Das verlorene Selbst

Können Sie sich vorstellen, ein Leben zu führen, ohne dabei persönliche Ziele zu verfolgen? Hat nicht jeder von uns irgendwelche Wünsche oder Sehnsüchte?

Manche Menschen scheitern ausgerechnet dann an der Selbstregulation ihrer negativen Emotionen, wenn sie in die Zukunft schauen bzw. langfristige Ziele verfolgen möchten. Einige greifen dann auf Bewertungsmuster zu, die ihnen Sinn- oder Hoffnungslosigkeit vermitteln und sie handlungsunfähig machen. „Das schaffst DU ohnehin nicht!“ „Das ist (zumindest für Dich) unrealistisch!“ Die Folge ist nicht selten eine getrübte Stimmung. Anderen hingegen scheint es unmöglich zu sein, derartige (persönliche) Ziele überhaupt zu formulieren.

Manfred Evertz - Selbst 1

Manfred Evertz

Der PSI-Theorie (Prof. Dr. Julius Kuhl) zufolge soll es für eine funktionale Verhaltenssteuerung sinnvoll sein, eventuelle Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung von Plänen oder Vorhaben auftreten könnten, bereits im Vorfeld zu erkennen und entsprechende Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Ermöglicht wird dies durch ein Aushalten negativer Emotionen verbunden mit der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf Inkongruenzen (z. B. auf potenzielle Fehler oder Fehlentwicklungen) zu richten (Objekterkennungssystem).

In diesem Zusammenhang können Selbstwertproblematiken eine tragische Rolle spielen. Innere Kritiker oder Richter, also jene Introjekte, die dazu führen können, dass Menschen sich selbst (negativ) bewerten („Ich bin wertlos!“) oder übermäßig kritisieren („Ich habe total versagt!“), gehen nicht selten mit „Denkfehlern“ (Übergeneralisierungen, willkürlichen Schlussfolgerungen etc.) einher, die zwar hartnäckig sein können, sich aber korrigieren lassen. Schwieriger wird es, wenn es darum geht, persönliche Ziele zu formulieren, weil das implizite Selbstwertgefühl vielleicht so konstituiert ist, dass das Selbst diese nicht für sich annehmen kann.

Habe ich als Kind die Erfahrung machen müssen, dass meine Bedürfnisse (bspw. im Rahmen meiner Autonomiebestrebungen) nicht hinreichend beachtet werden, sie im Grunde genommen also „wertlos“ sind , kann das dazu führen, dass ich mir eigene Bedürfnisse und Ziele auch als Erwachsender kaum zugestehe. Kurzum: Wie sollte ich mir selbst später Freude oder Lust gönnen können, wenn mir die Erfahrung, dass das okay ist, (weitgehend) verwehrt geblieben ist? Setze ich mir nun persönliche Ziele, bin ich entweder zu egoistisch (woraus ein schlechtes Gewissen folgen kann) oder ich riskiere, nicht mehr liebenswert (also ein „schlechter Mensch“) zu sein. Im Sinne der PSI-Theorie würde das wohl bedeuten, dass sich die Aufmerksamkeit über das System der Objekterkennung (das Objekt wäre ich in diesem Fall selbst) vor allem auf Inkongruenzen richtet („Ich habe es nicht verdient, Spaß am Leben zu haben, weil …“), was dann eben leicht mit Selbstabwertungen und entsprechend negativen Empfindungen (Niedergeschlagenheit bzw. getrübter Stimmung) korrespondiert.

Nach Kuhl führt eine dauerhafte Erhöhung von negativem Affekt zu erschwertem Selbstzugang, der wiederum die Selbstentwicklung behindert. Nicht selten führt die zugrundeliegende Selbstabwertung zusätzlich zu einer Dämpfung der positiven Emotionen. Besonders betroffen ist dann die dem Selbst am nächsten liegende Freude, die Freude einfach da zu sein, den Augenblick zu genießen, sich immer mal wieder die Freiheit zu nehmen, eigene Bedürfnissen oder Zielen Raum zu geben. Dann ist auch die Motivation gedämpft, die erforderlich wäre, um Handlungen zu initiieren, diese persönliche Ziele, die vor einem solchen Hintergrund formuliert wurden, zu erreichen. Entsprechend zielgerichtete Verhaltensweisen werden dann mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit in die Tat umgesetzt. Und sollte es doch dazu kommen bzw. ein wünschenswertes Ziel erreicht werden, löst das wohl eher Selbsttadel anstatt Freude aus.

