„Die Chaosjahre der Pubertät“ von Elisabeth Raffauf

„Irgendwie haben wir sie ja alle überlebt, die Pubertät. Und aus den allermeisten von uns ist sogar was Anständiges geworden. Warum befürchten wir dann, dass unsere pubertierenden Kinder nie die Kurve kriegen werden? War es bei uns früher anders? Oder waren wir genauso, nur unser Blickwinkel hat sich aus der Elternperspektive fundamental geändert? Elisabeth Raffauf erzählt in „Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen“ wahre Pubertätsgeschichten, die mit einem Augenzwinkern dazu einladen, sich an die eigenen Chaosjahre zu erinnern. Das hilft enorm, die heutigen Jugendlichen in ihrem Zwiespalt zwischen Anlehnungsbedürfnis und Rebellion zu verstehen und die eigene Elternrolle neu zu erkunden.“ (Klappentext)

Lesen Sie hier die Einleitung sowie das erste Kapitel aus diesem Buch…

Erinnern hilft Verstehen

Irgendwie sind wir doch alle durchgekommen, alle Erwachsenen, also auch alle Eltern, meine ich. Aber bei unseren Kindern haben wir oft das Gefühl, dass sie es nicht schaffen. Und dass das dann auf uns zurückfällt: Dass wir als Eltern es nicht schaffen, sie gut durch die Pubertät zu begleiten.

Warum? Was war damals anders als heute? Oder: Was war genauso und nur unser Blickwinkel hat sich um 180 Grad gedreht? Wenn ich über meine Pubertät nachdachte, habe ich manchmal Angst bekommen. Angst, dass meine Kinder mir das alles heimzahlen würden, was ich meinen Eltern damals »angetan« habe. Drogen nehmen, Abhauen von zu Hause, »falsche« Freunde, absolutes Desinteresse für die Schule. Mit einem Wort: Sorgen.

Meine Kinder waren gnädiger mit mir als ich mit meinen Eltern. Danke!

Dies ist kein Ratgeber und Tipps zum Nachmachen gibt es auch nicht. Es sind Pubertätsgeschichten. Ich habe sie gehört, in Elterngruppen, bei Diskussionsrunden nach Vorträgen, in Seminaren, in Interviews mit Jugendlichen und Eltern. Und dabei habe ich gelernt: Es gibt nicht den einen Rat. Es gibt nicht den einen Ratgeber. Ratschläge, die einem um die Ohren gehauen werden, nützen gar nichts. Im Gegenteil: Ratschläge sind auch Schläge. Das empfinden Erziehungsberechtigte ähnlich wie zu Erziehende: Wenn ich mich in den Gesprächen in der Erziehungsberatungsstelle dazu verleiten lasse, Eltern einen »Rat« zu geben, um den sie sehnlichst bitten, kann ich sicher sein, dass sie in der Woche darauf zurückkommen und sagen: »Hat bei mir nichts genützt.« Wenn sie überhaupt wiederkommen, weil diese Ratschläge der Erziehungsberaterinnen ja nichts nützen.

Anders ist es mit Geschichten. An ihnen kann man erst mal aus sicherer Entfernung gucken, wie man es macht oder wie man es überhaupt nicht macht. Es passt eben auch nicht alles für alle gleich, und: Erziehung ist nicht schwarz oder weiß. Es funktioniert nicht mit »Wenn … dann« und nicht mit gut gemeinten (Rat-)Schlägen. Geschichten zur Pubertät lassen sich leicht finden, und sie erzeugen nicht nur Angst, Abscheu oder Frohlocken, sondern fördern manchmal auch – wie nebenbei – Erkenntnisse.

Erinnerungen einerseits und Präsenz andererseits Wenn wir uns erinnern, wie es bei uns war, hilft uns das, zu verstehen, warum die Jugendlichen so sind, wie sie sind. Wir verstehen vielleicht, warum Chillen wichtiger ist als Schule und Freunde wichtiger als Eltern.

