Wie „kraftraubend“ darf eine Psychotherapie sein?

Grundsätzlich sollte man davon ausgehen, eine Psychotherapie habe nicht nur den Zweck, über die Ursachen einer psychischen Erkrankung zu sprechen oder Probleme zu wälzen, sondern sie soll doch vor allem zu einer Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensqualität verhelfen, oder? Dabei geht es recht häufig um ein besseres Gelingen der Emotionsregulation, die Erlangung von mehr Selbstakzeptanz, das Erleben von Selbstwirksamkeit und/oder die Verbesserung interpersonaler Beziehungen? Und das sollte doch eigentlich Kraft geben?! Ich würde dem jedenfalls uneingeschränkt zustimmen.

Als ich im Juni auf den Blog-Artikel Gespräche mit (m)einem Therapeuten aufmerksam machte, wurde meine abschließende Bemerkung („Die Gespräche waren jedenfalls weitaus mehr als nur regelmäßige „Plauderstunden“, nämlich deutlich kraftraubender. Die Anstrengungen haben sich aber gelohnt.“) von einem Leser wie folgt kommentiert: „Therapiegespräche sollten bald nicht Kraft kosten sondern Kräfte freisetzen und wachsen machen, damit man sich dem Leben gewachsen fühlt.“ Darauf habe ich zunächst nicht geantwortet, was ich aber jetzt gern nachholen möchte…

Natürlich ist es so, dass man im Rahmen einer Psychotherapie auch auf die Ressourcen schauen, sich diese bewusster machen und sie stärken sollte. Das gilt m. E. für sämtliche Therapieformen. In den Gesprächen mit meinem Therapeuten ging es mir allerdings vor allem darum, mich mit jenen Aspekten meiner eigenen Entwicklung genauer zu befassen, die problematisch oder zumindest kritisch waren. Um in meinem Inneren „aufzuräumen“, hatte ich mir vorgenommen, mir vor allem meine „Baustellen“ genauer anzuschauen. Das ist in der Regel nun einmal anstrengend. Folglich suchte ich nicht unbedingt nach vordergründiger Stärkung. Ich wollte reifen.

Aus diesem Grund habe ich mich also für eine tiefenpsychologisch fundierte Gesprächstherapie entschieden. In einem Interview fragte ich einst Frau Prof. Dr. Heidi Möller, wem sie eine solche Therapie empfehlen würde, worauf sie wie folgt antwortete: „All denen, die neugierig sind auf sich und ihre Erlebniswelt sind – also darauf, sich selbst besser kennenzulernen – und die wissen wollen, woher ihr Unmut, ihre Unzufriedenheit oder ihr Unglück im Leben eigentlich kommt, die also „archäologisch“ vorgehen möchten. Anderen Patienten, die ganz klar umrissene Symptome haben (bspw. eine Angststörung), kann man eine Verhaltenstherapie empfehlen, die hinsichtlich einer Linderung sehr gute Ergebnisse vorzuweisen hat. Möchte man allerdings etwas tiefer in das Verstehen des Entstehens einer psychischen Störung einsteigen, ist man bei einem/-er tiefenpsychologischen Psychotherapeuten/in wohl besser aufgehoben.“ Genau so sehe ich das auch.

„Der Mensch bedarf des Menschen, um ein Mensch zu werden.“ Johannes R. Becher

Mir ging es also vor allem darum, an den Kern meines Selbst heranzukommen und meine Lebensgeschichte besser zu verstehen. So suchte ich – mehr oder weniger bewusst – nach einem Therapeuten, der mir dabei helfen konnte, mich im therapeutischen Setting auf etwas einzulassen, auf das ich mich aus bestimmten Gründen ohne diese spezielle Art der Hilfe niemals mehr eingelassen hätte, und hatte das große Glück, jemanden zu finden, der mir genau das ermöglichte.

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Der Weg dorthin war allerdings recht beschwerlich. Im Laufe der ersten Zeit konnten wir zwar zahlreiche Problemfelder klären, im Grunde genommen dienten diese Jahre jedoch im weitesten Sinne dem Beziehungsaufbau, da ich mir sicher sein musste, genügend darauf vertrauen zu können, im Falle eines Falles nicht allein dazustehen. So dauerte es also eine ganze Weile, bis es uns gelang – nach glücklicher Überwindung unglaublich starker und lang anhaltender Widerstände – an den Kern des zentralen Themas heranzukommen. Damit wurde ein Erkenntnissprozess initiiert, der schwindelerregend war. Im Rahmen dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem, was mich im Innersten ausmacht, blieb mir die Erfahrung einer „Retraumatisierung“ dennoch nicht erspart, zumindest habe ich das so empfunden. Ob es eine „Sich-selbst-erfüllende Prophezeihung“, eine therapeutische Intervention oder lediglich meine verzerrte Wahrnehmung war, das sei einmal dahingestellt: Jedenfalls hat mir mein Therapeut in jenen Sitzungen, in denen ich mit ihm über das sprach, was mir mehr und mehr bewusst wurde, deutlich vor Augen geführt, wie berechtigt meine anfänglichen Ausweichmanöver wohl waren. Zwar hat mich das sehr verletzt und für eine ganze Weile etwas aus der Bahn geworfen, allerdings habe ich allein dadurch wahrscheinlich mehr über mich erfahren, als jemals zuvor. Die Unterscheidung von „Erkennen“, „Verstehen“ und „Bewältigen“ wurde mir hierbei in aller Schärfe aufgezeigt. Das war äußerst unangenehm, trotzdem bin ich für diese Erfahrung sehr dankbar! Damit haben wir im Endeffekt deutlich mehr erreicht, als ich es mir erhofft hatte.

„Es gibt für alles eine Zeit. Auch dafür, Abschied zu nehmen.“ Klaus Seibold

Inzwischen habe ich die Zusammenarbeit mit meinem Therapeuten beendet. Nicht alles, was einem an sich selbst nicht gefällt, lässt sich ändern. Manches muss man wohl einfach akzeptieren. Das ist ganz offensichtlich. So ließ sich also nicht alles klären oder auflösen, wie ich es mir vielleicht gewünscht hätte, trotzdem bin ich außerordentlich zufrieden mit dem, was wir in den fünf Jahren gemeinsam erarbeitet haben. Es macht mich allerdings traurig, wenn ich daran denke, von nun an auf einen vertrauten Gesprächspartner zu verzichten, der mir im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen ist. Das nennt man „Abschiednehmen“. Auch das gehört zu den eher unangenehmen Aspekten, die eine erfolgreiche Psychotherapie mit sich bringen kann. .

Ich bin überzeugt davon, dass es eine gute Entscheidung war, mich auf diese Erfahrung einzulassen. Wie gesagt, die Anstrengungen haben sich gelohnt.

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