Psychische Erkrankungen zwischen Stigmatisierung und Versorgungslücken

Erfahrungsbericht zum 4. psychenet-Symposium: Wie lässt sich die Versorgung psychisch erkrankter Menschen verbessern? Und konnte der Stigmatisierung Betroffener mittels der damit einhergehenden Medienkampagne entgegengewirkt werden? Antworten auf diese Fragen erhoffte ich mir am 29. und 30. Juni 2015 in der Handelskammer. Hier wurde über die Ergebnisse der Umsetzung und Begleitforschung in der Gesundheitsregion Hamburg berichtet und diskutiert. Die Veranstaltung war ausgesprochen gut besucht und hervorragend organisiert (Programm). Da ich das Projekt bereits vor wenigen Wochen vorgestellt habe (So funktioniert psychische Gesundheit in Hamburg), werde ich mich im Folgenden auf das konzentrieren, was ich für besonders wesentlich oder überraschend hielt. Dabei gehe ich vor allem drei Fragen nach, die mich aus verschiedenen Gründen interessierten:

  • Allgemeines Interesse: Welchen Beitrag konnte psychenet zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen leisten?
  • Persönliches Interesse: Wie lässt sich die Versorgung von Menschen verbessern, die an einer Depression leiden?
  • Fachliches Interesse: Gibt es neue Erkenntnisse aus dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung?

1. Welchen Beitrag konnte psychenet zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen leisten?

Psychiatrische PraxisNach einigen Begrüßungen und allgemeinen Stellungnahmen zur Gesundheitsregion Hamburg berichtete Prof. Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, der Dekan des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), dass das Hamburger Netzwerk Versorgungsforschung in seiner Form einmalig in Deutschland ist, insbesondere aufgrund seiner vorbildlichen Ausstattung mit diversen Professuren. Zu dessen Aufgaben gehören die Beschreibung und Analyse der Situation, die Entwicklung von Versorgungskonzepten, die wissenschaftliche Begleitung der Implementierung neuer sowie die Evaluierung neuer und alter Versorgungskonzepte im medizinischen Alltag. Wie sich im Verlauf der beiden Tage zeigte, waren die meisten Projekte, die im Rahmen von psychenet in den vergangenen vier Jahren initiiert wurden, äußerst erfolgreich! Eine Zusammenfassung dieser Ergebnisse konnte man vor wenigen Tagen im Hamburger Abendblatt lesen. Detaillierter besprochen werden die Studien in der Zeitschrift „Psychiatrische Praxis. Supplement: psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit“, die im Juli 2015 erschienen ist und bei der Georg Thieme Verlag KG bestellt werden kann. Einige der Artikel sind hier auch öffentlich bzw. kostenlos zugänglich.

Direkt im Anschluss erläuterte Prof. Dr. Martin Lambert, dass das Wissen über psychische Erkrankungen der Hamburger Bevölkerung nach wie vor recht unzureichend sei. Da Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung sehr verbreitet sind, war es ein Ziel des Projektes, die Aufklärung zu verbessern, einer Stigmatisierung der Betroffenen dadurch entgegenzuwirken und das entwickelte Versorgungsnetz auf diese Weise zu etablieren. Mittels einer Awareness-Kampagne (Plakate, Gratis-Postkarten, Kino-Trailer etc.) wurde sich darum bemüht, das Internetportal von psychenet bekannt zu machen und die Menschen dazu zu bringen, sich dort über das Thema zu informieren. Die Zufriedenheit mit der in diesem Zusammenhang eingerichteten trialogischen Hotline sowie mit dem Skype-Service, wo eine individuelle Beratung möglich war, lag immerhin bei 98%. Dr. Jörg Dirmaier ergänzte, dass die Webseite bzgl. ihrer Benutzerfreundlichkeit, dem Nutzen sowie der Vertrauenswürdigkeit von 71% der Besucher als „gut bis sehr gut“, von 21% als „befriedigend bis ausreichend“ und lediglich von 8% als „mangelhaft bis ungenügend“ bewertet wurde. Neben umfangreichen Informationen über die einzelnen Störungsbildern, findet man dort Hinweise zu Hilfsangeboten, entsprechende Selbsttests u.v.m. Bislang nicht bekannt war mir, dass die Inhalte im Laufe der Zeit auch auf Türkisch angeboten worden sind.

Prof. Dr. Olaf von Knesebeck stellte anhand der Ergebnisse einer Evaluationsstudie dar, dass sich das Wissen der Hamburger Bevölkerung hinsichtlich psychischer Erkrankungen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe aus München aufgrund der psychenet-Kampagne kaum verbessert hat. Lediglich in der Kenntnis darüber, dass auch Angehörige helfen können, wurde ein signifikanter Anstieg verzeichnet. Auch das Ausmaß der Stigmatisierung ist trotz einer generellen Zunahme des Wissens über psychische Störungen in der Gesellschaft erstaunlich stabil geblieben. Allerdings zeigte sich bei jenen Menschen, die sich über das Webportal informiert hatten, eine Verringerung der emotionalen Distanz sowie entsprechend negativer Emotionen. Interessant war auch die Aussage von Prof. Dr. Frank Jacobi, dass eine Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) aufgezeigte, dass die Krankschreibungen von Menschen ohne eine psychische Erkrankung dreimal kürzer sind als bei jenen, die zeitgleich eine F-Diagnose haben.

Prof. Dr. Tilo Böhmann ging am Nachmittag des zweiten Tages auf die Ziele der Stabsstelle „Forschungs- und Transferstelle Dienstleistungsgeschäftsmodelle“ ein: Wie kann es gelingen, die Netzwerkelemente von psychenet auf andere Regionen zu übertragen? Und wie lassen sich die einzelnen Inhalte bzw. Erkenntnisse so clustern, dass sie interessierten Lesern in sinnvoller Weise zur Verfügung gestellt werden können? Eines der Resultate ist deren Zuordnung zu den Kategorien „Ressourcen“ und „Aktivitäten“. Eine entsprechend systematische Darstellung aller 186 Elemente wird also demnächst in einer modularisierten Fassung als Webdatenbank zugänglich sein. Für die mögliche Umsetzung bzw. eine Implementierung neuer Produkte im Gesundheitssektor ist es allerdings immer entscheidend, die Finanzierbarkeit sowie den zu erwartenden Nutzen im Vorfeld zu klären.

