Mensch im Umbruch

Warum fällt es uns so schwer, die eigene Persönlichkeit zu verändern, und warum lassen sich schlechte Angewohnheiten i. d. R. nicht einfach ablegen? Unsere Persönlichkeit ist zwar durch relativ überdauernde Eigenschaften beschreibbar, dennoch verändert sie sich im Laufe unseres Lebens stetig.

Grundsätzlich stellt sich die Persönlichkeitspsychologie die Frage, worauf Unterschiede in der Ausprägung gewisser Merkmale bzw. Eigenschaften zwischen den Individuen beruhen, also inwieweit sie bspw. durch Veranlagung zustande kommen oder durch Erfahrung erworben und ausgebildet werden?

Mit diesem Thema befasse ich mich bereits seit meiner Studienzeit. Jetzt habe ich gerade ein Konzept entwickelt, mit dem ich andere Menschen dabei unterstützen möchte, ihre eigene Persönlichkeit und ihr Verhalten zu reflektieren, individuelle Entwicklungspotenziale zu identifizieren und erste Schritte in Richtung einer gewünschten Veränderung einzuleiten. Gestern habe ich nun vom Hogrefe Verlag die freundliche Genehmigung bekommen, im Rahmen meiner Seminare die Kurzform eines Tests einsetzen zu dürfen, mit dem die individuellen Ausprägungen der 14 Persönlichkeitsstile erfasst werden, den PSSI-K. Dieser basiert u. a. auf der PSI-Theorie von Prof. Dr. Julius Kuhl und ist angelehnt an das Modell der Persönlichkeitsstörungen nach dem DSM (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen). Es ermöglicht einen ressourcenorientierten (statt einseitig defizitorientierten) sowie einen problemorientierten therapeutischen Zugang zum Verständnis der Verschiedenartigkeit von Menschen, indem jeder Persönlichkeitsstil in seinen Stärken und in seinen Risiken bzw. Schwächen dargestellt wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass oftmals seltsam und befremdlich wirkendes Verhalten im Grunde genommen subjektiv sinnhafte Anpassungs- und Überlebensstrategien in spezifischen Sozialisationskontexten waren.

Menschen mit einem dominanten Persönlichkeitsstil bevorzugen – ebenso wie jene, die eine entsprechende Persönlichkeitsstörung aufweisen – eine damit korrespondierende Systemkonfiguration. Die Systemkonfigurationen stehen in einem direkten Zusammenhang mit den vier Makrosystemen der PSI-Theorie.

Die PSI-Theorie (siehe: Eine neue Persönlichkeitstheorie) geht davon aus, dass die Umsetzung von Motiven durch Affekte moduliert wird, und zwar durch den Einfluss, den Affekte auf die Aktivierung jener kognitiven Systeme ausüben, die für die Motivumsetzung wichtig sind (vgl. Modulationsannahmen). So werden unterschiedliche Systemkonfigurationen differenziert, mit denen sich jedes Motiv verbinden kann. Diese Systemkonfigurationen werden als Formen der Motivumsetzung interpretiert, die je nach den vorherrschenden Bedingungen mehr oder weniger adaptiv sein können.

  • Fühlen (Extensionsgedächtnis):  Das „Fühl-System“ ist adaptiv für alle Motive: Fühlen ermöglicht Flexibilität der Umsetzung (Bedürfnisbefriedigung) und aktive Bewältigung der mit Herausforderungen verbundenen negativen Gefühle.
  • Intuieren (Intuitive Verhaltenssteuerung): Intuieren ist besonders adaptiv für die Umsetzung des Bedürfnisses nach Anschluss: Der spontane Austausch mit anderen Menschen erfordert intuitive Programme der emotionalen Ansteckung, des Blickverhaltens u.v.m.
  • Denken (Intentionsgedächtnis): Die Denkfunktion ist maladaptiv im Bereich Anschluss; adaptiv im Bereich Leistung und evtl. Macht, also überall da, wo strategisches, planerisches Vorgehen erforderlich ist.
  • Empfinden (Objekterkennungssystem): Empfinden ist für kein Motiv besonders adaptiv, da diese Funktion die Perseveration (= Tendenz seelischer Erlebnisse und Inhalte, im Bewusstsein zu verharren) negativer Gefühle erfasst, die nicht durch das Fühlen integriert werden können. Das Empfinden ist mit einem “diskrepanz- und konfliktsensitiven” Aufmerksamkeitssystem verbunden: Unstimmigkeiten werden besonders stark beachtet und können u. U. gar nicht mehr ausgeblendet werden.

