„Angst!“ von Stefan Junker

„Die Welt ist in ziemlicher Unordnung. Und der Nachschub an neuen Krisen wird vorerst nicht abreißen, sondern weiter zunehmen. Denn die Menschheit steckt inmitten einer gigantischen ‚Metakrise‘. Der Krisenmanager Stefan Junker zeigt auf, was das bedeutet – und was jeder selbst tun kann, um erfolgreich durch diese unruhigen Zeiten zu navigieren. Er zeigt, wie man sowohl mit den großen Krisen der Gegenwart gut zurechtkommt, als auch die eigenen Krisen bewältigen kann.“ (Klappentext)

Im Folgenden finden Sie ausgewählte Ausschnitte aus dem Buch „Krise – Hirn an!“ von Stefan Junker:

Angst!

Krisen beunruhigen, und können sogar ordentlich Angst machen. Und Angst kann den Verstand lähmen, also genau das Instrument, das wir zur Bewältigung von Krisen benötigen. Dieser Teufelskreis ist eine der tückischsten Eigenschaften von Krisen. Ängste aller Art finde heute sehr gedeihliche Bedingungen vor. Und das bedroht immer mehr die Fähigkeit, auf krisenhafte Entwicklungen angemessen und besonnen reagieren zu können.

Die emotionale Fieberkurve steigt an

Ein scheinbar verwirrender Befund: Obwohl die Deutschen heute so sicher und komfortabel leben wie nie zuvor in ihrer Geschichte, leiden immer mehr Menschen unter nagenden Befürchtungen, haben diffuse Ängste, fühlen sich in den Fundamenten ihrer Existenz bedroht. Die Zahl der mit psychischen Erkrankungen begründeten Krankheitstage hat sich laut BKK Gesundheitsreport in den den letzten vier Jahrzehnten verfünffacht. Der Anteil der Menschen, die aufgrund seelischer Leiden frühzeitig in Rente gehen musste, hat sich gemäß Erhebungen der Deutschen Rentenversicherung binnen zwanzig Jahren von 15% auf 43% fast verdreifacht. Wenn man der R & V – Ängstestudie glauben schenken kann, dann sind die Ängste der Deutschen innerhalb eines Jahres noch nie so stark angestiegen wie 2016. Und auch Messungen am Puls des Internet bestätigen diese Entwicklung: Befragt man Google (trends.google.de) nach der relativen Häufigkeit, mit der Suchanfragen zum Begriff »anxiety« (engl. für Angst, Sorge, Beunruhigung) gestartet wurden, zeigt sich eine in den letzten Jahren deutlich ansteigende Fieberkurve der Angst (siehe Abbildung). Wo man auch hinschaut: Ängste sind auf dem Vormarsch.

Abbildung: Relative Häufigkeit der weltweiten Google-Suchanfragen zum Begriff »anxiety«

Gleichzeitig nehmen die objektiven Gründe, sich unmittelbar bedroht zu fühlen, immer mehr ab. Immer weniger Menschen lassen ihr Leben im Flug- oder Straßenverkehr, überall hat innovative Sicherheitstechnik Einzug gehalten. Eine ständig zunehmende Anzahl von Erkrankungen hat ihren einstigen Schrecken verloren und gilt heute als heilbar. Die Lebenserwartung in den Industrienationen steigt seit langem immer weiter an. Hungersnöte gehören im Westen nur noch zu den Erzählungen über eine ferne Vergangenheit. In der Schweiz gab es 2014 so wenig vollzogene Tötungsdelikte wie noch nie seit Beginn der Erhebungen,5 ebenso gab es EU-weit noch nie weniger Mordfälle als heute.6 In der BRD sind tödliche Schusswaffendelikte in den letzten zwanzig Jahren von 630 auf 111 zurückgegangen, die Jugendgewalt ist um knapp die Hälfte rückläufig.7 Erstaunlicherweise sind die Kriminalitätsängste gerade in jenen europäischen Ländern am stärksten ausgeprägt, die die niedrigsten Kriminalitätsraten aufweisen.8 Verrückt. Die nach Deutschland geflohenen Menschen fragen sich und uns fassungslos, warum die Deutschen sich so viele Sorgen machen, obwohl sie in einem der sichersten Länder der Welt, ja der Menschheitsgeschichte leben. Warum nur fühlen sich dann so viele Zeitgenossen derart bedroht? Wie lässt sich das erklären?

