Das verlorene Selbst

Können Sie sich vorstellen, ein Leben zu führen, ohne dabei persönliche Ziele zu verfolgen? Hat nicht jeder von uns irgendwelche Wünsche oder Sehnsüchte?

Manche Menschen scheitern ausgerechnet dann an der Selbstregulation ihrer Emotionen, wenn sie in die Zukunft schauen bzw. langfristige Ziele verfolgen möchten. Einige greifen dann auf Bewertungsmuster zu, die ihnen Sinn- oder Hoffnungslosigkeit vermitteln und sie handlungsunfähig machen. „Das schaffst DU ohnehin nicht!“ „Das ist (zumindest für Dich) unrealistisch!“ Die Folge ist nicht selten eine getrübte Stimmung. Anderen hingegen scheint es unmöglich zu sein, derartige (persönliche) Ziele überhaupt zu formulieren.

„Warum soll es mir gut gehen dürfen? Ich bin ja schließlich nicht wichtig!“

In diesem Artikel diskutieren Prof. Dr. Julius Kuhl, Dr. Bernd Schmid und Günter G. Bamberger mit mir darüber, was eine solche Aussage für die Betroffenen bedeuten kann und wie sich im Rahmen eines Coachings damit arbeiten lässt.

Manfred Evertz

Der PSI-Theorie (Prof. Dr. Julius Kuhl) zufolge soll es für eine funktionale Verhaltenssteuerung sinnvoll sein, eventuelle Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung von Plänen oder Vorhaben auftreten könnten, bereits im Vorfeld zu erkennen und entsprechende Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Ermöglicht wird dies durch ein Aushalten negativer Emotionen verbunden mit der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf Inkongruenzen (z. B. auf potenzielle Fehler oder Fehlentwicklungen) zu richten (Objekterkennungssystem).

In diesem Zusammenhang können Selbstwertproblematiken eine tragische Rolle spielen. Innere Kritiker oder Richter, also jene Introjekte, die dazu führen können, dass Menschen sich selbst (negativ) bewerten („Ich bin wertlos!“) oder übermäßig kritisieren („Ich habe total versagt!“), gehen nicht selten mit „Denkfehlern“ (Übergeneralisierungen, willkürlichen Schlussfolgerungen etc.) einher, die zwar hartnäckig sein können, sich aber korrigieren lassen. Schwieriger wird es, wenn es darum geht, persönliche Ziele zu formulieren, weil das implizite Selbstwertgefühl vielleicht so konstituiert ist, dass das Selbst diese nicht für sich annehmen kann.

Habe ich als Kind die Erfahrung machen müssen, dass meine Bedürfnisse (bspw. im Rahmen meiner Autonomiebestrebungen) nicht hinreichend beachtet werden, sie im Grunde genommen also „wertlos“ sind , kann das dazu führen, dass ich mir eigene Bedürfnisse und Ziele auch als Erwachsender kaum zugestehe. Kurzum: Wie sollte ich mir selbst später Freude oder Lust gönnen können, wenn mir die Erfahrung, dass das okay ist, (weitgehend) verwehrt geblieben ist? Setze ich mir nun persönliche Ziele, bin ich entweder zu egoistisch (woraus ein schlechtes Gewissen folgen kann) oder ich riskiere, nicht mehr liebenswert (also ein „schlechter Mensch“) zu sein. Im Sinne der PSI-Theorie würde das wohl bedeuten, dass sich die Aufmerksamkeit über das System der Objekterkennung (das Objekt wäre ich in diesem Fall selbst) vor allem auf Inkongruenzen richtet („Ich habe es nicht verdient, Spaß am Leben zu haben, weil …“), was dann eben leicht mit Selbstabwertungen und entsprechend negativen Empfindungen (Niedergeschlagenheit bzw. getrübter Stimmung) korrespondiert.

Nach Kuhl führt eine dauerhafte Erhöhung von negativem Affekt zu erschwertem Selbstzugang, der wiederum die Selbstentwicklung behindert. Nicht selten führt die zugrundeliegende Selbstabwertung zusätzlich zu einer Dämpfung der positiven Emotionen. Besonders betroffen ist dann die dem Selbst am nächsten liegende Freude, die Freude einfach da zu sein, den Augenblick zu genießen, sich immer mal wieder die Freiheit zu nehmen, eigene Bedürfnissen oder Zielen Raum zu geben. Dann ist auch die Motivation gedämpft, die erforderlich wäre, um Handlungen zu initiieren, diese persönliche Ziele, die vor einem solchen Hintergrund formuliert wurden, zu erreichen. Entsprechend zielgerichtete Verhaltensweisen werden dann mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit in die Tat umgesetzt. Und sollte es doch dazu kommen bzw. ein wünschenswertes Ziel erreicht werden, löst das wohl eher Selbsttadel anstatt Freude aus.

