Mensch ärgere Dich nicht

Bringen Ihre Kunden, Kollegen oder Ihre Vorgesetzten Sie manchmal zur Weißglut oder schimpfen Sie häufig über andere Menschen? Nörgeln Sie an anderen herum, obwohl Sie merken, dass Ihnen das nicht gut tut? Leider können wir es uns nicht immer aussuchen, mit welchen Charakteren wir es zu tun haben. Manche Menschen haben nun einmal Eigenschaften, die uns nicht gefallen, oder zeigen ein Verhalten, das uns stört. Wie kann es uns trotzdem gelingen, mit ihnen zusammenzuarbeiten, ohne dass wir uns immer wieder über sie aufregen müssen?

Manfred Evertz – www.manfred-evertz-art.com

Wir alle haben gelernt, uns und andere Menschen auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen und einzuschätzen. Manchmal geraten wir aber gerade deshalb immer wieder in die gleichen Konflikte oder fühlen uns schlicht gesagt unwohl. Leider ändert sich ein Charakter nicht allein dadurch, dass wir uns über ihn ärgern. Deshalb lohnt es sich eventuell, die eigenen Bewertungen einmal zu hinterfragen. Doch wie kann man das auf möglichst einfache Weise tun?

Bezieht sich der Ärger auf die Eigenschaft oder das Verhalten eines Mitmenschen, kann es helfen, sich zu fragen, warum man darauf so emotional reagiert? Handelt es sich eventuell um eine „Überempfindlichkeit“? Um das herauszufinden, sollte danach geschaut werden, ob es vielleicht eigene Anteile gibt, die dazu führen oder geführt haben? Oder gab es in der Vergangenheit jemanden, an den oder die man durch die betreffende Person unwillkürlich erinnert wird?

  • Was genau ist es, das meinen Ärger auslöst? Worauf richtet er sich?
  • Warum reagiere ich so empfindlich bzw. emotional?
  • Welche Gefühle werden bei mir (noch) dabei ausgelöst und was bewirken sie? Kenne ich das aus meiner Vergangenheit? Kommt mir das irgendwie bekannt vor?

Leider ist es uns nicht immer vollständig bewusst, worauf wir bei einem Gegenüber so emotional reagieren oder warum wir es eigentlich tun. Dann kann es sein, dass unser Unterbewusstsein uns einen Streich spielt. Schauen wir uns deshalb zunächst einmal zwei in diesem Zusammenhang berühmt gewordene „Konfliktfallen“ an:

Projektion und Übertragung

Wahrscheinlich haben wir alle irgendwelche Facetten in unserer Persönlichkeit, die nicht mit unserem Ideal-Selbst korrespondieren, oder Wünsche, die wir uns nicht zu- oder eingestehen mögen. Das kann dazu führen, dass die entsprechenden Persönlichkeitsanteile, Bedürfnisse, Sehnsüchte etc. vom eigenen Erleben – so gut es geht – abgespalten werden. Wirkt das Verdrängte jedoch im Unbewussten weiter, kann das in der Begegnung mit anderen Menschen dazu führen, dass man es in ihnen erkennt bzw. zu erkennen glaubt. Wie sehr sich der Blick des Projizierenden dabei auf die Projektion verengt, hängt – so lässt es sich m. E. vermuten – vor allem vom Ausmaß des seelischen Konflikts ab. Im Grunde genommen setzt man sich in einem solchen Fall zwar mit sich selbst auseinander, wählt hierfür aber einen „Nebenkriegsschauplatz“. Der eigentlich im Inneren des Projizierenden liegende Konflikt wird also ausgelagert und im Außen ausgetragen. In jenen Augenblicken, in denen wir selbst projizieren oder auf eine unserer Projektionen reagieren, bemerken wir es in der Regel natürlich nicht. Eine unverhältnismäßig emotionale Reaktion auf eine andere Person, auf das, was jemand sagt, oder auf ein bestimmtes Verhalten, wäre aber möglicherweise ein Indiz.

Bei einer Übertragung erkennt man hingegen bei einem anderen Menschen etwas, das einem vertraut zu sein scheint, und reagiert in etwa so darauf, wie man es damals auch getan hat. Sigmund Freud beobachtete bei einigen seiner Patientinnen, dass sie ihm gegenüber im Verlauf der Therapie unangemessen intensive Gefühle von Liebe oder Hass entwickelten. Er betrachtete diese Gefühlsregungen als eine Art Neuauflage von Emotionen und Fantasien, wobei innere Vorgänge, die aus einer früheren, oft sogar frühkindlichen Beziehung resultieren, von dem einen Interaktionspartner gegenüber einem neuen Interaktionspartner wiederbelebt werden. Hatte ich bspw. einen autoritären Lehrer, der mich bei jeder Gelegenheit vor der gesamten Klasse bloßstellte, reagiere ich heute vielleicht besonders ängstlich, wenn ich Menschen begegne, die ähnlich resolut auftreten, da ich die Erwartung habe, diese würden sich auch so verhalten und nur auf eine Gelegenheit warten, in der sie mich kompromittieren können.

“Menschen, an denen nichts auszusetzen ist, haben nur einen, allerdings entscheidenden Fehler: sie sind uninteressant.” Zsa Zsa Gabor

Entwickelt sich aus dem Ärger allmählich ein handfester Konflikt, subjektiviert sich die Wahrnehmung in der Regel immer mehr. Im Angriffsmodus neigt unser Gehirn nämlich zum ressourcenschonenden Schemadenken. Dabei werden Informationen verzerrt, verdichtet, getilgt oder angereichert, damit sie besser ins eigene Wahrnehmungsraster passen und somit schneller verarbeitet werden können. Dadurch wird es keineswegs einfacher, mit der betreffenden Person zurechtzukommen.

