Die Schlüssel zum verlorenen Selbst

Haben Sie schon einmal eine Phase durchgemacht, in denen Ihr Leben keinen Wert mehr zu haben schien und Ihnen jeder Blick in die Zukunft ein Gefühl der Sinnlosigkeit vermittelte? Haben Sie sich zu dieser Zeit vielleicht in einem Gedankenkarussell verfangen und wurden geplagt von zermürbenden Gemütszuständen? Wissen Sie, wie es ist, sich lust- und freudlos von Tag zu Tag zu schleppen? Können Sie sich vorstellen, wie absurd es dann wohl ist, wenn man dazu aufgefordert wird, positiv zu denken oder sich eine Zukunft auszumalen, in der alle Probleme gelöst seien?

Das Problem mit dem Problem

Aus manchen Phasen einer schweren Depression scheinen selbst höchst wirkungsvolle Fragetechniken (wie bspw. die Wunderfrage) oder (meta-)kognitive Strategien, die einer funktionalen Selbststeuerung normalerweise dienlich sind (z.B. „positives Denken“), nicht herauszuhelfen. Das habe ich bereits selbst erfahren müssen. Deshalb habe ich mir im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder die Frage gestellt, wie sich das eigentlich erklären lässt? Warum ist es so, dass eine Intervention in dem einen Fall wirkt bzw. in einem anderen nicht?

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Schwierige Lebensumstände oder seelische Krisen vernebeln nicht selten die Sicht auf ein erstrebenswertes Ziel. Gewisse Erlebnisse sind leider unglaublich furchtbar, unsagbar ungerecht oder einfach nur traurig. Wie kann es den Betroffenen in Anbetracht vielleicht schlimmster (Vor-)Erfahrungen überhaupt noch möglich sein, eine positive Zukunftsvision zu entwickeln? Auf welche Weise wirken lösungsorientierte Fragen und warum verfehlen sie manchmal ihr Ziel? Welche Rolle spielt die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren, und wieso ist es für das Finden einer Lösung nicht immer egal, wie sich ein Problem anfühlt oder wodurch es entstanden ist? Diese Fragen lassen sich alle unter Hinzunahme einer neuen Persönlichkeitstheorie – der PSI-Theorie – recht gut beantworten, was die Ableitung nützlicher Strategien, mit deren Hilfe eine funktionale Selbstwerdung gelingen kann, deutlich erleichtert.

Bereits das Stressmodell von Richard Lazarus geht davon aus, dass Menschen bei der Bewertung von potenziellen Stressoren stets anhand der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen überprüfen, ob sie sich diesen gewachsen fühlen. Dazu gehören neben einem unterstützenden, sozialen Netzwerk z.B. auch Selbstwirksamkeitserwartungen und Kontrollüberzeugungen sowie ein angemessener Optimismus. Letztendlich sind dies jene Faktoren, die eine Aussage darüber erlauben, wie widerstandsfähig bzw. resilient ein Mensch ist. Ratgeber, die sich mit diesem Themen befassen, findet man inzwischen wahrscheinlich in nahezu jedem gut sortierten Bücherregal. Welche der vielen Anregungen oder Tipps, die darin gegeben werden, allerdings im konkreten Einzelfall wirklich hilfreich sind, ist dann aber wohl doch eine recht individuelle Angelegenheit.

Die PSI-Theorie eröffnet neue Einsichten, warum das so ist und welche Handlungsoptionen sich daraus ergeben. Da das Modell allerdings sehr komplex ist, möchte ich ihren Urheber mit dem folgenden Zitat beim Wort nehmen und einen ersten Deutungsversuch wagen:

„Die PSI-Theorie wirbt [nun also] dafür, sich von den liebgewonnenen Vereinfachungsillusionen zu verabschieden und sich auf ein wenig mehr Komplexität einzulassen. Dazu reicht es zunächst einmal vier Funktionssysteme zu unterscheiden und zu lernen, wie ihre Interaktionen durch zwei motivationale Systeme gesteuert werden (d.h. durch das Belohnungs- und das Bestrafungssystem und die damit verbundenen positiven und negativen Affekte).“ Prof. Dr. Julius Kuhl

Eine neue Persönlichkeitstheorie

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Im Zweig der Persönlichkeitspsychologie geht es grundsätzlich um die Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung des individuellen Erlebens und Verhaltens. Lange Zeit dominierte hierbei der sogenannte “Trait”-Ansatz die Forschung, der mit der Entwicklung der sogenannten “Big Five” (Angleitner, Ostendorf & John, 1990) nochmals Aufwind bekam. Leider aber lässt sich ein spezifisches Verhalten in einer konkreten Situation nur schwerlich auf Grundlage einer Eigenschaft (oder mehrerer) vorhersagen, da Individuen in der Regel nicht immer so auf ihre Umgebung reagieren, wie es die (zuvor ermittelte) Ausprägung dieser erwarten ließe. Die transsituative Inkonsistenz des Verhaltens wird erst verständlich, wenn man die motivationale Ebene betrachtet. Bereits Gordon Allport (1937, S. 218) bemerkte diesbezüglich: “Motivation is the go of personality, and is, therefore, our most central problem”. Immer wieder wird seither bekräftigt, dass das Wissen über die Arten von Zielen, die Individuen in sozialen Interaktionen verfolgen, wichtig für das Verständnis von Persönlichkeit ist. Gängige Modelle unterschieden hierbei zwischen Motiven, die sich größtenteils in der Lebensphase vor dem Spracherwerb herausbilden und die das Individuum fortan durch den Einfluss dieser in der Vergangenheit liegenden Erfahrungen antreiben, sowie den in der Zukunft liegenden Zielen, die eine Person (bewusst) erreichen möchte. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es eine begrenzte Anzahl von (weitgehend unbewussten) Motiven gibt, die bei verschiedenen Individuen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind und sich abhängig von situationalen Bedingungen im Verhalten manifestieren können. Wie es trotz dieser offensichtlichen Unklarheit gelingen kann, „stimmige“ Entscheidungen zu treffen, die handlungsleitend werden, darauf gibt die PSI-Theorie nützliche Antworten.

Die Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) von Julius Kuhl (ehem. Professor für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie, Universität Osnabrück) ist eine Theorie der willentlichen Handlungssteuerung, die motivationale, volitionale, kognitive, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologische Modelle bzw. Theorien integriert. Beispiele hierfür sind das Konzept der „fully functioning person“ von Carl Rogers oder die Persönlichkeitstypologie von Carl Gustav Jung. Während viele andere Modelle (z.B. die „Big Five“) lediglich einen beschreibenden (deskriptiven) Charakter haben und die (statistisch) aufgedeckten Zusammenhänge (i.d.R.) nicht bzw. nicht hinreichend erklären, lassen sich aus der PSI-Theorie Annahmen ableiten, die ein tieferes bzw. erweitertes Verständnis des individuellen Erlebens und Verhaltens ermöglichen.

Erkenntnistheoretisch steht bei diesem Modell u. a. die Frage im Vordergrund, wie Menschen vom Wollen ins Handeln kommen (oder eben auch nicht). Wie sich eine Persönlichkeit entwickelt bzw. wie diese sich in spezifischen Situationen verhält, ist aus Sicht der PSI-Theorie vor allem davon abhängig, wie sich die Kommunikation zwischen ihren vier Erkenntnissystemen gestaltet bzw. wie gut diese gelingt. Jedes System erfüllt spezifische Aufgaben, die erst in ihrem zweckmäßigen Zusammenspiel zu dem führen, was Carl Rogers als „fully functioning person“ bezeichnet.

Dem Modell zufolge gibt es – kurz gesagt – also jeweils ein System,

  1. das für die Planung eines Vorhabens (Intentionsgedächtnis),
  2. dessen Ausführung (intuitive Verhaltenssteuerung),
  3. für die Analyse (Objekterkennungs-System) eventuell auftretender Probleme oder Schwierigkeiten zuständig ist und
  4. eines, das als Ratgeber fungiert (Extensionsgedächtnis).

Eine etwas ausführlichere Beschreibung der vier Erkenntnis- bzw. kognitiven Makrosysteme (siehe Tabelle) finden Sie hier: „PSI-Theorie-light“ von Prof. Dr. Julius Kuhl.

Wie sich das Zusammenspiel der einzelnen Wahrnehmungskanäle („Worauf achte ich?“ bzw. „Wie nehme ich meine Umwelt wahr?“), der damit verbundenen Makrosysteme und den verschiedenen Affektlagen gestaltet und ggf. steuern lässt, wird in der PSI-Theorie durch die sieben Modulationsannahmen beschrieben (Kuhl 2001):

→ Zwei Basismodulationsannahmen:

  • Willensbahnung: „Die Generierung von positivem Affekt beseitigt die Hemmung der Verbindung zwischen dem IG und der IVS, so dass Absichten vom IG zur IVS transportiert und umgesetzt werden können.
  • Selbstbahnung: „Die Herabregulierung von negativem Affekt bahnt den hemmenden Einfluss des EG auf das OES, so dass inkongruente Objektwahrnehmungen zugunsten eines ganzheitlichen Überblicks verhindert werden.

→ Weitere Modulationsannahmen:

  • Ausführungshemmung: Je stärker das IG aktiv ist, umso stärker wird die Verbindung zur IVS gehemmt. Voreiliges Umsetzen von Absichten wird verhindert.
  • Selbstberuhigung: Die Aktivierung des EG führt zu einer Herabregulierung von negativem Affekt. Unkontrollierbares Grübeln wird verhindert.
    → „Das ist doch nicht so schlimm.“
  • Selbstmotivierung: Die Aktivierung des EG erhöht die Aktivierung von positivem willensbahnenden Affekt, wodurch intrinsisch motiviertes Handeln möglich wird.
  • Selbstverwirklichung: Voraussetzung für Selbstwachstum und selbstkongruentes Handeln ist der ausgewogene Wechsel zwischen positiven und negativen Affektlagen und ihrer Herabregulierung („emotionale Dialektik“).
  • Intra- und intersystemische Penetration: Je komplexer ein Makrosystem oder ein spezifisches Untersystem entwickelt ist, desto höher und länger anhaltend muss die Intensität der Aktivierung eines Affekts sein, damit dieses Makro- oder Mikrosystem aktiviert werden kann.

Die neuronale Vernetzung bzw. die Kommunikation zwischen den vier Makrosystemen wird also vor allem durch die Regulation positiver und negativer Affekte gesteuert. Der Selbstkonditionierungs-Hypothese zufolge werden die Fähigkeiten der Affektregulation bereits während der frühkindlichen Sozialisation erworben. Indem die Mutter auf die Bedürfnisse des Kleinkindes in einer zeitlich und inhaltlich abgestimmten Weise reagiert, werden im Sinne einer klassischen Konditionierung bei diesem Verbindungen zwischen dem Selbstsystem (EG) sowie den jeweiligen affektgenerierenden Systemen gebahnt. Irgendwann sollte das Kind im Idealfall folglich in der Lage sein, diese Verbindungen selbst herzustellen und sich von dem affektregulierenden Einfluss der Mutter unabhängig zu machen. Hierbei kann es jedoch zu Störungen unterschiedlichster Art kommen, die sich unter Zuhilfenahme der PSI-Theorie transparent machen lassen. Das Modell bietet folglich Erklärungen für die Entstehung zahlreicher Entwicklungsstörungen – aber auch psychischer Probleme (z.B. für das Phänomen der Prokrastination) – an und lässt erkennen, wie ihnen wirkungsvoll begegnet werden kann und warum das so ist.

Die Kraft der Emotionen

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Fritz Perls (1979) schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“ Eine solche Sichtweise halte ich grundsätzlich für hilfreich, um zu verstehen, warum es für die Entwicklung einer psychisch stabilen Persönlichkeit hinderlich sein kann, schmerzvolle Empfindungen aus Gründen des Schutzes dauerhaft vom eigenen Erleben abzuspalten oder zentrale Bedürfnisse zu ignorieren.

War es also aus irgendeinem Grund bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder waren die Befürchtungen zu groß, es sei zu egoistisch, zu belastend oder sehr beängstigend, sich mit den entsprechenden Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass die schmerzvollen Empfindungen aus Gründen des Schutzes vom eigenen Erleben abgespalten und die mit ihnen verbundenen Bedürfnisse womöglich dauerhaft ausgeblendet bzw. vernachlässigt werden.

Die PSI-Theorie postuliert nun, dass die Fähigkeiten der Emotionsregulation (vgl. „emotionale Erst- bzw. Zweitreaktion“) erlernt werden können, weshalb auch ein dysfunktionaler Bewältigungsstil, der im Extremfall zu einer psychischen Störung führen kann, (z.B. im Rahmen einer Therapie) grundsätzlich modifizierbar ist. Sie ist also nicht so „statisch“ wie viele andere Modelle. Verdeutlichen lässt sich dies m. E. ganz gut mit dem folgenden Zitat: „Nicht wie der Wind weht, sondern wie wir die Segel setzen, darauf kommt es an!“

→ Emotionale Erst- und Zweitreaktion

  • Bei der emotionalen Erstreaktion treten Emotionen spontan auf (abhängig vom Temperament, den vorherrschenden Motiven, den konditionierten Reaktionsmustern etc.). Die Zweitreaktion stellt sich aufgrund einer (mehr oder weniger) bewussten Affektregulation ein.
  • Beispiel: Angst vor Dunkelheit (→ emotionale Erstreaktion), Selbstberuhigung durch Summen (Beruhigung → emotionale Zweitreaktion)

Obwohl des Erlernen eines funktionalen Umgangs mit Gefühlen natürlich in den meisten Therapieverfahren ein zentrales Thema ist, scheint insbesondere die Schematherapie von Jeffrey Young selbst bei „schwierigsten Fällen“ (z.B. bei Persönlichkeitsstörungen) Anlass zu einem derartigen Optimismus zu geben. Nachdem die Kernprobleme (z.B. intensive negative Gefühle, Vermeidung, Unterwerfung, Überkompensation, Selbstabwertung oder übertriebener Perfektionismus) herausgearbeitet und den entsprechenden Modi bzw. Schemata zugeordnet wurden, wird in diesem Verfahren neben kognitiv-behavioralen Techniken u.a. auch mit emotionsfokussierenden bzw. gestalttherapeutischen Methoden (bspw. der „Stuhltechnik“) gearbeitet, deren konzeptionelles Fundament u.a. das Erlangen einer „Awareness“ vorsieht, die dem sehr ähnelt, was man heutzutage mit „Achtsamkeit“ verbindet.

