Rezension: „Schluss mit Mobbing“ von Wolfgang Kindler

Als ich davon erfuhr, dass es auf SAT.1 eine Sendereihe über „Mobbing“ gibt, war ich zunächst sehr skeptisch, ob ein solches Format diesem Thema gerecht werden könne?! Mit großer Erleichterung stellte dann aber fest, dass auf übertriebene Dramatisierungen verzichtet wurde und Wolfgang Kindler fachkundig und einfühlsam mit den Betroffenen umzugehen wusste. Obwohl es bereits etliche sehr gute Ratgeber gibt, trägt die Serie „Schluss mit Mobbing“ und somit auch das entsprechende Buch dazu bei, eine große Öffentlichkeit zu erreichen und sie für dieses Thema zu sensibilisieren. Es kann gar nicht oft genug darauf aufmerksam gemacht werden, wieviel Leid den Betroffenen zugefügt wird, zumal diverse Studien inzwischen nachgewiesen haben, dass Mobbing zu schweren psychischen Erkrankungen führen kann und die langfristigen Auswirkungen oftmals bis ins Erwachsenenalter reichen. Wolfgang Kindlers Herangehensweise hat mir bereits in der Sendung sehr gut gefallen. Aber auch in dem Buch zeigt er, dass ihm das Thema sehr am Herzen liegt, und schafft es, Menschen einen Zugang dazu zu ermöglichen und Wege aufzuzeigen, wie man diesem alltäglichen Terror zielgerichtet entgegenwirken kann. Weder verharmlost er, noch neigt er dabei zu Übertreibungen. Der Autor ist sich der Schwierigkeiten der Lehrer und der Eltern bewusst, die oftmals tatenlos zuschauen, und ermutigt sie – auf eine sehr besonnene Weise – hinzusehen und sich einzumischen! Aber auch den Schülern gibt er Mittel an die Hand, wie sie sich aktiv für sich selbst oder für ihre Klassenkameraden stark machen können, und bereitet das komplexe Thema didaktisch ausgezeichnet auf.

Zunächst werden verschiedene typische Verläufe dargestellt, die einen realistischen Eindruck jener Dramen vermitteln, die sich in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen abspielen. Eingeleitet werden diese Erzählungen stets mit einer kurzen Erläuterung und abschließend mit einem Fazit versehen. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, wissenschaftliche Erkenntnisse und fachkundige Einschätzungen lebendig werden zu lassen. Die Geschichten sind spannend und thematisieren auf eine eindrucksvolle und leicht verständliche Art unterschiedliche Facetten der Ausgrenzung und Schikanierung. Sie lassen sich gut im Unterricht einsetzen und ermöglichen es den Schülern, darüber zu diskutieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Im Anschluss werden moderne Erscheinungsformen besprochen und Möglichkeiten genannt, mit den Beteiligten sowie mit den Erziehungsberechtigten ins Gespräch zu kommen. Auch wird das Verhalten der Eltern, Lehrer und der Schulen hinterfragt, wobei verschiedene mögliche Schwächen bzw. Fehler aufgezeigt werden, ohne dabei eine Vorwurfshaltung einzunehmen. Typische Mobbinghandlungen werden beschrieben und auch dem Cybermobbing wird ein eigenes (kurzes) Kapitel gewidmet. Des Weiteren werden mögliche (Spät-)Folgen sowie typische Merkmale der Opfer und der Täter besprochen, ohne diese dadurch zu stigmatisieren. Erkenntnisse aus den Bereichen der Pädagogik und der Psychologie werden dabei immer wieder durch Beispiele ergänzt, die die Inhalte lebendig werden lassen.

„Wenn wir uns und unser Verhalten verändern, verändern wir auch die Beziehungen zu anderen.“

Das letzte Drittel des Buches handelt von den vielen verschiedenen Möglichkeiten, Mobbing aktiv entgegenzuwirken. Hierbei werden keine Patentrezepte angeboten, sondern alle gängigen Möglichkeiten aufgezeigt, die sich in der Praxis bewährt haben. Jeder Fall muss dabei individuell betrachtet und die geeignete Strategie ausgewählt werden. Es finden sich viele praxistaugliche Tipps für Eltern, Schüler und Lehrer in dem Buch, die so beschrieben sind, dass sie sofort umgesetzt werden können. Gewarnt wird auch vor Verhaltensweisen, die eher wenig hilfreich sind bzw. sogar eventuell dazu beitragen, die Situation für die Betroffenen zu verschlimmern. Abschließend werden Maßnahmen und Methoden zur Prävention und Intervention in Schulen erläutert; namhafte Modelle, wie die Farsta-Methode sowie die Anleitung zu einem Rollenspiel runden das Werk somit ab. Besonders hervorzuheben ist die in dem Buch beschriebene Methode des Gruppencoachings, die im Gegensatz zum No-Blame-Approach-Ansatz auch das Opfer mit in die Diskussion einbezieht und ein Reframing der Situation durch die Gruppe vorsieht. Im Anschluss daran werden konkrete Vereinbarungen getroffen und mittels eines Brainstormings Verhaltensvorschläge für das Opfer gesammelt, die es diesem erleichtern, sich besser bzw. wieder in die Klasse zu integrieren.

„Schluss mit Mobbing“ ist eine gut durchdachte, leicht verständliche und sehr stimmige Zusammenfassung von allem, was es über das Thema zu wissen gibt. Besonders gelungen ist der sprachliche Stil, der dazu einlädt und ermutigt, sich aktiv gegen Mobbing in der Schule einzusetzen. Das Buch ist sowohl für Eltern und Lehrer wie auch für Schüler eine gute Hilfe und somit sehr zu empfehlen.

PS: Wie auch in dem Buch habe ich hier ausschließlich aus Gründen der besseren Lesbarkeit durchgehend die männliche Form gewählt, meine damit aber immer auch Schülerinnen, Lehrerinnen etc.

Wolfgang Kindler (2013). Schluss mit Mobbing: Fallbeispiele und Handlungsstrategien für Schüler, Eltern und Lehrer. Verlag an der Ruhr. Hier finden Sie das Buch bei Amazon (Werbung).