Finden Sie keine Lösung?

Manfred Evertz

„Der Lösung ist es egal, wie das Problem entstanden ist.“ Steve de Shazer

Ginge es nach diesem Zitat des Erfinders der Lösungsorientierten Kurzzeittherapie, sollte man sich nicht so sehr dafür interessieren, wie Probleme entstanden sind. Klüger wäre es demnach, die Aufmerksamkeit gezielt auf jene Aspekte zu richten, die in der Vergangeneit oder Zukunft bereits gelungen sind. Im direkten Vergleich mit dem, was jetzt problematisch ist, werden vielleicht Unterschiede erkennbar, aus denen sich eine Lösungsstrategie entwickeln lässt.

Wenn das scheinbar so einfach ist, warum machen wir es dann nicht? Weil Menschen normalerweise dazu neigen, über ihre Probleme und Sorgen stets auf gewohnte Art nachzudenken. Sind diese Gedanken nicht hilfreich oder wenig zielführend, geraten die Betroffenen leicht in eine sogenannte „Problemtrance“. In diesem Zustand drehen sich die Gedanken nur noch im Kreis, die Stimmung wird stetig schlechter und es sich fühlt sich so an, als wäre man den Geschehnissen schutzlos ausgeliefert. Gelegentlich werden Gefühle oder Probleme so übermächtig, dass wir unseren Glauben daran verlieren, sie irgendwann wieder in den Griff zu bekommen. Der Druck, der in solchen Phasen auf uns lastet, ist so enorm, dass die Wahrnehmung sich wahrscheinlich bereits verengt hat und es zu Denkblockaden oder -fehlern kommt. Es scheint so, als würden wir uns mit unserer eigenen Sicht auf die Dinge oder unserer inneren Einstellung selbst im Weg stehen.

Wie kommt es dazu? Warum haben sich die Dinge so entwickelt? Weshalb habe ich mich so verhalten? Was ist die Ursache des Problems? Stellen Sie sich diese Fragen und sind Ihre Antworten darauf immer hilfreich? Oder ist es eventuell auch möglich, sich aus einem Tief zu befreien, ohne viel leidvolle Zeit mit einer langwierigen Analyse zu verbringen? Die Lösungsorientierung verspricht das jedenfalls. Sie gehört seit vielen Jahren zu den Standards in Therapie, Beratung und Coaching, erscheint unmittelbar plausibel und besticht vor allem durch ihre Einfachheit. Dass sie so gut funktioniert und warum sie das tut, lässt sich u. a. durch das Prinzip der Neuroplastizität erklären. Durch eine gezielte Hinwendung zum Gelingenden werden neuronale Netzwerke verstärkt, die sich mit Erfahrungen beschäftigen, in denen das eigene Verhalten erfolgreich war. Der bekannte Psychotherapeut Milton Erickson stellte in diesem Zusammenhang einst die Hypothese auf, dass Menschen im Laufe ihres Lebens bereits so viele Dinge gelernt haben, dass es ihnen eigentlich möglich sei, jedes Problem selbst zu lösen. Voraussetzung dafür ist es allerdings, dass sie sich von ihren gewohnten Denkmustern frei machen und ihr kreatives Potenzial nutzen.

Die Hoffnung darauf, überhaupt eine Lösung zu finden, wird hierbei bereits als eine wichtige Ressource angesehen. Gezielte Fragen schaffen dann schrittweise ein Bewusstsein für das Besondere jener Erfahrungen, in denen sich Klienten bereits „selbstwirksam“ erleben konnten. Coping-Fragen suchen bspw. nach bisherigen Bewältigungsstrategien, die in der Vergangenheit erfolgreich waren. Da es kaum ein Problem gibt, das zu jeder Zeit gleichermaßen intensiv erlebt wird, schaut man zudem nach Ausnahmen, in denen das besagte Problem entweder weniger groß oder gar nicht vorhanden ist. Mittels eines Ressourcen-Screenings sowie der lösungsorientierten Zentralfrage, lassen sich Handlungsstrategien erarbeiten, die Klienten dann schrittweise umsetzen können. Des Weiteren gehören natürlich Wunder-, Skalierungs-, Konkretisierungs-, Externalisierungs- sowie zirkuläre Fragen zum Standardrepertoire dieses Ansatzes. In schwierigen Fällen bieten sich bspw. Verschlimmerungs-, Reframing-, Utilisierungs- oder hypothetische Fragen an, um einen geeigneten Weg zur Lösung zu finden. Das Ziel ist es immer, die Selbstverantwortlichkeit und Autonomie der Klienten zu fördern.

