Die soziale Identität der humanistischen Psychologen

Als humanistischer Psychologe hat man es heutzutage nicht leicht… Zwar wird unsere Haltung – insbesondere im sozialen Bereich – wertgeschätzt und häufig sogar eingefordert, allerdings werden wir nicht selten belächelt oder abfällig „Gutmenschen“ genannt. Reich werden wir in der Regel auch nicht. Wie können wir es trotzdem schaffen, mit uns selbst zufrieden zu sein? Die Sozialpsychologie hat darauf schon in den 1970er-Jahren Antworten gefunden:

So besagt die „Theorie der sozialen Identität“, dass wir Menschen im Allgemeinen lieber ein positives als ein negatives Selbstkonzept haben. Da wir einen Teil unseres Selbstkonzepts über unsere Zugehörigkeit zu Gruppen definieren, neigen wir dazu, jene Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen, eher positiv als negativ zu sehen. Das funktioniert auch dann, wenn es objektive Kriterien dafür zu geben scheint, dass wir uns in einer unterlegenen Position befinden.

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Der Wert bzw. das Prestige einer jeden Eigengruppe wird durch den Vergleich mit anderen Gruppen eingeschätzt. Das Ergebnis dieses Intergruppenvergleichs ist für das Individuum von großer Bedeutung, da es indirekt zur Einschätzung des Selbstwertes beiträgt. Wird die Eigengruppe auf irgendeiner Wertdimension (Fähigkeiten, soziale Kompetenzen, Bildung, gesellschaftlicher Status etc.) als eindeutig überlegen wahrgenommen, erhöht dies folglich das eigene Selbstwertgefühls.

Herstellung positiver Distinktheit

Vorsicht: Das besagte Bedürfnis nach einem positiven Selbstkonzept führt allerdings leicht zu einem Beurteilungsfehler. Indem wir nun nach Möglichkeiten suchen, unsere Eigengruppe in günstiger Weise von Fremdgruppen zu unterscheiden, blenden wir unpassende Aspekte gern aus oder überhöhen den ein oder anderen, der uns gelegen kommt. Das nennt man in der Sozialpsychologie „Herstellung positiver Distinktheit“.

Als Psychologe war ich bspw. lange Zeit im sozialen Bereich beschäftigt. Um dieses Fach überhaupt studieren zu können, benötigte ich ein hervorragendes Abitur mit einer 1 vor dem Komma. Andere Studienfächer waren hingegen leichter zugänglich. Daraus ließe sich folgern, dass Psychologiestudenten intelligenter oder zumindest fleißiger sind als bspw. Sozialpädagogen, deren Interessen ja recht ähnlich gelagert sind und mit denen ich damals auf dem Arbeitsmarkt konkurrierte. Sie sind aber nicht nur intelligenter oder fleißiger, sie haben auch eine höherwertige Ausbildung und damit zugleich ein fundierteres Wissen über die Natur des Menschen, was letztendlich auch ein (deutlich) höheres Gehalt rechtfertigt.

Wenn Sie das jetzt lesen, entsteht bei Ihnen vielleicht der Eindruck, ich sei arrogant und würde dazu neigen, mich über andere Menschen zu stellen. „Ja“, könnte nun vielleicht ein Sozialpädagoge sagen, „so sind die Psychologen eben: überheblich und selbstherrlich! Und DIE wollen mit Menschen arbeiten?“

Die heterogene Gruppe der Psychologen

Doch auch innerhalb der Gruppe der Psychologen gibt es erhebliche Unterschiede. Hier werfen viele meiner humanistisch ausgebildeten oder zumindest ausgerichteten Kollegen (zu denen auch ich mich zähle) bspw. den Tiefenpsychologen vor, sie würden sich über andere Menschen erheben, indem sie für sich eine Deutungshoheit beanspruchen. Frei nach dem Motto: Ich weiß, was mit Dir los ist! Deshalb formulierten sie für sich den Anspruch, ihren Klienten auf Augenhöhe zu begegnen und sie als Experten ihrer selbst zu betrachten. Die therapeutische Aufgabe besteht für sie deshalb darin, diese in ihrem Selbstwerdungsprozess lediglich unterstützend zu begleiten, nicht aber darin, ihnen aufzuzeigen, was richtig oder falsch sei. Ist das nicht viel menschlicher und somit auch wertvoller?