Die Bedürftigkeit des Menschen

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Am Anfang der Entwicklung eines Individuums steht das Urvertrauen im Vordergrund, d.h. das unbedingte Vertrauen in die Vorstellung, dass sich in dieser Welt, in der es sich willkommen fühlen darf, alle Bedürfnisse weitgehend befriedigen lassen! Eine irgendwie vergleichbare Erfahrung hat jedenfalls jeder Mensch während seiner Zeit im Mutterleib gemacht. Hier war die Verbundenheit mit einem anderen Menschen vollkommen und das Gehirn belohnte den Organismus zudem automatisch für jeden vollzogenen Entwicklungsschritt. Mit der Geburt jedoch muss dieses „Paradies“ verlassen werden. Ein Säugling ist nun darauf angewiesen, eine empathische und liebende Umgebung vorzufinden. Bekundungen von Gefühlszuständen oder Erregung lassen sich als Hinweise auf seine dahinterliegende Bedürfnisse auffassen. Die Art, wie die Bezugspersonen damit umgehen, entscheidet darüber, wie gut ein solcher Umgang dem Säugling später wohl selbst gelingen wird. Geht die Umwelt also auf entsprechende Äußerungen oder Bekundungen ein, d.h. ist die Interaktion mit dieser erfolgreich, werden die Emotionen abgefedert, die Reaktionen der Erwachsenen hingegen werden abgeguckt, abgespeichert und ggf. künftig im Selbstdialog abgerufen. Tut sie das nicht, werden ggf. Abwehrmechanismen aktiviert, um den Leidensdruck spürbar zu reduzieren, was in so manchem Fall zu psychischen Störungen führen kann. So können sich sogenannte „subjektive Imperative“ herausbilden, also „innere Stimmen, die befehlen, dass etwas auf eine ganz bestimmte Art und Weise geschehen muss bzw. dass etwas auf gar keinen Fall geschehen darf, und die gleichzeitig verlangen, dass von dieser Vorstellung nicht abgewichen werden darf“ (Dehner & Dehner, S. 78). Die Bedeutung der Imperative wurde bereits in der Transaktionsanalyse erkannt. Einschärfungen und Antreiber sind dort entsprechend formuliert.

Meldet sich ein Bedürfnis nun bzw. löst es einen Zustand spürbarer Erregung aus, prüft das Individuum also, welche Möglichkeiten es hat, dieses unter den gegebenen situativen Bedingungen zu befriedigen. Sollte das unmittelbar möglich sein und sind dabei (den bisherigen Erfahrungen zufolge) keine nennenswerte Hindernisse zu erwarten, frohlocken positive Gefühle. Die Wahrnehmung sowie die Bewertung der Situation beruhen allerdings auf Grundlage konditionierter Muster, sind also abhängig von jenen individuellen Erfahrungen, die mit vergleichbaren Gegebenheiten in der Vergangenheit gemacht wurden. Stehen gewohnte bzw. hinreichend vertraute Optionen zur Verfügung, führt dies im Optimalfall zu einer prospektiven Handlungsorientierung, die die IVS aktiviert und ein Flow-Erleben ermöglicht.

Welche Bedürfnisse können sich zu Wort melden?

→ Soziale Bedürfnisse:

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  • Habe ich ausreichend Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten?
  • Bekomme ich hinreichend Zuwendung?
  • Wird mir genügend Aufmerksamkeit geschenkt? Werde ich beachtet?
  • Fühle ich mich anderen Menschen zugehörig oder sogar mit ihnen verbunden?
  • Werde ich von meinen Mitmenschen respektvoll und wertschätzend behandelt?
  • Fühle ich mich (grundsätzlich) von ihnen verstanden?

→ Sicherheitsbedürfnisse:

  • Kann ich darauf vertrauen, dass sich die Dinge in meinem Sinne entwickeln werden?
  • Darf ich mich (hier) sicher fühlen?
  • Fühle ich mich geborgen?

→ Ich-Bedürfnisse:

  • Betrachte ich mich selbst als wertvoll? Wird mir hinreichend gespiegelt, dass ich liebenswert bin?
  • Fühle ich mich in der Lage, Dinge selbst beschicken zu können? Habe ich genügend Einfluss?
  • Fühle ich mich frei? Darf ich so sein, wie ich bin?
  • Darf ich mich so verhalten bzw. so leben, wie ich es möchte?
  • Kann ich mich hier entfalten?

Solange sämtliche Fragen mit „ja“ beantwortet werden, besteht keine Gefahr! Das Verhalten kann also (soweit dem Organismus das bereits möglich ist) weitgehend intuitiv gesteuert werden (IVS).

Verfehlte Selbstwerdung & Reparaturarbeiten

Wird einem Kind schon früh gespiegelt, dass gewisse Gefühle oder Bedürfnisse (scheinbar) nicht akzeptabel sind, kann das leicht dazu führen, dass es Mechanismen entwickelt, um diese aus dem eigenen Selbstbild zu eliminieren. Eine solche „Abspaltung“ kann jedoch im weiteren Verlauf des Lebens erhebliche Probleme zur Folge haben. Zu einer gelingenden Selbstwerdung gehört es nämlich, auch unangenehme Gefühle zuzulassen und die Verantwortung für jene Bedürfnisse zu übernehmen, die vielleicht gerade nicht so passend bzw. sozial erwünscht sind oder deren Integration in das eigene Selbstbild Schwierigkeiten bereitet.

Durch fokussierende Fragestellungen und verschiedene Methoden zur Steigerung der Selbstwahrnehmung können Zugänge zu diesen Aspekten des Selbst erarbeitet werden, um mit ihnen (wieder) in Kontakt zu kommen. Durch eine Erweiterung der Bewusstheit („Awareness“) bzw. durch die (Weiter-)Entwicklung einer sogenannten „sinnlichen Reflexivität“ können entsprechende Blockaden überwunden werden, was es den Betroffenen ermöglicht, die Verantwortung für das eigene Verhalten bewusst zu übernehmen. Entweder kann sich dann für ein Festhalten an dem Bewährten oder für eine einzuleitende Veränderung entschieden werden. So lassen sich Erstarrungen bzw. dysfunktionale Wahrnehmungs- und Interaktionsmuster nachhaltig auflösen und Handlungsspielräume schrittweise erweitern. Methoden, die auf Emotionen fokussieren, geben also keine Lösungen vor, sondern tragen dazu bei, die Selbstverantwortlichkeit und Autonomie zu steigern, indem sie dabei helfen, mit dem Inneren (d. h. mit unerwünschten Gefühlen oder Bedürfnissen sowie mit abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen) Kontakt aufzunehmen und in einen Dialog zu treten.

Unabhängig von der sogenannten emotionalen Erstreaktion (s. u.), die sich auch künftig weiterhin einstellen wird, lassen sich dann Strategien der Emotionsregulation erlernen (z.B. Selbstberuhigung, Selbstmotivation etc.), die zu einer gelingenden Kommunikation zwischen den verschiedenen Makrosystemen beitragen und dem Individuum auf diese Weise eine funktionale Selbststeuerung ermöglichen. Hierbei ist es selbstverständlich erforderlich, Belastungsgrenzen rechtzeitig zu erkennen und ggf. (therapeutisch) stützend oder schützend einzugreifen. Funktional ist die Selbststeuerung übrigens dann, wenn sie dem Wohlbefinden sowie der seelischen Gesundheit eines Individuums dienlich ist bzw. wenn sie sich positiv auf die Interaktion mit dessen sozialer Umwelt auswirkt. Tut sie das nicht, wird sie als „dysfunktional“ betrachtet.

Auch das Kernstück der Kognitiven Verhaltenstherapie – die kognitive Umstrukturierung – sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden: Im Rahmen eines sokratischen Dialogs können bspw. durch Fragen nach empirischen Beweisen und der logischen Konsistenz des Denkens, nach einer realistischen Neubewertung künftiger Situationen und Ereignisse oder solchen, die hilfreich dabei sind, den hedonistischen Wert von Bewertungen einzuschätzen, dysfunktionale (Grund-)Annahmen modifiziert werden. Grundsätzlich geht es hierbei also darum, jene Einstellungen bzw. Gedanken zu betrachten und ggf. zu verändern, mit denen sich die Betroffenen selbst im Weg stehen. Kurz gesagt: Natürlich beeinflussen Gedanken unsere Gefühle. Sind diese überwiegend negativ, wirkt sich das auch auf die Stimmung aus und kann im schlimmsten Fall bspw. zu einer Depression oder Angststörung führen. Von besonderer Bedeutung hierbei ist jedoch der kognitive Stil, der darüber entscheidet, wie wir mit gewissen Erfahrungen umgehen und diese verarbeiten bzw. wie wir es gewohnt sind, über uns und unsere Umwelt nachzudenken. So können z.B. eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen oder kritischen Lebensereignissen sowie verschiedene Techniken der Emotionsregulation davor schützen, ins bloße Grübeln zu verfallen oder sich den eigenen Gefühlen machtlos ausgeliefert fühlen zu müssen.

Ins Handeln kommen…

Entwickelt das Individuum nun eine Handlungsstrategie, die Erfolg zu versprechen scheint, bahnen positive Gefühle (bspw. Hoffnung, Zuversicht etc.) die Aktivierung der IVS („Selbstmotivierung“). Die Konsequenzen der durchgeführten Handlung können nun erlebt und in das EG integriert werden. Dies ist jedoch nur solange möglich, wie die Aktion von überwiegend positiven Gefühlen begleitet wird. Führt diese hingegen nicht zu dem gewünschten Ergebnis bzw. löst sie Frustration aus, wird die IVS gehemmt und das OES erneut aktiviert. Die Handlung wird unterbrochen und die Suche nach Lösungen fortgesetzt. Der Fokus verengt sich hierbei allerdings auf das rationale Denken, da der Zugang zum EG zeitweise blockiert ist. Lassen sich die negativen Gefühle vielleicht aufgrund der (neuen) Erkenntnisse hinreichend eindämmen oder sogar auflösen („Selbstberuhigung“), aktiviert das IG die IVS erneut, wobei das Wissen aus dem OES nun in diese eingespeist werden kann.

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Das IG ermöglicht es, verschiedene Zielvorstellungen und Pläne zu entwickeln sowie ihren Nutzen und ihre Chancen anhand rationaler Kriterien einzuschätzen. Beschäftigt sich ein Individuum also bewusst mit der Lösung von (möglicherweise) auftretenden Schwierigkeiten und definiert entsprechende Ziele, kann zunächst noch nicht überprüft werden, wie „stimmig“ sich diese für das EG anfühlen. Die Kommunikation mit dem EG kann z.B. durch die Freude über die Erwartung einer gelingenden Auflösung jeglicher Eventualitäten („positive Zukunftsvision“) gebahnt werden. Daraufhin kann das EG das Vorhaben nun emotional bzw. hinsichtlich seiner gefühlten Stimmigkeit bewerten. Allerdings sind diesem spezifische oder konkrete Ziele eher fremd. Wie erstrebenswert ein Ziel für das EG ist, kann mittels somato-affektiver Signale überprüft werden, die Antonio Damasio (1994) zufolge „somatische Marker“ genannt werden. Gemeint ist damit eine automatische Körperreaktion auf die emotionale Befindlichkeit, die bspw. als Alarm- oder Startsignal für eine Handlung mit einem bestimmten Ereignis verknüpft ist bzw. ein zielgerichtetes Verhalten initiiert. Rationale Begründungen spielen (anders als beim IG) hierbei keine Rolle. Obwohl das EG zwar sehr schnell arbeitet und das kritische Ereignis mit (nahezu) unendlich vielen in diesem Zusammenhang möglicherweise relevanten Erfahrungen abgleicht, meldet es uns zunächst also lediglich zurück, ob und inwieweit ein eventuelles Vorhaben tatsächlich attraktiv bzw. stimmig für uns ist, und es kann uns ggf. Wege aufzeigen, wie wir mit ähnlichen Gegebenheiten in der Vergangenheit bereits erfolgreich umgegangen sind.

