Psychotherapeutische Selbsterfahrung als Coach?

Ein – wie ich finde – ganz wesentlicher Bestandteil der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ist es, sich selbst einer Psychotherapie zu unterziehen. Zumindest aber gehört es dazu, sich intensiv mit der eigenen Persönlichkeit zu beschäftigen. Dafür gibt es genügend gute Gründe. Im Ärzteblatt (PP 14, Ausgabe März 2015, Seite 122) heißt es bspw.: „Selbsterfahrung soll durch die systematische Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben und Verhalten die therapeutische Kompetenz der Ausbildungsteilnehmer fördern. Diese Auseinandersetzung geschieht durch die Bewusstmachung und Auflösung „unbewusster oder verdrängter oder dem angestrebten Beruf nicht angemessener Seiten der eigenen Person, des eigenen Selbst“ […] Neben dem Erkennen eigener „blinder Flecken“ soll die psychotherapeutische Beziehungs- und Interaktionskompetenz durch den Erwerb und die Kultivierung therapieförderlicher Selbstanteile und Ressourcen gestärkt werden.“ 1

Auch in den gängigen Weiterbildungen zum Coach, Psychologischen Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie wird die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in der Regel gefordert. Hier geht es allerdings in erster Linie darum, den Absolventen persönliche Erfahrungen mit jenen Methoden zu ermöglichen, die im Rahmen dieser Fortbildungen vermittelt werden. Ziel dabei ist es, herauszufinden, welche Methoden zu einem passen und deren Wirksamkeit einmal selbst zu erfahren. Das ist zwar sinnvoll, allerdings sollte sich m. E. auch jeder, der mit Techniken aus dem psychotherapeutischen Kontext arbeitet, die Zeit für eine professionell begleitete Selbstexploration nehmen. Ich tue das jedenfalls bereits seit fünf Jahren und möchte mal behaupten, dass sich das lohnt.

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Vor zwei Wochen hatte ich jedenfalls ein Gespräch mit meinem Therapeuten, in dem er etwas äußerte, was eine so hohe Bedeutsamkeit hatte, dass ich seitdem nicht aufhören kann, mich gedanklich immer wieder damit zu beschäftigen. Eine derartig erhellende Selbsterkenntnis hatte ich jedenfalls seit meiner Pubertät nicht mehr.

Kurzum: Wir sprachen (abermals) darüber, wie schwer es mir fällt, persönliche oder berufliche Ziele zu formulieren. Dieses Phänomen – ich nenne es der Einfachheit halber mal „Orientierungslosigkeit“ – begleitet mich seitdem ich vor der Aufgabe stehe, wichtige Entscheidungen – seien es berufliche oder private – eigenständig treffen zu müssen. Irgendwie ging das zwar immer, allerdings hatte ich dabei meist das Gefühl, keinen adäquaten „Kompass“ zu haben.

Schon während meines Studiums war ich vor allem an jenen Themen interessiert, die sich mit den motivationalen Aspekten der Persönlichkeit beschäftigten. Wahrscheinlich habe ich nach einem Erklärungsmodell gesucht, das mir dabei hilft, mich selbst besser zu verstehen? Richtig gelungen ist mir das auf diesem Wege nicht. Die Modelle, die ich damals kennengelernt habe, waren in diesem speziellen Zusammenhang allesamt unzureichend. Selbst das Konstrukt der „persönlichen Bestrebungen“ von Robert Emmons, für das ich mich anfänglich begeisterte (und über das ich meine Diplomarbeit geschrieben habe), führte mich (vielleicht aufgrund der fragwürdigen Methodik) in eine Sackgasse. Alles das, was ich anschließend über Bindungstheorien, die Theory of Mind, das implizite Selbstwertgefühl etc. gelesen habe, hat mir auch nicht wirklich weitergeholfen…

Seit jeher gibt es also etwas in meinem Leben, das viele Fragen aufgeworfen und mich immer wieder in Konflikte geführt hat, die ich dann mit mir selbst austragen musste. Obwohl ich schon früh versucht habe, mir zu erklären, warum mich ausgerechnet dieses Thema so sehr beschäftigt bzw. warum es eine so große Bedeutung für mich hat, konnte ich darauf in den vielen Jahren keine passende Antwort finden. Jetzt weiß ich, dass die meisten der Probleme, mit denen ich es im Laufe meines Lebens zu tun hatte, im Grunde genommen unbeholfene Versuche waren, frühkindliche Bedürfnisse zu befriedigen, für die ich lange Zeit keine Worte fand. Nun glaube ich, sie benennen zu können. Das, was mich angetrieben hat, ist allerdings so grotesk, dass man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln könnte.

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Folgendes Zitat ist mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen: „Nichts stimuliert uns so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und die Erfahrung von Liebe. Kern aller Motivation ist es also aus neurobiologischer Sicht, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden oder zu geben.“ Prof. Dr. Joachim Bauer

Es ist nicht mein Wunsch, Ihnen die Einzelheiten und Zusammenhänge so zu erklären, dass Sie sie im Detail verstehen können. Zudem denke ich auch nicht, dass es in ihrem Sinne wäre, wenn ich das täte. Da ich schon seit einigen Jahren mit einem Therapeuten, der tiefenpsychologisch arbeitet, darüber spreche, wäre jeder Versuch, das jetzt in wenige Zeilen zu verpacken, wahrscheinlich kaum hilfreich. Mir hat es jedoch noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, wie schwierig und schmerzhaft es auch für Psychologen sein kann, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Aber warum sollte das Studium einen Unterschied machen? Wie bei allen Menschen finden sich auch bei uns dysfunktionale oder maladaptive Erlebens- und Verhaltensweisen, die in die Beziehungen zu unseren Klienten oder Patienten hineinwirken können 2. Von daher halte ich es für unabdingbar, sich bewusst mit ihnen auseinanderzusetzen, damit sie kommunizierbar und korrigierbar werden.

Die Methode der Selbstreflexion ist – für sich allein genommen – kein geeigneter Ersatz! Hierbei gelingt es in der Regel lediglich, über das nachzudenken, was man ohnehin schon über sich weiß. Dabei kann es zwar auch zu einem Erkenntniszugewinn kommen, die wirkliche emotionale Bedeutung des Betrachteten zu erfassen, ist jedoch nicht ganz so einfach. Deshalb sollte ihr ein Erfahrungsprozess vorausgehen, der das emotionale Erleben beinhaltet und somit das Risiko vermindert, im Intellektuellen und Rationalen hängenzubleiben. Wie sich dieser Unterschied anfühlt, habe ich in den vergangenen Wochen jedenfalls in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen. Natürlich ist es äußerst unbehaglich, sich seiner eigenen – wie auch immer gearteten – „Bedürftigkeit“ bewusst zu werden und nach Möglichkeiten zu suchen, adäquat mit ihr umzugehen. Erhellend ist es aber allemal!

Als Trainer und Coach werde ich immer wieder mit Themen konfrontiert, die auch in der Psychotherapie eine zentrale Rolle spielen können. Von daher fühle ich mich dazu verpflichtet, mich mit den entsprechenden Fragestellungen im Rahmen einer therapeutischen Selbsterfahrung auch selbst auseinanderzusetzen. Darüber, inwieweit das zwingend erforderlich sein sollte, kann man zwar gewiss streiten, meine eigenen Erfahrungen zeigen mir allerdings, dass es eigentlich unverantwortlich wäre, es nicht zu tun.

Diskussion des Artikels

In der Gruppe „Psychologie“ bei Facebook habe ich übrigens die Rückmeldung erhalten, dass es wohl in vielen Instituten nur eine Gruppenselbsterfahrung gibt, was sich vom Setting her von einer Psychotherapie erheblich unterscheidet. Die (groben) Themenfelder und Methoden, mit denen in den Selbsterfahrungswochenenden gearbeitet wird, stehen dabei i.d.R. fest, werden also oftmals nicht flexibel an den Bedarf einzelner TeilnehmerInnen angepasst. Fokussiert werden hierbei die Auswirkungen eigener psychischer Zustände auf das therapeutische Arbeiten. Je nach Organisation der Selbsterfahrung komme noch hinzu, dass der „therapeutische“ Kontakt zu Selbsterfahrungsanleitern teilweise recht gering sei und sich die Hauptarbeit mit (wechselnden) Ausbildern abspiele, wodurch interpersonell völlig andere Prozesse zum Tragen kommen als in der Psychotherapie.

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Fußnoten:

  • 1 https://www.aerzteblatt.de/archiv/168734/Selbsterfahrung-und-Psychotherapie-Bewusstheit-ueber-subjektive-Realitaetserfahrung
  • 2 Sulz, S. K. D. (2007). Supervision, Intervision und Intravision in Praxis, Klinik, Ambulanz und Ausbildung. München: CIP-Medien

Psychotherapie heute – Vision und Realität

Prof. Dr. Josef Aldenhoff sprach auf der Tagung unseres Psychologen-Forums in Regensburg über die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Psychotherapie. In diesem Zusammenhang haben sich bei mir im Nachhinein einige Fragen aufgeworfen, die in dem folgenden Interview diskutiert werden.

Prof. Dr. Josef Aldenhoff: Psychotherapie heute – Vision und Realität

Zitat (aus der Vorankündigung des Vortrags): „Seit den 80-ger Jahren hat sich die psychotherapeutische Landschaft von Grund auf verändert. Statt der Dichotomie zwischen Tiefenpsychologie (inkl. Psychoanalyse) und Verhaltenstherapie steht heute eine Vielzahl von störungsspezifischen, evidenzbasierten Therapien zur Verfügung. Fast jedes psychiatrische Krankheitsbild kann heute ganz, oder in wesentlichen Teilen spezifisch psychotherapeutisch behandelt werden. Diese Situation ist für Patienten wie Therapeuten sehr komfortabel.“

Trotz dieser Vielzahl von störungsspezifischen (evidenzbasierten) Therapien scheint es noch immer eine recht große Gruppe von Patienten zu geben, deren Krankheitsverläufe sich chronifizieren. Als Laie könnte man sich die Frage stellen, woran das liegt? Worin sehen Sie die wesentlichen Gründe hierfür?

Prof. Dr. Josef Aldenhoff

Wir wissen nicht genau, was die Voraussetzungen für Chronifizierung sind. Je allmählicher sich eine Störung entwickelt, desto langsamer wird wahrgenommen, dass etwas nicht stimmt. Und desto länger versuchen die Betroffenen und ihre Umgebung, andere Erklärungen zu finden. So lange nicht klar ist, dass es sich um eine behandlungsbedürftige Störung handelt, so lange gibt es keinen Ansatz für Therapie. Je länger und mehr sie die Veränderungen in Befinden und Erleben kognitiv verarbeitet haben, desto weniger sind sie bereit, den großen Schritt zu tun und sich auf eine Therapie einzulassen. So gesehen sind sehr akute Störungen günstiger als solche, die sich sehr allmählich entwickeln. Bei ihnen ist der Leidensdruck und die Motivation zur Veränderung größer.

Ein anderer Grund für Chronifizierung ist die mäßige Verfügbarkeit von wirklich gut ausgebildeten Therapeuten und dass es immer noch keine verpflichtenden Regeln für die Umsetzung von Leitlinien gibt: ich sehe zum Beispiel immer wieder Patienten, die über Jahre bei einer Zwangs- oder Angststörung über Jahre tiefenpsychologisch behandelt werden! Ohne irgendwas gegen die Tiefenpsychologie sagen zu wollen, – bei diesen Störungen bringt sie nun mal nichts, auch wenn sich Klienten und Therapeuten über viele Sitzungen angeregt unterhalten mögen. Das Ende vom Lied ist dann ein Angstpatient, der alles oder noch viel mehr über seine Störung weiß, aber jede Form von Exposition vermeidet.

