Rezension: „Bin ich schon alt oder wird das wieder?“ von Josef Aldenhoff

Man wird nur einmal alt, aber wie?

Nachdem ich nun schon zwei Bücher von Prof. Dr. Josef Aldenhoff mit Begeisterung gelesen hatte, war ich neugierig auf das, was mich in seinem neuen Werk erwarten würde. Hierin geht es – wie ja schon der Titel verrät – um das Altern sowie um die Frage, wie es gelingen kann, die letzten Jahre auf dieser Erde zu genießen, ohne sich allzu sehr durch die eventuellen Nebenwirkungen der körperlichen Abbauprozesse davon abhalten zu lassen.

Wie man gleich in der ersten Zeile lesen kann, hat sich der Autor bis vor Kurzem so besonders nie für das Thema interessiert. Bei mir war es nicht anders. Zwar bin ich noch nicht im Rentenalter, allerdings denke ich, dass es vielleicht sinnvoll wäre, sich mit dem, was einen dann erwartet, doch schon einmal im Vorfeld auseinanderzusetzen. Im Klappentext wird man dazu aufgefordert, sich auf das persönliche Experiment „Leben“ auch noch im höheren Alter einzulassen. Damit das nicht zu einem Fiasko wird, könnten ein paar Ratschläge von einem Professor, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist und der wahrscheinlich gut weiß, worüber er da schreibt, zumal er ja selbst schon in die Jahre gekommen ist, vielleicht ganz hilfreich sein?

Die Lektüre war jedenfalls recht kurzweilig. So ist es dem Autor gelungen, selbst jene Themen, bei denen sich mein schlechtes Gewissen meldete, so wohlwollend aufzubereiten, ohne dabei in einen „Oberlehrer-Stil“ abzugleiten: Bewegung, Ernährung, Alkohol etc. Obwohl sich bei mir hier und da Widerwille regte, habe ich weitgehend durchgehalten. Nun, ist es wohl so, dass man als Arzt vor allem die Gesundheitsrisiken im Blick hat. Wie viel Zeit hat es ihn wohl gekostet, sich bei all diesen Themen auf den aktuellen Stand der Forschung zu bringen? Vielleicht sollte ich mir das Buch nochmals genauer anschauen, wenn ich die Muße habe, mich mehr mit derartigen Fragestellungen zu befassen?! Momentan steht das bei mir – obwohl das sicher nicht „vernünftig“ ist – jedenfalls noch nicht auf der Agenda. Den Abschnitt über das Rauchen habe ich aus diesem Grund lediglich quergelesen. Quälen wollte ich mich schließlich nicht. Aber die Art, wie der Autor auf Risiken aufmerksam macht, relevantes Wissen vermittelt, Tipps gibt, dabei aber nicht allzu besserwisserisch klingt, sondern immer auch seine persönliche Betroffenheit mitschwingen lässt, spricht mich sehr an. Innere Konflikte, die eine übermäßige Selbst-Disziplinierung mit sich bringen kann, thematisiert er offen – bleibt dabei aber verständnisvoll und er zeigt bewährte Strategien auf, mit denen es gelingen kann, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Insbesondere Letzteres ist ihm m. E. besonders gut gelungen.

Spannender fand ich dann das Kapitel, in dem er über das schreibt, was „Beziehungen im höheren Alter“ ausmacht. Ja, auch ältere Menschen können von der Nähe anderer profitieren. Das ist zwar nicht sonderlich überraschend, dennoch aber gewiss eine Erwähnung wert? Ich konnte ich hier jedenfalls noch etwas dazulernen.