Fazit

Dominieren negative Emotionen (Trauer, Wut, Enttäuschung etc.) das Erleben, scheinen diese den Zugang zum EG zeitweilig zu blockieren. Das erklärt, welche Bedeutung dann einer mitfühlenden Haltung („Compassion“) zukommt, aus der heraus ein Gespräch in einem solchen Fall geführt werden sollte: Sie macht es den Betroffenen überhaupt erst wieder möglich, sich allmählich für eine Zukunftsvision zu öffnen, indem sie es ihnen erlaubt, sich in dem eigenen Leid gesehen und trotzdem angenommen zu fühlen. Diese Erfahrung fördert folglich die Bereitschaft, mit dem eigenen Selbst wieder in Kontakt zu treten. (Vgl. „Wenn das Leid zu groß für eine Lösung ist…“)

Erst jetzt können lösungsorientierte Fragestellungen ihre volle Wirkung entfalten. Da kaum ein Problem zu jeder Zeit gleichermaßen intensiv erlebt erlebt wird, kann nun bspw. nach jenen Situationen gefragt werden, in denen das Problem entweder weniger groß oder gar nicht vorhanden ist. Die Fokussierung auf diese Ausnahmen, d.h. auf jene Erlebnisbereiche, die ein Problem weniger schlimm erscheinen lassen oder die sogar die Zuversicht wecken, dass man selbst etwas zur Verbesserung der eigenen Lage beitragen kann (Selbstwirksamkeit), bewirkt im Idealfall eine Herabregulierung des negativen Affekts und sie macht es dem Individuum somit wieder möglich, auf sämtliche Erfahrungen zuzugreifen, die es im EG abgespeichert hat. Die Fixierung auf inkongruente Objektwahrnehmungen (OES) weicht folglich einer ganzheitlichen Sichtweise (EG). Offenbart sich zugleich ein erstrebenswertes Ziel, das mit positivem Affekt einhergeht, lassen sich entsprechende Absichten vom IG zur IVS transportieren und können daraufhin umgesetzt werden (Willensbahnung).

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Die Wahrscheinlichkeit, mit der eine therapeutische Intervention ein wünschenswertes Ergebnis erzielt, ist also im hohen Maße abhängig davon, an welcher Stelle sie zum Einsatz kommt. Möchte man Klienten in ihrem Prozess der Selbstwerdung unterstützen, sollte man demnach zunächst genau hinschauen (z.B. im Rahmen einer „Ortsbegehung“ oder einer SORKC-Analyse) und verstehen, worin die individuellen Schwierigkeiten überhaupt begründet liegen. Das ist zwar eine Binsenweisheit, die in der Praxis aber aufgrund persönlicher Präferenzen für bestimmte Methoden leicht übersehen werden kann bzw. nicht selten sogar komplett ausgeblendet wird.

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Literaturhinweise:

  • Allport, F.H. (1937). Teleonomic description in the study of personality. Character and Personality, 5, 202-214.
  • Angleitner, A., Ostendorf, F. & John, O.P. (1990). Towards a taxonomy of personality.
  • Bamberger, Günter G. (2015). Lösungsorientierte Beratung (5. Auflage). Beltz Verlag.
  • Damasio, Antonio R. (1994). Descartes‘ Error. GP Putnam’s Sons.
  • Dehner, Ulrich & Dehner, Renate (2016). IntrovisionCoaching. managerSeminare Verlags GmbH.
  • Faßbinder, Eva, Schweiger, Ulrich & Jacob, Gitta (2011). Therapie-Tools: Schematherapie. Beltz Verlag.
  • Kuhl, Julius (2015). Spirituelle Intelligenz. Glaube zwischen Ich und Selbst. Verlag Herder.
  • Kuhl, Julius & Storch, Maja (2012). Die Kraft aus dem Selbst: sieben PsychoGyms für das Unbewusste. Hogrefe.
  • Kuhl, J. & Koole, S. (2005). Wie gesund sind Ziele? Intrinsische Motivation, Affektregulation und das Selbst. In: R. Vollmeyer & J. C. Brunstein (Hrsg.). Motivationspsychologie und ihre Anwendung (S. 109–130). Kohlhammer.
  • Kuhl, Julius (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme. Hogrefe.
  • Perls, F. S. (1979). Gestalttherapie Praxis. Ernst Klett Verlag für Wissen und Bildung GmbH.
  • Storch, Maja & Krause, Frank (2007). Selbstmanagement-ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Züricher Ressourcen Modell (ZRM). 4. vollständig überarbeite Auflage. Verlag Hans Huber.
  • Wells, A. (2009). Metacognitive Therapy for Anxiety and Depression. Guilford.
  • Zarbock, Gerhard (2012). Das Konzept Identität in der Verhaltenstherapie- In: Hilarion G. Petzold (Hrsg.). „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Eine neue Persönlichkeitstheorie – Interview mit Prof. Dr. Julius Kuhl

Wie „funktioniert“ der Mensch? Begriffe wie Motive, Eigenschaften, Werte, Wünsche, Einstellungen, Ziele, Überzeugungen, Schemata und Bedürfnisse sind Beispiele jener konzeptionellen Einheiten, die in dem Vorhaben, die menschliche Persönlichkeit zu verstehen, vielfach untersucht wurden. In den vergangenen Tagen habe ich mich nun abermals mit der Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) von Prof. Dr. Julius Kuhl beschäftigt, die ich zu den populärsten und stimmigsten ihrer Art zähle.

Im Folgenden finden Sie eine Kurzvita des Forschers, die Darstellung der PSI-Theorie (als pdf-Dokument) sowie das Interview.

Prof. Dr. Julius Kuhl

Prof. Dr. Julius Kuhl, Foto: Dr. Brigitte Ruploh

Kurzvita

Professor Dr. Julius Kuhl (geb. 27.07.1947) vertrat von 1986 bis 2015 den Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeits­forschung an der Universität Osnabrück und war 2008-2016 Leiter der psychologischen Abteilung der Forschungsstelle Begabungsförderung im Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere waren wissenschaftlicher Assistent von Heinz Heckhausen in Bochum (1978-1982), Leiter eines entwicklungspsychologischen Teams am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München (1982-1986) und Forschungsaufenthalte in den USA (1976-78 Michigan, 1984-85 Stanford) und Mexiko (1984, 1986). Seine Forschungsschwerpunkte lagen im Bereich der Selbststeuerung und Affektregulation. Diese Forschung bildete die Grundlage für eine neue Persönlichkeitstheorie, die Fortschritte der Motivations-, Entwicklungs-, Kognitions- und Neuropsychologie integriert (PSI-Theorie). Aufbauend auf dieser Arbeit wurde in den letzten Jahren eine neue Methodik zur Diagnostik persönlicher Kompetenzen entwickelt, die bei Kindern und Erwachsenen eine umfassende Analyse vorhandener und entwicklungsfähiger Potenziale ermittelt (EOS: Entwicklungsorientierte Systemdiagnostik). Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat Prof. Kuhl 2012 den Preis für das wissenschaftliche Lebenswerk verliehen.

Eine sehr schöne Erläuterung der PSI-Theorie finden Sie hier: Eine neue Persönlichkeitstheorie. Bei diesem Text handelt es sich um eine erweiterte Version des 4. Kapitels aus dem Buch „Spirituelle Intelligenz: Glaube zwischen Ich und Selbst“ von Julius Kuhl, das im Herder-Verlag erschienen ist.

1. Obwohl sich Ihre Ausführungen auf wunderbare Weise mit meinem Extensionsgedächtnis abgleichen ließen, ohne auch nur den geringsten Widerspruch hervorzurufen, scheint eines meiner anderen Systeme enorme Schwierigkeiten mit den Begrifflichkeiten zu haben, die Sie verwenden. Lange Zeit erschien mir Ihr Modell jedenfalls irgendwie zu „technisch“. Was sagen Sie zu einem derartigen Vorbehalt? Könnte man Ihr Modell auch mit einer anderen Terminologie versehen?

Dieses Argument habe ich so noch nicht gehört. Im Gegenteil: wir hören immer wieder von Beratern, Coaches und Therapeuten, dass sie die Systeme sehr gut erklären können und Klienten ein rasches Verständnis für die vier Systeme entwickeln. Es versteht sich natürlich von selbst, dass Anwender der PSI-Theorie solche Erklärungen dem Begriffshorizont und der Sprache ihrer Zielgruppe anpassen (hier liegt ja gerade die Expertise der Anwender, die sie befähigt, sich auf ihre jeweilige Zielgruppe und die ganz konkrete Person besser einlassen zu können als das ein allgemeiner Text vermag). So werden die vier Systeme z.B. als „Hirnakrobaten“ bezeichnet (z.B. bei Schülern unter 12) und das Extensionsgedächtnis als der „Innere Ratgeber“, das Intentionsgedächtnis als der „Planer“, die Intuitive Verhaltenssteuerung als „Macher“ und die fehlersensible Objekterkennung als „Fehler-Zoom“ oder „Controller“ (letzteres z.B. bei Führungskräften). Entscheidend ist aber nicht so sehr die Bezeichnung, sondern die Beschreibung der sehr unterschiedlichen Funktionsweise der vier Systeme. Die meisten Leute können auch Fremdwörter umso besser vertragen, je genauer man ihnen erklärt, was damit gemeint ist.

Klienten, Coachees und Patienten betonen immer wieder, dass der Blick auf die Funktionsweise der persönlichkeitsrelevanten Systeme von expliziten oder impliziten Verantwortungs- oder gar Schuldzuschreibungen befreit. Die bislang üblichen Theorien und Begrifflichkeiten haben allzu leicht einen Appellcharakter, der mehr Kontrollierbarkeit des relevanten Verhaltens suggeriert als wirklich gegeben ist, etwa wenn direkt oder indirekt gut gemeinte Empfehlungen gegeben werden wie: „Sie müssen nur an sich glauben; immer positiv denken“ o.ä. Im Alltag wie auch in weiten Teilen der Psychologie wird das Handeln der Menschen bevorzugt auf psychische subjektiv kontrollierbare Inhalte statt auf die Funktionsweise psychischer Systeme zurückgeführt: Beispiele für solche Inhalte sind Überzeugungen, Erwartungen, Absichten und Ziele. Auf den ersten Blick erscheinen solche Inhalte vielen Menschen durchaus kontrollierbar: Was ich glaube, erwarte, will oder anstrebe, das kann ich verändern. Appelle an Verantwortungsübernahme, an positives Denken und an Kontrollüberzeugungen sind prima, solange es um Probleme geht, die von der betreffenden Person in dem jeweiligen Kontext wirklich kontrollierbar sind. Sobald wir aber verstehen, dass die Wirksamkeit von Überzeugungen, Erwartungen, Absichten und Ziele auch von objektiven Fähigkeiten abhängt, z. B. ob man die nötige Motivation selbst generieren kann, um eine Absicht in die Tat umzusetzen oder ob man an das Gedächtnissystem herankommt, in dem realistische Erwartungen gespeichert sind (z.B. das Extensionsgedächtnis), wird rasch deutlich, dass Appelle und Suggestionen hier nicht immer reichen, weil die relevanten objektive Kompetenzen gelernt werden müssen, bevor die jeweiligen Absichten, Erwartungen etc. wirksam werden können.

Um auch solche Fälle, in denen sonst kontrollierbare Leistungen nicht mehr gut kontrollierbar sind, erklären zu können, ergänzt die PSI-Theorie den traditionellen Fokus auf mentale Inhalte durch eine funktionsanalytische Betrachtung. So kann z.B. nicht jede Form von „Aufschieberitis“ (Prokrastination) damit erklärt werden, dass die Betroffenen zu geringe Selbstwirksamkeitserwartungen oder pessimistische Kontrollüberzeugungen haben oder einfach nicht die passenden Ziele oder Handlungsintentionen entwickeln: Wir wissen alle aus unserem Alltag, dass oft noch so gute Überzeugungen und Intentionen nicht garantieren, dass wir unangenehme Vorsätze auch wirklich in die Tat umsetzen. Einem Schüler oder Mitarbeiter, der sich wirklich vornimmt, am Nachmittag eine unangenehme Arbeit zu erledigen, kann es trotzdem passieren, dass er es vergisst oder einer attraktiven Freizeitbeschäftigung nicht widerstehen kann. Ein Beispiel für eine der möglichen funktionsanalytischen Erklärungen für „Aufschieberitis“, die die PSI-Theorie anbietet, ist die Schwierigkeit, das Intentionsgedächtnis (in dem der Vorsatz gespeichert ist) mit der Intuitiven Verhaltenssteuerung (die die Ausführung steuert) zu verknüpfen. Diese Verknüpfung kann aber besonders gut dadurch hergestellt werden, dass man sich selbst Mut macht oder funktionsanalytisch ausgedrückt: dass man die Dämpfung positiven Affekts (die unangenehme Absichten bewusst oder unbewusst mit sich bringen) gegenreguliert, indem man den positiven Affekt erhöht (eine Selbstkompetenz, die wir mit dem Begriff „Selbstmotivierung“ beschreiben). Psychologische Interventionen, die in der Beratung, im Coaching oder in den verschiedenen Therapieschulen eingesetzt werden, setzen nicht selten einseitig auf die Kontrollierbarkeit der erwünschten Verhaltensänderung: Die Person braucht „nur“ die richtigen Überzeugungen oder Ziele haben, sie braucht nur das adaptivere Verhalten wirklich zu wollen, dann ist die Aufschieberitis überwunden, dann kann erfahrenes Leid bewältigt werden und dann können dauerhafte Konsequenzen aus den eigenen Schwächen und Fehlern gezogen werden. Dieser Fokus auf Kontrollierbarkeit des Verhaltens ist gut gemeint: Er soll die Eigenverantwortlichkeit und die Selbstkompetenzen mobilisieren und tut dies auch oft. Dieser Ansatz stößt aber an seine Grenzen, wenn die Grenzen der Kontrollierbarkeit erreicht sind. Die PSI-Theorie bietet mit ihrem Fokus auf objektive Funktionen und Kompetenzen eine Ergänzung für genau diese Grenzfälle, die im Alltag gar nicht so selten auftreten, weil Menschen ja gerade dann psychologische Beratung oder Therapie suchen, wenn sie mit Dingen, die sie eigentlich können sollten, an die Grenzen ihrer Kontrollmöglichkeiten stoßen.