Während sich das explizite Selbstwertgefühl durch Bewusstmachung eigener Ressourcen, Fähigkeiten oder Erfolge positiv beeinflussen lässt, erreicht man das implizite Selbstwertgefühl mit derlei Argumenten kaum, da es die Selbstbewertung automatisiert und auf Grundlage generalisierter (weitgehend unbewusster) Erfahrungsmuster aus der Kindheit vornimmt. Meiner Ansicht nach scheinen die Einschärfungen und inneren Antreiber (wie sie in der Transaktionsanalyse genannt werden) für das implizite Selbstwertgefühl eine entscheidende Rolle zu spielen. Beispiele hierfür sind „sei nicht“, „sei nicht Du“, „fühle nicht“, „sei nicht wichtig“ oder „sei nicht erfolgreich“.

Um sich für persönliche Ziele hinreichend motivieren zu können, müsste man sich also zunächst die Erlaubnis geben, diese auch erreichen zu dürfen. Ich muss mir also Freude, Glück oder Lust erlauben können. Dazu bedarf es m. E. auch einer emotionalen Zweitreaktion (im Sinne einer Volitions-Komponente), sollte die Erstreaktion negativ ausfallen.

Doch wie nennt man die Fähigkeit, die es hier zu entwickeln gilt? Begriffe wie „Selbstfürsorge“ oder „gesunder Egoismus“ sind mir zu ungenau. Es geht schließlich nicht um die ich-bezogene Handlung selbst, sondern vielmehr um die Güte, die man für sich aufbringt, also um eine wohlwollende Haltung, die man sich selbst gegenüber einnimmt: „Ich darf mir etwas gönnen!“ Verbiete ich mir das hingegen standhaft, werde ich kaum die erforderliche Motivation aufbringen, derlei Ziele überhaupt zu finden ODER (sollten mir doch welche in den Sinn kommen) sie zu realisieren ODER ich werde mich (falls es mir doch einmal gelingt) nicht daran erfreuen können (sondern mich tadeln). Ich bin ja schließlich nicht wichtig – bzw. meine Bedürfnisse sind es nicht. Warum sollte ich mir also etwas gönnen? Warum sollte es mir gut gehen?

Wie nennt man es, wenn man sich selbst etwas gönnt und somit gütig bzw. wohlwollend mit sich umgeht? „Selbstgüte“? Da ich unter den 40 Volitionskomponenten des Selbststeuerungsinventars SSI-L (VCQ-4), die im Zusammenhang mit der PSI-Theorie erwähnt werden, kein passendes Konstrukt finden konnte, habe ich diese Frage an Prof. Dr. Kuhl gerichtet und folgende Antwort erhalten:

Prof. Dr. Julius Kuhl

„Lieber Herr Müller,

Sie sprechen in der Tat eine wichtige Frage an. Sie hat im Grunde viel tiefere Wurzeln als die Selbstregulation. Wie Sie richtig sagen, muss man die Wurzeln im Unbewussten suchen und aus PSI-Sicht haben sie viel mit der Bedürfnis- und Motiv-Ebene zu tun. Und an dieser Stelle haben wir eben auch eine Lücke entdeckt: In der Motivationspsychologie ist dieses Bedürfnis lange Zeit vernachlässigt worden. Aber wie sollte man es nennen? „Selbstwert“ ist ja mehr ein äußeres Symptom, wenn dieses Bedürfnis verletzt ist.

Eigentlich erwähnen Sie in Ihrer Anfrage den Namen des Bedürfnisses schon: Autonomie. Da wir alle Begriffe in der PSI-Theorie funktionsanalytisch präzisieren wollen, haben wir hier weiter gebohrt und fragen, wie lassen sich die unbewussten Wurzeln des Bedürfnisses nach Autonomie benennen, dessen bewusste Anteile heute z.B. in der Theorie der Selbstbestimmung (Deci & Ryan) untersucht werden? Als erste Annäherung können wir sagen: „Freiheit“ im Sinne von „freiem Selbstsein“ dazu. Sie können hier an die humanistischen Ansätze denken (Maslow, Rogers, auch Berne – und heute zudem die erwähnte Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan). Die meisten dieser Ansätze neigen aber dazu das Unbewusste herauszuhalten (wohl weil es seit hundert Jahren schon mit primitiven, der Selbstbestimmung entzogenen Prozessen gleichgesetzt wird).

