Die fünf Pfeiler der Identität

Wer bzw. wie bin ich? Diese Frage spielt auch im Rahmen einer Kognitiven Verhaltenstherapie nicht selten eine wichtige Rolle. Doch wie wird Identität in diesem Zusammenhang betrachtet? Was macht sie aus und woraus besteht sie eigentlich?

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Die Kognitive Verhaltenstherapie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt und das aus ihrer Gründerzeit stammende „mechanistische“ Menschenbild („Reiz-Reaktions-Modell“) elaboriert bzw. stetig weiter ausdifferenziert. In dem Buch „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven“ von Hilarion G. Petzold findet sich ein Kapitel von Gerhard Zarbock, in dem das Konstrukt „Identität“ aus verhaltenstherapeutischer Perspektive betrachtet wird. Ihm zufolge fußt diese auf fünf Pfeilern, die hier kurz beschrieben und diskutiert werden sollen.

Pfeiler 1: Selbstpräsenz-Erfahrung

  • Identifikation mit dem reinen (nicht wertenden, akzeptierenden) Bewusstsein

Identität wird demnach u.a. dadurch bestimmt, „ob und wie es dem Menschen gelingt, sich für die Erfahrung jeden Momentes mit einem nicht-wertenden, akzeptierenden Gewahrsein aufzuschließen und sich dabei mit der basalen menschlichen Fähigkeit der bewussten Beobachtung als Zentrum seines Selbsterlebens zu identifizieren“ (S. 225). Die MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) von Jon Kabat-Zinn (1995) arbeitet bspw. auf Grundlage dieser Annahme.

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Warum ein „akzeptierendes Gewahrsein“ sinnvoll sein kann, wird deutlich, wenn man bspw. die Emotions- bzw. Bewusstseinstheorie von António R. Damásio heranzieht, die einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Geist und Körper postuliert. Sogenannte somatische Marker bewirken die Bewertung von Vorhersagen und dienen u.a. als „Alarmglocken“. Demnach rufen Emotionen nicht nur eine für den auslösenden Reiz spezifische Verhaltensreaktion hervor, sie versetzen den Körper z.B. durch Hormonausschüttung zugleich in die Lage, eine entsprechende Reaktion auszuführen. Der Organismus wird dadurch in eine Art Erregungszustand versetzt, um schnell und effektiv reagieren zu können. Bewirken die dann ausgelösten Reaktionen allerdings keine spürbare Veränderung der Situation bzw. ihrer Bewertungen, können sich diese Prozesse so weit hochschaukeln, dass die Betroffenen sich handlungsunfähig und der Situation hilflos ausgeliefert fühlen.

Mittels verschiedenster Achtsamkeits- bzw. Meditationsübungen kann es nun gelingen, eine Lücke zwischen Reiz und Reaktion zu entdecken und dysfunktionale (Verhaltens-)Impulse besser zu kontrollieren sowie das Selbsterleben von den Inhalten negativer Gedanken (im Sinne einer Entschmelzung oder Defusion) loszulösen.

Pfeiler 2: Metakognitive Selbstkontrolle

  • Identifikation mit der Fähigkeit, Metakognitionen zu erkennen und zu verändern

Durch die Fähigkeit zum Erkennen und Verändern von Metakognitionen können wir uns von der imperativen Macht der jeweiligen Bewusstseinseindrücke befreien und durch verbale Reflexion Freiraum, Orientierung und Kontrolle, und somit auch Selbstwirksamkeit und Identität zurückgewinnen“ (S. 226). Partiell wird Identität also durch die Art der bei einem Individuum vorherrschenden metakognitiven Annahmen und den daraus abgeleiteten Strategien bestimmt.