In dem Buch „Irren ist menschlich“ von Klaus Dörner et al. Habe ich z. B. am Ende des Kapitels über die Depression gelesen, dass man – trotz aller wissenschaftlicher Bemühungen, die Bedingungen ihrer Entstehung zu erforschen – eigentlich nicht genau wisse, warum Menschen depressiv werden. Könnte es sein, dass vielleicht nicht nur die Ursachen einzelner Erkrankungen unzureichend geklärt, sondern auch die Diagnosen (ICD-10), anhand derer eine störungsspezifische Therapie eingeleitet wird, in einigen Fällen einfach zu ungenau sind?

Natürlich sind manche Diagnosen schwer zu stellen, obwohl das im Zeitalter von ICD-10 schon wesentlich einfacher ist, als früher. Während meiner Ausbildung habe ich noch erlebt, dass zwei langjährig im Fach tätige psychiatrische Oberärzte ein und denselben Patienten ausführlich exploriert haben und dann zu völlig unterschiedlichen Diagnosen kamen! Das kommt heute wohl kaum noch vor. Und die störungsspezifischen Therapien erfordern ja ihrerseits durchaus diagnostische Vorgaben.

Natürlich wissen wir nicht bei jedem Menschen, warum er depressiv wird, bzw. die Ursachen können sehr unterschiedlich sein. Aber wenn er einmal depressiv ist, dann zeigt er ganz bestimmte, individuell gefärbte aber nicht völlig individuelle Symptome und Verhaltensmuster, die sich nach Manual behandeln lassen.

Zitat: „Im Genehmigungsverfahren der Krankenkassen wird immer noch von der alten Dichotomie ausgegangen; will man moderne Verfahren anwenden, so muss man das unter dem Deckmantel einer der alten Therapien tun.“

Unter dem Begriff der „modernen“ Kognitiven Verhaltenstherapie werden ja inzwischen zahlreiche neuere Ansätze subsumiert (wie z. B. die Schematherapie oder die Mindfulness Based Cognitive Therapy etc.)…

Vielleicht sollte man nicht alle neuen Methoden in einen Topf werfen? Schematherapie ist sicher nicht unter Kognitive Verhaltenstherapie zu subsumieren.

Ja, das war ungenau. Die Schematherapie – so habe ich es bislang jedenfalls verstanden – ist eine Weiterentwicklung, die gezielt für Nonresponder auf KVT entwickelt wurde und Techniken humanistischer Therapien integriert. Was spricht dafür bzw. dagegen, entsprechende Behandlungen mit den Krankenkassen auf diesem Wege abzurechnen?

Die Lobby spricht dagegen. Es hat zum Beispiel sechs Jahre (nach Beantragung) gedauert, bis EMDR beim Gemeinsamen Bundesausschuss als Methode anerkannt wurde.

Was spräche denn aus fachlicher Sicht dafür oder dagegen?

Eigentlich spricht alles dafür: Den Psychotherapeuten/-innen wäre es leichter möglich, ehrlich zu sagen, was sie genau tun. Aber ich glaube, dass niedergelassene Therapeuten gegenüber Kassen und Gremien häufig zu wenig selbstbewusst auftreten.

Interessant fand ich die Anmerkung, dass es inzwischen eine große Vielzahl von Methoden gibt, die bspw. von vielen Coachs oder Psychologischen Beratern scheinbar beliebig eingesetzt werden. Die „intuitive“ Auswahl bzw. Vorgehensweise basiert allerdings nicht selten auf (mehr oder weniger umfangreichen) praktischen Erfahrungen. Wenn es demnach nun aber bereits für „Experten“ schon nicht immer ganz einfach ist, sich für die „richtige“ Methode zu entscheiden, wie sollten Laien (also potenzielle Klienten/-innen bzw. Patienten/-innen) das dann tun? Was könnte ihnen hierbei helfen?

Die Laien können das nicht. Das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Therapeuten müssen den Patienten, die zu ihnen kommen, einen Therapievorschlag machen, die Methode erklären, ihre Wirkungsweise und ihre Nebenwirkungen und nach Möglichkeit auch die Evidenzlage. Dann kann der kranke Laie zurückfragen und entscheiden, ob er sich so eine Therapie zutraut oder nicht. Er braucht also Psychoedukation, um sich entscheiden zu können. Generell finde ich, dass der Betroffene die wesentliche Person bei der Entscheidung über Therapie ist. Therapeuten sollten sich nicht schlauer vorkommen, als ihre Klienten, bzw. alles tun, damit sich die Klienten sinnvoll entscheiden können.

Der Weg zum Psychologischen Psychotherapeuten ist äußerst steinig. Fleiß, hervorragende Leistungen sowie eine entsprechende Begabung scheinen allerdings nicht auszureichen, um ihn mit Erfolg beschreiten zu können. Viele junge Psychologen/-innen können sich eine solche Ausbildung einfach nicht leisten. Was halten Sie davon, das es gerade bei einem so anspruchsvollen Beruf wohl vor allem darauf ankommt (sozusagen als eines der entscheidenden Auswahlkriterien), über hinreichend finanzielle Mittel zu verfügen, um ihn erlernen und ausüben zu können?

Das ist kein Zustand, dass die Psychologen die Psychotherapieausbildung so teuer bezahlen müssen, was in vielen Fällen bedeutet, dass sich junge Menschen gleich zum Anfang ihrer Berufslaufbahn verschulden müssen! Vom Studium her bringen Psychologen sehr viel mit, um therapeutisch mit Menschen zu arbeiten. Man sollte sich hier von der Medizinerausbildung leiten lassen, die ja den Psychotherapietitel im Rahmen ihrer Facharztausbildung ohne zusätzliche Kosten bekommen.

Zitat: „Evidenzbasierte Psychotherapien sind ausnahmslos manualisiert und mit genauen Vorgaben zu ihrer Durchführung versehen. In der Praxis kann das zu Schwierigkeiten führen, wenn ein Therapeut im Laufe des Tages Patienten mit verschiedenen Diagnosen behandelt und sich dabei immer wieder auf andere Manuale beziehen muss.“

Wie kann man mit dieser Entwicklung sinnvoll umgehen? Sollten sich praktizierende Psychotherapeuten/-innen eventuell künftig vermehrt auf einzelne Störungsbilder spezialisieren?

Das wäre wahrscheinlich gut. Es setzt allerdings voraus, dass sich Therapeuten zu einem Verbund zusammen tun, der das ganze benötigte Spektrum an Therapie anbietet. Dann hätte der Einzelne genügend Zeit, mit den unterschiedlichen Therapien gründliche Erfahrungen zu sammeln.

Außerdem hat die Möglichkeit, immer mal wieder zu wechseln, durchaus ihren Charme. Immer nur Traumatherapie, oder immer nur mit chronischen Depressiven zu arbeiten kann sich schon aufs Gemüt schlagen. Auch die Supervision ließe sich so besser organisieren.

Zitat: „Die Stärke der störungsspezifischen Therapien liegt ohne Zweifel im evidenzbasierten Nachweis ihrer Wirksamkeit. Um diese Stärke nicht zu verlieren, müssen die Bedingungen genau einhalten, unter denen der Wirksamkeitsnachweis geführt wurde. Zur Überprüfung sind regelmäßige Supervisionssitzungen nötig. Es bestehen gewisse Zweifel, dass dieses Vorgehen auch unter den Bedingungen der niedergelassenen Psychotherapie überall beachtet wird.“

Natürlich ist eine regelmäßige Supervision mit einem gewissen Aufwand verbunden (Zeit und Geld) und gegebenenfalls auch unbequem. Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Gründe dafür, dass es Psychotherapeuten/-innen zu geben scheint, die sich diesem Prozedere entziehen? Und wie könnte man dieses Problem lösen?

Wahrscheinlich ist es sehr menschlich, dass wir nicht immer beaufsichtigt werden oder Rechenschaft ablegen wollen. Man kann auch in Therapie schön in den flow kommen, wenn sie gut läuft. Das Aufnahme- oder Videogerät ist da eher hinderlich. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal eine Sitzung zu Supervisionszwecken mitgeschnitten habe, natürlich mit dem Einverständnis der Patientin, und es lief von Minute zu Minute schlimmer, ich blockierte immer mehr und hätte das Teil am liebsten ausgeschaltet.

Das andere ist, dass Supervision bisher von den Kassen nicht gezahlt wird und das geht nicht. Supervision macht ja nur Sinn, wenn ganz normale Therapiesitzungen supervidiert werden und das ist ja nicht nur im Sinn der Therapeuten, sondern durchaus in dem der Klienten. Also gehört Supervision zur Therapie und muss entsprechend bezahlt werden.

Sie haben in Ihrem Vortrag u. a. über die Grundwirkkomponenten von Psychotherapie gesprochen und infrage gestellt, inwieweit sich aus ihnen störungsspezifische Manuale erstellen ließen? Welche Komponenten sind das genau? Und was spricht eigentlich gegen die Idee, sich bei der Konzeption von Manualen an diesen zu orientieren und entsprechende Interventionen vorzuschlagen?

Zur Zeit wird an den therapieübergreifenden Elementen ziemlich intensiv geforscht, bspw. von Prof. Lisa Schramm aus Freiburg oder Prof. Martin Bohus aus Mannheim. Es ist zu erwarten, dass dabei auch Impulse für die praktische Therapie herauskommen. Allerdings darf man nicht zu schnell zu viel erwarten, denn alle neuen Ideen und Impuse müssen natürlich auch erst wieder evaluiert werden.

Können Sie sagen, was da genau erforscht wird, und vielleicht auch die Komponenten benennen, um die es dabei geht?

Bei den „Grundwirkkomponenten“ geht es um Therapie-Elemente, die verschiedenen Therapien gemeinsam sind. Dabei zeichnet sich ab, dass Fertigkeiten wie Emotionsregulation und Bewusstsein für die eigene Emotionalität, das Verständnis für die Art und das Ausmaß an Empathie meines Gegenübers und die Fähigkeiten zur sozialen Kommunikation Grundmerkmale für psychische Störungen und auch Grundelemente sind, die in der Therapie sinnvoller Weise angegangen werden können.

Als Psychologe habe ich den Auftrag, angehende Psychologische Berater bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie auf ihre Prüfung sowie auf die praktische Tätigkeit vorzubereiten. Für diese Aufgabe, nämlich die professionelle Entwicklung meiner Teilnehmer/-innen zu fördern und zugleich einen Raum zu schaffen, in dem Selbsterfahrungen möglich sind, habe ich allerdings nur ein sehr begrenztes Kontingent an Stunden zur Verfügung. Worauf sollte ich hierbei Ihrer Meinung nach besonders achten, damit diese (knappe) Zeit wirklich sinnvoll genutzt werden kann?

Folgende Fragen sollten dabei meiner Ansicht nach im Vordergrund stehen:

  1. Wie gehe ich respektvoll mit den Menschen um, die zur Beratung oder Therapie kommen? Hierbei spielt m. E. vor allem die therapeutische Haltung eine wichtige Rolle, die von bedingungsfreier Wertschätzung, Empathie und Kongruenz (Echtheit) geprägt sein sollte.
  2. Ist das Problem, das von dem Klienten bzw. der Klientin vorgetragen wurde, wirklich bearbeitet worden? Welchen Auftrag habe ich als Berater oder Therapeut? Wurde das Ziel erreicht (Evaluation)? Welche Bedeutung hat eine Supervision?

Wichtig ist es zudem, eventuelle Suizidgedanken der Klienten/-innen ernst zu nehmen!

Hier finden Sie eine Rezension.

In Ihrem Buch „Bin ich psycho… oder geht das von alleine weg?“ beschreiben Sie auf beeindruckende Weise verschiedene Störungsbilder aus Sicht der Betroffenen. Welche Rückmeldungen haben Sie von Ihren Lesern/-innen bekommen?