Daraufhin habe ich mich durch die Vielzahl der Krankheiten gearbeitet, die uns im Alter erwarten können. Inhaltlich kann ich nicht viel dazu sagen, da das nicht mein Gebiet ist. Trotzdem habe ich mich hier und da recht unbehaglich gefühlt. Die Kapitel über die psychischen Erkrankungen habe ich hingegen auch aus fachlicher Sicht mit Interesse gelesen. Vieles davon war mir zwar schon vertraut, deshalb aber nicht weniger spannend. Aussagen, die ich für falsch oder für fragwürdige halte, habe ich in diesen Abschnitten nicht gefunden. Daran, dass ich der Einnnahme von Antidepressiva wahrscheinlich etwas kritischer gegenüberstehe als die meisten Mediziner, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Manchmal helfen sie ja tatsächlich. Meine Vorfreude auf das, was mich in den kommenden Jahren erwartet, haben diese Abschnitte jedoch nicht sonderlich gefördert. Zudem hat mich die Lektüre an meine Kindheit erinnert: Meine Eltern hatten ein dickes Buch, in dem über alle möglichen Krankheiten aufgeklärt wurde, das damals – aus welchem Grund auch immer, wahrscheinlich aber wegen der vielen „schönen“ Bilder – mein Favorit war. Seitdem habe ich allerdings den Grundsatz gepflegt, dass selbst die beste Krankheit nichts taugt, und mich eher in Wahrnehmungsabwehr geübt.

Die letzten Abschnitte waren zwar auch nicht gerade ermutigender, aber leichter zu ertragen. Anregend fand ich vor allem die Abschnitte, in denen es um den Tod ging. Mit dem Thema habe ich mich selbst bereits umfassend beschäftigen dürfen. Seinen Gedanken konnte ich also sehr gut folgen. Im Zusammenhang mit dem Kapitel, in dem er über das „selbstbestimmte Sterben“ schreibt, fiel mir die Geschichte eine älteren Mannes aus meinem Bekanntenkreis ein: Er war wegen einer Operation (Probleme mit der Lunge) für eine Weile im Krankenhaus und kam daraufhin wieder in das Pflegeheim, in dem er lebte. Er konnte kaum gehen, lediglich mit dem Rollator ging es mühsam. Seine Atembeschwerden machten ihm zu sehr zu schaffen. Also beschloss er, sich in einem unbeobachteten Moment mit seinem Rollator zu dem Balkon zu bewegen und sich über die Brüstung zu stützen. Er war – soweit ich weiß – sofort tot, als er unten ankam. Es gibt also Menschen, die selbst über ihr eigenes Ende bestimmen, auch wenn diese wahrscheinlich eher zu den Ausnahmen zählen.

Die Anregung, doch etwas mehr Betonung auf das Handeln zu legen als auf die Befindlichkeit, gefällt mir. Das mag vielleicht banal klingen, allerdings hat es nicht selten weitreichende Konsequenzen. Von daher: Hut ab für dieses wunderbare Schlusswort! Ebenso angesprochen hat mich der lockere und (manchmal recht) provokante Schreibstil, der mich hier und da sogar zum Schmunzeln brachte. Es hat mich etwas überrascht, so viele spirituelle Aussagen in dem Text zu entdecken. Meditation? Glaube? Diese Passagen, die einen wohltuenden Kontrast zu den eher wissenschaftlich-nüchternden Ausführungen darstellen, sind aber keineswegs störend, sondern vor allem inspirierend.

Mein Fazit? Erfrischend und informativ! Obwohl mich einige Themen – vor allem die vielen Empfehlungen zur Aufrechterhaltung der Gesundheit sowie die Abschnitte, in denen über den körperlichen Abbau bzw. Krankheiten berichtet wird – eigentlich davon abgehalten hätten, ein solches Buch überhaupt zu lesen, denke ich, dass sich Menschen höheren Alters durchaus für diese Fragestellungen interessieren (sollten). Aufgrund der Vielzahl der Facetten, die mit dem Älterwerden einhergehen und mit denen sich der Autor beschäftigt, ist es keineswegs langweilig. Der lockere und provokative Schreibstil trägt m. E. ganz wesentlich dazu bei.

Josef Aldenhoff (2018). Bin ich schon alt oder wird das wieder? Älterwerden für Ungeübte. C. Bertelsmann Verlag.

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