Der „Brückenbauer“ – Interview mit Prof. Dr. Gerald Hüther

Weise Worte lassen sich schnell und leicht aussprechen. Fraglich ist hierbei jedoch oft, ob die betreffende Person das, was sie sagt, selbst auch tatsächlich lebt? In diesem Interview mit Prof. Dr. Gerald Hüther soll der Versuch unternommen werden, das an seinem Beispiel herauszufinden.

Über den Forscher wurde in den vergangenen Jahren viel geschrieben. Einiges davon war sehr kritisch. Mir persönlich gefällt die Art, wie er neurowissenschaftliche Theorien und Erkenntnisse aufbereitet, jedoch sehr. Obwohl ich lediglich eines seiner Bücher (Etwas mehr Hirn, bitte) gelesen habe, bin ich mit seinen Ansichten dank der zahlreichen Vorträge, die z. B. bei YouTube zu finden sind, recht gut vertraut.

„Der Neurobiologe und Autor Gerald Hüther […] betrachtet wie kaum ein anderer Forscher die Verbreitung und Nutzbarmachung von Erkenntnissen aus der Hirnforschung als seine zentrale Aufgabe. Lebensbedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, menschliche Potenziale zur Entfaltung zu bringen, ist sein Anliegen – nicht nur im Bereich Erziehung und Bildung, sondern auch auf der Ebene der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen.“ (Quelle: www.gerald-huether.de/) Gerald Hüther ist Initiator und Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung, die als gemeinnützige Genossenschaft organisiert ist.

Was verstehen Sie persönlich unter „Verbundenheit“? Warum halten Sie diesen Begriff für so zentral?

Kann ein Mensch als lebendiges Wesen existieren, ohne sich mit sich selbst, mit anderen Menschen und allem, was ihn umgibt, verbunden zu sein? Wir sind nicht nur davon abhängig, wir brauchen diese Verbundenheit auch, um uns weiterzuentwickeln. Und wenn wir aufhören, uns weiterzuentwickeln, also zu lernen, sind wir tot. Also geht es nicht ohne Verbundenheit. Es ist nur so, dass offenbar viele Menschen keine allzu positiven Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht haben. Die lehnen es dann ab, sich diese Verbundenheit bewusst zu machen. Manche schaffen es sogar, ihr angeborenes Bedürfnis nach Verbundenheit, ihr Verbundenheitsgefühl zu unterdrücken. Bei denen dieses Gefühl wieder zu wecken und das Bewusstsein dafür zu schärfen, ist das, was ich im Rahmen meiner Möglichkeiten versuche.

Sie sprechen immer wieder von einer „Gießkanne der Begeisterung“. Können Sie das genauer erklären? Wofür begeistern Sie sich und was geschieht mit Ihnen, wenn Sie von etwas begeistert sind?

Es nützt doch nichts, wenn ich jemandem erkläre, was mich begeistert und was ich dann erlebe. Das ist und bleibt doch immer nur mein persönliches Erleben. Deshalb versuche ich andere Menschen einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, sich wieder einmal darauf einzulassen, etwas zu machen, was sie begeistert. Wenn sie das dann wagen und es auch klappt, brauche ich ihnen nicht mehr zu erklären, was Begeisterung ist, wo sie herkommt und was sie bewirkt. Das merken die dann schon von ganz allein.

In Ihrem Buch „Rettet das Spiel“ geht es um Kreativität. Wie sollte eine ideale Arbeitsumgebung beschaffen sein, damit sich diese Kreativität optimal entfalten kann?

Es geht nicht um die Umgebung, Menschen können überall spielen und kreativ sein. Nur eben dann nicht mehr, wenn sie von anderen Menschen zu Objekten von deren Absichten und Zielen, Erwartungen und Bewertungen, Belehrungen und Maßnahmen gemacht werden. Dann haben sie ein sehr ernsthaftes und meist auch schmerzhaftes Problem. Das müssen sie irgendwie lösen. Sie stehen also unter Druck, haben Angst, erleben Stress und fühlen sich nicht wohl. Dann ist es auch mit den freien Assoziationen im Gehirn zu Ende, und damit auch mit der spielerischen Leichtigkeit, die jede kreative Leistung erst ermöglicht.

Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen „Faulheit“ bzw. „Trägheit“ und „Langeweile“?

Das sind alles unterschiedliche Lösungsstrategien, die Menschen finden, wenn die Welt, in der sie leben, nicht so ist, wie es gut für sie wäre. Menschen, die in dieser Welt noch nicht so viele negative Erfahrungen gemacht haben, also alle kleinen Kinder, kennen weder Faulheit, nochTrägheit geschweige denn Langeweile.

