Achtsamkeit to go?!

„Eine chronische physiologische Aktivierung kann verschiedene Organsysteme schädigen. Die stärksten Auswirkungen haben chronische Stressbelastungen auf die psychische Gesundheit und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Stoffwechsels und des Immunsystems werden begünstigt.“ 1 Wenn man es schafft, sich selbst zu beruhigen oder von vornherein gelassen zu bleiben, ist das Risiko, ernsthaft zu erkranken, deutlich geringer. Die Lebensqualität verbessert sich und das allgemeine Wohlbefinden wird gesteigert. So weit, so gut …

Vor Kurzem habe ich mich deshalb entschlossen, im Rahmen meiner Seminare hin und wieder auch mal über das Konzept der Achtsamkeit zu sprechen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich zwar die wesentlichen Aspekte gut erklären lassen, es aber sehr schwierig ist, Menschen dazu zu bewegen, entsprechende Übungen in ihren Alltag zu integrieren. Hinzu kommt, dass ich es immer wieder, obwohl ich seit einigen Jahren regelmäßig meditiere (auf eine ganz eigene Weise), als eine besondere Herausforderung empfinde, in einem Training zu erläutern, was das mit mir macht oder wie man sich das, was ich da täglich tue, genau vorstellen kann. Bislang hatte ich zwar stets das Glück, dass in jeder Gruppe ein oder zwei TeilnehmerInnen waren, die mich in diesem Bemühen mit eigenen Erfahrungsberichten unterstützten, trotzdem blieb mir das Gefühl, dass sich bestehende Vorbehalte oder Berührungsängste auch dadurch nicht immer ausräumen ließen…

Wird also lediglich etwas, das eigentlich ganz natürlich ist, „durch Praxis gefestigt“? Warum sollte man es denn überhaupt festigen müssen, wenn es doch „ganz natürlich“ ist? Und was geschieht mit jenen Menschen, die es tun? Ist das, was sie dabei erleben, nicht sehr individuell?

Sei achtsam!

Das achtwöchige Meditationsprogramm MBSR (Mindfulness-based Stress Reduction) von Jon Kabat-Zinn ist zwar bestens erforscht. Ein solches Training wirkt unspezifisch auf den psychosomatischen Gesamt-Gesundheitszustand. So konnten in klinischen Studien positive Wirkungen der MBSR-Kurse bei der Behandlung von chronischen Schmerzzuständen, häufigen Infektionskrankheiten, Ängsten oder Panikattacken, Depressionen, Hauterkrankungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne, Magenproblemen und dem Burnout-Syndrom nachgewiesen werden. Dennoch bleibt die Frage offen, wie man die Kernbotschaften in einem ein- bis zweitägigen Seminar so vermittelt, dass die TeilnehmerInnen einen praktischen Nutzen für sich daraus ziehen können? Die meisten Achtsamkeitsübungen 2, wirken m. E. für sich genommen ein wenig unsinnig, solange sie nicht in ein stimmiges Konzept eingebunden sind bzw. mit einer entsprechenden Haltung praktiziert werden.

Des Weiteren könnte das Achtsamkeitskonzept zu der Annahme verleiten, dass es „nur“ von der inneren Einstellung abhänge, inwieweit potenzielle Stressoren die Gesundheit beeinträchtigen: Wer achtsam ist, ist auch resilient. Mit der Aufforderung „Sei achtsam!“ wird man dem Anliegen des ursprünglichen Konzepts m. E. allerdings nicht gerecht, da sie leicht dazu verführt, in der Meditation ein Instrument zu sehen, das der Selbstoptimierung dient.

Vor einigen Wochen habe ich ein Interview mit Tania Singer 3 gelesen, in dem sie über das ReSource-Projekt sprach: In dieser umfassenden Studie wurde die Wirksamkeit verschiedener Achtsamkeitsmeditationen differenziert untersucht. Hierzu wurden drei Module entwickelt: Das erste („Präsenz“) zielt auf Achtsamkeit, das zweite („Affekt“) auf sozio-emotionale Kompetenzen wie Mitgefühl, Dankbarkeit und den Umgang mit schwierigen Emotionen, das dritte („Perspektive“) auf die sozio-kognitiven Fähigkeiten, sich in andere hineinzudenken. In diesem Zusammenhang wurde auf das kostenlose E-Book „Mitgefühl“ 4 von Tania Singer und Matthias Bolz (Hrsg.) aufmerksam gemacht, in dem sich u. a. eine schöne Anleitung zu einem Trainingsprogramm für Mitgefühl findet: Das „Mindful Self-Compassion“-Training von Christopher Germer und Kristin Neff.

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Darin wird bspw. erläutert, dass Achtsamkeit das „akzeptierende Gewahrsein der gegenwärtigen Erfahrung“ sei, wir es allerdings gewohnt sind, den Großteil unseres Lebens damit zu verbringen, uns mit Problemen zu beschäftigen, „die in der Vergangenheit aufgetreten sind oder in Zukunft auftreten könnten – wobei es um Bedauern oder Sichsorgen geht.“ Obwohl das vielleicht eine gute Evolutionsstrategie war, die unserem Überleben diente, ist diese Strategie kein Rezept zum Glücklichsein, da sie Widerstand und somit Leid hervorruft. Je stärker wir also das, was in unserer Erfahrung geschieht, bekämpfen („Das darf nicht passieren!!!“), umso stärker leiden wir. Die Formel lautet: Leiden = Schmerz x Widerstand.