BIld: Manfred Evertz

Eine zentrale Annahme der PSI-Theorie besagt, dass sich psychische Systeme – je nach situativen Anforderungen – immer wieder neu konfigurieren. Verschiedene soziale Basisbedürfnisse verlangen unterschiedliche Systemkonfigurationen. Affektive und kognitive Einseitigkeiten, wie sie bei den Persönlichkeitsstörungen angenommen werden, können zu Schwierigkeiten bei der Befriedigung verschiedener Bedürfnisse führen. Eine Person kann sich in ihrem Verhalten und in ihrer Selbstwahrnehmung zunehmend von ihrem eigenen Selbst entfremden, wenn sie nicht gelernt hat, flexibel zu den jeweils passenden Systemkonfigurationen umzuschalten, sobald ein neues Bedürfnis auftaucht. Demzufolge werden Persönlichkeitsstile und ihre pathologischen Übersteigerungen in der PSI-Theorie als stabile bzw. chronische Varianten entsprechender kurzfristig auftretender Systemkonfigurationen verstanden.

“Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“ Arthur Schopenhauer

Nun habe ich den PSSI-K natürlich selbst ausprobiert, da es mich interessierte, ob ich mit dem Ergebnis etwas anfangen kann? Vermutet habe ich, insbesondere bei hoher Belastung, einen selbstkritischen Persönlichkeitsstil zu zeigen. Dort hatte ich dann aber lediglich mit 7 die zweithöchste Punktzahl. Meinen höchsten Wert erreichte ich dabei beim „loyalen Persönlichkeitsstil“, der immerhin bei 9 von 12 möglichen Punkten lag. Wäre er etwas höher gewesen, würde er auf eine abhängige bzw. dependente Persönlichkeitsstörung hindeuten. Mein Testergebnis weist zwar noch längst nicht auf eine psychische Erkrankung hin, zeigt allerdings mit aller Deutlichkeit, wo meine „Baustellen“ verortet sind. Beide Stile haben nämlich etwas gemeinsam: Die Betroffenen neigen zum diskrepanzsensitiven Empfinden (ausgeprägte Empfänglichkeit für negative Affekte) und sie sind eher “kopflastig”, d. h. im Denk-Modus (gedämpfter positiver Affekt). Die Gefühle, die diese Stille am ehesten charakterisieren, sind Angst (loyaler PS) und Scham (selbstkritischer PS). Dass ich mich in schwierigen Lebensphasen oder unter Stress recht häufig im Objekterkennungssystem verheddere, war mir schon bewusst. Auch, dass ich in Zeiten, in denen ich einer hohen Belastung ausgesetzt bin, zur Anhedonie neige, wusste ich schon. Scham kenne ich ebenfalls recht gut. Das mit der “Angst” hat mich allerdings zunächst überrascht.

Manchmal ist die Wahrheit unbequem. Schon seit Beginn meiner Pubertät frage ich mich immer mal wieder, was mit mir eigentlich nicht stimmt? Obwohl ich seither nach Antworten suche, habe ich es irgendwie trotz eines Psychologiestudiums geschafft, über viele Jahre nahezu sämtliche relevante Informationen auszublenden, die mich zu einer tieferen Selbsterkenntnis hätten führen können. Dass ich gewisse Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit machen musste, aus meinem Erleben abgespalten hatte, ist mir inzwischen bewusst, ebenso wie die Tatsache, dass ich manchmal dazu neige, „unerwünschte“ Lebenswirklichkeiten, die für andere Menschen vollkommen selbstverständlich sind, komplett auszublenden und ein selbstausbeuterisches Verhalten an den Tag zu legen. Und ja, ich suche tatsächlich nach Halt, wobei mir gar nicht so ganz klar ist, was genau ich eigentlich damit meine. Dennoch ist dieses diffuse Grundmotiv im hohen Maße charakteristisch für mich. Auch wenn ich – dank meiner sogenannten „gesunden Anteile“ – unter normalen Lebensbedingungen weit davon entfernt bin, mir eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, so weiß ich doch, dass ich insbesondere in kritischen Lebensphasen dazu neige, zumindest einen Teil jener diagnostischen Kriterien zu erfüllen, die eine dependente Persönlichkeit ausmachen.

In solchen Phasen ist es mir tatsächlich mehr oder weniger gleichgültig, wer mir den gewünschten Halt gibt, sofern es sich natürlich um einen Menschen handelt, von dem ich annehme, Halt “bekommen” zu können. Und es stimmt auch, dass viele meiner Beziehungen, die ich dann aufbaue, rasch instabil werden, da ich mich zu sehr mit mir selbst und meiner eigenen Unzulänglichkeit beschäftige, sodass ich kaum wirkliches Interesse für die Bedürfnisse und Befindlichkeiten eines Gegenübers aufbringen kann. Ich fühle mich dann wieder so, wie ich es als kleiner Junge getan habe, was dazu führt, dass meine emotionale Bindung zu „ausgewählten“ Personen über die eines Kindes tatsächlich kaum hinausreicht. Das Stichwort lautet „Bedürftigkeit“. Dabei neige ich vermutlich eher zu einem aktiv-dependenten Interaktionsmuster. Diese Variante ist mit Anstrengungen verknüpft, und die Betroffenen sind in der Regel lebhaft, sozial angepasst und charmant, mit dem Ziel, (bestimmten) anderen Menschen zu gefallen und deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ebenfalls bewusst bin ich mir meiner Neigung zur dramatischen Gefühlsbetonung. Wer meinen Blog kennt hat, dürfte das vielleicht bereits bemerkt haben, mein damaliger Therapeut hat es jedenfalls ganz gewiss, was bei ihm – meinem Empfinden zufolge – zu äußerst bedrohlichen Abwehrreaktionen geführt hat.

