Fragwürdige Selbstoffenbarungen

Vor Kurzem wurde ich von einem Kollegen gefragt, warum ich in den sozialen Netzwerken so viel von mir preisgebe und ob mir das nichts ausmache? So habe ich vor einiger Zeit auf meinem Facebook-Profil einen Text veröffentlicht, in dem ich über das Gefühl der Verbitterung berichtete, das ich intensiv erlebte, nachdem ich einen Konflikt hatte, den ich zunächst nicht klären wollte, da ich davon ausging, dass es mir in diesem speziellen Fall ohnehin nicht gelingen würde. Jetzt könnte man sich fragen, ob es für einen Psychologen angemessen oder überhaupt ratsam sei, über derartig intime Erlebnisse zu berichten? Nun, mir ging es in diesem kurzen Text darum, einen psychologischen Mechanismus aufzuzeigen, der mir in diesem Zusammenhang bewusst wurde. Wahrscheinlich spielte er sogar eine tragende Rolle bei der Entstehung meiner Depression, die ich bekam, als ich 17 Jahre alt war. Dass ich das, was da in mir vorging, nun in Worte fassen konnte, hat mich zunächst sehr überrascht und zugleich unglaublich fasziniert. Da ich davon ausging, dass das, was ich da bei mir selbst beobachtet habe, vielleicht auch andere Menschen betrifft, wollte ich es nicht für mich behalten. Es handelte sich also um eine Selbstoffenbarung, mit der ich zur Selbstreflexion und einer damit einhergehenden Verhaltensänderung anregen wollte. In meinem Fall habe ich jedenfalls das Gespräch gesucht. Darüber, wie es ausging, habe ich dann allerdings nicht berichtet.

Manfred Evertz – www.manfred-evertz-art.com

Warum tue ich so etwas? Mit den Beispielen, die aus dem (in diesem Fall „aus meinem“) Leben gegriffen sind, möchte ich es den Lesern/-innen erleichtern bzw. ermöglichen, meine manchmal sehr theorielastigen Texte (besser) zu verstehen. Warum ich in diesem Zusammenhang nicht über das schreibe, was mir im Rahmen meiner Beratungen oder Seminare berichtet wird, also über Fälle aus meiner Praxis, würde ich damit begründen, dass ich es für unprofessionell hielte, diese sensiblen Inhalte in die Öffentlichkeit zu tragen. Auch wenn ich sie anonymisieren bzw. verfremden würde, könnte das einen irreparablen Vertrauensverlust zur Folge haben. Oder würden Sie sich jemandem anvertrauen, der so etwas täte? Vermutlich nicht. Deshalb schreibe ich ggf. lieber über mich und meine Erfahrungen.

Sicher haben Sie schon einmal davon gehört, dass Psychotherapeuten/-innen nicht allzu viel über sich und ihr Privatleben sprechen sollten, da sie sich sonst nicht mehr in dem Maße als Projektionsfläche für die Patienten/-innen anbieten, was – den entsprechenden (tiefenpsychologischen bzw. psychoanalytischen) Behandlungsansätzen zufolge – eine zentrale Rolle in der therapeutischen Interaktion spielt, da auf diese Weise „alte“ Konflikte sowie die damit einhergehenden Gefühle aktualisiert und im geschützten Raum bearbeitet werden können. Deshalb sollten Selbstoffenbarungen seitens der Therapeuten/-innen – so würde Sigmund Freud wohl sagen – tunlichst vermieden werden. Humanistische Psychologen, wie bspw. Carl Rogers, befürworten sie hingegen, weil sie dazu beitragen können, die Beziehung zum Klienten bzw. zur Klienten zu verbessern. Man kann das also so oder so sehen. Nun, ich bin jedenfalls kein Tiefenpsychologe und auch kein Psychoanalytiker.

Mir ist es wichtig, den Menschen, mit denen ich kommuniziere, auf Augenhöhe zu begegnen. Dabei darf ich mich m. E. durchaus zeigen, solange es dem Prozess oder der Sache dient. Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich ein Gegenüber leichter und schneller öffnet, wenn ich es ebenfalls (im angemessenen Rahmen) tue, halte ich es für sinnvoll, hier und da auch meine persönlichen Erfahrungen zu thematisieren. Zudem hoffe ich, damit vielleicht etwas anstoßen zu können. Während ich mit Klienten/-innen spreche und mich mit ihren Problemen befasse, schaue ich deshalb eigentlich immer auch danach, ob ich selbst schon einmal eine vergleichbare Erfahrung gemacht oder ob ich den inneren Konflikt, um den es geht, nachvollziehen kann? Das tue ich übrigens auch, wenn ich irgendwelche Fachbücher lese, in denen psychologische Modelle oder Theorien dargestellt und erläutert werden. In den allermeisten Fällen finde ich bei mir eine – zumindest etwaige – Entsprechung.

Natürlich ist mir bewusst, dass sich nichts oder kaum etwas von dem, was ich bei mir erkannt habe (oder zu haben glaube), 1:1 auf einen anderen Menschen übertragen lässt. Dennoch verhilft mir diese Art der Selbstreflexion nahezu immer zu einem tieferen Verständnis dessen, was mir da begegnet oder zugetragen wird. Deshalb schreibe oder spreche ich auch darüber, wenn es mir zweckmäßig zu sein scheint: in meinem Blog recht häufig, in Seminaren gelegentlich, in der Einzelberatung hingegen eher selten. Auf die Frage, ob das gut ist, würde ich antworten, dass es dabei – wie bei (fast) allem – wohl auf die richtige Dosierung ankommt.

Diesen Text habe ich auf meinem Profil bei Facebook veröffentlicht und die Frage gestellt: Wie sehen Sie das? Daraufhin habe ich zahlreiche Antworten erhalten, die Sie hier finden und gern weiter diskutieren dürfen: https://www.facebook.com/rainer.muller.370515/posts/1184190638458555.

Herzliche Grüße, Rainer Müller

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.