet wird, Führungskräften Ratschläge an die Hand zu geben, wie diese mit betroffenen Mitarbeitern umgehen sollten. Was halten Sie von dem Modell bzw. von einer solchen Anwendung?

M. B.: „Ich kenne das Rad, habe aber meine Zweifel, ob die graphische Anordnung von Freudenberger selbst stammt. Die lädt nämlich zu dem Missverständnis ein, dass auf die Phase 12 wieder die Phase 1 folgt, und das ist nun wirklich Unsinn. Zweitens glaube ich auf keinen Fall, dass die Phasen so trennscharf abgrenzbar sind, dass man daraus Handlungsempfehlungen ableiten könnte. Ich habe ja einmal ein eigenes 7-Phasen-Modell beschrieben, aber immer betont, dass die Übergänge fließend sind, Phasen auch übersprungen werden können und nicht zwingend in fester Reihenfolge durchlaufen werden. Drittens, und da sind wir wieder beim Thema Vertrauen, rate ich Führungskräften im Umgang mit eventuell betroffenen Mitarbeitern zu Fingerspitzengefühl. Wer redet schon freiwillig über persönliche Probleme mit seinem Chef? In dem Augenblick, wo die Arbeitsfähigkeit einer Einheit gefährdet ist oder Ansteckung droht, muss natürlich eingegriffen werden. Auf unserer Website (unter BURNOUT-SERVICE) ist ein Leitfaden für Führungskräfte zu finden, in dem Hilfestellungen gegeben werden, wie man so ein Fürsorge-Gespräch anbahnt und durchführt. „

Lassen Sie uns nun einmal über die Betroffenen selbst sprechen… Woran bemerke ich, ob ich mich in einer einfachen Überforderungssituation befinde oder bereits gefährdet bin, ein Burnout-Syndrom zu entwickeln?

M. B.: „Momentane Überforderungen lösen Stress aus, aber der wird im Normalfall ganz gut bewältigt. Erst wenn Stress chronisch wird und das Gefühl von Hilflosigkeit oder gar Hoffnungslosigkeit sich breit macht — ich nenne das Stress II. Ordnung —, beginnen Burnout-Prozesse. Eine Faustregel sieht den Startpunkt da, wo der Feierabend, das Wochenende oder gar der Urlaub nicht mehr zur Erholung ausreicht. Zugegeben, eine weiche Regel.“

Können Sie einen Selbsttest empfehlen, der frei im Internet zugänglich ist?

M. B.: „Unser Hamburger Burnout-Inventar (HBI) steht kostenpflichtig auf unserer Website www.burnout-institut.eu; eine Kurzform davon gibt es gratis auf www.cconsult.info/selbsttest/burnout-test.html, allerdings ist dort die Auswertung sehr spartanisch. Das HBI ist m. W. der einzige deutsche Fragebogen, der nach den Regeln der Testtheorie evaluiert ist und auch noch Normen besitzt.“

Was ist der Unterschied zu einer herkömmlichen Depression?

Elisabeth Naomi Reuter

M. B.: „Auch die Depression ist ja keineswegs etwas Einheitliches, zudem bis heute ziemlich Rätselhaftes. Man weiß heute viel mehr, was man alles nicht weiß. Dass es mithilfe der Diagnoseschlüssel nicht allzu schwer ist, verschiedene Schweregrade zu unterscheiden, täuscht darüber hinweg. Die Symptome und die erforderlichen Mindestanzahlen und –dauern sind nämlich ziemlich willkürlich. Übrigens überlappen sich die Symptomlisten beträchtlich. Symptomatisch lässt sich ein fortgeschrittener Fall von Burnout von einer schweren Depression nicht mehr unterscheiden. Der Unterschied liegt in der Entstehungsgeschichte. Burnout ist nichts Rätselhaftes; Ausbrenner haben Probleme, mit denen sie erfolglos kämpfen oder gekämpft haben, die aber prinzipiell lösbar sind. Depressive leiden an Unabänderlichem, oft Unerklärlichem.“

Warum spielt diese Unterscheidung eine so entscheidende Rolle für den Erfolg einer Therapie?