Das Extensionsgedächtnis und seine persönlich relevanten Anteile (das Selbst wie auch die dazu gehörigen unbewussten Motive) machen das aus, was man das „intelligente Unbewusste“ nennen könnte: ein riesiges parallel arbeitendes Erfahrungsnetzwerk, das uns eine enorme Vielfalt an Möglichkeiten bereitstellt, unsere Bedürfnisse in der jeweils angetroffenen Situationen in angemessener Weise zu berücksichtigen. Der Motivbegriff beschreibt ja mehr als ein Bedürfnis. Mit dem Begriff „Motiv“ ist die Verbindung zwischen einem Bedürfnis und dem weitgehend unbewussten Erfahrungswissen über kontextangemessene Formen der Befriedigung des jeweiligen Bedürfnisses gemeint. In diesem Sinne gehört auch zum Bedürfnis nach freier Selbstentfaltung ein Motiv, das wir kurz auch das Freiheitsmotiv nennen.

Wir haben entsprechend das Freiheitsmotiv in den OMT aufgenommen, der ja in seiner ursprünglichen Fassung die klassischen Basismotive (Beziehung, Leistung, Macht) nicht nur hinsichtlich der individuellen Bedürfnisstärke, sondern auch in Bezug auf verschiedene Formen der Befriedigung des jeweiligen Bedürfnisses (z. B. mit oder ohne Berücksichtigung des großen Erfahrungsnetzwerks des Selbst) misst. Die Kodierung des Freiheitsmotivs soll demzufolge verschiedene Varianten dieses Motivs erfassen. Bei der ersten Umsetzungsform oder -ebene (die bei der Leistung „Flow“ heißt) geht es beim Freiheitsmotiv um „genießen“ und „gut zu sich sein“: Momente zulassen, in denen man sich dem Fluß dessen, was man gerade genießen kann, hinzugeben vermag. Die anderen Ebenen sind aber auch interessant (bis hin zur künstlichen Selbsterhöhung durch Abwertung anderer oder zur expliziten Selbstabwertung). Und das Ganze wird dann noch ergänzt um die Messung des expliziten Freiheitsmotivs (Erweiterung des Motiv-Umsetzungs-Fragebogens um die entsprechenden 5 expliziten Formen der Umsetzung des Bedürfnisses nach freiem Selbstsein, einschließlich Selbstwert). Der Vergleich zwischen explizitem und implizitem Freiheitsmotiv ermöglicht Diskrepanzen zu beurteilen zwischen dem Ausmaß an persönlicher Freiheit, das jemand bewusst anstrebt und zulässt, und dem Ausmaß, in dem er „freies Selbstsein“ unbewusst ersehnt. So gibt es z.B. Menschen, die ihr Bedürfnis nach freiem Selbtsein auf bewusster Ebene als niedrig beurteilen, obwohl sie in ihrer spontanen (gar nicht immer bewusst erfahrbaren) Fantasie, wie sie im OMT angeregt wird, ein starkes Bedürfnis nach freiem Selbstsein haben. Eine solche Diskrepanz kann die Selbstabwertung und den inneren Stress enorm erhöhen und chronifizieren, ohne dass die eigentliche Quelle dieses inneren Stressors bewusst werden muss.

Herzliche Grüße, Julius Kuhl“


Prof. Dr. Julius Kuhl (geb. 27.07.1947) vertrat von 1986 bis 2015 den Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeits­forschung an der Universität Osnabrück und war 2008-2016 Leiter der psychologischen Abteilung der Forschungsstelle Begabungsförderung im Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Seine Forschungsschwerpunkte lagen im Bereich der Selbststeuerung und Affektregulation. Diese Forschung bildete die Grundlage für eine neue Persönlichkeitstheorie, die Fortschritte der Motivations-, Entwicklungs-, Kognitions- und Neuropsychologie integriert (PSI-Theorie). Aufbauend auf dieser Arbeit wurde in den letzten Jahren eine neue Methodik zur Diagnostik persönlicher Kompetenzen entwickelt, die bei Kindern und Erwachsenen eine umfassende Analyse vorhandener und entwicklungsfähiger Potenziale ermittelt (EOS: Entwicklungsorientierte Systemdiagnostik). Weitere Informationen finden Sie hier: www.psi-theorie.com und www.impart.de (TOP- bzw. EOS-Diagnostik) sowie doris-gunsch.eu (CoachPSI®-Ausbildung).