Wir erinnern uns vielleicht auch an Dinge, die unsere Eltern nicht wissen sollten, wie wir damals in der Clique tapfer mitgequalmt haben, um dazuzugehören, wie wir die Fünf in Mathe an unseren Eltern vorbeigeschleust haben oder von dem Ausflug in die Großstadt besser nichts erzählt haben, weil wir die Erfahrung gemacht haben: »Die Wahrheit vertragen meine Eltern nicht.«

Erinnerungen helfen auch, nicht beleidigt zu sein über die Eskapaden der Jugendlichen. Uns nicht persönlich angegriffen zu fühlen, weil wir wissen, dass wir damals auch unseren Weg gesucht haben, und sich die Eltern – im guten Fall – als Baumstamm, an dem wir uns abgearbeitet haben, zur Verfügung gestellt haben, weil sie eben unsere Eltern waren. Sich nicht persönlich gekränkt zu fühlen, ist die schwerste und gleichzeitig die wichtigste Disziplin, die uns, wenn wir sie einigermaßen beherrschen, hilft, präsente Eltern zu sein und uns weder zurückzuziehen noch zu erstarren oder mit unseren Kindern in den Kampf zu gehen. Eltern, die präsent sind, greifbar mit allen ihren Ecken und Kanten, geben Halt und Orientierung, auch wenn sie sich für die Jugendlichen manchmal nach den miesesten Eltern der Welt anfühlen. Wenn wir uns an die eigene Geschichte erinnern und diese Erinnerungen reflektieren, hilft das, die eigenen unverarbeiteten Kindheitskonflikte nicht unbewusst an den Kindern zu bearbeiten. Wir können sehen, was Kinder eventuell brauchen, oder im Gegenteil feststellen: Das war meine Geschichte, das hätte ich damals gebraucht, mein Kind braucht etwas anderes, denn seine Lebensumstände heute sind anders als meine damals.

Oft stellen Leute Fragen wie: »Ja, wie sind denn die Jugendlichen? « Oder: »Was muss man denn machen, wenn das Kind sich nicht für die Schule interessiert?« Als ob es darauf die eine Antwort gäbe. Die Jugendlichen sind so verschieden wie die Sterne am Himmel. Und Gründe für Desinteresse an Schule gibt es viele. Es gibt immer mehrere Antworten und das macht es gleichzeitig kompliziert und interessant. Man muss sich auf das Ganze einlassen, was im aktuellen Erziehungsalltag zugegebenermaßen manchmal nicht geht, was – aber – zurückgelehnt, im Sessel, im Gespräch mit Freunden oder anderen Eltern mal probiert werden kann. Vielleicht hilft im Hinterkopf der Satz von Susan Sontag: »Es fällt den Menschen schwer, nicht in polarisierenden Kategorien zu denken.« Mit dem Zusatz: Aber wir probieren mal differenziert zu gucken – mehrere Seiten des »Problemverhaltens« unserer Kinder oder unseres eigenen Verhaltens zu beleuchten.

Manches, was hier steht, ist mit Sicherheit von der »Zeit« bearbeitet. In der Erinnerung verklärt. Nichts ist so übertragbar auf andere Familien, andere Situationen. Aber so funktioniert es eh nicht. Jeder sucht sich das raus, deutet es so um, wie es für ihn passt. So läuft es mit den Gedanken und Gefühlen der Eltern, der Jugendlichen und aller anderen Menschen auch. Viel Spaß beim Erinnern und Vergleichen, beim Nicken und Kopfschütteln!

»Wenn du in der Pubertät deine Eltern super findest, dann kriegste Pubertät mit dreißig.«

Anders sein: Grüne Haare, knappes Outfit und ein Kindersarg

Wozu ist die Pubertät eigentlich gut? Pickel, Stimmbruch, fettige Haare, schlechte Laune, Schweißgeruch. Braucht doch kein Mensch. Eltern nicht und Kinder auch nicht. Wozu sollen Haare unter den Achseln und um die Geschlechtsteile gut sein, außer dass man später einen Großteil seiner Lebenszeit damit verbringt, sie abzurasieren?

Bis hierher hat alles – mehr oder weniger – gut geklappt. Zumindest ist es nicht komplett aus dem Ruder gelaufen. Kinder haben mehr oder weniger gemacht, was die Eltern sich vorgestellt haben, und Eltern hatten mehr oder weniger das Gefühl, die Kinder im Griff zu haben. Mit Ausnahme mancher Eltern, die das Gefühl hatten: Es geht eigentlich nahtlos vom Trotzalter in die Pubertät über.