M. B.: „Psychotherapie halte ich bei Burnout für gar nicht einmal so oft angezeigt. Speziell da, wo die Auslöser „außen“ liegen, also z. B. in einer subjektiv hoffnungslosen Arbeits- oder Beziehungssituation sind eher Sozialarbeiter, Betriebsräte, vielleicht auch Rechtsanwälte gefragt als psychologische oder gar medizinische Therapeuten. Wenn die Falle äußerlich liegt, soll sie auch außen aufgelöst werden. Anders sieht es aus, wenn der Stress hausgemacht ist, die Falle also „innen“ liegt. Sehr oft haben Betroffene viel zu hohe Ansprüche an sich und andere. Was ich oben über meine Geschichte erzählt habe, liefert ja Anschauungsmaterial. Solchen Menschen kann man über ein Coaching meist gut helfen, sich aus ihren Fallen zu befreien. Beide Ansätze würden bei Depressiven ins Leere laufen.“

Gibt es etwas, das Sie jenen Menschen mitteilen möchten, die sich selbst hohen psychischen Belastungen ausgesetzt fühlen und teilweise bereits Symptome klinischer Störungsbilder aufweisen (z. B. Schlafstörungen, Grübelschleifen, Ängste etc.)?

M. B.: „Ich kenne nur zwei universell brauchbare Tipps für solche Fälle: Nimm dir Zeit und denke nach! Und wenn das nicht hilft: Bleib mit deinem Problem nicht allein! Vielleicht wird sich dabei herausstellen, dass du dich mit etwas abfinden musst. Dann: Gelassen abfinden! Meist lässt sich aber doch etwas tun, innen oder außen. Dann: Mutig anpacken! Hauptsache: In die Aktion kommen! Grübeln bringt‘s nicht.“

In „Dr. Burischs Burnout-Kur – für alle Fälle“, das gerade beim Springer-Verlag erschienen ist, beschäftigen Sie sich sehr viel ausführlicher mit dieser Frage und erläutern, wie man sich (mit oder ohne professionelle Unterstützung) helfen (lassen) und künftig vielleicht davor bewahren kann. Dieses „Arbeitsbuch“ ist m. E. eine großartige Hilfe für alle, die gefährdet oder bereits betroffen sind.

Rezensionen der beiden Bücher von Prof. Dr. Matthias Burisch:

Kontakt:

Prof. Dr. Matthias Burisch, Burnout-Institut Norddeutschland (Bind), Klevendeicher Chaussee 7, D-25436 Moorrege, Deutschland

www.burnout-institut.eu

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Verbittert, ausgebrannt oder „nur“ depressiv?

Ein böses Wort, eine ungerechte Beurteilung durch den Vorgesetzten oder ein energischer Streit mit dem Kollegen lassen sich in der Regel irgendwie ertragen. Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens sehr unterschiedliche Strategien, um mit Konflikten, Ausgrenzungen, Herabwürdigungen oder Schikanierungen im Berufsleben umzugehen. Die Resilienzforschung liefert inzwischen etliche Hinweise darauf, welche Faktoren dafür sorgen, dass viele Menschen es trotz solcher Widrigkeiten schaffen, gesund zu bleiben. Manchmal gelingt das jedoch nicht. Führt eine Kränkung zu einer tiefen Verletzung oder werden stetige Anfeindungen zur extremen Belastung, kann die Psyche erheblichen Schaden nehmen. Depressionen sowie Angst- und Anpassungsstörungen werden seit einigen Jahren immer häufiger diagnostiziert und auch psychosomatische Erkrankungen sind weit verbreitet. Die Betroffenen fallen dann oftmals für eine längere Zeit aus, werden behandelt und wieder eingegliedert – oftmals mit Erfolg. Nicht immer jedoch führen die therapeutischen und betrieblichen Maßnahmen zu dem gewünschten Ergebnis. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass nicht jede Störung richtig erkannt und dementsprechend am Problem vorbei interveniert wird. Gerade wenn es um psychische Belastungen und ihre Auswirkungen geht, wird viel spekuliert und gemutmaßt. Obwohl zumindest einige Erkrankungen inzwischen weitestgehend enttabuisiert und sogar entsprechende Gesetze zum Schutz der Mitarbeiter erlassen wurden, liegt noch vieles im Argen.

