Rezension: „Mitten ins Herz – Storytelling im Coaching“ von Christina Budde

Im Coaching ist es in der Regel nicht üblich, Ratschläge zu geben, selbst dann nicht, wenn darum gebeten wird. Als zweckmäßiger wird es betrachtet, zur Selbstreflexion und zum Finden eigener Lösungen anzuregen. Doch welchen Sinn macht es dann, eine Geschichte zu erzählen? Darüber berichtet Christina Budde in ihrem neuen Buch.

Christina Budda - Mitten ins Herz - Storytelling im CoachingDurch das indirekte Angebot, sich mit einem der Protagonisten zu identifizieren und dessen Erkenntnisse auf das eigene Leben zu übertragen, lassen sich Widerstände, auf die (gut gemeinte) Ratschläge treffen können, leichter umgehen. Man sucht sich aus dem Gehörten einfach das aus, was zu einem passt, und wird somit in die Lage versetzt, eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Komplizierte Vorgaben scheint es dabei kaum zu geben, nur irgendwie stimmig sollte sich das Ganze für die Klienten schon anfühlen. Über die Kraft, die von Bildern oder Vorstellungen ausgehen kann, und welche Wirkung sich damit erzielen lässt, muss ich an dieser Stelle wohl nichts sagen…

Welchen Zweck das Storytelling erfüllen kann und wie genau es funktioniert bzw. auf was man dabei achten sollte, wird in den ersten Kapiteln des Buches ausführlich erörtert. Immer wieder werden Übungen dazu angeboten, mittels derer man die einzelnen Inhalte für sich lebendig werden lassen kann. Gut gefallen hat es mir zudem, dass die Autorin einleitend ihren persönlichen Bezug darstellt und diverse Anwendungsbeispiele aus der Praxis gegeben werden, die dazu anregen, die Methode selbst einmal auszuprobieren, sollte man das noch nicht getan haben. Hilfreich sind auch die zahlreichen Beispiele für Geschichten, die thematisch sortiert am Ende des Buches zu finden sind. Fällt es einem vielleicht schwer, sich eigene Geschichten zu überlegen oder sich diese irgendwo heraus zu suchen, lassen sie sich mühelos verwenden. Eine enorme Gedächtniskapazität ist dafür jedenfalls nicht erforderlich.

Sehr interessant berichtet Christina Budde darüber, wie man mit den Geschichten, die Klienten erzählen, so arbeiten kann, dass es besonders hilfreich ist bzw. der Fokus gezielt auf jene der darin enthaltenen Aspekte gerichtet wird, die einer Erweiterung der Perspektive dienen. Techniken, die in jedem professionellen Gespräch nützlich sind, wie z. B. der Umgang mit Tilgungen, Generalisierungen oder Verzerrungen, werden fachlich präzise und anwendungsgerecht dargestellt. Vieles war mir zwar bereits sehr vertraut oder zumindest gängig, dennoch habe ich beim Lesen mein Bewusstsein erneut dafür geschärft, wie förderlich gewisse Vorgehensweisen sind.

Ob ich nun ein „richtiger“ Storyteller werde oder (noch) öfter Metaphern oder Analogien in meine Sitzungen einfließen lasse, als ich es bereits tue, möchte ich bezweifeln. Allerdings hat sich die Lektüre allein deshalb gelohnt, da sich in der Toolbox (Kapitel 5), die immerhin 65 Seiten des Buches ausmacht, etliche Übungen finden, die mir so teilweise noch nicht bekannt waren. Einige davon werden meinen Werkzeugkoffer nun sinnvoll ergänzen. Die ein oder andere probiere ich wohl bald auch aus. Die Einfachheit, mit der sie beschrieben sind, hat meine Fantasie jedenfalls angeregt.

Didaktisch ist das Buch großartig. An der Seite des Fließtextes findet man jeweils Begriffe oder einfache Sätze, die einem einen hervorragenden Überblick über das geben, was darin im Einzelnen erklärt oder ausgeführt wird. So verliert man nie den Überblick, kann einzelne Abschnitte beim Lesen überspringen und bestimmte Aussagen leicht wiederfinden. Schön sind auch die vielen Hinweise auf die Ursprünge der jeweiligen Modelle oder Methoden. Die entsprechenden Fragenkataloge sind zumeist systemisch und lösungsorientiert bzw. so konzipiert, dass sie viel Spielraum für die eigene Anwendung lassen.

Literaturhinweise, Informationen über die Gastautoren sowie ein Stichwortverzeichnis runden das Werk ab. Für die Beratung, das Coaching, die Mediation oder die therapeutische Arbeit ist dieses Buch eine gute praktische Hilfe, weil es sich schnell lesen lässt und zudem zur Umsetzung inspiriert. Kurzum: Ich bin begeistert und kann dieses Buch auch jenen empfehlen, die um das Storytelling bislang einen Bogen gemacht haben. Besonders angesprochen hat es mich, wie einfach es scheint, die Ideen so zu nutzen, dass sie „mitten ins Herz“ treffen und nachhaltige Veränderungsprozesse bei Klienten bewirken können. Zudem bietet es Anregungen zur Selbstreflexion, die auch ohne professionelle Begleitung sehr wertvoll sind.

Christina Budde (2015). Mitten ins Herz – Storytelling im Coaching. managerSeminare Verlags GmbH.