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Das klingt zunächst einmal recht abstrakt. Verständlicher wird es wahrscheinlich, wenn man sich genauer anschaut, was die Funktionalität einer „metakognitiven Selbstkontrolle“ ausmacht. Im Grunde genommen geht es hierbei um den „kognitiven Stil“, mit dem sich ein Mensch mit sich und seiner Umwelt auseinandersetzt. „Im Gegensatz zu den kognitiven Therapien von Ellis und Beck […] steht der Ansatz der metakognitiven Therapie (Wells 2009) auf dem Standpunkt, dass negative Gedanken häufig vorkommen und nicht die Ursache psychischer Störungen darstellen. Als zentral hingegen werden […] metakognitive Glaubenssätze (z.B. „Grübeln hilft mir zukünftige Probleme zu vermeiden. Ich muss jederzeit die Kontrolle über meine Gedanken haben“) und daraus abgeleitete Strategien (z.B. Kontrollversuche der Gedanken und Emotionen, Vermeidungsverhalten in Bezug auf Erinnerungen) angesehen, die sich auf die Bewertung der Gedanken und den erforderlichen Umgang mit ihnen beziehen“ (S. 226).

Kurz gesagt: Natürlich beeinflussen Gedanken unsere Gefühle. Sind diese überwiegend negativ, wirkt sich das auch auf die Stimmung aus und kann im schlimmsten Fall bspw. zu einer Depression oder Angststörung führen. Von besonderer Bedeutung hierbei ist jedoch der kognitive Stil, der darüber entscheidet, wie wir mit gewissen Erfahrungen umgehen und diese verarbeiten bzw. wie wir es gewohnt sind, über uns und unsere Umwelt nachzudenken. So schützen z.B. eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen oder kritischen Lebensereignissen sowie verschiedene Techniken der Emotionsregulation zwar grundsätzlich davor, ins bloße Grübeln zu verfallen oder sich Gefühlen machtlos auszuliefern, allerdings sind auch das wohl keine Allheilmittel. Warum auch ein noch so eleganter Umgang mit Schwierigkeiten oder inneren Zuständen nicht immer davor bewahrt, dass man sich „in ihnen verliert“, sollte im weiteren Verlauf dieses Textes deutlich werden…

Pfeiler 3: Selbsterzeugung von Realität

  • Identifikation mit der Fähigkeit zum Selbstgespräch und zum Tagtraum
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Folgt man der Erkenntnistheorie von Humberto Romesin Maturana, dann ist das menschliche Erkennen durch die Struktur des Organismus (und nicht durch die Objekte der Außenwelt) determiniert. Ihm zufolge ist das Nervensystem eines Menschen eine operationale und funktionale Einheit, die nicht zwischen internen und externen Auslösern differenziert. Von daher sind Wahrnehmung und Illusion prinzipiell nicht unterscheidbar. Aussagen über die (ontische) Realität sind demnach grundsätzlich nicht möglich. Das bedeutet zwangsläufig, dass Menschen sich ihre eigene Wirklichkeit konstruieren (müssen).

An dieser Schnittstelle (zwischen Realität und Wirklichkeit) setzen nun verschiedene Therapieverfahren an. So sind Selbstgespräche bspw. in der Selbstmanagementtherapie von Frederick Kanfer das zentrale Element, wobei das subjektive Erleben durch Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstverstärkung reguliert wird. Mit Tagträumen wird u. a. im mentalen Training bzw. in der imaginativen Therapie gearbeitet. Ein Ziel hierbei ist die Aufrechterhaltung, Absicherung und Verteidigung des eigenen Selbstverständnisses bzw. der Identität trotz gegenläufiger Informationen aus der realen oder sozialen Umwelt.

Pfeiler 4: Identifikation mit Bewusstseinsinhalten

  • Identifikation mit Grundannahmen, Grundbedürfnissen, Regeln und persönlichen Erinnerungen

Nach Richard Lazarus (1991) sind sechs Arten der Ego-Involvierung bzw. Selbst-Identifikation maßgeblich an der Erfahrung von Identität beteiligt: (1) Soziale und Selbst-Achtung, (2) moralische Werte, (3) Ich-Ideale, (4) zentrale Welt(be-)deutungen und Ideen, (5) andere Menschen und ihr Wohlergehen sowie (6) Lebensziele. Das erscheint zunächst plausibel und ist wohl auch hinlänglich bekannt…

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Das schematherapeutische Konzept von Jeffrey Young stellt die Annahme einer einheitlichen Identität hingegen grundsätzlich in Frage. Das Modell der Modi geht davon aus, dass eine Person verschiedene „Gesamtzustände“ annehmen kann, wobei ein Gesamtzustand als strukturiertes Gesamt aus psychischen, psychosomatischen und somatischen Zuständen verstanden wird. „Ein Modus ist in diesem Sinne ein Attraktor des Psychischen, indem der Modus das Psychische temporär ordnet und gegenläufige, mit dem Modus unvereinbare Zustände unterdrückt und das Erleben und Verhalten somit vereinheitlicht (Roedinger 2009, 7 ff.).“

Die Schematherapie finde ich aber noch aus einem anderen Grund interessant: In ihr wird, nachdem die Kernprobleme (z.B. intensive negative Gefühle, Vermeidung, Unterwerfung, Überkompensation, Selbstabwertung oder übertriebener Perfektionismus) herausgearbeitet und den entsprechenden Modi bzw. Schemata zugeordnet worden sind, neben kognitiv-behavioralen Techniken auch mit tiefenpsychologischen Erklärungsmodellen sowie mit emotionsfokussierenden Methoden („Stuhltechnik“) gearbeitet. Die 18 Schemata lassen sich in fünf Domänen einteilen, wobei davon ausgegangen wird, dass diese jeweils in Verbindung mit der Nichterfüllung bestimmter Grundbedürfnisse in der Kindheit stehen: (1) Fehlende Sicherheit und Zurückweisung, (2) Beeinträchtigungen im Umgang mit Begrenzungen, (3) Fremdbezogenheit, (4) übertriebene Wachsamkeit oder (5) Gehemmtheit. War es also aus irgendeinem Grund bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder waren die Befürchtungen zu groß, es sei zu egoistisch, zu belastend oder sehr beängstigend, sich mit den entsprechenden Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass die schmerzvollen Empfindungen aus Gründen des Schutzes vom eigenen Erleben abgespalten und die mit ihnen verbundenen Bedürfnisse womöglich dauerhaft ausgeblendet bzw. vernachlässigt werden. Der Schlüssel zur Überwindung derartiger Entwicklungsblockaden liegt nun vor allem in der Erweiterung der Bewusstheit (“awareness”), also – gestalttherapeutisch formuliert – in der Ausbildung der „sinnlichen Reflexivität“ sowie einer sich ihr anschließenden bewussten Übernahme von Verantwortung für das eigene Verhalten.

Wie ich wurde, was ich bin“

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In diesem Zusammenhang ist es auch nachvollziehbar, dass bereits vereinzelte (ebenso wie sich stetig wiederholende) Erfahrungen die Entwicklung eines Individuums prägen und entsprechend nachhaltige Auswirkungen haben können, Gerhard Zarbock spricht hier von sogenannten „Schlüsselerlebnissen“, d.h. von relevanten biographischen Erinnerungen, „die für die Biographie eine herausragende oder einschneidende Bedeutung haben oder [die] lang andauernde positive oder negative Lebenssituationen exemplarisch bzw. stellvertretend prägnant veranschaulichen […]“ (S. 230).

Identität wird diesem Pfeiler zufolge also durch die Identifikation mit irgendeinem Dritten gestiftet. „Diese Dritten können bewusste oder unbewusste Glaubenssätze, Ziele, gesellschaftliche Institutionen, soziale Regeln, wiederkehrende Stimmungen (die sogenannten Modi der Schematherapie), andere Menschen („meine Familie“) oder zentrale prägende Erinnerungen und Erfahrungen sein“ (S. 230).

Pfeiler 5: Selbst-Einbindung in die Umwelt

  • (Ungewusste) Identifikation mit der individuellen Umwelt

Die Frage nach der Identität impliziert diesem Pfeiler zufolge „die Frage nach der Funktionalität einer Identifizierung (z.B. mit einem Selbstkonzept, wichtigen Glaubenssätzen und Grundannahmen) in der sozial relevanten Umwelt (externale Funktionalität) und der seelischen Innenwelt (internale Funktionalität) des Individuums“ (S. 232).

