Die Sprache der Gefühle

Was wollen uns unsere Gefühle eigentlich mitteilen oder wozu sind sie überhaupt gut, insbesondere dann, wenn sie uns bspw. unzufrieden, traurig oder wütend machen? Und warum fällt es uns manchmal so schwer, über sie zu sprechen?

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Vor einiger Zeit habe ich Ihnen die Frage gestellt, welche Erfahrungen Sie mit jenen Gefühlen haben, für die es keine Worte zu geben scheint, und u. a. folgende Rückmeldungen erhalten:

  • Worte und Denken sind Kognitionen und eben nicht Emotionen. Das wird oft nicht differenziert. Daher antworten viele Menschen auf die Frage, „Was fühlst du?“, mit „Das weiß ich nicht.“
  • Oh ja, das kenne ich gut…. Habe eine traumatische Kindheit erlebt und bis zum Erwachsenenalter vieles verdrängt. Irgendwann habe ich angefangen es aufzuarbeiten, verschiedene Therapien gemacht – auch stationär. Jetzt – seit einem Jahr – Trauma-Therapie. Ich merke, wie lang der Weg ist und wie schwer es ist, das in Worte zu fassen, was in mir los ist. Das geht nur in kleinen Schritten.
  • In der kunsttherapeutischen Praxis, durch die Arbeit mit inneren Bildern, gelingt eine Annäherung an emotionales Erleben, ein zunächst nonverbaler Ausdruck. Für Gedanken und Emotionen, die – aus welchen Gründen auch immer – (noch) nicht verbalisiert werden können oder für die es möglicherweise im Moment kein passendes Wort gibt… Das Visualisieren ermöglicht im nächsten Schritt einen Erkenntnisprozess, ein Begreifen, ein Bearbeiten, eventuell Verändern und eine visuelle Verankerung des Erarbeiteten.
  • Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass wir den Gefühlen nicht auf den Grund gehen. Man darf eine Person nicht doof finden, also lasse ich diese Gefühle gar nicht zu bzw. werde mir ihrer nicht bewusst. Nehme ich mir mal die Zeit und fühle in mich hinein, dann merke ich, dass da ganz viele verschiedene Gefühle sind. Die Gefühle sind da. Unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht sind, nehme ich sie wertfrei an.
  • Mir hilft es, die einzelnen Fragmente zu betrachten, aus denen das Gefühl besteht. Das Gefühl ist wie ein Kuchen und ich betrachte, aus welchen Zutaten es gemacht wurde. Außerdem versuche ich zu verstehen, ob es sich wirklich um ein Gefühl handelt, welches in einer bestimmten Situation entstanden ist, warum es genau da entstanden ist und ob es auch nur in diese Situation gehört, oder ob es sich vielleicht um eine Emotion handelt, die sich aus Erfahrungen, Befürchtungen und Wünschen zusammensetzt – in einem ganz anderen Moment, zu einer ganz anderen Zeit entstanden ist – und sich nun meldet.

„Denke nicht so viel, sondern fühle.“ Fritz Perls

In der Regel zeigen uns unsere Gefühle, welche Bedürfnisse wir haben. Im Grunde genommen sagen sie uns also, was wir brauchen, und geben Auskunft darüber, inwieweit wir uns mit dem begnügen, was wir wohl bekommen werden oder schon bekommen haben. Nicht immer ist das jedoch offensichtlich. Manchmal reagieren wir emotional auf andere Menschen, Ereignisse oder gewisse Reize, ohne zu wissen, warum wir das eigentlich tun. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, sich mit dem Motiv für diese Reaktion zu befassen, um zu verstehen, wodurch sie ausgelöst wurde. Manchmal lässt sich durch eine gezielte Reflexion erkennen, dass es sich um eine Projektion handelt, ein andermal vielleicht um eine Übertragung oder um etwas ganz anderes. Nicht immer gelingt es uns jedoch, der Ursache durch bloßes Nachdenken auf die Spur zu kommen. Der Grund dafür könnte sein, dass wir irgendwie „blockiert“ sind. Solche Blockierungen können in verschiedenen Zusammenhängen auftreten und auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen. Um dann trotzdem herauszufinden, worum es eigentlich geht, ist es hilfreich, sich zunächst einmal intensiv mit dem aufgetauchten Gefühl zu befassen, d.h. es zuzulassen und in sich hineinzuspüren, so wie es bspw. in gewissen Achtsamkeitsmeditationen getan wird. In der Beratung, in einer Therapie oder im Coaching können Klienten durch gestalttherapeutische Interventionen dabei unterstützt werden, dieses „Gewahrsein“ zu erlangen. Diese Methoden machen es – kurz gesagt – möglich, Menschen wieder (mehr) mit sich selbst (sowie mit ihrer Umwelt) in Kontakt zu bringen.

