Prof. Dr. Sven Barnow – Das verlorene Selbst

Prof. Dr. Sven Barnow

Das verlorene Selbst scheint mir eine gute Metapher für den Zustand zu sein, der dadurch charakterisiert ist, eigene bewusste und unbewusste Bedürfnisse und Ziele zu vernachlässigen und sich den internalisierten kritischen Aussagen ehemals wichtiger Bezugspersonen zu unterwerfen. Ich möchte meinen Text auf die Anfrage von Herrn Rainer Müller, wie sich das verlorene Selbst wiederfinden lässt, mit einer eigenen Erfahrung beginnen: So war ich einige Zeit, u.a. konditioniert durch die universitären Strukturen, der Überzeugung, dass vor allem die Quantität der Forschung, Drittmittel usw. etwas über meine Forschungsleistung preisgeben würde. Ich spürte dabei erst einmal nicht, wie wenig befriedigend das für mich war und wie ich zunehmend darunter litt, eine gewisse Tiefe und das Durchdringen aufgeben zu müssen, um „Masse“ zu erreichen und den Anforderungen anderer gerecht zu werden (natürlich spielten dabei auch meine impliziten Wünsche nach Anerkennung und gemocht werden eine Rolle). Explizite Impulse (Du musst möglichst viel produzieren um die nötige wissenschaftliche Anerkennung zu bekommen) standen diametral meinen impliziten Bedürfnissen nach Gewissenhaftigkeit, Wunsch nach Tiefe, Reflektion und Durchdringung einer Thematik entgegen. Wäre mir dieser Widerspruch nicht deutlich geworden und hätte ich nicht Verhaltensänderungen vollzogen, wären existentielle Ängste (als Folge eines als nicht sinnvoll erlebten Lebensentwurfs), Anhaftung und die Zunahme negativer Affekte (v.a. Leere) nicht zu erwarten gewesen? Denn eine auf Hektik und Quantität ausgerichtete Lebensführung kann niemals die Bedürfnisse nach Tiefe, Einheit und Harmonie kompensieren.

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Gemäß der Phänomenologen wie u.a. Husserl und Jaspers, ist das Bewusstsein (und das schließt auch Emotionen ein) intentional, wobei mit intentional „auf etwas ausgerichtet sein“ gemeint ist. Bewusstsein ist damit nicht ein inhärentes, für sich abgeschlossenes System, das biologisch determiniert ist, sondern steht immer im Zusammenhang mit dem Sein, also der äußeren Welt. Eine starke Ausrichtung auf den inneren Kritiker (implizit) mit möglicherweise internalisierten, übermäßig kritischen „Erfahrungs-Objekten“ sowie auf falsche (konditionierte?) Zielhierarchien, ist meiner Auffassung nach das Grundübel des verlorenen Selbst. Die damit einhergehenden negativen Affekte tragen schließlich dazu bei, dass u.a. stimmungskongruente Erinnerungen mehr und mehr abgerufen werden. Eine interessante Untersuchung konnte beispielsweise zeigen, dass unter negativem Affekt v.a. die Erinnerungen an positive Ereignisse signifikant abnahmen, während negative Gedächtnisinhalte nicht zwangsläufig häufiger abgerufen wurden. Dabei erfolgte die Induktion über hypnotherapeutische Techniken, um bewusste Bewertungen auszuschließen. (Diese und andere spannende Befunde kann man im Buch der Autoren David Fewtrell und Kieron O’Connor: Clinical Phenomenology and Cognitive Psychology, Routledge, 2014 nachlesen).

