Rezension: „Erfolgreich führen mit Resilienz“ von Katharina Maehrlein

Katharina Maehrlein - Erfolgreich führen mit ResilienzWas können Vorgesetzte tun, um psychischen Erkrankungen ihrer Mitarbeiter entgegenzuwirken und gleichzeitig selbst besser mit den Anforderungen der modernen Arbeitswelt zurechtzukommen? In diesem Buch ist es Katharina Maehrlein ausgezeichnet gelungen, sich in die schwierige Lage von Führungskräften einzufühlen und ihnen einen Weg aufzuzeigen, sich durch mehr Achtsamkeit zu stärken. Der Titel ist m. E. zwar etwas irreführend, da sie vor allem dazu anleitet, die eigene Resilienz durch Achtsamkeitsmeditation zu fördern, und es im Schlussteil in erster Linie um die Vorteile eines transformationalen Führungsstils geht. Dennoch ist es lesenswert.

In der Einleitung zitiert sie aus dem Buch „Die Psychofalle – wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht“, dessen Meinung sie sich anschließt, dass psychische Erkrankungen keineswegs zugenommen haben, die Ärzte diese aber heutzutage sehr viel häufiger diagnostizieren. Daraufhin scheint sie zu folgern, dass sich die meisten Menschen aufgrund subjektiv erlebten Stresses oder vor lauter Lustlosigkeit „verdünnisieren“, die Ärzte sie krankschreiben und die Unternehmen dann das Nachsehen haben. Bei mir entstand der Verdacht, die Autorin geht davon aus, die hohe Anzahl der Krankschreibungen (F-Diagnosen) würde also vornehmlich durch Simulanten oder Leistungsverweigerern zustande kommen. Für deutlich wahrscheinlicher halte ich es allerdings, dass vor allem die verstärkte Aufklärung über diese Themen in den Medien bzw. die Sensibilisierung und verbesserte Diagnostik (vor allem der Hausärzte) diesen Anstieg erklären.

Wie dem auch sei, Führungskräfte, insbesondere jene, die sich in einer Sandwich-Position befinden, müssen mit diesen krankheitsbedingten Ausfällen irgendwie umgehen und sind deshalb besonderen Herausforderungen und einem immer massiveren Zeitdruck ausgesetzt. Die Möglichkeiten dafür, Dinge zu gestalten und Mitarbeiter zu entwickeln, scheinen oftmals kaum vorhanden zu sein. Auch das berühmt gewordene „Downshifting“, das viele bei der Suche nach einem (neuen) Sinn in Erwägung ziehen, kann neue Probleme mit sich bringen. Katharina Maehrlein empfiehlt deshalb, die Kraft der Resilienz für sich zu nutzen, und ermutigt dazu, „die spezifischen Anforderungen frisch anzupacken und bisher unentdeckte Handlungsspielräume zu entdecken“. Nach einer kurzen Beschreibung der elf Resilienzfaktoren befasst sich sie sich mit dem Schreckgespenst „psychische Erkrankung“ und erläutert, dass der Übergang von psychischer Gesundheit fließend ist. In jedem von uns gibt es verschiedene Anteile, die in bestimmter Weise auf Stressreize reagieren: das Zitter-Ich, Angi (die Angst), Resi (die Resignation) und Börni (Burnout). Entsprechende Warnsignale sollten zwar in jedem Falle ernst genommen werden, die Fähigkeit, die eigenen Emotionen auch in kritischen Situationen zu steuern und positiv zu beeinflussen, lässt sich aber erlernen.