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Funktional ist eine Identifizierung übrigens dann, wenn sie für das Wohlbefinden sowie die seelische Gesundheit eines Individuums förderlich ist bzw. wenn sie sich positiv auf die Interaktion mit dessen sozialer Umwelt auswirkt. Tut sie das nicht, wird sie als „dysfunktional“ angesehen und kann im Rahmen eines sokratischen Dialogs bspw. durch Fragen nach empirischen Beweisen und der logischen Konsistenz des Denkens, nach einer realistischen Neubewertung künftiger Situationen und Ereignisse oder solchen, die hilfreich dabei sind, den hedonistischen Wert von Bewertungen einzuschätzen, modifiziert werden. Grundsätzlich geht es in einer Therapie also darum, jene Einstellungen bzw. Gedanken zu betrachten und ggf. zu verändern, mit denen sich die Betroffenen selbst im Weg stehen.

Fazit

Zusammenfassend könnte man also sagen, dass Achtsamkeit, Metakognitionen, Selbstgespräche und Tagträume, Bewusstseinsinhalte und die Identifikation mit der individuellen Umwelt sich als die (zentralen) Bausteine unserer Identität auffassen lassen. Konzentriert man sich im Rahmen einer „Identitätsarbeit“ lediglich auf einen oder wenige dieser Pfeiler, kann das dazu führen, dass man bei einem solchen Vorgehen die Komplexität der menschlichen Persönlichkeit nicht hinreichend berücksichtigt. Auf die eingangs formulierte Frage („Wer bzw. wie bin ich?“) scheint es folglich keine einfache Antwort zu geben, so wünschenswert das auch sicher ist. Nicht ohne Grund ist „Identität“ schließlich eines der Kernthemen in der modernen Psychotherapie.

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Literaturangaben:

  • Zarbock, Gerhard (2012). Das Konzept Identität in der Verhaltenstherapie- In: Hilarion G. Petzold (Hrsg.). „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Faßbinder, Eva, Schweiger, Ulrich & Jacob, Gitta (2011). Therapie-Tools: Schematherapie. Beltz Verlag.

Quellen aus dem Literaturverzeichnis (Petzold 2012):

  • Lazarus, Richard S. (1991). Emotion & Adaption. Oxford University Press.
  • Kabat-Zinn, Jon (1995). Gesund durch Mediation. O. W. Barth.
  • Roedinger, E. (2009). Was ist Schematherapie? Jungfermann.
  • Wells, A. (2009). Metacognitive Therapy for Anxiety and Depression. Guilford.

Wer bin ich?

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Die Suche nach der eigenen Identität ist für viele Menschen ein zentrales Thema – nicht nur in der Pubertät. Doch lässt sie sich überhaupt definieren? Ist nicht jeder Versuch, sich selbst bzw. den Kern der eigenen Persönlichkeit zu beschreiben bzw. zu benennen, nur ein temporäres Konstrukt, das sich aus der momentanen Selbstwahrnehmung ableitet? Verändern wir uns ständig oder gibt es Konstanten in unserem Wesenskern? Lassen sich Individuen tatsächlich in „Persönlichkeitstypen“ kategorisieren, oder basieren derlei Vorstellungen lediglich auf Simplifizierungen? Ist nicht jede (Selbst-)Definition abhängig von der Perspektive, aus der heraus sie konstruiert wird?