Es gibt viele differenzierte, in anspruchsvollem Stil geschriebene Bücher über Psychiatrie und psychische Störungen, bei denen man das Gefühl hat, es ginge ihnen letztlich gar nicht darum, für die Betroffenen verständlich zu schreiben. Die Menschen sollten aber verstehen können, was sie betrifft. Sprache hat schließlich ein großes Potenzial, sich selbst wiederzuerkennen. Oft bekam ich die Rückmeldung, ein empathisches Verständnis für die Betroffenen zu zeigen.

Prof. Dr. Josef Aldenhoff war viele Jahre Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Heute ist er vorrangig als Psychotherapeut, Coach, Berater und Autor tätig.

Kontakt: http://www.josef-aldenhoff.de

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Die Schlüssel zum verlorenen Selbst

Haben Sie schon einmal eine Phase durchgemacht, in denen Ihr Leben keinen Wert mehr zu haben schien und Ihnen jeder Blick in die Zukunft ein Gefühl der Sinnlosigkeit vermittelte? Haben Sie sich zu dieser Zeit vielleicht in einem Gedankenkarussell verfangen und wurden geplagt von zermürbenden Gemütszuständen? Wissen Sie, wie es ist, sich lust- und freudlos von Tag zu Tag zu schleppen? Können Sie sich vorstellen, wie absurd es dann wohl ist, wenn man dazu aufgefordert wird, positiv zu denken oder sich eine Zukunft auszumalen, in der alle Probleme gelöst seien?

Das Problem mit dem Problem

Aus manchen Phasen einer schweren Depression scheinen selbst höchst wirkungsvolle Fragetechniken (wie bspw. die Wunderfrage) oder (meta-)kognitive Strategien, die einer funktionalen Selbststeuerung normalerweise dienlich sind (z.B. „positives Denken“), nicht herauszuhelfen. Das habe ich bereits selbst erfahren müssen. Deshalb habe ich mir im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder die Frage gestellt, wie sich das eigentlich erklären lässt? Warum ist es so, dass eine Intervention in dem einen Fall wirkt bzw. in einem anderen nicht?

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Schwierige Lebensumstände oder seelische Krisen vernebeln nicht selten die Sicht auf ein erstrebenswertes Ziel. Gewisse Erlebnisse sind leider unglaublich furchtbar, unsagbar ungerecht oder einfach nur traurig. Wie kann es den Betroffenen in Anbetracht vielleicht schlimmster (Vor-)Erfahrungen überhaupt noch möglich sein, eine positive Zukunftsvision zu entwickeln? Auf welche Weise wirken lösungsorientierte Fragen und warum verfehlen sie manchmal ihr Ziel? Welche Rolle spielt die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren, und wieso ist es für das Finden einer Lösung nicht immer egal, wie sich ein Problem anfühlt oder wodurch es entstanden ist? Diese Fragen lassen sich alle unter Hinzunahme einer neuen Persönlichkeitstheorie – der PSI-Theorie – recht gut beantworten, was die Ableitung nützlicher Strategien, mit deren Hilfe eine funktionale Selbstwerdung gelingen kann, deutlich erleichtert.

Bereits das Stressmodell von Richard Lazarus geht davon aus, dass Menschen bei der Bewertung von potenziellen Stressoren stets anhand der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen überprüfen, ob sie sich diesen gewachsen fühlen. Dazu gehören neben einem unterstützenden, sozialen Netzwerk z.B. auch Selbstwirksamkeitserwartungen und Kontrollüberzeugungen sowie ein angemessener Optimismus. Letztendlich sind dies jene Faktoren, die eine Aussage darüber erlauben, wie widerstandsfähig bzw. resilient ein Mensch ist. Ratgeber, die sich mit diesem Themen befassen, findet man inzwischen wahrscheinlich in nahezu jedem gut sortierten Bücherregal. Welche der vielen Anregungen oder Tipps, die darin gegeben werden, allerdings im konkreten Einzelfall wirklich hilfreich sind, ist dann aber wohl doch eine recht individuelle Angelegenheit.

Die PSI-Theorie eröffnet neue Einsichten, warum das so ist und welche Handlungsoptionen sich daraus ergeben. Da das Modell allerdings sehr komplex ist, möchte ich ihren Urheber mit dem folgenden Zitat beim Wort nehmen und einen ersten Deutungsversuch wagen:

„Die PSI-Theorie wirbt [nun also] dafür, sich von den liebgewonnenen Vereinfachungsillusionen zu verabschieden und sich auf ein wenig mehr Komplexität einzulassen. Dazu reicht es zunächst einmal vier Funktionssysteme zu unterscheiden und zu lernen, wie ihre Interaktionen durch zwei motivationale Systeme gesteuert werden (d.h. durch das Belohnungs- und das Bestrafungssystem und die damit verbundenen positiven und negativen Affekte).“ Prof. Dr. Julius Kuhl

Eine neue Persönlichkeitstheorie

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Im Zweig der Persönlichkeitspsychologie geht es grundsätzlich um die Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung des individuellen Erlebens und Verhaltens. Lange Zeit dominierte hierbei der sogenannte “Trait”-Ansatz die Forschung, der mit der Entwicklung der sogenannten “Big Five” (Angleitner, Ostendorf & John, 1990) nochmals Aufwind bekam. Leider aber lässt sich ein spezifisches Verhalten in einer konkreten Situation nur schwerlich auf Grundlage einer Eigenschaft (oder mehrerer) vorhersagen, da Individuen in der Regel nicht immer so auf ihre Umgebung reagieren, wie es die (zuvor ermittelte) Ausprägung dieser erwarten ließe. Die transsituative Inkonsistenz des Verhaltens wird erst verständlich, wenn man die motivationale Ebene betrachtet. Bereits Gordon Allport (1937, S. 218) bemerkte diesbezüglich: “Motivation is the go of personality, and is, therefore, our most central problem”. Immer wieder wird seither bekräftigt, dass das Wissen über die Arten von Zielen, die Individuen in sozialen Interaktionen verfolgen, wichtig für das Verständnis von Persönlichkeit ist. Gängige Modelle unterschieden hierbei zwischen Motiven, die sich größtenteils in der Lebensphase vor dem Spracherwerb herausbilden und die das Individuum fortan durch den Einfluss dieser in der Vergangenheit liegenden Erfahrungen antreiben, sowie den in der Zukunft liegenden Zielen, die eine Person (bewusst) erreichen möchte. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es eine begrenzte Anzahl von (weitgehend unbewussten) Motiven gibt, die bei verschiedenen Individuen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind und sich abhängig von situationalen Bedingungen im Verhalten manifestieren können. Wie es trotz dieser offensichtlichen Unklarheit gelingen kann, „stimmige“ Entscheidungen zu treffen, die handlungsleitend werden, darauf gibt die PSI-Theorie nützliche Antworten.

Die Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) von Julius Kuhl (ehem. Professor für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie, Universität Osnabrück) ist eine Theorie der willentlichen Handlungssteuerung, die motivationale, volitionale, kognitive, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologische Modelle bzw. Theorien integriert. Während viele andere Modelle (z.B. die „Big Five“) lediglich einen beschreibenden (deskriptiven) Charakter haben und die (statistisch) aufgedeckten Zusammenhänge (i.d.R.) nicht bzw. nicht hinreichend erklären, lassen sich aus der PSI-Theorie Annahmen ableiten, die ein tieferes bzw. erweitertes Verständnis des individuellen Erlebens und Verhaltens ermöglichen.

Erkenntnistheoretisch steht bei diesem Modell u. a. die Frage im Vordergrund, wie Menschen vom Wollen ins Handeln kommen (oder eben auch nicht). Wie sich eine Persönlichkeit entwickelt bzw. wie diese sich in spezifischen Situationen verhält, ist aus Sicht der PSI-Theorie vor allem davon abhängig, wie sich die Kommunikation zwischen ihren vier Erkenntnissystemen gestaltet bzw. wie gut diese gelingt. Jedes System erfüllt spezifische Aufgaben, die erst in ihrem zweckmäßigen Zusammenspiel zu dem führen, was Carl Rogers als „fully functioning person“ bezeichnet.

Dem Modell zufolge gibt es – kurz gesagt – also jeweils ein System,

  1. das für die Planung eines Vorhabens (Intentionsgedächtnis),
  2. dessen Ausführung (intuitive Verhaltenssteuerung),
  3. für die Analyse (Objekterkennungs-System) eventuell auftretender Probleme oder Schwierigkeiten zuständig ist und
  4. eines, das als Ratgeber fungiert (Extensionsgedächtnis).

Eine etwas ausführlichere Beschreibung der vier Erkenntnis- bzw. kognitiven Makrosysteme (siehe Tabelle) finden Sie hier: „PSI-Theorie-light“ von Prof. Dr. Julius Kuhl.

Wie sich das Zusammenspiel der einzelnen Wahrnehmungskanäle („Worauf achte ich?“ bzw. „Wie nehme ich meine Umwelt wahr?“), der damit verbundenen Makrosysteme und den verschiedenen Affektlagen gestaltet und ggf. steuern lässt, wird in der PSI-Theorie durch die sieben Modulationsannahmen beschrieben (Kuhl 2001):

→ Zwei Basismodulationsannahmen:

  • Willensbahnung: „Die Generierung von positivem Affekt beseitigt die Hemmung der Verbindung zwischen dem IG und der IVS, so dass Absichten vom IG zur IVS transportiert und umgesetzt werden können.
  • Selbstbahnung: „Die Herabregulierung von negativem Affekt bahnt den hemmenden Einfluss des EG auf das OES, so dass inkongruente Objektwahrnehmungen zugunsten eines ganzheitlichen Überblicks verhindert werden.

→ Weitere Modulationsannahmen:

  • Ausführungshemmung: Je stärker das IG aktiv ist, umso stärker wird die Verbindung zur IVS gehemmt. Voreiliges Umsetzen von Absichten wird verhindert.
  • Selbstberuhigung: Die Aktivierung des EG führt zu einer Herabregulierung von negativem Affekt. Unkontrollierbares Grübeln wird verhindert.
    → „Das ist doch nicht so schlimm.“
  • Selbstmotivierung: Die Aktivierung des EG erhöht die Aktivierung von positivem willensbahnenden Affekt, wodurch intrinsisch motiviertes Handeln möglich wird.
  • Selbstverwirklichung: Voraussetzung für Selbstwachstum und selbstkongruentes Handeln ist der ausgewogene Wechsel zwischen positiven und negativen Affektlagen und ihrer Herabregulierung („emotionale Dialektik“).
  • Intra- und intersystemische Penetration: Je komplexer ein Makrosystem oder ein spezifisches Untersystem entwickelt ist, desto höher und länger anhaltend muss die Intensität der Aktivierung eines Affekts sein, damit dieses Makro- oder Mikrosystem aktiviert werden kann.

Die neuronale Vernetzung bzw. die Kommunikation zwischen den vier Makrosystemen wird also vor allem durch die Regulation positiver und negativer Affekte gesteuert. Der Selbstkonditionierungs-Hypothese zufolge werden die Fähigkeiten der Affektregulation bereits während der frühkindlichen Sozialisation erworben. Indem die Mutter auf die Bedürfnisse des Kleinkindes in einer zeitlich und inhaltlich abgestimmten Weise reagiert, werden im Sinne einer klassischen Konditionierung bei diesem Verbindungen zwischen dem Selbstsystem (EG) sowie den jeweiligen affektgenerierenden Systemen gebahnt. Irgendwann sollte das Kind im Idealfall folglich in der Lage sein, diese Verbindungen selbst herzustellen und sich von dem affektregulierenden Einfluss der Mutter unabhängig zu machen. Hierbei kann es jedoch zu Störungen unterschiedlichster Art kommen, die sich unter Zuhilfenahme der PSI-Theorie transparent machen lassen. Das Modell bietet folglich Erklärungen für die Entstehung zahlreicher Entwicklungsstörungen – aber auch psychischer Probleme (z.B. für das Phänomen der Prokrastination) – an und lässt erkennen, wie ihnen wirkungsvoll begegnet werden kann und warum das so ist.