Doch Veränderungen führen zu Widerstand, auch im Gesundheitsbereich. Aktuell entfacht die geplante Neuauflage des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) eine heftige Diskussion in der Öffentlichkeit, da einige der angedachten Veränderungen stark in die Kritik geraten sind. Das wohl bekannteste Beispiel ist, dass man ihr zufolge bereits eine psychische Erkrankung aufweist, wenn man länger als drei Wochen um den Verlust eines geliebten Menschen trauert, was dann eine Therapie rechtfertigt. Kritiker sehen hierin die Gefahr einer Pathologisierung normaler menschlicher Gefühle. In diesem Zusammenhang wird zudem immer wieder betont, dass es „psychische Erkrankungen“ gibt, die kein Mensch braucht… Natürlich „brauchen“ wir keine Krankheiten, auch keine psychischen! Allerdings entscheidet eine gute und treffsichere Diagnose auch über den Erfolg einer eventuell notwendigen Behandlung. Zwei Beispiele, die in diesem Zusammenhang eine besondere Erwähnung verdienen, möchte ich im Folgenden einmal aufgreifen: Das Burnout-Syndrom und die posttraumatische Verbitterungsstörung.

Ist Burnout nur eine Modeerscheinung?

Gerade das Thema „Burnout“ wurde zu einem großen Hype, der zurzeit allerdings gerade wieder etwas abflacht. Letztendlich handelt es sich angeblich ja doch „nur“ um eine Erschöpfungsdepression, die den Betroffenen den Ruf verleiht, DIE LEISTUNGSTRÄGER unserer Gesellschaft zu sein. Es wird viel Geld damit verdient, Unternehmen dahingehend zu beraten, wie sie präventiv dagegen vorgehen und ihre Mitarbeiter vor einer langfristigen Krankschreibung bewahren können. Dass dabei auch viel Unsinn gemacht wird und falsche Annahmen über dieses Phänomen weit verbreitet sind, wird schnell deutlich, wenn man sich eingehender mit der Thematik befasst. Wer dies tun möchte, dem sei das bereits 1989 und nun in der 5. Auflage erschienene Buch von Prof. Dr. Matthias Burisch „Das Burnout-Syndrom“ empfohlen, das einen sehr fundierten Überblick über den aktuellen Forschungsstand gewährt sowie alles Wissenswerte über dieses komplexe Störungsbild beinhaltet. Insbesondere ätiologische Aspekte, die im ICD-10 (International Classification of Diseases) nicht berücksichtigt werden, spielen bei der Unterscheidung zu anderen Krankheiten eine wesentliche Rolle und geben Hinweise, worauf eine therapeutische Behandlung abzielen sollte. Obwohl anzunehmen ist, dass dieses Störungsbild weit verbreitet ist, taucht es dort bislang lediglich als Zusatzdiagnose (Z73.0) mit der lapidaren Erläuterung „Zustand der totalen Erschöpfung“ auf. Die Unterschiede zu einer Depression sind aber beachtlich: Während sich die Auslöser bei depressiven Menschen oftmals schwer finden lassen, sind sie beim Burnout relativ klar ersichtlich. Ausbrenner (vor allem im Endzustand) kämpfen und neigen dazu, Ihre Kräfte zu überschätzen. Depressive tendieren eher zu Resignation und Selbstunterschätzung. Zwar hegen auch die „Selbstverbrenner“ oftmals fundamentale Grundannahmen, die zu selbstschädigendem Verhalten führen, wie zum Beispiel jene, keine Fehler machen zu dürfen. Diese lassen sich allerdings vergleichsweise schnell ausfindig machen und können dann entsprechend modifiziert werden. Überwiegen hingegen äußere Faktoren, ist eine Veränderung der Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen – anstatt einer Therapie – das Mittel der Wahl. Während bei Depressiven die Emotionen Melancholie und Trauer vorherrschen, sind es bei Burnout Wut und Angst, die sich auf diese Weise vermindern oder sogar auflösen lassen.

