„Irren ist menschlich“ (Vorwort)

Seit fast 40 Jahren prägt »Irren ist menschlich« mit klaren Positionen die Versorgung psychisch erkrankter Menschen – genauer gesagt: die Menschen, die psychiatrisch arbeiten, aber auch das Selbstbewusstsein derjenigen, die in irgendeiner Weise von psychischen Störungen betroffen sind.

Um Klaus Dörner und Ursula Plog versammelt sich nun ein hochkarätiges Herausgeber- und AutorInnenteam. Entstanden ist ein einmaliges Lehrbuch. Es liefert das ausbildungsrelevante Wissen über psychische Krankheiten, therapeutische Ansätze und Methoden, wissenschaftliche Grundlagen und den gesellschaftlichen Kontext – verständlich, kritisch, differenziert. Der anthropologisch fundierte Diskurs über Krankheitsmodelle, über Diagnosen und Therapien ergänzt das Wissen über die verschiedenen Störungsbilder. Ein Standardwerk der Sozialpsychiatrie, das Begrenztheiten überwindet und mitten in der Realität steht!

Mehr zum Buch und seiner Überarbeitung unter www.irren-ist-menschlich.de.

Vorwort (von Klaus Dörner)

»Wir wissen so wenig über das Leben, dass wir nicht wirklich wissen, was die gute und was die schlechte Nachricht ist.« Kurt Vonnegut (2006, S. 50), aus: »Mann ohne Land«

Vor ungefähr drei Jahren stand irgendwie die Frage im Raum, ob man nicht doch noch mal eine Neubearbeitung von »Irren ist menschlich« wagen solle. Zunächst überraschend, war doch von den beiden Alt-Autoren Ursula Plog 2002 gestorben. Aber nun entsann man sich, dass »Irren ist menschlich« sich nicht zuletzt der 68er-Aufbruchstimmung verdankt hat, was zur Frage zwang, ob die Psychiatrie nicht etwa alle zehn Jahre einen außergewöhnlichen Aufbruchs-Schub benötige. Zudem erinnerten wir uns, dass dieses Lehrbuch seit seiner Erstpublikation 1978 das erste psychiatrische Lehrbuch für berufsübergreifende Teams war, lebte es doch von der achtjährigen Kooperationserfahrung (fast ohne personelle Veränderung) des Hamburger Tagesklinikteams, was sich wohltuend auf die »Irren ist menschlich«-Sprache ausgewirkt hat.

Aus solchen Gründen beschlossen wir eine vierte, grundlegende Umarbeitung des Lehrbuchs, gründeten ein sechsköpfiges Herausgeber- und Redaktionsteam und sammelten 23 Autorinnen und Autoren für die einzelnen Kapitel – alle im erwerbsfähigen Alter, damit Psychiatrie aus der eigenen aktuellen Praxiserfahrung erzählt werden kann. Diese ist ja ebenso wie das Grundkonzept aus der Psychiatriereform-Bewegung ständiger Reflexion und Fortschreibung ausgesetzt. Insofern fanden wir auch Textteile legitim, die z. B. von einem »Alt-Autor« begonnen, aber von einem »Jung-Autor« in dessen Sinne beendet wurden. Und aus demselben Selbstverständnis finden Sie Ursula Plog immer noch unter den Herausgeberinnen, da ihre Textteile ja weiterleben.

Also haben wir uns in diesen drei Jahren möglichst vollständig alle paar Wochen getroffen und – Gott sei Dank – auch wild gestritten. Wenn Sie nun das immer vorläufige amtliche Endergebnis in der Hand haben, vergessen Sie nicht, den beiden Impulsgebern aus dem Psychiatrie Verlag für ihre Mühe zu danken, York Bieger – auch für seine manchmal mutig-schmerzhaften Entscheidungen – sowie Sandra Kieser – für ihre immer wieder kreative Eselsgeduld.

Was soll der Titel »Irren ist menschlich«?

