„Perversion, Psychose und Trance“ von Harald Krutiak

S. lässt sich mit schuldbewusstem und zugleich laszivem Augenaufschlag in den Relaxsessel in meiner Praxis sinken. „Ich war tatsächlich am Weg zu Ihnen, und als ich aus dem Auto aussteige, sehe ich diesen Typen … groß, dunkel, mit zusammen gewachsenen Augenbrauen …“. Ich kann sehen, wie alleine die Erinnerung sie erregt. „Da konnte ich nicht anders …“. Sie schweigt verlegen. Ich kann wahrnehmen, wie mein Ärger über die geplatzte Stunde einer gewissen Verwunderung weicht. Nun bin ich also auch Opfer jener Obsession geworden, weswegen mich S. aufsuchte: Tatsächlich kann sie an keinem Araber oder Türken vorbeilaufen, wenn er Interesse signalisiert, sondern provoziert, dass sie angesprochen wird und gibt sich ihm dann „zügellos“ (ihre Worte) hin; und da S. eine außergewöhnlich attraktive Frau Anfang vierzig ist, zeigt fast jeder heterosexuelle Mann Gefallen an ihr. Sie können sich also vorstellen, dass S. nicht zu allzu viel in ihrem Leben kommt. Glücklicherweise ist sie mit einem älteren Homosexuellen verheiratet, der aufgrund seiner beruflichen und sozialen Stellung neben seinem Lebenspartner eine Alibi-Ehefrau braucht und nun durch eine großzügige Apanage ihr ein schönes Leben ermöglicht.

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Vielleicht geht es Ihnen jetzt beim Lesen so, wie es mir damals ging, als ich diesen Ausführungen folgte. Und vielleicht ist es genau das, was perverse Praktiken für viele so abschreckend macht: das nicht nachvollziehen können des Details und der Intensität des Erlebens. Das Perverse erscheint fremd, unheimlich und auf rohe Weise erschreckend. Fast mutet es wie eine heimtückische, infektiöse Krankheit an. Schon der Gedanke, der den Exkurs des Perversen wagt, könnte unheilvoll sein.

Unterscheidet sich eigentlich das lustvolle Empfinden des Voyeurs von dem des Fetischisten oder von jenem, der sogenannte genitale Sexualität praktiziert? Gibt es quantitative oder qualitative Unterschiede? Oder ist das körperliche Empfinden bei jeder Form von sexuellem Erleben eine einmalige, individuell geprägte Wahrnehmungssinfonie?

Vor zwei Jahren fliege ich zum Tauchen auf die Malediven. Bei einem Tauchgang schwebe ich bei einer Putzerstation auf etwa zehn Meter Tiefe, über mir kreisen mindestens sechs Mantas mit einer Spannweite bis zu sieben, vielleicht sogar acht Metern, um sich von den kleinen Putzerfischen reinigen zu lassen. Sie schwimmen so knapp über mir, dass ich nur die Hand auszustrecken bräuchte, um sie zu berühren. Dieser Moment löst ein tiefes spirituelles Empfinden in mir aus, eine Form von Ekstase, die mich noch für den Rest des Tages begleiten wird. Sogar jetzt, wo ich Ihnen davon berichte, durchströmen mich Wogen des Wohlbefindens und meine Atmung wird wieder so ruhig wie damals unter Wasser. Zu Recht schrie mein Buddy nach dem Auftauchen als erstes: „Wie geil!!“! Und ich frage mich, ob das Empfinden des Fetischisten beim Anblick des geliebten gelben Gummistiefels so viel anders ist als mein Empfinden bei diesem außergewöhnlichen Tauchgang. Oder wer kennt es nicht, dass man in einer Ausstellung plötzlich wie gebannt vor einem Exponat stehen bleibt, und ganz ergriffen ist von diesem Anblick? Und vielleicht ist das der einzige Unterschied: der Fetischist sucht dieses Erleben aktiv, während der Ausstellungsbesucher davon überrascht wird.

Ich kann mich noch an meine Psychopathologievorlesung erinnern: ein älterer Professor mit weißem Haar gibt einen akribischen Überblick über Symptomatik, Diagnostik und Therapie von psychotischen Erkrankungen. Der Hörsaal ist voll, trotzdem hebe ich beherzt meine Hand und frage: „Wie genau erlebt der Psychotiker seine Erkrankung?“. Der Professor läuft zu Höchstform auf: „Gerade dies ist das diagnostische Kriterium der Psychose!! Dass sie für den Gesunden nicht nachvollziehbar ist! Brilliante Frage, Herr Kollege!“ Ich weiß bis heute nicht, ob dies ein Kompliment war, oder ein Weg, mich zum Schweigen zu bringen.

Neulich sitze an einem sonnigen Tag bei einem Kaffee auf meinem Balkon. Die dezente Musik im Hintergrund beflügelt mich und während mein Blick in die Weiten des Himmels schweift, beginnen auch meine Gedanken zu wandern. Ich weiß nicht, wie ich darauf komme, aber plötzlich kann ich eine Parallele zwischen psychotischem und perversen Erleben und Handeln herstellen: beide folgen den Prinzipien des Freud’schen Primärprozess, beide imponieren durch das nicht einfühlen können. Psychose wie Perversion haben die menschliche Kulturgeschichte in einmaliger Art und Weise beeinflusst, wenn nicht sogar getragen. Und wenn wir träumen, sind wir selbstverständlich da.