Um das verlorene Selbst also wieder zu finden sehe ich mindestens fünf Schritte als unumgänglich an:

  1. Als erstes muss die Diskrepanz zwischen explizitem und implizitem, wie Kuhl es nennt, „Freiheitsmotiv“ deutlich werden. Das erfordert ein Innehalten, ein bewusstes sich Herausnehmen aus Hektik und Aktivität. Eine gute Technik hierzu ist das Abschreiten einer imaginierten „Biografie-Linie“, vor allem das imaginäre Voranschreiten (bspw. in eine Zukunft, die 5 Jahre entfernt liegt). „Wenn alles so bliebe, wie fühlte sich das an?“ „Was müsste auf dem Weg geschehen, um das Selbst wieder zu finden?“ „Wo oder wann ist es verloren gegangen?“ Man kann das auch grafisch machen, aber meiner Erfahrung nach ist das sich in „Raum und Zeit bewegen“ emotionaler und löst mehr Gefühle bei den jeweiligen Patient/innen aus, zumindest wenn man beharrlich bleibt und diese eine Weile in dieser Übung hält.
  2. Distanzierung vom Negativen Affekt: Das Problem des zunehmenden negativen Affekts, aber vor allem das Verloren gehen positiver Gefühle (ich verwende die Begriffe Affekt und Gefühle hier synonym, was wissenschaftlich nicht ganz korrekt ist) muss erfahren und wiedererlebt werden. Dies ist nur durch eine emotionale Prozessierung möglich (nicht jedoch über rein kognitives Reflektieren, wobei der sokratische Dialog, richtig angewendet, in diesem Kontext sehr hilfreich sein kann). Negative Gefühle, die mit dem verlorenen Selbst einhergehen, müssen auch in der therapeutischen Sitzung erfahren werden, aber nicht nur im Sinne einer Katharsis, sondern vor allem mit dem Ziel, diesen Verlust zu betrauern und Wünsche der Veränderung daraus abzuleiten (Techniken: Imagination, Body Scan oder andere emotionsfokussierende Verfahren).
  3. Die Intentionalität (Ausgerichtet-Sein) des Bewusstseins muss dem/der Patient/in deutlich gemacht werden, beispielsweise über Techniken der Camouflage, Achtsamkeitsübungen und Phänomenologie, also dem genauen Beschreiben subjektiver und objektiver Merkmale bspw. „schöner Momente“. Ich experimentiere hier auch mit der Fotografie (eine große Leidenschaft von mir), wie das geht kann man im letzten Kapitel meines Buches Psychologie der Fotografie nachlesen.
  4. Stärkung des Selbst über bewusst gewählte interpersonelle Kontakte: „Wer tut mir gut, wer nicht?“; „Wie viel Zeit verbringe ich mit dem einen oder der anderen und warum?“ Liebe als Schlüssel für das Problem ist mir in diesem Kontext zu oberflächlich, ein Nachbeeltern kann und sollte in der Therapie jedoch stattfinden. Ein überzogener Anspruch, dass andere liebevoll mit mir umgehen (müssen) führt nur zu Problemen (außer in der Partnerschaft, wo das eine grundlegende Voraussetzung ist). Aus kognitiver Sicht sind solche absolutistischen Überzeugungen (wie u.a. „andere müssen fair zu mir sein“, „es muss gerecht zugehen“, usw.) höchst problematisch, zumindest, wenn diese sehr rigide sind. Denn sie führen zwangsläufig zu Frustrationen und Verbitterung, wenn erfahren wird, dass die Welt eben nicht gerecht und nicht immer kontrollierbar ist oder andere sich nicht sozial und freundlich verhalten. Aus Emotionsregulationsperspektive führen solche Überzeugungen fast immer zu Externalisierungen (andere, die Politik usw. sind Schuld an meiner Misere) und lähmen eigenverantwortliches Handeln und Fühlen. Das Selbst kann sich nicht finden in seiner Beziehung zu anderen und die Intentionalität des Bewusstseins ist ausschließlich auf negatives, feindliches, problematisches ausgerichtet, was, um es mit Heideggers Worten zu sagen irgendwann ein Gefühl der „Unheimlichkeit“ nach sich ziehen mag.
  5. Training der Emotionsregulation, vor allem der Flexibilität der Emotionsregulationsstrategien, wie wir das hier in Heidelberg mit dem von uns entwickelten Emotionsregulationstraining „Gefühle im Griff“ (Barnow, 2013, Springer Verlag) versuchen, für das es inzwischen auch ein Handbuch für Therapeut/innen gibt (Barnow, Reichelt, Sauer, 2016, Springer). Dies kann helfen ein Metawissen zu Emotionsregulation zu erlangen, das eine flexible Verwendung verschiedener Strategien und Techniken ermöglicht, um Gefühle so zu regulieren, dass sich das Selbst mit sich und in sozialen Situationen wohl fühlt. Es geht also nicht um eine übermäßige Kontrolle emotionaler Episoden. Wir bieten ein Training für Therapeuten/innen an, Informationen hierzu auf unserer Ambulanzseite (http://www.hochschulambulanz.uni-hd.de/index.html) und unter kirstin.huebgen@psychologie.uni-heidelberg.de.