Wie kommt es dazu, dass ich mich insbesondere in jenen Situationen so seltsam verhalte, in denen ich extremen Belastungen ausgesetzt bin? Psychotherapeuten/-innen würden darauf vermutlich wie folgt antworten: „Dies weist deutlich auf einen Schock im Kindesalter hin, in dem sich das Subjekt einer Situation anpassen musste, der sie kognitiv nicht gewachsen war (z. B. sexueller, körperlicher oder seelischer Missbrauch, Übernahme von Erwachsenenrollen etc.). Oft ist es eine Form der anhaltenden Demütigung, welche die betroffene Person durch Abspaltung als Form der Ich-Abwehr versucht, zu meiden, oder besser zu ertragen.” (1) Ups… Es gibt sie allem Anschein nach auch bei mir, diese inneren Prozesse, die sich der Selbstaufmerksamkeit beharrlich entziehen und somit auch nur schwerlich artikulierbar sind.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass laut der Auswertung eines Tests, der sogenannte maladaptive Schemata erfasst, die „Trennungsangst“ wohl ein zentrales Thema in meinem Leben ist. Zwar erinnere ich mich an eine Situation aus meiner Kindheit, in der ich diese ganz intensiv gespürt habe, im weiteren Verlauf meines Lebens tauchte sie aber nie wieder auf. Warum sollte ich mich also heute damit beschäftigen? Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Was geschieht eigentlich mit Gefühlen, die nicht mehr erlebbar oder abgespalten sind? Sind sie einfach weg? Oder wirken sie aus dem Unbewussten weiter? Wie verhält sich das bei mir?

Leider muss ich mir eingestehen, dass ich mich seit jeher schon bei den geringsten Anzeichen einer möglicherweise bevorstehenden Trennung oder Abweisung emotional aus einer Beziehung herausgezogen – d. h. mich umgehend getrennt – habe, vermutlich deshalb, um die Angst, verlassen zu werden, gar nicht erst ausstehen zu müssen. Inzwischen scheint es mir aus diesem Grund sogar fast unmöglich zu sein, mich überhaupt auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Ich denke, dass die Angst vor dieser existenziellen Bedrohung, die ich als Kind wohl gespürt haben muss, ein wesentlicher Grund dafür ist. Daran arbeite ich aber schon eine ganze Weile mit recht gutem Erfolg. Dennoch finde ich es beachtlich, diesbezüglich abermals “entlarvt” worden zu sein.

Die gute Nachricht ist, dass ich mich in jenen Kriterien, anhand derer eine dependente Persönlichkeitsstörung dem ICD-10 nach diagnostiziert wird, nicht wiederfinde, und zwar in keinem von ihnen. Im DSM-5 gibt es jedoch ein Kriterium, mit dem ich mich im gewissen Maße durchaus identifizieren kann:

  • Betroffene haben Schwierigkeiten, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Dinge unabhängig durchzuführen (eher aufgrund von mangelndem Vertrauen in die eigene Urteilskraft oder die eigenen Fähigkeiten als aus mangelnder Motivation oder Tatkraft).

Darüber habe ich im Rahmen meiner (Lehr-)Therapie sehr häufig gesprochen. Wie kann es mir gelingen, in allen Lebensbereichen Selbstverantwortung zu übernehmen bzw. mich damit abzufinden, selbst für mich sorgen zu müssen? Was genau bereitet mir eigentlich so große Schwierigkeiten dabei, Unternehmungen selbst zu beginnen oder Dinge unabhängig durchzuführen? Und was kann ich tun, damit es mir künftig leichter fällt? So hat der Entschluss, das Seminar „Persönlichkeit im Wandel“ eigenständig (d.h. nicht im Auftrag irgendeines renommierten Trainingsanbieters) durchzuführen, mich abermals mit einer meiner zentralen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Das fühlt sich überhaupt nicht gut an. Aushalten werde ich das jetzt aber trotzdem!

„Es kommt vieles auf ein richtiges Auffassen der eigenen Individualität an; wer sich falsch beurteilt, ist in Gefahr, sich selbst zu zerreiben.“ Johann Friedrich Herbart

Nun hat jeder Mensch natürlich seine eigene Geschichte und demzufolge auch ganz individuelle Themen, die es sich vielleicht lohnt, mal genauer anzuschauen. Dabei kann das Modell der Persönlichkeitsstile m. E. äußerst hilfreich sein. Im nächsten Schritt bietet es sich an, darüber nachzudenken, welche Veränderungen wünschenswert sind und wie sie sich realisieren lassen. Das tue ich, und das sollte eigentlich jeder tun.

PS: Die Beschreibung des o.g. Seminars “Persönlichkeit im Wandelfinden Sie übrigens hier.

Fußnote:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Abhängige_Persönlichkeitsstörung

Literaturempfehlung:

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.