Schon lange ist bekannt, dass die gefühlte Gefährdungstemperatur und die tatsächliche, objektive Gefährdungslage heftig auseinanderlaufen können. Zu einem großen Teil liegt dies an der sogenannten »Verfügbarkeitsheuristik«. Das Fachwort bezeichnet eine unbewusst ablaufende psychische Daumenregel. Sie besagt in etwa Folgendes: Wenn Menschen ein konkretes Beispiel für ein Unglück vor Augen haben, halten sie dessen Eintreten für wahrscheinlicher. Meint man sich an einen Häuserbrand zu erinnern, wird man mehr Angst davor haben, dass das eigene Haus ebenfalls abbrennen könne. Dabei spielt es keine Rolle, wo diese Vorstellungen herkommen: aus persönlichen, unmittelbaren Erfahrungen, aus Erzählungen anderer, aus fiktiven Darstellungen wie Filmen oder gar aus offensichtlichen Lügen. Heute werden die Menschen durch die Medien, und in zunehmendem Maß durch Populisten, mit reichhaltigen Beispielen von allem versorgt, was Schlimmes geschehen kann: Verarmung, Unfälle, Morde, Kindesentführungen, Gewaltexzesse, vergewaltigende Ausländerhorden, hilflose Staatsorgane, Terroranschläge usw. Und es gilt: Je bildmächtiger und dramatischer erzählt wird, desto stärker der Effekt. In der Konsequenz steigt die subjektive Risikoeinschätzung, das Sicherheitsgefühl nimmt rapide ab. Die gefühlte Wirklichkeit siegt über die Tatsachen. Wahrheit verkommt zunehmend zum Resultat von Affekten. In der postfaktischen Welt gilt als wahr, was sich wahr anfühlt, und nicht das, was die Betrachtung der Fakten ergibt.

Von hilflosen Kontrollversuchen und Kontrollverlust

Ort: mein Sprechzimmer. Im Sessel gegenüber sitzt, reichlich angespannt, Katharina: eleganter Hosenanzug, gepflegte Erscheinung, sportlich, energische Gesichtszüge. Sie packt gerade ihr Smartphone in die Handtasche, nachdem sie zuvor noch rasch mit einem Blick auf die App ›Family Locator‹ nachgesehen hat, wo ihr Kind, Ihr Ehepartner und ihr persönlicher Referent sich gerade aufhalten – kleine Gesichter in lustigen, bunten Blasen auf einer elektronischen Landkarte. Tolle Möglichkeiten, die man dank GPS und Vernetzung heutzutage hat! Finden Sie nicht auch? Nichts Wichtiges, meint Katharina, kann einem mehr entgehen, wenn man nur die verfügbaren Optionen ausschöpft und alle so mitspielen, wie sie es möchte.

Katharina ist ein echtes Organisationstalent und stolz darauf, jeden Tag perfekt durchzutakten. Sie ernährt sich ausgewogen und gesund, raucht nicht, trinkt nicht, nimmt keine Drogen, dafür aber Bachblütenessenzen und Vitaminpräparate. Das trendige Fitnessarmband an ihrem Handgelenk erfasst jeden ihrer Schritte, überwacht den Herzschlag, berechnet den Kalorienverbrauch, kontrolliert den Schlaf. Sämtliche Fasern ihres 38-jährigen Körpers scheinen zu rufen: »Geschwind, keine Zeit verschwenden! Effizienz!« Eine Frau, die sich und die Dinge gerne im Griff hat, sich laufend mit anderen vergleicht und dabei gut dastehen will. Eigenschaften, die man als verantwortungsbewusste Staatssekretärin gut gebrauchen kann, nicht wahr?! Was sie jede Woche alles unter einen Hut bekommt, hört sich unglaublich an: der Job, die Partei, der Mann. Zweimal Fitnessstudio, einmal Yoga. Dann die Heilpraktikerin, regelmäßige Facharzttermine, man weiß ja nie, vorsorglich auch noch Physiotherapie und Massage, und jetzt eben noch on top: Psychotherapie. Ob sie körperlich erkrankt ist? Sie ist überzeugt davon. Aber keiner konnte bis jetzt herausfinden, was los ist. Sie hat große Angst, schwerwiegend erkrankt zu sein, früh zu sterben. Kontrolle! Kontrolle! Irgendwie muss sie das alles wieder unter Kontrolle bekommen! Jedermann wolle sie nur beruhigen. Da sei schon nichts, alles sei ok. Aber woher kommt dann das schwere Schlucken, die Enge in Hals und Brust? Diese Erschöpfung, das Ziehen in den Gliedern? Das Stolpern des Herzens? Sie will nichts übersehen. Nicht so wie ihr Onkel, der mit Anfang 40 einfach tot umgefallen ist. Zack! Herzinfarkt und weg. Oder die Studienfreundin, deren Krebserkrankung zu spät erkannt wurde.