„Wir erlauben uns selbst nicht – oder es wird uns nicht erlaubt –, vollkommen wir selbst zu sein.“ Fritz Perls

Humanistische Psychologen gehen davon aus, dass jeder Mensch über ein nahezu unbegrenztes Enwicklungspotenzial verfügt und danach strebt, sich nach seinen Möglichkeiten zu verwirklichen, sich also zu entfalten und seinem Leben einen Sinn zu geben (Wachstumsbedürfnisse). Dabei wird der Mensch immer zugleich selbst als ein Ganzer (der Mensch als System), wobei Körper, Seele und Geist eine untrennbare Einheit bilden, und als Teil des Ganzen betrachtet, der abhängig ist von seinen Mitmenschen, insbesondere dann, wenn es darum geht, soziale Bedürfnisse zu befriedigen sowie zu einem gelingenden Miteinander beizutragen (Interdependenz). Folgt man den Gedanken Martin Bubers, wäre vielleicht zu ergänzen, dass erst die Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber, (dem „Du“) oder mit der dinglichen Welt (dem „Es“) es dem „Ich“ ermöglicht, sich von seiner Umwelt abzugrenzen und sich in dieser Welt zu verorten.

Werner Eberwein hat das Humanistische Menschenbild in einem kurzen Video bei YouTube sehr schön erläutert:

Die Gestalttherapie gehört zu den klassischen Therapieverfahren der Humanistischen Psychologie. Sie basiert auf der Annahme, dass unerledigte Situationen oder Erlebnisse, die unzureichend oder dysfunktional verarbeitet wurden und die als „offene Gestalten“ betrachtet werden, spätere Entwicklungen beeinträchtigen und das Entscheidungsverhalten eines Individuums im hohen Maße – mehr oder weniger subtil – beeinflussen können. Ein „gesunder“ Menschen sollte demzufolge möglichst immer erkennen, welches Bedürfnis in einem jeweiligen Moment im Vordergrund steht, um sich im hinreichenden Maße darum kümmern zu können, damit sich die entsprechende Gestalt wieder „schließt“. In einer auf diesem Ansatz fußenden Beratung geht es darum, die Wahlfreiheit der Klienten zu erweitern, latente Potenziale und Ressourcen zu entfalten sowie abgewehrte Persönlichkeitsanteile, abgespaltene Gefühle und Bedürfnisse oder leidvolle Erlebnisse zu integrieren. Die gestalttherapeutischen Interventionen sind m. E. – richtig angewendet – hochpotent und sollten demnach immer mit Bedacht eingesetzt werden. Das Wohl der Klienten muss hierbei stets im Vordergrund stehen.

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Fritz Perls schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“