Er soll uns daran erinnern, dass die Psychiatrie an Orten geschieht, wo der Mensch besonders menschlich ist, d. h. wo die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz des Menschen oft nicht auflösbar, die Spannung auszuleben ist: so das Banale und Einmalige, Oberfläche und Abgrund, Passivität und Aktivität, das Kranke und Böse, Weinen und Lachen, Leben und Tod, Schmerz und Glück, das Sich-Verstellen und Sich-Wahrmachen, das Sich-Verirren und Sich-Finden. Die Frage »Was ist ein psychisch Kranker?« ist fast so allgemein wie die Frage »Was ist ein Mensch?«. Das weist darauf hin, dass Psychiatrie zwar auch zur Medizin, aber genauso zur philosophischen Anthropologie gehört, psychische Beeinträchtigungen zwar oft auch Krankheiten, aber immer mehr als Krankheit sind. Die Seele ist nicht in Analogie zu einem weiteren Körperorgan zu sehen. Psychiatrie ist daher sowohl Medizin als auch Philosophie, wie schon die Begründer der Psychiatrie um 1800 mit dem Streit zwischen »Psychikern« und »Somatikern« ein fruchtbares Spannungsfeld aufgemacht haben, was sich im weiteren 19. Jahrhundert leider zur Medizin hin vereinseitigt hat, in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten nach 1945 sich wieder zur Philosophie hin (anthropologisch, phänomenologisch, hermeneutisch, existenzphilosophisch) öffnete, um danach wieder medizinisch-technisch zu werden – übrigens durchaus in noch hilfloser Auseinandersetzung mit den Psychiatrieverbrechen der NS-Zeit. Trotz solcher Skrupel bleiben wir bei dem konventionellen Begriff »psychisch Kranke«, wenn auch offen für die Diskussion, welche Begrifflichkeiten künftig den Menschen gerecht werden, mit denen wir hier sprechen (vgl. Heinz 2014: »Der Begriff der psychischen Krankheit«). Immerhin signalisiert der Titel unsere Absicht, das Spannungsfeld zwischen Medizin und Philosophie endgültig zu öffnen, in der Kapitelsystematik an Begriffen wie »Landschaft«, »Grundhaltung«, »Kränkung« und »Bedeutung« ablesbar. Und noch wichtiger: Dies ist wohl das einzige Lehrbuch, das schon in der Gliederung nie psychische »Krankheiten« abhandelt, sondern immer nur von Menschen spricht, die sich mit bestimmten Erfahrungen ausdrücken und die es zu begleiten gilt. Insofern spielt der Titel natürlich nicht nur auf das Irren der psychisch Kranken an, sondern auch auf das der psychiatrisch Tätigen; denn, wie der Hamburger Psychiater Jan Gross uns immer wieder eingebläut hat, ist auch die wissenschaftliche Erkenntnis zumeist nur der »korrigierte Irrtum«.

Was will das Buch?

Es will darstellen, was in der Psychiatrie passiert oder passieren soll. Psychiatrie besteht aus der Begegnung von psychisch Kranken, Angehörigen und Profis. Nun beginnt jede Begegnung nicht erst mit dem gesprochenen Wort, sondern mit einer Vielzahl von sinnlichen Eindrücken und Gefühlen. All dieses schwer Benennbare wollen wir zur Sprache bringen. Das geschieht auch in den Abschnitten über die »Landschaft« oder die »Grundhaltung«, durchzieht von da aus das ganze Buch. Im Schutz des Unsagbaren stellen wir immer auch das Sagbare dar, und das »Gesagte« ist immer wieder zum »Sagen« zu verflüssigen, damit das Wissen nie selbstherrlich wird oder dogmatisch. So hoffen wir, Psychiatrie einigermaßen vollständig darstellen zu können. Das macht das Lesen manchmal befremdlich. Daher ein Lesetipp aus Georges Devereux »Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften « (1988, S. 14): »Die Lektüre dieses Buches wird sich für diejenigen als leicht erweisen, die, mit einer scheinbar schwierigen Passage konfrontiert, nach innen schauen, um herauszufinden, was ihr Verständnis hemmt – so wie ich selbst beim Schreiben dieses Buches nach innen schauen musste, um herauszufinden, was mein Verständnis hemmte.«

An wen wendet sich das Buch?