Ihre Lösungsidee: mehr Kontrolle, aber bitte noch Bessere. Ich soll ihr dabei helfen, sich psychisch zu tunen. Sie möchte »seelisch optimal aufgestellt« sein, um den Körper auf diese Weise zu unterstützen. Sie möchte »richtiges Denken« lernen, »hilfreiche Imaginationen« entwickeln, zur Unterstützung der körperlichen Gesundheit. Ihre Lösungsidee ist der Haken an der Sache und führt sie schnurstracks immer weiter in die persönliche Krise hinein. Sie hat sich eine lockere Distanz zu den eigenen Ängsten erfolgreich abtrainiert und ist nun abhängig von kurzfristigen Sicherheitsillusionen. Sie hängt am Tropf der süßen Droge ›Kontrolle‹. Der Schritt heraus aus diesem Teufelskreis ist, rational gesehen, ziemlich einfach, wird ihr aber nicht gefallen: Raus aus dem Ringen um Kontrolle, Kapitulation, sich lockermachen, chillen, zur eigenen Fehlerhaftigkeit stehen. Arrangement mit der Tatsache, dass sie tatsächlich früher oder später ernsthaft erkranken kann. Und ganz sicher irgendwann sterben wird.

Das Gegenteil von krankmachender Angst ist nun mal nicht Sicherheit, sondern Risikoakzeptanz. Ich werde ihr die Lösung vorsichtig darreichen müssen. Die Frage heißt nicht, ob sie irgendwann Krebs bekommen wird. Oder einen Herzinfarkt. Oder sonst irgendetwas. Die Frage ist, was sie bis dahin tun wird: kontrollieren und Krisen erzeugen, oder leben? Leben würde sie übrigens ohne den gesundheitsgefährdenden Stress der Dauerkontrolle vermutlich deutlich länger. Auf jeden Fall aber besser. Und in Freiheit.

Katharina ist, in klein, der Prototyp unserer entgrenzt-wirtschaftsliberalen, terrorängstlichen, westlichen Gesellschaften. Wo man hinblickt, wird gemessen und überwacht, optimiert, normiert und zertifiziert, dokumentiert und gespeichert, supervidiert, ›gebenchmarkt‹ und ›gemonitort‹, werden Zielvereinbarungsgespräche geführt, Qualitätsbeauftragte und Sicherheitsmanager eingesetzt. Alles für die kollektive Illusion, dass die Dinge kontrolliert, qualitativ hochwertig, immer noch effizienter, am besten völlig frei von Risiken ablaufen. Alles im Griff. Lieber Vorratsdatenspeicherung.

Diagnose: Wir leben in Gesellschaften mit hypochondrischen, ängstlich-zwanghaften Anwandlungen. Wir sind dem Optimierungs-, Vereinheitlichungs- und Beschleunigungswahn verfallen und gierig nach Kontrolle, Sicherheit und immerwährender Steigerung – aber singen zugleich das Hohelied auf Freiheit, Vertrauen und die offene Gesellschaft. Passt das noch zusammen? Und kann das auf Dauer gutgehen? Wohl kaum. Es steht zu befürchten, dass diese eklatanten Widersprüche gewaltige gesellschaftliche Perforationslinien erzeugt haben. Durch zunehmende Kontrollversuche der demokratischen Institutionen mittels allerlei Sicherheitsbefugnissen, Überwachung und Notstandsverordnungen droht den westlichen Demokratien zunehmend die Kontrolle über sich selbst zu entgleiten.