Mit der PSI-Theorie lässt sich für das hier beschriebene Problem, das aus einem verminderten Selbstwertgefühl resultieren kann, also recht gut erklären. Zentral erscheint mir hierbei der Begriff des „freien Selbstseins“. Doch wie kann es (kurz gesagt) gelingen, sich die Freiheit zu gestatten, die eigenen Motive anzunehmen, wenn sich das Selbst beharrlich verweigert, sich bzw. die eigenen Bedürfnisse ernst- bzw. überhaupt nur wahrzunehmen?

Sicher ist es hilfreich, sich jener Introjekte, die einem schaden bzw. die dysfunktional sind, bewusst zu werden. Dafür gibt es zahlreiche Methoden, wie bspw. die Selbstverbalisierung, das „Tagebuch negativer Gedanken“ etc. Dennoch erreicht man mit derlei (kognitiv ausgerichteten) Methoden wohl vor allem das explizite Selbstwertgefühl, während sich das implizite davon in vielen Fällen recht wenig beeindrucken lässt. Auch mit Interventionen, die Emotionen fokussieren und einen Dialog zwischen verschiedenen inneren Anteilen initiieren (wie z. B. die Stuhltechnik), kommt man m. E. nicht immer weiter.

Entscheidend für das Selbst scheint es zu sein, in zwischenmenschlichen Beziehungen gespiegelt zu bekommen, dass es liebenswert ist und es deshalb wunderbar ist, gut zu sich zu sein. Das geht prinzipiell auch außerhalb einer Therapie oder eines Coachings, wenn man das Glück hat, einem Menschen zu begegnen, der oder die einem eine positive Beziehungserfahrung ermöglicht. So wird das Selbst gestärkt und es kann sich allmählich von seinen dysfunktionalen Selbstbe- oder -abwertungen lösen. Kurzum: „Love is the key,“ Aber auch die Liebe müsste man zunächst zulassen können, ohne sich vor ihr „wegzuducken“…

Wie Prof. Dr. Julius Kuhl schreibt, „gibt es z. B. Menschen, die ihr Bedürfnis nach freiem Selbtsein auf bewusster Ebene als niedrig beurteilen, obwohl sie in ihrer spontanen (gar nicht immer bewusst erfahrbaren) Fantasie […] ein starkes Bedürfnis nach freiem Selbstsein haben. Eine solche Diskrepanz kann die Selbstabwertung und den inneren Stress enorm erhöhen und chronifizieren, ohne dass die eigentliche Quelle dieses inneren Stressors bewusst werden muss.“

Da mir klar ist, dass es wahrscheinlich keine „Patentlösung“ gibt, habe ich die Frage, wie diese Diskrepanz verringert oder sogar aufgelöst werden kann, u. a. mit Dr. Bernd Schmid und Günter G. Bamberger diskutiert.

Was schlägt Dr. Bernd Schmid vor?

Dr. Bernd Schmid

„Ich möchte mich nicht mit den biographischen Einschränkungen der eigenen Selbstfindungen beschäftigen. Das scheint mir eh routinemäßig und im Übermaß zu geschehen. Die Grundannahme, dass Freiheitseinschränkungen in so weitgehendem Maße durch internalisierte Beziehungserfahrung verursacht werden, ist mir zunehmend fragwürdig geworden. Hier kommen mindestens allerlei Passungsschwierigkeiten zwischen Eigenarten und Ambitionen und kontextgeeigneten Ausdrucks- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten hinzu. Das Ringen auch auf unausgegorene Weise mit solcher Selbstentfaltung kann zwar auch zu schwierigen Beziehungserfahrungen führen, wird aber nicht primär durch schlechte Beziehungserfahrung verursacht. z.B. verweist das Adlersche Konzept des Minderwertigkeitskomplexes auf nicht befriedigend bewältigte Herausforderungen aller Art hin. Folgt man dieser Idee, dann geht es eher darum, die liegengelassenen und durch Problemerleben und -verhalten ersetzten Herausforderungen wieder zeit- und kontext-geeignet zum Thema zu machen.

