Miteinander reden?!

Fällt einem die Decke auf den Kopf oder ertappt man sich dabei, dass es in erster Linie der eigene Fernseher oder das Smartphone ist, der bzw. das mit einem kommuniziert, dann könnte es sinnvoll sein, einmal darüber nachzudenken, ob es sich nicht lohnen würde, den direkten Kontakt zu seinen Mitmenschen zu suchen. Solange es uns gut geht, haben wir vielleicht Freude daran, uns zu zerstreuen und uns den Ablenkungen dieser Welt hinzugeben. Was ist aber, wenn es mit uns und unserer Stimmung bergab geht?

Erfahrungsgemäß hilft es im Falle einer akuten Belastung bereits, jemanden zu haben, der aufmerksam zuhört und dabei Fragen stellt, die idealerweise zu neuen Sichtweisen und/oder Erkenntnissen führen. Das gilt natürlich insbesondere dann, wenn Probleme so übermächtig geworden sind, dass sie allein (scheinbar) nicht mehr gelöst werden können. Manchmal steht die Frage im Raum, ob eine Psychotherapie schon notwendig oder vielleicht zu empfehlen sei? Was geschieht dort und wie findet man einen entsprechenden Platz? Manchmal gibt es auch nach einer abgeschlossenen Therapie noch „Baustellen“, die ohne therapeutische Unterstützung sehr bedrohlich wirken.

Ein zentrales soziales Bedürfnis von uns ist es, „gesehen“ zu werden. Sie haben wahrscheinlich schon erlebt, wie wohltuend es ist, wenn sich andere Menschen spürbar darum bemühen, uns zu verstehen, sie also Interesse an dem zeigen, was uns im Innersten bewegt? Dann können wir uns quasi durch die Augen unseres Gegenübers neu entdecken. Vielleicht lässt uns das sogar etwas (bislang) Fremdes kennenlernen und Veränderung wagen?

Wie wir uns selbst sehen und erleben, hängt im hohen Maße davon ab, was andere Menschen uns spiegeln, sprich: welche Beziehungserfahrungen wir machen oder welche wir in der Vergangenheit gemacht haben. Eine besondere Bedeutung hierbei haben die ersten Lebensjahre. Sind die daraus resultierenden „Selbstbewertungen“ unerfreulich, scheint es zeitweilig sehr schwierig zu sein, sich selbst einzureden, dass man sich trotzdem mag. Nun ist allerdings nicht jede Kindheit problematisch. Sollten Sie diese Zeit glücklich oder unbeschwert erlebt haben, wäre Ihnen das selbstverständlich sehr zu gönnen! War diese Phase Ihres Lebens hingegen schwierig, macht es eventuell Sinn, einmal genau hinzuschauen und sich die Frage zu stellen, was das mit bzw. aus Ihnen gemacht hat?

Haben wir aufgrund vergangener Erfahrungen Angst davor, abgelehnt oder mit Geringschätzung konfrontiert zu werden, aktivieren wir in der Regel bereits vorsorglich unsere schützenden Abwehrmechanismen. Es gibt also Themen, die so viel Scham hervorrufen können, dass sie sich nur schwerlich besprechen lassen. Wer stellt schon gern innere Konflikte oder vermeintliche Makel zur Schau? Um jemandem wahrhaftig zu begegnen, ist also Vertrauen erforderlich, das zunächst wachsen muss. Auch wenn es vielleicht bereits in Form eines Vorschusses vorhanden ist, festigt es sich oftmals doch erst ganz allmählich. Intuitiv überprüfen wir deshalb stets, mit wem wir es eigentlich zu tun haben? Ist diese Person aufrichtig und nimmt sie wirklich Anteil? Sind ihre Rückmeldungen kongruent und hinreichend empathisch? Begegnet sie uns auf Augenhöhe?

Mit wem sprechen Sie, wenn Sie …

  • … sich mit einem akuten Problem konfrontiert und überfordert fühlen?
  • … vor einer wichtigen Entscheidung stehen, die Sie verunsichert oder Ihnen Angst macht?
  • … einen geliebten Menschen verlieren und keinen Trost finden?
  • … existenzielle Fragen oder Sorgen haben?
  • einfach nicht wissen, wie es überhaupt weitergehen soll?

Mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin? Mit Freunden? Sollten Sie auf darauf keine passende Antwort finden, könnte es im Falle eines Falles sinnvoll sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Je größer der Leidensdruck ist, um so mehr rate ich jedenfalls dazu. Nicht immer ist gleich eine Psychotherapie erforderlich. Für viele Probleme oder Fragestellungen gibt es spezialisierte Einrichtungen, die (teilweise kostenlose) Beratungen anbieten, oder Selbsthilfegruppen, in denen Sie sich mit anderen Menschen austauschen können. Der professionelle Blick von außen oder das Gefühl, mit einem Problem nicht allein zu sein, kann bereits eine erste Erleichterung bewirken.