Überzogene Kontrollversuche und Machbarkeitsillusionen ohne rechtes Maß erhöhen massiv die Wahrscheinlichkeit für das, was sie versuchen zu verhindern: den Kontrollverlust. Wer Angst vor Panikattacken hat, beobachtet ängstlich seinen Organismus, versucht, die Angst zu kontrollieren. Dabei droht die Psyche in eine Art ›Problemtrance‹ hineinzugleiten: Die Wahrnehmung engt sich immer mehr auf mögliche Anzeichen befürchteter Gefahren ein. Anderes wird völlig ausgeblendet. Man will keine Anzeichen drohenden Unheils übersehen – und übersieht dabei so vieles. Ist der Herzschlag noch in Ordnung? Wo kommt dieses übermäßige Schwitzen her? Warum ist meine Atmung so schnell? Kontrolle! Kontrolle! Die Angst vor der Angst sitzt einem fest im Nacken, pumpt mehr und mehr Adrenalin ins Blut, optimiert den Organismus für Aggression und Kampf. Aber gegen wen? Irgendwas, irgendwer wird sich vielleicht finden! Oder Flucht und Wegducken! Aber wohin? Die Angst vor der Angst engt die Wahrnehmung immer weiter ein, das Adrenalin heizt das Herz zunehmend an, lässt die Atmung verflachen, verstärkt das Schwitzen, zieht das Blut aus der Hirnrinde ab, also von dort, wo das ruhige, besonnene Denken beheimatet ist, schaltet dadurch den Verstand aus. »Oh Gott, es passiert! Kontrollverlust!“

Und schon ist sie da, die Panikattacke.

Wenn die Sucht nach Sicherheit in einem Menschen oder einer Gesellschaft einmal fußgefasst hat, engt sich die Wahrnehmung auf die Erwartung von allerlei Ungemach ein: Terroranschläge, Gefahren durch den Zuzug von Ausländern, die Angst vor dem persönlichen oder staatlichen Kontrollverlust.

Paradoxerweise werden wahrhaft bedrohliche, aber meist längerfristige Entwicklungen durch die Sucht nach Sicherheit und Kontrolle dann völlig verschlafen: Automatisierung der Arbeitswelt, Rundumüberwachung und Verlust jeglicher Privatsphäre, Krise der Demokratie, Kasino-Kapitalismus, Klimawandel und Anstieg der Meeresspiegel, Artensterben, Ausbreitung der Wüsten. Gewissermaßen kommen die Indianer dann andernorts über die Hügel, aus unerwarteter Richtung, und werden erst bemerkt, wenn sie einen vollständig umzingelt haben: »… das haben wir nicht kommen sehen … das konnte doch niemand ahnen …« heißt es dann gerne. Vor lauter Ängsten werden immer wieder die vielen realen Fehlentwicklungen ausgeblendet und tatsächlich aufziehende Krisen regelrecht verschlafen.

Sie brauchen bei solcherlei Irrsinn nicht mitmachen. Halten Sie Ihre eigenen Befürchtungen immer etwas auf Distanz, steigern Sie sich nicht in sie hinein, nehmen Sie sie nicht zu ernst. Dann bleibt Ihrem Verstand genug Luft, um sich rechtzeitig den tatsächlichen Fehlentwicklungen zuzuwenden und mancher Krise bereits im Frühstadium erfolgreich zu begegnen. Denn Ängste sind nur dann gefährlich, wenn sie fahrlässig auf die Begleitung durch den Verstand verzichten.

Sicherheit finden in einer unsicheren Welt

Angst hat zahlreiche Quellen und kommt auf viele Arten in die Welt. So entsteht sie beispielsweise da, wo das Bekannte in sich zusammenstürzt, das Heimliche dem Unbekannten, Unheimlichen weicht. Damit ist Angst ein typisches Schwellengefühl, tritt auf in Grauzonen zwischen Altem und Neuem, in Zeiten der Verwandlung und gesellschaftlichen Übergänge. Sie ist ein Indikator für Krisenzeiten. Schwellen als Zeiten der Verwandlung schmerzen – unvermeidlich. Die alte Ordnung kollabiert vor unser aller Augen. Die Angst motiviert viele, das Alte, unweigerlich zusammenbrechende, immer verzweifelter festzuhalten – was töricht und gefährlich ist. Dabei kann Angst auch ein großartiger Quell des Kreativen, Mutigen und Neuen sein. Wir dürfen unsere Ängste nutzen, anstatt an Ihnen zu verzweifeln, vor ihnen wegzulaufen oder sie zu betäuben. Ohne Angst würden wir im immergleichen, alten Muff ersticken. Ohne Angst wären wir verloren und den dann unweigerlich hereinbrechenden Katastrophen ausgeliefert. Angst kann das Alte Denken aus seiner Benommenheit befreien. Angst liefert das energetische Potential, um Krisen zu überwinden und das Neue zu erschaffen. Wer sich von Ängsten nicht lähmen lassen will und sie stattdessen nutzen möchte, sollte sie nicht als unerwünschte Störung verstehen, sondern bereitwillig als völlig normalen Teil der Existenz annehmen.