Die Koordination bzw. Organisation des Netzwerkes war eine große logistische Herausforderung. Aufgrund der vielen Beteiligten Organisationen und praktizierenden Personen mussten Entscheidungs- und Informationsstrukturen gefunden, eingehalten und stetig gepflegt werden. Zudem gab es diverse Barrieren bei der Umsetzung der Projekte: Fehlende gesetzliche Regelungen zur primären und sekundären Prävention (Früherkennung) sowie bzgl. anderer innovativer Angebote (z.B. Peer-Beratung), bürokratische Hemmnisse von integrierten Versorgungsmodellen nach § 140a SGBV sowie die Behinderung der Implementierung bzw. Verstetigung aufgrund von Partikularinteressen der eingebundenen Institutionen. Grundsätzlich wurde die enge Kooperation zwischen Forschung und Praxis aber als sehr lehrreich und positiv bewertet.

Auch wenn das vorrangige Ziel einer Entstigmatisierung nicht wirklich erreicht wurde, war psychenet insgesamt ein großartiger Erfolg! Da die Infrastruktur mit dem Ende der Förderung zum Jahreswechsel wegzubrechen droht, stellt sich nun die dringliche Frage, welche der elf Projekte weitergeführt werden sollten und wie das realisiert werden kann? Auch die Webseite bzw. die präventiven Kampagnen bedürfen eigentlich einer stetigen Pflege. Hier wurden Werte geschaffen, die ansonsten schnell verloren gehen. Im Hinblick auf die anstehende Landeskonferenz Versorgung sollen nun in naher Zukunft Lösungen erarbeitet und die Beantragung neuer Fördergelder aus dem Innovationsfonds (siehe Artikel: Deutsches Ärzteblatt) beschlossen werden.

2. Wie lässt sich die Versorgung von Menschen verbessern, die an einer Depression leiden?

Aufgrund einer persönlichen Affinität, war ich vor allem auch an den Ergebnissen des Gesundheitsnetzes Depression interessiert. Die 12-monats-Prävalenz dieser affektiven Störung liegt übrigens bei acht Prozent. Depressionen können zwar gut therapiert bzw. geheilt werden, besondere Probleme bestehen allerdings in der teilweise recht langen Wartezeit auf eine Behandlung sowie in der Fragmentierung der vorhandenen Angebote.

Vorgestellt wurde ein Modell der gestuften Behandlung („stepped care“), bei der die Patienten nach einer systematischen Diagnostik anhand des Schweregrads ihrer Erkrankung Angebote unterbreitet bekommen, zwischen denen sie anhand eigener Präferenzen auswählen können. Um den Zugang zu einem Psychotherapeuten für Menschen mit einer schwer- oder mittelgradigen Depression zu erleichtern, wurde hierbei jenen, die „lediglich“ leichtgradig betroffen waren, alternative Angebote zur (teilweise begleiteten) Selbsthilfe angeboten. Erwähnt wurden bspw. Onlineportale sowie ein Selbsthilfebuch von Gudrun Görlitz (Selbsthilfe bei Depressionen) vom Klett-Cotta-Verlag.

Im Sinne einer vernetzten Behandlung („collaborative care“) wurde zudem ein Portal eingerichtet, in dem freie Psychotherapieplätze einzelner Therapeuten angezeigt wurden. Auf diese Weise funktionierte die direkte Vermittlung reibungsloser. Leider aber gibt es dieses Angebot inzwischen nicht mehr. Die Gründe hierfür sind ein vermeintlich hoher Zeitaufwand sowie die Kosten für die Betreuung bzw. Pflege. M. E. wäre ein Gesetz hilfreich, das kassenärztlich zugelassene Therapeuten dazu verpflichtet, sich in einem solchen Portal zu registrieren und ihre Kapazitäten regelmäßig zu aktualisieren. Zudem ließen sich gewiss Träger bzw. Organisationen finden, die eine solche Datenbank erstellen und öffentlich zugänglich machen. Gerade aufgrund des Symptoms der Antriebsschwäche ist es für die Betroffenen oftmals sehr beschwerlich, therapeutische Hilfe zu finden. Dieses Problem ließe sich auf eine solche Weise gut lösen.

Im Rahmen des Projektes konnte bei der Interventionsgruppe (im Vergleich zur Kontrollgruppe) übrigens eine höhere Symptomreduktion erreicht werden. Auch wenn laut Aussage von Prof. Dr. Birgit Watzke die Wirkmechanismen der gestuften Behandlung noch genauer erforscht werden müssen, machen die Ergebnisse Hoffnung. Vor allem bei den mittelgradigen Depressionen gab es jedenfalls beachtliche Effekte.

3. Gibt es neue Erkenntnisse aus dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung?

In dem Gesundheitsforum „Betriebliche Gesundheit“, das mich fachlich sehr interessierte, kamen Dr. Hans-Peter Unger (Asklepios Klinik Harburg), Werner Fürstenberg, ein Mitarbeiter der Fürstenberg Institut GmbH sowie Prof. Dr. Bernhard Badura (Universität Bielefeld) zu Wort, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

Dr. Hans-Peter Unger

Dr. Hans-Peter Unger stellte zunächst einen grandiosen Wandel in der Arbeitswelt fest, bei dem heute mehr Selbstmanagementkompetenzen gefordert und die Übernahme einer höheren Selbstverantwortung erwartet wird, als es in der Vergangenheit der Fall war. Im Bereich der betrieblichen Gesundheit wird deshalb verstärkt auf Möglichkeiten zur Emotionsregulation sowie auf das geschaut, was Mitarbeiter resilient macht. Die für die sich immer schneller vollziehenden Veränderungen erforderlichen Eigenschaften (z. B. Kreativität und Anpassungsbereitschaft) werden vor allem durch positive Emotionen ausgelöst bzw. durch negative eingeschränkt. Zentrale Fragen scheinen es deshalb zu sein, wie man die Motivation und das soziale Miteinander fördern sowie dem Ganzen einen Sinn geben kann.

Obwohl bspw. in der Behandlung von Burnout-Patienten inzwischen große Fortschritte gemacht wurden, hat sich im Bereich der Prävention von Depressionen am Arbeitsplatz bislang kaum etwas verbessert. In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2014 über betriebliche Interventionen zur Stressreduktion und zur Steigerung des Wohlbefindens wurden oftmals kleinere und ungezieltere Maßnahmen konstatiert. Aufgrund der in der Praxis vorherrschenden Mixtur könne man kaum sagen, welche der einzelnen Interventionen tatsächlich erfolgreich waren. Je umfassender diese allerdings angelegt sind, desto größer scheint auch ihr Effekt zu sein.

