Rezension: „Notfallpsychologie“ von Frank Lasogga & Bernd Gasch (Hrsg.)

Als ich von diesem Titel hörte, wurde ich neugierig. Mich interessierte es, inwieweit ich Anregungen für meine eigene Arbeit darin finden würde. Zwar bin ich kein „Notfallhelfer“, dennoch aber spreche ich oft mit Menschen, die schlimme Dinge erlebt haben oder die extremen Belastungen ausgesetzt sind. Gewisse Parallelen sehe ich da jedenfalls. In dieser Rezension werde ich deshalb vor allem über das berichten, was für mich – ganz persönlich – relevant ist.

Dass bereits im Vorwort erläutert wird, worum es in diesem Buch sowie in den einzelnen Kapiteln geht, gefiel mir. Obwohl ich das Inhaltsverzeichnis bereits kannte und in etwa wusste, was mich erwartete, bekam ich dadurch einen noch besseren Überblick und konnte mich wesentlich gezielter durch die fast 500 Seiten arbeiten, auf denen sich neben den beiden Herausgebern zahlreiche weitere Experten zu Wort meldeten. Schon einige Wochen zuvor hörte ich von jenen Dimensionen der Notfallpsychologie, die in der Forschung und Anwendung relevant sind: dem Ereignistyp, den betroffenen Personen(gruppen) sowie der zeitlichen Komponente. Nachdem ich mich damit etwas intensiver befasst hatte, wurde mir deutlich, warum es durchaus sinnvoll ist, eine spezielle Perspektive – nämlich die der Notfallpsychologie – zu entwickeln und einzunehmen.

Nachdem zu Beginn etwas über die Geschichte und die aktuelle Entwicklung dieses jungen Forschungszweigs berichtet wurde, folgten einige Definitionen. Besonders spannend dabei fand ich die Einblicke in den wissenschaftlichen Diskurs über die Bedeutung des Begriffs „Trauma“.

In dem Kapitel „Belastungen und Folgen“ wurde im Folgenden darauf hingewiesen, dass Opfer auch dann das Bedürfnis haben, Informationen zu erhalten, wenn sie dies nicht explizit äußern. Vor allem im Zustand der (emotionalen und kognitiven) Verwirrung haben sie in jedem Fall eine entlastende Wirkung. Deshalb wird Helfern empfohlen, den Betroffenen stets zu sagen, was genau getan wird und wie es weitergeht. Auch die Schuldfrage ist für einige Menschen von zentraler Bedeutung. Manche Personen entwickeln sogar Schuldgefühle, ohne das ein objektives Eigenverschulden vorliegt. Wie ein Notfall verarbeitet wird, hängt allerdings von vielen Faktoren ab, d.h. von biologischen, soziokulturellen und individuellen Moderatorvariablen. Die Wahrscheinlichkeit – und das hat mich etwas überrascht – eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, ist jedoch sehr gering. Allerdings können eine Vielzahl anderer „Störungen“ auftreten (bspw. Gefühlsarmut, Intrusionen, Dissoziationen, Schamgefühle, Ängste und Depressionen), wobei dieser Begriff ungeschickt gewählt ist, da er die Betroffenen irgendwie stigmatisiert. Im ICD-10 wird deshalb eher von einer Belastungsreaktion gesprochen. In den meisten Fällen legt sich diese aber nach wenigen Tagen wieder. Warum das so ist, erklärt sich m. E. recht gut durch das Resilienz-Konzept. Interessant fand ich es zudem, dass es auch positive Auswirkungen gibt, über die manche Betroffene berichten, z.B. hinsichtlich der Selbstwahrnehmung, der Qualität ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen sowie einer Veränderung der Lebensphilosophie. Menschen, die eine schwere Krankheit überwunden haben, sprechen auch recht häufig über derartige Wandlungen. Deshalb ist es m. E. erstaunlich, dass es hierüber bislang kaum nennenswerte Forschungsergebnisse gibt. Immerhin wird aber über die Frage, ob es so etwas wie ein „posttraumatisches Wachstum“ gibt, inzwischen diskutiert – wenn auch wohl recht kontrovers.