Nicht selten erhoffen sich auch Angehörige von Menschen mit einer psychischen Erkrankung einen professionellen Rat, oder sie möchten einfach mal offen über ihre Sorgen und Ängste sprechen. Wie soll man bspw. als Vater oder Mutter damit umgehen, wenn man ständig liest, dass es vor allem die ersten Bindungserfahrungen sind, die – wenn sie ungünstig sind – dazu führen, dass Menschen eine „gestörte“ Beziehung zu sich selbst und zu ihrer Umwelt entwickeln? Oder wie viel (Mit-)Schuld trägt man eigentlich an der Depression eines geliebten Menschen?

„Miteinander reden“ von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun gehört zu den wichtigsten Büchern der Kommunikationspsychologie. Allerdings sollte man es nicht nur lesen, sondern vor allem auch tun!

„Das größte Problem bei der Kommunikation ist die Illusion, dass sie stattfand.“ George Bernard Shaw

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Wenn Helfer sich plötzlich abwenden …

Manfred Evertz

Kennen Sie Menschen, mit denen Sie über alles sprechen können, die Ihnen zuhören, dabei interessiert nachfragen und Sie nicht für das verurteilen, was Sie tun oder sagen? In einer Psychotherapie sollte es eigentlich genau so sein. Entscheidend für den Aufbau einer funktionierenden Arbeitsbeziehung sei es, dass Therapeuten ihren Patienten wertschätzend, empathisch und zugleich kongruent begegnen, weiß man spätestens seit Carl Rogers. Auf diese Weise erleichtern sie es diesen, Vertrauen zu fassen und konstruktiv an der Entwicklung ihrer Persönlichkeit bzw. an der Lösung ihrer Probleme zu arbeiten.

Bereits Frederick Kanfer, Professor für Psychologie an der University of Illinois und ein Pionier der Verhaltenstherapie, betonte die Bedeutung der therapeutischen Allianz. Seither ist es nahezu unbestritten, dass die funktionierende Zusammenarbeit von Patient und Therapeut einen wesentlichen Einfluss auf die Wirksamkeit einer Psychotherapie hat.

Edward S. Bordin, Professor für Psychologie und Pädagogische Psychologie an der University of Michigan, postulierte 1979 drei zentrale Bestandteile, die eine therapeutische Allianz ausmachen:

  1. die Entwicklung einer emotionalen Bindung (Bond)
  2. die Übereinstimmung bezüglich der Therapieziele (Goals) und
  3. die Übereinstimmung, was die therapeutischen Aufgaben betrifft (Tasks).

Unter „emotionaler Bindung“ verstand er, dass die gemeinsame Arbeit auf Vertrauen und gegenseitiger Verpflichtung basiert. Zudem sei es zentral, eine Übereinstimmung bezüglich der anzustrebenden Therapieziele zu finden, die angewandten Interventionen oder Techniken abzustimmen und die Rahmenbedingungen sowie die Regeln der Therapie zu vereinbaren.

Besonders wichtig wird die „emotionale Bindung“ vor allem dann, wenn es um die Behandlung psychischer Störungen geht, deren Ursprung in der mangelnden Einfühlung bzw. in einer unangemessenen Zuwendung der Eltern oder wichtiger Bezugspersonen liegt. Beim Reparenting bspw. soll seitens des Therapeuten die schädigende Wirkung verinnerlichter elterlicher Bilder oder Repräsentanzen mittels einer korrektiven Atmosphäre zwischenmenschlichen Kontaktes verändert und jene Beziehungsqualitäten zur Verfügung gestellt werden, die zur Ausbildung einer starken Persönlichkeitsstruktur notwendig gewesen wären. Hierbei müssen allerdings sämtliche Formen der Zuwendung in Worten, Blicken oder Berührungen innerhalb des therapeutischen Rahmens liegen und dürfen keinerlei missbräuchlichen Charakter annehmen. Das Wahren einer professionellen Distanz ist also unabdingbar.

Auf der Webseite der Bundespsychotherapeutenkammer (BptK) findet sich hierzu ein passendes Zitat ihres Präsidenten Prof. Dr. Rainer Richter: „Die Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut ist durch eine besondere emotionale Intensität und Offenheit gekennzeichnet. Der Erfolg einer Psychotherapie hängt entscheidend vom Vertrauen in diese Beziehung ab.“

Manfred Evertz

So weit, so gut. Nun mag es allerdings Menschen geben, die Derartiges nicht gewohnt sind und deshalb besonders empfindsam darauf reagieren. Die empathische Zuwendung, die nahezu unerlässlich ist, kann irritieren oder verunsichern. Beim Bewirken einer Gefühlsaktualisierung bzw. Regression können aber auch emotionale Reaktions- und Verhaltensmuster abgerufen werden, die mit einer bedauerlich unzulänglichen Impulskontrolle einhergehen. Nicht selten wird die therapeutische Beziehung mit entsprechend „pathologischer Energie“ vereinnahmt bzw. werden Therapeuten zu Erfüllungsgehilfen frühkindlicher Bedürfnisse auserkoren. Solange diese damit professionell umgehen, ist das zwar kein Problem, leider aber scheint dies nicht immer möglich zu sein. Das oben erwähnte Vertrauen kann demnach auch deshalb schwinden, weil Therapeuten eben keine Roboter sind.