Übrigens: Psychologischen Laien fällt das Verständnis der PSI-Theorie oft leichter als so manchen Psychologen. Ein Grund scheint mir darin zu liegen, dass sich Psychologen über einige Jahrzehnte daran gewöhnt haben, dass das Handeln mit Einfachmodellen „erklärt“ wird, die nicht selten die Erklärungslast auf eine einzige Variable zentrieren (Selbstwirksamkeit, Erfolgserwartung, Zielsetzung o.a.). Das scheint auf den ersten Blick auch gerechtfertigt zu sein, weil man mit jedem dieser Konstrukte Verhalten sehr gut vorhersagen kann. Wer über eine hohe subjektive Selbstwirksamkeit verfügt, ist oft auch effizienter in seinem Handeln als jemand, der seine Selbstwirksamkeit eher niedrig einschätzt. Der Haken bei der Sache ist erst auf den zweiten Blick erkennbar – noch so gute Vorhersagen ersetzen keine Erklärung: Ich kann mit dem Neigungswinkel des Gaspedals die Geschwindigkeit eines Autos sehr gut vorhersagen. Wie wenig das zur Erklärung der Funktionsweise des Fahrzeugs mit allen beteiligten Teilsystemen beiträgt, merke ich spätestens dann, wenn das Auto nicht mehr fährt (dann hilft es überhaupt nicht mehr, den Neigungswinkel des Gaspedals zu verändern). Obwohl Psychologen in ihrer Methodenausbildung sehr früh lernen, dass Korrelationen, die gute Vorhersagen ermöglichen, nichts Verlässliches über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge aussagen, schleicht sich diese Verwechslung von Vorhersage und Erklärung allzu leicht in unser Denken ein, z.B. wenn wir vergessen, dass die hohe Korrelation zwischen der Überzeugung, dass ich gute Leistungen erzielen kann, und den guten Leistungen, die ich dann auch erziele, auch darauf beruhen kann, dass die positiven Selbstwirksamkeitsüberzeugungen gar nicht die Ursache für meine guten Leistungen sein müssen, sondern einfach die Folge meiner guten Leistungen sein können (wer merkt, dass er gute Leistungen erzielt, entwickelt hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugungen). Dann nützt der Appell, man müsse nur an sich glauben oder nur wollen, herzlich wenig, weil der Glaube bzw. das Wollen hier nicht die eigentliche Ursache, sondern womöglich sogar die Folge des Problems ist.

Kurz und gut: Die PSI-Theorie wirbt dafür, sich von den liebgewonnenen Vereinfachungsillusionen zu verabschieden und sich auf ein wenig mehr Komplexität einzulassen. Dazu reicht es zunächst einmal vier Funktionssysteme zu unterscheiden und zu lernen, wie ihre Interaktionen durch zwei motivationale Systeme gesteuert werden (d.h. durch das Belohnungs- und das Bestrafungssystem und die damit verbundenen positiven und negativen Affekte). Allerdings werden wir langfristig nicht umhin kommen, bei einem so komplexen System wie der Persönlichkeit des Menschen die Differenzierung zu erhöhen: Warum soll beim Umgang mit Menschen nicht gelten, was schon bei vergleichsweise einfacheren Systemen wie einem Auto oder einem Stereoverstärker selbstverständlich ist: Die Problembehebung ist umso leichter, je konkreter und spezifischer die Ursache des Problems ermittelt wird, d.h. je differenzierter die Diagnose ist.

2. In Ihrem Text erwähnen Sie 40 Komponenten der Selbststeuerung, von der Sie insbesondere die Bedeutung der „Selbstberuhigung“ betonen. Ein derartiges Modell verführt mich zu der Annahme, dass es möglich sein müsste, die Selbststeuerung zu optimieren, indem man erfasst, inwieweit die einzelnen Fähigkeiten ausgeprägt sind bzw. der eigenen Kontrolle unterliegen, um daraufhin gezielt an ihrer Vervollkommnung zu arbeiten. Würden Sie sagen, dass das möglich sei oder zu wünschen ist? Anders formuliert: Bestrebungen zur Selbstoptimierung scheinen ein Phänomen unserer heutigen Zeit zu sein. Das ist sicher nicht ganz unbedenklich… Deshalb diese Frage.

Was ist eigentlich so bedenklich an dieser Frage? Würde jemand dieselbe Frage stellen, wenn es um Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Fremdsprachen, Bruchrechnen oder Autofahren ginge? Ist es problematisch sich in solchen Fähigkeiten zu optimieren, wenn man das möchte? Wiederum scheint mir das der eigentliche Grund, warum Selbstoptimierung „nicht ganz unbedenklich“ erscheint, darin zu liegen, dass der Ruf nach Selbstoptimierung oft mit dem erwähnten Appellcharakter verbunden wird. Wir sind nicht daran gewöhnt, Fähigkeiten, die mit der Persönlichkeit eines Menschen verbunden sind, wie das Umsetzen von Vorsätzen (Willensstärke statt Prokrastination) oder das Lernen aus leidvollen Erfahrungen (Selbstwachstum statt denselben Fehler immer wieder zu machen) funktionsanalytisch zu betrachten. Sobald wir verstehen, welche Systeme an solchen Leistungen beteiligt sind, und wie sie funktionieren, werden wir weniger Probleme damit haben, die betreffenden Fähigkeiten optimieren zu wollen, vorausgesetzt es zeigt uns jemand, wie das geht.

Appelle an die Selbstoptimierung sind aus funktionsanalytischer Sicht deshalb problematisch, weil sie nur solange helfen, wie die betreffende Leistung willentlich prima steuerbar ist. Wenn das nicht mehr der Fall ist, dann sind Appelle kontraproduktiv, z.B. weil sie immer dann zu Enttäuschungen führen, wenn die durch die Appelle veranlassten Anstrengungen keinen Erfolg haben. Das kann dann sogar in lähmende Schuldgefühle münden. Dieses Problem wird besonders deutlich, wenn man an Leistungen denkt, bei denen die meisten Menschen wissen, dass man sie nicht einfach herbeibefehlen kann: Appelle wie „Freu dich doch, das ist doch ein gut gemeintes Geschenk!“ oder „Sei doch mal spontan!“ sind paradox oder sogar unsinnig. Wenn sich der Angesprochene trotzdem bemüht, sich zu freuen oder spontan zu sein, besteht ein hohes Risiko, dass er scheitert. Noch schwieriger wird es bei Fähigkeiten, die die meisten Menschen prinzipiell zu besitzen scheinen (z.B. etwas ausführen, was man sich vorgenommen hat, oder nicht immer wieder denselben Fehler machen). Dann fällt es vielen Menschen, denen das betreffende Verhalten leicht fällt, schwer einzusehen, dass diese Fähigkeiten bei manchen Menschen dauerhaft oder vorübergehend oder auch nur in bestimmten Situationen so beeinträchtigt sein können, dass sie nicht ohne weiteres steuerbar sind.

3. Einem Persönlichkeitstest, der aus der PSI-Theorie abgeleitet wurde, liegt das so genannte STAR-Modell zugrunde. Interessant sind m. E. vor allem die Parallelen zu der Typologie, die auf den Arbeiten von C. G. Jung beruhen. Da ich mich bislang immer vor der Anwendung jeglicher Instrumente gescheut habe, mit denen man Menschen miteinander zu vergleichen versucht, bin ich nun neugierig geworden… In welchen Kontexten bzw. bei welchen Klienten-Anliegen würden Sie denn am ehesten zu einem Einsatz des STAR-Modells raten? Welche Absicht(en) verfolgen Sie bzw. Ihre Klienten vorrangig, wenn Sie diesen Persönlichkeitstest durchführen? Anders gefragt: Wann macht dieser Test Sinn und wann eher nicht?

Hier geht es ja um Persönlichkeitsstile, wie sie auch in der klassischen Tradition der Persönlichkeitspsychologie mit den Großen Fünf Persönlichkeitsfaktoren erfasst werden (die bekanntesten Faktoren sind Extraversion und Emotionale Sensibilität). Problematisch ist eine solche Persönlichkeitsdiagnostik besonders dann, wenn man sich durch die Testergebnisse dazu verleiten lässt, Menschen in Schubladen zu stecken. Heute werden aber Persönlichkeitsstile nicht mehr typologisch interpretiert (wie z. B. bei C. G. Jung), sondern dimensional, d.h. man unterscheidet viele verschiedene Abstufungen (es wird z.B. das Ausmaß der Extraversion gemessen, ohne dass man Menschen in eine der beiden Schubladen für „extravertiert“ oder „introvertiert“ stecken muss. Wir messen mit dem PSSI (Persönlichkeits-Stil-und-Störungs-Inventar) 14 statt 5 verschiedene Persönlichkeitsstile. Damit können wir noch mehr Differenzierung erreichen als mit den „Großen Fünf“ Dimensionen.

Sie fragen, wann es hilfreich ist, Persönlichkeitsstile zu untersuchen. Das ist z.B. der Fall, wenn man sich in das Denken und Fühlen einer Person hineinversetzen will. Man geht mit einer unsicheren Person anders um als mit einer emotional völlig gelassenen Person, mit einem eigenwilligen Menschen anders als mit einer Person, die sich gern an andere anlehnt. Oder – um ein anderes Beispiel zu nennen: man spricht mit einer analytischen Person anders als mit einer mehr intuitiven Person. Die PSI-Theorie macht allerdings auf eine Begrenzung aufmerksam, die für alle Persönlichkeitsmodelle gilt (typologische wie dimensionale): Es wird immer wieder vergessen, dass Menschen nicht zwangsläufig ihrem vorherrschenden Persönlichkeitsstil ausgeliefert sind. Persönlichkeitsstile beschreiben die typische Erstreaktion einer Person: wie stark sie dazu neigt, in neuen Situation ängstlich, extravertiert, analytisch etc. zu reagieren. Menschen unterscheiden sich aber nicht nur in solchen Erstreaktionen, sondern auch darin, ob sie ihre Erstreaktion bei Bedarf regulieren können, z.B. ob ein ängstlicher Mensch seine Ängstlichkeit herunterregulieren kann, wenn er das für angemessen hält. Diese Zweitreaktion hängt also maßgeblich von Selbststeuerungskompetenzen ab, z.B. davon, wie gut man sich motivieren oder beruhigen kann, wann immer man das für angemessen und sinnvoll hält. Die von Ihnen angesprochene Skepsis gegenüber Persönlichkeitstypologien und Persönlichkeitstests hat aus dieser Sicht immer dann eine besondere Berechtigung, wenn die Zweitreaktion einer Person außer Acht gelassen wird. Die Vernachlässigung der Zweitreaktion kann in der Tat zu einem unangemessenen Schubladendenken führen.

Eines der spannendsten Forschungsergebnisse aus der neueren Persönlichkeitsforschung zeigt, dass selbst sehr bedenklich erscheinende Persönlichkeitsstile wie eine extrem hohe soziale Ängstlichkeit oder die Neigung zu abrupten Gefühlsumschwüngen (ein Kernsymptom der sog. Borderline-Störung) eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung nicht immer behindern müssen, sondern sogar fördern können. Das ist immer dann der Fall, wenn die Zweitreaktion (d.h. die Fähigkeit zur Selbstregulation der Erstreaktion) gut entwickelt ist. Dann wird sozusagen aus der Not eine Tugend: Die hohe Ängstlichkeit kann für Lerngelegenheiten sensibilisieren, die umso besser genutzt werden können, je wirksamer eine Person ihre anfängliche Ängstlichkeit wieder herunterregulieren kann, wenn sie das in der konkreten Situation für angemessen hält. Mit der PSI-Theorie haben wir diesen Effekt vorhergesagt: Ängstlichkeit und andere negative Affekte aktivieren das Objekterkennungssystem, das den Blick auf schmerzhafte oder Angst machende Einzelheiten verengt (was ja z.B. zum Erkennen und einem späterem Wiedererkennen einer Gefahrenquelle ganz nützlich ist). Wenn sich der verengte Blick auf eine Gefahr oder eine leidvolle Erfahrung festsetzt, kann das zu lähmendem Grübeln bis hin zur Depression führen. Wenn man diese sensible Erstreaktion aber gegenregulieren kann (z.B. wenn man sich selbst beruhigen kann), dann macht diese Selbstberuhigung aus der Fokussierung auf eine Gefahrenquelle oder auf eine leidvolle Erfahrung eine Lerngelegenheit, weil mit der Herabregulierung des negativen Affekts der Tunnelblick der Objekterkennung zugunsten des weiten Blicks des sogenannten „Extensionsgedächtnisses“ geöffnet wird. Dadurch kann die Person einzelne Erfahrungen, die durch die sensible Erstreaktion besonders intensiv erlebt und dadurch ernst genommen werden können, Schritt für Schritt in ihr umfassendes Erfahrungsnetzwerk integrieren (d.h. in das Extensionsgedächtnis). Sobald das geschehen ist, hat man aus misslichen Erfahrungen wirklich gelernt: Man macht denselben Fehler nicht so schnell noch einmal. Das hängt mit einem sehr nützlichen Funktionsmerkmal des Extensionsgedächtnisses zusammen: Dieses ausgedehnte Erfahrungsnetzwerk überwacht aus dem Hintergrund des Bewusstseins, also auch ohne bewusste Kontrolle, das eigene Handeln und macht die Person rechtzeitig auf Fehlerrisiken aufmerksam. In der Praxis heißt das: Wenn ich einer Person helfen möchte, aus ihren Erfahrungen wirksamere Lehren für die Zukunft zu ziehen, dann brauche ich nicht ihre Persönlichkeit (z.B. den ängstlichen Stil) zu ändern. Es ist viel sinnvoller, an der Zweitreaktion, in diesem Fall also der Fähigkeit zur Selbstberuhigung zu arbeiten, dann wird buchstäblich aus der Not eine Tugend.