Im Abschnitt „Interventionsformen“ wird daraufhin aufgezeigt, wann bei direkten oder indirekten Notfallopfern die Alarmierung eines Psycho-sozialen Notfallhelfers erfolgen sollte, nämlich dann, wenn sie es selbst wünschen oder sie eines bzw. mehrere der folgenden Merkmale aufweisen: emotionale Taubheit, Als-ob-Empfinden, Entfremdung bzw. Abwesenheit, Nicht-Realisation, Depersonalisation, Amnesie, Dissoziation, Desorganisation, frühere psychische Störungen oder Traumatisierungen. Dabei stellte sich mir die Frage, woran man frühere psychische Störungen oder Traumatisierungen erkennen könne? Ich gehe nicht unbedingt davon aus, dass man nach einem (mit-)erlebten Unglück zuallererst an solche Dinge denkt, geschweige denn dass man dann darüber spricht. Man wird gewiss auch keinen Fragebogen austeilen, in dem alle Personen, die direkt oder indirekt von einem Notfall betroffen sind, darüber Auskunft geben sollen, oder?

Da es für uns alle irgendwann einmal wichtig werden könnte, möchte ich im Rahmen dieser Rezension auch kurz auf den Regelsatz für die „Psychische Erste Hilfe“ für Laien aufmerksam machen, der vier Regeln umfasst: 1. Sage, dass Du da bist und dass etwas geschieht! 2. Schirme das Notfallopfer vor Zuschauern ab! 3. Suche vorsichtigen Köperkontakt! 4. Sprich und höre zu! Das klingt zwar gewiss nicht besonders spektakulär, die ergänzenden Erläuterungen sind allerdings lesenswert! Des Weiteren finden sich im gleichen Kapitel zahlreiche nützliche Hinweise für professionelle nicht-psychologische Helfer bzw. Einsatzkräfte. Obwohl ich nicht weiß, inwieweit die dort gemachten Aussagen im Lehrplan entsprechender Aus- oder Weiterbildungen stehen bzw. ob sie bereits hinlänglich bekannt sind, fand ich es spannend zu erfahren, auf welche Dinge man aus welchen Gründen achten sollte, wenn man Betroffene in oder nach einer Notfallsituation betreut. Genauso erging es mir auch, als ich die Passagen las, in denen Hilfestellungen für den Umgang mit bestimmten Personengruppen (z. B. ältere Menschen, aggressive Personen, Sterbende, Ausländer, indirekte Notfallopfer und Verursacher) gegeben werden. Ein Beispiel: Wussten Sie, dass das subjektiv empfundene Schuldgefühl das wesentliche Kriterium ist, anhand dessen entschieden werden sollte, ob und inwieweit die Verursacher eines Notfalls psycho-sozial unterstützt werden?

Das Kapitel „Psycho-soziale Notfallhilfe (PSNH)“ wollte ich eigentlich zunächst nur querlesen, bin es dann aber doch Zeile für Zeile durchgegangen. Unter anderem werden hier zahlreiche praktische Tipps gegeben, mittels derer es gelingen kann, Menschen zu beruhigen. Bei dem Rat, die Betroffenen darum zu bitten, sich hinzusetzen, musste ich an eine Szene aus meiner Kindheit denken. Damals – das war wohl noch während meiner Grundschulzeit – wurde mir von meiner Mutter gesagt, dass eine Freundin von mir auf dem Weg zu uns von einem Auto angefahren wurde. Dies wurde mir erst mitgeteilt, als ich mich nach einer entsprechenden Aufforderung hingesetzt hatte. Dieser Moment ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Beim „Zuhören“ wird den Regeln der klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers eine hohe Bedeutung zugeschrieben. Immer wieder – so auch in diesem Kapitel – wird betont, wie wichtig es in vielen Situationen sei, einfach zuzuhören, ohne die Aussagen in irgendeiner Form zu bewerten.

Es folgen Hinweise zur psychotherapeutischen Behandlung (insbesondere der PTBS), die sicher auch für jene Menschen interessant sind, die Betroffenen ggf. eine entsprechende Therapie empfehlen sollten. Das darauffolgende Kapitel thematisiert die Belastungen, Moderatorvariablen und Folgen, mit denen die Helfer es potenziell zu tun haben. Spannend fand ich bspw., dass es strittig diskutiert wird, ob bzw. inwieweit mehrjährige Berufserfahrung und Routine einen Schutz vor psychischen Belastungen bieten, wovon ich intuitiv eigentlich ausgegangen wäre. Die Gegenargumente sind allerdings nicht von der Hand zu weisen.

