Rezension: „Der resiliente Mensch“ von Raffael Kalisch

Das Stressmanagement gehört zu jenen Themen, mit denen ich mich im Rahmen meiner Seminartätigkeit immer wieder beschäftige. Somit befasse ich mich also mit jenen Methoden, die langfristig dabei helfen sollen, psychisch sowie physisch gesund zu bleiben. Als Psychologe interessiere ich mich hierbei vor allem für das mentale Stressmanagement, wozu ich neben den Techniken aus dem Bereich der Kognitiven Verhaltenstherapie, die in erster Linie auf eine Optimierung der Strategien zur Emotions- und Selbstregulation fokussieren, auch achtsamkeitsbasierte und lösungsorientierte Ansätze zähle. In diesem Zusammenhang habe ich in den vergangenen Jahren etliche Bücher gelesen, in denen zumeist irgendwo auch der Begriff „Resilienz“ auftauchte und diskutiert wurde.

Doch was ist „Resilienz“ eigentlich? Dass es sich hierbei NICHT um eine angeborene oder sogar unveränderliche Persönlichkeitseigenschaft handeln kann, erschien mir seit jeher plausibel. Eine Antwort auf diese Frage, die mich wirklich überzeugte, hatte ich bislang jedoch nicht gefunden. Deshalb war ich sehr neugierig auf das Buch von Prof. Dr. Raffael Kalisch, der sich in „Der resiliente Mensch“ mit diesem Rätsel befasst.

Der Autor beginnt im ersten Kapitel damit, den Begriff operational und atheoretisch zu definieren. Hierbei legt er Wert darauf, dass er das, was er verstehen möchte, irgendwie messen kann. Ob es sich nun um eine Fähigkeit, eine Eigenschaft, einen Mechanismus oder um einen Prozess handelt, lässt er zunächst noch offen. Im Folgenden zeigt er auf, warum es bei der Messung um das Verhältnis der Stresserkrankungs-Symptom-Veränderung zur Beanspruchung ankommt, d.h. welchen Stressoren jemand ausgesetzt war und inwiefern diese normalerweise als Belastung erlebt werden. „Man kann Resilienz nicht messen, ohne auch die Beanspruchungen zu messen. Und schon gar nicht, ohne zu betrachten, wie sich diese Beanspruchungen auf dessen psychische Gesundheit auswirken“ (S. 39). Fragebögen, die manchmal in Seminaren eingesetzt werden, um einen Wert zu ermitteln, wie resilient jemand ist, hält er aus diesem Grund jedenfalls für Humbug.

Den quantitative Ausdruck dessen, in welchem Maß jemand einem Stressor ausgesetzt war, nennt er im Folgenden „Stressor-Exposition“. Dieser Wert kann mit den jeweiligen Werten anderer Personen verglichen und in Bezug zur Veränderung der psychischen Gesundheit gesetzt werden. Hierbei ist festzustellen, dass manche Probanden trotz hoher Exposition nur wenige oder gar keine Gesundheitseinbußen erleiden, andere bekommen hingegen schon bei geringerer Exposition Probleme. An solchen individuellen Unterschieden offenbart sich also die Resilienz der einzelnen Menschen.

Dass Stressoren die Genexpression stark beeinflussen, „weil sie ein Mittel ist, mit dem Körper auf äußere Einflüsse zu reagieren und seine Funktion diesen […] anpassen kann“, verdeutlicht er an dem ersten vertrauenswürdigen Tiermodell der Resilienz, das 2007 veröffentlicht wurde. Die resilienten Tiere (Mäuse) haben sich diesem Modell zufolge an die chronischen sozialen Stresserfahrungen angepasst. Resilienz ist also das Resultat eines aktiven und – wie später klar wurde – dynamischen Adaptionsprozesses. Dieser wurde daraufhin genauer untersucht, wobei sich zeigte, dass die Aufrechterhaltung der normalen Neuronenfunktion sowie des gesunden Sozialverhaltens der Tiere das Ergebnis der Aktivierung von einem Regulationsmechanismus waren, Das gilt auch für uns Menschen. Auch unser Organismus verändert sich, wenn er Stressoren ausgesetzt wird – selbst dann, wenn er gesund bleibt. Obwohl die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Beeinträchtigung ab einer gewissen Anzahl kritischer Lebensereignisse (wie z.B. Verlust eines geliebten Menschen, Krankheit, Gewalterfahrungen etc.) statistisch betrachtet zunimmt, scheinen einige wenige (bzw. bis zu vier) solcher Erfahrungen unsere Widerstandskraft eher zu erhöhen. Man spricht dann von einem „posttraumatischen Wachstum“ oder dem „Steeling“-Effekt.

