Die Zähmung unliebsamer Persönlichkeitsanteile

Vor Kurzem habe ich in einem Video eine Methode vorgestellt, die m. E. äußerst hilfreich dabei sein kann, unliebsame Persönlichkeitsanteile zu “zähmen”:

Nachdem ich das veröffentlicht hatte, erreichte mich eine E-Mail, in der ich von einem guten Freund gefragt wurde, was ich denn mit jenem „phantastischen Bedürfnis“ meine, über das ich in diesem Video spreche? Nun, aufgrund dessen, dass ich meinen ursprünglichen Monolog erheblich gekürzt habe, sind wohl auch wesentliche Informationen verloren gegangen, die hilfreich gewesen wären, um das, was ich damit zum Ausdruck bringen wollte, gut verstehen zu können.

Gibt es Facetten der eigenen Persönlichkeit, die zwar im hohen Maße charakteristisch für einen sind, die allerdings immer wieder zu Konflikten führen, ist es sinnvoll, sich mit ihnen zu befassen, um sie gut integrieren zu können. Dafür sollten sie zunächst verbalisiert werden. Das möchte ich hier mal am Beispiel eines Persönlichkeitsanteils tun, der mir in meinem Leben schon enorme Probleme bereitet hat. Obwohl es mir noch immer nicht leicht fällt, möchte ich hier nun versuchen, ihn zu beschreiben. Anschließend erläutere ich die Methode, mit der eine funktionale Integration gelingen kann.

Nach meiner Geburt bin ich direkt in ein Kleinkinderheim gekommen, wo ich die ersten 1,5 Jahre meines Lebens verbracht habe. Leider weiß ich über diese Zeit überhaupt nichts. Es könnte also sein, dass ich in dieser Zeit keine feste Bezugsperson hatte, oder dass ich eine hatte, von der ich dann mit 1,5 Jahren wieder getrennt wurde, als ich zu meinen (späteren) Adoptiveltern kam. Wie dem auch sei, eine wirklich sichere Bindungserfahrung habe ich damals wohl nicht machen können. Da ich mit meinen Adptiveltern – zumindest soweit ich mich erinnere – auch nie eine enge emotionale Beziehung aufbauen konnte, und sie mir im Laufe meiner Kindheit häufiger sagten, sie hätten mehrfach darüber nachgedacht, mich wieder ins Heim zurückzubringen, muss ich wohl eine Strategie entwickelt haben, irgendwo den Halt zu finden, den ich vermutlich brauchte. Die ersten Erinnerungen daran, wie ich das tat, beginnen schon im Alter von 4 Jahren, wobei mir damals natürlich überhaupt nicht klar war, was und warum ich das auf diese Weise tat. Es war auch nur ein Gedanke, also – wie ich in dem Video sage – kein Narrativ: „Was wäre wenn mich anderen Leuten adoptieren?“ Da ich schon immer wusste, dass ich nicht der richtige Sohn meiner Eltern war, erschien mir diese Vorstellung, eines Tages von anderen adoptiert zu werden, nicht so befremdlich, wie er es vielleicht für andere Kinder gewesen wäre. Im Gegenteil: Sie hatte eine so emotionale Sogwirkung, dass ich sie nicht mehr loswurde.

Mit Beginn meiner Pubertät eskalierte der (innere) Konflikt dann und verselbständigte sich insofern, dass ich diesen Gedanken zwar (vom Kopf her) abschütteln wollte, es aber (vom Gefühl her) nicht mehr konnte. Die Beziehung zu meinen (Adoptiv-)Eltern verschlechterte sich nun rapide, während die Sogwirkung dieses Gedankens immer stärker wurde. Das ging letztendlich soweit, dass ich zurückblickend tatsächlich sagen würde, dieser Anteil in mir, der diese Sehnsucht nach „sicherer Geborgenheit“ hatte und Möglichkeiten suchte, genau diese Art von Halt zu finden, hat sich im Laufe meiner Pubertät zu etwas erhoben, was Friedemann Schulz von Thun wohl eine graue Eminenz der Persönlichkeit nennen würde.

Diese kindliche Sehnsucht bzw. das unerfüllte Bedürfnis wurde also offensichtlich zu einer Bedürftigkeit, mit der ich mich auseinandersetzen musste, was ich auch immer wieder tat. Einen wirklich guten Umgang damit, der von Dauer gewesen wäre, habe ich allerdings über viele Jahre nicht hinbekommen. Ab einem gewissen Alter war das jedoch kein allzu großes Problem mehr, da ich mich damit arrangieren konnte, Halt in diesem Gedanken zu finden, auf der anderen Seite aber wohl glücklicherweise noch genügend „gesunde Anteile“ in mir hatte, die mich davor schützten, mich der damit verbundenen Sehnsucht vollkommen auszuliefern.

Das Konzept der Persönlichkeitsstile von Julius Kuhl hat mir nach langem Suchen eine – wie ich finde – äußerst plausible Erklärung für jenen inneren Konflikt an die Hand gegeben, den ich Zeit meines Lebens in mir erlebte. Zum Glück bin ich weit davon entfernt, so etwas wie eine Persönlichkeitsstörung entwickelt zu haben. Allerdings hätte das damals auch anders ausgehen können. „Gerettet“ hat mich vermutlich die (frühe) Erkenntnis, dass es immer gut ist, sich den eigenen Ängsten zu stellen bzw. sich ihnen auszusetzen, damit sie ihre Bedrohlichkeit verlieren. Diese Strategie hilft mir – obwohl ich vielleicht manchmal dazu neige, sie in übertriebener Weise anzuwenden – bis heute. Deshalb habe ich mich wahrscheinlich gestern auch dazu hinreißen lassen, dieses Video aufzunehmen und über dieses Thema zu sprechen.