„Präventions-, Interventions- und Nachsorgemaßnahmen können im hohen Ausmaß dazu beitragen, dass Helfer keine negativen Folgeerscheinungen entwickeln“ (S. 163). Inwieweit das allerdings auch für sogenannte „Debriefings“ gilt, in denen die Belastungen thematisiert werden, die ein vorausgegangener Einsatz mit sich brachte, ist zumindest fragwürdig. Das Fazit der Autoren ist jedenfalls, dass sie manchmal helfen, sie aber auch nichts bewirken oder sogar schaden (z. B. im Sinne einer Retraumatisierung) können. Eine Teilnahme daran sollte demzufolge stets nur freiwilllig erfolgen. Interessant war auch das folgende Kapitel, „Psycho-soziale Notfallhelfer“, in dem es bspw. um die Inhalte der Ausbildung sowie entsprechende Qualitätsstandards ging. Hier wurde gegen Ende abermals darauf hingewiesen, dass die Gefahr bestehe, Notfallopfer zu pathologisieren und sie daran zu hindern, eigene Ressourcen zu aktivieren, indem man sie psycho-sozial „überversorgt“. In diesem Zusammenhang wurde dann nochmals auf die oben erwähnte Liste mit jenen Merkmalen Bezug genommen, aus der hervorgeht, wann bei direkten oder indirekten Notfallopfern die Alarmierung eines Psycho-sozialen Notfallhelfers erfolgen sollte. Was ich daran für schwierig halte, sollte bereits deutlich geworden sein (s. o.).

Das Kapitel 13 beschäftigt sich mit Peers, der Notfallseelsorge, dem Kriseninterventionsteam (KIT) München, dem PsychoSozialen Akutteam Niederösterreich, dem Betreuungskonzept für Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG sowie mit den Notfallpsychologen. Hellhörig wurde ich, als ich unter „Peers als »trojanische Pferde«“ las, dass die Zusammenarbeit mit ihnen einigen externen psycho-sozialen Fachkräften eventuell auch oder vor allem dazu diene, sich neue Personenkreise und Betätigungsfelder zu erschließen. Das erinnerte mich an die Aussage eines Kollegen, der mir über sein Vorhaben berichtete, sich verschiedenen Selbsthilfegruppen anschließen, um dort Klienten zu finden. Ganz unbegründet ist ein gewisses Misstrauen in dieser Hinsicht also wohl nicht. Ebenfalls war es interessant zu erfahren, dass es laut einer Evaluation aus den Jahren 2004/5 deutlich mehr Menschen, die die Unterstützung des PsychoSozialen Akutteams in Anspruch genommen haben, hilfreich fanden, dass sie jemanden hatten, dem sie alles erzählen konnten, als es von jenen gab, denen es positiv in Erinnerung geblieben ist, gute Ratschläge erhalten oder Mitleid gezeigt bekommen zu haben.

Nachdem ich mich durch die ersten drei großen Abschnitte des Buches („Grundlagen“, „Direkte und indirekte Notfallopfer“ sowie „Helfer“) durchgearbeitet hatte, folgte eine umfassende Darstellung von speziellen Situationen und Personenkreisen. Dabei wurde auf den plötzlichen Säuglingstod, Kinder und Jugendliche in Notfallsituationen, Vergewaltigungen, Raubüberfälle und Wohnungseinbrüche, Drogennotfälle, psychiatrische Notfälle, die Überbringung einer Todesnachricht, weitere Notfälle und auf die Zuschauer eingegangen. Insbesondere die – leider recht knapp gehaltenen – Erläuterungen über die Benzodiazepine, denen ich einen Todesfall in meinem engsten Freundeskreis „verdanke“, haben mich sehr interessiert. Erstaunlich fand ich es aber bspw. auch, dass lediglich 2% der Cannabis-Kosumenten die Kriterien einer Abhängigkeit aufweisen. Insgesamt halte ich die Hinweise dieser Kapitel für äußerst hilfreich! So werden viele nützliche Tipps gegeben, die in der Mehrzahl ganz wunderbar erläutert bzw. begründet sind. Ebenfalls hingewiesen wird auf mögliche Fehler, die in der Praxis wohl nicht selten vorkommen, und es sind vorformulierte Texte (Informationsblätter) sowie Checklisten (wie z.B. Regeln für das Überbringen einer Todesnachricht) darin zu finden.

In dem darauffolgenden Abschnitt „Notfall-Organisationspsychologie“ interessierte mich vor allem das Kapitel, in dem es um den Umgang mit den Medien ging. Dieses ist mir allerdings etwas zu kurz ausgefallen. Gefehlt hat mir hier u. a. der Hinweis auf die sozialen Netzwerke, in denen sich gewisse Informationen – unabhängig davon, ob sie falsch oder richtig sind – manchmal rasant und unkontrollierbar verbreiten. Das kann m. E. zu einem großen Problem werden, wenn z. B. über die Frage nach den Verantwortlichen diskutiert wird und es dabei zu Anschuldigungen kommt, die auf unzureichenden Informationen basieren. Was geschieht bspw. mit einem Menschen, der öffentlich an den Pranger gestellt wird, obwohl er unschuldig ist? Wie fühlen sich die Opfer eines Attentats und deren Angehörige, wenn sie zusehen müssen, dass sich die Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken fast ausschließlich auf die Täter richtet? Vielleicht wurden diese (und viele weitere) Fragestellungen in der Forschung bislang noch zu wenig berücksichtigt? Die Hinweise, die auf diesen drei Seiten gegeben werden, sind zwar allesamt sehr gut, aber sie sind m. E. ausbaufähig.