Auch dieser Lernprozess wird in der PSI-Theorie einer Funktionsanalyse unterzogen, so dass man ihn genauer beschreiben kann: Wir wissen alle aus dem Alltag, dass Menschen umso besser lernen sich selbst zu beruhigen oder sich selbst zu motivieren, wenn sie öfter in einer traurigen Stimmung Trost oder guten Rat und mitfühlende Beruhigung von außen erfahren bzw. dann wenn sie entmutigt sind, ab und zu gerade so viel Unterstützung bekommen, dass sie wieder selbst weiterkommen. Psychologen gehen davon aus, dass die zunächst von außen angeregte (Fremd-)Regulation der Gefühle einer Person, mehr und mehr nach innen verlagert wird, bis sie die eigenen Gefühle immer öfter selbst regulieren kann. Die PSI-Theorie führt diesen Prozess auf die Entstehung einer neuen Verbindung zwischen zwei psychischen Systemen (oder Systemebenen) zurück, nämlich des Selbstsystems (das sind die persönlich relevanten Teile des Extensionsgedächtnisses) und des Bestrafungssystems, , wenn es um die Bewältigung einer schmerzhaften Erfahrung geht. Das Bestrafungssystem muss aktiviert oder gehemmt werden, wenn die Entstehung bzw. Dämpfung negativer Affekte erreicht werden soll. Schon diese einfache Funktionsanalyse macht auf eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der erwünschten Verinnerlicherung der erfahrenen Fremdregulation aufmerksam: Wenn jemand lernen soll, negative Affekte „von selbst“ herunter zu regulieren, dann muss das „Selbst“ mit den affektgenerierenden Systemen verknüpft werden.

Wie aber entstehen solche neuen Systemverbindungen? Neue Verbindungen entstehen im Gehirn, wenn die zu verbindenden Prozesse (fast gleichzeitig) aktiviert werden. Die meisten Leute kennen das aus den berühmten Experimenten des russischen Physiologen Iwan Pawlow: Wenn er seinen hungrigen Hunden ein Fleischstück zeigte, reagierten sie automatisch mit einer Speichelsekretion. Wenn er ab und zu kurz vorher oder gleichzeitig mit dem Fleischstück eine Glocke ertönen ließ, trat die Speichelproduktion auch dann auf, wenn nur die Glocke ertönte. Angewandt auf das Erlernen der Verbindung zwischen dem Selbst und den Affektgeneratoren im Gehirn bedeutet das: Das Selbst muss kurz vorher oder gleichzeitig mit der affektiven Erfahrung (im Beispiel also die Beruhigung oder der Trost durch eine Bezugsperson) aktiviert sein, damit die Beruhigung später buchstäblich „von selbst“ (aus dem Selbst) gesteuert werden kann. Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Was muss geschehen, damit das Selbst einer Person aktiviert wird? Auch das wissen wir alle aus dem Alltag: Eine Person öffnet „sich“ (d.h. ihr Selbst), wenn sie sich akzeptiert und verstanden fühlt (dann braucht sie dieses persönliche Erfahrungsgedächtnis, um sich der anderen Person gegenüber „öffnen“ zu können).

Jetzt wird die paradoxe Erfahrung verständlich, dass die Wirkung psychologischer Veränderungen oft recht kurzlebig sind: Warum verfliegt die aktivierende Wirkung mancher Motivationsgurus (vom Chaka-Chaka-Typus) nicht selten nach ein paar Tagen wieder? Wenn ein Lehrer, eine Mutter oder ein Therapeut oder eben auch einen Motivationstrainer einen entmutigten Menschen erfolgreich motiviert oder eine traurige Person wirklich zu trösten vermag, dann kann daraus nur dann eine Selbstkompetenz werden, wenn das Selbst des Kindes bzw. Patienten in der Beziehung zu der Bezugsperson geöffnet war, d.h. wenn das Kind oder der Patient sich angenommen und verstanden fühlt, und damit sein Selbst öffnet. Die affektregulierende Erfahrung kann nur ins Selbst integriert werden, wenn das Selbst in der betreffenden Situation geöffnet (aktiviert) ist. An dieser Stelle bietet die PSI-Theorie also eine Erklärung an für die Jahrtausende alte Menschheitserfahrung, dass die Beziehungsqualität für die Förderung der Selbstentwicklung von ganz besonderer Bedeutung ist.

4. Sie haben ein Buch dem Thema „Spirituelle Intelligenz“ gewidmet. Sie möchten das als einen Versuch verstanden wissen zur „Überwindung der Kluft zwischen Religion und naturwissenschaftlich orientierter Psychologie“… Wie ist das gemeint?

Spirituelle IntelligenzVon „Wissen“ sprechen wir, wenn eine Erkenntnis gesichert ist. Die (Natur-) Wissenschaft versucht, die Kräfte der Natur und des Zusammenlebens nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip zu erklären. Die Religion befasst sich mit Erfahrungen, die sich dem Sicherheits- und Kontrollprinzip und dem Ursache-Wirkungsschema zu entziehen scheinen, z.B. wenn es um den tieferen Sinn des Lebens geht. Religion beruht nach einer Formulierung des Philosophen Hermann Lübbe auf einer „Kultur des Umgangs mit dem Unverfügbaren“. Das wird besonders deutlich, wenn wir es mit Erfahrungen zu tun haben, denen wir mit unserem analytischen (einschließlich dem „wissenschaftlichen“) Verstand nicht so leicht einen persönlichen Sinn abgewinnen können: Krankheit, Tod oder überhaupt die menschliche Existenz oder auch „nur“ das, was einen Menschen im Innersten anrührt, ohne dass die dazugehörige Erfahrung in Worten ausgedrückt werden kann (geschweige denn in wissenschaftlichen Begriffen oder Formeln). Wissenschaft und Religion haben sich in den letzten Jahrhunderten immer mehr voneinander weg bewegt. Im Grunde gibt es aber Berührungs- und Überschneidungspunkte, z.B. wenn man in der Wissenschaft über lange Zeit auf Hypothesen, vielleicht auch auf ganz absurd wirkende Intuitionen angewiesen ist, bevor man irgendwann daraus echtes, durch messbare Fakten belegbares Wissen entwickeln kann. Andererseits ist die Religion natürlich nicht ganz vom Wissen abgetrennt. Das zeigt sich besonders in der Psychologie: Ob man aus einer Krankheit oder dem Tod eines Angehörigen einen subjektiven Sinn ableiten kann, ob eine Partnerschaft gut gelingt, sogar die Frage, ob man die Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz erfahren kann, all dies lässt sich z.T. auch auf Prozesse und erlernbare Kompetenzen zurückführen, die in der Psychologie und ihren Nachbarwissenschaften mit naturwissenschaftlichen Mitteln (einschließlich verschiedener hirnbiologischer Methoden) untersucht wird.

„Seele“ von Manfred Evertz

Die PSI-Theorie eignet sich besonders dazu, Brücken zwischen Wissenschaft und Religion aufzuzeigen, weil sie subjektive Erfahrungen, die mehr der Sphäre der Sinnerfahrung zuzurechnen sind, mit einer Analyse der am Zustandekommen und der Wirkung solcher Erfahrungen beteiligten Systeme und Funktionen verbindet. So spielt z.B. im christlichen Glauben die existenzielle Bedeutung eines tiefen, unerschütterlichen Vertrauens eine zentrale Rolle, das in der Vorstellung eines gütigen Vater-Gottes zum Ausdruck kommt,. Wie wichtig ein solches „Ur-Vertrauen“ für die gesunde Entwicklung der Persönlichkeit ist, wird in verschiedenen Persönlichkeitstheorien erklärt. In der PSI-Theorie ist das Vertrauen u.a. die Basis für die bereits erwähnte Fähigkeit, aus Fehlern und leidvollen Erfahrungen zu lernen, statt sie verdrängen zu müssen oder gar an ihnen zu verzweifeln. Der Wechsel zwischen dem Anschauen einer leidvollen Erfahrung und der darauf folgenden Integration in ein stetig wachsendes Erfahrungsnetzwerk (d.h. ins Selbst) wird durch das fundamentale Vertrauen in die Geborgenheit der eigenen Existenz erleichtert. Ohne dieses Vertrauen kann man sich den ersten Schritt dieses Wachstumsprozesses (d.h. das Anschauen und Ernstnehmen einer leidvollen Erfahrung oder auch nur eines begangenen Fehlers) oft gar nicht leisten, weil man befürchten muss, in ihr zu versinken statt an ihr zu wachsen. In der entwicklungspsychologischen Bindungsforschung sind die psychischen und neurobiologischen Grundlagen der Entstehung des Ur-Vertrauens und der daraus resultierenden Bindungssicherheit (d.h. Aufgehobenheit in zwischenmenschlichen Beziehungen) gut erforscht. Der religiöse Glaube an ein grundlegendes Aufgehobensein in der Welt, der sich in dem Bild eines gütigen Vater-Gottes ausdrückt, übersteigt das, was der einzelne Mensch aufgrund seiner individuellen Erfahrungen mit den eigenen Bezugspersonen an Vertrauen aufbauen konnte. Das von ihnen erwähnte Buch zur Spirituellen Intelligenz versucht, die Vereinbarkeit vieler christlichen Glaubensinhalte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen der Psychologie und der Hirnforschung aufzuzeigen, ganz ähnlich, wie ich es mit diesem Beispiel zum Glauben an einen Vater-Gott erläutert habe,

5. Nicht angesprochen wurde in Ihrem Text („Eine neue Persönlichkeitstheorie“, s.o.) die Therapiebegleitende Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (TOP). Was kann man sich als Laie darunter vorstellen? Was ist das Besondere daran? Welche Verbindungen gibt es zur PSI-Theorie? Was ist ihr spezieller Nutzen?

Die Therapie- und Trainingsbegleitende Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (TOP), die als Unterstützung von Selbstentwicklungsprozessen (z.B. bei Führungskräften, Lehrern, Schülern, Studierenden) auch als Entwicklungsorientierte Systemdiagnostik (EOS) angeboten wird, beruht auf einer Weiterentwicklung und Ergänzung bestehender persönlichkeitspsychologischer Untersuchungsmethoden mit dem Ziel, einen umfassenden Überblick über persönliche Stile und Selbstkompetenzen auf allen persönlichkeitsrelevanten Systemebenen zu vermitteln. Die klassische Diagnostik der persönlichkeitstypischen Erstreaktionen (vgl. die erwähnten Tests zur Diagnostik der „Großen Fünf“ Persönlichkeitsdimensionen), wird konkretisiert und differenziert, indem die den Persönlichkeitsstrukturen zugrundeliegenden typischen emotionalen Erstreaktionen und die mit ihnen verbundenen kognitiven Stile (s.o.) erfasst werden. Darüber hinaus werden mit der ebenfalls schon erwähnten Diagnostik der Selbststeuerungskompetenzen die für die persönliche Entwicklung so wichtigen Zweitreaktionen („Selbstkompetenzen“) so differenziert erfasst, dass sich für die individuelle Person ganz konkrete Ansatzpunkte für die weitere Entwicklung ihrer Selbstkompetenzen ergeben.

Die an der Selbststeuerung beteiligten Kompetenzen bilden den Kern der „entwicklungsorientierten“ Diagnostik: Sie sind sehr stark erfahrungsabhängig und deshalb durch Beratung, Training oder Therapie leichter veränderbar als die Erstreaktionen. Allerdings wirkt sich die selbstregulierte Veränderung der Erstreaktion typischerweise nur vorübergehend auf den betreffenden Zustand (engl. state) aus, während der dispositionelle Anteil der Erstreaktion sich nicht ändert. Wenn jemand z.B. eine ausgeprägte Disposition (engl. trait) zur Ängstlichkeit hat, dann kann er lernen, in Situationen, in denen er zuerst ängstlich reagiert, seine Ängstlichkeit herunterzuregulieren, z.B. wenn sie ihm bei genauerer Betrachtung nicht gerechtfertigt erscheint. Seine ängstliche Disposition (trait) wird durch diese Regulation des ängstlichen Zustandes (state) nicht verändert. Wie ich bereits erläutert habe, ermöglicht die selbstgesteuerte Veränderung des durch die eigenen Erstreaktionen ausgelösten Zustands, dass sogar extreme und für sich genommen vielleicht sogar nachteilige (oder gar krankhafte) Erstreaktionen zum Motor für die Selbstentwicklung werden können, ohne dass man diese dispositionellen Erstreaktionen selbst überhaupt verändern muss.