Manfred Evertz - Selbst 2

Manfred Evertz

Während sich das explizite Selbstwertgefühl durch Bewusstmachung eigener Ressourcen, Fähigkeiten oder Erfolge positiv beeinflussen lässt, erreicht man das implizite Selbstwertgefühl mit derlei Argumenten kaum, da es die Selbstbewertung automatisiert und auf Grundlage generalisierter (weitgehend unbewusster) Erfahrungsmuster aus der Kindheit vornimmt. Meiner Ansicht nach scheinen die Einschärfungen und inneren Antreiber (wie sie in der Transaktionsanalyse genannt werden) für das implizite Selbstwertgefühl eine entscheidende Rolle zu spielen. Beispiele hierfür sind „sei nicht“, „sei nicht Du“, „fühle nicht“, „sei nicht wichtig“ oder „sei nicht erfolgreich“.

Um sich für persönliche Ziele hinreichend motivieren zu können, müsste man sich also zunächst die Erlaubnis geben, diese auch erreichen zu dürfen. Ich muss mir also Freude, Glück oder Lust erlauben können. Dazu bedarf es m. E. auch einer emotionalen Zweitreaktion (im Sinne einer Volitions-Komponente), sollte die Erstreaktion negativ ausfallen.

Manfred Evertz - Selbst 3

Manfred Evertz

Doch wie nennt man die Fähigkeit, die es hier zu entwickeln gilt? Begriffe wie „Selbstfürsorge“ oder „gesunder Egoismus“ sind mir zu ungenau. Es geht schließlich nicht um die ich-bezogene Handlung selbst, sondern vielmehr um die Güte, die man für sich aufbringt, also um eine wohlwollende Haltung, die man sich selbst gegenüber einnimmt: „Ich darf mir etwas gönnen!“ Verbiete ich mir das hingegen standhaft, werde ich kaum die erforderliche Motivation aufbringen, derlei Ziele überhaupt zu finden ODER (sollten mir doch welche in den Sinn kommen) sie zu realisieren ODER ich werde mich (falls es mir doch einmal gelingt) nicht daran erfreuen können (sondern mich tadeln). Ich bin ja schließlich nicht wichtig – bzw. meine Bedürfnisse sind es nicht. Warum sollte ich mir also etwas gönnen? Warum sollte es mir gut gehen?

Wie nennt man es, wenn man sich selbst etwas gönnt und somit gütig bzw. wohlwollend mit sich umgeht? „Selbstgüte“? Da ich unter den 40 Volitionskomponenten des Selbststeuerungsinventars SSI-L (VCQ-4), die im Zusammenhang mit der PSI-Theorie erwähnt werden, kein passendes Konstrukt finden konnte, habe ich diese Frage an Prof. Dr. Kuhl gerichtet und folgende Antwort erhalten:

„Lieber Herr Müller,

Sie sprechen in der Tat eine wichtige Frage an. Sie hat im Grunde viel tiefere Wurzeln als die Selbstregulation. Wie Sie richtig sagen, muss man die Wurzeln im Unbewussten suchen und aus PSI-Sicht haben sie viel mit der Bedürfnis- und Motiv-Ebene zu tun. Und an dieser Stelle haben wir eben auch eine Lücke entdeckt: In der Motivationspsychologie ist dieses Bedürfnis lange Zeit vernachlässigt worden. Aber wie sollte man es nennen? „Selbstwert“ ist ja mehr ein äußeres Symptom, wenn dieses Bedürfnis verletzt ist. Eigentlich erwähnen Sie in Ihrer Anfrage den Namen des Bedürfnisses schon: Autonomie. Da wir alle Begriffe in der PSI-Theorie funktionsanalytisch präzisieren wollen, haben wir hier weiter gebohrt und fragen, wie lassen sich die unbewussten Wurzeln des Bedürfnisses nach Autonomie benennen, dessen bewusste Anteile heute z.B. in der Theorie der Selbstbestimmung (Deci & Ryan) untersucht werden? Als erste Annäherung können wir sagen: „Freiheit“ im Sinne von „freiem Selbstsein“ dazu. Sie können hier an die humanistischen Ansätze denken (Maslow, Rogers, auch Berne – und heute zudem die erwähnte Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan). Die meisten dieser Ansätze neigen aber dazu das Unbewusste herauszuhalten (wohl weil es seit hundert Jahren schon mit primitiven, der Selbstbestimmung entzogenen Prozessen gleichgesetzt wird).