„Die Vergangenheit belagert unsere Gegenwart.“ Fritz Perls

In der Gestalttherapie werden insbesondere die persönlichen Muster der Kontaktaufnahme und -unterbrechung betrachtet und – soweit sie erkennbar oder erspürbar werden – im Rahmen der therapeutischen Begegnung im Hier und Jetzt gespiegelt. Daraufhin wird überprüft, inwieweit diese Muster funktional sind, d.h. mit dem Ziel korrespondieren, den bewussten Handlungsspielraum zu erweitern und zugleich die Übernahme von (Selbst-)Verantwortung zu fördern. Dabei wird vor allem nach den eigenen Anteilen (an gelingenden bzw. misslingenden Interaktionen) geschaut, d.h. nach jenen routinisierten Verhaltens- und Wahrnehmungsmustern, die den Kontakt mit der jeweiligen Situation auf unangemessene Weise unterbrechen können und die den Betroffenen selbst häufig nicht bewusst sind. Im schlimmsten Fall sind Traumatisierungen ursächlich dafür. Mittels einer Gefühlsaktualisierung lassen sich die entsprechenden Engramme bearbeiten, also jene physiologische Spuren, die Erlebnisse bzw. entsprechende Reizeinwirkungen in Form struktureller Änderungen im Gehirn hinterlassen haben. Neue emotionale Erfahrungen können dabei helfen, diese Strukturen sowie die damit verbundenen Reaktionsmuster nachhaltig zu verändern. Bedenken sollte man dabei allerdings, dass die Muster der Kontaktunterbrechungen etwa im Sinne eines Selbstschutzes (z. B. bei Misshandlung oder Missbrauch) durchaus funktional sein können. Insofern geht es nicht um die Förderung von Kontakt an sich, sondern um die genaue Herausarbeitung des Stellenwertes des jeweiligen Musters im Rahmen der Biographie sowie der aktuellen Beziehungen, in denen ein Organismus zur Umfeld steht. War es Ihnen aus irgendeinem Grund also bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder haben Sie die Befürchtung, es sei egoistisch, zu belastend oder beängstigend, sich mit gewissen Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass Sie die damit im Zusammenhang stehenden Erfahrungen vielleicht vom eigenen Erleben abgespalten haben, um sich nicht dem Risiko einer Retraumatisierung auszusetzen (Selbstschutz).

„Mit seinen Emotionen auf Tuchfühlung zu gehen und zu lernen, sie zu umarmen, ist heilsam.“ Fritz Perls

Emotionen spielen eigentlich immer eine zentrale Rolle. Selbst bei einer lösungsorientierten Vorgehensweise sind sie die stetigen Begleiter von Gedanken. Von daher betrachte ich gestalttherapeutische Interventionen als ein nützliches Mittel, um mehr Tiefe in Gespräche zu bringen und somit nachhaltige Entwicklungen zu begünstigen. Hinschauen, fühlen, ganzheitlich erleben und daran wachsen. Das ist zumindest (m)eine Definition der Gestalttherapie.

Wenn Sie mehr über dieses Thema erfahren möchten, dann empfehle ich Ihnen, sich das folgende Interview mit Werner Eberwein und Dr. Lotte Hartmann-Kottek, der Autorin des Buches „Gestalttherapie“, anzuschauen.

Literaturhinweis:

Werner Eberwein ist Psychologischer Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Berlin-Kreuzberg, 2. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT), Leiter des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP) und des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH). Seine Webseite finden Sie hier.

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Die Vielfalt therapeutischer Angebote – Interview mit Prof. Dr. Heidi Möller

Prof. Dr. Heidi Möller

Prof. Dr. Heidi Möller

„Macht mir mal das Symptom weg!“ Immer wieder werde ich von Klienten danach gefragt, zu welcher Therapieform ich ihnen (nach einer kurzen Schilderung der individuellen Problematik) raten würde? Eine Expertin, die darauf sicher schlüssige Antworten zu geben weiß, ist Frau Dr. Heidi Möller. Sie ist Professorin des Fachbereichs „Theorie und Methodik der Beratung“ am Institut für Psychologie der Universität Kassel.

Sie hat die Ausbildungen der gängigen Psychotherapien (Grundausbildung in Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapeutische Ausbildung, Graduierung zur Integrativen Therapeutin, Fachkundenachweis Tiefenpsychologie, Psychoanalyse) absolviert, ist zertifizierte Lehrtherapeutin sowie Organisationsberaterin und Supervisorin. Zudem hat sie sich im Rahmen verschiedener Publikationen mit zentralen Aspekten des Coachings beschäftigt. Das finde ich deshalb besonders interessant, weil es vielen Menschen trotz der immer besser werdenden Aufklärung scheinbar nicht leicht fällt, sich bei Bedarf aus den Bereichen Psychotherapie oder Coaching das passende bzw. indizierte Angebot herauszusuchen. Die Unübersichtlichkeit des Marktes, (oftmals) fehlende Transparenz und eine nicht immer eindeutig ersichtliche Differenzierung der Zielgruppen und Wirkmechanismen sind mögliche Gründe dafür.

Im Folgenden finden Sie die Zusammenfassung eines telefonischen Interviews (mit einigen Texten der Professorin ergänzt), das ich mit Dr. Heidi Möller führen durfte. Ziel des Gesprächs war es, etwas Licht in den Psychotherapie- und Coaching-Dschungel zu bringen.