Schließlich liefert die Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik (TOP bzw. EOS) auch eine differenzierte Beurteilung der unbewussten Kräfte, aus denen die persönliche Motivation in verschiedenen Lebensbereichen gespeist wird. Dabei wird nicht nur die Stärke von Basisbedürfnissen wie den Bedürfnissen nach Beziehung und Bindung, nach Leistung und Lernen, nach Macht und Einfluss und nach freier (ungehinderter) Selbstentwicklung gemessen, sondern auch die Art der Umsetzung, z.B. ob das jeweilige Bedürfnis unter Beteiligung des weitgehend unbewussten Selbst mit seinem ausgedehnten Erfahrungsnetzwerk (Extensionsgedächtnis) befriedigt wird oder ob dabei mehr die strenge Kontrolle durch das bewusste Ich und seine Absichten (Intentionsgedächtnis) im Vordergrund steht. Untersucht wird auch, in wieweit die Bedürfnisbefriedigung auf das Aufsuchen positiver oder auf das Vermeiden negativer Gefühle ausgerichtet ist. Wenn wir den Umgang mit diesen Basisbedürfnissen derart differenziert beurteilen können, dann können wir einer Person sehr viel genauer sagen, in welchen Situationen das betreffende Bedürfnis gut zu seinem Recht kommen kann und wann Frustrationen entstehen können. Sehr hilfreich für die Entwicklung der persönlichen Potenziale ist es auch zu wissen, inwieweit die bewussten Ziele zu den unbewussten Bedürfnissen passen. Die motivationspsychologische Forschung hat an vielen Beispielen gezeigt: Wenn z.B. die eigenen Leistungsziele ständig an der unbewussten Bedürfnissen vorbeigehen (z.B. wenn für jemanden eigentlich Beziehung viel wichtiger ist als Leistung), dann können Probleme, Stress oder sogar psychische/physische Krankheitssymptome entstehen.

Es ist ein schöner Erfolg, dass wir durch die jahrelange Optimierung unserer Testverfahren, die Persönlichkeit eines Menschen in dieser enormen Breite gemeinsam mit dem Betreffenden untersuchen können und dazu kaum mehr als 2 Stunden Testzeit benötigen. Das geht besonders deshalb, weil wir bei vielen Selbstkompetenzen Fragen gefunden haben, mit denen die meisten Menschen ihre objektiven Fähigkeiten ganz gut beurteilen können (was wir bei der Validierung dieser Fragen natürlich durch den Vergleich mit objektiven Tests zur Messung der betreffenden Selbstkompetenzen überprüfen müssen). Natürlich stellt ein solches diagnostisches System höhere Anforderungen an die Anwender (z.B. Berater, Coaches, Therapeuten, Pädagogen) als weniger differenzierte Tests. Für die Klienten wird aber die Botschaft paradoxerweise einfacher: Dadurch, dass Experten sich ein umfassendes Bild von den Entwicklungspotenzialen, den Schwächen und Stärken einer Person gebildet haben, können sie sehr klare und konkrete Hinweise geben, an welcher Stelle es sich besonders lohnt, eigene Potenziale weiter zu entwickeln. Wenn das Management eines so komplexen Systems wie der Persönlichkeit durch den Experten geleistet wird, kann der Klient eine für ihn praktikable Vereinfachung erwarten, ohne dass es sich um eine der erwähnten Vereinfachungsillusionen handelt. Durch die umfassende Diagnostik ist die Chance groß, dass eine konkrete Empfehlung gegeben werden kann, die auf einen aussichtsreichen Entwicklungsschwerpunkt hinweist.

6. Da ich mir sicher bin, dass Sie bis zum heutigen Tag bei der Entwicklung der PSI-Theorie sich auch den ein oder anderen Irrtum eingestehen mussten, würde es mich interessieren, welche (wesentlichen) Erkenntnisse Sie im Laufe Ihrer bisherigen Forschungsarbeit zunächst für richtig gehalten, anschließend aber wieder verworfen haben?

In der Tat fußt die Entwicklung der PSI-Theorie auf einer langen Phase der Konfrontation mit Ungereimtheiten, fehlerhaften Annahmen oder groben Verallgemeinerungen. Einige Beispiele kann ich nennen: So haben wir in meiner Forschungsgruppe lange Zeit gedacht, dass unerledigte Absichten im Gedächtnis aufrechterhalten werden, bis die mit ihnen verbundenen Spannungsgefühle verschwinden, sobald sie ausgeführt werden. Der große Motivationspsychologe Kurt Lewin, der vor den Nazis in die USA fliehen musste, nannte unerledigte Absichten „Spannungssysteme“ und eine seiner Doktorandinnen, die Russin Bluma Zeigarnik, konnte in vielen Experimenten zeigen, dass sich Probanden in der Tat an unerledigte Tätigkeiten besser erinnern konnten als an erledigte („Zeigarnik-Effekt“). So plausibel uns das alles erschien, es ergaben sich immer mehr Ungereimtheiten: Ausgerechnet Menschen, die ihre Absichten gut behalten konnten (z.B. Menschen mit hohen Werten in Tests für Ängstlichkeit, Depression oder „lageorientierte“ Zögerlichkeit) hatten Schwierigkeiten mit der Ausführung ihrer Absichten (obwohl sie sich doch besser an Unerledigtes erinnern konnten). Dieses Problem konnten wir erst theoretisch lösen, als wir mit der Neuformulierung der „ersten Modulationsannahme“ der PSI-Theorie davon ausgingen, dass die mit dem Fassen eines Vorsatzes verbundene Anspannung zu einer Dämpfung handlungsbahnender Energie (z.B. des positiven Affekts) führt. Man kann dieses Phänomen schon im Alltag beobachten: Je mehr unerledigte Aufgaben wir vor uns herschieben, umso häufiger passiert es, dass uns die Puste ausgeht. Dann kann man die „Dämpfung positiven Affekts“ mitsamt ihrer handlungslähmenden Wirkung am eigenen Leibe erleben. Die erwähnte Annahme heißt „Modulationsannahme“, weil sie beschreibt, wie diese Handlungshemmung, die durch die Bildung eines Vorsatzes entsteht, überwunden werden kann, nämlich z.B. dadurch dass handlungsbahnender positiver Affekt wiederhergestellt wird, entweder durch Ermutigung von außen oder durch Selbstmotivierung: Der positive Affekt vermittelt („moduliert“) dann die Verbindung zwischen dem Absichtsgedächtnis und der Intuitiven Verhaltenssteuerung, so dass das eigene Handeln unter die Regie der betreffenden Absicht kommen kann statt automatisch irgendeine lustvollere oder tiefsitzende Gewohnheit auszuführen.

Ein zweites Beispiel dafür, dass wir ursprüngliche theoretische Konzeptionen aufgeben mussten, betrifft die Selbststeuerung, also das, was wir im Alltag den Willen nennen. Wir mussten lernen, dass es mindestens zwei sehr unterschiedliche Formen der Selbststeuerung (und damit des Willens) gibt, von denen jede wie bereits erwähnt in weitere Funktionskomponenten aufgegliedert werden kann. Zwei verschiedene Arten von Willen – das war für uns ein ganz ungewohnter Gedanke: Unter Wille versteht man seit mehr als 2000 Jahren die Fähigkeit des Menschen, seine bewussten Absichten gegenüber allen möglichen Versuchungsquellen durchzusetzen, also Fähigkeiten oder Tugenden wie Selbstbeherrschung, Disziplin u.ä. (ich nannte sie zu Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit „Handlungskontrolle“). Diese Form des Willens kostet Anstrengung wie der amerikanische Psychologe Roy Baumeister immer wieder aufgezeigt hat. Es ist die traditionelle Konzeption eines Willens, der durch das bewusste Ich gesteuert wird. Es gibt aber auch eine nicht bewusstseinspflichtige Form des Willens, die durch das nicht bewusste Selbst mit seinem ausgedehnten Überblick über alle für das Entscheiden und Handeln relevante Bedürfnisse, Werte, Kompetenzen und Kontextmerkmale gesteuert wird. Diese Form des Willens ist uns nicht vertraut, weil sie mit dem Bewusstsein nicht vollständig erkennbar ist. Sie kostet wenig Anstrengung oder mobilisiert sogar zusätzliche Energien (das liegt an einem weiteren Funktionsmerkmal des Selbst, nämlich der Tatsache, dass das Selbst eine ausgedehnte Verknüpfung mit dem autonomen Nervensystem, d.h. mit den Gefühlen und Körperwahrnehmungen). Diese Form des Willens, die wir nicht Ich-Kontrolle, sondern Selbstregulation nennen, ist nicht darauf ausgerichtet, attraktive, aber nicht gewollte Handlungsoptionen zu unterdrücken, sondern sie sucht nach emotionaler Unterstützung für das Gewollte bzw. macht sogar eine innere Abstimmung innerhalb des eigenen Erfahrungsnetzwerks, mit dem Ziel herauszufinden, ob ein Vorsatz in eine Form gebracht werden kann, die durch eigene Gefühle unterstützt werden kann. Diese anstrengungsarme Variante des Willens gleicht also eher einer „inneren Demokratie“, während mit dem traditionellen Willensbegriff schon etwas mehr oder weniger Diktatorisches gemeint ist. Natürlich gibt es eine Möglichkeit die Vorteile beider Willensformen zu verbinden, z.B. wenn Ziele und Vorsätze zunächst mit dem Weitblick des Selbst gebildet und bei auftretenden Schwierigkeiten mit der Durchsetzungsstärke des Ich umgesetzt werden.

Es gibt noch viele andere Stellen, an denen wir unsere ursprünglichen Auffassungen revidieren mussten, z.B. als wir merkten, dass wir zwischen objektgebundenen und diffusen Emotionen unterscheiden müssen oder lernten, dass noch so gut entwickelte Selbstkompetenzen nicht immer verfügbar sind (z.B. bei manchen Menschen unter Stress weniger als in entspannten Situationen, während es bei anderen Menschen sogar umgekehrt sein kann). Schließlich konnten wir auch den pauschalen Stressbegriff nicht beibehalten: Belastungsstress, der z.B. entsteht, wenn man viel Unerledigtes vor sich herschiebt, hat z.T. ganz andere Auswirkungen als Bedrohungsstress (z.B. wenn ein Ereignis Unsicherheit oder sogar Angst auslöst). Wir haben mit dem jetzigen Stand der PSI-Theorie zwar eine gewisse Stabilisierung der Theorieentwicklung erreicht. Trotzdem gibt es noch viele Baustellen, von denen allerdings viele zunächst mehr für die Grundlagenforschung als für die Praxis relevant sind. Ein Beispiel ist die Frage, ob positiver Affekt immer die Umsetzung von Absichten bahnt, oder ob diese Bahnung auch von anderen Faktoren abhängt, z.B. von der Art des Bedürfnisses, das gerade handlungsleitend ist. Oder: Was ist an der Umsetzung des eigenen Willens anders, wenn die Umsetzungsenergie nicht durch positiven Affekt, sondern durch die Vermeidung von negativem Affekt zustande kommt (z.B. wenn ein Student seinen Vorsatz zu lernen einen Tag vor der Prüfung nur deshalb ausführt, weil er Angst bekommt durchzufallen). Eine psychologische Theorie ist wie jede naturwissenschaftliche Theorie nie etwas Fixes. Sie soll dabei helfen, Bekanntes zu integrieren und zu erklären und bei der Erforschung unbekannter Phänomene eine Orientierung zu bieten. Fortschritt besteht im Wesentlichen darin, immer wieder auch an die Grenzen einer Theorie zu stoßen, nach neuen Lösungen zu suchen und sie so weiterzuentwickeln bzw. sie zu verwerfen, wenn sie nicht mehr hilfreich ist.

7. Was hat Sie persönlich dazu veranlasst, sich überhaupt mit derlei Fragestellungen zu beschäftigen?

Zur Psychologie hat mich nicht nur ein besonderes Interesse am Menschen gezogen, sondern auch die damals fast schon vermessene Idee, die Komplexität des menschlichen Seelenlebens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu erforschen. Vertieft habe ich mich als Student in einen Teilbereich der Persönlichkeitspsychologie, nämlich in die Motivationspsychologie. Dieser Bereich hatte trotz seiner großen Bedeutung für viele Anwendungsfelder der Psychologie schon damals zu Anfang der siebziger Jahre eine schwindende Bedeutung in der psychologischen Grundlagenforschung, weil man meinte, alle wichtigen Fragen der Motivation mit biologischen und kognitiven Prozessen lösen zu können, sodass man keine eigene Motivationspsychologie brauche. Inzwischen haben viele Forschungsergebnisse aus der experimentellen Psychologie und der Hirnforschung gezeigt, dass motivationale Kräfte stark aus dem Unbewussten wirken und mit Erkenntnisprozessen (Kognitionen) allein nicht erklärbar sind. Als ich vor fast 50 Jahren mein Psychologiestudium aufnahm, konnte die Kognitionspsychologie bereits beeindruckende Forschungsergebnisse vorweisen, während die Motivationspsychologie die Art, wie Motive und Ziele verhaltenswirksam werden, nicht annähernd so differenziert und methodisch abgesichert aufzeigen konnte, wie es der Kognitionspsychologie gelang, Erkenntnisprozesse zu erklären (z.B. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen). Aus meiner Sicht hatte die Kognitionspsychologie die besseren Antworten und die Motivationspsychologie die spannenderen Fragen. Ich habe mich damals für die spannenderen Fragen entschieden.

