„Ich spuck auf Dich!“

Mit so manchen „Gefühlen“ möchte man eigentlich nichts zu tun haben. Das schützt aber nicht davor, ihnen gelegentlich ausgeliefert zu sein. Eines davon ist wohl die Verachtung, die sich in der Geringschätzung eines Gegenübers zeigt und zumeist einer angestauten Unzufriedenheit des Verachtenden Ausdruck verleiht. Eventuell drückt sich in ihr auch „lediglich“ eine Angst bzw. ein Unbehagen vor etwas Fremden aus.

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Einer stabilen Persönlichkeit sollte es möglich sein, sich hinreichend abzugrenzen oder ggf. zu wehren, um das eigene Selbstbild zu schützen, sollte sich jemand respektlos oder feindselig verhalten. Welche Möglichkeiten hat aber ein Kind bzw. was kann es tun, wenn es andauernd den Eindruck vermittelt bekommt, nicht zu genügen oder „falsch“ zu sein, und wenn jeder Versuch, ein verbindliches Beziehungsangebot zu machen, abgelehnt wird? Zunächst entsteht vielleicht das Gefühl, selbst dafür verantwortlich zu sein, d.h. dass sich ein Minderwertigkeitskomplex entwickelt. Selbstablehnung, Wut, Schuldgefühle und/oder Scham sind mögliche Konsequenzen. Doch wie lange können Heranwachsende mit einem solchen Konglumerat unangenehmer Emotionen leben? Was geschieht damit bspw. in der Pubertät, wo wir uns aufmachen, die Welt der Erwachsenen zu erobern und dazu neigen, gegen (reale oder vermeintliche) Autoritäten zu rebellieren?

„Lache nur nicht, Erbse! Du bist auch nicht besser als die Bohne!“

Obwohl sich natürlich nicht immer gleich eine Manie daraus entwickelt, gefällt mir in diesem Zusammenhang das, was in dem Buch „Irren ist menschlich“ dazu gesagt wird, warum wir Menschen also manchmal dazu neigen bzw. dazu veranlasst werden, die Pfade des Normalen zu verlassen. Am Beispiel des „sich und Andere aufbrechenden Menschen“, wird dies deutlich: „Wer manisch wird, hat ein paar Grundprobleme der Existenz schon gelöst und sich bereits ein Stück weit auf die realen Probleme des Erwachsenendaseins einlassen können, steht schon im Bruch mit der Tradition, dabei allerdings Angst machend statt in Angst lebend“ (S. 289). Ein „erstickter Unabhängigkeitswunsch“ und unterdrückte Angst, die die Betroffenen innerlich traurig und verzweifelt und sie gleichzeitig immer dranghafter und übertriebener werden lässt, kann irgendwann zu einer Explosion führen, also zu einem „unzurechnungsfähigen“ Zustand, in dem sich die entsprechenden Gefühle und Bedürfnisse in einer erschreckenden Klarheit offenbaren.

„Verachtung ist das Gefühl eines vorsichtigen Mannes für einen Feind, der zu mächtig ist, um ihn gefahrlos zu bekämpfen.“ Ambrose Gwinnett Bierce

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Mit dem Gefühl der Verachtung kann folglich zunächst eine gewisse Erleichterung einhergehen, da es die Distanz zu einem Menschen vergrößert, mit dem man (vielleicht zuvor) emotional auf unangenehme Weise verstrickt war. Im Grunde genommen handelt es sich dann um einen Versuch der Beziehungsregulation, der aus der Not geboren wurde und das Ziel hat, infantile Abhängigkeitswünsche abzuwehren. Gleichzeitig ist es eine Form der Bestrafung, die einem das Gefühl verleiht, dem Gegenüber überlegen zu sein. Verachtung kann also eine Reaktion darauf sein, dass man sich zuvor selbst angelehnt oder gekränkt gefühlt hat. So bietet sie einen vermeintlichen Schutz – auch vor dem eigenen Selbstzweifel.

Dysfunktional wird sie, wenn man in der Folge dazu neigt, andere zu verachten, um sich gegen eine mögliche Ablehnung dieser Menschen bereits im Vorfeld zu wehren. Letztendlich bedeutet dies, dass man die Kraft dieser „kalten“ Emotion gegen sich selbst richtet und somit (durch die Augen des Gegenübers) verächtlich auf sich schaut. Auf diese Weise wird man selbst zu seinem mächtigsten Widersacher. Folgende Aussage verdeutlicht diesen Zusammenhang:

„In bestimmten Situationen, die mich an die vielen Streitgespräche erinnern, die ich mit meinem Vater geführt habe, spüre ich sie noch heute. Sie scheint an ihnen festzukleben, wie ein widerspenstiger Schatten aus meiner Vergangenheit, und führt dazu, dass ich handlungsunfähig werde (bzw. „erstarre“), mich zurückziehe und sie ungewollt gegen mich selbst richte. Dann neige ich dazu, all das, was ich sagen oder tun könnte, bereits im Vorfeld abzuwerten (oder zu belächeln) und fühle mich daraufhin kraft- und wertlos. Obwohl ich mir über diesen psychischen Automatismus bereits seit langer Zeit im Klaren bin, überwältigt er mich doch immer wieder auf’s Neue.“

Was würde ein Kognitiver Verhaltenstherapeut dazu sagen?