Schaut man sich nun an, was aus den humanistischen Therapieverfahren (z. B. der Klientenzentrierten Psychotherapie von Carl Rogers, der Gestalttherapie von Fritz Perls oder der Logotherapie von Viktor E. Frankl) geworden ist, wird deren Unterlegenheit gegenüber den tiefenpsychologischen Verfahren schnell deutlich: Diese Therapien werden von den Krankenkassen nicht finanziert, zumindest nicht in Deutschland. Das (unbehagliche) Eingeständnis, dass die Fremdgruppe also möglicherweise in bestimmten Dimensionen überlegen ist („Status“), gleichen wir in der Regel dadurch aus, dass wir die Überlegenheit unserer Eigengruppe in einer Vielzahl anderer Dimensionen beanspruchen.

Relative Deprivation

Die Mitglieder einer Gruppe mit untergeordnetem Status (also bspw. die humanistischen Psychotherapeuten) könnten nun vielleicht feststellen, dass sie schlechter bezahlt werden, ihre Ausbildungen gesellschaftlich weniger anerkannt sind etc., sie also hinsichtlich einer ganzen Reihe von Kriterien übereinstimmend als „minderwertig“ wahrgenommen werden. Das kann zu etwas führen, was man in der Fachsprache „relative Deprivation“ nennt. Diese entsteht aus einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen dem, was man hat, und dem, wozu man sich berechtigt fühlt.

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Zwar bin ich kein Psychotherapeut, allerdings sieht es in der Weiterbildungsbranche ähnlich ungünstig für meinesgleichen aus. Eine humanistische Haltung sowie das damit einhergehende Menschenbild erschweren es sehr, mit plakativen Werbebotschaften oder Versprechungen auf sich selbst und die eigenen Dienstleistungen aufmerksam zu machen. Kollegen mit einem anderen fachlichen Hintergrund schaffen das deutlich besser. Diese Tatsache wirkt sich also ganz erheblich auf die Wahrnehmung der fachlichen Kompetenzen („Was können Sie denn eigentlich mit Ihren Methoden bewirken?“) und somit auch auf das Einkommen aus („Sie verlangen dafür auch noch Geld?“), was dazu führt, dass man nicht selten deutlich schlechter gestellt ist („Status“), als viele der Mitbewerber aus den sogenannten „Fremdgruppen“.

Eine solche Situation bzw. die daraus resultierende Selbstwahrnehmung ist natürlich kaum auszuhalten! Deshalb entwickeln Menschen – wie ich – bestimmte Strategien, um sich eine positive soziale Identität zu erschaffen. Diese dienen dazu, das Selbstwertgefühl zu stabilisieren und sich bzw. die Eigengruppe aufzuwerten. Doch welche Möglichkeiten hat man, um das zu schaffen (siehe Tabelle)?

Welche der kollektiven Strategien mit größter Wahrscheinlichkeit gewählt wird, hängt in erster Linie von dem vorherrschenden sozialen Klima ab. Ermöglicht dieses keine Alternative zum Status quo, führt das in der Regel dazu, dass eine der beiden ersten gewählt wird: also 1 und/oder 2.

Wir sind die Guten!

Meine Eigengruppe („humanistische Psychologen“) möchte ich nicht verlassen. Die individualistische Strategie kommt für mich also nicht in Frage. Auch sehe ich momentan kaum Möglichkeiten, unser System oder die Mechanismen des Marktes gemeinsam mit meinen Kollegen zu verändern (kollektive Strategie Nr. 3). Den „Vergleich nach unten“ habe ich ja bereits weiter oben thematisiert (vgl. „Sozialpädagogen“), was der kollektiven Strategie Nr. 1 entspräche… Das kann ich nicht mit meinem Menschenbild vereinbaren, wie wohl auch nur die wenigsten meiner Kollegen. Folglich bleibt nur noch Strategie Nr. 2: Deshalb behaupte ich jetzt einfach, dass wir humanistischen Psychologen die besseren Psychologen sind (wenn nicht sogar die besten überhaupt), weil wir mit unserer Haltung den Wert und die Individualität eines jeden Menschen im Blick haben, warmherzig sowie aufrichtig bzw. ehrlich und – was besonders hervorzuheben ist – bescheiden sind.

So, nun hoffe ich, Sie mit diesem (nicht ganz ernst gemeinten) Ausflug in die Welt der Sozialpsychologie ein klein wenig zum Schmunzeln gebracht zu haben. 😉

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Literaturhinweis:

  • Klaus Jonas, Wolfgang Stroebe & Miles Hewstone (Hrsg.) Sozialpsychologie (6. Auflage). Springer-Verlag (2014).