„Die Anonymität des gläsernen Patienten“ von Christoph Brechtel

In dem Buch „Das neue Weiß ist digital“ wirft der Psychologische Psychotherapeut Christoph Brechtel vergnügliche Schlaglichter auf die Geschichte der Medizin von der Antike bis heute. Er beschreibt den aktuellen Stand des technologischen Fortschritts in den unterschiedlichen Fachbereichen und verfolgt eine chronologische Linie vom Wartezimmer bis zur Palliativmedizin, sozusagen „von der Wiege bis zur Bahre“. Einen deutlichen Schwerpunkt setzt er beim Thema Gesundheit und Lebensstil zu der Frage: „Was können wir selbst tun, um gesund zu bleiben?“ Dabei geht er in den verschiedenen Kapiteln zur Vorsorge und Wiedererlangen der Gesundheit auch ins Detail. Im weiteren Verlauf beschreibt er die häufigsten Erkrankungen und plädiert für eine empathische Praxis und ein interdisziplinäres Team im Krankenhaus. Neben der klassischen Medizin gibt er einen kurzen Überblick über Psychotherapie, Neurologie und Psychiatrie. Einzelne Kapitel beschäftigen sich mit Spezialthemen, wie z.B. die Vitamine und Hormone und deren Wirkungsweisen.

Die Anonymität des gläsernen Patienten

Stellen Sie sich bitte folgende Szene vor:

Ein Arzt sitzt vor einer Konsole. Auf einem riesigen, hochauflösenden 3-D-Bildschirm betrachtet er Knochen, Muskeln, Blutgefäße, Nervenbahnen und untersucht die Bauchorgane seines Patienten, der im Operationsraum nebenan liegt. Operiert wird er von einem absolut sterilen Roboter, der vom Computer der Arztkonsole gesteuert wird. Der Arzt kann während der Operation genau sehen, wo der Patient gerade berührt wird und natürlich jederzeit eingreifen, falls etwas Unvorhersehbares passiert. Aber das kommt eher nicht vor, denn der Operationsverlauf ist vorher geplant, simuliert und mehrfach getestet worden. Jetzt operiert der Roboter ruhig, schnell, emotionslos und perfekt programmgesteuert. Natürlich so, dass der Patient nach der OP weder Schmerzen noch Narben hat.

Was meinen Sie? Eine Zukunftsphantasie? Nein, es ist nur ein ganz klein wenig in die Zukunft gedacht. Schon heute funktioniert daran fast alles. Zum Beispiel die Neuronavigation bei Hirnoperationen: Computer setzen die hochauflösenden Bilder von MRT (Magnetresonanztomographie) oder CT (Computertomographie) zusammen und errechnen ein einziges, dreidimensionales Bild. Dank dieses exakten Bildes kann sich der Arzt per Computer durch den Körper des Patienten führen lassen.

Und den Roboter gibt es auch schon: Bereits im Jahr 2014 kam der elektronische Assistent bei rund 570.000 Gehirn-, Knie-, Hüft- und Prostata-Operationen in den USA (in Deutschland ist die Zahl nicht erfasst worden) zum Einsatz. Das Ganze ist nur noch viel zu teuer.

Der enorme (vor allem der technologische) Fortschritt der modernen Medizin hat nicht nur zu großen Erfolgen in der Diagnostik und der Behandlung von Krankheiten geführt, sondern auch zu einer Veränderung der individuellen Arzt-Patienten-Beziehung; man nennt es auch: das „Vertrauensverhältnis“. Der technische und administrative Aufwand ist größer geworden, das ausführliche Gespräch mit dem Patienten wird mit zunehmender Patientenzahl immer kürzer.

Durch den Fortschritt bei der allumfassenden medizinischen Datenaufnahme ist der Patient „gläsern“ geworden – zumindest, was seine biologischen Messwerte betrifft. Aber über die Person (Persönlichkeit, Psyche, Motivation) des Patienten weiß der Arzt wenig oder nichts. Und umgekehrt auch nicht: Letztlich bleiben beide irgendwie anonym. Die oben geschilderte Szene funktioniert schließlich auch, wenn Arzt und Patient noch nie miteinander gesprochen haben (ich hoffe nur sehr, dass die Entwicklung nicht in diese Richtung geht).

Andererseits verliert der Patient bei der großen Menge der medizinischen Befunde und Fachgebiete und bei der täglichen Informationsflut leicht auch mal den Überblick. Manche Patienten glauben, dass der Fortschritt der Medizin so hoch sei, dass es bald keine (unheilbaren) Krankheiten mehr gäbe. Somit neigen sie möglicherweise dazu, die Verantwortung für ihre Gesundheit („Gesundheitsmündigkeit“) in die Hände des Arztes abzugeben. Dies ist ein Irrtum!