Das Extensionsgedächtnis und seine persönlich relevanten Anteile (das Selbst wie auch die dazu gehörigen unbewussten Motive) machen das aus, was man das „intelligente Unbewusste“ nennen könnte: ein riesiges parallel arbeitendes Erfahrungsnetzwerk, das uns eine enorme Vielfalt an Möglichkeiten bereitstellt, unsere Bedürfnisse in der jeweils angetroffenen Situationen in angemessener Weise zu berücksichtigen. Der Motivbegriff beschreibt ja mehr als ein Bedürfnis. Mit dem Begriff „Motiv“ ist die Verbindung zwischen einem Bedürfnis und dem weitgehend unbewussten Erfahrungswissen über kontextangemessene Formen der Befriedigung des jeweiligen Bedürfnisses gemeint. In diesem Sinne gehört auch zum Bedürfnis nach freier Selbstentfaltung ein Motiv, das wir kurz auch das Freiheitsmotiv nennen.

Wir haben entsprechend das Freiheitsmotiv in den OMT aufgenommen, der ja in seiner ursprünglichen Fassung die klassischen Basismotive (Beziehung, Leistung, Macht) nicht nur hinsichtlich der individuellen Bedürfnisstärke, sondern auch in Bezug auf verschiedene Formen der Befriedigung des jeweiligen Bedürfnisses (z. B. mit oder ohne Berücksichtigung des großen Erfahrungsnetzwerks des Selbst) misst. Die Kodierung des Freiheitsmotivs soll demzufolge verschiedene Varianten dieses Motivs erfassen. Bei der ersten Umsetzungsform oder -ebene (die bei der Leistung „Flow“ heißt) geht es beim Freiheitsmotiv um „genießen“ und „gut zu sich sein“: Momente zulassen, in denen man sich dem Fluß dessen, was man gerade genießen kann, hinzugeben vermag. Die anderen Ebenen sind aber auch interessant (bis hin zur künstlichen Selbsterhöhung durch Abwertung anderer oder zur expliziten Selbstabwertung). Und das Ganze wird dann noch ergänzt um die Messung des expliziten Freiheitsmotivs (Erweiterung des Motiv-Umsetzungs-Fragebogens um die entsprechenden 5 expliziten Formen der Umsetzung des Bedürfnisses nach freiem Selbstsein, einschließlich Selbstwert). Der Vergleich zwischen explizitem und implizitem Freiheitsmotiv ermöglicht Diskrepanzen zu beurteilen zwischen dem Ausmaß an persönlicher Freiheit, das jemand bewusst anstrebt und zulässt, und dem Ausmaß, in dem er „freies Selbstsein“ unbewusst ersehnt. So gibt es z. B. Menschen, die ihr Bedürfnis nach freiem Selbtsein auf bewusster Ebene als niedrig beurteilen, obwohl sie in ihrer spontanen (gar nicht immer bewusst erfahrbaren) Fantasie, wie sie im OMT angeregt wird, ein starkes Bedürfnis nach freiem Selbstsein haben. Eine solche Diskrepanz kann die Selbstabwertung und den inneren Stress enorm erhöhen und chronifizieren, ohne dass die eigentliche Quelle dieses inneren Stressors bewusst werden muss.

Herzliche Grüße
Julius Kuhl“

Julius Kuhl

www.psi-theorie.com

Gedanken über mögliche Interventionen, die dem Selbst dabei helfen können, die eigenen Motive anzunehmen, finden Sie im zweiten Teil des Artikels Das verlorene Selbst – Lösungsansätze.

Lösungsansätze im Coaching:

Lösungsansätze in der Therapie:

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Der Mythos der eigenen Minderwertigkeit

Im Grunde genommen ist jeder Mensch gleichermaßen wertvoll. Ist es nicht so? Und obwohl Sie diese Überzeugung mit mir teilen, fühlen Sie sich manchmal so, als würde das für alle gelten, nur nicht für Sie? Dann können Ihnen die folgenden Gedanken vielleicht dabei helfen, den Mythos von der eigenen Unzulänglichkeit aufzulösen.

Das Modell des Inneren Teams von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun eignet sich ganz hervorragend dafür, bei schwierigen Entscheidungen zu einer klaren Haltung zu gelangen. Hierzu müsse man nur sämtliche Mitglieder bzw. die entsprechenden Persönlichkeitsanteile auf die sogenannte Bühne holen bzw. an einen Tisch setzen, die sich zu einem Thema äußern wollen, einen Dialog initiieren und dann eine Einigung erzielen. Das klingt verlockend einfach! Nicht immer ist es das aber wirklich…

Inneres Team

Manfred Evertz

So scheint es in jedem Inneren Team einige Gestalten zu geben, die sich auf derartige Diskussionen nicht einlassen wollen und scheinbar alles dafür tun, um die eigenen Vorhaben zu boykottieren. Der Autor bezeichnet sie als Widersacher. Der bekannteste unter ihnen ist wohl der innere Kritiker, der an allem, was man tut oder plant, herummäkelt und einen dabei stets mit voller Wucht niedermacht. In dem Buch „Hermann! Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker“ stellt Tom Diesbrock eine wunderbare Methode vor, wie er sich besänftigen lässt.

Der kluge Umgang mit dem inneren Kritiker

Versuche, den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen oder ihn durch positives Denken zu übertönen, kosten viel Kraft und führen nicht immer zu dem gewünschten Ergebnis, zumindest nicht auf Dauer. Tom Diesbrock empfiehlt deshalb, mit dieser Stimme in einen Dialog zu treten, sie an- und ernstzunehmen, sich dabei allerdings ihrer kindlichen Konstitution bewusst zu sein.

Schritt 1: Wie äußert sich Ihr Kritiker?

Zunächst sollte es darum gehen, sich des eigenen Kritikers bewusst zu werden und ein Tagebuch zu führen, in dem jede Bewertung notiert wird, die von ihm ausgeht. Folgende Fragen können dabei helfen, seinen Einfluss zu ergründen:

  • Woran bemerken Sie Ihren inneren Kritiker?
  • Wie genau kommuniziert er mit Ihnen und was sagt er?
  • Welche Gefühle haben Sie dabei?
  • In welchen Situationen meldet er sich zu Wort?
  • Was sind seine Hauptkritikpunkte an Ihnen?
  • Bei welchen Themen wird er besonders kleinlich und entwertend?
  • Gibt es bestimmte Menschen, von denen er glaubt, dass sie Sie besonders kritisch betrachten?

Schritt 2: Visualisieren Sie Ihren Kritiker!

Manfred Evertz

Um sich des inneren Kritikers bewusster zu werden, empfiehlt der Autor, diesem ein Gesicht zu geben und ihn dann für eine Weile so zu platzieren, dass Sie ihn immer wieder vor sich sehen. Fertigen Sie dafür eine Zeichnung an oder wählen Sie ein Foto, ein Stofftier, eine Puppe oder Ähnliches aus, das Ihrem Bild dieser Stimme entspricht.

Immer wenn Sie merken, dass Ihr innerer Kritiker sich zu Wort meldet, sollten Sie sich bewusst machen, dass Sie inzwischen erwachsen sind. Um das zu erreichen, kann es Ihnen helfen, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wann sind Sie selbstbewusst und finden sich in Ordnung, so wie Sie sind – mit allen Ihren „Fehlern“ und Eigenarten?
  • Was denken Sie in diesen Momenten über sich und die Welt?
  • Wie ergeht es Ihnen dabei?

Der Kritiker ist nur ein Teil der eigenen Persönlichkeit, der sich ruhig zu Wort melden darf. Die Führung sollte aber der Erwachsene in Ihnen übernehmen! Wann immer der Kritiker sich äußert, stehen Sie auf, atmen Sie tief durch und machen Sie sich bewusst, dass Sie heute eine andere Perspektive auf die Dinge haben (dürfen), als Sie es als Kind hatten.

Schritt 3: Hinterfragen Sie seine Bewertungen!

Hinterfragen Sie die Aussagen Ihres Kritikers kritisch. Differenzieren Sie seine Verallgemeinerungen und Ungenauigkeiten und finden Sie Argumente, die Sie diesen entgegenhalten können. Zeigen Sie ihm, dass die Wirklichkeit komplexer ist, als er sie sieht und widerlegen Sie seine Aussagen.

Sollten Sie ihn bemerken, ist es ratsam, ihn zu stoppen, bevor er die Oberhand gewinnt. Bauen Sie sich ein gedankliches „Stopp“ ein und sprechen Sie dieses ruhig laut aus, wenn er meint, wieder einmal an Ihnen herummäkeln zu müssen.

Schritt 4: Akzeptieren Sie Ihren Kritiker!

Respektieren Sie sein kindliches Bedürfnis und nehmen Sie es ernst. Bedenken Sie, dass er Angst hat und Sie schützen will. Lassen Sie Ihren Kritiker seiner Aufgabe ruhig nachkommen, aber seien Sie sich dabei immer bewusst, dass Sie jetzt das Sagen haben und Sie die Welt als Erwachsener heute anders sehen dürfen. Schließen Sie Frieden mit ihm.

Selbsterfahrungsbericht: Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse

Ich habe diesen Teil meiner Persönlichkeit übrigens „Dr. Mabuse“ getauft. Die Filme habe ich mir während meiner Kindheit stets mit großer Faszination angesehen. Für Dr. Mabuse haben Menschen – so ist zumindest meine Interpretation – nur dann einen Wert, wenn sie perfekt funktionieren und er sie für die Umsetzung seiner Vorhaben benutzen kann. Auch die Angst davor, entdeckt oder entlarvt zu werden, charakterisiert ihn. Lange Zeit mischte er sich also auf perfide Weise in alles ein, was ich tat, und schwächte auf diese Weise mein Selbstwertgefühl.

Scham und Schatten

Manfred Evertz

Immer wieder versuchte ich ihn zu packen und aus meinem Leben zu verbannen. Je mehr ich mich jedoch bemühte, um so stärker wurde er. Obwohl die Mehrzahl der Mitglieder meines Inneren Teams ihn nicht mochten und mit seinen unverschämten Äußerungen keineswegs einverstanden waren, konnten sie wenig gegen ihn ausrichten. Gingen sie gegen ihn an, machte er sie solange nieder, bis sie schließlich den Mut verloren und aufgaben. Schlimmer noch wurde es, als sich immer mehr von ihnen auf seine Seite stellten und sich mit seinen überhöhten Ansprüchen identifizierten. Diese kriminelle Vereinigung hatte es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, mein Selbstwertgefühl vollends zu zerstören! Nichts und niemand konnte das verhindern bzw. sie hinter Schloss und Riegel bringen.

Erst viele Jahre später – mit der Hilfe des Buches von Tom Diesbrock – stellte ich fest, was seine eigentliche Absicht war. Im Grunde genommen wollte er mich nur vor möglichen Angriffen anderer Menschen beschützen, indem er sie unverblümt vorwegnahm. Damit war er ausgesprochen erfolgreich. Als ich das erkannte, war es mir möglich, in sein Herz zu schauen, seinen Schmerz zu sehen und seine Bemühungen anzuerkennen. Tritt er heute auf die Bühne und meckert an mir herum, nehme ich ihn an die Hand und beruhige ihn. Inzwischen weiß ich ja, dass er es gut mit mir meint. Lediglich die vielen seelischen Verletzungen, die er schon sehr lange mit sich herumträgt, ließen ihn so gemein und grausam wirken. Seitdem ich das verstanden habe, betrachte ich ihn als einen Freund, dem ich für seine Dienste sehr dankbar bin. Auf diese Weise ist es zumindest mir gelungen, mich aus den unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse und somit von meinen eigenen Minderwertigkeitskomplexen zu befreien.

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Literaturempfehlungen:

  • Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 3 – Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Sonderausgabe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011 (Die Originalausgabe erschien erstmals 1981).
  • Tom Diesbrock (2011). Hermann! Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker. Patmos Verlag.

Ein Friedensangebot an das innere Kind

Erinnern Sie sich daran, wie Sie die Welt um sich herum als Kind wahrgenommen oder wie Sie sich gefühlt haben? Wissen Sie noch, welche Sehnsüchte und Wünsche Sie hatten, als Sie klein waren?