In dem Abschnitt „Von der Kunst, Grizzlybären zu bewerten“ geht es daraufhin um die Bewertungstheorie. Die Gefahrenvorhersage des Stresssystems berücksichtigt das gefährdete Ziel oder das Bedürfnis sowie das zur Verüfgung stehende Bewältigungspotenzial. „Danach gilt es, drei Dinge vorherzusagen: die Wahrscheinlichkeit der Bedrohung, ihre Größe oder Art und unser Bewältigungspotenzial. Schließlich müssen wir die Ergebnisse unserer Vorhersagen oder Bewertungen in diesen drei Kategorien zusammenwerfen, um ein Gesamtbild der Gefahr zu erhalten – die wir ganz am Ende noch mit dem Belohnungspotenzial der Situation, also den Chancen, die sie enthalten könnte, vergleichen müssen, um beides, Risiko und Chancen, gegeneinander abwägen zu können“ (S.100 f.).

Kapitel 11 beschäftigt sich mit den potenziellen Gefahren der Resilienz-Forschung. Diejenigen, die derlei gesellschaftspolitische Ängste nicht betreffen, können diesen Exkurs – so der Rat des Autors – gern überspringen. Ich werde darauf also auch nicht weiter eingehen. Am Fallbeispiel eines Piloten, der zum Opfer einer Flugzeugentführung wurde, wird daraufhin aufgezeigt, welche Rolle die Bewertungsstile hinsichtlich der Resilienz spielen. In diesem Zusammenhang stellt er seine Resilienztheorie PASTOR (= Positive Appraisal Style Theory Of Resilience) vor, die er zusammen mit Marianne Müller und Oliver Tüscher entwickelt hat. Zu den wichtigsten individuellen Resilienz-Faktoren gehören ihr zufolge Optimismus, hohe Selbstwirksamkeitserwartungen sowie soziale Unterstützung. Ein positiver Bewertungsstil (PAS) wird allerdings nicht als Wohlergehens-Garantie verstanden, sondern eher wie etwas, das milde Sorglosigkeit oder einen Vertrauensvorschuss, den man dem Leben gewährt, beschreibt, der sich in weniger Stress auszahlt. Dabei ist zu bedenken, dass Bewertungen oft schnell und unbewusst erfolgen, sie also nur selten explizit und wörtlich in unserem Geist ausformuliert sind (S. 145).

Im 14. Kapitel weist er darauf hin, dass zwischen dem Belohungssystem und dem Stresssystem ein interessanter Zusammenhang besteht, nämlich der, dass sie sich gegenseitig hemmen. „Wenn es […] anstrengend oder gefährlich wird, dann neigen wir dazu, entweder hauptsächlich positiv oder […] negativ zu reagieren. In Zeiten der Belastung tendieren wir zum Entweder-Oder. Wenn es darauf ankommt, wenn Zeit und Kapazitäten knapp werden, lasen wir uns gerne nur von einem der Gegenspieler leiten: Belohnungs- oder Stresssystem. Ein Hin und Her wäre zu aufwendig“ (S.158). Für die Stressforschung bedeutet das, dass das Belohnungssystem wie ein Antidot gegen eine zu starke Aktivierung des Stresssystems wirken kann. Doch was geschieht mit der Aktivierung unseres Stresssystems, wenn die Bedrohung vorrüber ist? Die „definitive Beendigung einer unangenehmen Situation solllte dem Autor zufolge von einem gut funktionierenden Organismus als solche erkannt werden und eine Erholungsphase einleiten“ (S. 168). Obwohl es noch nicht bewiesen ist, dass ein rasches Sich-Einstellen der Erholung nach einer Stressphase mit der Aufrechterhaltung psychischer Gesundheit zusammenhängt, gibt es doch Hinweise darauf. Des Weiteren wird gesagt, dass vermeintlich stabile Persönlichkeits- oder Charaktereigenschaften nicht so stabil sind, wie es landläufig angenommen wird, da unser Gehirn – wie auch unser Wesen – plastisch ist. Trotzdem ist es ein Aspekt der Dynamik und der Komplexität des Resilienz-Prozesses, funktionale Einstellungen oder Fähigkeiten, die zunächst einmal vorhanden sein müssten, im Bedarfsfall zu mobilisieren, wobei auch das entsprechende Umfeld eine Rolle spielt, also inwieweit es einen dazu ermutigt, sie einzusetzen.