1. Warum haben Sie sich für ein Psychologie-Studium entschieden?

Ich habe meinen Vater früh verloren und war mir seitdem klar darüber, dass ich Psychologin bzw. Psychotherapeutin werden möchte. Das hatte sicher viel damit zu tun, dass ich schon früh in eine sehr verantwortliche Rolle kam, meine Brüder großgezogen habe und mich zudem um meine Mutter kümmerte, die nach dem Tod ihres Ehemannes nicht mehr so richtig zurück ins Leben fand. Es entspricht zwar einem Klischee, auf diese Weise motiviert einen solchen Beruf zu ergreifen, allerdings können derlei Beweggründe auf früh erworbene Kompetenzen verweisen, dass man sich als jemand erlebt hat, der für Menschen in Not Einfühlungsvermögen hat. Wichtig dabei ist allerdings, dass diese Motivation im Rahmen der psychotherapeutischen Ausbildung bzw. Selbsterfahrung hinreichend reflektiert wird. Wurden diese Motive sowie die eigene Vergangenheit (inklusive eventueller Traumatisierungen, kritischer Lebensereignisse etc.) gut aufgearbeitet, können insbesondere selbst einst krisengeschüttelte Therapeuten bei den Patienten die Zuversicht wecken, ihre jetzigen Schwierigkeiten zu bewältigen. Kurz gesagt entspricht das der Theorie eines „wounded healers“.

2. Sie sind in mehreren Therapieverfahren geschult. Warum haben Sie sich nicht – wie die meisten Ihrer Kollegen/-innen – mit einer Ausbildung begnügt?

Anfang der 1980er Jahre, als die Psychotherapie rechtlich noch nicht geregelt war, konnte man bereits während des Studiums mit einer entsprechenden Ausbildung beginnen. Also absolvierte ich noch zu meiner Studienzeit eine Grundausbildung zur Gesprächspsychotherapeutin, stellte aber fest, dass das kein Verfahren ist, das meiner Persönlichkeit entspricht. Es folgten eine verhaltenstherapeutische und eine gestalttherapeutische Ausbildung sowie eine Weiterbildung zur Lehrtherapeutin für Gestalttherapie. Für eine saubere Diagnostik und ein vertieftes Verstehen von Menschen zog es mich dann allerdings noch zur Psychoanalyse. Für meine didaktische Arbeit an der Universität ist diese Mischung ideal. So kann ich einen bestimmten Fall bspw. aus der Perspektive eines Verhaltenstherapeuten betrachten und mit der eines Tiefenpsychologen oder Gestalttherapeuten vergleichen.

Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass sich nur ein ganz kleiner Teil des Therapieerfolgs durch die sogenannte therapeutische Technik erklären lässt. Einst ging man von ca. 10 Prozent aus. Heute ist man sogar noch vorsichtiger und spricht von einem Wert im einstelligen Bereich. Das bedeutet, dass die Methode, die man anwendet, eigentlich sekundär ist. Wichtiger ist die Tragfähigkeit der therapeutischen Beziehung. Wie diese gestaltet wird, hängt vor allem von der Reife bzw. der persönlichen Entwicklung des Therapeuten ab

3. Worauf sollten Menschen, die psychisch erkranken, bei der Auswahl eines Therapeuten oder einer Therapeutin achten?

Vorschläge zur Reflexion des Nachkontakts mit einem Psychotherapeuten:

  • Stimmt der emotionale Kontakt?
  • Ist der/die Patient/-in ernst genommen worden, fühlte er/sie sich wohl, wertgeschätzt und konnte er/sie Vertrauen fassen?
  • Hat der/die Patient/-in sich verstanden gefühlt?
  • Hat das Erstgespräch neue Sichtweisen auf das Problem eröffnet und sind Veränderungsmöglichkeiten eröffnet worden?
  • Übernimmt der/die Psychotherapeut/-in einfach die Ziele des Patienten bzw. der Patientin oder setzt er/sie sich mit angemessener Distanz konstruktiv mit ihnen auseinander?
  • Haben der/die Psychotherapeut/-in und der Patient bzw. die Patientin gemeinsam daran gearbeitet, die psychotherapeutischen Ziele zu setzen?
  • Konnte der/die Psychotherapeut/-in ggf. mit den Bedenken bezogen auf die Psychotherapie umgehen?
  • Konnte der/die Psychotherapeut/-in seine/ihre Diagnose nachvollziehbar darlegen und die geplanten Interventionen erläutern?
  • Konnten neue, überraschende Aspekte der belastenden Situation entdeckt werden?
  • War der/die Psychotherapeut/-in in freundlicher, aber professioneller Distanz oder ließ er/sie sich verwickeln, ergriff Partei?