Spannend war die Erkenntnis, dass zwischen dem klinischen Verlauf einer psychischen Erkrankung und den psychosozialen Fähigkeiten einer Person oftmals keine klaren Zusammenhänge zu erkennen sind. Dafür wirken wohl zu viele Faktoren darauf ein. Die Komplexität solcher Störungen lässt also keine einheitlichen Schlüsse zu. Einer Stigmatisierung könne Dr. Unger zufolge am ehesten durch eine professionelle Begleitung entgegengewirkt werden. Zudem sollten Betroffene ermutigt werden, sich schnell psychotherapeutische oder ärztliche Unterstützung zu suchen, da eine Wiedereingliederung deutlich erfolgversprechender ist, wenn eine Behandlung in den ersten drei bis sechs Wochen nach Ausbruch der Krankheit beginnt. Auch die Einbindung von Betriebsärzten könne besser gelingen, da in der Regel die Möglichkeit besteht, diese darum zu bitten, eine schriftliche Schweigepflichterklärung gegenüber dem Arbeitgeber zu unterzeichnen. Ein offenes Gespräch kann ansonsten eventuell zu erheblichen Probleme führen. Kurzum: Das funktionierende Zusammenspiel der Akteure ist immer entscheidend für den Erfolg einer beruflichen Wiedereingliederung!

Im Anschluss stellten Werner Fürstenberg und ein Mitarbeiter der Fürstenberg Institut GmbH die Ergebnisse ihrer Studie vor, in der zwei Maßnahmen implementiert und ausgewertet wurden. Primärpräventiv wurde eine Führungskräfteentwicklungsprogramm durchgeführt und sekundärpräventiv ermöglichte man den Beschäftigten eine externe Beratung bei psychischen bzw. psychosozialen Problemen durch ein EAP (Employee Assistance Program). Trotz der Zusicherung von Anonymität bei einer Nutzung des Angebots, stellte die Frage nach der Datensicherheit ein nicht unerhebliches Problem dar. Auch langwierige Entscheidungswege sowie geringe zeitliche und finanzielle Ressourcen führten zu einer sehr geringen Beteiligung der angefragten Unternehmen. Es wurde daraufhin thematisiert, wie man Wissenschaft und Wirtschaft künftig stärker zusammenführen könne? Mit den Messinstrumenten der klinischen Forschung scheint man die Betriebe jedenfalls nur schwerlich zu erreichen. Praxistauglichkeit und wissenschaftlicher Anspruch driften dafür wohl zu sehr auseinander.

Kurzum, die Studie war kein Erfolg, da aufgrund der geringen Bereitschaft, an ihr teilzunehmen, kaum aussagekräftige Ergebnisse generiert werden konnten. Interessant war zudem, dass insbesondere das Online-Tool schlecht abschnitt, welches im Rahmen der Mitarbeiterberatung eingesetzt wurde. Obwohl abschließend gesagt wurde, dass die Selbsteinschätzung der Leistungsfähigkeit jener Menschen, die das EAP genutzt haben, von 4,3 auf 7,7 (auf einer Skala von eins bis zehn) gestiegen sei, hat mich der Vortrag insgesamt nicht überzeugt.

Ausgezeichnet hingegen war der folgende Auftritt von Prof. Dr. Bernhard Badura. Menschlich angesprochen hat mich u. a. seine Bemerkung hinsichtlich der Übertragbarkeit wissenschaftlicher Theorien: Es gibt viele tolle Theorien, aber immer besteht die Gefahr, dass die Dinge in der Praxis ganz anders aussehen.

Prof. Dr. Bernhard Badura

Nach einen kurzen Einblick in den fundamentalen Wandel der Arbeitswelt, der im Wesentlichen durch die Trends von der Hand- zur Kopfarbeit sowie von der Fremd- zur Selbstorganisation bestimmt sei, warf er die Frage auf, ob es „krankhafte bzw. -machende Organisationen“ gäbe? Schließlich seien vertrauensvolle Kooperationen und psychische Gesundheit zentrale Erfolgsfaktoren. Auch die heute immer stärker geforderte Selbstorganisation könne zwar intrinsische Motivation wecken, setze diese aber auch voraus. Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen gelebter Unternehmenskultur und dem Ausmaß depressiver Verstimmungen unter den Mitarbeitern. Da Menschen wertegetrieben seien, schaffe ein Bewusstsein über diese Werte in der Regel Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft. Es scheint demnach wichtig zu sein, die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Arbeit beantworten zu können.

Vieles von dem, was Prof. Badura berichtete, war mir u. a. bereits aus seinen Vorträgen bekannt, die man z. B. bei YouTube findet. Etwas überrascht hat mich aber die Aussage, dass Fehlzeiten in der Regel nur schwach mit dem tatsächlichen Krankenstand korrelieren. Mit anderen Worten bedeutet das, dass die Menschen ihrer Arbeit nicht unbedingt aus gesundheitlichen Gründen fernbleiben. Auf der anderen Seite entstehen den Unternehmen hohe Kosten vor allem aufgrund eines Phänomens, das als Präsentismus bezeichnet wird. Gemeint ist das Verhalten von Arbeitnehmern, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen bzw. deren Einschränkung hinsichtlich der Arbeitsproduktivität aufgrund vorhandener Leistungsdefizite, die auf gesundheitliche Beschwerden zurückzuführen sind. In einer Untersuchung an 12.397 Beschäftigten der Firma Dow Chemicals konnte aufgezeigt werden, dass diese Kosten pro Mitarbeiter ein Zehnfaches gegenüber jenen betrugen, die durch Fehlzeiten bedingt waren. Allerdings führen nicht nur psychische Erkrankungen (die z. B. nach dem ICD-10 diagnostiziert werden) zu erheblichen Einbußen, sondern vor allem bereits leichtere Beeinträchtigungen (bei eigentlich vorhandener Leistungsfähigkeit). Beispiele hierfür sind Schlafstörungen (32%), Erschöpfung/Ausgebranntsein (28%), Nervosität/Gereiztheit (25%), niedergedrückte Stimmung (13%) sowie Angstzustände (7%).