Die Kraft der Emotionen

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Fritz Perls (1979) schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“ Eine solche Sichtweise halte ich grundsätzlich für hilfreich, um zu verstehen, warum es für die Entwicklung einer psychisch stabilen Persönlichkeit hinderlich sein kann, schmerzvolle Empfindungen aus Gründen des Schutzes dauerhaft vom eigenen Erleben abzuspalten oder zentrale Bedürfnisse zu ignorieren.

War es also aus irgendeinem Grund bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder waren die Befürchtungen zu groß, es sei zu egoistisch, zu belastend oder sehr beängstigend, sich mit den entsprechenden Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass die schmerzvollen Empfindungen aus Gründen des Schutzes vom eigenen Erleben abgespalten und die mit ihnen verbundenen Bedürfnisse womöglich dauerhaft ausgeblendet bzw. vernachlässigt werden.

Die PSI-Theorie postuliert nun, dass die Fähigkeiten der Emotionsregulation (vgl. „emotionale Erst- bzw. Zweitreaktion“) erlernt werden können, weshalb auch ein dysfunktionaler Bewältigungsstil, der im Extremfall zu einer psychischen Störung führen kann, (z.B. im Rahmen einer Therapie) grundsätzlich modifizierbar ist. Sie ist also nicht so „statisch“ wie viele andere Modelle. Verdeutlichen lässt sich dies m. E. ganz gut mit dem folgenden Zitat: „Nicht wie der Wind weht, sondern wie wir die Segel setzen, darauf kommt es an!“

→ Emotionale Erst- und Zweitreaktion

  • Bei der emotionalen Erstreaktion treten Emotionen spontan auf (abhängig vom Temperament, den vorherrschenden Motiven, den konditionierten Reaktionsmustern etc.). Die Zweitreaktion stellt sich aufgrund einer (mehr oder weniger) bewussten Affektregulation ein.
  • Beispiel: Angst vor Dunkelheit (→ emotionale Erstreaktion), Selbstberuhigung durch Summen (Beruhigung → emotionale Zweitreaktion)

Obwohl des Erlernen eines funktionalen Umgangs mit Gefühlen natürlich in den meisten Therapieverfahren ein zentrales Thema ist, scheint insbesondere die Schematherapie von Jeffrey Young selbst bei „schwierigsten Fällen“ (z.B. bei Persönlichkeitsstörungen) Anlass zu einem derartigen Optimismus zu geben. Nachdem die Kernprobleme (z.B. intensive negative Gefühle, Vermeidung, Unterwerfung, Überkompensation, Selbstabwertung oder übertriebener Perfektionismus) herausgearbeitet und den entsprechenden Modi bzw. Schemata zugeordnet wurden, wird in diesem Verfahren neben kognitiv-behavioralen Techniken u.a. auch mit emotionsfokussierenden bzw. gestalttherapeutischen Methoden (bspw. der „Stuhltechnik“) gearbeitet, deren konzeptionelles Fundament u.a. das Erlangen einer „Awareness“ vorsieht, die dem sehr ähnelt, was man heutzutage mit „Achtsamkeit“ verbindet.

Die Bedürftigkeit des Menschen

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Am Anfang der Entwicklung eines Individuums steht das Urvertrauen im Vordergrund, d.h. das unbedingte Vertrauen in die Vorstellung, dass sich in dieser Welt, in der es sich willkommen fühlen darf, alle Bedürfnisse weitgehend befriedigen lassen! Eine irgendwie vergleichbare Erfahrung hat jedenfalls jeder Mensch während seiner Zeit im Mutterleib gemacht. Hier war die Verbundenheit mit einem anderen Menschen vollkommen und das Gehirn belohnte den Organismus zudem automatisch für jeden vollzogenen Entwicklungsschritt. Mit der Geburt jedoch muss dieses „Paradies“ verlassen werden. Ein Säugling ist nun darauf angewiesen, eine empathische und liebende Umgebung vorzufinden. Bekundungen von Gefühlszuständen oder Erregung lassen sich als Hinweise auf seine dahinterliegende Bedürfnisse auffassen. Die Art, wie die Bezugspersonen damit umgehen, entscheidet darüber, wie gut ein solcher Umgang dem Säugling später wohl selbst gelingen wird. Geht die Umwelt also auf entsprechende Äußerungen oder Bekundungen ein, d.h. ist die Interaktion mit dieser erfolgreich, werden die Emotionen abgefedert, die Reaktionen der Erwachsenen hingegen werden abgeguckt, abgespeichert und ggf. künftig im Selbstdialog abgerufen. Tut sie das nicht, werden ggf. Abwehrmechanismen aktiviert, um den Leidensdruck spürbar zu reduzieren, was in so manchem Fall zu psychischen Störungen führen kann. So können sich sogenannte „subjektive Imperative“ herausbilden, also „innere Stimmen, die befehlen, dass etwas auf eine ganz bestimmte Art und Weise geschehen muss bzw. dass etwas auf gar keinen Fall geschehen darf, und die gleichzeitig verlangen, dass von dieser Vorstellung nicht abgewichen werden darf“ (Dehner & Dehner, S. 78). Die Bedeutung der Imperative wurde bereits in der Transaktionsanalyse erkannt. Einschärfungen und Antreiber sind dort entsprechend formuliert.

Meldet sich ein Bedürfnis nun bzw. löst es einen Zustand spürbarer Erregung aus, prüft das Individuum also, welche Möglichkeiten es hat, dieses unter den gegebenen situativen Bedingungen zu befriedigen. Sollte das unmittelbar möglich sein und sind dabei (den bisherigen Erfahrungen zufolge) keine nennenswerte Hindernisse zu erwarten, frohlocken positive Gefühle. Die Wahrnehmung sowie die Bewertung der Situation beruhen allerdings auf Grundlage konditionierter Muster, sind also abhängig von jenen individuellen Erfahrungen, die mit vergleichbaren Gegebenheiten in der Vergangenheit gemacht wurden. Stehen gewohnte bzw. hinreichend vertraute Optionen zur Verfügung, führt dies im Optimalfall zu einer prospektiven Handlungsorientierung, die die IVS aktiviert und ein Flow-Erleben ermöglicht.

Welche Bedürfnisse können sich zu Wort melden?

→ Soziale Bedürfnisse:

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  • Habe ich ausreichend Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten?
  • Bekomme ich hinreichend Zuwendung?
  • Wird mir genügend Aufmerksamkeit geschenkt? Werde ich beachtet?
  • Fühle ich mich anderen Menschen zugehörig oder sogar mit ihnen verbunden?
  • Werde ich von meinen Mitmenschen respektvoll und wertschätzend behandelt?
  • Fühle ich mich (grundsätzlich) von ihnen verstanden?

→ Sicherheitsbedürfnisse:

  • Kann ich darauf vertrauen, dass sich die Dinge in meinem Sinne entwickeln werden?
  • Darf ich mich (hier) sicher fühlen?
  • Fühle ich mich geborgen?

→ Ich-Bedürfnisse:

  • Betrachte ich mich selbst als wertvoll? Wird mir hinreichend gespiegelt, dass ich liebenswert bin?
  • Fühle ich mich in der Lage, Dinge selbst beschicken zu können? Habe ich genügend Einfluss?
  • Fühle ich mich frei? Darf ich so sein, wie ich bin?
  • Darf ich mich so verhalten bzw. so leben, wie ich es möchte?
  • Kann ich mich hier entfalten?

Solange sämtliche Fragen mit „ja“ beantwortet werden, besteht keine Gefahr! Das Verhalten kann also (soweit dem Organismus das bereits möglich ist) weitgehend intuitiv gesteuert werden (IVS).

Verfehlte Selbstwerdung & Reparaturarbeiten

Wird einem Kind schon früh gespiegelt, dass gewisse Gefühle oder Bedürfnisse (scheinbar) nicht akzeptabel sind, kann das leicht dazu führen, dass es Mechanismen entwickelt, um diese aus dem eigenen Selbstbild zu eliminieren. Eine solche „Abspaltung“ kann jedoch im weiteren Verlauf des Lebens erhebliche Probleme zur Folge haben. Zu einer gelingenden Selbstwerdung gehört es nämlich, auch unangenehme Gefühle zuzulassen und die Verantwortung für jene Bedürfnisse zu übernehmen, die vielleicht gerade nicht so passend bzw. sozial erwünscht sind oder deren Integration in das eigene Selbstbild Schwierigkeiten bereitet.

Durch fokussierende Fragestellungen und verschiedene Methoden zur Steigerung der Selbstwahrnehmung können Zugänge zu diesen Aspekten des Selbst erarbeitet werden, um mit ihnen (wieder) in Kontakt zu kommen. Durch eine Erweiterung der Bewusstheit („Awareness“) bzw. durch die (Weiter-)Entwicklung einer sogenannten „sinnlichen Reflexivität“ können entsprechende Blockaden überwunden werden, was es den Betroffenen ermöglicht, die Verantwortung für das eigene Verhalten bewusst zu übernehmen. Entweder kann sich dann für ein Festhalten an dem Bewährten oder für eine einzuleitende Veränderung entschieden werden. So lassen sich Erstarrungen bzw. dysfunktionale Wahrnehmungs- und Interaktionsmuster nachhaltig auflösen und Handlungsspielräume schrittweise erweitern. Methoden, die auf Emotionen fokussieren, geben also keine Lösungen vor, sondern tragen dazu bei, die Selbstverantwortlichkeit und Autonomie zu steigern, indem sie dabei helfen, mit dem Inneren (d. h. mit unerwünschten Gefühlen oder Bedürfnissen sowie mit abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen) Kontakt aufzunehmen und in einen Dialog zu treten.

Unabhängig von der sogenannten emotionalen Erstreaktion (s. u.), die sich auch künftig weiterhin einstellen wird, lassen sich dann Strategien der Emotionsregulation erlernen (z.B. Selbstberuhigung, Selbstmotivation etc.), die zu einer gelingenden Kommunikation zwischen den verschiedenen Makrosystemen beitragen und dem Individuum auf diese Weise eine funktionale Selbststeuerung ermöglichen. Hierbei ist es selbstverständlich erforderlich, Belastungsgrenzen rechtzeitig zu erkennen und ggf. (therapeutisch) stützend oder schützend einzugreifen. Funktional ist die Selbststeuerung übrigens dann, wenn sie dem Wohlbefinden sowie der seelischen Gesundheit eines Individuums dienlich ist bzw. wenn sie sich positiv auf die Interaktion mit dessen sozialer Umwelt auswirkt. Tut sie das nicht, wird sie als „dysfunktional“ betrachtet.

Auch das Kernstück der Kognitiven Verhaltenstherapie – die kognitive Umstrukturierung – sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden: Im Rahmen eines sokratischen Dialogs können bspw. durch Fragen nach empirischen Beweisen und der logischen Konsistenz des Denkens, nach einer realistischen Neubewertung künftiger Situationen und Ereignisse oder solchen, die hilfreich dabei sind, den hedonistischen Wert von Bewertungen einzuschätzen, dysfunktionale (Grund-)Annahmen modifiziert werden. Grundsätzlich geht es hierbei also darum, jene Einstellungen bzw. Gedanken zu betrachten und ggf. zu verändern, mit denen sich die Betroffenen selbst im Weg stehen. Kurz gesagt: Natürlich beeinflussen Gedanken unsere Gefühle. Sind diese überwiegend negativ, wirkt sich das auch auf die Stimmung aus und kann im schlimmsten Fall bspw. zu einer Depression oder Angststörung führen. Von besonderer Bedeutung hierbei ist jedoch der kognitive Stil, der darüber entscheidet, wie wir mit gewissen Erfahrungen umgehen und diese verarbeiten bzw. wie wir es gewohnt sind, über uns und unsere Umwelt nachzudenken. So können z.B. eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen oder kritischen Lebensereignissen sowie verschiedene Techniken der Emotionsregulation davor schützen, ins bloße Grübeln zu verfallen oder sich den eigenen Gefühlen machtlos ausgeliefert fühlen zu müssen.