Das verbitterte Streben nach Vergeltung

Auf eine andere psychische Erkrankung, die laut ICD-10 (noch) keine ist – bzw. lediglich unter F43.8 als „sonstige Reaktion auf schwere Belastung“ (vgl. auch „Anpassungsstörung“) erfasst wird – und die zuletzt in einem Artikel des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL in die Kritik geraten ist, möchte ich etwas ausführlicher eingehen. Sie ist nicht so bekannt, deshalb aber nicht weniger bedeutsam: die (posttraumatische) Verbitterungsstörung.

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Wird die von einem Mitarbeiter erbrachte Leistung nicht wertgeschätzt oder anerkannt, kann dies leicht zu einem Motivationsverlust führen oder dazu, dass dieser sich künftig weniger stark engagiert. Wer eine solche Erfahrung wiederholt macht, resigniert oder kündigt innerlich. Wertschätzung und Anerkennung für eine erbrachte Leistung zu erfahren, ist zwar wünschenswert, leider jedoch nicht selbstverständlich. Dennoch gelingt es den meisten Menschen, Strategien zu entwickeln, damit umzugehen. Werden durch eine Kritik oder Herabwürdigung jedoch fundamentale Grundannahmen erschüttert, die das Selbstbild und die Lebensleistung in Frage stellen, kann das schwerwiegende Folgen für das seelische Gleichgewicht haben und Verbitterung mit suizidalen Tendenzen und/oder ausgeprägten Rachegelüsten auslösen. Dabei wird die willentlich zugefügte Ungerechtigkeit als schwere Aggression erlebt und der Gerechte-Welt-Glaube im Sinne M. J. Lerners – also die generalisierte Erwartung, dass Menschen im Leben dasjenige bekommen, was sie verdienen – erschüttert.