Als wichtigsten Gesundheitsfaktor benannte er schließlich die Vorgesetzten. Bei diesen sei vor allem ein Umsetzungs- und seltener ein Kenntnisdefizit feststellbar. Viele Führungskräfte seien heutzutage verunsichert, da sie Angst haben, das Falsche zu tun. Diese Sorge ist, wie ich finde, allerdings nicht ungefährlich, da sie zur Handlungsunfähigkeit und damit zu Defiziten im Führungsverhalten führen kann. Meiner Ansicht nach gibt es gerade im zwischenmenschlichen Bereich ohnehin kein Richtig oder Falsch, sondern nur mehr oder weniger Hilfreiches. Um Unternehmen aber gezielt unterstützen zu können, etwas für die (psychische) Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu tun, ist es vor allem wichtig, zuvor eine gute Diagnose zu erstellen. Hierbei kann die Unterstützung von Fachleuten (z. B. Psychologen) sinnvoll sein, da sie aufgrund ihrer Außenperspektive weniger dazu neigen, einer eventuell vorherrschenden Betriebsblindheit zu unterliegen, und sie mittels einer systematischen Anwendung entsprechender Diagnosetools (z. B. Mitarbeiterbefragungen) Belastungsfaktoren unbefangener zu benennen in der Lage sind. Im Dialog mit den Führungskräften sowie unter Berücksichtigung der jeweiligen Unternehmenskultur ließen sich dann ggf. eher geeignete Maßnahmen ableiten, die zu einer Steigerung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit der Belegschaft führen.

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Verbittert, ausgebrannt oder „nur“ depressiv?

Ein böses Wort, eine ungerechte Beurteilung durch den Vorgesetzten oder ein energischer Streit mit dem Kollegen lassen sich in der Regel irgendwie ertragen. Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens sehr unterschiedliche Strategien, um mit Konflikten, Ausgrenzungen, Herabwürdigungen oder Schikanierungen im Berufsleben umzugehen. Die Resilienzforschung liefert inzwischen etliche Hinweise darauf, welche Faktoren dafür sorgen, dass viele Menschen es trotz solcher Widrigkeiten schaffen, gesund zu bleiben. Manchmal gelingt das jedoch nicht. Führt eine Kränkung zu einer tiefen Verletzung oder werden stetige Anfeindungen zur extremen Belastung, kann die Psyche erheblichen Schaden nehmen. Depressionen sowie Angst- und Anpassungsstörungen werden seit einigen Jahren immer häufiger diagnostiziert und auch psychosomatische Erkrankungen sind weit verbreitet. Die Betroffenen fallen dann oftmals für eine längere Zeit aus, werden behandelt und wieder eingegliedert – oftmals mit Erfolg. Nicht immer jedoch führen die therapeutischen und betrieblichen Maßnahmen zu dem gewünschten Ergebnis. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass nicht jede Störung richtig erkannt und dementsprechend am Problem vorbei interveniert wird. Gerade wenn es um psychische Belastungen und ihre Auswirkungen geht, wird viel spekuliert und gemutmaßt. Obwohl zumindest einige Erkrankungen inzwischen weitestgehend enttabuisiert und sogar entsprechende Gesetze zum Schutz der Mitarbeiter erlassen wurden, liegt noch vieles im Argen.

Doch Veränderungen führen zu Widerstand, auch im Gesundheitsbereich. Aktuell entfacht die geplante Neuauflage des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) eine heftige Diskussion in der Öffentlichkeit, da einige der angedachten Veränderungen stark in die Kritik geraten sind. Das wohl bekannteste Beispiel ist, dass man ihr zufolge bereits eine psychische Erkrankung aufweist, wenn man länger als drei Wochen um den Verlust eines geliebten Menschen trauert, was dann eine Therapie rechtfertigt. Kritiker sehen hierin die Gefahr einer Pathologisierung normaler menschlicher Gefühle. In diesem Zusammenhang wird zudem immer wieder betont, dass es „psychische Erkrankungen“ gibt, die kein Mensch braucht… Natürlich „brauchen“ wir keine Krankheiten, auch keine psychischen! Allerdings entscheidet eine gute und treffsichere Diagnose auch über den Erfolg einer eventuell notwendigen Behandlung. Zwei Beispiele, die in diesem Zusammenhang eine besondere Erwähnung verdienen, möchte ich im Folgenden einmal aufgreifen: Das Burnout-Syndrom und die posttraumatische Verbitterungsstörung.

Ist Burnout nur eine Modeerscheinung?

Gerade das Thema „Burnout“ wurde zu einem großen Hype, der zurzeit allerdings gerade wieder etwas abflacht. Letztendlich handelt es sich angeblich ja doch „nur“ um eine Erschöpfungsdepression, die den Betroffenen den Ruf verleiht, DIE LEISTUNGSTRÄGER unserer Gesellschaft zu sein. Es wird viel Geld damit verdient, Unternehmen dahingehend zu beraten, wie sie präventiv dagegen vorgehen und ihre Mitarbeiter vor einer langfristigen Krankschreibung bewahren können. Dass dabei auch viel Unsinn gemacht wird und falsche Annahmen über dieses Phänomen weit verbreitet sind, wird schnell deutlich, wenn man sich eingehender mit der Thematik befasst. Wer dies tun möchte, dem sei das bereits 1989 und nun in der 5. Auflage erschienene Buch von Prof. Dr. Matthias Burisch „Das Burnout-Syndrom“ empfohlen, das einen sehr fundierten Überblick über den aktuellen Forschungsstand gewährt sowie alles Wissenswerte über dieses komplexe Störungsbild beinhaltet. Insbesondere ätiologische Aspekte, die im ICD-10 (International Classification of Diseases) nicht berücksichtigt werden, spielen bei der Unterscheidung zu anderen Krankheiten eine wesentliche Rolle und geben Hinweise, worauf eine therapeutische Behandlung abzielen sollte. Obwohl anzunehmen ist, dass dieses Störungsbild weit verbreitet ist, taucht es dort bislang lediglich als Zusatzdiagnose (Z73.0) mit der lapidaren Erläuterung „Zustand der totalen Erschöpfung“ auf. Die Unterschiede zu einer Depression sind aber beachtlich: Während sich die Auslöser bei depressiven Menschen oftmals schwer finden lassen, sind sie beim Burnout relativ klar ersichtlich. Ausbrenner (vor allem im Endzustand) kämpfen und neigen dazu, Ihre Kräfte zu überschätzen. Depressive tendieren eher zu Resignation und Selbstunterschätzung. Zwar hegen auch die „Selbstverbrenner“ oftmals fundamentale Grundannahmen, die zu selbstschädigendem Verhalten führen, wie zum Beispiel jene, keine Fehler machen zu dürfen. Diese lassen sich allerdings vergleichsweise schnell ausfindig machen und können dann entsprechend modifiziert werden. Überwiegen hingegen äußere Faktoren, ist eine Veränderung der Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen – anstatt einer Therapie – das Mittel der Wahl. Während bei Depressiven die Emotionen Melancholie und Trauer vorherrschen, sind es bei Burnout Wut und Angst, die sich auf diese Weise vermindern oder sogar auflösen lassen.