Der Persönlichkeitspsychologie hat es noch nie an theoretischen Konstrukten gemangelt: Begriffe wie Motive, Eigenschaften, Werte, Wünsche, Einstellungen, Ziele, Überzeugungen, Schemata und Bedürfnisse sind Beispiele der konzeptionellen Einheiten, die in dem Vorhaben, die menschliche Persönlichkeit zu verstehen, untersucht wurden. In der Persönlichkeitspsychologie, in der es nach Schneewind (1996) um die Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung des individuellen Erlebens und Verhaltens geht, herrschte lange Zeit der “Trait”-Ansatz vor, der mit der Entwicklung der sogenannten “Big Five” nochmals Aufwind bekam. Kritik wurde dieser Herangehensweise deswegen entgegengebracht, weil sich Eigenschaften relativ schlecht dazu eigneten, Verhalten vorherzusagen. Asendorpf (1996) weist in diesem Zusammenhang auf Phänomene wie die transsituative Inkonsistenz von Verhalten oder die mangelnde Reaktionskohärenz hin. Ein weiterer Mangel bestehe in der dürftigen Korrelation der Trait-Indikatoren untereinander. Eigenschaften sind also lediglich beschreibende Einheiten, die auf wiederholtem und gewohnheitsmäßigem Handeln beruhen, während Motive gerichtetes Verhalten erklären sollen.

In dem Buch „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven“ von Prof. Hilarion G. Petzold wurde ich auf das folgende Zitat (S. 79 f.) aufmerksam:

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht bei der Identität eigentlich immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven „Innen“ und dem gesellschaftlichen „Außen“, also zur Produktion einer individuellen sozialen Verortung. […] Die universelle Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als „Mängelwesen“ bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Selbstbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptablere Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und äußeren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar. Sie soll einerseits das unverwechselbare Individuelle, aber auch das soziale Akzeptable darstellbar machen. Insofern stellt sie immer eine Kompromissbildung zwischen „Eigensinn“ und Anpassung dar, insofern ist der Identitätsdiskurs immer auch mit Bedeutungsvarianten von Autonomiebestrebungen (z. B. Nunner-Winkler 1983) und Unterwerfung (so Adorno oder Foucault) assoziiert, aber erst in der dialektischen Verknüpfung von Autonomie bzw. Unterwerfung mit den jeweils verfügbaren Kontexten sozialer Anerkennung entsteht ein konzeptuell ausreichender Rahmen.

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Unterwerfung (mir gefällt in diesem Zusammenhang der Begriff „Anpassung“ besser) lässt sich auf verschiedene Bedürfnisse zurückführen, die nicht selten in Konkurrenz zueinander stehen: Ich-Bedürfnisse versus sozialer Bedürfnisse (bspw. nach Zugehörigkeit). Sich die Frage zu stellen, wer oder wie man denn nun sei, mag zwar in bestimmten Kontexten sinnvoll sein, grundsätzlich lässt sich aber wohl kaum eine endgültige Antwort darauf finden. Die Ergebnisse von Persönlichkeitstests könnte man demzufolge also als „vorläufige Bestandsaufnahmen“ betrachten, die sich im Laufe der Jahre (mehr oder weniger) verändern können. Sie bieten lediglich Heuristiken an, die uns dabei helfen, uns Menschen irgendwie voneinander zu unterscheiden. Persönlich bevorzuge ich es deshalb, mich an dem humanistischen Ideal zu orientieren: „Sei Du selbst und werde, der Du bist.“ Übersetzen könnte man dies mit: „Achte auf Deine Bedürfnisse (ansonsten wirst Du Dir selbst fremd) und entwickle Dein Potenzial (also das, was bereits in Dir steckt).“ Gelingen kann das allerdings am ehesten dann, wenn man dabei nicht nur sich selbst, sondern auch sein soziales Umfeld im Blick hat.

Individualität bzw. Identität muss man sich nicht erarbeiten oder „antrainieren“. Sie ist uns bereits von Natur aus mitgegeben. Vergleichen wir uns mit anderen oder versuchen, uns mittels eines Tests besser zu erkennen, kann das zwar zu neuen Einsichten führen, niemals aber zu einem vollständigen Bild unserer Persönlichkeit. Manchmal ist es deshalb vielleicht besser, sich (wenigstens ein Stück weit) davon zu befreien. Man könnte also auch sagen: Wir sind, wer wir sind. Machen wir doch einfach das Beste daraus.

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Literaturhinweise:

  • Asendorpf, J. B. (1996). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Springer.
  • Petzold, Hilarion G. Petzold (Hrsg.) (2012). Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften – Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.
  • Schneewind, K. A. (1996). Persönlichkeitstheorien. Darmstadt: Primus Verlag.