Hier fängt es an, paradox zu werden: „Wenn man [das] Selbstmitgefühlstraining [lediglich] dazu verwendet, die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks zu manipulieren, wird es unvermeidlich fehlschlagen. Denn das ist nichts anderes als eine subtile Form des Widerstandes. Wenn wir aber freundlich zu uns selbst sind, wie wir es beispielsweise zu einem kranken Kind sind – einfach deshalb, weil wir uns schlecht fühlen – dann entsteht als unvermeidlicher Nebeneffekt tiefe Erleichterung.“ Dieses Prinzip gilt auch dann, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht: „Im Umgang mit einem Menschen, der wirklich verletzend ist, sollte sich der Großteil unserer Aufmerksamkeit dem Selbstmitgefühl für den empathischen Schmerz widmen, den wir erleben. So bleibt unser Herz offen und verfügbar.“ Dieser Prozess trage folglich zu einer subtilen Umkehr unserer instinktiven Tendenz bei, emotionalen Schmerz zu vermeiden oder Widerstand dagegen zu leisten. „Wenn wir realisieren, dass Schmerzen im Leben unvermeidbar sind und eine sanfte Reaktion darauf die gesündeste Reaktion ist, die letztendlich zu langfristigem Glück führt, bewegen wir uns in Richtung „wahrer Annahme“.“ Sollte man sich folglich bspw. die Boshaftigkeit seiner Mitmenschen also einfach gefallen lassen und anstatt dem Impuls nachzugeben, sich dagegen zu wehren, lieber seinem Selbstmitgefühl widmen? Entspricht eine solche Sichtweise tatsächlich unseren Erfahrungen? Wo bleibt da noch Raum für das, was man Selbstermächtigung bzw. -behauptung nennt? Oder müsste man, um das wirklich zu verstehen und umsetzen zu können, ein Buddhist sein oder wenigstens jemand, der sich mit dem Buddhismus verbunden fühlt? Diese Fragen führten in meinen Seminaren zu interessanten Diskussionen.

„Der beste Aussichtsturm des Lebens ist die Gelassenheit.“ Ernst Ferstl

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Bei Wikipedia 5 kann man nachlesen, dass „die Übungen der achtsamen Körperwahrnehmung […] aus köpertherapeutischen und körperpsychotherapeutischen Methoden abgeleitet [wurden]; Yoga steht in der hinduistischen Tradition, die Sitzmeditation und Gehmeditation sind der buddhistischen Meditationspraxis […] entliehen. Bei allen Übungen steht im Vordergrund das nicht-wertende Annehmen dessen, was gerade im Augenblick wahrnehmbar ist.“ Obwohl diese Grundaussage simpel ist, stellte sich mir die Frage, wie ich es als Trainer an einem einzigen Tag schaffen kann, den TeilnehmerInnen meiner Seminare durch das Konzept der Achtsamkeit zu mehr Gelassenheit zu verhelfen? Die folgenden drei Schritte erschienen mir sinnvoll:

1. Heranführen / Neugier wecken

Vorbilder inspirieren! Die Moderatorin der „Sternstunde Philosophie“ leitete das Interview mit Jon Kabat-Zinn 6 in der Sendung vom 14.02.2016 in etwa wie folgt ein: „[…] Arianna Huffington tut es. Meg Ryan und Angelina Jolie ebenfalls. Auch Steve Jobs soll darauf geschworen haben.“ Wenn Prominente auf das Konzept der Achtsamkeit schwören, wäre das für Sie nicht allein schon Grund genug dafür, es selbst auszuprobieren? Nein? Würde es Sie vielleicht eher überzeugen, wenn man Ihnen etwas über die vielen wissenschaftlichen Studien erzählt, wie bspw. jenen aus dem Bereich der Epigenetik, die inzwischen zeigen, dass Meditation sogar die Genexpression beeinflusst? Dann wären wir aber schon beim 2. Punkt …

2. Wissen vermitteln

Informationen findet man im Internet zuhauf. Bei YouTube kann man sich z. B. mit der gekürzten Fassung des Hörbuchs „Im Alltag Ruhe finden“ 7 von Jon Kabat-Zinn umfassend informieren. Mir hat das jedenfalls sehr geholfen, eine gute Einführung zu formulieren!

3. Erfahrungen ermöglichen

Dieser Punkt ist m. E. am problematischsten. Wird Ihnen ein Konzept vorgestellt und anschließend die Möglichkeit gegeben, es selbst im Rahmen einer Übung auszuprobieren, hängt es voraussichtlich davon ab, welche Erfahrungen Sie in diesem Moment machen, ob Sie dazu geneigt sind, sich zukünftig damit zu beschäftigen oder entsprechende Übungen sogar in Ihren Alltag zu integrieren. Sind Sie allerdings nicht sofort überzeugt, werden Sie vermutlich keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Folglich kommt es also darauf an, wie gut es Ihnen gelingt, sich auf die Übung einzulassen, bzw. wie gut es einem Trainer oder einer Trainerin gelingt, Sie auf die Methode einzustimmen, Sie anschließend anzuleiten und zu begleiten, während Sie diese ausprobieren. Darin liegt m. E. die größte Herausforderung!

Nun, manchmal sind es wohl gerade die „einfachen“ Dinge, die schwer zu vermitteln sind. Wie dem auch sei… Seien Sie bloß achtsam! 😉

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Fußnoten: