Botschaften aus dem Morast alter Beziehungsmuster

„Als ich Ihnen gerade zuhörte, habe ich plötzlich keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Es erschien mir fast so, als würde ich Ihre Ratlosigkeit nun selbst spüren, als hätten Sie mich irgendwie damit angesteckt.“

In meinen Seminaren kommt es gelegentlich vor, dass ich mit Fragen konfrontiert werde, die mich dazu veranlassen, mich in das ein oder andere Thema nochmals einzulesen. Als ich mir das “Handbuch Schlüsselkonzepte im Coaching” von Siegfried Greif, Heidi Möller und Wolfgang Scholl besorgte, hatte ich die Hoffnung, dass es mir in solchen Fällen vielleicht dabei hilft, mühsame und langwierige Recherchen in der Zukunft etwas abkürzen zu können. Das habe ich nun an einem konkreten Beispiel getestet: Vor wenigen Wochen wurde ich nämlich mal gefragt, ob es sich bei einer Gegenübertragung nicht lediglich um eine verzerrte Wahrnehmung handelt, bei der eigene Anteile und Erfahrungen des Therapeuten aktiviert und daraufhin dem Interaktionspartner zugeschrieben werden, also um eine Art “Restneurose”, die auf eine gewisse Unreife oder zumindest auf eine unzureichende Reflektiertheit hinweist? Ich sagte, das sei natürlich nicht so. Mit meiner Begründung war ich im Nachhinein aber etwas unzufrieden. Deshalb habe ich sie jetzt einmal mit Hilfe des o. g. Buches ausformuliert.

Projektion, Übertragung und Gegenübertragung

Im Folgenden werde ich das Phänomen der Gegenübertragung zunächst von zwei anderen Konstrukten abgrenzen, die in der zwischenmenschlichen Interaktion ebenfalls von zentraler Bedeutung sein können und die (zumindest) augenscheinlich eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, nämlich von der Projektion sowie von der Übertragung. Beide lassen sich recht gut vergleichen mit einem Schleier, der die mentale Wirklichkeit (ver-)formt.

Manfred Evertz

Sei und tue nicht, was ich nicht sein oder tun würde!

Was ist eine Projektion? Wahrscheinlich haben wir alle irgendwelche Facetten in unserer Persönlichkeit, die nicht mit unserem Ideal-Selbst korrespondieren, oder Wünsche, die wir uns nicht zu- oder eingestehen mögen. Das kann dazu führen, dass die entsprechenden Persönlichkeitsanteile, Bedürfnisse, Sehnsüchte etc. vom eigenen Erleben – so gut es geht – abgespalten werden. Wirkt das Verdrängte jedoch im Unbewussten weiter, kann das in der Begegnung mit anderen Menschen dazu führen, dass man es in ihnen erkennt bzw. zu erkennen glaubt. Wie sehr sich der Blick des Projizierenden dabei auf die Projektion verengt, hängt – so lässt es sich m. E. vermuten – vor allem vom Ausmaß des seelischen Konflikts ab. Im Grunde genommen setzt man sich in einem solchen Fall zwar mit sich selbst auseinander, wählt hierfür aber einen Nebenkriegsschauplatz. Der eigentlich im Inneren des Projizierenden liegende Konflikt wird also ausgelagert und ggf. im Außen ausgetragen. In jenen Augenblicken, in denen wir selbst projizieren oder auf eine unserer Projektionen reagieren, bemerken wir es in der Regel natürlich nicht. Eine unverhältnismäßig emotionale Reaktion auf eine andere Person, auf das, was jemand sagt, oder auf ein bestimmtes Verhalten, wäre aber möglicherweise ein Indiz.

In dem Kapitel „Individuelle und kollektive Abwehrmechanismen im Coaching“ (S. 259) aus dem „Handbuch Schlüsselkonzepte im Coaching“ erläutert Prof. Dr. Heidi Möller präziser, was damit gemeint ist: „In der Projektion verlagert ein Individuum eigene intrapsychische Konflikte, aber auch Affekte, Fantasien, Handlungsimpulse und Wünsche in andere Objekte. Dies können Menschen, Gruppen, Tiere, Organisationen et cetera sein. Beispiel: Mit dem Eindruck Alle haben was gegen mich werden eigene ablehnende Haltungen anderen zugeschoben.“

Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Hatte ich bspw. in der Grundschulzeit einen autoritären Lehrer, der mich bei jeder Gelegenheit vor der gesamten Klasse bloßstellte, reagiere ich heute vielleicht besonders ängstlich, wenn ich Menschen begegne, die ähnlich resolut auftreten, da ich die Erwartung habe, diese würden sich auch so verhalten und nur auf eine Gelegenheit warten, in der sie mich kompromittieren können.

Bei einer Übertragung erkennt man einem anderen Menschen etwas, das einem vertraut zu sein scheint, und reagiert in etwa so darauf, wie man es damals auch getan hat. Sigmund Freud beobachtete bei einigen seiner Patientinnen, dass sie ihm gegenüber im Verlauf der Therapie unangemessen intensive Gefühle von Liebe oder Hass entwickelten. Er betrachtete diese Gefühlsregungen als eine Art Neuauflage von Emotionen und Fantasien, wobei innere Vorgänge, die aus einer früheren, oft sogar frühkindlichen Beziehung resultieren, von dem einen Interaktionspartner gegenüber einem neuen Interaktionspartner wiederbelebt werden. So beschreibt es jedenfalls Dr. Astrid Schreyögg in dem Kapitel „Übertragung und Gegenübertragung in ihrer Bedeutung fürs Coaching“ aus dem o. g. Buch auf Seite 614. „Was historisch zunächst als problematischer Nebeneffekt therapeutischer Behandlung beschrieben wurde, nutzte Freud als entscheidendes Agens von Psychotherapie. Er enwickelte nämlich eine paradoxe Strategie: Das “pathologische” Beziehungsangebot, das sich in einer Übertragungsneurose offenbart, kann dazu verhelfen, dass Ursprungsgefühle gegenüber früheren Beziehungspartnern im therapeutischen Setting wieder erlebbar, dem Bewusstsein zugänglich und dadurch in ihren Auswirkungen auf heutige Reaktionsmuster modifizierbar werden.

Resonanz und Deutungskompetenz

So weit, so gut. Was ist nun aber eine Gegenübertragung? Die Freud’sche Psychoanalyse ging wohl zunächst davon aus, dass es sich dabei vornehmlich um unverarbeitete Konflikte handelt, die ein Analytiker im Rahmen einer Lehranalyse zunächst auflösen sollte, um sich von der Gegenübertragungsbereitschaft zu befreien. Auch der Psychoanalytiker Prof. Dr. Dieter Beckmann erkannte diesen Aspekt, den er als „Restneurose“ bezeichnete. Gemeint hat er damit „gewohnheitsmäßige, persönlichkeitsspezifische Gefühlsreaktionen des Analytikers auf bestimmte Klienten, Klientengruppen usw.“ (S. 616), die im Grunde genommen vollkommen normale menschliche Reaktionen sind. Allerdings benannte er noch zwei weitere Faktorengruppen von Gegenübertragungen, nämlich das „einfühlende Verstehen“, das dem Analytiker dazu dient, die ihm vom Klienten zugeschriebenen Rollenerwartungen gefühlsmäßig aufzunehmen, um sie analysieren und deuten zu können, sowie „die einfachen emotionalen Reaktionen auf den Patienten, die [dieser] als Mensch in ihm aktiviert“ (S. 617). Populärer scheint aber das Verständnis von Prof. Dr. Otto F. Kernberg zu sein, der in ihr „die Gesamtheit aller emotionalen Reaktionen des Analytikers auf den Patienten in der Behandlungssituation“ (S. 617) erkannte, die bewussten sowie die unbewussten, die neben den realitätsrelevanten Bedürfnissen manchmal eben auch neurotische Strebungen beeinhalten können.

Damit wäre die eingangs gestellte Frage (zumindest für mich) hinreichend beantwortet. Die Erläuterungen in dem Kapitel von Dr. Astrid Schreyögg sind zwar ausführlicher und auch differenzierter, als „kognitiver Geizhals“ komme ich aber mit dieser verkürzten Argumentation künftig wohl auch schon ganz gut zurecht. Eine wunderbare Erläuterung finden Sie übrigens auch in dem Artikel “Was ist Übertragung und Gegenübertragung?” auf der Webseite des Psychologischen Psychotherapeuten Werner Eberwein.

Quelle:

Siegfried Greif, Heidi Möller, Wolfgang Scholl (Hrsg.). Handbuch Schlüsselkonzepte im Coaching“. Springer-Verlag GmbH, 2018.

  • Astrid Schreyögg: Übetragung und Gegenübertragung in ihrer Bedeutung fürs Coaching.
  • Heidi Möller: Individuelle und kollektive Abwehrmechanismen im Coaching.

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