Die oben angeführten Fragen können schon ein wenig dabei helfen, mögliche Projektionen oder Übertragungen zu entlarven. Einfach ist das allerdings nicht. Sollten Sie also weiterhin in Ihrem Ärger “feststecken”, dann sind die folgenden Tipps vielleicht hilfreich:

Neu- bzw. Umbewertung durch Reframing

Jede Wahrnehmung und Interpretation eines Ereignisses findet jeweils innerhalb eines gewissen (Bezugs-)Rahmens („frame“) statt, der charakteristisch für ein entsprechendes Denkmuster ist. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass jedem (erlernten) Verhalten eine positive Absicht zugrunde liegt und es mindestens in einem Zusammenhang nützlich ist oder war. Führt ein bestimmtes Selbstbild zu negativen Gefühlen oder die Verärgerung über die Art, wie andere sich verhalten, zu immer wiederkehrenden Konflikten, könnte ein Reframing hilfreich sein.

Beim Bedeutungsreframing werden Annahmen über kausale Zusammenhänge neu betrachtet, um jene Sichtweisen, die zu negativen Gefühlen und Gedanken führen, so zu erweitern, dass sie selbstwertdienlicher sind bzw. dass es einem besser damit geht. So muss der Grund dafür, dass jemand von seinen Kollegen so selten um Rat oder Hilfe gebeten wird, zum Beispiel nicht zwingend der sein, dass diese ihn für inkompetent halten. Es wäre ja auch möglich, dass sie ihn einfach ungern bei der Arbeit stören, weil sie schüchtern sind oder (zu) großen Respekt vor ihm haben. Diese erweiterte Sichtweise ermöglicht es dem Betroffenen dann, anders (z. B. verständnisvoller bzw. weniger feindselig) auf seine Kollegen zu reagieren, wodurch sich daraufhin wahrscheinlich auch der Kontakt zu ihnen verbessert bzw. dieser harmonischer und konfliktfreier wird.

  • Welche andere Bedeutung könnte das Verhalten Ihres Gegenübers haben?
  • Welche Motive könnten dem Verhalten zugrunde liegen? Welche (anderen) Beweggründe könnte es dafür geben?

Sollte das Reframing erfolgreich sein, dürften Sie das recht rasch feststellen. Aber auch das funktioniert leider nicht immer. Dann macht es m. E. Sinn, sich nochmals intensiver mit der Ursache für die Verärgerung zu befassen.

Emotionsregulation

Im Alltag neigen wir in der Regel dazu, „störende“ Gefühle (Wut, Ärger, Enttäuschung, Neid, Traurigkeit etc.) zu unterdrücken, um nach außen hin stabil zu erscheinen. Im geschützten Raum dürfen Sie sich aber auch mit ihnen befassen. Lassen Sie diese also einmal ihre volle Kraft entfalten, damit sie in ihrer tatsächlichen Intensität erlebbar werden und das, was sie Ihnen sagen wollen, besser zu Ihnen durchdringt und somit verstanden werden kann. Eine funktionale Selbststeuerung im Sinne einer gelingenden Emotionsregulation setzt nämlich voraus, dass man sich auch auf die “schwierigen” Gefühle einlassen kann, um zu schauen, was sie begründet und wie man mit ihnen umgehen möchte.

Schritt 1: Gefühlsaktualisierung

  • Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Ihr Ärger besonders deutlich wurde, und spüren Sie sich in diese hinein.
  • Was genau läuft dabei in Ihnen ab? Notieren Sie sämtliche Gedanken, Gefühle, körperliche Reaktionen (z. B. Zittern, Anspannung etc.) und Impulse, die Sie dabei wahrnehmen.
  • Wie verhalten Sie sich? Wie verhält sich die andere Person?
  • Welche Ziele und/oder Bedürfnisse haben Sie? Worum geht es Ihnen?

Schritt 2: Perspektivwechsel

  • Versetzen Sie sich bitte einmal in Ihr Gegenüber hinein und entwickeln Sie Hypothesen zu folgenden Fragen: Wie könnte das, was Sie sagen oder tun, auf diesen wirken? Welche Bedürfnisse könnte sie oder er haben? Warum verhält sie/er sich so?
  • Lassen Sie Ihr Gegenüber einmal ausführlich begründen (im Sinne einer Apologie), warum sie/er jene Eigenschaft entwickelt hat oder das Verhalten zeigt, worüber Sie sich ärgern.

Schritt 3: Ins Handeln kommen

  • Wie könnten Sie es schaffen, sich noch mehr über diese Person zu ärgern? Was genau müssten Sie dafür tun oder denken? Was wäre ein mögliches Gegenteil davon, d. h. wie könnten Sie Ihren Ärger abschwächen oder sogar auflösen? Was genau müssten Sie dafür tun oder denken?
  • In welchen Situationen haben Sie es in der Vergangenheit bereits geschafft, mit ähnlichen Menschen zurechtzukommen? Wie haben Sie das geschafft? Welche dieser Strategien könnte(n) Ihnen auch jetzt helfen? Wie ließe(n) sie sich umsetzen?
  • Sammeln Sie möglichst mehrere Ideen und entscheiden Sie sich dann für eine Strategie.

Sollte die Umsetzung Schwierigkeiten mit sich bringen oder unerwartete Folgen haben und eine „Nachbesserung“ erforderlich machen, gehen Sie noch einmal in die Reflexion: Was hat funktioniert und was nicht? Warum ist das so? Wie könnte Ihnen das, was gescheitert ist, künftig besser gelingen? Oder wäre es vielleicht ratsam, eine andere Strategie zu wählen? Welche? Wie genau wollen Sie sich künftig verhalten?

Fazit: “Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.” Konrad Adenauer

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