Das verbitterte Streben nach Vergeltung

Auf eine andere psychische Erkrankung, die laut ICD-10 (noch) keine ist – bzw. lediglich unter F43.8 als „sonstige Reaktion auf schwere Belastung“ (vgl. auch „Anpassungsstörung“) erfasst wird – und die zuletzt in einem Artikel des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL in die Kritik geraten ist, möchte ich etwas ausführlicher eingehen. Sie ist nicht so bekannt, deshalb aber nicht weniger bedeutsam: die (posttraumatische) Verbitterungsstörung.

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Wird die von einem Mitarbeiter erbrachte Leistung nicht wertgeschätzt oder anerkannt, kann dies leicht zu einem Motivationsverlust führen oder dazu, dass dieser sich künftig weniger stark engagiert. Wer eine solche Erfahrung wiederholt macht, resigniert oder kündigt innerlich. Wertschätzung und Anerkennung für eine erbrachte Leistung zu erfahren, ist zwar wünschenswert, leider jedoch nicht selbstverständlich. Dennoch gelingt es den meisten Menschen, Strategien zu entwickeln, damit umzugehen. Werden durch eine Kritik oder Herabwürdigung jedoch fundamentale Grundannahmen erschüttert, die das Selbstbild und die Lebensleistung in Frage stellen, kann das schwerwiegende Folgen für das seelische Gleichgewicht haben und Verbitterung mit suizidalen Tendenzen und/oder ausgeprägten Rachegelüsten auslösen. Dabei wird die willentlich zugefügte Ungerechtigkeit als schwere Aggression erlebt und der Gerechte-Welt-Glaube im Sinne M. J. Lerners – also die generalisierte Erwartung, dass Menschen im Leben dasjenige bekommen, was sie verdienen – erschüttert.

Im Rahmen der beruflichen Wiedereingliederung psychisch schwer oder chronisch erkrankter Menschen habe ich regelmäßig mit Klienten gearbeitet, die durch eine (dauerhafte) Konfliktsituation am Arbeitsplatz psychisch stark belastet waren und zu ausgeprägten Rachefantasien mit selbstzerstörerischen Tendenzen neigten. Aus den mir vorliegenden Gutachten ging in der Regel hervor, dass diese Menschen an einer Depression oder einer Anpassungsstörung litten bzw. sie eine psychische Minderbelastbarkeit aufweisen, die in vielen Fällen bereits ohne oder mit nur mäßigem Erfolg therapeutisch behandelt wurde. Meine eigenen Beobachtungen ließen sich mit diesen Diagnosen aber nur teilweise in Übereinstimmung bringen. In dem Buch „Mobbing. Dynamik – Verlauf – gesundheitliche und soziale Folgen“ fasst Dr. Peter Teuschel seine Erfahrungen mit Betroffenen in einer Art Typologie zusammen, die als Heuristik dienen soll, um in der Beratung auf bestimmte Besonderheiten schnell und kompetent reagieren zu können. Die sechs von ihm beschriebenen Typen beruhen auf empirischen Beobachtungen aus seiner langjährigen Praxis als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Trotz der vorgenommenen Reduktion auf einige wenige Verhaltensaspekte, entdeckte ich dabei einen Typ, der deutliche Parallelen zu dem aufwies, was ich bei jenen meiner Klienten wahrnehmen konnte, die besonders schwierig bzw. konfliktträchtig zu sein schienen: Der „unermüdliche Kämpfer“ zeichnet sich ihm zufolge durch eine vordergründige Zugewandtheit und Freundlichkeit aus, ist aber im Wesen eher distanziert und unkorrigierbar. Ihm geht es in erster Linie darum, den Gegner bzw. den ‚Mobbing-Täter‘ (auch mittels der Inanspruchnahme äußerer Instanzen, wie z.B. Gerichten) besiegen zu wollen, um auf diesem Wege Gerechtigkeit zu erfahren, ohne dabei allerdings Rücksicht auf die eigene Gesundheit zu nehmen, was nicht selten zu Erschöpfungszuständen führt. Ursächlich für dieses Verhaltensmuster ist eine tiefe seelische Verletzung, hervorgerufen durch systematische Ausgrenzung oder Schikanierung, die sich dann in einer Art Gegenaggression äußert und die sich am besten durch den Begriff der Verbitterung beschreiben lässt. Auffällig ist, dass es vielen Betroffenen schwerfällt, sich der Unangemessenheit ihrer Empfindungen und Reaktionen bewusst zu werden, obwohl sich diese ganz offensichtlich dysfunktional auswirken und die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Dass auch gesunde bzw. stabile Persönlichkeiten unter den Belastungen einer anhaltenden Mobbingsituation psychisch und körperlich erkranken können, ist inzwischen erwiesen. Diese lässt sich also als ein den Beginn der Krankheit herbeiführendes „außergewöhnliches Lebensereignis“ betrachten, vor allem dann, wenn die Betroffenen zuvor keine psychischen Auffälligkeiten zeigten. Der Zusammenhang zwischen ihrer aktuellen psychischen Befindlichkeit und diesen Ereignissen ist den Betroffenen offenkundig. In Gesprächen berichten sie immer wieder von empfundenen Ungerechtigkeiten und wirken emotional erregt, wenn sie an ihre Erlebnisse erinnert werden. Ob es sich nun um eine einzelne, besonders schmerzliche (wie bei einer PTED), oder um viele kleine traumatisierende Erfahrungen handelt, die das Leid bzw. die Verbitterung hervorgerufen haben, ist eigentlich unerheblich. Folgende Symptome sind in beiden Fällen besonders häufig:

  • Die Patienten betrachten sich selbst als Opfer und sind hilflos, mit dem Ereignis oder den Folgen umzugehen.
  • Die Patienten geben sich selbst die Schuld für dieses Ereignis bzw. werfen sich vor, diesem nicht wirkungsvoll begegnet zu sein bzw. es nicht abgewendet zu haben oder nicht adäquat damit umgehen zu können.
  • Die Patienten berichten über intrusive Erinnerungen an das kritische Ereignis. Es kann sein, dass sie denken, es wäre wichtig, nicht zu vergessen, was man ihnen angetan hat.
  • Die Patienten äußern Gedanken, dass es eigentlich inzwischen egal ist, wie es ihnen geht, und sie wirken unsicher, ob sie überhaupt wollen, dass ihre Wunden heilen.
  • Manche Patienten äußern Suizidgedanken.
  • Begleitende Gefühle können sein: Dysphorie (Missstimmung), Aggressivität, Niedergeschlagenheit, die einer melancholischen, depressiven Verfassung (mit psychosomatischen Syndromen) ähnelt.
  • Die Patienten weisen eine Reihe unspezifischer somatischer Symptome auf, wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Schmerzen.
  • Die Patienten können Ängste (bzw. phobische Symptome) äußern, bezogen auf die Orte oder Personen, die mit diesem Ereignis in Verbindung stehen.
  • Der Antrieb ist reduziert oder blockiert. Die Patienten erleben sich selbst nicht als antriebsschwach, sondern eher als wenig motiviert, sich selbst noch weiter anzutreiben.
  • Die Emotionsregulierung ist nicht beeinträchtigt. Die Patienten können normale Gefühle zeigen (und empfinden), wenn sie abgelenkt sind oder sogar lächeln, wenn sie sich mit Rachegedanken beschäftigen.

Dauern diese Symptome länger als drei Monate an und sind sie klinisch bedeutsam, wären damit jene Kriterien erfüllt, die die Diagnose einer (posttraumatischen) Verbitterungsstörung rechtfertigen. Prof. Dr. Michael Linden, ärztlicher Direktor des Reha-Zentrums Teltow, stellt fest, dass es bemerkenswert sei, „dass Verbitterung trotz der eindeutig pathologischen Wertigkeit bislang in der Forschung nahezu keine Berücksichtigung gefunden hat. Ein Grund dafür könnte sein, dass Verbitterung immer mit einem externen Stimulus assoziiert ist, weshalb die Betroffenen ebenso wie die Umwelt den Affekt als scheinbar „gerechtfertigt“ erleben und das Pathologische der Reaktion nicht […] erkannt wird“, was dann aufgrund der resignativ-aggressiv-abwehrenden Grundhaltung auch die Behandlung erschwert. Das wohl berühmteste Beispiel aus der Literatur zu diesem Thema ist die Geschichte des Michael Koolhaas von Heinrich von Kleist. Der Kritik einiger Wissenschaftler, dass die PTED bislang nur bei Patienten untersucht wurde, die auch andere psychische Erkrankungen aufwiesen, ließe sich entgegnen, dass die entsprechenden diagnostischen Kriterien sich mit dieser in vielen Punkten überlappen, sie die gezeigten Symptome allerdings nicht in ihrer Ganzheitlichkeit erfassen, wie es die Verbitterungsstörung oder die PTED täte. Therapeutische Hilfsangebote, die bei anderen Störungsbildern durchaus wirkungsvoll sein können, erreichen diese Patienten oftmals nicht. Aufgrund ihrer ausgeprägten emotionalen Erregbarkeit sind gängige Disputationstechniken, wie sie zum Beispiel bei einer Depression zum Einsatz kommen, wenig zielführend. Die empfundene Ungerechtigkeit und die damit verbundenen Aggressionen lassen es kaum zu, sich den eigenen Erlebnissen rational zu nähern und die eigenen Gefühle in Frage zu stellen, da sie ja berechtigt zu sein scheinen. Eine Methode, mit der sich bei einer Verbitterungsstörung gute Behandlungsergebnisse erzielen lassen, ist nach Prof. Dr. Linden die Weisheitstherapie, bei der „unlösbare Probleme“ vorgestellt und diskutiert werden. Durch die Auseinandersetzung mit entsprechenden Konfliktsituationen, zu denen der Patient eine hinreichende emotionale Distanz hat, können Einsichten und Erkenntnisse gewonnen und diese dann auf die eigene Lebenssituation übertragen werden. Mittels eines mehrfachen Perspektivwechsels werden dabei die Empathiefähigkeit, die Emotionswahrnehmung und -akzeptanz, die Selbstdistanz sowie die Selbst- bzw. Anspruchsrelativierung gefördert. Ergänzt durch werterelativierende und humoristische Elemente kann die Verbitterung auf diese Weise schließlich verarbeitet und die damit verbundene Aggression aufgelöst werden.

Fazit

Die Unterscheidung dieser Krankheitsbilder macht durchaus Sinn. Auch wenn man der zunehmenden Pathologisierung von Gemütszuständen grundsätzlich sehr kritisch gegenüberstehen sollte, sind entsprechend differentialdiagnostische Kategorien für den Erfolg einer Therapie von entscheidender Bedeutung. Es macht also sehr wohl einen Unterschied, ob man verbittert, ausgebrannt oder „nur“ depressiv ist.

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Literatur:

  • Baumann, Kai & Linden, Michael. Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie: Die Bewältigung von Lebensbelastungen und Anpassungsstörungen. Dustri Verlag (2008).
  • Burisch, Matthias. Das Burnout-Syndrom (5. Auflage). Springer Verlag (2014).
  • ICD-10. Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision.
  • Linden, Michael. Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. In: Fuchs, Thomas & Berger, Mathias. Affektive Störungen. Klinik – Therapie – Perspektiven (Kapitel 8). Schattauer (2013).
  • Teuschel, Peter. Mobbing. Dynamik – Verlauf – gesundheitliche und soziale Folgen. Schattauer (2010).