Ins Handeln kommen…

Entwickelt das Individuum nun eine Handlungsstrategie, die Erfolg zu versprechen scheint, bahnen positive Gefühle (bspw. Hoffnung, Zuversicht etc.) die Aktivierung der IVS („Selbstmotivierung“). Die Konsequenzen der durchgeführten Handlung können nun erlebt und in das EG integriert werden. Dies ist jedoch nur solange möglich, wie die Aktion von überwiegend positiven Gefühlen begleitet wird. Führt diese hingegen nicht zu dem gewünschten Ergebnis bzw. löst sie Frustration aus, wird die IVS gehemmt und das OES erneut aktiviert. Die Handlung wird unterbrochen und die Suche nach Lösungen fortgesetzt. Der Fokus verengt sich hierbei allerdings auf das rationale Denken, da der Zugang zum EG zeitweise blockiert ist. Lassen sich die negativen Gefühle vielleicht aufgrund der (neuen) Erkenntnisse hinreichend eindämmen oder sogar auflösen („Selbstberuhigung“), aktiviert das IG die IVS erneut, wobei das Wissen aus dem OES nun in diese eingespeist werden kann.

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Das IG ermöglicht es, verschiedene Zielvorstellungen und Pläne zu entwickeln sowie ihren Nutzen und ihre Chancen anhand rationaler Kriterien einzuschätzen. Beschäftigt sich ein Individuum also bewusst mit der Lösung von (möglicherweise) auftretenden Schwierigkeiten und definiert entsprechende Ziele, kann zunächst noch nicht überprüft werden, wie „stimmig“ sich diese für das EG anfühlen. Die Kommunikation mit dem EG kann z.B. durch die Freude über die Erwartung einer gelingenden Auflösung jeglicher Eventualitäten („positive Zukunftsvision“) gebahnt werden. Daraufhin kann das EG das Vorhaben nun emotional bzw. hinsichtlich seiner gefühlten Stimmigkeit bewerten. Allerdings sind diesem spezifische oder konkrete Ziele eher fremd. Wie erstrebenswert ein Ziel für das EG ist, kann mittels somato-affektiver Signale überprüft werden, die Antonio Damasio (1994) zufolge „somatische Marker“ genannt werden. Gemeint ist damit eine automatische Körperreaktion auf die emotionale Befindlichkeit, die bspw. als Alarm- oder Startsignal für eine Handlung mit einem bestimmten Ereignis verknüpft ist bzw. ein zielgerichtetes Verhalten initiiert. Rationale Begründungen spielen (anders als beim IG) hierbei keine Rolle. Obwohl das EG zwar sehr schnell arbeitet und das kritische Ereignis mit (nahezu) unendlich vielen in diesem Zusammenhang möglicherweise relevanten Erfahrungen abgleicht, meldet es uns zunächst also lediglich zurück, ob und inwieweit ein eventuelles Vorhaben tatsächlich attraktiv bzw. stimmig für uns ist, und es kann uns ggf. Wege aufzeigen, wie wir mit ähnlichen Gegebenheiten in der Vergangenheit bereits erfolgreich umgegangen sind.

Fazit

Dominieren negative Emotionen (Trauer, Wut, Enttäuschung etc.) das Erleben, scheinen diese den Zugang zu unserem Erfahrungswissen – also dem EG – zeitweilig zu blockieren. Das erklärt, welche Bedeutung dann einer mitfühlenden Haltung („Compassion“) zukommt, aus der heraus ein Gespräch in einem solchen Fall geführt werden sollte: Sie macht es den Betroffenen überhaupt erst wieder möglich, sich allmählich für eine Zukunftsvision zu öffnen, indem sie es ihnen erlaubt, sich in dem eigenen Leid gesehen und trotzdem angenommen zu fühlen. Diese Erfahrung fördert folglich die Bereitschaft, mit dem eigenen Selbst wieder in Kontakt zu treten. (Vgl. „Wenn das Leid zu groß für eine Lösung ist…“)

Erst jetzt können lösungsorientierte Fragestellungen ihre volle Wirkung entfalten. Da kaum ein Problem zu jeder Zeit gleichermaßen intensiv erlebt erlebt wird, kann nun bspw. nach jenen Situationen gefragt werden, in denen das Problem entweder weniger groß oder gar nicht vorhanden ist. Die Fokussierung auf diese Ausnahmen, d.h. auf jene Erlebnisbereiche, die ein Problem weniger schlimm erscheinen lassen oder die sogar die Zuversicht wecken, dass man selbst etwas zur Verbesserung der eigenen Lage beitragen kann (Selbstwirksamkeit), bewirkt im Idealfall eine Herabregulierung des negativen Affekts und sie macht es dem Individuum somit wieder möglich, auf sämtliche Erfahrungen zuzugreifen, die es im EG abgespeichert hat. Die Fixierung auf inkongruente Objektwahrnehmungen (OES) weicht folglich einer ganzheitlichen Sichtweise (EG). Offenbart sich zugleich ein erstrebenswertes Ziel, das mit positivem Affekt einhergeht, lassen sich entsprechende Absichten vom IG zur IVS transportieren und können daraufhin umgesetzt werden (Willensbahnung).

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Die Wahrscheinlichkeit, mit der eine therapeutische Intervention ein wünschenswertes Ergebnis erzielt, ist also im hohen Maße abhängig davon, an welcher Stelle sie zum Einsatz kommt. Möchte man Klienten in ihrem Prozess der Selbstwerdung unterstützen, sollte man demnach zunächst genau hinschauen (z.B. im Rahmen einer „Ortsbegehung“ oder einer SORKC-Analyse) und verstehen, worin die individuellen Schwierigkeiten überhaupt begründet liegen. Das ist zwar eine Binsenweisheit, die in der Praxis aber aufgrund persönlicher Präferenzen für bestimmte Methoden leicht übersehen werden kann bzw. nicht selten sogar komplett ausgeblendet wird.

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Literaturhinweise:

  • Allport, F.H. (1937). Teleonomic description in the study of personality. Character and Personality, 5, 202-214.
  • Angleitner, A., Ostendorf, F. & John, O.P. (1990). Towards a taxonomy of personality.
  • Bamberger, Günter G. (2015). Lösungsorientierte Beratung (5. Auflage). Beltz Verlag.
  • Damasio, Antonio R. (1994). Descartes‘ Error. GP Putnam’s Sons.
  • Dehner, Ulrich & Dehner, Renate (2016). IntrovisionCoaching. managerSeminare Verlags GmbH.
  • Faßbinder, Eva, Schweiger, Ulrich & Jacob, Gitta (2011). Therapie-Tools: Schematherapie. Beltz Verlag.
  • Kuhl, Julius (2015). Spirituelle Intelligenz. Glaube zwischen Ich und Selbst. Verlag Herder.
  • Kuhl, Julius & Storch, Maja (2012). Die Kraft aus dem Selbst: sieben PsychoGyms für das Unbewusste. Hogrefe.
  • Kuhl, J. & Koole, S. (2005). Wie gesund sind Ziele? Intrinsische Motivation, Affektregulation und das Selbst. In: R. Vollmeyer & J. C. Brunstein (Hrsg.). Motivationspsychologie und ihre Anwendung (S. 109–130). Kohlhammer.
  • Kuhl, Julius (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme. Hogrefe.
  • Perls, F. S. (1979). Gestalttherapie Praxis. Ernst Klett Verlag für Wissen und Bildung GmbH.
  • Storch, Maja & Krause, Frank (2007). Selbstmanagement-ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Züricher Ressourcen Modell (ZRM). 4. vollständig überarbeite Auflage. Verlag Hans Huber.
  • Wells, A. (2009). Metacognitive Therapy for Anxiety and Depression. Guilford.
  • Zarbock, Gerhard (2012). Das Konzept Identität in der Verhaltenstherapie- In: Hilarion G. Petzold (Hrsg.). „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Die Vielfalt therapeutischer Angebote – Interview mit Prof. Dr. Heidi Möller

Prof. Dr. Heidi Möller

Prof. Dr. Heidi Möller

„Macht mir mal das Symptom weg!“ Immer wieder werde ich von Klienten danach gefragt, zu welcher Therapieform ich ihnen (nach einer kurzen Schilderung der individuellen Problematik) raten würde? Eine Expertin, die darauf sicher schlüssige Antworten zu geben weiß, ist Frau Dr. Heidi Möller. Sie ist Professorin des Fachbereichs „Theorie und Methodik der Beratung“ am Institut für Psychologie der Universität Kassel.

Sie hat die Ausbildungen der gängigen Psychotherapien (Grundausbildung in Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapeutische Ausbildung, Graduierung zur Integrativen Therapeutin, Fachkundenachweis Tiefenpsychologie, Psychoanalyse) absolviert, ist zertifizierte Lehrtherapeutin sowie Organisationsberaterin und Supervisorin. Zudem hat sie sich im Rahmen verschiedener Publikationen mit zentralen Aspekten des Coachings beschäftigt. Das finde ich deshalb besonders interessant, weil es vielen Menschen trotz der immer besser werdenden Aufklärung scheinbar nicht leicht fällt, sich bei Bedarf aus den Bereichen Psychotherapie oder Coaching das passende bzw. indizierte Angebot herauszusuchen. Die Unübersichtlichkeit des Marktes, (oftmals) fehlende Transparenz und eine nicht immer eindeutig ersichtliche Differenzierung der Zielgruppen und Wirkmechanismen sind mögliche Gründe dafür.

Im Folgenden finden Sie die Zusammenfassung eines telefonischen Interviews (mit einigen Texten der Professorin ergänzt), das ich mit Dr. Heidi Möller führen durfte. Ziel des Gesprächs war es, etwas Licht in den Psychotherapie- und Coaching-Dschungel zu bringen.

1. Warum haben Sie sich für ein Psychologie-Studium entschieden?

Ich habe meinen Vater früh verloren und war mir seitdem klar darüber, dass ich Psychologin bzw. Psychotherapeutin werden möchte. Das hatte sicher viel damit zu tun, dass ich schon früh in eine sehr verantwortliche Rolle kam, meine Brüder großgezogen habe und mich zudem um meine Mutter kümmerte, die nach dem Tod ihres Ehemannes nicht mehr so richtig zurück ins Leben fand. Es entspricht zwar einem Klischee, auf diese Weise motiviert einen solchen Beruf zu ergreifen, allerdings können derlei Beweggründe auf früh erworbene Kompetenzen verweisen, dass man sich als jemand erlebt hat, der für Menschen in Not Einfühlungsvermögen hat. Wichtig dabei ist allerdings, dass diese Motivation im Rahmen der psychotherapeutischen Ausbildung bzw. Selbsterfahrung hinreichend reflektiert wird. Wurden diese Motive sowie die eigene Vergangenheit (inklusive eventueller Traumatisierungen, kritischer Lebensereignisse etc.) gut aufgearbeitet, können insbesondere selbst einst krisengeschüttelte Therapeuten bei den Patienten die Zuversicht wecken, ihre jetzigen Schwierigkeiten zu bewältigen. Kurz gesagt entspricht das der Theorie eines „wounded healers“.

2. Sie sind in mehreren Therapieverfahren geschult. Warum haben Sie sich nicht – wie die meisten Ihrer Kollegen/-innen – mit einer Ausbildung begnügt?