Mein Interesse richtet sich also auf frei für mehr als auf frei von. Und frei für hat etwas mit Eignung, Kompetenzen, geeignete Milieus, angemessene Unterstützung, komplementäre Interessen und Wirklichkeitsinszenierungen zu tun. Dabei ist es natürlich wichtig (oft verschüttete) Gütekriterien und seelische Ausrichtungen auch aus der Biographie kennenzulernen. Wir tun dies in vielfältigen Spiegelungsübungen, in denen wir uns gegenseitig Inspiration und Konfrontation liefern. Andere stellen ihre Intuitionen für Entwicklungen zur Verfügung, die Resonanz erzeugen. Resonanz zwischen dem Gewohnheits-Ich des Gegenübers und den Bildern möglicher Entwicklung, die in anderen aufsteigen. Dadurch kommen automatisch Selbstkonzepte als soziale Konstruktionen mit ins Spiel. Geschieht ein solcher Austausch in gemeinsamen Lebensfeldern, wie etwa bezogen auf berufliche Rollen, dann hat das den Vorteil, dass andere komplementär handeln und damit die Etablierung neuer Wirklichkeiten kontextgemäß unterstützten können. Z.B. können andere deutlich machen, dass sie brauchen, dass jemand nachhaltig Zuverlässigkeit zeigt, um seine tollen Ideen würdigen zu können und aufzeigen, was das konkret in beruflichen Beziehungen in bestimmten Feldern heißen würde. Das ganze ist abzugleichen mit inneren Bildern, was wir z.B. durch Bilder-Interviews, geleitete Phantasie und Traumdialoge tun. Begegnet jemand auf diese Weise unerledigten Entwicklungs- oder Ergänzungsaufgaben und stellt sich diesen Herausforderungen, verlieren in der Regel biografische Belastungen an Gewicht. Vorwiegend Ablöse-Bemühungen können auch binden. Neufindung kann entbinden. Durch Befreiung für wird man frei von.“


Dr. Bernd Schmid ist Leitfigur des isb-Wiesloch www.isb-w.eu, der Schmid-Stiftung http://schmid-stiftung.org/ und des International Network for Organization Development and Coaching www.inoc-network.org. Essays unter www.blog.bernd-schmid.com. Er ist u.a. Ehrenvorsitzender Präsidium DBVC, Ehrenmitglied der Systemischen Gesellschaft, Preisträger des EATA-Wissenschaftspreises 1986 und des Eric Berne Memorial Award 2007 der Internationalen TA-Gesellschaft, Life Achievement Award 2014 der deutschen Weiterbildungsbranche.


An der Herangehensweise von Dr. Bernd Schmid gefällt mir die Konzentration auf die gegenwärtigen (bspw. für ein Arbeitsteam relevanten) Prozesse und Beziehungsmuster. Mit dieser Strategie habe ich bislang gute Erfahrungen gemacht, wenn man ggf. etwas in die Tiefe geht. Da bei einem entsprechenden Problem zu erwarten ist, dass eine Entwicklungsaufgabe irgendwie nicht glücklich oder eine Ergänzungsaufgabe noch nicht gelöst wurde, müsste man hier wohl etwas genauer hinschauen. Ob dies ggf. im Rahmen eines Coachings oder eher in einer Psychotherapie geschehen sollte, lässt sich nur im Einzelfall beurteilen. Den Schlussbemerkungen entnehme ich aber die Sorge, dass man das Problem eventuell verschärft, wenn man sich zu sehr auf die Vergangenheit (bzw. auf die Ursachen) fixiert. Neufindung klingt da schon ganz anders…

Wie sieht Günter G. Bamberger das?

Günter G. Bamberger

„Lieber Rainer Müller, ich erlebe mich von Ihnen eingeladen, mir zu überlegen, wie ich wohl „lösungsorientiert“ reagieren würde, wenn ich mit einem Klienten bei einem „CoachWalk“ (www.coachwalk.de) im Naturschutzgebiet Schönbuch unterwegs wäre und dieser auf meine übliche Starter-Frage, was für heute unser Thema sein solle, antworten würde:

„Warum soll es mir gut gehen dürfen? Ich bin ja schließlich nicht wichtig!“ Tja, im ersten Moment wäre ich irritiert angesichts dieser Frage, die der Fragesteller gleichzeitig auch noch selbst beantwortet. Was erwartet mein Gesprächspartner dann von mir? Empathie? Widerspruch? Oder eine Diagnose, die ihn vielleicht herausführen könnte aus seiner „Isolierung“ und hinein in die Zugehörigkeit zu einer (Diagnose-) Gruppe, die eben viele Betroffene umfasst? Zum Beispiel die Diagnose eines „depressiven impliziten Selbsts“, verbunden mit der Zusicherung, dass so etwas gut behandelt werden könne?