Rainer - 4 JahreDie Arbeit mit dem „inneren Kind“ ist seit langer Zeit ein fester Bestandteil vieler psychotherapeutischer Verfahren. Das hat einen guten Grund: Wir Menschen entwickeln die Grundzüge unserer Persönlichkeit und die dazugehörigen Reaktionsmuster in Wechselwirkung mit jenen Erfahrungen, die wir mit unseren ersten Bezugspersonen machen. Einige davon sind schmerzvoll und führen dazu, dass wir uns davor schützen wollen, ähnliches Leid erneut erleben zu müssen. Als Kind haben wir dafür allerdings nur wenige Möglichkeiten, zudem können wir viele Dinge einfach noch nicht so richtig verstehen. Und obwohl sich beides im Laufe der Zeit ändert, scheint es manchmal so, als gingen wir noch im Erwachsenenalter intuitiv davon aus, die Welt um uns herum sei so geblieben, wie wir sie einst kennengelernt haben.

Wurden unsere kindlichen Bedürfnisse in der Vergangenheit nicht hinreichend wahrgenommen bzw. hat es uns in manchen Situationen an Verständnis, Trost oder Zuwendung gemangelt, kann das tiefe Narben hinterlassen. Die gute Nachricht ist, dass man das Vermisste wenigstens ansatzweise nachreichen bzw. gezielt etwas dafür tun kann, um die verletzte Kinderseele zu trösten. Im Rahmen der Aufarbeitung meiner eigenen Vergangenheit habe ich seinerzeit mal einen Brief an jenen kleinen Jungen geschrieben, der ich einst war. Mir hat das damals jedenfalls sehr geholfen.

Friedensangebot an das innere Kind

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Die Akzeptanz des Ungeliebten

Warum es wichtig und sinnvoll ist, wertschätzend mit Mitarbeitern (und Kollegen) umzugehen, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Der in vielen Branchen bestehende Konkurrenz- und Leistungsdruck macht es den Menschen allerdings nicht immer leicht, sich jederzeit so zu verhalten. Auch ist es verständlich, dass Mitarbeiter dazu neigen, im Unternehmen ein bestimmtes Bild von sich zeigen bzw. diesem entsprechen zu wollen. Dadurch können Ambivalenzen entstehen, die für die Betroffenen manchmal schwer zu ertragen sind: „Muss ich etwas tun, das mir gesagt wird, obwohl es sich nicht gut anfühlt?“, „Was mache ich, wenn mir mein Verstand zu etwas rät, das ich innerlich verurteile oder ablehne?“, „Wie gehe ich damit um, wenn ich Wut auf einen Kollegen oder Vorgesetzten empfinde und diese nicht zeigen möchte?“ oder „Was mache ich, wenn ich traurig bin und mich schwach fühle, obwohl ich doch souverän und selbstsicher sein und wirken will?“ In einem Vortrag aus dem Jahr 1910 benannte der Psychiater Paul Egon Bleuler drei Arten von Ambivalenzen (affektive, voluntäre und intellektuelle) und führte den Begriff damit in die Fachwelt ein.

Manfred Evertz

Menschen neigen oftmals dazu, ihre innere Zerrissenheit bzw. Pluralität dadurch zu „lösen“, indem sie sich mit bestimmten Anteilen ihrer Persönlichkeit identifizieren und andere verdrängen, abspalten bzw. aus ihrer Wahrnehmung verbannen. Diese verstoßenen Anteile suchen aber nun als „ungeschlossene Gestalten“ immer wieder Wege, erlebt werden zu dürfen, um den Menschen zu einer Ganzheit zu führen und um die ihnen zugrunde liegenden Bedürfnisse zu erfüllen. Sie zeigen sich dann oftmals in Form einer unklaren oder inkongruenten Kommunikation bzw. in einem entsprechend uneindeutigen Verhalten und können so zu Konflikten oder Problemen führen, sich also dysfunktional (auch auf die Arbeit) auswirken. Zudem bewirken sie bei den Betroffenen einen Energieverlust und führen zu einer Verflachung der zwischenmenschlichen Kontakte. Die Qualität und die Quantität der Leistung sowie die Beziehungen zu Kunden und Geschäftspartnern können empfindlich darunter leiden.