Für das Leben in einer sich immer schneller wandelnden, teils chaotischen Welt braucht es einen klaren Verstand, der sich von Ängsten nicht wund machen lässt, sich nicht panisch in die Irre führen oder gar vollständig blockieren lässt. Der mutige Umgang mit diffusen Gefahren ist Vielen in den westlichen Gesellschaften leider abhandengekommen. Der postmoderne Mensch ist oft übermäßig von Ängsten besiedelt, entscheidungsüberfrachtet und auf Risikominimierung getrimmt: ein Kontrolletti mit verunsicherter Identität und zunehmend unklaren Wertvorstellungen. Wunderbare Voraussetzungen für die weitere Anzucht großer und kleiner Krisen aller Art. Knifflige Arbeitsbedingungen für die Ratio.

Heute kann der Verstand schnell von medialen, gesellschaftlichen Strömen der Beunruhigung fortgerissen werden. Da ist es ratsam, manch aufziehenden Affekt lieber erstmal wegzuatmen, bevor man dem Chaos sein Nervenkostüm als fruchtbaren Boden für die dauerhafte Aufzucht von Krisen anbietet.

Es ist eine echte Herausforderung und mag in Krisen auf den ersten Blick anmuten wie die Quadratur des Kreises. Möglich ist es dennoch: das Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit und Identität in einer krisenhaften Welt. Wer sich danach sehnt, darf nicht im Außen suchen, und schon gar nicht mit Rufen nach immer mehr äußerer Kontrolle und Grenzziehung danach gieren. Damit werden nur die bereits beschrieben Teufelskreise weiter angeheizt. Sicherheit in einer sich immer schneller wandelnden Welt kann nur im Inneren gefunden werden. Aber wie bekommt man das hin?

Es ist empfehlenswert, gelegentlich eine mutige und ehrliche Exkursion zu den eigenen Ängsten zu unternehmen: Wie lauten meine offenkundigen, wie meine geheimen Ängste? Sind sie begründet? Wie gehe ich bislang mit diffuser äußerer Bedrohlichkeit um? Jeder von uns hat hilfreiche Fähigkeiten und Erfahrungen, auf die er zurückgreifen kann: Was entspannt mich? Wie beruhige ich mich gewöhnlich? Was ist der angenehmste Gedanke, den ich mir über mich selbst in dieser Welt sagen kann? Was in meiner persönlichen, kleinen Welt darf sich ruhig ändern? Was darf bleiben wie es ist? Seien Sie in Krisenzeiten bereit, Unsicherheiten und Vieldeutigkeit stoisch auszuhalten, wenn es eben keine eindeutig verlässlichen Informationen gibt. Tasten Sie sich mutig voran. Verschließen Sie sich jeder Form von Angstmache und Hetze.

Das mit der Angst wird früher oder später immer wieder besser. Mit Sicherheit.

»Et hät noch immer jot jejange.« Kölsche Redensart

Quelle:

Stefan Junker, Dr. phil., geboren 1975, studierte einige Semester Mathematik und internationale Politik und wurde schließlich Psychologe. Seit 2004 schult er Menschen darin, wie man sich vor Manipulation und Beeinflussung schützen kann. Als Wissenschaftler galt seine Leidenschaft Forschungen zu Hypnose und Suggestionen. 2005 wurde er mit dem Georg-Gottlob-Studienpreis für angewandte Psychologie ausgezeichnet. Heute lebt und arbeitet er bei Heidelberg und lehrt dort bei der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie (IGST). Er berät politische Institutionen, Unternehmen, Organisationen und Entscheidungsträger in Fragen des Umgangs mit Krisen. Daneben ist er als Psychotherapeut, Supervisor und Coach niedergelassen.

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