Psychologische Studien über die Auswirkungen der Pandemie

Es wird zurzeit in Deutschland und überall auf der Welt ausgiebig erforscht, wie sich die aktuelle Krise auf unser psychisches Wohlbefinden auswirkt. Erste Ergebnisse liegen bereits vor. Im Folgenden stelle ich einige dieser Studien kurz vor:

1. Psychisches Wachstum in der Krise?

Eine Blitzumfrage unter mehr als 1.200 Personen, die Prof. Dr. Nico Rose von der International School of Management (ISM) in Dortmund Anfang April durchgeführt hat, […] legt […] nahe, dass viele Menschen im Angesicht der Herausforderungen eine Art psychisches Wachstum erfahren. […] Etwa 70 Prozent der Personen in der Studie beobachten bei sich mindestens ein paar Anzeichen von Wachstum, lediglich bei 30 Prozent ist das aktuell nicht der Fall.

Aktuell machen sich die Menschen deutlich mehr Sorgen als vor der Krise, sie sind weniger fröhlich und gelassen. […]. Die Menschen bemerken [außerdem], dass sie mit großen Problemen fertig werden, investieren mehr Energie in enge Beziehungen und gewinnen mehr Klarheit zur Frage, was wirklich wichtig ist im Leben. Die Ergebnisse der Umfrage deuten außerdem darauf hin, dass Menschen mehr Mitgefühl entwickeln und hilfsbereiter werden […].

Das Empfinden von mehr Dankbarkeit wiederum ist mit weitem Abstand jener Faktor, der das Erleben von Wachstum und resilientem Verhalten am besten vorhersagt. [Auch] Menschen mit einem tendenziell höheren Einkommen und einer längeren Bildungshistorie berichten im Mittel von etwas mehr Anzeichen des Wachstums. Statistisch betrachtet steht der Einfluss dieser Faktoren jedoch deutlich hinter dem Kultivieren von Dankbarkeit zurück.

Allerdings [ist diese Studie] nicht repräsentativ, sondern bildet den tendenziell gut ausgebildeten und monetär stabilen Teil der deutschen Bevölkerung ab.

Quelle: https://idw-online.de/de/news744218

Hier finden Sie weitere Ergebnisse aus dieser Studie: https://nicorose.de/2020/04/05/studie-mit-1-200-teilnehmern-zu-den-psychologischen-auswirkungen-der-corona-krise/

2. Copsy-Studie (Corona und Psyche)

Im Rahmen dieser Studie wurden vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) zwischen dem 26. Mai und 10. Juni über 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1.500 Eltern online befragt. Projektleiterin Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer berichtet, dass die meisten Kinder und Jugendlichen sich belastet fühlten (71%), sie sich vermehrt Sorgen machten, weniger auf ihre Gesundheit achteten und sich über häufigen Streit in der Familie beklagten. Bei jedem zweiten Kind habe zudem das Verhältnis zu Freunden/-innen durch den mangelnden Kontakt gelitten. 2/3 gaben an, dass sich ihre Lebensqualität sowie ihr Wohlbefinden verschlechtert habe. Betroffen davon waren vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien.

Quelle: https://www.rnd.de/gesundheit/uke-studie-kinder-leiden-starker-als-angenommen-unter-corona-3H67YXPOCIJDHUMGPKQGJFDAPA.html

3. Monitoring von Wissen, Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen während des aktuellen COVID-19 Ausbruchsgeschehens

In diesem Gemeinschaftsprojekt der Universität Erfurt (UE), des Robert Koch-Instituts (RKI), der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), des Leibniz-Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), des Science Media Centers (SMC), vom Bernhard Nocht Institute for Tropical Medicine (BNITM) sowie vom Yale Institute for Global Health (YIGH) zeigte sich in der Analyse der 18. und 19. Datenerhebung (04.08.-05.08.20 und 18.08.-19.08.2020) bei den 957 Befragten Folgendes:

  • Die Risikowahrnehmung und Akzeptanz der Maßnahmen steigen im Vergleich zu den vorangegangenen Erhebungswellen leicht an. 22% halten es für wahrscheinlich, dass sie sich mit dem Coronavirus infizieren. Auch das gefühlte Risiko steigt entsprechend.
  • Masken werden von 87% der Befragten häufig oder immer getragen, wobei der Trend erstmalig seit Einführung der Maskenpflicht leicht rückläufig ist. 85% halten 1,5m Abstand, 83% waschen sich 20 Sekunden die Hände. Personen, die die Maßnahmen übertrieben finden, halten sich der Erhebung zufolge deutlich seltener an die Maßnahmen als alle anderen.
  • Bei der Einschätzung der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen und Lockerungen gibt es eine große Gruppe Zufriedener (57%) und zwei eher polarisierte „Lager“: 24% finden die Lockerungen (eher) übertrieben, während 18% die Maßnahmen für übertrieben halten (Rest: nicht kategorisierbar).
  • Jüngere unter 30 vermeiden v. a. seit den Lockerungen Anfang Mai deutlich seltener das Feiern und öffentliche Orte. Die Differenz zu den älteren Befragten beträgt hier bis zu 24 Prozentpunkte und die Veränderung im Vergleich zum Lockdown hat sich schneller vollzogen. Zusammen mit den Befunden, dass im gesamten Verlauf der Pandemie die Risikowahrnehmung der unter 30-Jährigen geringer war und den Unterschieden im Verhalten lässt sich interpretieren, dass die jüngere Personengruppe geltenden Regeln tendenziell genauso folgt (z. B. das Masketragen). Ist das Verhalten jedoch nicht mehr reguliert und sind die Einschränkungen freiwillig (z.B. Feiern ist wieder erlaubt), kann die geringere Risikowahrnehmung tendenziell ein erhöhtes Risikoverhalten zur Folge haben.
  • Die Sorgen um die Wirtschaftskraft bleiben stabil hoch. Die Befürchtung, dass die Corona-Pandemie die soziale Ungleichheit verstärkt, bleibt nach wie vor bestehen. Die Sorgen um ein überlastetes Gesundheitssystem steigen wieder an und sind derzeit wieder so hoch wie Mitte April.

Quelle: https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/cosmo-analysis.html

4. Alles anders?

In einer Studie der Universität des Saarlandes wurden über mehrere Monate hinweg Menschen aus der Region befragt, wie sie die Krise erlebt haben? In einem Beitrag aus der SR-Mediathek berichtet Dr. Dorota Reis über die ersten Zwischenergebnisse. Insbesondere zu Beginn der Pandemie wurde ihr zufolge vermehrt über Einsamkeit berichtet. Allerdings scheinen die meisten Menschen recht gut durch die Krise gekommen zu sein und haben sich auch in dieser Zeit mit ihren Freunden und Verwandten verbunden gefühlt. Viele Menschen ärgern sich jetzt allerdings vermehrt über jene, die mit ihrem Verhalten das Leben anderer gefährden.

Quelle: https://www.sr-mediathek.de/index.php?seite=7&id=91567

5. Weitere wissenschaftliche Studien

In der ARD-Audiothek spricht Dr. Annegret Wolf über die Ergebnisse verschiedener Studien aus dem Bereich der Psychologie:

  • Wie sehr hat uns Corona im Vergleich zu anderen extremen Ereignissen belastet?

Diese Online-Befragung wurde Ende März durchgeführt von der Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin in Zusammenarbeit mit forsa. Dabei ging es um die persönliche Risikowahrnehmung, die Einschätzung des sozialen Zusammenhalts und den Grad der Betroffenheit. Dabei haben sie zu 50% prosoziale (z. B. Solidarität) und 50% eher antisoziale Verhaltensweisen (z. B. Beschimpfungen, Rücksichtslosigkeit) im Alltag beobachtet. Im Vergleich zu anderen sogenannten Schadensereignissen (z. B. Naturkatastrophen) hat sich gezeigt, dass es insgesamt weniger prozoziale Verhaltensweisen gab. 15% der Befragten äußerten Existenzängste. 50%, also deutlich mehr als unter anderen Umständen, fühlten sich betroffen bzw. belastet. Viele Menschen fühlten sich eingeschränkt.

  • Wie gut funktioniert die Arbeit im Home-Office?

Das Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik FIT in Sankt Augustin befragte am 1. April 1.260 Menschen online: Wie wurde das Home-Office erlebt und wo gibt es Verbesserungspotenzial? Die meisten Befragten gaben an, dass sie mit dem Home-Office sehr zufrieden waren. Dieser Effekt fand sich jedoch nicht in der gleichen Stärke bei Menschen, die Kinder im Haushalt hatten. Allerdings vermissten die meisten den physischen Austausch bspw. mit Kollegen/-innen. Aus dieser Studie ließen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, was den Leuten tatsächlich wichtig (technische Ausstattung, Teammeetings, klare Trennung von Privatem und Beruflichem) ist im Home-Office, was gut und was weniger gut funktionierte. Interessant dabei war u. a., dass die Produktivität von der Mehrheit der Befragten als höher eingeschätzt wurde, wenn die Rahmenbedingungen stimmten.