4. Was ist in Ihren Augen das Besondere der Kognitiven Verhaltenstherapie?

Sie ist so schön eingängig und einfach. Man kann sie gut erklären. Ich bin geneigt zu sagen, sie suggeriert schnelle Veränderungen. Rein kognitive Interventionen verändern das Erleben und Verhalten eines Menschen aber kaum. Wir wissen aus der Hirnforschung, dass es dringend einer affektiven Beteiligung bedarf, wobei der Ebene des Erlebens bzw. der affektiven und kognitiven Verarbeitung des Erlebten eine besondere Rolle zukommt. Viele moderne Kognitive Verhaltenstherapeuten/-innen nutzen hierfür allerdings zunehmend verschiedene Methoden anderer Verfahren. Man könnte sie demzufolge als „produktive Strandgutsammler“ bezeichnen.

5. Welchen Patienten würden Sie eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie empfehlen?

All denen, die neugierig sind auf sich und ihre Erlebniswelt sind – also darauf, sich selbst besser kennenzulernen – und die wissen wollen, woher ihr Unmut, ihre Unzufriedenheit oder ihr Unglück im Leben eigentlich kommt, die also „archäologisch“ vorgehen möchten. Anderen Patienten, die ganz klar umrissene Symptome haben (bspw. eine Angststörung), kann man eine Verhaltenstherapie empfehlen, die hinsichtlich einer Linderung sehr gute Ergebnisse vorzuweisen hat. Möchte man allerdings etwas tiefer in das Verstehen des Entstehens einer psychischen Störung einsteigen, ist man bei einem/-er tiefenpsychologischen Psychotherapeuten/in wohl besser aufgehoben. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Einige Patienten sind zufrieden, wenn sich ihr Symptom schnell lindert, andere hingegen möchten sich mehr als Ganzes erleben, verstehen und wahrnehmen können.

6. Unter welchen Umständen sollten sich Betroffene für eine Psychoanalyse entscheiden?

Ein Argument für diese Methode ist ein recht pragmatisches, dass bspw. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung oder einer schweren Traumatisierung einfach mehr Zeit benötigen, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Diese gewährt die Psychoanalyse aufgrund ihres höheren Stundenkontingents, wobei in solchen Fällen dann nicht unbedingt klassisch psychoanalytisch gearbeitet wird. Aber auch Störungsbereiche wie z. B. die narzisstischen Störungen sind mit psychodynamischen Methoden besser zu behandeln, zumal ein wirklich gutes verhaltenstherapeutisches Modell zur Entstehung dieser psychischen Erkrankung fehlt. Die Psychoanalyse hat sich seit der Zeit von Sigmund Freud stetig weiterentwickelt.

7. Hat die Psychoanalyse nicht den Ruf, wenig effektiv zu sein?

Die Aussage, die Psychoanalyse sei nicht effektiv, ist nicht richtig. Wohl aber stimmt es, dass die Psychoanalytiker erst ziemlich spät mit der Durchführung von Studien zur Wirksamkeit begonnen haben, weshalb es auch weniger von ihnen gibt als bspw. zur Kognitiven Verhaltenstherapie. In der Langzeitwirkung ist die Psychoanalyse der KVT allerdings überlegen.

8. Was halten Sie persönlich von den humanistischen Therapieverfahren?

Ich war eine begeisterte Gestalttherapeutin und verwende diese Konzepte nach wie vor bspw. in meinen Beratungen. An den Universitäten sind die humanistischen Therapien jedoch unterrepräsentiert, weshalb ist es auch schwierig ist, ausreichend Forschung zu diesen Verfahren zu generieren. Die Gestalttherapie im klassischen Sinne war eher für Menschen gedacht, die psychisch recht gesund sind, aber ihr Erleben und Verhalten erweitern wollen. Auf der konzeptionellen Ebene gibt es zwar Weiterentwicklungen, jedoch nur wenige empirische Studien.