  1. Es soll dem lernenden Leser helfen, das Examen in Psychiatrie / Psychotherapie zu bestehen, egal, ob er sich in der Ausbildung zur Krankenpflege, zum Arzt, zur Sozialarbeiterin, Psychologin, zum Ökotrophologen, Ergo- oder Bewegungstherapeuten befindet. Deshalb haben wir die Prüfungsrichtlinien für diese Berufe berücksichtigt, vermitteln einerseits Wissen und Techniken, mehr aber noch Grundhaltungen, weil dieser Praxisbezug sonst oft vernachlässigt ist.
  2. Es soll den psychiatrisch tätigen Leser in all den erwähnten Berufen befähigen, seine Alltagsarbeit nachdenklicher, vollständiger, wahrhaftiger, leichter und mit mehr Freude zu tun. Die Allgemeinverständlichkeit der gewählten Sprache soll helfen, eine berufsübergreifend verständliche Teamsprache zu finden.
  3. Es ist aber genauso für Psychiatrieerfahrene, also für Patienten lesbar, auch für Angehörige und Nachbarn. Denn wir wollen die auch notwendige objektivierende Sprache der Wissenschaft über die Betroffenen einbetten in eine Sprache, in der Betroffene und Professionelle chancengleich miteinander sprechen können (Trialog). So können Betroffene verhindern, dass wissenschaftliche und praktische Profis zu besitzergreifend sind, können vielmehr deren Verantwortlichkeit beanspruchen. Die Verständlichkeit der Sprache soll zudem die Psychiatrie in ihren Möglichkeiten und Gefahren durchsichtig und öffentlich kontrollierbar machen.
  4. Das Buch soll den Leser schließlich auch privat befähigen, mit sich und Anderen besser umzugehen. Denn wir als Beziehungswesen sind letztlich das einzige Mittel, das im psychiatrischen Arbeiten zählt, mehr noch wie wir sind, als was wir tun. So entdecke ich in jeder Begegnung mit einem Anderen an mir eine neue Empfänglichkeit – oder es ist keine Begegnung.

Wie ist dieses Buch entstanden?

Die beiden Alt-Autoren – Psychologin und Psychiater – hatten das Glück, in den 1970er-Jahren acht Jahre lang fast ohne jede personelle Veränderung in dem beruflich gemischten Tagesklinikteam der Psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf zu arbeiten, fünf Jahre mit Langzeitpatienten, drei Jahre mit Akutpatienten aller Diagnosen. Unter den vielen dort gemachten Erfahrungen ist eine wohl die wichtigste: Es kann zwischen mir als Profi und einem psychisch Kranken nur dann eine Beziehung geben, wenn es auch zwischen mir und seinen Angehörigen eine Beziehung gibt – am besten in Angehörigengruppen; denn ohne solche eigenen Angehörigengruppen hätte ich aus dem psychisch Kranken ein gar nicht denkmögliches isoliertes Individuum mit nur seiner Sicht der Dinge und damit eine künstliche Abstraktion gemacht – auch eine Form meiner – ethisch wie logisch verbotenen – imperialistischen Aneignung des Anderen. Für diese Erfahrung war die Tagesklinik als ambulant-stationärer »Zwitter« besonders hilfreich. Auch durch die Teilnahme an den grundsätzlich beruflich gemischten Arbeitsgruppen auf DGSP-Tagungen konnten wir Psychiatrie vielseitiger und alltäglicher erfahren, als dies durch Diskussionen mit berufsgleichen Kolleginnen und Kollegen möglich ist. Durch all das entstand allmählich eine Sprache, die sich im Team sowie zwischen psychiatrisch Tätigen, Angehörigen und psychisch Kranken bewährte. Daher auch die Stilmittel dieses Buches: häufige Verwendung der Ich-Form; persönliches Ansprechen der Leser; Gesprächsverläufe sowie Dialogfragmente; Fall- und Situationsbeispiele; Übungen bzw. Denkanstöße für den Leser, z. T. mit einer Aufforderung zum Rollenspiel.

Übrigens verwenden wir, wenn nicht anders vermerkt, den Begriff »Psychiatrie« in der Regel als Kürzel für »Psychiatrie und Psychotherapie« bzw. »Psychiatrie / Psychotherapie;«; denn beides ist nicht trennbar.

Quelle:

  • Klaus Dörner, Ursula Plog, Thomas Bock, Peter Brieger, Andreas Heinz, Frank Wendt (Hg.): Irren ist menschlich. Lehrbuch für Psychiatrie und Psychotherapie. 24. vollständig überarbeitete Auflage 2017, Köln: Psychiatrie Verlag.

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