Die Perversion ist die Psychose der Sexualität.

Ich mag Parties, und meine Freunde mögen mich auf Ihren Festen, weil ich mit meinen unerwarteten Verhaltensweisen immer wieder für freudige Erregung sorge. Meint ein Freund zu mir: „Ich kenne niemanden, der so schnell und spontan regredieren kann wie du! Mit dir kann man so viel Spaß haben! Dafür liebe ich dich … “. Das ist zwar schmeichelhaft und zugleich bedeutet das für mich auch, manchmal in Situationen, die für andere zwar lästig aber bewältigbar sind, ängstlich und wie paralysiert zu reagieren. Mittlerweile habe ich mühevoll gelernt, mich dann am eigenen Schopfe wieder in die Progression zu ziehen.

Bin ich also psychotisch? Bedarf es sofortiger stringenter psychopharmakologischer Therapie? Oder könnte auch eine mehrjährige hochfrequente psychoanalytische Kur helfen? Ein Freund guckt mir über die Schulter, liest die letzten Zeilen und meint lapidar: „So’ n Quatsch. Ein bisschen psychotisch sind wir doch alle!“

Der Unterschied liegt in der spezifischen Wahrnehmung. Während ich mit meinen Späßchen in einer bestimmten Umgebung mit einem bestimmten Verhalten Menschen zum Lachen bringe, so erschreckt der Psychotiker seine Umwelt mit seiner vermeintlich wahnhaften Identität. Und genauso ist es mit dem Perversen: wie haben wir gelacht und uns auf die strammen Schenkel geklopft, als Stephan Raab mit Chaps (popofreie Lederhose, beliebt in der schwulen Leder- und Fetischszene) über die Bühne hopste. Und wie verwirrt haben die meisten Passanten den Umzug des fetischistische Pendant der Love Parade, den Carneval erotica, beobachtet; mindestens Verständnislosigkeit umhüllte die Beobachter, lediglich die heute ja ach so wichtige political correctness erwürgte den Ausdruck der multiplen Abwehr im Tabu. Die genaue Kalibrierung eröffnete den Skandal hinter dem verspannten Lächeln beim: „Find ich ja doll, das so was in Berlin möglich ist …!“ Und zugleich gab es viele, denen man ansehen konnte, wie gern sie sich auch in aufreizenden Posen auf den Wagen exhibiert hätten.

Erickson ließ eine frigide Frau in Trance einen Kühlschrank abtauen. Bei ihm sollten, als implizites Ziel, alle Klienten nach der Therapie heiraten und Kinder kriegen. Als in Berlin lebender Psychotherapeut gestaltet sich die Situation grundlegend anders. Nach dem Studium war ich neben meiner Niederlassung aus ökonomischen Gründen auch in einer HIV-Beratungsstelle tätig. Sie können sich vorstellen, dass es bei diesen Beratungen häufig auch um sexuelles Erleben ging. Ich kann mich noch erinnern, wie mich diverse detaillierte Ausführungen über spezifische Praktiken ob der gelebten Intensität in Erstaunen versetzten. Ich vermag bis heute nicht zu beurteilen, was man als die Fähigkeit, sich fallenzulassen verstehen sollte oder einfach als Not begreifen kann. Das zeichnet vielleicht die Pädophilie als perverses Erleben aus: zu ihr kann man einen relativ klaren ethischen Standpunkt beziehen.

So hatte ich einen schwulen Klienten, welcher nach einer Stoma-Operation (künstlicher Darmausgang) zu mir kam. […] Spontan erzählt er, wie er während einer früheren psychoanalytischen Behandlung in ein Alter regrediert ist, in dem ihn seine Mutter anal manipulierte, indem sie ihn etwas in den After einführte, was Blähungen ableiten sollte. Der Klient bezeichnet sich selbst als „sexsüchtig“. […] Bei einer großen Fetischparty […] wird der Mann ohnmächtig. Nur dadurch, dass ein Bekannter ihn an der Wand zu Boden rutschen sieht und die Situation intuitiv erkennt, wird die Rettung rasch genug verständigt und sein Leben kann in einer Notoperation gerettet werden. Jetzt fühlt er sich extrem schuldig und ist von akuter Suizidalität bedroht.