Sehr anschaulich schildert sie, wie Einstellungen, Bewertungsmuster oder Erwartungen unser Verhalten beeinflussen und oftmals zu automatisierten Reaktionen führen. Resilienz vergleicht sie daraufhin mit einer inneren Kraft, die (wie eine Bohrmaschine mit passendem Aufsatz und einer angemessenen Stromzufuhr) dazu in der Lage ist, Widerstände (des täglichen Lebens) zu überwinden. Nicht selten stehen dem aber dysfunktionale fundamentale Grundannahmen entgegen, die wir uns oftmals unbemerkt zu eigen gemacht haben und deren Auswirkung sie mit einer „stinkenden Leber“ vergleicht, die hinter einen Herd gefallen ist und von dort aus die gesamte Wohnung verpesten kann. Als Beispiele führt sie den Perfektionismus sowie den Selbstoptimierungswahn an und zeigt mittels eines Gleichnisses von vier chinesischen Tellern einen Weg zur Priorisierung von Aufgaben auf, der von vielen ihrer Coachees als hilfreich empfunden wurde. Denken musste ich beim Lesen dieses Kapitels an jene meiner Klienten, bei denen mit entsprechenden Verhaltensmustern eine schwerwiegende Selbstwertproblematik einherging, die eine therapeutische Aufarbeitung erforderlich machte, bevor es ihnen überhaupt möglich war, dem „Lustprinzip“ wieder zu frönen. Schließlich lässt sich nicht jede „stinkende Leber“ leicht finden, und zudem kann eine Säuberung mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein… Aber auch das hat die Autorin im Blick und rät im Ernstfall dazu, eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen.

Im Hauptteil des Buches beschäftigt sich Katharina Maehrlein mit der Achtsamkeit. Zunächst erläutert sie das Konzept, benennt Zweck und Nutzen, stützt ihre Aussagen mit zahlreichen wissenschaftlichen Belegen, und schreibt daraufhin über ihre persönlichen Erfahrungen, die sie auf einem 10-tägigen Vipassana-Retreat machen durfte. Ihre Begeisterung ist deutlich spürbar. Um es den Lesern zu ermöglichen, die Lücke zwischen Reiz und Reaktion zu entdecken, und sie dazu zu befähigen, (Verhaltens-)Impulse besser kontrollieren zu können, folgt ein ausführliches „Achtsamkeit to go“-Programm. Mittels diverser praktischer Achtsamkeits- bzw. Meditationsübungen zeigt sie Wege auf, wie sich die vier Basis- und die drei Masterkompetenzen entwickeln lassen. Die ein oder andere Übung werde ich sicher demnächst einmal ausprobieren. Obwohl die Anleitungen recht ausführlich und gut verständlich sind, empfiehlt die Autorin, sich zur Vermeidung oder im Falle eventuell auftretender Motivationsprobleme ggf. professionelle Unterstützung (bspw. in einer Gruppe) zu suchen.

Im letzten Kapitel geht es um all das, was ich persönlich unter „gesundheitsorientierte Führung“ verstehe. Die Autorin unterscheidet hier zwischen drei Führungsstilen (laissez-faire, transaktional und transformational) und rät Führungskräften dazu, sich stetig in Richtung des Letzteren weiterzuentwickeln. Die Erläuterungen, was darunter zu verstehen ist, sowie die Fragebögen zur Standortbestimmung können hierbei behilflich sein. Auch über die Bedeutung von Visionen und Ritualen schreibt sie und gibt praktische Tipps, wie sich diese in Unternehmen formulieren bzw. etablieren lassen.

Trotz der mir in vielerlei Hinsicht vertrauten und mich teilweise eher langweilenden Themen schaffte es die Autorin, mich mit ihrer bilderreichen und teilweise etwas burschikos anmutenden Schreibweise in den Bann zu ziehen. Ihre Ansichten und Vorschläge kratzen m. E. zwar hier und da zu sehr lediglich an der Oberfläche, zumal sie kaum spürbar werden lässt, welch ein ungeheurer Leidensdruck durch psychische Erkrankungen entstehen kann. Das ist aber auch nicht das eigentliche Thema dieses Buches, und die Betroffenen sind wohl auch nicht die Zielgruppe, für die es geschrieben wurde. Für Führungskräfte lohnt sich die Lektüre jedenfalls allemal! Es ist lehrreich und unterhaltsam zugleich.

Katharina Maehrlein (2015). Erfolgreich führen mit Resilienz. Wie Sie sich und Ihre Mannschaft gelassen durch Druck und Krisen steuern. GABAL Verlag GmbH.