Neurobiologische Grundlagen für Coaching und Beratung

Was sollte ein Coach über die Hirnforschung wissen?

Als ich mir das Buch besorgte, hatte ich große Erwartungen. Kurz zuvor hörte ich Prof. Dr. Gerhard Roth in einem Vortrag darüber sprechen, in welchen Arealen unseres Gehirns die Persönlichkeit wohl lokalisiert sei und wann die entsprechenden Entwicklungen weitgehend abgeschlossen sind. Das Vier-Ebenen-Modell, das er in diesem Zusammenhang vorstellte, hoffte ich auch in diesem Buch wiederzufinden. (Hier können Sie es sich anschauen: Das Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit.) Da mich nun vor allem die Frage beschäftigt, wie bzw. inwieweit Menschen sich überhaupt verändern können, suchte ich in diesem Buch nach weiteren Antworten darauf.

Die beiden einleitenden Kapitel, in denen es ums Coaching und die Grenzziehung zur Psychotherapie ging, hatte ich schnell gelesen. Was ist Coaching? Welche Ziele hat es? Welche Ansätze gibt es? Worin unterscheiden diese sich? Und so weiter… Neu war für mich der Begriff „Development Coaching“ (Entwicklungscoaching), der wohl korrekt bezeichnet, was ich im Rahmen einer Beratung tue. Hierbei handelt es sich um eine spezielle Form des Einzelcoachings, bei der eine ganzheitliche Perspektive mit explizitem Bezug auf die Persönlichkeit sowie die Lebensthemen der Coachees eingenommen wird.

Beeindruckt hat mich dann aber vor allem die klare Abgrenzung zur Psychotherapie, die bekanntlich (nicht nur) einigen Coachs Schwierigkeiten bereitet. So werden psychische Störungen (nach Benecke, 2014) definiert durch das Auftreten von bestimmten Symptomen (Dauer, Anzahl, Schweregrad). Sofern „lediglich“ pathologische Veränderungen vorliegen, die nicht zu Symptomen führen, wird demnach nicht von einer psychischen Krankheit gesprochen, sondern allenfalls von einer Krankheitsdisposition. Ist hingegen der Leidensdruck auf der Ebene des Fühlens, Erlebens und/oder in Beziehungen stark ausgeprägt bzw. sind bereits psychische und/oder körperliche Beinträchtigungen bzw. Erkrankungen oder Symptome zu erkennen, die therapeutisch behandelt werden sollten, kommt das Coaching an seine Grenzen. Folglich wäre dann eine Psychotherapie zu empfehlen.

Irritiert hat mich lediglich die Tabelle auf den Seiten 58 und 59. Zwar weiß ich nicht, ob die Autoren sämtlichen Inhalten zustimmen, jedenfalls tue ich es nicht ohne Weiteres. So könnte man bspw. daraus ablesen, dass Menschen, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen, „keine ausreichend stabilen, verlässlichen und ermutigenden verinnerlichten Elternfiguren“ haben, was für die Entstehung vieler Störungsbildern m. E. allerdings kaum relevant ist. Ebenso wurde darauf hingewiesen, dass Coachees „stabile, verlässliche und ermutigende verinnerlichte Elternfiguren“ haben müssten. Hierbei frage ich mich, wie man das verlässlich ad hoc feststellen kann? Des Weiteren (und hier wird mein Widerspruch noch deutlicher) steht unter „Beziehungsqualität innerhalb des Prozesses“, dass ein Coach auf „seine inneren Eltern und positive frühe Beziehungserfahrungen aufbauen kann“. Was ist nun aber, wenn diese ersten Beziehungserfahrungen NICHT POSITIV waren? Sollte der- oder diejenige dann nicht als Coach tätig werden dürfen, selbst dann nicht, wenn diese Erlebnisse aufgearbeitet bzw. im therapeutischen Kontext (Selbsterfahrung) reflektiert wurden? Die weiteren Ausführungen in diesem Abschnitt (abgesehen von den angesprochenen Punkten dieser Tabelle) habe ich hingegen als stimmig empfunden, und sie sind sehr hilfreich, um sich im professionellen Sinne klar zu positionieren!

Im dritten Kapitel folgten dann die neurobiologischen Grundlagen, die zunächst aber ohne nennenswerten Bezug zur praktischen Beratungstätigkeit dargestellt wurden. Dies geschah erst im Anschluss daran: In den Abschnitten „Persönlichkeit, Psyche und Gehirn“, „Lernen und Gedächtnis“, „Das Unbewusste, das Bewusste und das Vorbewusste“, „Motivation und Veränderbarkeit“ sowie „Bindung und Verstehen“ wurden verschiedenste psychologische Konzepte diskutiert, neurophysiologisch eingeordnet und mit einem Fazit versehen. Inhaltlich konnte ich dem gut folgen und hier und da mein altes Wissen auf angenehme Weise auffrischen.

Obwohl es nicht uninteressant war, daraufhin noch etwas über „Freud und die Psychoanalyse“ oder „Die Hypnotherapie Milton Ericksons und seiner Schüler“ zu erfahren, habe ich mich in diesen Kapiteln gefragt, ob ich noch immer in dem selben Buch lese? Diese Exkursionen in die Geschichte der Psychotherapie wurden zwar hier und da mit ein paar neurobiologischen Anmerkungen versehen, allerdings hat es sich mir bspw. nicht erschlossen, warum längst widerlegte Modelle Freuds in einem Buch mit dem Untertitel „Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte“ so ausführlich dargestellt werden? Aber gut, persönlich bereichernd war es allemal.

Das letzte Kapitel löste den Knoten, der inzwischen in meinem Kopf zu entstehen drohte, zum Glück schnell wieder auf. Zunächst wurde das oben erwähnte Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit nochmals beschrieben und zudem auf die sechs psychoneuralen Grundsysteme eingegangen (1. Stressverarbeitungssystem, 2. internes Beruhigungssystem, 3. internes Bewertungssystem, 4. Impulshemmungssystem, 5. Bindungssystem, 6. Realitätssinn und Risikowahrnehmung). Insbesondere die Darstellung der Ansatzpunkte für Coaching und Therapie, die (miteinander kombiniert) gerade bei tieferliegenden Problemen eine hohe Wirksamkeit versprechen (S. 347-355), hat mir sehr gut gefallen. Gleiches gilt auch für die Aussagen über die spezifischen Wirkfaktoren sowie die möglichen Ansatzpunkte für Problemlösungen. Spannend waren für mich zudem die kritischen Bemerkungen zur Psychotherapieforschung bzw. über den Streit der konkurrierenden Schulen. Der Schlussteil rundet das Werk m. E. somit auf eine wunderbare Weise ab.

Alles in allem hat sich die Lektüre für mich also gelohnt. Obwohl meine Erwartungen nur zum Teil erfüllt wurden, habe ich nicht gerade wenig gelernt. Auch die Auffrischung einiger Modelle, die mir nur noch rudimentär in Erinnerung waren, fand ich sehr schön. Es ist also zu empfehlen, sich diese „neurobiologische Brille“ selbst einmal aufzusetzen! Der lockere – dennoch aber wissenschaftlich fundierte – Schreibstil lädt jedenfalls sehr dazu ein.

Gerhard Roth & Alica Ryba (2016). Coaching, Beratung und Gehirn: Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Klett-Cotta.