Bei der Klientenzentrierten Gesprächstherapie ist das anders, zumal Carl R. Rogers als der Begründer der Psychotherapieforschung gilt. Er hat ja erstmalig auch Transkripte von Sitzungen angefertigt. Die Grundregeln, was die Gesprächstechniken betrifft, werden heute allerdings eigentlich in jeder Therapieform angewendet. Wie wäre eine Behandlung denkbar ohne Unterstützung der Selbstentwicklung, ohne bedingungslose Akzeptanz? Die Gesprächspsychotherapie ist hilfreich, meiner Ansicht nach aber an vielen Stellen nicht störungsspezifisch genug.

Die Logotherapie von Viktor Frankl ist ja bspw. in Österreich als Psychotherapieverfahren anerkannt. Sie ist gut konzeptionalisiert, allerdings fehlt es auch bei ihr an empirischen Effizienznachweisen. Bei der Transaktionsanalyse (nach Eric Berne) wird die Forschung hingegen zurzeit gerade wieder aktiviert.

9. Gibt es therapeutische Verfahren, von denen Sie eher abraten würden?

Nicht empfehlen würde ich Menschen, die psychisch erkrankt sind, die Neurolinguistische Programmierung. NLP ist ja ein Konglomerat von allem, was irgendwie ganz gut funktioniert hat, allerdings ohne eine Konsistenz im Menschenbild bzw. in den Interventionen vorweisen zu können. Ich halte sie zudem für eine Methode, die in mancherlei Hinsicht manipulativ ist.

10. In Ihrem Forschungsprojekt „Kompetenzentwicklung von Psychotherapeutinnen in Ausbildung“ werden verschiedene Kompetenzen erhoben und mit dem therapeutischen Behandlungserfolg in Beziehung gesetzt. Haben Sie in diesem Zusammenhang bereits Erkenntnisse gewinnen können?

Es konnte bspw. aufgezeigt werden, dass es überhaupt nicht mit der Zeit zusammenhängt, wie lange sich jemand – also ob zum Beispiel 120 oder 1000 Stunden – in der Ausbildung selbstreflexiv mit der eigenen Persönlichkeit im Rahmen einer Lehranalyse oder Lehrtherapie auseinandersetzt. Entscheidender ist, wie er oder sie das getan hat, also ob jemand gelernt hat, in guten und in schlechten Zeiten wohlwollend und freundlich zu sich selbst zu stehen. Wichtig ist zudem, dass ein Therapeut bzw. eine Therapeutin das für sich passende Verfahren wählt, ganz einfach deshalb, weil Menschen unterschiedlich denken und die Welt auf eine jeweils andere Weise erfassen. Je einiger sie mit ihrem Verfahren sind, desto zufriedener sind die Psychotherapeuten mit ihrem Beruf.

11. Welche Qualitätskriterien sollte Coaching erfüllen? Welchen Tipp können Sie jenen Menschen geben, die auf der Suche nach einem Coach sind?

Ein guter Coach muss ein stimmiges Theorie-Praxis-Konzept vorweisen, das eine Verbindung von den zugrundeliegenden Annahmen bis zum konkreten beraterischen Handeln schafft und angekoppelt ist an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Der Coach braucht zudem prozedurale Fertigkeiten zur Herstellung einer tragfähigen Arbeitsbeziehung und Durchführung von Interventionen, sowie Wissen über allgemeine Wirkfaktoren wie Zielklärung, Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung, Problembewältigung und -klärung. Dem Coach muss klar sein, warum er bei diesem Klienten in dieser Phase des Beratungsprozesses bestimmte Interventionen wählt, warum z.B. bei einem Klienten Methodiken aus der kognitiven Verhaltenstherapie anwendet und bei einem anderen eine psychodynamische Deutung erwägt. Der Coach muss über interpersonale Kompetenzen zur Herstellung einer günstigen Arbeitsbeziehung (Beziehungskompetenz) verfügen. Des Weiteren braucht er eine hohe diagnostische Kompetenz, um sich rasch ein fundiertes Bild sowohl über individuelle, interaktionistische als auch organisationale Phänomene machen zu können (vgl. Möller & Kotte, 2014).