In den Erzählungen dieses Mannes verblüfft mich immer wieder die Intensität, die er beim Sex sucht (und für Momente auch findet), ohne irgendeinen Kontakt zu seinem Partner herzustellen. Gerade diese Kontaktarmut im sexuellen führt dazu, dass er immer mehr und immer extremeren Sex praktiziert, um den Kick zu bekommen. Auf der sozialen Ebene ist das anders: dort pflegt er tragfähige, nahe Kontakte zu anderen Menschen, er wird gerade ob seiner großen Empathie als Gesprächspartner geschätzt. Ich überlasse dem geneigten Leser, die entsprechende Diagnose zu stellen. Es wird auf jeden Fall in Trance deutlich, dass er den tiefen alten Glauben in sich trägt: Sexuelle und persönliche Nähe mit ein und demselben Menschen führt zur meiner Auflösung. Der biographische Hintergrund ist offensichtlich. Es ist ein langer, intensiver und zugleich ob seiner Intimität wunderschöner therapeutischer Prozess, durch den ich diesen Mann begleiten darf. Es gilt, die in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich gelebten Werte zu integrieren bzw. eine Weiterentwicklung aus der Frühstörung heraus zu ermöglichen. Zu meiner eigenen Überraschung erfahre ich später, dass er nun mit einer Frau zusammenlebt, mit der er auch eine sexuelle Beziehung teilt.

Das heißt auch, dass ich für eine neue Demut in der Arbeit mit Menschen plädiere. Im Angesicht der Möglichkeiten, die die Hypnose zur Veränderung bietet, ereifert man sich schnell in einem naiven Machbarkeitswahn. Vielleicht ist es meine Wiener Herkunft, welche mich manchmal innehalten lässt, und statt Fortschritten Wandlungen anbietet. Das, was alle psychotherapeutischen Richtungen vereint, ist der Ansatz des Reframings. Psychotherapie (und in meinem Verständnis auch Coaching) nutzt vor allem die Energie des Umdeutens. Das heißt auch, dass ich als Coach oder Therapeut bestenfalls das Beet bereiten kann, auf dem Neues entstehen beginnt, niemals werde ich dem Klienten etwas Neues geben können, ohne die Grundlage einer solchen Erfahrung im persönlichen Kontakt vorzubereiten. Das bedeutet weiter, dass gerade in der psychotherapeutischen Arbeit mit Perversen die Reflexion eigener Wertvorstellungen unabdingbar ist. Vielleicht begegnet uns hier eine weitere Schnittstelle: auch beim Psychotiker bedarf es eines Wissens um mein eigenes psychotisches Potential, um angemessen, d.h. ohne Abwehr in der Gegenübertragung zu agieren vorgehen zu können. Und das wichtigste in beiden Fällen: Angstfreiheit. Sowohl der Psychotiker als auch der Perverse erkennen intuitiv ganz rasch, ob wir in wertfreier empathischer Resonanz bleiben, oder in Wirklichkeit mit dem Bedürfnis kämpfen, uns distanzieren zu möchten. Psychodynamisch ist dies ebenso naheliegend wie das Wissen um die mäßige Veränderbarkeit dieses Erlebens.

Und nicht nur manche Pflanzen gehen im grellen Licht zugrunde. Auch so manches Genie war und ist diesen sozialen Forderungen der Sublimation nicht gewachsen und erstickt an jenen Lauten, die seine Kehle bildend in den Hals zurückgestopft wurden, um tatsächlich den Narren zu schützen.

Sexuelles Erleben ist meines Erachtens einer der intensivsten Trancezustände, die Menschen spontan erleben können. Es ist daher bemerkenswert, dass die Hypnotherapie, welches sich so umfassend mit Trancephänomenen beschäftigt, sich diesem Themenkomplex so wenig annimmt. Dabei lässt sich der verhaltenstherapeutische Ansatz der Sexualtherapie hervorragend mit dem Instrumentarium der Trancearbeit bereichern. Und da die meisten Sexualstörungen klassische psychosomatische Reaktionen darstellen, kann man hervorragend aus dem reichen Pool entsprechender Interventionen schöpfen. […]

Und zugleich bedarf es oft gar keiner expliziten Behandlung des Themas. So kommt eine 26-jährige Frau zu mir und klagt über etwas, was sie Depressionen nennt. Im Gespräch wird uns klar, dass sie während des Heranwachsens alle Verbindungen zu ihren Kraftpotentialen kappen musste, um zu überleben. Daraus erwächst die bekannte Spirale von mangelnder Selbsterwartung und Empfindungen des Niedergeschlagenseins. Im Rahmen des therapeutischen Prozesses führe ich mit großer Lust mit dieser jungen Frau auch ein Ritual durch, welches sie wieder in Verbindung mit ihren archaischen Kraftpotentialen führt. In der nächsten Sitzung berichtet sie davon, dass sie in der Zwischenzeit das erste Mal in ihrem Leben beim Verkehr mit ihrem Freund einen Orgasmus erlebte. Sexualität war bis zu diesem Zeitpunkt nie explizit Thema in unserer Arbeit gewesen.

[…] Ich durfte in jedem Fall in der Arbeit mit manifest Perversen erkennen, was meine geheimen perversen Fantasien sind. Mein Lebenspartner wünscht sich deshalb, ich würde mehr mit psychosomatischen Klienten arbeiten.

Harald Krutiak, Dipl.-Psych., Psycholog. Psychotherapeut, lebt und arbeitet in freier Praxis für Psychotherapie und Coaching in Berlin. Webseite: www.krutiak.de

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