Anfang der 1980er Jahre, als die Psychotherapie rechtlich noch nicht geregelt war, konnte man bereits während des Studiums mit einer entsprechenden Ausbildung beginnen. Also absolvierte ich noch zu meiner Studienzeit eine Grundausbildung zur Gesprächspsychotherapeutin, stellte aber fest, dass das kein Verfahren ist, das meiner Persönlichkeit entspricht. Es folgten eine verhaltenstherapeutische und eine gestalttherapeutische Ausbildung sowie eine Weiterbildung zur Lehrtherapeutin für Gestalttherapie. Für eine saubere Diagnostik und ein vertieftes Verstehen von Menschen zog es mich dann allerdings noch zur Psychoanalyse. Für meine didaktische Arbeit an der Universität ist diese Mischung ideal. So kann ich einen bestimmten Fall bspw. aus der Perspektive eines Verhaltenstherapeuten betrachten und mit der eines Tiefenpsychologen oder Gestalttherapeuten vergleichen.

Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass sich nur ein ganz kleiner Teil des Therapieerfolgs durch die sogenannte therapeutische Technik erklären lässt. Einst ging man von ca. 10 Prozent aus. Heute ist man sogar noch vorsichtiger und spricht von einem Wert im einstelligen Bereich. Das bedeutet, dass die Methode, die man anwendet, eigentlich sekundär ist. Wichtiger ist die Tragfähigkeit der therapeutischen Beziehung. Wie diese gestaltet wird, hängt vor allem von der Reife bzw. der persönlichen Entwicklung des Therapeuten ab

3. Worauf sollten Menschen, die psychisch erkranken, bei der Auswahl eines Therapeuten oder einer Therapeutin achten?

Vorschläge zur Reflexion des Nachkontakts mit einem Psychotherapeuten:

  • Stimmt der emotionale Kontakt?
  • Ist der/die Patient/-in ernst genommen worden, fühlte er/sie sich wohl, wertgeschätzt und konnte er/sie Vertrauen fassen?
  • Hat der/die Patient/-in sich verstanden gefühlt?
  • Hat das Erstgespräch neue Sichtweisen auf das Problem eröffnet und sind Veränderungsmöglichkeiten eröffnet worden?
  • Übernimmt der/die Psychotherapeut/-in einfach die Ziele des Patienten bzw. der Patientin oder setzt er/sie sich mit angemessener Distanz konstruktiv mit ihnen auseinander?
  • Haben der/die Psychotherapeut/-in und der Patient bzw. die Patientin gemeinsam daran gearbeitet, die psychotherapeutischen Ziele zu setzen?
  • Konnte der/die Psychotherapeut/-in ggf. mit den Bedenken bezogen auf die Psychotherapie umgehen?
  • Konnte der/die Psychotherapeut/-in seine/ihre Diagnose nachvollziehbar darlegen und die geplanten Interventionen erläutern?
  • Konnten neue, überraschende Aspekte der belastenden Situation entdeckt werden?
  • War der/die Psychotherapeut/-in in freundlicher, aber professioneller Distanz oder ließ er/sie sich verwickeln, ergriff Partei?

4. Was ist in Ihren Augen das Besondere der Kognitiven Verhaltenstherapie?

Sie ist so schön eingängig und einfach. Man kann sie gut erklären. Ich bin geneigt zu sagen, sie suggeriert schnelle Veränderungen. Rein kognitive Interventionen verändern das Erleben und Verhalten eines Menschen aber kaum. Wir wissen aus der Hirnforschung, dass es dringend einer affektiven Beteiligung bedarf, wobei der Ebene des Erlebens bzw. der affektiven und kognitiven Verarbeitung des Erlebten eine besondere Rolle zukommt. Viele moderne Kognitive Verhaltenstherapeuten/-innen nutzen hierfür allerdings zunehmend verschiedene Methoden anderer Verfahren. Man könnte sie demzufolge als „produktive Strandgutsammler“ bezeichnen.

5. Welchen Patienten würden Sie eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie empfehlen?

All denen, die neugierig sind auf sich und ihre Erlebniswelt sind – also darauf, sich selbst besser kennenzulernen – und die wissen wollen, woher ihr Unmut, ihre Unzufriedenheit oder ihr Unglück im Leben eigentlich kommt, die also „archäologisch“ vorgehen möchten. Anderen Patienten, die ganz klar umrissene Symptome haben (bspw. eine Angststörung), kann man eine Verhaltenstherapie empfehlen, die hinsichtlich einer Linderung sehr gute Ergebnisse vorzuweisen hat. Möchte man allerdings etwas tiefer in das Verstehen des Entstehens einer psychischen Störung einsteigen, ist man bei einem/-er tiefenpsychologischen Psychotherapeuten/in wohl besser aufgehoben. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Einige Patienten sind zufrieden, wenn sich ihr Symptom schnell lindert, andere hingegen möchten sich mehr als Ganzes erleben, verstehen und wahrnehmen können.

6. Unter welchen Umständen sollten sich Betroffene für eine Psychoanalyse entscheiden?

Ein Argument für diese Methode ist ein recht pragmatisches, dass bspw. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung oder einer schweren Traumatisierung einfach mehr Zeit benötigen, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Diese gewährt die Psychoanalyse aufgrund ihres höheren Stundenkontingents, wobei in solchen Fällen dann nicht unbedingt klassisch psychoanalytisch gearbeitet wird. Aber auch Störungsbereiche wie z. B. die narzisstischen Störungen sind mit psychodynamischen Methoden besser zu behandeln, zumal ein wirklich gutes verhaltenstherapeutisches Modell zur Entstehung dieser psychischen Erkrankung fehlt. Die Psychoanalyse hat sich seit der Zeit von Sigmund Freud stetig weiterentwickelt.

7. Hat die Psychoanalyse nicht den Ruf, wenig effektiv zu sein?

Die Aussage, die Psychoanalyse sei nicht effektiv, ist nicht richtig. Wohl aber stimmt es, dass die Psychoanalytiker erst ziemlich spät mit der Durchführung von Studien zur Wirksamkeit begonnen haben, weshalb es auch weniger von ihnen gibt als bspw. zur Kognitiven Verhaltenstherapie. In der Langzeitwirkung ist die Psychoanalyse der KVT allerdings überlegen.

8. Was halten Sie persönlich von den humanistischen Therapieverfahren?

Ich war eine begeisterte Gestalttherapeutin und verwende diese Konzepte nach wie vor bspw. in meinen Beratungen. An den Universitäten sind die humanistischen Therapien jedoch unterrepräsentiert, weshalb ist es auch schwierig ist, ausreichend Forschung zu diesen Verfahren zu generieren. Die Gestalttherapie im klassischen Sinne war eher für Menschen gedacht, die psychisch recht gesund sind, aber ihr Erleben und Verhalten erweitern wollen. Auf der konzeptionellen Ebene gibt es zwar Weiterentwicklungen, jedoch nur wenige empirische Studien.

Bei der Klientenzentrierten Gesprächstherapie ist das anders, zumal Carl R. Rogers als der Begründer der Psychotherapieforschung gilt. Er hat ja erstmalig auch Transkripte von Sitzungen angefertigt. Die Grundregeln, was die Gesprächstechniken betrifft, werden heute allerdings eigentlich in jeder Therapieform angewendet. Wie wäre eine Behandlung denkbar ohne Unterstützung der Selbstentwicklung, ohne bedingungslose Akzeptanz? Die Gesprächspsychotherapie ist hilfreich, meiner Ansicht nach aber an vielen Stellen nicht störungsspezifisch genug.

Die Logotherapie von Viktor Frankl ist ja bspw. in Österreich als Psychotherapieverfahren anerkannt. Sie ist gut konzeptionalisiert, allerdings fehlt es auch bei ihr an empirischen Effizienznachweisen. Bei der Transaktionsanalyse (nach Eric Berne) wird die Forschung hingegen zurzeit gerade wieder aktiviert.

9. Gibt es therapeutische Verfahren, von denen Sie eher abraten würden?

Nicht empfehlen würde ich Menschen, die psychisch erkrankt sind, die Neurolinguistische Programmierung. NLP ist ja ein Konglomerat von allem, was irgendwie ganz gut funktioniert hat, allerdings ohne eine Konsistenz im Menschenbild bzw. in den Interventionen vorweisen zu können. Ich halte sie zudem für eine Methode, die in mancherlei Hinsicht manipulativ ist.

10. In Ihrem Forschungsprojekt „Kompetenzentwicklung von Psychotherapeutinnen in Ausbildung“ werden verschiedene Kompetenzen erhoben und mit dem therapeutischen Behandlungserfolg in Beziehung gesetzt. Haben Sie in diesem Zusammenhang bereits Erkenntnisse gewinnen können?

Es konnte bspw. aufgezeigt werden, dass es überhaupt nicht mit der Zeit zusammenhängt, wie lange sich jemand – also ob zum Beispiel 120 oder 1000 Stunden – in der Ausbildung selbstreflexiv mit der eigenen Persönlichkeit im Rahmen einer Lehranalyse oder Lehrtherapie auseinandersetzt. Entscheidender ist, wie er oder sie das getan hat, also ob jemand gelernt hat, in guten und in schlechten Zeiten wohlwollend und freundlich zu sich selbst zu stehen. Wichtig ist zudem, dass ein Therapeut bzw. eine Therapeutin das für sich passende Verfahren wählt, ganz einfach deshalb, weil Menschen unterschiedlich denken und die Welt auf eine jeweils andere Weise erfassen. Je einiger sie mit ihrem Verfahren sind, desto zufriedener sind die Psychotherapeuten mit ihrem Beruf.

11. Welche Qualitätskriterien sollte Coaching erfüllen? Welchen Tipp können Sie jenen Menschen geben, die auf der Suche nach einem Coach sind?

Ein guter Coach muss ein stimmiges Theorie-Praxis-Konzept vorweisen, das eine Verbindung von den zugrundeliegenden Annahmen bis zum konkreten beraterischen Handeln schafft und angekoppelt ist an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Der Coach braucht zudem prozedurale Fertigkeiten zur Herstellung einer tragfähigen Arbeitsbeziehung und Durchführung von Interventionen, sowie Wissen über allgemeine Wirkfaktoren wie Zielklärung, Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung, Problembewältigung und -klärung. Dem Coach muss klar sein, warum er bei diesem Klienten in dieser Phase des Beratungsprozesses bestimmte Interventionen wählt, warum z.B. bei einem Klienten Methodiken aus der kognitiven Verhaltenstherapie anwendet und bei einem anderen eine psychodynamische Deutung erwägt. Der Coach muss über interpersonale Kompetenzen zur Herstellung einer günstigen Arbeitsbeziehung (Beziehungskompetenz) verfügen. Des Weiteren braucht er eine hohe diagnostische Kompetenz, um sich rasch ein fundiertes Bild sowohl über individuelle, interaktionistische als auch organisationale Phänomene machen zu können (vgl. Möller & Kotte, 2014).

Coaching als diskrete Dienstleistung, die hinter verschlossenen Türen stattfindet, entzieht sich der Forschung nur all zu oft. Deshalb ist der wissenschaftliche Blick auf die Wirksamkeit und Wirkfaktoren von Coaching bisher noch eingeschränkt. Längsschnittliche Designs, eine Betrachtung mehrerer Perspektiven (Coach und Klient), die Kosten-Nutzen Relation und der organisationale Kontext werden bisher zu wenig berücksichtigt (Möller & Kotte, 2011). Auch wird zumeist mit kleinen Stichproben gearbeitet. Der Zugang zu den Klienten als Untersuchungspartnern erfolgt zumeist über die Coaches selbst, was zu Selektionseffekten führt (Möller & Kotte, 2011), denn die Coaches bitten oft nur Kunden, bei denen das Coaching als erfolgreich eingeschätzt wurde, an Studien teilzunehmen.