Während ich dies hier schreibe, wünschte ich mir, dass ich – sozusagen respektvoll – meine Irritation zum Anlass nehmen würde, um innezuhalten. Einlassung als aktive Zuwendung zu einem Anderen braucht Zeit, braucht das Los-Lassen, auch das Lassen von eigenen unbedacht-routinierten Reaktionen. Und braucht vor allem Zeit, um der aufkommenden Ahnung nachzugehen, dass ich hier womöglich zuerst für mich etwas klären muss, zum Beispiel was die unausgesprochenen Prämissen und Werthaltungen betrifft, mit denen ich als psychologischer Berater unterwegs bin, und was meine doch so eingeschliffenen Routinen auf Stichworte wie „Resignation“ oder „Depression“ oder … angeht.

Aber gleichzeitig befürchte ich, dass meine Fähigkeit zum achtsamen Innehalten doch sehr begrenzt ist. Gerade in Situationen, die meine vermeintliche beraterische Selbstsicherheit gefährden. Dann hält die in vielen Jahren erworbene „Berufserfahrung“ dagegen. Und verstehen sich Psychologen letztlich nicht gerne als Experten, die mehr oder weniger zu wissen vorgeben, wie Leben geht, richtiges Leben? Ich denke, dass der aktuelle Boom der „Positiven Psychologie“ für einen Zeitgeist steht, dem wir Psychologen uns selbst gerne verschreiben.

Aber da kommt nun jemand, der geradezu das Gegenteil zu den Konzepten der Positiven Psychologie für sich offenbart. Will er tatsächlich, wenn auch insgeheim, zum Gegenteil bekehrt werden, wie es mir mein erster Impuls signalisiert? Die entsprechenden beraterischen Appelle liegen auf der Hand: „Trau’ dich zu leben!“ oder „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ oder wie sonst auch die eingängigen Slogans lauten mögen. Ich will diese Slogans hier nicht mit einem Fragezeichen oder gar negativem Etikett versehen – aber den „Schnellschuss“ damit. Solch ein unmittelbares Umdeuten übermittelt ja als unterschwellige Botschaft dem Gesprächspartner, dass er sich einem „Denkfehler“ hingegeben habe, den es nun zu korrigieren gelte.

Was dann? Ihr erfolgreicher Anstoß zu meiner Verunsicherung hat mich zur Lektüre eines kleinen Büchleins des Philosophen Wilhelm Schmid gebracht. Er ist es, der als „Philosoph der Lebenskunst“ sich dafür engagiert, den gegenwärtig in unserer Gesellschaft so bejubelten Lebensentwurf des Erfolgs (mit Merkmalen wie Überlegenheit, Wohlbefinden, Glück usw.) zu überwinden und statt dessen eine bewusste Akzeptanz gegenüber der „ganzen Fülle des Lebens“ zu entwickeln. Und zu dieser Fülle gehören sozusagen unvermeidlich eben auch Misserfolg, Leid, Schmerz, Enttäuschung, Melancholie, Einsamkeit usw. In diesem Sinne dann der Titel dieses Büchleins aus dem Jahr 2012: „Unglücklich sein – eine Ermutigung“. Ich will jetzt nicht daraus zitieren, auch wenn ich an mancher Stelle denke, dass so etwas eine wertschätzende Rückmeldung für meinen Gesprächspartner sein könnte. Mich selbst hat zum Beispiel am meisten folgende Aussage berührt: „Erheblich früher als die Glücklichen bemerken die Unglücklichen eine Gefahr, eine Fehlentwicklung, ein Unrecht oder eine Ungerechtigkeit.“ Es ist also eine besondere Kompetenz, über die sie verfügen, und die so wichtig ist für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben. Auf keinen Fall soll mein Gesprächspartner in die Schublade „Unglücklicher“ gesteckt werden. Vielmehr möchte ich für mich mit dieser Sichtweise mehr „Ambiguitätstoleranz“ bzw. einfach mehr „Toleranz“ gewinnen – und damit eine größere Fähigkeit zum Innehalten einschließlich eines bedachteren Reagierens bei meinen beraterischen Gesprächen.