Da macht jemand nur einen Job.“

Im Verlauf einer Psychotherapie entsteht also eine Quasi-Beziehung zu einem Menschen, der sich als Privatperson kaum zu erkennen geben bzw. sich seiner beruflichen Rolle stets bewusst bleiben sollte. Es stellt sich dann leicht die Frage, ob die damit einhergehende Zuwendung nur ein Mittel zum Zweck ist („erfolgreiche Behandlung“) oder ob man sich als Patient wirklich wertgeschätzt und angenommen fühlen darf? Wie sehr darf man sich auf eine derartige Begegnung freuen? Wie stark dürfen die Gefühle werden, die man seinem Therapeuten oder seiner Therapeutin entgegenbringt?

Manfred Evertz

Selbstzweifel, Gefühle von Scham oder Schuld (bspw. bei möglichen Grenzüberschreitungen) sowie inadäquate Reaktionsmuster von Patienten, können im therapeutischen Rahmen beleuchtet und zielgerichtet aufgearbeitet werden. Das erfordert allerdings eine professionelle Handhabung, vor allem denn, wenn es aufgrund der Intensität der oben genannten Emotionen zu Störungen auf der Beziehungsebene kommt. Übermäßig zum Ausdruck gebrachte Idealisierung bzw. Verehrung, regressive Verhaltensmuster, ebenso wie das Gefühl, einer Gegenübertragung oder projektiven Identifikation ausgeliefert zu sein, können beängstigend sein. Verunsicherung entsteht dann von Zeit zu Zeit nicht nur hinsichtlich der psychischen Stabilität der Patienten. Kommen Therapeuten deshalb zu der Einschätzung, einen therapeutischen Prozess nicht mehr hinreichend steuern zu können bzw. als Person zu stark von einem Patienten vereinnahmt zu werden, führen entsprechende Eingeständnisse fachlicher oder persönlicher Grenzen in der Regel zu einer vorzeitigen Beendigung bzw. zum Abbruch der Therapie. Obwohl das vollkommen legitim und zu befürworten ist, können die Folgen für die Hilfesuchenden fatal sein: Jetzt haben sie endlich einmal Vertrauen aufgebaut, und schon wieder werden sie enttäuscht. Noch schlimmer ist es, sollten Therapeuten zu vergleichbaren Übergriffen neigen.

Derlei Erfahrungen erschweren den ohnehin schon beschwerlichen Weg abermals. Wie viel Kraft muss jetzt aufgebracht werden, um sich erneut auf eine vergleichbare Beziehung einlassen zu können? Der Angst davor, erneut zurückgewiesen zu werden, folgt nicht selten eine emotionale Verhärtung, die zwar eigentlich nur dem eigenen Schutz dient, aber unangenehme Begleiterscheinungen mit sich bringt. Mit der nun spürbar werdenden Einsamkeit, Trauer bzw. mit dem Gefühl, abermals verlassen worden zu sein, müssen die Patienten daraufhin allein zurechtkommen. Die Konsequenz davon kann Verbitterung oder sogar ein finaler Rückzug mit dem Fazit sein: „Mir kann ohnehin nicht geholfen werden.“

Archaische Verstrickungen?

Nicht nur in einer Psychotherapie, sondern eigentlich überall dort, wo Menschen sich um die Sorgen anderer Menschen kümmern, entsteht eine besondere Form der Nähe und – wird diese eine gewisse Weile ausgehalten – eine zwischenmenschliche Beziehung, die sich für die Beteiligten jeweils anders darstellt. Selbst wenn der Rahmen professionell abgeklärt ist und sich zudem um Transparenz bemüht wird, kann sich die ein oder andere Perspektive manchmal sehr verengen und eben auch Unbeholfenheit zur Folge haben.

Manfred Evertz

Zum Glück aber ist jede Beziehung anders. Da auch Therapeuten nur Menschen sind, verhalten sie sich eben auch wie solche, und zwar jeder anders. Das gilt gleichermaßen für die Patienten. Wie sich eine Bindung im therapeutischen Rahmen gestaltet, ist also auch in Anbetracht aller gängigen Lehrmeinungen stets ganz individuell. Ebenso ist es mit dem Abschied. Zu wünschen ist es folglich, dass beide Seiten dies stets bedenken, Therapeuten also achtsam und aufrichtig mit ihren Grenzen umgehen sowie mit dem, was ihnen begegnet, und Hilfesuchende sich niemals ihre Zuversicht nehmen lassen.

Zitat aus „Siddhartha“ von Hermann Hesse: „Anders sah er jetzt die Menschen an als früher, weniger klug, weniger stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter.“

PS: Auf der Seite aerzteblatt.de finden Sie einen Artikel mit dem Titel „Patientenbeschwerden in der Psychotherapie: Sie werden ernst genommen“, der im März 2013 erschienen ist. Erläutert wird hierin das strukturierte Beschwerdemanagement am Beispiel der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen.

Literaturhinweis:

  • Bordin, Edward S. (1979). The generalizability of the psychoanalytic concept of the working alliance. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 16, 252–260.

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