Viele Menschen haben „gelernt“, nicht alles zu spüren (bzw. spüren zu dürfen), was in ihnen vorgeht. Im schlimmsten Fall haben sie sogar Lebensskripte entwickelt, die es ihnen „verbieten“, so zu sein, wie sie tatsächlich sind. Auch die Einberufung einer Konferenz des eigenen Inneren Teams (wie Prof. Dr. Schulz von Thun es in „Miteinander Reden“ vorschlägt), bei der man in sich hineinhören und sämtliche Regungen, die dann auftauchen, nach ihren dahinterliegenden Bedürfnissen befragen, diese wertschätzend anerkennen und in einen Dialog miteinander bringen soll, führt manchmal nicht umgehend zu einer Lösung, da es immer sogenannte Spätmelder oder ungehörte (bzw. eingekerkerte) Stimmen gibt, die die Bühne des Bewusstseins sehr spät oder überhaupt nicht betreten. Freud hat mit der Beschreibung der Abwehrmechanismen des Unbewussten bzw. in der Triebreduktionstheorie schon vor langer Zeit sehr deutlich aufgezeigt, wie schwierig es sein kann, zu einer vollkommenen Bewusstheit zu gelangen, und mit welch perfiden Tricks Menschen sich daran hindern, mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Eine besonders konfliktträchtige Wirkung erzielen die unterdrückten Anteile oder Gefühle z.B. mittels der Projektion, bei der diese bei einem anderen Menschen wahrgenommen und verurteilt werden. Die Ambivalenz lässt sich dadurch allerdings ebenso wenig auflösen, wie durch eine Überbetonung besonders erwünschter Charakterzüge im Sinne einer Selbst-Idealisierung, da sie eine Ablehnung vorhandener Regungen und damit immer auch eine Selbstabwertung impliziert. Daraus kann schließlich eine Selbstwertproblematik entstehen, die nicht selten zu einer affektiven Störung und damit zu einer (langen) Krankschreibung oder sogar zur Arbeitsunfähigkeit führt.

Edgar Piel

Der Wunsch, einem bestimmten Bild zu entsprechen, veranlasst Mitarbeiter also dazu, die „Außenseiter“ des Inneren Teams in Schach zu halten. Ein Mechanismus, der besonders dramatische Folgen haben kann, ist jener des „Feuerlöschers“ (nach Prof. Dr. Richard C. Schwartz). Drohen unliebsame Gefühle an die Oberfläche zu gelangen, wird sie „gerufen“, um die unerwünschten Regungen zu überdecken oder zu betäuben, zum Beispiel durch Alkohol- oder andere Exzesse, mittels des Konsums von Drogen und Beruhigungsmitteln oder durch die Inszenierung spektakulärer Dramen. Abgesehen davon, dass das Aufflammen zwar kurzzeitig gestoppt wird, das betreffende Gefühl bzw. das dahinterliegende Bedürfnis aber nicht befriedigt und deshalb immer wieder zum Vorschein kommen wird, können die Konsequenzen sehr schwerwiegend – im schlimmsten Fall sogar tödlich – sein. Mindestens aber bringen sie eine „Katerstimmung“ oder Leistungsminderung mit sich, auch wenn sich diese Dinge zumeist erst am Feierabend abspielen.

„Frei ist, wer in Ketten tanzen kann.“ Friedrich Nietzsche

Es kann sehr nützlich sein, Menschen zu finden, die einen dabei unterstützen, sich selbst besser zu verstehen (und sich zu mögen). Der Psychotherapeut Carl Rogers hat in einem Stufenmodell erläutert, wie einfach es sein kann, mithilfe eines anderen zu lernen, die eigenen Gefühle – so unerwünscht sie zunächst auch sein mögen – zu akzeptieren, um dadurch dem Labyrinth der eigenen Unklarheit zu entrinnen.

  1. Das Gefühl wird vom Gegenüber wahrgenommen und akzeptiert.
  2. Es wird mit dieser Hilfe von den Betroffenen selbst wahrgenommen.
  3. Die Betroffenen öffnen sich der Wahrnehmung eigener Gefühle immer mehr und lernen, diese zu akzeptieren.
  4. Sie erfahren eine positive Wertschätzung der eigenen Gefühle durch den anderen Menschen.
  5. Sie lernen schließlich, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind.

So einfach, wie sich das liest, ist es aber wohl nicht… Dennoch sind Empathie und echte Wertschätzung nicht nur „therapeutische Methoden“, sondern auch wichtige Faktoren für ein erfülltes Berufsleben. Deshalb ist es für Führungskräfte ratsam, sich darum zu kümmern, wie es den Menschen (mit ihrer Arbeit) geht!

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