Gelingt es Ihnen manchmal, sich zu langweilen?

Ich genieße es, gelegentlich mal nichts zu tun. Aber da habe ich keine Langeweile.

Nicht jeder Mensch ist unter idealen bzw. glücklichen Bedingungen aufgewachsen. Wie können es diese Menschen dennoch schaffen, ihr Potenzial zu entfalten?

Die Freude am eigene Entdecken und am Gestalten, und die damit einhergehende Entfaltung der in einem Menschen angelegten Potentiale, also seiner Talente und Begabungen verschwindet ja niemals von allein. Die wird einem immer von anderen Personen geraubt. Und zwar von solchen, die aus Mangel an eigener Bedeutsamkeit andere Personen wie Objekte benutzen, um sich selbst aufzuwerten. Und wenn die damit einhergehenden Erfahrungen und die dabei im Gehirn herausgeformten Vernetzungen sich jemals wieder auflösen sollen, müsste man jemanden treffen, der einem das Gefühl vermittelt, aus sich selbst heraus – also nur dadurch, dass man da ist – bedeutsam zu sein.

Man kann es auch einfacher sagen: Man müsste erfahren dürfen, wie es ist, bedingungslos geliebt zu werden.

Sie haben ja selbst Kinder. Gibt es etwas, das Sie von ihnen lernen durften?

Alle Kinder bringen ein wunderbares Geschenk für uns mit auf die Welt: Sie erinnern uns daran, worauf es im Leben wirklich ankommt. Das haben unsere Kinder uns als Eltern auch geschenkt, und dafür sind wir ihnen sehr dankbar.

Sie haben sich ja vor Kurzem eine längere Auszeit gegönnt. Haben Sie in dieser Zeit eine wesentliche Erfahrung gemacht, über die Sie etwas berichten mögen?

Wenn man nicht nur etwas wissen und auch nicht nur etwas erkennen, sondern etwas wirklich verstehen will, braucht man Zeit und Muße. Nur dann gelingt es, sich damit zu verbinden und es tief genug zu ergründen und in seiner Tiefe zu erspüren. Von außen betrachtet habe ich in dieser Zeit sehr viel herumgesessen, nachgedacht und nichts getan. Aber im Inneren habe ich in dieser Zeit sehr viel zu verstehen begonnen, was ich vorher zwar gewusst und erkannt, aber nicht verstanden hatte.

Womit verbringen Sie eigentlich am liebsten Ihre Freizeit, wenn Sie mal allein sind?

Ich bin ja nie allein. Wenn ich genug mit anderen Menschen zusammen war, gehe ich hinaus in die Natur, da gibt es wunderbare Pflanzen und Tiere. Unter mir gibt es festen Boden, der mich trägt und über mir einen Himmel, der mich zum Träumen einlädt.

Was war der größte Fehler, den Sie bislang gemacht haben? Und gibt es einen, den Sie heute als besonders wertvoll betrachten?

Ich habe eine Unmenge Fehler in meinem Leben gemacht. Aber jedesmal habe ich ja dabei auch etwas Wichtiges hinzugelernt. Fehlerfrei funktionieren zu müssen, ist das Unmenschlichste, was ich mir vorstellen kann. Das überlassen wir ja deshalb am liebsten den Maschinen und neuerdings auch denjenigen, die uns das Denken abnehmen. Das könnte auch ein Fehler sein. Aber auch den müssen wir machen. Wie sonst sollten wir erkennen, dass die anders ticken als wir.

Gelegentlich lese ich, dass Ihnen vorgeworfen wird, populärwissenschaftlich zu argumentieren oder sich in Themen einzumischen, von denen Sie vermeintlich keine Ahnung haben („Stichwort „Schulprophet“). Wie gehen Sie mit derlei Angriffen bzw. Unterstellungen um?

Es ist mir einfach egal. Es gibt so viele Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und alle habe ja aus ihrer jeweiligen Perspektive auch irgendwie recht. Das gilt auch für mich. Wenn mich jemand als Schulprophet bezeichnet, hat der ein Problem, nicht ich.

Nehmen wir einmal an, eine gute Fee würde Ihnen EINEN Wunsch erfüllen. Was würden Sie sich wünschen?

Dass jemand dieses Interview liest und merkt, dass er etwas zu verstehen beginnt, was er oder sie bisher nicht verstanden hatte.

Weitere Informationen über Prof. Dr. Gerald Hüther und seine Arbeit finden Sie auf den folgenden Webseiten:

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