Manfred Evertz

Obwohl all diese Fragetechniken äußerst wirksam sind, kommen auch sie gelegentlich an ihre Grenzen. Manche Klienten benötigen eine ganze Weile, bevor sie sich für eine lösungs- und ressourcenorientierte Vorgehensweise öffnen können. Der Grund dafür ist bspw. das starke Bedürfnis, in dem eigenen Leid wahrgenommen zu werden bzw. Mitgefühl zu erfahren. Deshalb sollte jeder Mensch dort „abgeholt“ werden, wo er sich gerade befindet. Geht man zu schnell in die Lösungsorientierung (z. B. indem man die berühmte Wunderfrage stellt), kann das eben leicht dazu führen, dass die Betroffenen sich nicht ernst genommen fühlen bzw. sie sich enttäuscht abwenden.

Das Fundament unserer Wirklichkeit

Etliche Problemlösungsstrategien haben wir bereits in unserer Kindheit entwickelt, erprobt und automatisiert. Führen sie nicht mehr zu den gewünschten Ergebnissen, müssten sie neu überdacht bzw. durch andere ersetzt werden. Auch wenn es nicht immer ganz einfach ist, können automatisierte Reaktionsmuster oder Gewohnheiten im Hier und Jetzt korrigiert bzw. verändert werden. Oftmals reicht es dafür schon, sich einfach mal bewusst ganz anders zu verhalten, oder lösungsorientiert danach zu schauen, wie man vergleichbare Situationen erfolgreich gemeistert hat. Scheitern diese Bemühungen jedoch, kann es sinnvoll sein, sich intensiver mit jenen Bedürfnissen und Gefühlen zu beschäftigen, die mit dem bisherigen Verhalten in Verbindung stehen oder die es bedingt haben. Kommt es daraufhin zu einer emotionalen Neubewertung, können Erstarrungen bzw. dysfunktionale Wahrnehmungs- und Interaktionsmuster nachhaltig aufgelöst und Handlungsspielräume schrittweise erweitert werden. Doch nicht jede Veränderung ist gleichermaßen erwünscht. Manchmal entscheiden sich Klienten auch bewusst für ein Festhalten am Bewährten. Das sollte erkannt, besprochen und respektiert werden. Das gleiche gilt übrigens für Überzeugungen, die Klienten über sich selbst oder darüber, wie andere Menschen sind, sowie über die Welt und das Leben haben. Die meisten davon dienen wie Leitplanken der Orientierung und sind bis heute sehr nützlich. Andere machten jedoch wahrscheinlich nur in der speziellen Beziehungskonstellation mit den eigenen Eltern Sinn und beeinträchtigen seither die Entfaltung der Persönlichkeit. Da sie den Betroffenen aber oftmals nicht bewusst sind, wird in der Regel an ihnen festgehalten und weiterhin nach ihnen gelebt, als wäre die Welt so geblieben, wie sie diese in ihrer Kindheit wahrgenommen haben. Können derlei Grundannahmen inklusive ihrer Konsequenzen in einem Gespräch deutlich herausgearbeitet werden, lassen sie sich einem Realitätstest unterziehen und ggf. so umformulieren, dass sie besser mit den aktuellen Gegebenheiten korrespondieren.

Nicht steht mir zu, über eines andern Leben zu urteilen! Für mich allein muss ich urteilen, muss ich wählen, muss ich ablehnen.“ Hermann Hesse

Manfred Evertz

Was auch immer Ihnen also gerade Probleme bereitet oder zu Gefühlen führt, die Sie als belastend empfinden, machen Sie sich bewusst, dass nur Sie einen Weg (nämlich Ihren!) finden können, damit zurechtzukommen. Natürlich lassen sich nicht alle Schwierigkeiten, die einem das Leben bereitet, in Luft auflösen. Manche Dinge können wir kaum oder gar nicht beeinflussen. Dann ist es hilfreich, sich zu fragen, wie es gelingen kann, sich mit den Gegebenheiten so zu arrangieren, dass man nicht allzu sehr darunter leidet, bzw. was man tun könnte, um das Beste aus der Situation zu machen.

Das Gespräch mit einem anderen Menschen erleichtert es, praktikable Lösungen oder Handlungsstrategien zu entwickeln, insbesondere dann, wenn man dazu aufgefordert wird, sinnvolle Antworten auf Fragen zu geben, denen man ansonsten vielleicht eher ausweicht. Die Lösungsorientierte Beratung ist zwar kein Allheilmittel, aber sie ist in vielen Fällen äußerst hilfreich, und sie lässt sich hervorragend mit anderen Methoden kombinieren.

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Literaturempfehlungen:

  • Günter G. Bamberger (2015). Lösungsorientierte Beratung (5. Auflage). Beltz Verlag.
  • Steve de Shazer (2002). Der Dreh. Carl-Auer-Systeme Verlag.