Der grauen Eminenz, die ich in dem Monolog erwähne, habe ich den Namen „Pinocchio“ gegeben. Das ist gewiss erklärungsbedürftig. Ich verbinde mit Pinocchio eine Holzpuppe, die eines Tages erkennt, dass sie kein richtiger Junge ist und die sich deshalb mit dem Ziel auf den Weg macht, die blaue Fee zu finden, die ihn in einen solchen verwandeln kann. Obwohl das Unterfangen absolut hoffnungslos ist, ist Pinocchio der Sogwirkung dieser Vorstellung mehr oder weniger ausgeliefert, was nicht ohne Folgen bleibt. Diese Metapher hat mir dabei geholfen, einen anderen Blick auf das zu bekommen, was da in mir vorgegangen ist. Während meiner Kindheit war es eine gute Strategie, mir einen solchen Gedanken vor Augen zu halten, da er mir Halt geboten hat, den ich damals wohl anders nicht finden konnte.

Am vergangenen Wochenende ist es mir nun zum ersten Mal gelungen, im Rahmen eines Workshops so offen darüber zu sprechen, als wäre es die normalste Sache der Welt. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich die Strategie, die Tom Diesbrock für den Umgang mit dem inneren Kritiker vorschlägt, auch für meinen „Pinocchio“ anwenden lässt. Das hätte mir zwar eigentlich schon längst klar sein müssen, aber gut… Besser spät als nie.

Die Methode ist zwar trivial, aber m. E. äußerst hilfreich:

  1. Verstehen: Was macht diesen Anteil aus? Warum ist er entstanden? Wie hat er sich entwickelt? Warum hat er es auf diese Weise getan? Was will er?
  2. Akzeptieren: Das Modell des Inneren Teams von Friedemann Schulz von Thun hilft dabei, inneren Anteilen eine Gestalt zu geben, um mit ihnen in einen Dialog zu kommen. Das Alter, in dem man war, als die betreffenden Anteile zum ersten Mal in einem auftauchten, spielt dabei m. E. eine zentrale Rolle: Welche Möglichkeiten hatte ich damals? Warum habe ich mich seinerzeit für eine bestimmte „(Überlebens-)Strategie“ entschieden?
  3. Würdigen: Jeder Persönlichkeitsstil (also auch diese Vorstellung) dient der Umsetzung bestimmter Motive oder der Befriedigung gewisser Bedürfnisse. „Pinocchio“ ging es vermutlich um das Finden von Halt, also darum, irgendwie in einer absolut unsicheren Welt überleben zu können. Dafür war er damals im hohen Maße nützlich bzw. funktional.
  4. Integrieren: Heute habe ich im Vergleich zu meiner Kindheit andere Möglichkeiten, für mich zu sorgen und Halt zu finden. Das innere Kind in mir versucht allerdings noch immer, genau das zu tun, was damals funktioniert hat. Das ist eine Art Automatismus, dem ich allerdings nicht ausgeliefert bin. Erkenne ich seine Funktion, dann kann ich diesen „Reflex“ würdigen, aber dann auch Alternativen vorschlagen, die mir als Erwachsener zur Verfügung stehen. Metaphorisch ausgedrückt: Ich nehme den kleinen Pinocchio an die Hand und zeige ihm, wie man das als Erwachsener macht. Julius Kuhl würde dazu sagen: Wir können lernen, unsere emotionale Erstreaktion wahrzunehmen, und uns daraufhin selbst regulieren, d. h. eine emotionale Zweitreaktion zu etablieren.

Meinen inneren Kritker, der m. E. mit dem selbstkritischen Stil korrespondiert, habe ich schon vor einigen Jahren ganz gut integrieren können. Die inneren Konflikte, die ich wegen dieses Anteils hatte, sind seither tatsächlich kaum noch spürbar. Das hat mich damals überrascht, weil ich bis dahin schon sehr viel ausprobiert hatte, aber mit keiner der vielen Strategien erfolgreich war. Ich gehe deshalb davon aus, dass mir das nun auch mit meinem “Pinocchio” gelingen wird. Immerhin bin ich heute in der Lage, über ihn zu sprechen bzw. zu schreiben. Das wäre noch vor wenigen Monaten unvorstellbar gewesen. Dafür, dass ich das öffentlich mache, möchte ich Sie um Verzeihung bitten. Es ist schließlich nicht meine Absicht, Sie mit meinen persönlichen Themen zu belästigen. Ich habe mich dennoch dafür entschieden, weil ich davon überzeugt bin, dass es wichtig ist, sich – insbesondere als Psychologe – seinen eigenen inneren Konflikten offensiv zu stellen. Nur so lassen sich sich letztendlich auflösen. Diese Erfahrung haben Sie vielleicht auch schon machen dürfen?

Herzliche Grüße, Rainer Müller

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