Nach so viel „psychologisierendem Rumeiern“ nun aber ganz konkret: Was wünschte ich mir, was ich dem Gesprächspartner konkret anbieten würde auf seinen Themenvorschlag hin?

Es ist die Bitte an ihn, dass er mir die Zeit geben möge, seine Frage mir durch den Kopf gehen zu lassen (bzw. in meinem Herzen zu bewegen), während wir uns auf den Weg machen durch diesen herrlichen Schönbuch – um nach dieser Stunde, vielleicht werden es auch zwei, nochmals gemeinsam hinzuschauen, bei mir und auch bei meinem Gesprächspartner, inwieweit diese Erfahrung von Bewegung, von Bewegung in der freien Natur, von der gemeinsamen Bewegung und der dabei gespürten Verbundenheit irgendwie Einfluss genommen hat auf die Ausgangsfrage „Warum soll es mir gut gehen dürfen?“ Oder geht es dann meinem Gesprächspartner und auch mir ganz unmittelbar gut? Und wie konnte so etwas geschehen? Wie könnte es wieder geschehen? Wäre das wünschenswert?

Wir hätten dann am Ende unseres CoachWalks womöglich viele neue Fragen – und denen könnten wir uns dann beim nächsten CoachWalk zuwenden, sofern mein Gesprächspartner das möchte.

Ich bin überzeugt, dass dieses „impliziten Selbst“, wie immer es auch beschrieben bzw. „begnostiziert“ sein mag, nur schwer erreichbar ist über einen sprachlichen Dialog. Es gibt auch kein rationales Überschreiben oder Löschen von entsprechenden Erfahrungen, die dort im limbischen System gespeichert sein mögen. Entwicklung und Veränderung diese „Selbst“ lassen sich nur über neue, alternative Erfahrungen initiieren.“


Günter G. Bamberger ist Diplom-Psychologe, Coach und Autor des Buches „Lösungsorientierte Beratung“, das m. E. zu den besten seiner Art zählt. Weitere Informationen über ihn und seine Arbeit finden Sie auf der Webseite www.coachwalk.de.


Beschäftigt man sich regelmäßig mit der Frage, wie die eigene Vergangenheit dazu führen konnte, dass man heute so ist, wie man sich sieht, so findet man im Laufe der Zeit sicher ganz unterschiedliche Antworten darauf. Wirklichkeitskonstruktionen sowie die auf ihnen basierenden Einstellungen und Verhaltensmuster folgen eigentlich immer irgendeiner Logik, die in einem bestimmten Bezugsrahmen sinnvoll ist oder war. Ändert sich allerdings der Kontext, was im Laufe eines Lebens gelegentlich geschieht, werden sie manchmal dysfunktional. Dann lohnt es sich, die entsprechenden Gegebenheiten mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten bzw. die eigene Sichtweise zu erweitern, um zu einer spezifischeren bzw. angemesseneren Haltung zu finden.

Manfred Evertz

Zurück zur PSI-Theorie: Eine Leserin des Artikels „Das verlorene Selbst“, die mit dem Modell von Prof. Dr. Julius Kuhl bestens vertraut ist, machte mich darauf aufmerksam, dass es beim Selbstwachstum darauf ankomme, „auch und gerade die negativen Gefühle an sich heranzulassen, um sie nachhaltig in das Selbst zu integrieren“. Das macht bei der zuvor beschriebenen Problematik m. E. allerdings nur dann Sinn, wenn zunächst auch positive Erfahrungen (also z. B. „dass man sich etwas gönnen bzw. gut zu sich sein darf“) entsprechend gespiegelt wurden, damit die eigenen Motive später überhaupt wahr- und angenommen werden können. Ansonsten gestaltet sich (zumindest meiner Erfahrung zufolge) auch die Arbeit mit Methoden, die der Aktivierung von Ressourcen oder der Formulierung von handlungswirksamen Zielen dienen, eher schwierig. Den uneingeschränkten Optimismus, mit dem derlei Methoden vermarktet und praktiziert werden, so wirkungsvoll sie auch sein mögen, teile ich bei einer so speziellen Problematik jedenfalls nicht.

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