Ein PAS (= Positive Appraisal Style) resultiert aus positiven Bewertungsinhalten, die im Gedächtnis abgespeichert sind und gegebenenfalls aktiviert werden können, sowie aus effektiven und effizienten kognitiven Bewertungsmechanismen, die eine positive Um- und Neubewertung erlauben, wobei das gegenteilige Verhalten die Neigung zum Katastrophisieren wäre. Eine Phase der Neu- oder Umbewertung beginnt oftmals in Phasen der inneren Einkehr. Diese „vorbereitete Umstrukturierung von Bewertungsmustern“ nennt die Psychologin Mattie Tops „prädiktive Kontrolle“. „Neben dem reinen Angebot positiver Bewertungsinhalte aus dem sozialen oder kulturellen Umfeld (bzw. aus dem eigenen Wissens- oder Erfahrungsschatz); neben der Erfolgserfahrung bei der konkreten lebensweltlichen Anwendung positiver, durch kognitive Neu- und Umbewertungsmechanismen vermittelter Inhalte, kann also die Phase der prädiktiven Kontrolle ein drittes wichtiges Element sein, wenn es um die Herstellung eines positiven Bewertungsstils und damit eines angemessenen Stressreaktions-Stils geht“ (S. 185). Abschließend widmet sich der Autor der Frage, inwieweit “höherer Ziele“ für uns Menschen ein wichtiges Mittel zur Aufrechterhaltung mentaler Stabilität sind und schlussfolgert, dass sie nur dann wirksamen Schutz bieten, wenn sich positive Bewertungen aus ihnen ableiten lassen. Allerdings scheinen wir dazu verdammt zu sein, einen solchen Sinn in unserem Leben zu suchen.

Fazit: Der Schreibstil des Autors hat mir sehr zugesagt. Selbst komplizierte Sachverhalte beschreibt er so, dass sie leicht verständlich sind. Eine Prise Humor, zahlreiche Erörterungen wichtiger Studien sowie viele Fallbeispiele runden das Werk ab. Am Ende findet sich zudem ein Glossar, in dem zentrale Begriffe in aller Kürze erläutert werden. Die Resilienztheorie PASTOR kannte ich zwar bereits, die Herleitung dieses Modells jedoch nicht. Von daher hat sich die Lektüre für mich gelohnt. Dieses Werk bietet einen wunderbaren Einblick in jene Mechanismen, die ausschlaggebend dafür sind, wie wir auf Krisen oder Schicksalsschläge reagieren – und was uns dabei hilft, trotz aller Widrigkeiten gesund zu bleiben.

Dr. Raffael Kalisch ist Professor für Bildgebung des menschlichen Gehirns und Gründungsmitglied des Deutschen Resilienz-Zentrums (DRZ) an der Universtitätsmedizin der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Er leitet dort die Abteilung für Genetische und Netzwerkmechanismen der Resilienz. Darüber hinaus ist er Vizesprecher des Sonderforschungsbereichs „Neurobiologie der Resilienz“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Sprecher der International Resilience Alliance (intresa).“ (Klappentext)

Raffael Kalisch (2017). Der resiliente Mensch: Wie wir Krisen erleben und bewältigen. Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie. Berlin Verlag. Hier finden Sie das Buch bei Amazon (Werbung).

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