Das Leben ist eine Baustelle!

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, Ihren Kompass neu auszurichten? Oder möchten Sie gern verstehen, warum Sie an einem bestimmten Punkt nicht weiterkommen? Oder suchen Sie gerade nach einer neuen Perspektive, die frischen Wind in Ihr Leben bringt?

Mich beschäftigen diese Fragen jedenfalls. Vor Kurzem habe ich nun ein neues Coaching-Tool entdeckt, mit dem ich daraufhin selbst gearbeitet habe, um Antworten darauf zu finden. Die von mir eigens dafür entwickelte Vorgehensweise hat mich zu einer ganz erstaunlichen Selbsterkenntnis geführt. Um zu überprüfen, inwieweit das auch bei anderen Menschen funktionieren kann bzw. inwieweit ich die Instruktionen, die ich in diesem Zusammenhang ausformuliert und selbst befolgt habe, noch überarbeiten müsste, damit es das kann, habe ich die Methode in den vergangenen Tagen mehrfach getestet. Die Rückmeldungen meiner Klientinnen und Klienten waren insgesamt sehr positiv.

Hier finden Sie also die überarbeitete Fassung meiner Vorgehensweise:

Personality Toolbox

Mit dem Kartenset „Personality Toolbox“ von Elmar Rauschert und Uwe Schirrmacher (managerSeminare Verlag, 2017) lassen sich verschiedene Themen im Rahmen eines Coachings begleiten.

Die in dem Begleitheft vorgestellte Übung „House of Life“ wird u. a. wie folgt eingeleitet: „Das Tool bietet sich an, wenn der Klient das Ziel hat, etwas in seinem Leben ändern zu wollen oder gar zu müssen, aber nicht genau weiß, was das konkret ist oder wo er ansetzen soll. […] Es dient […] als Diagnostik-Tool für ein prophylaktisches Screening, wo genau in unserem Leben künftig Handlungsbedarf entsteht.“ Diese Aussage passt auch sehr gut zu der von mir entwickelten Vorgehensweise, die ich im Folgenden erläutere.

Das Leben ist eine Baustelle!

Es ist zwar schon eine Weile her, als ich den gleichnamigen Film von Wolfgang Becker und Tom Tykwer gesehen habe, der Titel ist mir aber bis heute sehr gut in Erinnerung geblieben. Die Metapher gefiel mir schon damals. Die vielen Herausforderungen und Probleme, mit denen wir uns Tag für Tag beschäftigen, können jedoch manchmal dazu führen, dass wir das Wesentliche aus den Augen verlieren: Was wollen wir und wie können wir das erreichen? Was ist uns wirklich wichtig? Und warum geraten wir in manchen Lebensbereichen immer wieder in Schwierigkeiten, die auf eigentümliche Weise typisch für uns sind, während wir uns in anderen ganz hervorragend zu behaupten wissen?

Manchmal scheint es also, als würde uns irgendetwas daran hindern, mit uns oder unserem Leben zufrieden zu sein. Nicht immer ist uns aber klar, warum wir das nicht sind, nicht vorankommen oder immer wieder vor ähnlichen Problemen stehen.

Mit dem Kartenset aus der Personality-Box lassen sich jene Problembereiche identifizieren, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein könnten, sowie Entwicklungspotenziale und entsprechende Entwicklungsaufgaben ableiten.

Das Kartenset unterteilt sich in die folgenden acht Kategorien, denen jeweils 15 Begriffe zugeordnet sind:

Körper

Seele

Privat

Arbeit

Entspannung

Grenzerfahrung

Leistungsfähigkeit

Schönheit

Schlaf

Fitness

Körperkontakt

Pflege

Temperatur

Esslust

gesunde    Ernährung

Lust

Aktivität

Genussmittel

Gesundheit

Glaube

Wissen

Werte

Spiritualität

Kreativität

Liebe

Balance

Vision

Hilfsbereitschaft

Erfüllung

Gelassenheit

Weisheit

Humor

Muße

Frieden

Kontrolle

Ordnung

Sport

Politisches Engagement

Familie

Unterhaltung

soziales Engagement

Unabhängigkeit

Kreativität

Kultur

Bildung

Freunde

Status

Konsum

Hobby

Leistung

Abwechslung

Selbständigkeit

Erfüllung

Kreativität

Perfektionismus

Durchsetzungs-fähigkeit

Karriere

Ordnung

Kontrolle

Geld

Ziele

Eloquenz

Teamgeist

Erfolg

Werte

Finanzen

Fühlen

Denken

Gerechtigkeit

Spiritualität

Zuverlässigkeit

Sicherheit

Ästhetik

Ordnung

Harmonie

Macht

Toleranz

Tradition

Status

Freiheit

Geborgenheit

Besitz

Ehrlichkeit

Sparsamkeit

Dankbarkeit

Sinn

Chancen

Wohlbefinden

Kontrolle

Verpflichtungen

Großzügigkeit

Solidarität

Überblick

Selbstwert

Potenzial / Wachstum

Auskommen

Einstellung

Schulden

rücksichtsvoll

emotional

träumerisch

leidenschaftlich

vertrauensvoll

kommunikativ

hilfsbereit

kontaktfreudig

einfühlsam

begeisternd

ideenreich

achtsam

intuitiv

optimistisch

ausdrucksstark

realistisch

gründlich

direkt

durchdacht

beherrscht

geplant

kritisch

logisch

systematisch

beharrlich

sachlich

begründet

strukturiert

vernünftig

überlegt

Die 120 Karten bilden also ein recht umfassendes Spektrum jener Themen ab, die im Leben eine Rolle spielen bzw. spielen können. Auf der Rückseite werden die entsprechenden Begriffe übrigens kurz definiert bzw. erläutert.

Schritt 1: Konzentration auf das Wesentliche

Bei einen so breit gefassten Spektrum ist davon auszugehen, dass nicht jedes Thema bei jedem Menschen gleichermaßén relevant ist oder es überhaupt repräsentiert werden muss. Deshalb empfehle ich, die Komplexität der Themen in einem ersten Schritt um ein Drittel zu reduzieren.

  • Instruktion: Wählen Sie zunächst aus jeder der acht Kategorien fünf Karten aus, die Ihnen persönlich aus unterschiedlichen Gründen eher irrelevant zu sein scheinen.
  • Leitfrage: Zu welchen Themen haben Sie (zurzeit) am wenigsten Bezug?

Diese ersten Reduktion hat den Zweck, das vorliegende Kartenset zu individualisieren. Diese vierzig Karten dürfen Sie daraufhin beiseitelegen. Sie werden also im Folgenden nicht weiter beachtet.

Schritt 2: Aufdecken potenzieller „Baustellen“

Im nächsten Schritt geht es um die Entscheidung, ob man mit dem, was auf den verbleibenden Karten aufgezeigt wird, soweit zufrieden ist oder nicht bzw. ob man dort noch ein Entwicklungspotenzial sieht?

Teilen Sie jetzt also die zehn Karten aus jeder Kategorie jeweils in zwei Hälften auf. Ihre Ergebnisse können Sie in die betreffenden Spalten (siehe Tabelle) eintragen. Somit sollten insgesamt 40 Begriffe übrig bleiben („eher unzufrieden bzw. Entwicklungspotenzial“), mit denen Sie sich dann weiter beschäftigen.

Diese Begrenzung auf fünf Themen pro Kategorie ist zwar etwas willkürlich, aber m. E. trotzdem sinnvoll, um die wesentlichen „Baustellen“ aufzuzeigen. Mit einigen Bereichen ist man vielleicht durchaus schon so zufrieden, dass es nicht erforderlich ist, sich im Rahmen dieser Übung nochmals mit ihnen zu befassen. Andere Themen sind in diesem Zusammenhang vielleicht eher belanglos, was die Beurteilung „(eher) zufrieden“ auch rechtfertigt.

Tipp: Vertrauen Sie bei dieser Zweiteilung ganz auf Ihre Intuition bzw. auf Ihr Gefühl! Sollten Sie unsicher sein, welche Karten in welche Spalte gehören, können Sie die zehn Karten einer Kategorie zunächst in eine Rangfolge (von „zufrieden“ bis „unzufrieden“) bringen und daraufhin jeweils fünf Begriffe in die beiden betreffenden Felder der Tabelle eintragen.

