Rezension: „Unter Kollegen“ von Wolf Reiser

Unter Kollegen„Schon wieder so ein Ratgeber, in dem irgendein Schlaumeier seinen Lesern erzählt, wie man sich richtig zu verhalten hat“, dachte ich, als mir das Buch empfohlen wurde. Dann warf ich einen ersten Blick hinein und fühlte mich zunächst in meinem Vorurteil bestätigt: Zu den 44 Themen (Umgang mit Lob, Nähe, Kollegen, Kunden etc.), die darin angesprochen werden, findet man jeweils eine Liste mit Leitsätzen, die mich an jene Seiten im Internet erinnerten, auf denen man Tipps und Ratschläge findet, die sich dann entweder nicht ohne Weiteres umsetzen lassen oder die so banal sind, dass man sich schon etwas wundern muss, warum sich jemand die Zeit nimmt, sie überhaupt aufzuschreiben. Eigentlich nur aus Langeweile nahm ich das Buch am Abend mit ins Bett, las die ersten Kapitel und war überrascht darüber, mit wie viel Feinsinn und Selbstironie sich Herr Reiser jedem der Themen widmete und dabei stets zu Schlussfolgerungen kam, die sich doch sehr von dem unterschieden, was ich erwartet hatte.

Täglich suche ich nach Hilfestellungen oder Anregungen im World Wide Web, die für die Besucher meiner Seite „Psyche und Arbeit“ bei Facebook interessant sein könnten. Die Überlebensstrategien fürs Büro wären hierfür allesamt hervorragend geeignet! Im Berufsleben gibt es zahlreiche Fallstricke, in die man leicht hineingeraten kann. So lässt es sich bspw. kaum vermeiden, auf missgünstige oder schlichtweg unsympathische Kollegen zu treffen, irgendwann ins Visier böswilliger Konkurrenz zu geraten oder einem unliebsamen Vorgesetzten ausgesetzt zu sein. „Die Hölle, das sind die anderen“, ist eine Erfahrung, mit der sich Wolf Reiser mittels kluger Selbstironie und Wortgewandtheit auf eine ermutigende Weise auseinandersetzt. Die Hinweise, die er seinen Lesern gibt, sind in jeglicher Hinsicht reflektiert und sie machen deutlich, dass wir alle Menschen sind und es nicht für jedes Problem eine einfache Lösung gibt. Seine Gedanken zu Themen wie Prokrastination („Aufschieberitis“), Multitasking oder den Tücken zwischenmenschlicher Kommunikation sind fachlich auf einem hohen Niveau, gut nachvollziehbar und sicher hier und da sehr hilfreich. Eine Verstrickung in jene Banalität, die man von etlichen Ratgebern gewohnt ist, sucht man hier vergebens.

Fasziniert hat mich zudem der Sprachstil des Buches. Neben eigenen Erlebnissen des Autors, werden viele (mehr oder weniger) durch die Presse bekannte Beispiele angeführt und mit einer gehörigen Portion Humor unterlegt. Erbsenzähler werden zwar an der ein oder anderen Stelle Aussagen finden, denen sie widersprechen könnten, allerdings machen gerade diese gewissen Ungenauigkeiten einen Teil jenes Charmes aus, der hier versprüht wird. Als Journalist und Schriftsteller beweist Wolf Reiser, dass er tatsächlich von jedem der von ihm angesprochenen Sachverhalte etwas versteht. Die Art, mit der er auch einige Wildwüchse meiner Berufsgruppe (der Trainer und Coachs) kritisch beäugt und deren Arbeit plakativ bspw. mit „Kirmes-Coaching-Luft“ tituliert, brachte mich immer wieder zum Schmunzeln.

Jedem, der sich im Büroalltag besser zurechtfinden oder der sich auch in schwierigen Situationen sicher auf diesem Parkett bewegen möchte, sei das Buch empfohlen. Auch Fans von Checklisten und guten Tipps kommen hier natürlich auf ihre Kosten, ebenso wie all jene, die lediglich eine unterhaltsame und geistreiche Lektüre suchen.

Um Ihnen einen ersten Eindruck zu ermöglichen, erlaube ich mir an dieser Stelle ein Zitat der 6 Leitsätze zum Thema „Motivation“, mit denen das Kapitel 36 abschließt:

  1. Werden Sie sich bei der Wahl eines Coachs oder eines Selbstcoachings zunächst Ihres eigenen Charakters und Ihrer Haltung zu Erfolg und Glück bewusst.
  2. Rein materieller Erfolg bietet nicht allen Menschen eine befriedigende Motivation.
  3. Misstrauen Sie allen Crashkursen, die versuchen, Ihnen „Erfolg-to-go“ zu verkaufen.
  4. Individueller Erfolg ist nicht übertragbar. Mit trivialen Rezepten, verklärten Biografien und Glücksversprechungen ist keinem geholfen.
  5. Hoch motivierte Menschen erreichen ihre Ziele noch leichter, wenn sie sich deren optimale Verwirklichung detailliert ausmalen.
  6. Notorische Pessimisten reagieren auf überzeichnete Erfogsstrategien negativ und werden davon eher demotiviert.

Wolf Reiser (2015). Unter Kollegen. 44 Überlebensstrategien fürs Büro. Beltz Verlag.