Das Schwierige im Umgang mit der Depression

Warum Depressionen zu Konflikten führen und wie Unternehmen mit Betroffenen umgehen können…

„Alles im Leben gibt Kund, dass das irdische Glück bestimmt ist, vereitelt oder als eine Illusion erkannt zu werden. Das Leben stellt sich dar als ein fortgesetzter Betrug – im Kleinen wie im Großen. Hat es versprochen, so hält es nicht, es sei denn, um zu zeigen, wie wenig wünschenswert das Gewünschte war. Unsere Welt ist die schlechteste aller Welten und etwas, das besser nicht sein sollte. Wenn ein Gott solch eine Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein. Ihr Jammer würde mir das Herz zerreißen.“ Arthur Schopenhauer

Elisabeth Naomi Reuter

Eine Depression ist für diejenigen, die sie nie erlebt haben, schwer zu verstehen. Wie sollten Menschen, die mit ihrem Leben (einigermaßen) zufrieden sind oder die optimistisch und erwartungsvoll in die Zukunft blicken, nachvollziehen können, dass sich überall dort, wo sie Freude und Hoffnung empfinden, für andere nur Schmerz und Unstimmigkeiten zeigen. Seelische Krisen stellen die Betroffenen aber auch deren Umfeld auf eine harte Belastungsprobe. Depressive Menschen werden oftmals als „schwierig“ wahrgenommen und auf ihr Verhalten und Empfinden wird vielerorts mit Unverständnis reagiert, was zu ernsthaften Konflikten führen kann. Die Wahrscheinlichkeit, zumindest einmal im Leben an einer schweren, behandlungsbedürftigen Depression zu leiden, liegt aber laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) bei 15 bis 20 Prozent. Der WHO zufolge leiden ca. 121 Millionen Menschen an dieser Zivilisationskrankheit. Es macht also auch für Unternehmen Sinn, sich damit zu befassen, um jenen Irritationen wirkungsvoll zu begegnen, die depressive Mitarbeiter auslösen können. Die Gesetzgebung hat mit der Aufnahme psychischer Gefährdungen im Gefährdungskatalog nach § 5 ArbSchG jedenfalls inzwischen auf die Zunahme psychischer Erkrankungen reagiert.

Was ist eine Depression?

Die Hauptmerkmale einer Depression sind eine gedrückte Grundstimmung, Interessensverlust (Anhedonie) und eine Verminderung des Antriebs. Zu den Nebensymptomen zählen eine verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, ein mangelndes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, das Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit, eine negative oder pessimistische Sicht auf die Zukunft, Suizidgedanken, Schlafstörungen sowie Appetitlosigkeit. Ob eine Depression als schwer-, mittel- oder leichtgradig betrachtet wird, hängt dem ICD-10 zufolge von der Anzahl der auftretenden Haupt- und Nebensymptome ab. Neben einer Störung des Neurotransmitterhaushaltes (endogene Depression) werden vor allem seelische Verletzungen (reaktive oder neurotische Depression) und besondere Belastungssituationen (Erschöpfungsdepression oder Burnout) für ihr Auftreten verantwortlich gemacht.

Was macht die Depression so schwierig?

Dass Gedanken und Einstellungsmuster die eigene Befindlichkeit beeinflussen und Gefühle (und somit auch eine Depression) auslösen können, ist spätestens seit den Arbeiten der Psychotherapeuten Albert Ellis und Aaron T. Beck bekannt und führte zur sogenannten „kognitiven Wende“ in der Verhaltenstherapie. Klar ist aber auch, dass Stimmungen und Emotionen gleichzeitig einen Einfluss auf die Wahrnehmung eines Menschen sowie auf dessen Gedanken bzw. Bewertungen haben. So ist eine Fokussierung auf das, was nicht stimmig ist, ein typisches Merkmal depressiver Menschen. Insbesondere Männer neigen auch deshalb oftmals zu einer erhöhten Reizbarkeit, schnellem Aufbrausen und Wutanfällen, Unzufriedenheit mit sich und anderen sowie zu Vorwürfen. Das kann zu erheblichen Problemen im sozialen und beruflichen Umfeld der Betroffenen führen.

Ein interessantes Erklärungsmodell zur möglichen Entstehung bzw. Veranlagung für eine Depression bietet die Transaktionsanalyse. Hier wird davon ausgegangen, dass vielen Menschen bereits in ihrer frühen Kindheit vermittelt wurde, z. B. nicht sein, nicht sie selbst sein, nicht erfolgreich sein oder nicht wichtig sein zu dürfen. Das Selbstwertgefühl entwickelt sich in Abhängigkeit von dem Umfeld, in dem ein Kind aufwächst, und kann unter solchen Umständen massiv beeinträchtigt werden. Häufig wird dazu auch noch „gelernt“, dass negative Gefühle wie Ärger, Enttäuschung oder Traurigkeit nicht erwünscht sind, sie also nicht gezeigt bzw. erlebt werden dürfen und deshalb unterdrückt oder „abgespalten“ werden müssen. Auch die in diesem Modell benannten „inneren Antreiber“ („Sei stark!“, „Sei perfekt!“, „Sei anderen gefällig!“ etc.) werden oftmals zur Erklärung selbstschädigender bzw. dysfunktionaler Gefühls- und Verhaltensmuster herangezogen und lassen z. B. die Entstehung eines Burnouts oder einer Erschöpfungsdepression verständlicher werden. Im Gegensatz dazu steht eines der am häufigsten auftretenden Symptome der Depression: die Antriebslosigkeit, die schnell falsch interpretiert werden und dazu führen kann, dass man den Betroffenen Faulheit oder mangelnde Arbeitsmotivation vorwirft. Muss die Arbeit der Betroffenen dann von Kollegen miterledigt werden, kann dies zu Anfeindungen und/oder sozialer Ächtung führen und den Krankheitsverlauf zunehmend ungünstig beeinflussen.