Spätestens jetzt knirscht es bei vielen. Es läuft nicht mehr so. Was sich im Trotzalter schon angekündigt hatte, dass die Kinder einen eigenen Willen zeigen, bricht jetzt voll aus. Entwicklung ist das Ziel. Entwicklung von den Eltern weg – hin zu einem eigenen Weg. Und das kann wehtun. Kindern und Eltern. Um den eigenen Weg zu finden, muss man sich erst mal von den Eltern losreißen. Und das könnte nach Meinung vieler Eltern etwas harmonischer vor sich gehen. Tut es aber nicht. Ablösung und Harmonie passen eben nicht zusammen. Um etwas Neues auf die Beine zu stellen, ist häufig ein extremer Ausschlag in eine andere Richtung nötig, der sich dann, wenn ein neuer Pflock eingeschlagen ist, wieder einpendeln kann. Später – mit zwanzig oder fünfundzwanzig. Davor gilt das, was eine Mutter von zwei jugendlichen Kindern auf den Punkt bringt: »Ich glaube, das wär echt unnormal, wenn du in der Pubertät deine Eltern super findest. Ich glaub, dann kriegste Pubertät mit dreißig oder so.«

Die Toten Hosen haben ihre Pubertät zu Geld gemacht. Konserviert und zu Geld gemacht. Ihre Markenzeichen: Abstehende, bunt gefärbte Haare, karierte Hosen, geblümte Hemden, Ringe im Ohr, Tattoos. Was als Rebellion anfing, hat sich zu Berufen entwickelt und Kultstatus erlangt. Es zeigt, welche Möglichkeiten in der Pubertät stecken. Sie ist nicht nur zum Stöhnen und Kopfschütteln. Sie ist genial. Sie kann den Stil ganzer Generationen prägen. Sie kann sogar helfen, reich und berühmt zu werden, wie im Fall der Toten Hosen. Hier hat sie länger gedauert. Länger als manchen Eltern lieb wäre.

»Werden Rockstars später erwachsen?«, fragen sich die Toten Hosen selbst auf ihrer Website. Wahrscheinlich weil sie häufiger von Journalisten nach ihrem immer noch jugendlichen Image gefragt werden. Gitarrist Breiti antwortet darauf: »Was auch immer erwachsen heißt: Auf der einen Seite verliert man als junge Band jede Menge Illusionen, u. a. dadurch, dass dauernd jemand versucht, dich übers Ohr zu hauen. Auf der anderen Seite wird einem zugestanden, dass man so ist, wie man eben ist, wodurch sich die Pubertät schon mal über zehn oder zwanzig Jahre hinziehen kann.« – »Es wird einem zugestanden, dass man so ist, wie man eben ist«, das ist eine wichtige Zutat für gutes Selbstbewusstsein.

Zehn bis zwanzig Jahre Pubertät? Ein Albtraum für viele Eltern. »Zwanzig Jahre schlechte Stimmung, Kinder, die sich an keine Regel halten und den Kühlschrank leerfuttern – no way.« Für die Jugendlichen wäre das ein ebensolcher Albtraum: »Zwanzig Jahre meckernde Eltern, die einen ständig an die Schule erinnern und einem das Smartphone wegnehmen.«

Abstehende, bunt gefärbte Haare und ein punkiges Outfit sind erst mal nur Äußerlichkeiten. Gleichzeitig haben sie das Potenzial für fette Konfliktstoffe zwischen Eltern und ihren jugendlichen Kindern.

Manuela, Mutter einer 16-jährigen Tochter und eines 12-jährigen Sohnes, ist 43 Jahre alt. Sie hat schwarz-gefärbte Haare, trägt große, silberne Ohr-Kreolen und einen eng anliegenden, roten Mantel. Von Beruf ist sie Friseurin. In ihrer Pubertät liebte sie Punk und Grunge: abgewetzte Kleidung, gefärbte Haare, schwarz. Was ihr als Erstes einfällt, wenn sie an ihre Pubertät denkt, ist völlig klar: »Mein erster Einfall zum Thema Pubertät? – Schlecht gefärbte Haare. Also beziehungsweise: Ich hatte natürlich super gefärbte Haare – nur meine Mutter hatte nur einen schlechten Geschmack. « Und sie schiebt ein: »Was aber heutzutage natürlich umgekehrt mein Kind genauso sagt. Sie meint, dass ich unmöglich bin und dass ich noch viel mehr Pubertät in mir habe als sie.« Dann erzählt sie weiter von ihrer Pubertät: »Es gibt ja immer so Sachen, die man ausprobieren muss, mit Freundinnen. Und da mein Berufswunsch schon sehr früh klar war, ich wollte schon immer, schon als kleines Kind, Friseurin werden – und dann muss man natürlich auch mal in die Praxis gehen … Ich war 12 oder 13 und meine Freundin war allein zu Hause, wir hatten ein ganzes Haus für uns. Wir haben erst mal eingekauft, natürlich ganz heimlich, unglaublich heimlich. Ich hab die Haarfarbe besorgt. Und ich habe Zigaretten gezogen. Leider die falschen. Vor Aufregung habe ich mich am Automaten verdrückt, sodass wir dann filterlose, scheußlich starke Roth Händle anstatt Marlboro hatten. Meine Freundin hat den Sekt gekauft. Und dann haben wir uns einen lustigen Abend gemacht. Roten Asti Spumante gesoffen, miese, filterlose Kippen geraucht, die Haare schwarz gefärbt und dazu Falko und Nena gehört.