Ich wusste allerdings nicht wie aufwändig der Weg zur Entwicklung einer Motivationstheorie sein würde, die die relevanten Prozesse und Funktionen wissenschaftlich zufriedenstellend erklärt, und außerdem in der Lage sein würde, die zentralen Erkenntnisse verschiedener Persönlichkeitstheorien zu integrieren. Die enge Verbindung zwischen Motivation und Persönlichkeit wurde dann auch neurobiologisch bestätigt: Von den ältesten Strukturen im Hirnstamm, die überlebenswichtige Prozesse wie Atmung, Wachheit etc. automatisch steuern, verlaufen Bahnen verschiedener Überträgersubstanzen (Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin) über die motivations- und emotionsrelevanten Strukturen des limbischen Systems bis hin zu den intelligentesten Regionen der Hirnrinde, die zielorientiertes, sinnvolles und selbstkongruentes Handeln vermitteln. Diese Verbindungsbahnen bilden die biologische Grundlage für die Interaktionen zwischen sieben verschiedenen Systemebenen der Persönlichkeit, die in der PSI-Theorie beschrieben werden.

8. In Zusammenarbeit u. a. mit Maja Storch, die vor allem durch das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®) Berühmtheit erlangte, bieten Sie eine Ausbildung zum CoachPSI® an. Mögen Sie kurz erläutern, was das Besondere daran ist?

Die Ausbildung zum wissenschaftlich geprüften Persönlichkeitscoach CoachPSI® ist eine in sich geschlossene Ausbildung. Ebenso ist die Ausbildung von Maja Storch „ZRM® für Coaching“ in sich geschlossen. Haben TeilnehmerInnen beide Ausbildungsabschlüsse, zertifizieren wir diese gemeinsam mit dem Titel „Persönlichkeitscoach CoachPSI® & ZRM®“.

CoachPSI® ist eine auf neuesten Erkenntnissen der Persönlichkeitspsychologie und Hirnforschung beruhenden Qualifikation für professionelle Coaches. Diese persönlichkeitspsychologische Ausbildung habe ich zusammen mit Doris Gunsch entwickelt, einer sehr erfahrenen Coaching-Ausbilderin, die seit 1998 die PSI-Theorie im Lehrcoaching einsetzt. Sie ist PSI-Expertin, Psychologische Psychotherapeutin und verfügt aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeiten als Management Trainerin und Coach über ein breites Methodenspektrum verbunden mit viel Branchen- und Projektkenntnissen.

CoachPSI® wendet sich an Teilnehmer, die bereits als Coach arbeiten und ihr theoretisches und methodisches Repertoire erweitern und auf den neuesten Stand bringen möchten. Das Neue daran ist, dass PSI-Coaches die jeweilige psychofunktionale Verursachungsebene für ein Problem (aus den 7 Persönlichkeitsebenen) ausmachen können und deshalb genau bestimmen können: wann, welche Methode, bei wem und wozu hilfreich ist. In der Ausbildung wird besonders viel Wert auf die Haltung der Coaches gelegt, ihre Methodenkompetenz, Durchführungskompetenz und Sozialkompetenz. Zum Beispiel wird ihre Gesprächsführung psychologisch professionalisiert. Die Teilnehmer lernen relevante Forschungsergebnisse kennen, die wichtige Fortschritte im theoretischen Verständnis einer Vielfalt von Interventionsmöglichkeiten begründen. Damit wird die Fähigkeit vermittelt, aus dem vorhandenen methodischen Repertoire jeweils diejenigen Bausteine auszuwählen, die zur individuellen Lösung eines konkreten Problems am besten beitragen können. Die wissenschaftliche Professionalisierung des Coachings soll also mehr bieten als einen Werkzeugkoffer mit allen möglichen Trainings- bzw. Therapiebausteinen. Sie befähigt die Teilnehmer, theoretisch über die eigenen Selbstkompetenzen und die des Klienten zu reflektieren. Darüber hinaus ermöglicht unsere wissenschaftliche Professionalisierung des Coaching, die Entwicklungspotenziale der individuellen Persönlichkeit des Klienten auszuschöpfen. Die von Maja Storch und ihren MitarbeiterInnen durchgeführte Qualifikation“ ZRM® für Coaching“ elaboriert insbesondere die Methoden des Zürcher-Ressourcen-Modells (ZRM), die dabei helfen, angestrebte Ziele mit verschiedenen Quellen motivationaler Energie zu verknüpfen (z.B. somatische Marker, Motto-Ziele und Hilfen, die im Alltag, die Umsetzung eigener Vorsätze erleichtern).

9. Welche Literatur empfehlen Sie?

Abgesehen von meinem oben erwähnten Einführungskapitel (Kap. 4 aus: „Spirituelle Intelligenz“, s.o.), das den Kern der PSI-Theorie erläutert („Vorsätze umsetzen und aus Fehlern lernen“) eignen sich für die meisten Leser die allgemeinverständlichen Einführungen, die ich zusammen mit Maja Storch verfasst habe: „Die Kraft aus dem Selbst“ und „Ich blick’s“. Wer bei einzelnen Aspekten der Theorie die wissenschaftlichen Grundlagen genauer verstehen möchte, kann mein „Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie“ konsultieren und wer noch tiefer eindringen möchte, findet eine sehr ausführliche Darstellung jeder der sieben Systemebenen in dem 1200-Seiten starken Buch „Motivation und Persönlichkeit: Interaktionen psychischer Systeme“, in dem ich den Stand der PSI-Theorie und viele neue Anwendungsmöglichkeiten zu einem Zeitpunkt dargestellt habe, als die Ausarbeitung der Kernbereiche der Theorie eine recht stabile Form erreicht hatte.

Julius Kuhl

www.psi-theorie.com

Weitere Informationen finden Sie hier: www.psi-theorie.com und www.impart.de (TOP- bzw. EOS-Diagnostik) sowie doris-gunsch.eu (CoachPSI®-Ausbildung).

Vielen Dank für das Interview!

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Wenn die Arbeit Angst macht

Arbeit muss nicht krank machen. In der Regel führt sie sogar zu einem gesunden Selbstbewusstsein und zu psychischer Stabilität. Sich neuen Herausforderungen zu stellen und daran zu wachsen, ist im hohen Maße selbstwertdienlich und stärkt die Persönlichkeit. Dennoch haben wir oftmals Angst. Berufliche Veränderungen, betriebliche Umstrukturierungen, ungewisse Anforderungen, unlösbar wirkende Aufgaben, die Übernahme von großer Verantwortung oder Sorgen um die Zukunft (z. B. aufgrund prekärer Arbeitsverhältnisse) sind mögliche Auslöser. Plötzliche Schwindelgefühle, Schweißausbrüche und Herzrasen sind typische Symptome. Gelegentlich wird auch von Sehstörungen oder einem veränderten Körpergefühl berichtet. Entsteht aus einer Situation heraus das Gefühl, dieser oder sogar dem Leben insgesamt nicht gewachsen zu sein, kann die Psyche enormen Schaden nehmen. Dabei ist es vollkommen normal und in Ordnung, gelegentlich Angst zu empfinden. Sie gehört zur emotionalen Grundausstattung eines jeden Menschen und hat eine wichtige Warnfunktion. Wird sie allerdings übermächtig, kann sie die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit der Betroffenen stark beeinträchtigen. Konzentrations- und Denkstörungen sind eine häufige Folge. Im beruflichen Kontext führen Ängste nicht selten zu Fehlleistungen oder zu unüberwindbar erscheinenden Widerständen bis hin zu einem (abrupten) Abbruch des Arbeitsverhältnisses. Da es aber viele wirkungsvolle Methoden gibt, ihnen zu begegnen, muss es nicht soweit kommen. Es macht also Sinn, sich damit zu beschäftigen, was Angst eigentlich ist, wie sie entsteht und wie man sie überwinden kann.

„Ein Feigling ist ein Mensch, bei dem der Selbsterhaltungstrieb normal funktioniert.“ Ambrose Bierce

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Die Annahme, dass der Mensch vor allem ein rationales und vernunftgesteuertes Wesen ist, gilt inzwischen als weitestgehend widerlegt. Den größten Teil unserer Entscheidungen treffen wir unbewusst und emotionsgeleitet. Das menschliche Gehirn besteht entwicklungsgeschichtlich betrachtet aus Regionen, die unterschiedlich alt sind. Der älteste Teil ist das Stammhirn. Es ist für die grundlegenden körperlichen Funktionen zuständig und Hauptsitz unserer Emotionen. In Gefahrensituationen aktiviert es reflexartig Verhaltensmuster (z. B. Kampf oder Flucht) und führt dazu, dass wir sofort und ohne darüber nachdenken zu müssen auf sie reagieren können. Der Forscher Joseph E. LeDoux nennt diesen Prozess „emotionales Prozessieren“. Ihm zufolge ist vor allem die Amygdala dafür zuständig, einen schnellen Abgleich eines Reizes auf Grundlage erlernter Muster vorzunehmen und diesen als „gefährlich“ bzw. „ungefährlich“ einzustufen. Dieser (leider fehleranfällige) Weg, den er „Quick and Dirty“ nennt, dient zur Vorbereitung schneller Reaktionen. Das „kognitive Prozessieren“ ist der zweite Weg, den die Verarbeitung von Reizen durchläuft, und dient der (bewussten) Kontrolle des oben geschilderten Ablaufes. Er ist allerdings zeitaufwendiger, da hierbei sowohl der präfrontale Cortex wie auch der Hippocampus mit einbezogen wird. Beim Erlernen dessen, wovor wir uns fürchten, werden sogenannte emotionale Auslöser etabliert, für die jeweils ein konditioniertes Netz bzw. ein Zellensemble gebildet wird, das dann wie eine „Alarmdatenbank“ funktioniert. Die Emotionstheorie von António R. Damásio geht noch einen Schritt weiter und postuliert einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Geist und Körper. Sogenannte somatische Marker bewirken die Bewertung von Vorhersagen und dienen u. a. als „Alarmglocken“. Emotionen rufen ihm zufolge nicht nur eine für den auslösenden Reiz spezifische Verhaltensreaktion hervor, sie versetzen den Körper z.B. durch Hormonausschüttung gleichzeitig in die Lage, eine entsprechende Reaktion auszuführen. Angst sorgt z. B. über den Fluchtimpuls hinaus für eine erhöhte Blutzufuhr in den beteiligten Muskelgruppen. Neben den neuroendokrinen Prozessen verändert sie zusätzlich die Arbeitsweise des Gehirns (nach Schleicher, 2009). Der Organismus wird dadurch in eine Art Erregungszustand versetzt, um schnell und effektiv reagieren zu können. Bewirken die dann ausgelösten Reaktionen allerdings keine spürbare Veränderung der Situation bzw. ihrer Bewertungen, können sich diese Prozesse so weit hochschaukeln, dass die Betroffenen sich handlungsunfähig und der Situation hilflos ausgeliefert fühlen.

Die kognitive Bewertung einer Situation oder eines Reizes ist also für das Entstehen einer Emotion entscheidend, wobei ‚kognitiv‘ nicht unbedingt mit ‚bewusst‘ gleichzusetzen ist. Richard S. Lazarus begreift in seiner Emotionstheorie darunter auch sämtliche subcortikalen Prozesse, wie die ’schnelle Route‘ der Reizverarbeitung bei einer Angstreaktion (vgl. LeDoux). Objektiv identische Situationen werden von verschiedenen Personen individuell erlebt und können so zu unterschiedlichen Gefühlen bzw. Stressniveaus führen. Ihm zufolge lassen sich die mit den menschlichen Emotionen verbundenen persönlichen Vorstellungen und Bedeutungen, die er für das Entscheidende hält, durch eine bloße Reduzierung auf ihre neurophysiologische Aktivität nicht adäquat abbilden. Ein weiterer Forscher, Klaus R. Scherer, unterscheidet in diesem Zusammenhang emotionale Erfahrungen, bewusste Wahrnehmung und Verbalisierbares als die drei Ebenen der Informations- bzw. der Reizverarbeitung. Dass manche („modale“) Emotionen für allgemeingültig gehalten werden, führt er darauf zurück, dass bestimmte Bewertungsmuster gehäuft auftreten, wie zum Beispiel bei der Angst.

„Wer nicht täglich seine Furcht überwindet, hat die Lektion des Lebens nicht gelernt.“ Ralph Waldo Emerson

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Wie Ängste entstehen, zu welchen körperlichen Reaktionen sie führen und wie sie erlebt werden, ist wissenschaftlich bereits gut erforscht. Doch was genau macht den Menschen eigentlich Angst? Der Psychoanalytiker Fritz Riemann beschreibt in seinem Buch „Grundformen der Angst“ vier zentrale Forderungen des Lebens, von denen jeweils zwei miteinander konkurrieren, die zu jeweils spezifischen Verhaltensmustern führen und das seelische Gleichgewicht beeinträchtigen können. Selbstwerdung versus Selbsthingabe ist das erste Spannungsfeld, in dem sich der Mensch bewegt: Je mehr man dem Wunsch (oder der Forderung) nach Selbstwerdung nachkommt und die damit verbundene Angst (Geborgenheitsverlust, Isolierung von der sozialen Gruppe) überwindet (oder verdrängt?), desto größer ist die Gefahr, zu einer schizoiden Persönlichkeit zu werden. Ebenso begegnet dem Menschen der Wunsch nach Hingabe in verschiedenen Formen. Sich zu öffnen bzw. Liebe und Zuneigung zu zeigen, kann aber auch als Bedrohung empfunden werden, da man dadurch leichter verwundbar ist. Die Angst vor der Hingabe ist stets verbunden mit der eines möglichen Ich-Verlustes. Hinzu kommt das Wechselspiel zwischen Beständigkeit und Veränderung: Je mehr wir uns wünschen, etwas festhalten zu können, desto größer wird die Angst vor Veränderung und umso zwanghafter werden wir. Dem gegenüber steht die Angst davor, sich (endgültig) festlegen zu müssen. Je mehr allerdings die unverbindliche Freiheit angestrebt wird, desto größer wird in der Regel die Furcht vor jenen Grenzen und Konsequenzen, die das Leben aufzeigt. Den Annahmen Riemanns zufolge bewegen sich die Menschen in einem Spannungsfeld aus den oben genannten Wünschen und den damit verbundenen Ängsten. Psychische Gesundheit entsteht, wenn sich diese in einem ausgewogenen Verhältnis befinden, und kann erreicht werden, indem man an sich arbeitet, wobei jede Bewältigung einer Angst ein Sieg ist, der das Individuum stärkt, und jedes Ausweichen eine Niederlage, die es schwächt.