In dem letzten Abschnitt („Notfälle als komplexe Problemsituationen“) geht es zunächst um die Entscheidungsfindungsprobleme, wobei ich vor allem die Beispiele irrationaler Reaktionsweisen lesenswert fand: Überbewertung des gerade aktuellen Motivs vor anderen wichtigeren, Reparaturdienstverhalten, Zielinversion, dogmatische Verschanzung, „wishful thinking“, Rumpelstielzchen-Effekt, Horizontalflucht, Intuitionsaktionismus, thematisches Vagabundieren, ballistisches Verhalten sowie fehlerhafte Prognosen. Diese sind allesamt recht gut erforscht, was u. a. den Arbeiten von Dietrich Dörner („Die Logik des Misslingens“) zu verdanken ist. Nicht weniger interessant sind jene Hinweise, die anschließend zur Kommunikation sowie zum Umgang mit Panik gegeben werden. Besonders spannend fand ich dann die Passage, in der es um den öffentlichen Suizid ging. In der Regel befinden sich die Betroffenen in einer Art „Kippsituation“, in der sie nicht mehr (so weiter-)leben, aber eigentlich auch noch nicht sterben wollen. Wie geht man mit solchen Menschen um? Abschließend merkt Prof. Gasch hier an, dass die Befolgung der in diesem Kapitel aufgeführten Hinweise keine Garantie böten, eine Selbsttötung zu verhindern. „Für den Helfer sollte es dann zumindest ein Trost sein, dass er alles getan hat, um den Suizid zu verhindern. Schuldgefühle seinerseits sind dann nicht begründet.“ Das ist sicher richtig, trotzdem scheinen sich derartige Selbstvorwürfe nicht immer an die Regeln der Vernunft zu halten?! Wer also nach konkreten Hilfestellungen für betroffene oder traumatisierte Helfer sucht, findet sie im 11. Kapitel („Intervention“).

Fazit: Mit diesem Werk ist es den Autoren m. E. ganz ausgezeichnet gelungen, das Fachgebiet der Notfallpsychologie umfassend und praxisnah darzustellen. Auch der didaktische Aufbau des Buches gefällt mir. Wesentliche Informationen lassen sich schnell (wieder-)finden und aufgrund der guten Erläuterungen ohne große Mühe in die Praxis umsetzen. Obwohl es gewiss noch zahlreiche Gebiete gibt, in denen sich die Forschung noch sehr darum bemühen muss, Wissenslücken zu schließen, bietet das Buch einen hervorragenden Überblick über die grundlegenden Aspekte, die in einer Notfallsituation wesentlich sind bzw. (unbedingt) beachtet werden sollten. Obwohl ich mich selbst nicht als Notfallpsychologe betrachte, habe ich sehr viel gelernt. An einiges davon werde ich mich hoffentlich erinnern, sollte ich mal in eine entsprechende Situation kommen. Kurzum: Ich bin begeistert!

Frank Lasogga & Bernd Gasch (Hrsg.). Notfallpsychologie. Lehrbuch für die Praxis (2. überarbeitete Auflage). Springer-Verlag, 2011. Hier finden Sie das Buch bei Amazon (Werbung).

Eine Leseprobe („Geschichte der Notfallpsychologie“) finden Sie hier.

Prof. Dr. Frank Lasogga, geb. 1951, Dipl-Psych. Promotion an der Universität Hamburg, Habilitation an der Universität Dortmund. Professor für Klinische Psychologie i. R. an der Universität Dortmund. Forschungs- und Lehrbereich: Klinische Psychologie, Notfallpsychologie.

Prof. Dr. (em.) Bernd Gasch, geb. 1941, Dipl-Psych. Promotion an der Universität Erlangen. Tätig in Augsburg, Mannheim. Seit 1979 Professur an der Universität Dortmund, Forschungsaufenthalte in Mailand, Australien, USA. Forschungsgebiete: Pädagogische Psychologie, Organisationspsychologie, Notfallpsychologie.

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