Die Medizin ist zur Behandlung, Linderung und Begleitung von Krankheiten zuständig. Davon lebt die Medizin. Für die eigene Gesundheit ist der Mensch selbst zuständig. Davon lebt er.

In der aktuellen Situation „jongliert“ der Arzt/die Ärztin in einem Spannungsfeld zwischen Patientenverantwortung, überbordenden administrativen Vorschriften und Regelungen, materiellen Vorgaben und Leitlinien, Wirtschaftlichkeit, Qualitätsmanagement und Regressansprüchen. Dies behindert die individuelle, empathische Arzt-Patienten-Beziehung; auch wenn sich alle Beteiligten Mühe geben! Hinzu kommt die Erschöpfung des Personals (besonders in Kliniken und großen Praxisgemeinschaften) durch lange Arbeitszeiten und Überstunden.

Der Standard der Medizin in Deutschland ist Weltklasse. Der Fortschritt ermöglicht es, das Leben (insbesondere der alten Menschen mit Krankheiten) nicht nur zu verlängern, sondern auch komfortabel zu gestalten. Dies führt demographisch dazu, dass es immer mehr 80- und 90-jährige Menschen gibt. Jeder will nur das Beste haben und hat auch einen rechtlichen Anspruch darauf. Wenn aber jeder „nur das Beste“ erhält, wird das Gesundheitssystem unbezahlbar. Die Politik verweigert sich bis heute dieser Fragestellung.

Und es gibt Jahr für Jahr immer mehr Patienten: In einer Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2013 haben 96,9% aller in Deutschland lebenden Männer und Frauen im Alter von 18 bis 79 Jahren ambulante und stationäre Leistungen in Anspruch genommen.

Die höchste Prozentzahl der Besuche bei niedergelassenen Ärzten erreicht der Allgemeinmediziner (Hausarzt) mit 79,4%. Knapp verfolgt vom Zahnarzt mit 71,7% und dem Frauenarzt mit 69,6% (nur Frauen). Dann folgt mit großem Abstand der Augenarzt (29,9%) und der Orthopäde (24%). Am untersten Ende steht der Psychotherapeut mit 4,3% (und das, obwohl in den letzten Jahren psychische und psychiatrische Erkrankungen deutlich zugenommen haben).

Einstellungen, Wahrnehmungen und Meinungen zur modernen Medizin sind so vielfältig wie das Leben. Kritische Haltungen und euphorische Zustimmung sind etwa gleich häufig. Aber eins ist klar: Wunder bewirkt die Medizin nicht. Andererseits muss aber auch ein kleines Unwohlsein nicht mit allen Mitteln der modernen Technologie therapiert werden.

Wir können uns darauf verlassen, dass auch weiterhin neue Arzneien, neue diagnostische und therapeutische Verfahren entwickelt werden, die neue Erfolge bringen. Unsere Lebensqualität und Lebenserwartung wird weiter steigen. Aber bereits heute können wir alle Möglichkeiten nutzen, die es schon gibt. Allerdings gibt es nur wenige, die alle diese Möglichkeiten kennen. Oder verstehen.

Warum das so ist? Weil immer mehr „Neuigkeiten“ hinzukommen. Weil Medien (TV-, Radio- und Internet-Sender, Reportagen und Berichte in Tageszeitungen, Illustrierten, Blogs, im E-Mail-Postfach, in sozialen Netzwerken und in sogenannten Wissensportalen) förmlich überquellen mit neuen, sensationellen oder auch völlig unwichtigen Informationen. Früher nannte man das Informationsgesellschaft. Heute ist es ein Informationschaos. Wie soll man eine Orientierung finden, wem soll man glauben?

Das kennen Sie doch auch: Ich erhalte täglich sehr viele E-Mails (vor allem Werbung im Spam-Ordner) mit „neuesten medizinischen Erkenntnissen“- manchmal sogar „bisher noch völlig geheimes Wissen“. Da gibt es total unbekannte Mittelchen gegen alles Mögliche: Super leicht Abnehmen! Das Altern für viele Jahre aufhalten! Keine Schmerzen mehr haben! Demenz verhindern! Länger gesund leben! Und das Tollste: „Hier finden Sie Geheimnisse, die kennt kein Arzt!“. Stimmt! Ich habe gefragt!