Kategorie (eher) zufrieden (eher) unzufrieden bzw. Entwicklungspotenzial
Fühlen    
Denken    
Finanzen    
Seele    
Werte    
Körper    
Privat    
Arbeit    

Obwohl es in dieser Übung darum geht, „Baustellen“ bzw. Entwicklungspotenziale zu identifizieren, werden auf diese Weise auch jene Ressourcen oder Lebensbereiche sichtbar, wo bereits ein gewisses Maß an Zufriedenheit besteht. Das kann sehr wohltuend sein. Im Anschluss daran richten Sie den Fokus aber lediglich auf die 40 Karten, die Sie der dritten Spalte zugeordnet haben.

Die verbleibenden 40 Begriffe weisen also auf ein gewisses Entwicklungspotenzial hin oder zeigen auf, dass Sie sich in dem entsprechenden Zusammenhang noch nicht stimmig positioniert haben, was einen Teil Ihrer derzeitigen Unzufriedenheit begründen könnte.

Schritt 3: Aufdecken von Gemeinsamkeiten

Im Folgenden soll es darum gehen, Themen herauszuarbeiten, die den „Baustellen“ zugrunde liegen. Versuchen Sie also jetzt, die verbleibenden Karten zu clustern und (neue) Oberbegriffe zu formulieren, die das jeweils Gemeinsame zum Ausdruck bringen.

Da sich unter den verbleibenden Karten wahrscheinlich noch immer einige befinden, die aufgrund des Selektionsprinzips nur eine geringe Relevanz für Sie haben, dürfen Sie diese jetzt auch entfernen.

Tipp: Vielleicht gibt es Begriffe, die mit einer Problematik verbunden sind, die bereits in einem anderen Begriff impliziert sind. Ich nenne das einfach mal „Dopplung“. Spüren Sie in sich hinein, um diese (redundanten) Dopplungen zu entdecken.

Wie ein solches Zwischenergebnis aussehen könnte, sehen Sie hier:

Beispiel

Halten Sie Ihre Ergebnisse daraufhin schriftlich fest (Mind-Map/Tabelle) oder machen Sie ein Foto davon.

Schritt 4: Zusammenführung der verbleibenden Karten

Jetzt verbleiben nur noch relativ wenige Karten, die im Folgenden genauer betrachtet werden können. Vielleicht lassen sich ja auch die zuvor von Ihnen gefundenen Oberbegriffe etwas ausdünnen?

  • Instruktion: Lassen Sie dieses Bild bzw. das Ergebnis jetzt eine Weile auf sich wirken. Vielleicht gibt es Oberthemen, an denen Sie bereits gearbeitet und Fortschritte erzielt haben? Auch diese Themen können in der weiteren Betrachtung vernachlässigt werden.
  • Des Weiteren können Sie jetzt überprüfen, ob es in den verschiedenen Problembereichen einen Begriff gibt, der das jeweilige Oberthema am besten umfasst?
  • Interessant könnte es zudem sein herauszufinden, ob es einen zentralen Punkt in dem Cluster gibt? Bei mir gab es einen. Diesen habe ich (ebenso wie einen weiteren Oberbegriff) in eigene Worte gefasst, um die dahinterstehende Problematik besser zu verdeutlichen.

Schritt 5: Reflexion der Ergebnisse

Ihr Ergebnis sollten Sie nun mit jemandem besprechen, dem Sie vertrauen, und dabei erläutern, wie Sie das Resultat im Hinblick auf Ihr Leben verstehen.

Daraufhin könnten Sie sich von Ihrem Gesprächspartner ein Feedback geben lassen bzw. sich anhören, wie dieser Ihr Ergebnis betrachtet und ggf. interpretiert. Vielleicht werden Sie dadurch auf einen Aspekt aufmerksam, der hinsichtlich Ihrer „Problematik“ von zentraler Bedeutung ist. Frei nach dem Motto „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“, könnte dies dazu führen, den ein oder anderen „blinden Fleck“ in Ihrer Selbstwahrnehmung erhellen.

