Eifersucht und Trennungsangst – die “verbotenen” Gefühle

An diesem Wochenende stand bei mir wieder einmal das Thema „Emotionsregulation“ auf dem Stundenplan. Dabei habe ich mit einer Übung begonnen, in der es um den Umgang mit „schwierigen“ Gefühlen ging. Wir kennen sie alle, mögen sie aber eher nicht: Hass, Verachtung, Neid, Frustration, Niedergeschlagenheit etc. Interessant wurde es, als ich gestern gefragt wurde, wie es dazu kommen kann, dass einige Menschen bestimmte Emotionen aus ihrem Erleben abspalten? Dafür gibt es einige (entwicklungs-)psychologische Erklärungsmodelle, über die wir daraufhin sprachen.

In solchen Zusammenhängen habe ich mir übrigens angewöhnt, stets auch danach zu schauen, wie es bei mir selbst ist? Kenne ich das? Ja, es gibt tatsächlich ein Gefühl, das mir gänzlich unbekannt ist. Zwar habe ich es bei anderen schon mehrfach wahrgenommen, selbst aber – jedenfalls soweit ich mich erinnere – noch nie gespürt: die Eifersucht.

Warum ist das so? Nun, ich könnte das vielleicht damit begründen, dass es für mich – als ich noch ein Kind war – unvorstellbar gewesen wäre, bspw. mit meinem Bruder um die Liebe meiner Eltern zu konkurrieren. Auch in den wenigen Liebesbeziehungen, die ich im Laufe meines Lebens hatte, habe ich es niemals in Betracht gezogen, dass mir eine andere Person diese „wegnehmen“ oder streitig machen könnte. Verlassen wurde ich das ein oder andere Mal zwar auch, allerdings gab es dafür aus meiner Sicht ganz andere Gründe.

Auf den ersten Blick scheint es vorteilhaft zu sein, sich mit einen derartigen Gefühl nicht quälen zu müssen. Eifersucht kann schließlich zu einem Verhalten verleiten, mit dem man das Vertrauen seines Gegenübers untergräbt oder sogar zerstört. Ich habe in meinem Freundeskreis schon häufiger beobachtet, wie es ist, wenn ein Smartphone heimlich begutachtet wird und es daraufhin ein Gespräch über irgendwelche weiblichen Kontakte, verdächtige SMS oder fremde Telefonnummern gibt. Das endete nicht selten im Streit und manchmal sogar mit dem Aus einer Beziehung. Zumindest aber war das gegenseitige Vertrauen für eine Weile beschädigt.

Trotzdem könnte man sich die berechtigte Frage stellen, warum es Menschen gibt, denen das ein oder andere Gefühl so fremd ist, dass sie es scheinbar niemals gefühlt haben? Also überlegte ich mir, warum ich glaube, noch nie eifersüchtig gewesen zu sein? Ich denke, dass ich damals (als Kleinkind?) für mich vielleicht „entschieden“ habe (vgl. transaktionsanalytische Neuentscheidungstheorie, wikipedia.de), Eifersucht nicht spüren zu wollen, da ich, wenn ich sie erlebt und zu zeigen gewagt hätte, vermutlich zurück ins Kinderheim gebracht worden wäre. Diese Erklärung scheint mir jedenfalls sehr plausibel zu sein.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass laut der Auswertung eines Tests, der sogenannte maladaptive Schemata (vgl. Schematherapie, wikipedia.de) erfasst, die „Trennungsangst“ wohl ein zentrales Thema in meinem Leben ist. Zwar erinnere ich mich an eine einzige Situation aus meiner Kindheit, in der ich diese ganz intensiv gespürt habe, im weiteren Verlauf meines Lebens tauchte sie aber nie wieder auf. Warum sollte ich mich also heute damit beschäftigen? Oder gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Was geschieht eigentlich mit Gefühlen, die zur Grundausstattung eines Menschen gehören, wenn sie nicht erlebbar oder abgespalten sind? Sind sie dann einfach weg? Oder wirken sie aus dem Unbewussten weiter? Auch auf diese Frage suchte ich, weil sie mir gestern ebenfalls gestellt wurde, eine Antwort.

Deshalb überprüfte ich, wie das bei mir selbst ist? Einige Gefühlen, die man sich nicht eingesteht, projiziert man vielleicht auf andere, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das kenne ich auch von mir, habe aber inzwischen gelernt, etwaige Projektionen frühzeitig zu identifizieren und mich daraufhin auf eine angemessenere Weise mit ihnen zu befassen. Erfahren habe ich das in meiner eigenen Entwicklung zum Beispiel mit dem Neidgefühl oder mit der Selbstgerechtigkeit. Eifersucht habe ich wissentlich allerdings noch niemals jemandem unterstellt. Hier scheint es – jedenfalls bei mir – also anders zu sein. Aber wie?

Ich gehe davon aus, dass ich mich seit jeher schon bei den geringsten Anzeichen einer möglicherweise bevorstehenden Trennung oder Abweisung emotional aus einer Beziehung herausgezogen – d. h. mich umgehend getrennt – habe, um die Angst, verlassen zu werden, gar nicht erst ausstehen zu müssen. Inzwischen scheint es mir aus diesem Grund sogar fast unmöglich zu sein, mich überhaupt auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Ich denke, dass die Angst vor dieser existenziellen Bedrohung, die ich als Kind gespürt habe, ein wesentlicher Grund dafür ist. Jenen Persönlichkeitsanteil, der eifersüchtig werden könnte, habe ich also so gut im Griff, dass er sich nicht zu Wort melden kann. Die vermeintlichen Vorteile, über die ich weiter oben geschrieben habe, sind allerdings weniger vorteilhaft, als man vielleicht meinen könnte. Inwieweit diese einmal getroffene „Entscheidung“ (s. o.) weiterhin einen so nachhaltigen Einfluss auf mein Lebensskript haben wird, bleibt abzuwarten. Ich arbeite jedenfalls gerade daran, sie zu revidieren.

Wie ist das bei Ihnen? Kennen Sie wirklich alle Gefühle?

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