Im Rahmen der beruflichen Wiedereingliederung psychisch schwer oder chronisch erkrankter Menschen habe ich regelmäßig mit Klienten gearbeitet, die durch eine (dauerhafte) Konfliktsituation am Arbeitsplatz psychisch stark belastet waren und zu ausgeprägten Rachefantasien mit selbstzerstörerischen Tendenzen neigten. Aus den mir vorliegenden Gutachten ging in der Regel hervor, dass diese Menschen an einer Depression oder einer Anpassungsstörung litten bzw. sie eine psychische Minderbelastbarkeit aufweisen, die in vielen Fällen bereits ohne oder mit nur mäßigem Erfolg therapeutisch behandelt wurde. Meine eigenen Beobachtungen ließen sich mit diesen Diagnosen aber nur teilweise in Übereinstimmung bringen. In dem Buch „Mobbing. Dynamik – Verlauf – gesundheitliche und soziale Folgen“ fasst Dr. Peter Teuschel seine Erfahrungen mit Betroffenen in einer Art Typologie zusammen, die als Heuristik dienen soll, um in der Beratung auf bestimmte Besonderheiten schnell und kompetent reagieren zu können. Die sechs von ihm beschriebenen Typen beruhen auf empirischen Beobachtungen aus seiner langjährigen Praxis als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Trotz der vorgenommenen Reduktion auf einige wenige Verhaltensaspekte, entdeckte ich dabei einen Typ, der deutliche Parallelen zu dem aufwies, was ich bei jenen meiner Klienten wahrnehmen konnte, die besonders schwierig bzw. konfliktträchtig zu sein schienen: Der „unermüdliche Kämpfer“ zeichnet sich ihm zufolge durch eine vordergründige Zugewandtheit und Freundlichkeit aus, ist aber im Wesen eher distanziert und unkorrigierbar. Ihm geht es in erster Linie darum, den Gegner bzw. den ‚Mobbing-Täter‘ (auch mittels der Inanspruchnahme äußerer Instanzen, wie z.B. Gerichten) besiegen zu wollen, um auf diesem Wege Gerechtigkeit zu erfahren, ohne dabei allerdings Rücksicht auf die eigene Gesundheit zu nehmen, was nicht selten zu Erschöpfungszuständen führt. Ursächlich für dieses Verhaltensmuster ist eine tiefe seelische Verletzung, hervorgerufen durch systematische Ausgrenzung oder Schikanierung, die sich dann in einer Art Gegenaggression äußert und die sich am besten durch den Begriff der Verbitterung beschreiben lässt. Auffällig ist, dass es vielen Betroffenen schwerfällt, sich der Unangemessenheit ihrer Empfindungen und Reaktionen bewusst zu werden, obwohl sich diese ganz offensichtlich dysfunktional auswirken und die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Dass auch gesunde bzw. stabile Persönlichkeiten unter den Belastungen einer anhaltenden Mobbingsituation psychisch und körperlich erkranken können, ist inzwischen erwiesen. Diese lässt sich also als ein den Beginn der Krankheit herbeiführendes „außergewöhnliches Lebensereignis“ betrachten, vor allem dann, wenn die Betroffenen zuvor keine psychischen Auffälligkeiten zeigten. Der Zusammenhang zwischen ihrer aktuellen psychischen Befindlichkeit und diesen Ereignissen ist den Betroffenen offenkundig. In Gesprächen berichten sie immer wieder von empfundenen Ungerechtigkeiten und wirken emotional erregt, wenn sie an ihre Erlebnisse erinnert werden. Ob es sich nun um eine einzelne, besonders schmerzliche (wie bei einer PTED), oder um viele kleine traumatisierende Erfahrungen handelt, die das Leid bzw. die Verbitterung hervorgerufen haben, ist eigentlich unerheblich. Folgende Symptome sind in beiden Fällen besonders häufig:

  • Die Patienten betrachten sich selbst als Opfer und sind hilflos, mit dem Ereignis oder den Folgen umzugehen.
  • Die Patienten geben sich selbst die Schuld für dieses Ereignis bzw. werfen sich vor, diesem nicht wirkungsvoll begegnet zu sein bzw. es nicht abgewendet zu haben oder nicht adäquat damit umgehen zu können.
  • Die Patienten berichten über intrusive Erinnerungen an das kritische Ereignis. Es kann sein, dass sie denken, es wäre wichtig, nicht zu vergessen, was man ihnen angetan hat.
  • Die Patienten äußern Gedanken, dass es eigentlich inzwischen egal ist, wie es ihnen geht, und sie wirken unsicher, ob sie überhaupt wollen, dass ihre Wunden heilen.
  • Manche Patienten äußern Suizidgedanken.
  • Begleitende Gefühle können sein: Dysphorie (Missstimmung), Aggressivität, Niedergeschlagenheit, die einer melancholischen, depressiven Verfassung (mit psychosomatischen Syndromen) ähnelt.
  • Die Patienten weisen eine Reihe unspezifischer somatischer Symptome auf, wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Schmerzen.
  • Die Patienten können Ängste (bzw. phobische Symptome) äußern, bezogen auf die Orte oder Personen, die mit diesem Ereignis in Verbindung stehen.
  • Der Antrieb ist reduziert oder blockiert. Die Patienten erleben sich selbst nicht als antriebsschwach, sondern eher als wenig motiviert, sich selbst noch weiter anzutreiben.
  • Die Emotionsregulierung ist nicht beeinträchtigt. Die Patienten können normale Gefühle zeigen (und empfinden), wenn sie abgelenkt sind oder sogar lächeln, wenn sie sich mit Rachegedanken beschäftigen.