Ob der Coach fachlich und persönlich überzeugt, das kann nur der Kunde im persönlichen Kontakt herausfinden. Am besten er vereinbart ein Erstgespräch und traut seinem Bauchgefühl! Erscheint der/die Coach anschlussfähig an das eigene Berufsfeld, die eigene Branche? Stimmt die „Chemie“, fühle ich mich als Kunde wohl, verstanden und habe das Gefühl, etwas lernen zu können?

12. Worauf sollte man Ihrer Meinung nach bei der Auswahl eines Coaching-Ausbildungsinstituts achten?

Hinsichtlich der Qualität von Coachingausbildungen habe ich sechs Thesen formuliert, die vor der Entscheidung für ein bestimmtes Institut überprüft werden sollten:

  • These 1: Eine gute Coachingausbildung muss ein stimmiges Theorie-Praxis-Konzept vorweisen, das eine Verbindung von den zugrundeliegenden Annahmen bis zum konkreten beraterischen Handeln schafft und angekoppelt ist an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.
  • These 2: Eine gute Coachingausbildung darf nicht nur Methoden und Tools vermitteln, sondern muss eine beraterische Identität ausbilden. Dazu muss sie auch wesentliche Teile an Selbsterfahrung und Reflektion umfassen.
  • These 3: Eine Coachingausbildung muss unterschiedliche Lernformen anbieten, eine sinnvolle Lernarchitektur beinhalten, die im Ausbildungsverlauf Theorie, Praxis und Transfer verknüpft und einen Integrationsort haben, an dem die vielfältigen Lernerfahrungen verzahnt werden können.
  • These 4: Eine gute Coachingausbildung muss klare Bezüge zu anderen arbeitsweltlichen Beratungsformaten herstellen und in Übereinstimmung mit dem beratungswissenschaftlichen Diskurs stehen.
  • These 5: Eine gute Coachingausbildung muss Aufnahmevoraussetzungen definieren und die Motivation zur Coachingausbildung im Ausbildungsverlauf systematisch reflektieren.
  • These 6: Eine Coachingausbildung muss von erfahrenen Ausbildern geleitet werden. Erfahrung beinhaltet sowohl umfassende und aktuelle eigene Beratungserfahrung als auch Erfahrung in der Ausbildung von Coaches.

13. Gibt es eine bestimmte Frage- oder Problemstellung, die Sie persönlich besonders herausgefordert hat?

Ja, ich denke da bspw. an eine anorektisch und bulimische Patientin, bei der ich bereits die sechste Therapeutin war…

14. Welche Literatur empfehlen Sie?

  • Cord Benecke (2014). Klinische Psychologie und Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Stephan Döring & Heidi Möller (Hrsg.)(2014). Mon Amour trifft Pretty Woman. Liebespaare im Film. Heidelberg: Springer.
  • Heidi Möller & Stephan Döring (Hrsg.) (2010). Batman und die himmlischen Kreaturen. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen, Band II. Heidelberg: Springer.
  • Stephan Döring & Heidi Möller (Hrsg.)(2008). Frankenstein und Belle de Jour. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen, Band I. Heidelberg: Springer.

Kontakt: Prof.Dr.Heidi Möller, Universität Kassel, Fachbereich 01, Institut für Psychologie, Holländische Straße 36-38, 34127 Kassel

Vielen Dank für das Interview!

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Psychische Erkrankungen zwischen Stigmatisierung und Versorgungslücken

Erfahrungsbericht zum 4. psychenet-Symposium: Wie lässt sich die Versorgung psychisch erkrankter Menschen verbessern? Und konnte der Stigmatisierung Betroffener mittels der damit einhergehenden Medienkampagne entgegengewirkt werden? Antworten auf diese Fragen erhoffte ich mir am 29. und 30. Juni 2015 in der Handelskammer. Hier wurde über die Ergebnisse der Umsetzung und Begleitforschung in der Gesundheitsregion Hamburg berichtet und diskutiert. Die Veranstaltung war ausgesprochen gut besucht und hervorragend organisiert (Programm). Da ich das Projekt bereits vor wenigen Wochen vorgestellt habe (So funktioniert psychische Gesundheit in Hamburg), werde ich mich im Folgenden auf das konzentrieren, was ich für besonders wesentlich oder überraschend hielt. Dabei gehe ich vor allem drei Fragen nach, die mich aus verschiedenen Gründen interessierten:

  • Allgemeines Interesse: Welchen Beitrag konnte psychenet zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen leisten?
  • Persönliches Interesse: Wie lässt sich die Versorgung von Menschen verbessern, die an einer Depression leiden?
  • Fachliches Interesse: Gibt es neue Erkenntnisse aus dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung?

1. Welchen Beitrag konnte psychenet zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen leisten?

Psychiatrische PraxisNach einigen Begrüßungen und allgemeinen Stellungnahmen zur Gesundheitsregion Hamburg berichtete Prof. Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, der Dekan des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), dass das Hamburger Netzwerk Versorgungsforschung in seiner Form einmalig in Deutschland ist, insbesondere aufgrund seiner vorbildlichen Ausstattung mit diversen Professuren. Zu dessen Aufgaben gehören die Beschreibung und Analyse der Situation, die Entwicklung von Versorgungskonzepten, die wissenschaftliche Begleitung der Implementierung neuer sowie die Evaluierung neuer und alter Versorgungskonzepte im medizinischen Alltag. Wie sich im Verlauf der beiden Tage zeigte, waren die meisten Projekte, die im Rahmen von psychenet in den vergangenen vier Jahren initiiert wurden, äußerst erfolgreich! Eine Zusammenfassung dieser Ergebnisse konnte man vor wenigen Tagen im Hamburger Abendblatt lesen. Detaillierter besprochen werden die Studien in der Zeitschrift „Psychiatrische Praxis. Supplement: psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit“, die im Juli 2015 erschienen ist und bei der Georg Thieme Verlag KG bestellt werden kann. Einige der Artikel sind hier auch öffentlich bzw. kostenlos zugänglich.

Direkt im Anschluss erläuterte Prof. Dr. Martin Lambert, dass das Wissen über psychische Erkrankungen der Hamburger Bevölkerung nach wie vor recht unzureichend sei. Da Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung sehr verbreitet sind, war es ein Ziel des Projektes, die Aufklärung zu verbessern, einer Stigmatisierung der Betroffenen dadurch entgegenzuwirken und das entwickelte Versorgungsnetz auf diese Weise zu etablieren. Mittels einer Awareness-Kampagne (Plakate, Gratis-Postkarten, Kino-Trailer etc.) wurde sich darum bemüht, das Internetportal von psychenet bekannt zu machen und die Menschen dazu zu bringen, sich dort über das Thema zu informieren. Die Zufriedenheit mit der in diesem Zusammenhang eingerichteten trialogischen Hotline sowie mit dem Skype-Service, wo eine individuelle Beratung möglich war, lag immerhin bei 98%. Dr. Jörg Dirmaier ergänzte, dass die Webseite bzgl. ihrer Benutzerfreundlichkeit, dem Nutzen sowie der Vertrauenswürdigkeit von 71% der Besucher als „gut bis sehr gut“, von 21% als „befriedigend bis ausreichend“ und lediglich von 8% als „mangelhaft bis ungenügend“ bewertet wurde. Neben umfangreichen Informationen über die einzelnen Störungsbildern, findet man dort Hinweise zu Hilfsangeboten, entsprechende Selbsttests u.v.m. Bislang nicht bekannt war mir, dass die Inhalte im Laufe der Zeit auch auf Türkisch angeboten worden sind.

Prof. Dr. Olaf von Knesebeck stellte anhand der Ergebnisse einer Evaluationsstudie dar, dass sich das Wissen der Hamburger Bevölkerung hinsichtlich psychischer Erkrankungen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe aus München aufgrund der psychenet-Kampagne kaum verbessert hat. Lediglich in der Kenntnis darüber, dass auch Angehörige helfen können, wurde ein signifikanter Anstieg verzeichnet. Auch das Ausmaß der Stigmatisierung ist trotz einer generellen Zunahme des Wissens über psychische Störungen in der Gesellschaft erstaunlich stabil geblieben. Allerdings zeigte sich bei jenen Menschen, die sich über das Webportal informiert hatten, eine Verringerung der emotionalen Distanz sowie entsprechend negativer Emotionen. Interessant war auch die Aussage von Prof. Dr. Frank Jacobi, dass eine Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) aufgezeigte, dass die Krankschreibungen von Menschen ohne eine psychische Erkrankung dreimal kürzer sind als bei jenen, die zeitgleich eine F-Diagnose haben.

Prof. Dr. Tilo Böhmann ging am Nachmittag des zweiten Tages auf die Ziele der Stabsstelle „Forschungs- und Transferstelle Dienstleistungsgeschäftsmodelle“ ein: Wie kann es gelingen, die Netzwerkelemente von psychenet auf andere Regionen zu übertragen? Und wie lassen sich die einzelnen Inhalte bzw. Erkenntnisse so clustern, dass sie interessierten Lesern in sinnvoller Weise zur Verfügung gestellt werden können? Eines der Resultate ist deren Zuordnung zu den Kategorien „Ressourcen“ und „Aktivitäten“. Eine entsprechend systematische Darstellung aller 186 Elemente wird also demnächst in einer modularisierten Fassung als Webdatenbank zugänglich sein. Für die mögliche Umsetzung bzw. eine Implementierung neuer Produkte im Gesundheitssektor ist es allerdings immer entscheidend, die Finanzierbarkeit sowie den zu erwartenden Nutzen im Vorfeld zu klären.

Die Koordination bzw. Organisation des Netzwerkes war eine große logistische Herausforderung. Aufgrund der vielen Beteiligten Organisationen und praktizierenden Personen mussten Entscheidungs- und Informationsstrukturen gefunden, eingehalten und stetig gepflegt werden. Zudem gab es diverse Barrieren bei der Umsetzung der Projekte: Fehlende gesetzliche Regelungen zur primären und sekundären Prävention (Früherkennung) sowie bzgl. anderer innovativer Angebote (z.B. Peer-Beratung), bürokratische Hemmnisse von integrierten Versorgungsmodellen nach § 140a SGBV sowie die Behinderung der Implementierung bzw. Verstetigung aufgrund von Partikularinteressen der eingebundenen Institutionen. Grundsätzlich wurde die enge Kooperation zwischen Forschung und Praxis aber als sehr lehrreich und positiv bewertet.

Auch wenn das vorrangige Ziel einer Entstigmatisierung nicht wirklich erreicht wurde, war psychenet insgesamt ein großartiger Erfolg! Da die Infrastruktur mit dem Ende der Förderung zum Jahreswechsel wegzubrechen droht, stellt sich nun die dringliche Frage, welche der elf Projekte weitergeführt werden sollten und wie das realisiert werden kann? Auch die Webseite bzw. die präventiven Kampagnen bedürfen eigentlich einer stetigen Pflege. Hier wurden Werte geschaffen, die ansonsten schnell verloren gehen. Im Hinblick auf die anstehende Landeskonferenz Versorgung sollen nun in naher Zukunft Lösungen erarbeitet und die Beantragung neuer Fördergelder aus dem Innovationsfonds (siehe Artikel: Deutsches Ärzteblatt) beschlossen werden.

2. Wie lässt sich die Versorgung von Menschen verbessern, die an einer Depression leiden?

Aufgrund einer persönlichen Affinität, war ich vor allem auch an den Ergebnissen des Gesundheitsnetzes Depression interessiert. Die 12-monats-Prävalenz dieser affektiven Störung liegt übrigens bei acht Prozent. Depressionen können zwar gut therapiert bzw. geheilt werden, besondere Probleme bestehen allerdings in der teilweise recht langen Wartezeit auf eine Behandlung sowie in der Fragmentierung der vorhandenen Angebote.