Vor einiger Zeit habe ich Prof. Dr. Sven Barnow in einem anderen Zusammenhang darum gebeten, mir Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich therapeutisch sinnvoll mit einem bestimmten Problem arbeiten ließe. Zwei seiner Vorschläge halte ich auch in diesem Kontext für zielführend, weshalb ich sie hier gern nochmals zitiere:

  1. Training der Emotionsregulation, vor allem der Flexibilität der Emotionsregulationsstrategien, wie wir das hier in Heidelberg mit dem von uns entwickelten Emotionsregulationstraining „Gefühle im Griff“ (Barnow, 2013, Springer Verlag) versuchen, für das es inzwischen auch ein Handbuch für Therapeut/innen gibt (Barnow, Reichelt, Sauer, 2016, Springer). Dies kann helfen ein Metawissen zu Emotionsregulation zu erlangen, das eine flexible Verwendung verschiedener Strategien und Techniken ermöglicht, um Gefühle so zu regulieren, dass sich das Selbst mit sich und in sozialen Situationen wohl fühlt.
  2. Distanzierung vom Negativen Affekt: Das Problem des zunehmenden negativen Affekts, aber vor allem das Verloren gehen positiver Gefühle (ich verwende die Begriffe Affekt und Gefühle hier synonym, was wissenschaftlich nicht ganz korrekt ist) muss erfahren und wiedererlebt werden. Dies ist nur durch eine emotionale Prozessierung möglich (nicht jedoch über rein kognitives Reflektieren, wobei der sokratische Dialog, richtig angewendet, in diesem Kontext sehr hilfreich sein kann). Negative Gefühle […] müssen auch in der therapeutischen Sitzung erfahren werden, aber nicht nur im Sinne einer Katharsis, sondern vor allem mit dem Ziel, diesen Verlust zu betrauern und Wünsche der Veränderung daraus abzuleiten (Techniken: Imagination, Body Scan oder andere emotionsfokussierende Verfahren).

Eine praktische Anregung zur Selbstreflexion

Sie haben keinen Therapeuten? Nun, dann können Ihnen die folgenden Fragen vielleicht dabei helfen, eine neue Sichtweise einzunehmen und ggf. eine „bessere“ Strategie zu entwickeln.

→ Einleitende Fragen

  • Wann haben Sie das letzte Mal Verachtung gespürt und sich zu einer Reaktion hinreißen lassen, mit der Sie sich selbst geschadet haben?
  • Wählen Sie bitte eine Situation aus, in der Sie einem Menschen (oder sich selbst) mit Verachtung begegnet sind.
  • Was ist geschehen?
  • Was löst die Vorstellung an diese Situation bei Ihnen aus (Gefühle, Gedanken, Impulse)?
  • Mit welchem Titel würden Sie diese Szene versehen?

→ Perspektivwechsel

  • Versetzen Sie sich dann einmal in die Lage Ihres Gegenübers und versuchen Sie, die Begebenheiten aus dessen Position heraus zu beschreiben? Was fühlen Sie dabei? Was denken Sie? Welche Impulse können Sie spüren?

→ Fragen zum Empowerment

In der therapeutischen Arbeit geht es oftmals darum, die Klienten darin zu unterstützen, wieder handlungsfähig zu werden und ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen. Dafür ist es hilfreich, konkrete Handlungspläne zu entwickeln, die allerdings das Bewusstsein voraussetzen, dass überhaupt Möglichkeiten zur Einflussnahme bestehen.

  • Wenn Sie an der Situation etwas verändern könnten, um sie positiver zu gestalten, was wäre das?
  • Wie hätten Sie eine solche Veränderung durch Ihr eigenes Verhalten begünstigen können?
  • Wer oder was könnte Ihnen dabei helfen, das dafür Notwendige zu tun?
  • Wenn Sie eine besondere Fähigkeit oder Eigenschaft dafür bräuchten, welche wäre das?
  • Wann haben Sie selbst diese Fähigkeit das letzte Mal erfolgreich unter Beweis gestellt? Wie haben Sie das geschafft?
  • Wie können Sie eine günstige Weiterentwicklung dieser Fähigkeit oder Eigenschaft bei sich selbst fördern?

→ Abschließende Frage

  • Was haben Ihnen Ihre Antworten auf diese Fragen aufgezeigt?

Fazit

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Es ist keineswegs ein Zeichen von Schwäche, sich mit jenen Themen zu beschäftigen, die in der eigenen Biografie eine zentrale Rolle spielen. Meiner Ansicht nach kann man nur daran reifen. Die meisten Entwicklungsschritte setzen es nun einmal voraus, sich selbst zu hinterfragen bzw. das eigene Empfinden und Verhalten zu reflektieren, auch wenn das manchmal unangenehm ist. Haben Sie den Mut, das zu tun?

Literaturangaben:

  • Klaus Dörner, Ursula Plog, Thomas Bock, Peter Brieger, Andreas Heinz, Frank Wendt (Hg.). Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie (24. Auflage). Psychiatrie Verlag, 2017.
  • Sven Barnow (2013). Gefühle im Griff. Springer 2. Auflage
  • Barnow, S., Reinelt, E. & Sauer, Ch. (2016). Emotionsregulation: Manual und Materialien für Trainer und Therapeuten (Psychotherapie: Praxis). Springer

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