Dauern diese Symptome länger als drei Monate an und sind sie klinisch bedeutsam, wären damit jene Kriterien erfüllt, die die Diagnose einer (posttraumatischen) Verbitterungsstörung rechtfertigen. Prof. Dr. Michael Linden, ärztlicher Direktor des Reha-Zentrums Teltow, stellt fest, dass es bemerkenswert sei, „dass Verbitterung trotz der eindeutig pathologischen Wertigkeit bislang in der Forschung nahezu keine Berücksichtigung gefunden hat. Ein Grund dafür könnte sein, dass Verbitterung immer mit einem externen Stimulus assoziiert ist, weshalb die Betroffenen ebenso wie die Umwelt den Affekt als scheinbar „gerechtfertigt“ erleben und das Pathologische der Reaktion nicht […] erkannt wird“, was dann aufgrund der resignativ-aggressiv-abwehrenden Grundhaltung auch die Behandlung erschwert. Das wohl berühmteste Beispiel aus der Literatur zu diesem Thema ist die Geschichte des Michael Koolhaas von Heinrich von Kleist. Der Kritik einiger Wissenschaftler, dass die PTED bislang nur bei Patienten untersucht wurde, die auch andere psychische Erkrankungen aufwiesen, ließe sich entgegnen, dass die entsprechenden diagnostischen Kriterien sich mit dieser in vielen Punkten überlappen, sie die gezeigten Symptome allerdings nicht in ihrer Ganzheitlichkeit erfassen, wie es die Verbitterungsstörung oder die PTED täte. Therapeutische Hilfsangebote, die bei anderen Störungsbildern durchaus wirkungsvoll sein können, erreichen diese Patienten oftmals nicht. Aufgrund ihrer ausgeprägten emotionalen Erregbarkeit sind gängige Disputationstechniken, wie sie zum Beispiel bei einer Depression zum Einsatz kommen, wenig zielführend. Die empfundene Ungerechtigkeit und die damit verbundenen Aggressionen lassen es kaum zu, sich den eigenen Erlebnissen rational zu nähern und die eigenen Gefühle in Frage zu stellen, da sie ja berechtigt zu sein scheinen. Eine Methode, mit der sich bei einer Verbitterungsstörung gute Behandlungsergebnisse erzielen lassen, ist nach Prof. Dr. Linden die Weisheitstherapie, bei der „unlösbare Probleme“ vorgestellt und diskutiert werden. Durch die Auseinandersetzung mit entsprechenden Konfliktsituationen, zu denen der Patient eine hinreichende emotionale Distanz hat, können Einsichten und Erkenntnisse gewonnen und diese dann auf die eigene Lebenssituation übertragen werden. Mittels eines mehrfachen Perspektivwechsels werden dabei die Empathiefähigkeit, die Emotionswahrnehmung und -akzeptanz, die Selbstdistanz sowie die Selbst- bzw. Anspruchsrelativierung gefördert. Ergänzt durch werterelativierende und humoristische Elemente kann die Verbitterung auf diese Weise schließlich verarbeitet und die damit verbundene Aggression aufgelöst werden.

Fazit

Die Unterscheidung dieser Krankheitsbilder macht durchaus Sinn. Auch wenn man der zunehmenden Pathologisierung von Gemütszuständen grundsätzlich sehr kritisch gegenüberstehen sollte, sind entsprechend differentialdiagnostische Kategorien für den Erfolg einer Therapie von entscheidender Bedeutung. Es macht also sehr wohl einen Unterschied, ob man verbittert, ausgebrannt oder „nur“ depressiv ist.

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Literatur:

  • Baumann, Kai & Linden, Michael. Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie: Die Bewältigung von Lebensbelastungen und Anpassungsstörungen. Dustri Verlag (2008).
  • Burisch, Matthias. Das Burnout-Syndrom (5. Auflage). Springer Verlag (2014).
  • ICD-10. Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision.
  • Linden, Michael. Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. In: Fuchs, Thomas & Berger, Mathias. Affektive Störungen. Klinik – Therapie – Perspektiven (Kapitel 8). Schattauer (2013).
  • Teuschel, Peter. Mobbing. Dynamik – Verlauf – gesundheitliche und soziale Folgen. Schattauer (2010).