Vorgestellt wurde ein Modell der gestuften Behandlung („stepped care“), bei der die Patienten nach einer systematischen Diagnostik anhand des Schweregrads ihrer Erkrankung Angebote unterbreitet bekommen, zwischen denen sie anhand eigener Präferenzen auswählen können. Um den Zugang zu einem Psychotherapeuten für Menschen mit einer schwer- oder mittelgradigen Depression zu erleichtern, wurde hierbei jenen, die „lediglich“ leichtgradig betroffen waren, alternative Angebote zur (teilweise begleiteten) Selbsthilfe angeboten. Erwähnt wurden bspw. Onlineportale sowie ein Selbsthilfebuch von Gudrun Görlitz (Selbsthilfe bei Depressionen) vom Klett-Cotta-Verlag.

Im Sinne einer vernetzten Behandlung („collaborative care“) wurde zudem ein Portal eingerichtet, in dem freie Psychotherapieplätze einzelner Therapeuten angezeigt wurden. Auf diese Weise funktionierte die direkte Vermittlung reibungsloser. Leider aber gibt es dieses Angebot inzwischen nicht mehr. Die Gründe hierfür sind ein vermeintlich hoher Zeitaufwand sowie die Kosten für die Betreuung bzw. Pflege. M. E. wäre ein Gesetz hilfreich, das kassenärztlich zugelassene Therapeuten dazu verpflichtet, sich in einem solchen Portal zu registrieren und ihre Kapazitäten regelmäßig zu aktualisieren. Zudem ließen sich gewiss Träger bzw. Organisationen finden, die eine solche Datenbank erstellen und öffentlich zugänglich machen. Gerade aufgrund des Symptoms der Antriebsschwäche ist es für die Betroffenen oftmals sehr beschwerlich, therapeutische Hilfe zu finden. Dieses Problem ließe sich auf eine solche Weise gut lösen.

Im Rahmen des Projektes konnte bei der Interventionsgruppe (im Vergleich zur Kontrollgruppe) übrigens eine höhere Symptomreduktion erreicht werden. Auch wenn laut Aussage von Prof. Dr. Birgit Watzke die Wirkmechanismen der gestuften Behandlung noch genauer erforscht werden müssen, machen die Ergebnisse Hoffnung. Vor allem bei den mittelgradigen Depressionen gab es jedenfalls beachtliche Effekte.

3. Gibt es neue Erkenntnisse aus dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung?

In dem Gesundheitsforum „Betriebliche Gesundheit“, das mich fachlich sehr interessierte, kamen Dr. Hans-Peter Unger (Asklepios Klinik Harburg), Werner Fürstenberg, ein Mitarbeiter der Fürstenberg Institut GmbH sowie Prof. Dr. Bernhard Badura (Universität Bielefeld) zu Wort, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

Dr. Hans-Peter Unger

Dr. Hans-Peter Unger stellte zunächst einen grandiosen Wandel in der Arbeitswelt fest, bei dem heute mehr Selbstmanagementkompetenzen gefordert und die Übernahme einer höheren Selbstverantwortung erwartet wird, als es in der Vergangenheit der Fall war. Im Bereich der betrieblichen Gesundheit wird deshalb verstärkt auf Möglichkeiten zur Emotionsregulation sowie auf das geschaut, was Mitarbeiter resilient macht. Die für die sich immer schneller vollziehenden Veränderungen erforderlichen Eigenschaften (z. B. Kreativität und Anpassungsbereitschaft) werden vor allem durch positive Emotionen ausgelöst bzw. durch negative eingeschränkt. Zentrale Fragen scheinen es deshalb zu sein, wie man die Motivation und das soziale Miteinander fördern sowie dem Ganzen einen Sinn geben kann.

Obwohl bspw. in der Behandlung von Burnout-Patienten inzwischen große Fortschritte gemacht wurden, hat sich im Bereich der Prävention von Depressionen am Arbeitsplatz bislang kaum etwas verbessert. In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2014 über betriebliche Interventionen zur Stressreduktion und zur Steigerung des Wohlbefindens wurden oftmals kleinere und ungezieltere Maßnahmen konstatiert. Aufgrund der in der Praxis vorherrschenden Mixtur könne man kaum sagen, welche der einzelnen Interventionen tatsächlich erfolgreich waren. Je umfassender diese allerdings angelegt sind, desto größer scheint auch ihr Effekt zu sein.

Spannend war die Erkenntnis, dass zwischen dem klinischen Verlauf einer psychischen Erkrankung und den psychosozialen Fähigkeiten einer Person oftmals keine klaren Zusammenhänge zu erkennen sind. Dafür wirken wohl zu viele Faktoren darauf ein. Die Komplexität solcher Störungen lässt also keine einheitlichen Schlüsse zu. Einer Stigmatisierung könne Dr. Unger zufolge am ehesten durch eine professionelle Begleitung entgegengewirkt werden. Zudem sollten Betroffene ermutigt werden, sich schnell psychotherapeutische oder ärztliche Unterstützung zu suchen, da eine Wiedereingliederung deutlich erfolgversprechender ist, wenn eine Behandlung in den ersten drei bis sechs Wochen nach Ausbruch der Krankheit beginnt. Auch die Einbindung von Betriebsärzten könne besser gelingen, da in der Regel die Möglichkeit besteht, diese darum zu bitten, eine schriftliche Schweigepflichterklärung gegenüber dem Arbeitgeber zu unterzeichnen. Ein offenes Gespräch kann ansonsten eventuell zu erheblichen Probleme führen. Kurzum: Das funktionierende Zusammenspiel der Akteure ist immer entscheidend für den Erfolg einer beruflichen Wiedereingliederung!

Im Anschluss stellten Werner Fürstenberg und ein Mitarbeiter der Fürstenberg Institut GmbH die Ergebnisse ihrer Studie vor, in der zwei Maßnahmen implementiert und ausgewertet wurden. Primärpräventiv wurde eine Führungskräfteentwicklungsprogramm durchgeführt und sekundärpräventiv ermöglichte man den Beschäftigten eine externe Beratung bei psychischen bzw. psychosozialen Problemen durch ein EAP (Employee Assistance Program). Trotz der Zusicherung von Anonymität bei einer Nutzung des Angebots, stellte die Frage nach der Datensicherheit ein nicht unerhebliches Problem dar. Auch langwierige Entscheidungswege sowie geringe zeitliche und finanzielle Ressourcen führten zu einer sehr geringen Beteiligung der angefragten Unternehmen. Es wurde daraufhin thematisiert, wie man Wissenschaft und Wirtschaft künftig stärker zusammenführen könne? Mit den Messinstrumenten der klinischen Forschung scheint man die Betriebe jedenfalls nur schwerlich zu erreichen. Praxistauglichkeit und wissenschaftlicher Anspruch driften dafür wohl zu sehr auseinander.

Kurzum, die Studie war kein Erfolg, da aufgrund der geringen Bereitschaft, an ihr teilzunehmen, kaum aussagekräftige Ergebnisse generiert werden konnten. Interessant war zudem, dass insbesondere das Online-Tool schlecht abschnitt, welches im Rahmen der Mitarbeiterberatung eingesetzt wurde. Obwohl abschließend gesagt wurde, dass die Selbsteinschätzung der Leistungsfähigkeit jener Menschen, die das EAP genutzt haben, von 4,3 auf 7,7 (auf einer Skala von eins bis zehn) gestiegen sei, hat mich der Vortrag insgesamt nicht überzeugt.

Ausgezeichnet hingegen war der folgende Auftritt von Prof. Dr. Bernhard Badura. Menschlich angesprochen hat mich u. a. seine Bemerkung hinsichtlich der Übertragbarkeit wissenschaftlicher Theorien: Es gibt viele tolle Theorien, aber immer besteht die Gefahr, dass die Dinge in der Praxis ganz anders aussehen.

Prof. Dr. Bernhard Badura

Nach einen kurzen Einblick in den fundamentalen Wandel der Arbeitswelt, der im Wesentlichen durch die Trends von der Hand- zur Kopfarbeit sowie von der Fremd- zur Selbstorganisation bestimmt sei, warf er die Frage auf, ob es „krankhafte bzw. -machende Organisationen“ gäbe? Schließlich seien vertrauensvolle Kooperationen und psychische Gesundheit zentrale Erfolgsfaktoren. Auch die heute immer stärker geforderte Selbstorganisation könne zwar intrinsische Motivation wecken, setze diese aber auch voraus. Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen gelebter Unternehmenskultur und dem Ausmaß depressiver Verstimmungen unter den Mitarbeitern. Da Menschen wertegetrieben seien, schaffe ein Bewusstsein über diese Werte in der Regel Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft. Es scheint demnach wichtig zu sein, die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Arbeit beantworten zu können.

Vieles von dem, was Prof. Badura berichtete, war mir u. a. bereits aus seinen Vorträgen bekannt, die man z. B. bei YouTube findet. Etwas überrascht hat mich aber die Aussage, dass Fehlzeiten in der Regel nur schwach mit dem tatsächlichen Krankenstand korrelieren. Mit anderen Worten bedeutet das, dass die Menschen ihrer Arbeit nicht unbedingt aus gesundheitlichen Gründen fernbleiben. Auf der anderen Seite entstehen den Unternehmen hohe Kosten vor allem aufgrund eines Phänomens, das als Präsentismus bezeichnet wird. Gemeint ist das Verhalten von Arbeitnehmern, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen bzw. deren Einschränkung hinsichtlich der Arbeitsproduktivität aufgrund vorhandener Leistungsdefizite, die auf gesundheitliche Beschwerden zurückzuführen sind. In einer Untersuchung an 12.397 Beschäftigten der Firma Dow Chemicals konnte aufgezeigt werden, dass diese Kosten pro Mitarbeiter ein Zehnfaches gegenüber jenen betrugen, die durch Fehlzeiten bedingt waren. Allerdings führen nicht nur psychische Erkrankungen (die z. B. nach dem ICD-10 diagnostiziert werden) zu erheblichen Einbußen, sondern vor allem bereits leichtere Beeinträchtigungen (bei eigentlich vorhandener Leistungsfähigkeit). Beispiele hierfür sind Schlafstörungen (32%), Erschöpfung/Ausgebranntsein (28%), Nervosität/Gereiztheit (25%), niedergedrückte Stimmung (13%) sowie Angstzustände (7%).

Als wichtigsten Gesundheitsfaktor benannte er schließlich die Vorgesetzten. Bei diesen sei vor allem ein Umsetzungs- und seltener ein Kenntnisdefizit feststellbar. Viele Führungskräfte seien heutzutage verunsichert, da sie Angst haben, das Falsche zu tun. Diese Sorge ist, wie ich finde, allerdings nicht ungefährlich, da sie zur Handlungsunfähigkeit und damit zu Defiziten im Führungsverhalten führen kann. Meiner Ansicht nach gibt es gerade im zwischenmenschlichen Bereich ohnehin kein Richtig oder Falsch, sondern nur mehr oder weniger Hilfreiches. Um Unternehmen aber gezielt unterstützen zu können, etwas für die (psychische) Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu tun, ist es vor allem wichtig, zuvor eine gute Diagnose zu erstellen. Hierbei kann die Unterstützung von Fachleuten (z. B. Psychologen) sinnvoll sein, da sie aufgrund ihrer Außenperspektive weniger dazu neigen, einer eventuell vorherrschenden Betriebsblindheit zu unterliegen, und sie mittels einer systematischen Anwendung entsprechender Diagnosetools (z. B. Mitarbeiterbefragungen) Belastungsfaktoren unbefangener zu benennen in der Lage sind. Im Dialog mit den Führungskräften sowie unter Berücksichtigung der jeweiligen Unternehmenskultur ließen sich dann ggf. eher geeignete Maßnahmen ableiten, die zu einer Steigerung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit der Belegschaft führen.

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