Edgar Piel

Sigmund Freud stellte Anfang des 20. Jahrhunderts die These auf, dass eine Aggression, die verleugnet oder unterdrückt wird, eine Depression zur Folge haben kann. Ist die Depressionen also die Folge einer seelischen Verletzung, die den Betroffenen von (einem) anderen Menschen zugefügt wurde und wird die Wahrnehmung und Aufarbeitung dieser nicht „zugelassen“, so richtet sie sich als Folge dieser Unterdrückung leicht gegen einen selbst und führt in den meisten Fällen zu ambivalenten Gefühlen und Einstellungen. Unter Zuhilfenahme des Modells des „Inneren Teams“ von Friedemann Schulz von Thun lässt sich erklären, welche Auswirkungen eine solche innere Zerrissenheit haben kann: Die in der Person bestehenden Konflikte entfalten neben ihrer Binnenwirkung (z.B. Energie- und damit Leistungsminderung durch andauerndes Abwägen und Unterdrückung von Verhaltenstendenzen, Kontaktlosigkeit zu bzw. Abspaltung von inneren Anteilen, „Flucht“ in Krankheiten, etc.) immer auch einen Effekt nach außen (z.B. durch widersprüchliche, nebulöse Kommunikation, Sprachlosigkeit, Streitsucht, etc.) und können deshalb zu immer wiederkehrenden Konflikten führen.

Woran erkennt man eine Depression?

Im Rahmen der beruflichen Rehabilitation psychisch erkrankter Menschen werden diese u. a. danach gefragt, woran Außenstehende eine Verschlechterung ihrer Befindlichkeit erkennen können?

Folgende Antworten sind sehr typisch:

  • „Ich werde ruhig und ziehe mich zurück.“
  • „Ich bin oft in Gedanken versunken und wirke geistig abwesend.“
  • „Ich bin dann leicht reizbar und genervt.“
  • „Ich fange grundlos oder wegen Kleinigkeiten an zu weinen.“

Weitere Warnsignale, die auf eine Depression hinweisen können, sind das vermehrte Auftreten von Flüchtigkeitsfehlern aufgrund von Konzentrationsstörungen, damit verbundener Leistungsabfall bzw. eine Verlangsamung des Arbeitstempos, Zerstreutheit und Nervosität, eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit bzw. vermehrte Fehlzeiten sowie regelmäßiger Alkoholkonsum.

Viele Betroffene haben allerdings gelernt, eine Fassade zu wahren und sind bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Ob jemand psychisch erkrankt ist, ist also vor allem im beruflichen Kontext nicht leicht zu erkennen, zumal auch selten offen darüber gesprochen wird, da immer die Gefahr einer Stigmatisierung damit einhergeht: Depressive Menschen gelten als wenig belastbar. Richtig daran ist, dass (berufliche) Überlastungssituationen von vielen Betroffenen oftmals nicht rechtzeitig erkannt oder angesprochen werden, obwohl sie (massive) Ängste bzw. Selbstzweifel auslösen und eine eventuell damit einhergehende Selbstwertproblematik verschärfen können.

Wie kann man den Betroffenen helfen?

„Nichts stimuliert uns so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und die Erfahrung von Liebe. Kern aller Motivation ist es also aus neurobiologischer Sicht, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden oder zu geben.“ Prof. Dr. Joachim Bauer

Manfred Evertz

So schwierig und auswegslos eine Depression auch zu sein scheint, es gibt inzwischen viele bewährte Wege, die einen Menschen dort wieder hinaus führen können. Psychotherapien sowie Antidepressiva sind in vielen Fällen die Mittel der Wahl und gerade in Phasen eines hohen Leidensdrucks angezeigt. Aber auch das Anbieten verlässlicher Beziehungen sowie die Stärkung vorhandener Ressourcen und die Bekräftigung positiver Sicht- und Verhaltensweisen der Betroffenen können helfen, den Leidensdruck zu mindern. Das sanfte Begleiten in die Übernahme von (mehr) Eigenverantwortlichkeit (auch für die eigene Befindlichkeit) und die Ermöglichung von Selbstwirksamkeitserfahrungen können ein zerrüttetes Selbstwertgefühl bereits erheblich stabilisieren. Das gilt auch am Arbeitsplatz! Auch wenn eine Führungskraft nicht mit einem Psychotherapeuten zu verwechseln ist, sollte sie sich im Sinne der klientenzentrierten Gesprächsführung (nach Carl Rogers) stets empathisch, wertschätzend und zugleich authentisch bzw. kongruent verhalten, besonders wenn der Betroffene trotz des Risikos einer vermeintlichen Diskriminierung offen über seine Depression spricht. Das Gefühl, „gesehen“ zu werden, stabilisiert und motiviert mehr als alles andere.

Ein vorbehaltloses Verständnis der Führungskraft für die Erkrankung bzw. die Problematik als Grundhaltung ist also hilfreich. Das bedeutet aber nicht, die Betroffenen „mit Samthandschuhen anzufassen“ und jegliches Verhalten zu tolerieren. Klare Absprachen und Strukturen, auf deren Einhaltung geachtet wird, können zur psychischen Stabilisierung beitragen und ermöglichen eine Orientierung. Mitleid oder die Aufforderung, sich „zusammenzureißen“, ist in den meisten Fällen jedoch kontraproduktiv, da beides den Leidensdruck in der Regel nur erhöht. Gerade bei einer bestehenden oder drohenden „Erschöpfungsdepression“ (oder einem Burnout) ist es zudem sinnvoll, die Anforderungen an das temporär verminderte Leistungsvermögen anzupassen, um den Heilungsprozess zu unterstützen und Ausfälle durch Krankschreibungen zu vermeiden bzw. um das entsprechende Risiko zu minimieren. Welche Maßnahmen zielführend sind, sollte in einem konstruktiv und lösungsorientiert geführten Mitarbeitergespräch geklärt werden. Die eingeleiteten Schritte sollten schließlich immer wieder dahingehend überprüft werden, ob und inwieweit sie tatsächlich wirksam sind, wobei aber auf Vorwürfe oder Abmahnungen möglichst zu verzichten ist.

Sollten Sie sich die Frage stellen, ob Sie bereits gefährdet sind, eine Depression, einen Burnout oder eine Angststörung zu entwickeln, gibt es (kostenlose) Tests, die eine erste Antwort liefern (z. B. auf der Webseite des Pro Psychotherapie e. V.). Eine große Hilfe für viele Betroffene sind Selbsthilfegruppen, die sich leicht über die regionale/örtliche Selbsthilfekontaktstelle finden lassen. Sie bieten vor allem dann Halt und Unterstützung, wenn die Wartezeit auf eine Psychotherapie mehrere Monate beträgt, was in vielen Regionen leider normal ist.

„Das Leben ist auf eine bescheidene Weise sinnvoll, und zwar deshalb, weil dessen Sinnlosigkeit nicht bewiesen ist.“ Albert Ellis

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