Oder noch verschwörerischer: „Das hält Ihr Arzt vor Ihnen geheim!“ Und Sie können davon ausgehen: Je länger dieser Werbetext ist, je nachhaltiger er Sie persönlich anspricht, je öfter sich die Aussagen wiederholen, desto teurer wird es am Ende. Manchmal wird dieses Geheimwissen sogar (natürlich nur einmal) kostenlos angeboten. Wenn Sie sich beeilen: Denn morgen gilt das Angebot schon nicht mehr. Alles klar? So geht das!

Ein Paradies für Verschwörungstheorien: Ärzte verhindern Gesundheit, weil sie sonst nichts mehr verdienen! Medikamente, die wirklich heilen, werden geheim gehalten und nicht angeboten! Schon gar nicht von der Pharmaindustrie, denn auch die verdient an Ihrer Krankheit. Und keiner sagt die Wahrheit! Außer natürlich der „Doktor“ aus der E-Mail-Werbung, der Ihnen ganz persönlich helfen will. Nur er allein kennt natürliche und sogar übernatürliche Mittel, Supernahrungsmittel und geheime Drogen, die völlig unschädlich sind, aber nachweislich sensationelle Heilerfolge erbringen. Ihm können Sie vertrauen, das zeigen ja schon die vielen begeisterten Zuschriften seiner Kunden. Und wussten Sie, dass die milliardenschweren Hersteller von Insulin und Blutzucker-Messgeräten mit Analysestäbchen alles – wirklich alles – tun, um zu verhindern, dass Diabetes geheilt werden kann? Haben Sie nicht auch schon gehört, dass in den 1980er Jahren ein Forscher, der das Gegenmittel entdeckte, von Agenten der Pharmalobby ermordet wurde, bevor er seine Entdeckung veröffentlichen konnte? Und es stimmt natürlich auch nicht, dass wir auf dem Mond gelandet sind. Das wurde alles in einem Hollywoodstudio gedreht! Bewusste Irreführung also. Verschwörungstheorien gibt es überall! Eben auch in der Medizin. Es ist erstaunlich, wie leicht dieses „Geheimwissen“ und selbst die abstrusesten Vorstellungen Gläubige finden. Glauben heißt nicht wissen! Aber weil wir ja alle nicht unwissend bleiben wollen, auch wenn wir nichts wissen (oder beweisen können), dann hilft der Glaube. Denn er versetzt angeblich nicht nur Berge, sondern heilt auch Krankheiten. Manchmal hilft das wirklich, weil der Glaube an die Wirksamkeit einer Methode die Selbstheilungskräfte verstärkt. Und auch in der modernen Medizin kann man nicht alles erklären. Das heißt aber nicht, dass dann die Mythen und der Aberglaube wahr sind.

Allein die Vielfalt des (nicht geheimen) schulmedizinischen Wissens ist inzwischen so groß, dass auch Ärzte nicht alles wissen. Die Informationsabfrage über das Internet kann da helfen. Ebenso ist die digitale Abstimmung mit den Fachkollegen (Telemetrie und Telediagnose) ein sinnvolles Instrument. Wenn man die Zeit dafür aufbringen kann!

Der medizinische Laie hat dazu nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, selbst wenn er weiß, wonach er suchen muss. Was fehlt, ist eine generelle Übersicht, eine Orientierungshilfe im medizinischen Dschungel. Und vor allem die Information: „Was können Sie selbst für Ihre Gesundheit tun?“

Denn das ist ja ganz alleine Ihre Verantwortung. Solange Sie jung und gesund sind, fällt Ihnen nichts auf: Sie halten Ihre Gesundheit für selbstverständlich. Sie können aber auch ganz bewusst und gezielt etwas tun, um Ihre Gesundheit zu erhalten. Und selbst, wenn Sie nie krank werden, ist es gut, wenn Sie über das Wissen zur Gesundheit, zur Vorbeugung und zu Behandlungsmöglichkeiten verfügen.

Natürlich ist im Krankheitsfall jede sinnvolle Behandlung zielführend. Aber denken Sie immer daran: Auf Ihrer eigenen Einstellung und Ihrer aktiven Mitwirkung basiert letztendlich die komplette Heilung. Das Zusammenspiel von Persönlichkeit und ärztlicher Kunst fördert die Genesung.

Quelle:

Christoph Brechtel ist Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Coach. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit Themen der Menschenkenntnis, Stressbewältigung, Persönlichkeitsentwicklung, Führungsverantwortung und Psychosomatik aus psychologischer Perspektive.

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