Schematherapie & Lebensfallen

Die Schematherapie, ein integratives psychotherapeutisches Verfahren der „dritten Welle“ der Verhaltenstherapie, wurde in den 1990er Jahren von Jeffrey E. Young zur Behandlung von sogenannten Non-Respondern (KVT) und Patienten mit überdauernden Lebensproblemen und Persönlichkeitsstörungen entwickelt.

Das Ziel dieser Therapie ist es, maladaptive Schemata („Lebensfallen“) zu ergründen bzw. zu modifizieren, die ursächlich für chronische bzw. langanhaltende emotionale Probleme sind. Vielleicht waren die damit einhergehenden Erlebens- und Verhaltensweisen in der Kindheit und Jugend sinnvolle Reaktionen, die im Sinne einer Bewältigungs- oder Copingstrategie eine Anpassung an schwierige Lebensumstände ermöglichten. Sie wirken sich im weiteren Verlauf der individuellen Entwicklung jedoch dysfunktional aus, wenn sie zu unflexiblen Reaktions- und Verhaltensmustern – d. h. auch unter veränderten Lebensbedingungen gezeigt – werden und einen Leidensdruck erzeugen.

In einem Interview mit Werner Eberwein erläutert Dr. med. Eckhard Roediger die Grundkonzepte und Anwendungen der Schematherapie.

 

Altlasten aus der Kindheit

„Um unangenehme Erlebnisse möglichst zu verhindern und einen Kompromiss zwischen den [kindlichen] Grundbedürfnissen und den verinnerlichten Erwartungen der Eltern zu schaffen, entwickeln wir Bewältigungs- bzw. Copingstrategien, die […] wie die Schemata eingebrannt werden. Je nach der persönlichen Veranlagung und den Beziehungserfahrungen können diese einen eher unterordnend-erduldenden, einen gefühlsabspaltend-vermeidenden oder einen kämpferisch-überkompensierenden Charakter haben und stellen damit Ausgestaltungen der biologisch angelegten ‚Unterwerfungs-, Flucht- bzw. Erstarrungs- oder Kampfbereitschaft dar […].“

Auf seiner Webseite stellt Dr. med. Eckhard Roediger die zentralen Konzepte der Schematherapie vor und erläutert die therapeutischen Schritte, mit denen Patienten/-innen geholfen wird, sich aus sogenannten „Lebensfallen“ (damit gemeint sind die 18 maladaptiven Schemata) zu befreien, die (in der Regel) im Laufe der Kindheit „aufgestellt“ wurden:

Eine gewisse Popularität hat das Modell von Jeffrey E. Young inzwischen erlangt. Aber ist die Schematherapie auch wirksam? Diese Frage ist noch nicht vollständig beantwortet. Tatsächlich liegen Wirksamkeitsnachweise bislang vor allem für Behandlungen von Persönlichkeitsstörungen – insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsstörung – vor (vgl. Sempertegui et al. 2013). Des Weiteren deuten verschiedene Studien darauf hin, dass die Veränderung maladaptiver Schemata mit einer umfassenden Symptomreduktion assoziiert ist. Die geringere Reaktivierung depressionsfördernder Selbstschemata übt wohl zusätzlich einen rezidivprophylaktischen Effekt aus. Unter einer „Rezidivprophylaxe“ versteht man die Gesamtheit aller medizinischen bzw. therapeutischen Maßnahmen zur Abwendung eines Wiederauftretens einer Erkrankung.

Kurz nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht hatte, wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Schematherapie mittlerweile ein relativ breites Wirksamkeitsspektrum aufweist, nicht nur bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung (Farrell, Shaw and Webber, 2009; Giesen-Bloo et al., 2006; Nadort et al., 2009), sondern auch bei der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung und Cluster-C-Persönlichkeitsstörungen (Bamelis et al., 2014). Zusätzlich gibt es vielversprechende Wirksamkeitsnachweise bei der Therapie von forensischen Patienten (Bernstein et al., 2012), chronischen Depressionen (Carter et al., 2013; Renner et al., 2016), chronischen und komplexen Angststörungen (Hawke & Provencher, 2011) sowie Substanzgebrauchsstörungen bzw. Suchterkrankungen (Kersten, 2012; Straver, 2017).

Mir wurde in den vergangenen Jahren von einigen ehemaligen Patienten/-innen berichtet, dass sie mit dieser Behandlungsform sehr gute Erfahrungen gemacht haben. So hatte ich bspw. im Jahr 2013 eine Seminarteilnehmerin, die mir den Ablauf ihrer Therapie Schritt für Schritt erläuterte. Ihre Begeisterung für diese Vorgehensweise war so deutlich spürbar, dass ich nach dem Gespräch beschloss, mich etwas intensiver damit zu befassen, mir ein Buch besorgte („Therapie-Tools Schematherapie“, Verlagsgruppe Beltz) und mich durch zahlreiche Texte arbeitete, die ich im Internet fand. Vieles blieb für mich allerdings recht vage oder sogar unklar. Deshalb habe ich mich sehr darüber gefreut, diese Texte zu finden. Sie sind gut strukturiert und leicht zu verstehen. Jetzt habe ich jedenfalls eine konkrete Vorstellung davon, wie eine Schematherapie abläuft.

PS: Eine lesenswerte Einführung in das schematherapeutische Modusmodell von Dr. Eva Faßbinder und Prof. Dr. Ulrich Schweiger (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – Universität zu Lübeck) im pdf-Format finden Sie hier: https://cip-medien.com.

Dr. med. Eckhard Roediger war von 1993 bis 2002 Leitender Arzt der salus Klinik in Friedrichsdorf, von 2002 bis 2007 mit dem Aufbau und der Leitung der Psychosomatischen Abteilung am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin beauftragt und ist seitdem in Frankfurt am Main in freier Praxis tätig. 2008 gründete er das Institut für Schematherapie Frankfurt (IST-F), das er seitdem leitet, und ist Mitglied des Gründungs-Vorstandes der Internationalen Schematherapiegesellschaft (ISST), dessen Präsident der von 2014 bis 2016 war.

Kontakt: www.schematherapie-roediger.de

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