„Es ist wichtig, dem eigenen Gefühl zu folgen!“

Einige Menschen neigen zu einem rücksichtslosen Ausagieren ihrer Gefühle, scheinbar ohne dabei auf die Konsequenzen zu achten. Sie sind launisch bzw. tendieren zu extremen Stimmungsschwankungen, zu Wutausbrüchen oder zu einer Überempfindlichkeit gegen Kritik. Damit einhergehen können irrationale Verlust- und Trennungsängste, die eine mangelnde Selbstkontrolle weiter begünstigen. Die Angst davor, nicht „gesehen“ und angenommen zu werden, kann heftige Emotionen erzeugen, denen die Betroffenen sich dann oftmals nahezu bedingungslos ausgeliefert fühlen.

Haben Sie Ihre Emotionen (wirklich immer) im Griff?

Nun werden Sie vielleicht denken, dass es nun einmal Menschen gibt, die sich bzw. ihre Emotionen nicht im Griff haben. Aber wenn wir ehrlich sind, scheint es wohl in unserer Natur zu liegen, dass wir uns eben nicht immer vernünftig (oder „rational“) verhalten. Oder verlieren Sie etwa niemals die Fassung?

  • Können Sie mit dem Motto („Es ist wichtig, dem eigenen Gefühl zu folgen!“) etwas anfangen?
  • In welchen Situationen neigen Sie zur Impulsivität?

Emotionale Erst- und Zweitreaktion (nach Kuhl, 2001)

Bei der emotionalen Erstreaktion treten Emotionen spontan auf (abhängig vom Temperament, den vorherrschenden Motiven, den konditionierten Reaktionsmustern etc.). Die Zweitreaktion stellt sich aufgrund einer (mehr oder weniger) bewussten Affektregulation ein.

Wie kann es nun aber gelingen, eine Lücke zwischen Reiz und Reaktion zu entdecken, um dysfunktionale (Verhaltens-)Impulse besser zu kontrollieren und das Selbsterleben von den Inhalten negativer Gedanken bzw. Gefühle (im Sinne einer Entschmelzung oder Defusion) loszulösen? Wie lassen sich jene Strategien der Emotionsregulation erlernen (z.B. Selbstberuhigung, Selbstmotivation etc.), die vielleicht eher zu einer gelingenden Kommunikation beitragen und dem Individuum somit eine funktionale Selbststeuerung ermöglichen?

Anregung zur Selbstreflexion

Betrachten Sie nun das Bild des norwegischen Künstlers Manfred Evertz und beantworten Sie die folgenden Fragen. Sollten Ihnen einige der Fragen eventuell unsinnig oder wenig passend erscheinen, dann überspringen Sie diese bitte einfach.

Manfred Evertz

  • Was löst dieses Bild bei Ihnen aus (Gefühle, Gedanken, Impulse)?
  • Gibt es einen bestimmten Menschen (oder mehrere), an den (oder die) Sie bei diesem Bild denken?
  • In welcher Beziehung stehen Sie zu der Person, die Sie auf dem Bild sehen?
  • Wenn Sie mit ihr sprechen könnten, was würden Sie ihr mitteilen? Welchen Rat würden Sie der Person geben?

In der therapeutischen Arbeit geht es oftmals darum, die Klienten darin zu unterstützen, wieder handlungsfähig zu werden und ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen. Dafür ist es hilfreich, konkrete Handlungspläne zu entwickeln, die allerdings ein Bewusstsein dahingehend voraussetzen, dass überhaupt Möglichkeiten zur Einflussnahme bestehen. Mit den folgenden Fragen lassen sich diese oftmals ganz gut herausarbeiten.

a) Fragen zur Interaktion

  • Denken Sie bitte einmal an eine typische Konfliktsituation, in der Sie sich von diesem Motto („Es ist wichtig, dem eigenen Gefühl zu folgen“) haben leiten lassen. Versetzen Sie sich dann einmal in die Lage Ihres Gegenübers und versuchen Sie, die Begebenheiten aus dessen Position heraus zu beschreiben? Was fühlen Sie? Was denken Sie? Welche Impulse können Sie spüren?
  • Wie hätten Sie sich verhalten müssen, um den Konflikt zu deeskalieren? Wie könnten Sie das so tun, dass es sich für Sie stimmig anfühlt?
  • In welchen Situationen ist Ihnen das bereits gelungen? Wie genau ist Ihnen das gelungen? Was haben Sie konkret getan? Was hat Ihnen dabei geholfen?

b) Fähigkeiten

  • Wenn Sie der Person auf dem Bild eine besondere Fähigkeit verleihen könnten, welche wäre das?
  • Wann haben Sie selbst diese Fähigkeit das letzte Mal erfolgreich unter Beweis gestellt?
  • Wie haben Sie das geschafft?
  • Wie können Sie diese Fähigkeit bei sich selbst weiter stärken?

c) Veränderung zum Positiven

  • Wenn Sie etwas auf dem Bild verändern könnten, was wäre das?
  • Woran würden Sie es bemerken, wenn sich eine solche Veränderung in der Wirklichkeit vollzöge?
  • Wie könnten Sie eine solche Veränderung durch Ihr eigenes Verhalten begünstigen?
  • Angenommen, Sie sehen keine Möglichkeit, dass eine solche Veränderung stattfindet, was könnte Ihre Situation so verändern, dass sie sich wenigstens annähernd in diese Richtung entwickelt?

Das waren nun wirklich viele Fragen. Allerdings tönte es nicht ohne Grund bereits in der Sesamstraße: „Wer, wie, was, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ Fassen Sie Ihre Antworten also nochmals kurz zusammen:

  • Was haben Ihnen diese Fragen aufgezeigt?
  • Was davon möchten Sie künftig mal ausprobieren?

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Prof. Dr. Julius Kuhl (siehe Interview): „Es wird immer wieder vergessen, dass Menschen nicht zwangsläufig ihrem vorherrschenden Persönlichkeitsstil ausgeliefert sind. Persönlichkeitsstile beschreiben die typische Erstreaktion einer Person: wie stark sie dazu neigt, in neuen Situation ängstlich, extravertiert, analytisch etc. zu reagieren. Menschen unterscheiden sich aber nicht nur in solchen Erstreaktionen, sondern auch darin, ob sie ihre Erstreaktion bei Bedarf regulieren können, z.B. ob ein ängstlicher Mensch seine Ängstlichkeit herunterregulieren kann, wenn er das für angemessen hält. Diese Zweitreaktion hängt also maßgeblich von Selbststeuerungskompetenzen ab, z.B. davon, wie gut man sich motivieren oder beruhigen kann, wann immer man das für angemessen und sinnvoll hält.“

Literaturhinweis:

  • Kuhl, Julius (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme. Hogrefe.