  • Wie haben wir den „Lockdown“ gemeistert?

Die Bertelsmann Stiftung hat in Kooperation mit dem rheingold Institut 135 Probanden in tiefenpsychologischen Interviews befragt, wie sie die Krise erlebt haben. Dabei hat sich gezeigt, dass es zu einem Wertewandel kam, also zu einer stärkeren Priorisierung von Gesundheit, Sicherheit und Solidarität. Dafür waren die meisten bereit, ihren Freiheitsanspruch hintanzustellen. Hinsichtlich der Bewältigungsstile haben sich fünf Typen herauskristalisiert:

  1. die stabilen Krisenmanager, die nichts aus der Ruhe bringen kann,
  2. die kreativen Vergemeinschafter, denen soziale Kontakte wichtig sind, die sich die Regeln ein wenig zurechtbiegen und sich schnell anzupassen wissen,
  3. die tatkräftigen Optimisten, die hoffnungsvoll in die Zukunft schauen und dafür sorgen, dass der Alltag weiter funktioniert,
  4. die besorgten Schutzsuchenden, die viele Sorgen haben, empfindsam sind und zum Grübeln neigen, und
  5. die eigenmächtigen Aktivisten, die z. B. zu Hamsterkäufen neigten.
  • Ist die Gefahr für psychische Erkrankungen gestiegen?

Eine Studie mit 2.000 Teilnehmern/-innen der Privaten Fachhochschule Göttingen kam zu dem Ergebnis, dass das Risiko für psychische Störungen deutlich angestiegen ist, d. h. es haben sich bspw. bis zu fünfmal mehr depressive Symptome gezeigt als vor der Pandemie. Menschen mit einer Prädisposition bzw. mit einer psychischen Vorerkrankung waren von den in diesem Zusammenhang getroffenen Maßnahmen stärker betroffen. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde mit klinischen Messinstrumenten danach geschaut, wie die Situation sich insgesamt auf unser psychisches Wohlbefinden auswirkt und welche Schutz- bzw. Risikofaktoren dabei eine Rolle spielen.

Auch zahlreiche internationale Studien haben aufgezeigt, dass Depressivität, Stress- und Angsterleben sowie posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) in ihrer Häufigkeit deutlich zugenommen haben. Soziale Isolation, Quarantäne-Maßnahmen sowie Social Distancing“ haben sich bei vielen Menschen ungünstig auf die psychische Gesundheit ausgewirkt.

  • Wie haben die Menschen in Indien und China die Krise erlebt?

Im Rahmen einer Studie der University of Mumbai wurde danach gefragt, wie die Menschen die Zeit des „Lockdowns“ empfunden haben, wie ihre mentale Gesundheit dadurch beeinflusst wurde, ob sich das Stress- und Angsterleben verändert hat u. v. m.? Interessant dabei war, dass die Mehrheit der Probanden angab, dass sie sich durch die ergriffenen Maßnahmen kaum bis gar nicht beeinträchtigt fühlten. Die familiäre Situation wurde von vielen sogar als besser empfunden im Vergleich zu vorher.

Eine chinesische Studie hat sich explizit mit der Situation des medizinischen Personals (Ärzte/-innen, Krankenpfleger/-innen etc.) befasst und 1.250 Menschen befragt, von denen ca. 50% über depressive Symptome, 44% über Ängste und 34% über Schlaflosigkeit berichteten.

Quelle: https://www.ardaudiothek.de/corona-psychologie/fuenf-psychologische-corona-studien-die-man-kennen-sollte-psychologin-dr-annegret-wolf-stellt-sie-vor/76401888

6. Laufende Studien

Wenn Sie bei Google die Suchbegriffe “Psychologie”, “Studie” und “Corona” eingeben, werden Sie auf zahlreiche wissenschaftliche Studien aufmerksam gemacht, für die noch Probanden/-innen gesucht werden und an denen Sie sich beteiligen können.

Bild: Manfred Evertz

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