Letztendlich bestimmt das Sein das Bewusstsein, hier bin ich ganz Verhaltenstherapeut, Reflektionen ohne Verhaltensänderungen bewirken gar nichts. Oft benötigen Personen, die sich auf ihr Selbst nicht mehr verlassen können, Hilfe bei der Strukturierung eigener Ziele und Zeitfenster.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Text den Blog von Rainer Müller bereichern konnte. Seine Initiativen und sein Engagement sind wunderbar erfrischend und wir brauchen diese Diskussionen (durchaus im Internet und bitte auch ohne Facebook, das ich selbst nicht nutze, genau aus dem Grund der individuellen Freiheit, die ich mir nicht nehmen lassen will). Aber ein Blog mit anspruchsvollen Diskussionen wie diese, der um sich greift und an dem sich viele Kolleg/innen und Interessierte beteiligen, ist doch fantastisch. Ich würde ihn regelmäßig besuchen und mitdiskutieren. Vielleicht besteht ja auch Interesse an einer überregionalen Tagung zur Diskussion zu diesem Thema: Das verlorene Selbst? In der jede/r einen Beitrag leisten kann der/die möchte und es um wirklichen Austausch und Diskussion geht? Lassen sie mich wissen, wenn das auf Interesse stößt.

Herzliche Grüße aus Heidelberg

Sven Barnow

https://klips-heidelberg.de/personen/professoren/prof-dr-sven-barnow/zur-person

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Literatur:

  • Barnow, S. (2013). Gefühle im Griff. Springer 2. Auflage
  • Barnow, S., Reinelt, E. & Sauer, Ch. (2016). Emotionsregulation: Manual und Materialien für Trainer und Therapeuten (Psychotherapie: Praxis). Springer
  • Barnow, S. (2016). Psychologie der Fotografie. Kopf oder Bauch. dpunkt, hier speziell Kapitel 9 S. 127-133.
  • Fewtrell, D. und O’Connor, K. (2014). Clinical Phenomenology and Cognitive Psychology. Routledge.

Prof. Dr. Sven Barnow ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und approbierter Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie). Er hat viele Jahre lang eine Psychotherapiestation zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen geleitet und sich hier vor allem mit der Borderline Persönlichkeitsstörung auseinandergesetzt.  Außerdem untersucht er im Rahmen einer längsschnittlich angelegten Familienstudie, inwieweit sich Emotionsregulation auf das psychische Wohlergehen auswirkt. Für seine Forschungsleistungen hat er mehrere Auszeichnungen/Stipendien erhalten, u.a. das Krupp von Bohlen und Halbach Stipendium für herausragende Nachwuchswissenschaftler (Forschung an der UCLA, San Diego), einen Bayer Award für seine Publikation (gemeinsam mit Michael Linden) zu Alterssuizidalität, ein Marsilius Fellowship (im Rahmen der Exzellenzinitiative). Er hat mehrere Berufungen als Sachverständiger (u.a. für BMG, Wissenschaftsrat, AQ) erhalten. Er ist u.a. Mitglied der DGPs, der DPHs und weiterer Organisationen und Beiräte wiss. Zeitschriften. Prof. Barnow ist zudem leidenschaftlicher Fotograf und hat hierzu ein Buch geschrieben in dem er die Psychologie mit der Fotografie zu verbinden versucht (Psychologie der Fotografie, dpunkt). Außerdem wurden seine Fotografien u.a. bei Leica in Wetzlar, Schloss Arenberg (Salzburg) und anderen Galerien ausgestellt.