Coaching als diskrete Dienstleistung, die hinter verschlossenen Türen stattfindet, entzieht sich der Forschung nur all zu oft. Deshalb ist der wissenschaftliche Blick auf die Wirksamkeit und Wirkfaktoren von Coaching bisher noch eingeschränkt. Längsschnittliche Designs, eine Betrachtung mehrerer Perspektiven (Coach und Klient), die Kosten-Nutzen Relation und der organisationale Kontext werden bisher zu wenig berücksichtigt (Möller & Kotte, 2011). Auch wird zumeist mit kleinen Stichproben gearbeitet. Der Zugang zu den Klienten als Untersuchungspartnern erfolgt zumeist über die Coaches selbst, was zu Selektionseffekten führt (Möller & Kotte, 2011), denn die Coaches bitten oft nur Kunden, bei denen das Coaching als erfolgreich eingeschätzt wurde, an Studien teilzunehmen.

Ob der Coach fachlich und persönlich überzeugt, das kann nur der Kunde im persönlichen Kontakt herausfinden. Am besten er vereinbart ein Erstgespräch und traut seinem Bauchgefühl! Erscheint der/die Coach anschlussfähig an das eigene Berufsfeld, die eigene Branche? Stimmt die „Chemie“, fühle ich mich als Kunde wohl, verstanden und habe das Gefühl, etwas lernen zu können?

12. Worauf sollte man Ihrer Meinung nach bei der Auswahl eines Coaching-Ausbildungsinstituts achten?

Hinsichtlich der Qualität von Coachingausbildungen habe ich sechs Thesen formuliert, die vor der Entscheidung für ein bestimmtes Institut überprüft werden sollten:

  • These 1: Eine gute Coachingausbildung muss ein stimmiges Theorie-Praxis-Konzept vorweisen, das eine Verbindung von den zugrundeliegenden Annahmen bis zum konkreten beraterischen Handeln schafft und angekoppelt ist an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.
  • These 2: Eine gute Coachingausbildung darf nicht nur Methoden und Tools vermitteln, sondern muss eine beraterische Identität ausbilden. Dazu muss sie auch wesentliche Teile an Selbsterfahrung und Reflektion umfassen.
  • These 3: Eine Coachingausbildung muss unterschiedliche Lernformen anbieten, eine sinnvolle Lernarchitektur beinhalten, die im Ausbildungsverlauf Theorie, Praxis und Transfer verknüpft und einen Integrationsort haben, an dem die vielfältigen Lernerfahrungen verzahnt werden können.
  • These 4: Eine gute Coachingausbildung muss klare Bezüge zu anderen arbeitsweltlichen Beratungsformaten herstellen und in Übereinstimmung mit dem beratungswissenschaftlichen Diskurs stehen.
  • These 5: Eine gute Coachingausbildung muss Aufnahmevoraussetzungen definieren und die Motivation zur Coachingausbildung im Ausbildungsverlauf systematisch reflektieren.
  • These 6: Eine Coachingausbildung muss von erfahrenen Ausbildern geleitet werden. Erfahrung beinhaltet sowohl umfassende und aktuelle eigene Beratungserfahrung als auch Erfahrung in der Ausbildung von Coaches.

13. Gibt es eine bestimmte Frage- oder Problemstellung, die Sie persönlich besonders herausgefordert hat?

Ja, ich denke da bspw. an eine anorektisch und bulimische Patientin, bei der ich bereits die sechste Therapeutin war…

14. Welche Literatur empfehlen Sie?

  • Cord Benecke (2014). Klinische Psychologie und Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Stephan Döring & Heidi Möller (Hrsg.)(2014). Mon Amour trifft Pretty Woman. Liebespaare im Film. Heidelberg: Springer.
  • Heidi Möller & Stephan Döring (Hrsg.) (2010). Batman und die himmlischen Kreaturen. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen, Band II. Heidelberg: Springer.
  • Stephan Döring & Heidi Möller (Hrsg.)(2008). Frankenstein und Belle de Jour. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen, Band I. Heidelberg: Springer.

Kontakt: Prof.Dr.Heidi Möller, Universität Kassel, Fachbereich 01, Institut für Psychologie, Holländische Straße 36-38, 34127 Kassel

Vielen Dank für das Interview!

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