Hinweis: Viele Probleme, mit denen wir es immer wieder zu tun haben, entstehen durch unsere (mehr oder weniger missglückten) Versuche, Bedürfnisse zu befriedigen. Um welche es sich hierbei genau handelt, ist für uns selbst manchmal schwer zu erkennen. Der Blick von außen kann dann sehr erhellend sein.

Vielleicht entdecken Sie, während Sie über Ihre Ergebnisse sprechen, irgendein Bedürfnis, das Sie bis dato nicht oder nur sehr verschwommen auf Ihrem Radarschirm hatten? Aus einem Bedürfnis, das lange Zeit nicht oder nur unzulänglich befriedigt wurde, kann leicht eine Bedürftigkeit (mit weitreichenden Folgen) entstehen. Diese wiederum kann dazu beitragen, dass unsere persönliche oder berufliche Entwicklung stagniert, wir das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten oder uns ständig im Kreis zu drehen.

Auf den Punkt bringen könnte man diesen Schritt mit einer Aussage, die eine Teilnehmerin in einem meiner Seminare einst machte: „Woher sollte das Universum wissen, was ich brauche, wenn ich es noch nicht einmal selbst weiß?“

Schritt 6: Problemfelder und Lösungsversuche

Nehmen wir nun an, dass die sichtbar gewordenen Probleme bzw. Problemfelder durch Ihre Bemühungen entstanden sind, Bedürfnisse zu befriedigen, also eigentlich Lösungsversuche sind. Welche waren das und warum waren Sie damit nicht (oder nur unzureichend) erfolgreich?

  • Leitfrage: Was könnten Sie durch Ihr Verhalten, das die besagten Probleme bedingt, versucht haben zu erreichen?
  • Diese „Lösungsversuche“ haben bislang nicht zum gewünschten Ziel geführt, weil…

Es ist meist einfacher etwas zu erreichen oder voranzukommen, wenn man weiß, was man wirklich will!

Schritt 7: Einsichten und Entwicklungsaufgaben

Anschließend empfehle ich, die bis hierher gewonnen Einsichten in Kürze schriftlich zusammenzufassen.

Der letzte Schritt ist aber wohl am wichtigsten: Leiten Sie daraus nun Ihre persönlichen Entwicklungsaufgaben ab, entwickeln Sie dann einen konkreten Plan und handeln Sie entsprechend!

Vielleicht tauchen jetzt noch Fragen auf, mit denen Sie sich künftig beschäftigen wollen? Auch diese sollten Sie sich notieren, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Persönliches Fazit

Obwohl ich mich eigentlich für sehr reflektiert halte, habe ich durch die Arbeit mit dieser Methode etwas über mich herausgefunden, das mich wirklich überrascht hat! So bin ich zum Beispiel einer fundamentalen (und äußerst dysfunktionalen) Grundannahme auf die Schliche gekommen, die mir wohl im Laufe meiner Kindheit eingeschärft wurde. Dadurch wurde es mir (endlich) möglich, sie gezielt zu verändern bzw. aufzulösen. Wer so etwas schon einmal erlebt hat, weiß sicher, was das bedeutet…

Da mir bewusst ist, dass die Ergebnisse, die mit dieser Vorgehensweise erzielt werden, nicht immer so spektakulär sind, wie sie es in meinem Fall waren, möchte ich hier keine falschen Erwartungen wecken. Eventuell werden lediglich Dinge offensichtlich, die Ihnen ohnehin schon klar waren. Wahrscheinlich hängt das aber davon ab, wie gut es Ihrem Gesprächspartner gelingt, Sie bei der Hinterfragung Ihrer „Baustellen“ zu unterstützen? Vielleicht sollten Sie es also wenigstens einmal ausprobieren, sich Ihr jetziges Leben auf diese Weise anzuschauen? Es könnte ja sein, dass auch Sie von dem, was Sie dann erkennen, (wenigstens ein klein wenig) überrascht sind.

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