In der beruflichen Rehabilitation ist der Umgang mit Angst ein wichtiges Thema. Viele Ängste gehen mit der Entstehung psychischer aber auch körperlicher Erkrankungen einher und erschweren zugleich den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben. Auf die Frage, was ihnen Angst macht, habe ich von meinen Klienten folgende Antworten besonders häufig gehört:

  1. Existenzängste bzw. Angst vor einer ungewissen oder als bedrohlich empfundenen Zukunft
  2. Angst davor, Gewohntes aufgeben zu müssen (z. B. bei sich verändernden Lebensbedingungen oder betrieblichen Umstrukturierungen)
  3. Versagensängste bzw. die Angst, etwas nicht schaffen zu können
  4. Angst vor Entlarvung bzw. die Angst davor, dass jemand merkt, „was mit mir los ist“
  5. Angst vor Verantwortung bzw. dieser nicht gerecht zu werden
  6. Angst davor, nicht gut (Arbeitsqualität) oder schnell (Arbeitstempo) genug zu sein
  7. Angst vor Ablehnung durch andere Menschen und vor Konflikten sowie davor, sich nicht durchsetzen zu können

Diese Ängste sind eine große Belastung für die Betroffenen und sie wirken sich in vielfacher Hinsicht negativ aus. In einer aktuellen Studie von Eldar Shafir et al. wurde z. B. festgestellt, dass Fehlentscheidungen allein schon durch Geldsorgen begünstigt werden. Wie es erst ist, wenn man von Existenzängsten geplagt wird, lässt sich wohl vermuten…

„Das höchste Glück des Menschen ist die Befreiung von der Furcht.“ Walther Rathenau

Edgar Piel

Im Rahmen der Psychotherapie affektiver Störungen wird findet neben einer systematischen Desensibilisierung, in der die Patienten schrittweise mit immer angstauslösenderen Reizen oder Vorstellungen konfrontiert werden, vor allem die Methode der kognitiven Umstrukturierung Anwendung. Bekannt gewordene Beispiele sind das ABC-Modell von Albert Ellis sowie die Disputationstechniken zur Veränderung dysfunktionaler Annahmen in der Kognitiven Therapie von Aaron T. Beck. In beiden Ansätzen wird davon ausgegangen, dass es nicht die Dinge oder Ereignisse selbst sind (A = activating events), die Angst und negative Gefühle (C = consequences) auslösen, sondern die Gedanken, die die Menschen sich darüber machen (B = beliefs). Das Grundprinzip ist es, furchteinflößende Gedanken durch solche zu ersetzen, die eine positivere bzw. konstruktivere Sichtweise erlauben und somit zu einer Linderung der Angst beitragen. In der kognitiven Verhaltenstherapie wird oftmals mit einer Art Tagebuch gearbeitet, in dem sogenannte automatische Gedanken zunächst benannt, dann in ihrer Wirkungsweise auf die Befindlichkeit der Betroffenen analysiert und anschließend durch alternative Gedanken mit dem Ziel ersetzt werden, alltägliche Situationen besser zu bewältigen, ohne sich dabei in unheilvolle Gefühle zu verstricken. Die Veränderung der Gedanken soll schließlich dazu führen, angstfördernde Verhaltens- und Denkmuster aufzulösen. Da das aber einfacher klingt, als es ist, ist es ratsam, sich (wenigstens) bei der ersten Anwendung dieser Methoden professionell unterstützen zu lassen.

„Schrittweises Zurückweichen ist oft schlimmer als der Sturz.“ Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

Psychotherapeutische Hilfe ist ratsam, wenn man zum Beispiel über 50 Prozent des Tages über seine Ängste nachdenkt oder es nicht mehr schafft, sie aus eigener Kraft zu überwinden, wenn sie dazu führen, dass man das eigene Leben bzw. wichtige Entscheidungen maßgeblich nach ihnen ausrichtet, und Probleme in der Partnerschaft bzw. Ehe sowie im Berufsleben durch sie entstehen oder sie sogar Suizidgedanken auslösen. Aber nicht jede Angst muss therapeutisch behandelt werden. Einfache Techniken können gerade zu Beginn einer drohenden Angststörung dazu beitragen, die Lebensqualität erheblich zu verbessern und die eigene Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Tipp 1: Seien Sie ehrlich zu sich selbst!

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Der erste Schritt, Ängsten wirkungsvoll zu begegnen, besteht darin, sich diese einzugestehen. Verdrängt man sie, wirken sie aus dem Unbewussten weiter. Weicht man ihnen aus, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf weitere Bereiche ausdehnen. Ratsam ist es, für eine gewisse Zeit eine Art Tagebuch zu führen, in dem man genau festhält, was einem Angst macht. Jedes Unbehagen und jede Sorge sollte dort eingetragen, benannt und hinterfragt werden. Auf diese Weise bekommt man einen Überblick darüber, was genau in welchen Situationen Angst auslöst. Große und unüberwindbar erscheinende Ängste können mit der von Albert Ellis vorgeschlagenen Methode der Zergliederung, die bereits aus der Antike bekannt ist, zunächst in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt werden. Dadurch kann das Bewusstsein entstehen, dass eine Situation weniger bedrohlich ist, als sie es bislang zu sein schien. Die Neigung, Meinungen und Fakten miteinander im Gefühlschaos zu vermengen, betrachtet Ellis als eine der Hauptursachen dafür, dass es Menschen oftmals schwer fällt, sich in angstauslösenden Situationen angemessen zu verhalten. Ihm zufolge sollten sich die Betroffenen stets fragen, was genau es ist und welche eventuellen Konsequenzen es im Einzelnen sind, die die Furcht bedingen? Manchmal ist es dabei hilfreich, (im entspannten Zustand) zuvor die Frage zu beantworten, was denn im schlimmsten Falle passieren könne, sich also ein Worst-Case-Szenario auszumalen und es dann zu zergliedern.

Tipp 2: Entwickeln Sie den Mut, Ihrer Angst zu begegnen!

Auflösen kann man die Angst nur, indem man sich ihr stellt. Das Gefühl der Hilflosigkeit kann dadurch überwunden und der eigene Handlungsspielraum erweitert werden. Ratsam ist es, schrittweise dabei vorzugehen und geduldig mit sich zu sein. Zunächst sollte man sich also bewusst solchen Situationen aussetzen, die nur etwas Angst machen, um zu erleben, dass man die Stärke hat, diese erfolgreich zu bewältigen, und sich auf diesem Wege Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen. Erlebt man dabei Rückschläge, sollte sich vergegenwärtigt werden, dass es immer wieder gute und schlechtere Tage gibt. Wichtig ist es, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern lieber rasch einen erneuten Versuch zu wagen, die entsprechende Situation zu meistern, und sich die Erlaubnis zu erteilen, auf Erfolge stolz zu sein bzw. sich über das Gelungene freuen zu dürfen.

Tipp 3: Entspannen Sie sich!

Da es unmöglich ist, gleichzeitig entspannt zu sein und Angst zu empfinden, ist es sinnvoll, Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson oder das autogene Training nach Johannes Heinrich Schultz zu erlernen und im Bedarfsfall anzuwenden. Da von vielen Klienten berichtet wird, dass sie die Angst körperlich unter ihrem Brustkorb spüren, kann es mitunter schon helfen, mehrfach hintereinander so tief einzuatmen, dass sich die entsprechende Region bei jedem Atemzug etwas wölbt. Dem Gefühl der Beklemmung kann so auf einfache Weise entgegengewirkt werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, sich entspannt hinzusetzen und dann zehnmal tief durch die Nase einzuatmen und die Luft aus dem Mund ausströmen zu lassen. Dabei sollte sich lediglich auf die Atmung konzentriert werden. Während dieser Übung sollten (ähnlich wie beim Meditieren) intrusive Gedanken nicht „festgehalten“, sondern umgehend wieder losgelassen werden. Wenn Ängste spürbar werden, ist es also hilfreich, sich zunächst für einen Moment zurückzuziehen und Ruhe zu finden, um dann konstruktiv und überlegt mit der Situation umzugehen bzw. um Fehler und Kurzschlusshandlungen zu vermeiden.

Tipp 4: Distanzieren Sie sich von Ihren Ängsten!

Es lohnt sich nicht, ständig darüber nachzudenken, was einem Angst macht. Sinnvoller und zielführender ist es, die Gedanken auf das zu richten, was man erreichen oder erleben möchte und wie das zu schaffen ist. Angst ist lediglich ein vorübergehendes Gefühl, das überwunden werden kann. Dessen sollte man sich stets bewusst sein. Um die Kontrolle wiederzuerlangen, sind sogenannte Distanzierungs- oder Dezentrierungstechniken hilfreich, wie die vielzitierte 5-4-3-2-1-Übung oder zum Beispiel jene vier, die in dem Buch „Krisencoaching“ von Ralph Schlieper-Damrich beschrieben werden: (1) Beim „Rollentausch“ versetzen sich die Betroffenen in die Rolle einer ihnen vertrauten und wohlgesonnenen Person und beantworten sich die Frage, was sie aus dessen Sicht in der entsprechenden Situation benötigen würden, um weniger Angst empfinden zu müssen. (2) Bei der „Zeitmaschinenarbeit“ wird das angstauslösende Ereignis so betrachtet, als läge es einige Jahre zurück und hätte bereits an Bedeutung und Aktualität verloren. (3) Das „Zaubergeschäft“ dient vor allem der Aktivierung von Ressourcen und stellt die Frage, welche drei Aspekte ihrer Persönlichkeit die Betroffenen gern gegen welche neuen Eigenschaften oder Fähigkeiten eintauschen möchten. (4) In der „Kino- oder Lebensfilmmetapher“ stellen sich die Betroffenen die angstmachende Situation wie einen Film vor und kommentieren die „gelungene“ Dramaturgie humorvoll, um so eine neue Sichtweise zu entwickeln.

Tipp 5: Bewegen Sie sich!

So banal es auch klingen mag, regelmäßige (moderate) Bewegung reduziert die Wahrscheinlichkeit enorm, eine Angststörung zu entwickeln, auch wenn der erhöhte Pulsschlag und der schnellere Atem im ersten Augenblick vielleicht an eine aufkommende Angst erinnern und somit als unangenehm oder bedrohlich empfunden werden. Berühmtheit bei der Behandlung affektiver Störungen hat zum Beispiel der sogenannte „Gesundheitsmarsch“ erlangt, also der tägliche Spaziergang an der frischen Luft, der seit langer Zeit zu den therapeutischen Standardinterventionen gehört.

„Wer nicht täglich seine Furcht überwindet, hat die Lektion des Lebens nicht gelernt.“ Ralph Waldo Emerson

Der berühmte Kloß im Hals macht also niemanden zum Versager. Ängste sind unsere natürlichen Begleiter, auch in der Arbeitswelt. Es ist aber ratsam, sich mit Ihnen auseinanderzusetzen, um angemessen mit ihnen umzugehen und sie auflösen zu können. Neue Herausforderungen und berufliche Veränderungen ermöglichen es den Menschen dann, über sich selbst hinauszuwachsen, auch wenn ihnen dabei manchmal Angst und Bange ist.

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Literatur:

  • Damásio, António R.. Ich fühle, also bin ich – Die Entschlüsselung des Bewusstseins. List (2000).
  • Edmund Jacobson (Übersetzung von Karin Wirth). Entspannung als Therapie. Progressive Relaxation in Theorie und Praxis. 7. Auflage. Klett-Cotta (1990).
  • Ellis, Albert & Hoellen, Burkhard. Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie – Reflexionen und Neubestimmungen. 2. Auflage. Klett-Cotta (2004)
  • Knecht, Tobias. Das transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus. Grin Verlag (2013).
  • LeDoux, Joseph E. & Trunk, Christoph. Das Netz der Persönlichkeit. Wie unser Selbst entsteht. Patmos (2003).
  • Mullainathan, S., Shafir, E. & Freytag, C.. Knappheit: Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben. Campus Verlag (2013).
  • Riemann, Fritz. Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag (1996).
  • Scherer, K. R., Shorr, A., & Johnstone, T. (Ed.). Appraisal processes in emotion: theory, methods, research . Oxford University Press (2001).
  • Schleicher, Robert. Emotionen & Peripherphysiologie. Papst Science Publishers (2009).
  • Schlieper-Damrich, Ralph (Hrsg.). Krisencoaching. Den Brüchen im Leben kraftvoll trotzen. managerSeminare Verlags GmbH (2013).
  • Schultz, Johannes Heinrich. Das original Übungsheft für das autogene Training. Anleitung vom Begründer der Selbstentspannung. 24. Auflage. TRIAS (2004).