Rezension: „Bin ich psycho … oder geht das von alleine weg?“ von Josef Aldenhoff

„Mit psychischen Erkrankungen habe ich nichts zu tun!“ Wenn Sie das von sich sagen können, ist bei Ihnen wahrscheinlich alles wunderbar. Sollten Sie aber daran zweifeln, dann empfehle ich Ihnen dieses Buch:

Bin ich psycho - oder geht das von alleine wegIn „Bin ich psycho … oder geht das von alleine weg?“ klärt der Psychotherapeut Prof. Dr. Josef Aldenhoff in einer leicht verständlichen Sprache über die grundlegenden Reaktionsformen unserer Seele auf und geht der Frage nach, ob das, was man empfindet, denkt und wahrnimmt normal, noch normal oder bereits pathologisch ist, und wie man damit umgehen kann? Dabei orientiert er sich an jenen Empfindungen und Wahrnehmungen, mit denen die betroffenen Menschen sich konfrontiert und oftmals allein gelassen fühlen. Auf behutsame Weise versucht er den schmalen Grat zu benennen, der zwischen einer psychischen Eigenart und einer ernsthaften Erkrankung liegt, gibt Hinweise darauf, ab wann es sinnvoll ist, welche Art von Hilfe in Anspruch zu nehmen (auch in Form von Medikamenten), und fühlt sich dabei auf beeindruckende Weise in die jeweilige Erlebnis- und Gedankenwelt ein.

Die einzelnen Kapitel befassen sich mit Ängsten, Depressionen, Wochenbettdepressionen, Suizidalität, bipolaren und somatoformen Störungen, Psychosen, Traumata, Zwängen, Schmerzen, Schlaf- und Essstörungen, Problemen in der Partnerschaft, dem Altern und Abhängigkeiten. Nicht jedes dieser Themen wird jeden Leser gleichermaßen interessieren, da man es zum Glück in den seltensten Fällen mit allen Problemen auf einmal zu tun haben wird. So kann man also bedenkenlos verschiedene Abschnitte überspringen und sie für den Fall der Fälle im Hinterkopf behalten.

Besonders interessant sind m. E. die Erläuterungen zur Zwangsunterbringung und Therapie, die gerade jenen Menschen, die sich noch nie damit befassen mussten, viele Unsicherheiten nehmen können. Immer wieder gibt der Autor klare Hilfestellungen und spricht Empfehlungen aus, die in kritischen Situationen nützlich sind, wie zum Beispiel dann, wenn man sich in seinen Psychotherapeuten verliebt. Auch sehe ich in diesem Buch einen gelungenen Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Störungsbilder. Traumatisierungen sind nämlich keine Seltenheit und die Reaktionen darauf sehr menschlich und dementsprechend verständlich, ebenso wie die durch sie bedingten Krankheiten (Posttraumatische Stresserkrankung, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline etc.). Mit dem nötigen Respekt und Feingefühl vermittelt der erfahrene Psychotherapeut dem Befremdlichen und manchmal Bedrohlichen einen Hauch von Normalität.

In einem über 50 Seiten umfassenden Glossar werden anschließend viele der Begriffe auf sehr anschauliche Weise erläutert, die im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen (können). Auch dieser Abschnitt ist sowohl für Betroffene wie auch für Angehörige und Menschen, die in helfenden Berufen tätig sind, eine Bereicherung. Die Erklärungen sind fachlich präzise, dennoch aber auch für Laien gut zu verstehen und bestechen durch einen lockeren, unterhaltsamen Schreibstil, der trotz der Ernsthaftigkeit des Themas an keiner Stelle respektlos wirkt.

Eine Übersicht über jene Medikamente, die der Autor in der Psychiatrie für unverzichtbar hält, rundet das Werk ab. Hilfreich finde ich deren Sortierung nach Störungsbildern und die Benennung der Nebenwirkungen sowie der jeweiligen Besonderheiten. Allein schon dieser Abschnitt macht das Buch auch für Menschen interessant, die sich beruflich (außerhalb eines therapeutischen Kontextes) mit psychischen Erkrankungen befassen oder mit Betroffenen arbeiten (z.B. im Rahmen der beruflichen Rehabilitation oder Wiedereingliederung).

Fazit: Dieses Buch ist eine großartige Hilfe für alle, die sich im Diagnosen-Dschungel zurechtfinden möchten und eine Antwort auf die Frage suchen, ab wann man denn nun eigentlich wirklich „psycho“ ist, wie sich das anfühlt und was man dann tun kann?!