Rezension: „Professionalität und Qualität in Beratung und Therapie“ von Cornelia Nussle-Stein

In der Regel lese ich ein Buch, weil mich das Thema interessiert. Manchmal wähle ich es auch aufgrund eines bestimmten Autors bzw. einer Autorin aus. In diesem Fall war es allerdings vor allem eine Fragestellung, die mich dazu veranlasste: Was genau mache ich eigentlich als Psychologischer Berater oder Coach, und wie tue ich das? Warum sich mir eine derartige Frage überhaupt stellt, möchte ich Ihnen gern erläutern:

Obwohl ich seit über zehn Jahren damit beauftragt bin, angehende Psychologische Berater bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie Basiskompetenzen psychotherapeutischer Gesprächsführung und entsprechende Modelle zu vermitteln, bin ich kein Psychotherapeut, sondern „nur“ Diplom-Psychologe. Meine Kenntnisse über die Störungsbilder, wie sie in dem ICD-10 beschrieben werden, fußen weitgehend auf persönlichen Kontakten mit Betroffenen, die ich im Rahmen meiner Beratungstätigkeiten hatte. Psychische Erkrankungen betrachte ich im Großen und Ganzen als dysfunktional gewordene Anpassungsbemühungen des jeweiligen Individuums an eine entsprechende Umwelt bzw. als spezielle Formen der Kontaktstörung (zu sich selbst oder zu anderen Menschen). Mein Beratungsansatz ist systemisch und lösungsorientiert, allerdings ziehe ich im Bedarfsfall Modelle verschiedener psychotherapeutischer Verfahren hinzu, die mir zur Bearbeitung der jeweiligen Problemstellungen geeignet erscheinen.

Die Bezeichnungen „Coach“ und „Psychologischer Berater“ sind nicht geschützt, d.h. dass man sich auch ohne eine fachliche Qualifikation so nennen und entsprechende Dienstleistungen anbieten darf, solange man nicht die Erwartung weckt, man würde sich mit der „Heilung“ psychischer Erkrankungen befassen. Wer das tun möchte, ist klaren gesetzlichen Bestimmungen unterworfen. Was aber bedeutet das? Muss ich bei der Auswahl meiner Klienten/-innen darauf achten, ob sie psychisch stabil bzw. gesund sind? Oder gibt es Methoden, die ich nicht anwenden darf? Beide Fragen sind nicht so leicht zu beantworten.

Bereits in der Einleitung schreibt die Autorin Folgendes: „Während die spezifischen beraterischen und therapeutischen Handlungsweisen bspw. im medizinischen Fachgebiet klar als deren Domäne anerkannt und geschützt werden, sieht sich die Disziplin „Psychologie“ einem Selbstbedienungsladen gleichgesetzt. Konkret zeigt es sich darin, dass ein Sozialarbeiter seine Klienten in fürsorgerischen Belangen berät und gleichzeitig wegen ihren Angststörungen mit „psychologischen“ Interventionen semiprofessionell ‚behandelt‘.“ Grenzüberschreitungen scheinen also keine Ausnahmen zu sein? Um diese zu vermeiden, ist eine professionelle Auftragsabklärung folglich unabdingbar: Woran wollen wir arbeiten bzw. auf welche Probleme fokussieren wir uns in unseren Gesprächen?

Auch ein Psychotherapeut heilt m. E. keine Erkrankungen. Er (oder sie) kann Menschen lediglich dabei unterstützen, Suchprozesse zu initiieren und ihre eigenen Lösungen (bzw. Wege zur Linderung ihrer Symptome) zu finden. So habe ich es jedenfalls bislang verstanden, zumal man andere Menschen nicht einfach verändern kann. Das unterliegt – zumindest dem systemischen Ansatz folgend – den Prinzipien der Selbstorganisation des jeweiligen Individuums. Was ist aber, wenn die psychischen Störungen bereits (vielleicht ohne Erfolg) psychotherapeutisch behandelt wurden und die Probleme im Alltag weiterhin bestehen? Dürfte ich den betroffenen Menschen dann dabei helfen, diese besser in den Griff zu bekommen? Und was mache ich, wenn ich auf Personen treffe, die zwar offensichtlich einen hohen Leidensdruck aufweisen, aber keine Krankheitseinsicht haben? Müsste ich in einem Gespräch nicht behutsam darauf hinweisen, dass ich es für ratsam halte, mit einem Arzt oder Psychotherapeuten zu sprechen, und sie dann wegschicken?

Obwohl es eigentlich klare Kompetenzbereiche und -grenzen gibt, scheinen sich die Handlungsfelder verschiedener Berufsgruppen an vielen Stellen zu überschneiden. Worin die Unterschiede einer pädagogischen, sozialpädagogischen, sozialen, psychosozialen und psychologischen Beratung sowie einer Psychotherapie liegen, macht die Autorin in diesem Buch deutlich. Immer wieder weist sie aber auch auf die Gefahr interdisziplinärer Grenzüberschreitungen hin (Seite 191): „Zu diesem Problem tragen die psychologischen Fachvertreter nicht unwesentlich durch die Haltung bei, dass hochpotente therapeutische Interventionsmethoden unter der moderaten und ‚ungefährlich‘ erscheinenden Dienstleistung ‚Beratung‘ untergeordnet werden. Damit steht einem Zugriff auf diese somit als ‚einfach‘ und ‚harmlos‘ erscheinenden, personenorientierten Veränderungsmethoden durch andere Beratungsfelder oder Laien nichts im Wege – Tür und Tor sind offen für Grenzüberschreitungen im ‚Selbstbedienungsladen Psychologie‘.“ Machen Klienten negative Erfahrungen, weil die Anforderungen an die Dienstleistung weit über der Wissens- und Methodenkompetenz des jeweiligen Beraters liegt, trägt dies leicht dazu bei, dass die (oftmals uneindeutig definierte) Professionalität psychologischer Beratungsangebote einen Imageschaden erleidet. Weitere unerwünschte Nebenwirkungen sind nicht auszuschließen.

Dieses Buch hat mir dabei geholfen, meine berufliche Rolle kritisch zu hinterfragen und die Kriterien hinsichtlich der Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen klarer formulieren zu können. Wodurch zeichnet sich Professionalität in den verschiedenen Formen der Beratung oder in einer Therapie aus? Wie lässt sich ‚Qualität‘ messen bzw. gewährleisten? Sollten Sie sich diese Fragen auch stellen, dann sei Ihnen die Lektüre sehr empfohlen!

Quelle:

  • Cornelia Nussle-Stein (2006). Professionalität und Qualität in Beratung und Therapie. Eine disziplinen- und theorie/praxisübergreifende Betrachtung. Haupt Verlag.