Ich wollte gern natürlich italienisch aussehen. Die Roth Händle und der Asti Spumante in Verbindung mit den Haarfärbedämpfen führte natürlich dazu, dass ich mich das erste Mal von Alkohol übergeben habe. Ich habe so gekotzt, dass ich dachte, ich hätte einen Magendurchbruch, weil dieser Asti Spumante rot war.

Meine Mutter hat mich direkt zum Friseur geschleift. Dort wurden die Haare entfärbt, ich wurde rothaarig – was natürlich in den 80ern total schrecklich war – und alle sagten Pumuckel zu mir. Meine natürliche Haarfarbe ist aschbraun. Meine Mutter war eine große Befürworterin der Natürlichkeit – für sie mussten überall Haare wachsen, auf dem Kopf, unter den Armen, an den Beinen und überhaupt. Ich war da natürlich ganz anderer Meinung, dazu hatte ich auch zu viele Musikvideos gesehen, wo die Stars ebenfalls rasiert waren.. Zum Thema Alkohol hat sie nichts gesagt. Gut, wie soll sie als Kneipenwirtin auch sagen, dass es schrecklich ist, dass das Kind jetzt was getrunken hat. Abgesehen davon, hab ich ihr auch nicht alles erzählt, was ich da getrieben hab. Für sie waren die Haare der Knackpunkt.«

Anders werden, anders sein, das war das Ziel. »Meine Mutter war halt irgendwie die personifizierte Dauerwelle mit geblümter Kittelschürze. Und mein Vater war immer so ein akkurater CDU-wählender Scheitelträger. Und natürlich wollte ich anders sein.« Keine Kneipe führen, wie ihre Mutter, nicht Lehrerin werden, wie es ihr Vater vorgesehen hat. Sondern eben Friseurin.

Schmink- und Haarfärbe-Orgien und Klamottenwahl können immer noch heiße Diskussionen auslösen. »Meine Tochter geht zur Party ihrer Freundin in so einem knappen Top, dass man alles sehen kann«, sorgt sich eine Mutter in der Elterngruppe. Oder: »Meine Tochter ist dm-süchtig. Sie hat eine ganze Kommode voll mit Lippenstiften, Pudern, Nagellack und Eyelinern.« Für einen Vater ist klar: »Mit so einem kurzem Rock, wie meine Tochter ihn sich gekauft hat, lass ich sie nicht vor die Tür.« Und ganze Lehrerkollegien fragen: »Wie sollen wir mit den Mädchen verfahren, die sich so aufreizend anziehen, dass die Jungs, die dahinter sitzen, nicht mehr arbeiten können? Schuluniform? Und die Jungs? Sie haben die Jeans so baggy sitzen, dass man immer auf die Poritze gucken muss.«

Hairstyling, Kleidung, »Kriegsbemalung«, das Aussehen der Kinder hat eine große Bedeutung. Für Eltern und Kinder allerdings eine unterschiedliche. Eltern sorgen sich, wenn die jungen Mädchen mit Röcken ausgehen, die in ihren Augen zu kurz sind, wenn das Top zu knapp ist, die Schminke zu dick. Die Sorge ist okay. Eltern sehen ihre Kinder mit dem Blick der Erwachsenen. Es fällt schwer, die Kinder anders zu sehen. Schwarze Haare in einer Familie, die sonst blond ist, sind nicht vorgesehen. Eltern schämen sich, sie stellen sich vor, was die Nachbarn denken und wie die Eltern der Freunde es finden könnten. Und sie möchten einfach nicht, dass die Kinder so anders sind. Eltern sorgen sich: »Wenn mein Kind so aus dem Haus geht, das ist gefährlich. Meine Tochter reizt die Männer mit ihrem kurzen Minirock, und sie weiß gar nicht, was sie damit auslöst. Aber ich weiß es und deshalb muss ich es verbieten.«

Für die Jugendlichen sieht die Sache anders aus. Sich ausprobieren, sich stylen, den Körper bemalen, die Haare, die Kleidung, der Schmuck, das hilft zu gucken, wer man ist. Wie wirke ich mit schwarzen Haaren, mit gezupften Augenbrauen, mit kurzem Minirock, mit einer Ratte auf der Schulter? Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Und: Wie kann ich mich von meinen Eltern absetzen? Wie ist es, anders zu sein? Jemand Eigenes zu werden? Die Jugendlichen haben einen anderen Blick. Sie wollen etwas herausfinden: Wie komme ich an? Sie wollen gleichzeitig dazugehören: »So sein wie die anderen.« Und auffallen und gesehen werden: »Schaut auf mich.« Sie wollen ihren eigenen Weg finden. Dazu eignen sich Versuche, das Aussehen zu verändern, in verschiedene Rollen zu schlüpfen – mal braves Mädchen, mal Vamp, mal Punk – perfekt.

