Victim blaming: Wie Opfer zu Tätern (gemacht) werden?

Täter-Opfer-Umkehr bzw. Opferbeschuldigung („victim blaming“) bedeutet, dass die Schuld für einen Übergriff beim Opfer selbst gesucht wird. Wie es dazu kommen kann, das möchte ich im Folgenden kurz erläutern:

Beispiel: Mobbing in der Arbeitswelt

Eigentlich sollten sich Führungskräfte für das Wohl aller Mitarbeitern/-innen gleichermaßen verantwortlich fühlen und sich im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht auch dafür einsetzen. Die meisten Interaktionen entziehen sich allerdings ihrem Blickfeld, so eben oftmals auch etwaige Mobbinghandlungen. Irgendwann bekommen die Vorgesetzten (wenn diese ursprünglich unbeteiligt sind) allmählich etwas von einem bestehenden Konflikt mit, sehen dabei aber vielleicht vor allem, dass die betroffenen Mitarbeiter/-innen (also diejenigen, die ausgegrenzt, belästigt oder schikaniert werden) sich zunehmend distanzierter und unfreundlicher verhalten bzw. sie sich nicht mehr so gut ins Team integrieren

Während die Betroffenen sich wahrscheinlich als Opfer ihrer Umstände betrachten und sich zu ihren Reaktionen durch ihr Umfeld genötigt sehen, werden die entsprechenden Verhaltensweisen von den Führungskräften häufig eher als solche wahrgenommen, die in deren Persönlichkeitsstruktur begründet liegen („Mitarbeiter/-in A ist schwierig.“). Die soziale Ausgrenzung durch die Kollegen/-innen wird somit vereinfacht als eine selbstverschuldete Isolation der Betroffenen betrachtet, zu der diese (bewusst oder unbewusst) durch ihr eigenes Verhalten beitragen. Da sich das Arbeitsklima im weiteren Verlauf des Mobbingprozesses zunehmend verschlechtert, kann dies die Führungskräfte dazu verleiten, den betroffenen Mitarbeitern/-innen die Verantwortung dafür zuzuschreiben bzw. in diesen die eigentlichen „Übeltäter/-innen“ zu sehen, zumal sich oftmals immer mehr Mitarbeiter/-innen auf die Seite der Täter/-innen stellen. Es liegt für die Führungskräfte also nahe, sich von den „schwierigen“ Mitarbeitern/-innen zu distanzieren bzw. Überlegungen anzustellen, wie man sich von ihnen trennen kann, damit das Team wieder „funktioniert“.

Bild: Manfred Evertz – www.manfred-evertz-art.com

Diese Wahrnehmungsverzerrung lässt sich durch die Figur-Grund-Problematik bzw. durch den sogenannten „fundamentalen Attributionsfehler“ erklären. Wenn wir einen anderen Menschen beobachten, neigen wir demzufolge dazu, die Ursachen für das Verhalten, das uns gezeigt wird, mit den Eigenschaften unseres Gegenübers in Verbindung zu bringen, anstatt es in Beziehung zur sozialen Situation (sprich: den Angriffen) zu setzen. Mutmaßungen über Charaktermängel sind die Folge und bahnen den Weg in die Stigmatisierung. Diejenigen, die sich verteidigen, sehen sich dagegen wohl selbst vornehmlich durch die situativen Umstände zu ihrem Verhalten veranlasst. Ihrer Selbstwahrnehmung zufolge reagieren sie also in erster Linie auf das, was ihnen gerade widerfährt. Inwiefern vorherige Geschehnisse (z. B. Kränkungen) diese Reaktionen vielleicht auch beeinflussen, ist für Außenstehende nicht unbedingt offensichtlich.

Zur Täter-Opfer-Umkehr kommt es ebenfalls häufig bei Sexualstraftaten oder Gewalttaten mit rassistischem Hintergrund. Seit geraumer Zeit wird über das Phänomen der “Opferbeschuldigung” übrigens auch im Zusammenhang mit narzisstischen Persönlichkeiten diskutiert.

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