Rezension „Kurze Geschichte der Psychologie und Psychotherapie (1783 – 2020)“ von Wolfgang Schönpflug

In dem Buch aus der Reihe „Beiträge zur Geschichte der Psychologie“ wird – wie der Titel bereits verrät – die im Grunde genommen noch recht kurze Geschichte der Psychologie und Psychotherapie erzählt.

Bereits 1783 erschien das erste psychologische Magazin für Erfahrungsseelenkunde mit dem Titel „Gnothi sauton – Erkenne dich selbst“. Etwa ein Jahrhundert später, nämlich 1879, gründete Wilhelm Wundt in Leipzig das erste Institut für experimentelle Psychologie, das ein paar Jahre darauf von der Universität auch offiziell anerkannt wurde. Damit begann die Institutionalisierung einer wissenschaftlichen Disziplin, die zuvor als unselbständiges Lehrgebiet der Philosophie zugeordnet war. Etwa gleichzeitig entwickelte sich die sogenannte Popularpsychologie, die sich ebenfalls mit psychischen Funktionen, Eigenschaften, Krankheiten und deren Behandlung befasste. Obwohl der Begriff „Psychotherapie“ bereits im 19. Jahrhundert verwendet wurde, wird die Klinische Psychologie erst Jahrzehnte später zu einem eigenständigen Fachgebiet innerhalb der Psychologie. Zunächst wurde die stationäre und ambulante Versorgung psychisch erkrankter Menschen privatwirtschaftlich organisiert. Im Zuge dessen wurden verschiedene psychotherapeutische Richtungen mit unterschiedlichen Menschenbildern, Erklärungsmodellen und Behandlungsmethoden entwickelt, die miteinander konkurrierten, wofür sich neben Ärzten auch gebildete Zeitgenossen aus anderen Disziplinen engagierten. Während die Psychoanalyse, die in der Öffentlichkeit auf außerordentlich großes Interesse stieß, an den Universitäten wenig Beachtung fand, basierte die Verhaltenstherapie auf den Erkenntnissen der behavioristisch ausgerichteten Psychologie. Zur Ausbildung der Psychoanalytiker wurde (wohl auch) deshalb eine Lehranalyse zur Voraussetzung, wobei neben Medizinern auch Nicht-Mediziner – vornehmlich Pädagogen – zugelassen wurden.

In den USA der 1940er Jahre kam es nun zu einer Akademisierung der Klinischen Psychologie, der eine Professionalisierung mit staatlicher Zulassung folgte. Grundlegend dafür war das sogenannte Scientist-Practitioner-Modell, das auch nicht-ärztliche Psychotherapie aufwertete. In Deutschland wurde die Psychologie im Jahr 1941 mit einer Diplomprüfung zum akademischen Beruf, wobei die in psychiatrischen Kliniken beschäftigten Diplompsychologen allerdings vor allem mit der Psychodiagnostik betraut waren. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde im Rahmen einer Neuordnung die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (Lehre und Forschung) sowie der Berufsverband Deutscher Psychologen gegründet.

Da das studentische Interesse an der Psychologie seit 1970 ununterbrochen stark zunahm, wuchs auch die Anzahl der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Zeitgleich vollzog sich eine Verlagerung des Schwerpunkts in Richtung der Klinischen Psychologie. Zu den psychodynamischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen kamen nun auch humanistische und systemische Therapien. Das Resultat war die sogenannte „Klinische Wende“. Aufgrund dessen, dass es verschiedene, miteinander konkurrierende Therapieverfahren gab, wurde sich nun auch der Erforschung ihrer Wirksamkeit zugewandt. Im weiteren Verlauf kam es dann zu einer allmählichen Verdrängung nicht-klinischer Lehr- und Forschungsgebiete, die nun vermutlich noch rasanter fortschreiten wird. Schon während meiner Studienzeit – nämlich im Jahr 1998 – wurde das erste deutsche Psychotherapeutengesetz verabschiedet.

Nach diesen – eher aus historischer Perspektive interessanten – Kapiteln folgt etwas, das ich äußerst spannend fand, nämlich ein hervorragend recherchierter Einblick in die Entwicklung des Psychotherapie(wissenschaft)-Studiums. Wie sich das genau abgespielt hat, welche unterschiedlichen Positionen in diesem Zusammenhang diskutiert wurden und welche Perspektiven sich daraus ergeben, erläutert der Autor in der zweiten Hälfte des Buches. Kritische Bemerkungen – vor allem zur Bilanz der Psychotherapiereform von 2019 und zur gegenwärtigen Studienplanung im Fach Psychologie – sprechen aktuelle Probleme der Fachpolitik, ja der Gesundheitspolitik überhaupt an.

Eine Passage erinnerte mich unmittelbar an meine Studienzeit, genauer gesagt an eine Diskussion mit Prof. Dr. Hans Westmeyer, der damals meine Diplomarbeit betreut hat. So wird von einigen meiner Kolleginnen und Kollegen die Auffassung vertreten, dass Krankheiten, Behandlungen und Behandlungserfolge aus sozial-konstruktivistischer Sicht eher als konsensuelle Bestimmungen zu interpretieren seien. Was als psychische Störung gilt, ob und wie diese Störung behandelt wird, und was als Heilung angestrebt und anerkannt wird, sei im hohen Maße abhängig von den beteiligten Personen sowie von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und anderen Verhältnissen. Jeder Fall ist demzufolge anders. Psychologische Unterstützung – wobei es egal ist, ob sie nun bei Menschen Anwendung findet, die dem ICD zufolge einen Krankheitswert aufweisen oder nicht – sei demnach eine Form des Problemlösens. Die jeweiligen Schritte bzw. Interventionen sollten stets gut begründet sein, wobei wohl auch subjektive Erfahrungen herangezogen werden dürfen, die nicht allein deshalb irrelevant sein müssen, weil sie im Einzelfall vielleicht von den Empfehlungen entsprechender Leitlinien abweichen. Was ist ausschlaggebender für den Erfolg einer Behandlung? Ist es das fundierte Fachwissen oder das intiutive Handlungswissen, das durch Erfahrung erworben wird? Ist Psychotherapie nun eine Wissenschaft oder eine Kunst? Oder ist sie vielleicht beides?

Im Anhang finden sich zudem verschiedene Gesetzestexte und weitere Informationen, die im Zusammenhang mit dem neuen Studiengang relevant sind.

Fazit: Mit viel Liebe zum Detail beschreibt und diskutiert Wolfgang Schönpflug die aktuelle Entwicklung des Studienfaches der „Psychotherapiewissenschaft“. Einiges davon hatte ich zwar bereits gelesen oder gehört, allerdings wohl nicht immer ganz korrekt einordnen können. Die Lektüre hat sich für mich also gelohnt!

Literatur:

  • Wolfgang Schönpflug (2022). Kurze Geschichte der Psychologie und Psychotherapie (1783 – 2020). Paradigmen und Institutionen: Vereint oder getrennt? Peter Lang GmbH – Internationaler Verlag der Wissenschaften, Berlin 2022.