Eltern verstehen diese Probebühne manchmal miss. Genau dieses Missverständnis, der unterschiedliche Blick beider Seiten, könnte das Gespräch mit den Kindern eröffnen: »Ich weiß, dass du dich ausprobieren möchtest, aber du weißt nicht, was du unter Umständen bei den Menschen, denen du begegnest, auslöst. Sie sehen in dir kein Mädchen, das sich ausprobiert, sondern vielleicht ein Mädchen, das sie anmachen will.« Das heißt: Nicht die Kinder verurteilen oder runtermachen: »Wie siehst du denn aus?«, »So gehst du mir aber nicht raus!«, »Was sollen denn die Leute denken?«, sondern ihre Perspektive verstehen und sie mit der Außenperspektive vertraut machen. »Ich weiß, dass du das nicht willst, aber andere könnten es anders auffassen. Denk noch mal drüber nach.« Anders geht es eh nicht, sonst fühlen sich die Kinder – zu Recht – beleidigt und unverstanden. Sie werden mit längerem Rock das Haus verlassen und direkt vor der Haustür das Bündchen dreimal hochkrempeln, damit der Rock wieder höher sitzt. So jedenfalls könnte es beim Verbot von Miniröcken ausgehen. Und die Haare? Da gibt es nicht wirklich einen plausiblen Grund für die Anpassung an die familiäre Norm, außer die Scham der Eltern.

»Anders sein« ist ein Grundbedürfnis aller jungen Menschen. Was sie dafür brauchen, ist einen gewissen Spielraum. Raum, sich loszureißen und – wenn es zu »krass« wird in der Welt – auch mal wieder zurückschlüpfen zu können unter die elterlichen Flügel. Die Pubertät ist die Zeit dafür. Kinder lösen sich ab. Eltern sind gefordert, und es ist gut, wenn sie sich fordern lassen:

Alain ist 46 und Vater einer 12-jährigen Tochter und eines 9-jährigen Sohnes. Aufgewachsen ist er in Südfrankreich, als einziger Sohn einer Deutschen und eines Franzosen, der in Algerien geboren wurde. Er erinnert sich: »Ich hab immer das Gegenteilige von meinem Vater gemacht. Ich kann mich erinnern, dass ich immer sehr konservative Standpunkte vertreten habe. Mein Vater war eher linksliberal und allein aus Frack, weil es mir gut passte, hab ich dann konservative Standpunkte vertreten. Anders sein. Es ging um alles und nichts. Um Belanglosigkeiten. Ich glaub, mein Ziel war nur, dass ich mich an ihm aufreiben konnte. Das war das Ziel. Er hat es zugelassen. Er hat sich auch immer auf Diskussionen eingelassen. Südländische Diskussionen. Also es war laut. Wir haben auch geschrien teilweise.«

Die Toten Hosen, wie haben die es gemacht? Gitarrist »Breiti« beantwortet auf der offiziellen Website die Frage von Janni aus Martinroda: »Was haben eure Eltern gesagt bzw. getan, als ihr zum ersten Mal mit bunten Haaren (o.ä.) vor ihnen standet?« »Das erste Haarefärben hat seinerzeit die eine oder andere familiäre Verwicklung ausgelöst. Andi färbte sich das erste Mal mit Campino die Haare. Als Andis Vater nach Hause kam, bekam der einen mittleren Anfall und schmiss beide erst mal raus. Andis Hausverbot wurde einige Zeit später wieder aufgehoben, Campinos blieb noch jahrelang bestehen.

Elisabeth Raffauf (2018). Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen: Was in der Pubertät hilft. Patmos Verlag. Hier finden Sie das Buch auf der Seite des Verlags.

Elisabeth Raffauf ist Diplom-Psychologin und arbeitet in freier Praxis in Köln. Sie hält Vorträge und leitet Workshops für Fachkräfte u. a. für die „Kinderschutz- Zentren“. Als Autorin und Expertin im Studio ist sie bspw. für den WDR und für die Kindernachrichtensendung „logo“ tätig. Sie hat mehrere Erziehungsratgeber und Aufklärungsbücher geschrieben: www.Elisabethraffauf.de.

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