Rezension: „Lösungsorientierte Beratung“ von Günter G. Bamberger

Wie sich innere Suchprozesse initiieren lassen und Lösungen zur Wirklichkeit werden…

Lösungsorientierte BeratungDie zweite Auflage des Buches von Günter G. Bamberger gehört zu jenen Werken, die meine Arbeit wohl mit am stärksten beeinflusst haben. Da dieser Klassiker der Beratungsliteratur in diesem Jahr bereits in der fünften Fassung erschienen ist und ich ihn in meinem Unterricht gern empfehle, habe ich nun einmal überprüft, ob im Vergleich zur Ausgabe von 2001 Wesentliches darin verändert wurde. Dabei ist mir zunächst aufgefallen, dass das Buch deutlich an Tiefe gewonnen hat. Erweitert wurde es um aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse sowie um vielerlei Zitate und Literaturhinweise, die sich bei bestimmten Fragestellungen zur Vertiefung anbieten. Obwohl sich die inhaltliche Gliederung kaum von jener der älteren Version unterscheidet, wirken einzelne Abschnitte nun erheblich differenzierter. Des Autors Liebe zum Detail (wie auch zu seiner Tätigkeit), wird in jeder Zeile spürbar. Auch wenn die beschriebenen Fragetechniken einer recht simplen Logik folgen, hängt es wohl im hohen Maße vom „Reifegrad“ der Persönlichkeit eines Beraters sowie von dessen Haltung ab, inwieweit sich diese in einem lösungsorientierten Gespräch bewähren können.

Da mir viele Inhalte bereits bestens vertraut waren, entschied ich mich dafür, das Lesen der Neuauflage mit einem Experiment zu verbinden. Hierfür wählte ich eine aktuelle Fragestellung aus, mit der ich mich seit einiger Zeit beschäftigte, und suchte nach passenden Ideen, die mir dabei helfen könnten, zu einer guten Lösung für mich zu gelangen. Nachdem ich mich also in eine Art „Problemtrance“ begeben hatte, nahm ich das Buch zur Hand und stellte mir vor, Herr Bamberger würde aus diesem so zu mir sprechen, als wäre ich sein Klient. Zwischendurch legte ich immer wieder Pausen ein, um darüber nachzudenken, welche Antworten ich auf die entsprechenden Fragen geben würde, bzw. um zu überprüfen, wie hilfreich die beschriebenen Interventionen wohl in meinem speziellen Fall wären. Dieses Vorgehen führte mich zu zwei entscheidenden Einsichten:

1. Nicht jede Technik ist bei jedem Anliegen gleichermaßen nützlich. Die hohe Kunst der lösungsorientierten Vorgehensweise liegt also nicht allein darin, sämtliche Interventionen zu beherrschen oder diese systematisch in einen Beratungsprozess zu integrieren, sondern vor allem in der individuellen Anpassung an jene Besonderheiten, die sich aus dem jeweiligen Kontext ergeben. Während die meisten meine Gedanken (bezogen auf mein Thema) also ins Leere führten oder sogar Ratlosigkeit erzeugten, wurden mir durch andere überraschend neue Einsichten ermöglicht, wie ich mit der vorab definierten Problematik künftig umgehen bzw. wie ich diese auf andere Weise betrachten könne. Nachdem ich mir vorab ein paar grundsätzliche Gedanken gemacht, nach Ausnahmen und einer Lösungsvision gesucht habe, lieferte mir vor allem die Frage nach den aufrechterhaltenden Bedingungen (im Sinne der Utilisierungsfrage aus Kapitel 7.5.3) eine schlüssige Antwort bzw. die entscheidende Erkenntnis, woran meine bisherigen Lösungsversuche wohl bis dato gescheitert waren. Die mich seit jeher verwirrende und scheinbar festgefahrene emotionale Verstrickung konnte ich dank dieser Technik dann mit einer (sogar körperlich) spürbaren Leichtigkeit auflösen. Obwohl sie mir die dafür erforderlichen Schritte oder Handlungsoptionen noch nicht klar aufgezeigte, wirkte sie in meinem speziellen Fall wie eine Art Dietrich. Mein Experiment (s. o.) ist also geglückt!

2. Die Haltung des Beraters sowie der gelingende Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung (Rapport) zum Klienten hat einen ganz entscheidenden Einfluss darauf, inwieweit es durch die Fragen überhaupt gelingt, jemanden aus festgefahrenen Denkmustern herauszuführen bzw. seine Aufmerksamkeit auf jenes zu richten, durch das sich eine positive Veränderung bewirken ließe. Die in dem Buch gegebenen Instruktionen erwecken leicht den Anschein, als seien sie in jedem Fall wirksam. Die zahlreichen Fallbeispiele und Formulierungshilfen machen allerdings deutlich, dass sie bei einem Klienten nur dann zu einer Erweiterung der Perspektive führen, wenn sie empathisch, kongruent und stimmig zum Einsatz kommen. Ein Paradebeispiel hierfür sind die berühmten „Komplimente“.

Inhaltlich beginnt das Werk mit einer Skizzierung jener Phasen, die einen typischen Gesprächsablauf kennzeichnen, der diesem zugrunde liegenden Postulate und mit einer Einführung in die theoretischen Grundannahmen (vor allem der systemischen Therapie und lösungsorientierten Kurztherapie). Nachdem die zentralen Ideen des Ansatzes näher erläutert worden sind, folgt eine detaillierte Darstellung der sechs Phasen eines Beratungsprozesses: Synchronisation, Lösungsvision, Lösungsverschreibung, Lösungsbegleitung, Lösungsevaluation und Lösungssicherung. Die ausführliche Beschreibung eines Fallbeispiels (mit mehreren Sitzungen), Gedanken zur Qualitätssicherung, zur Effektivität sowie zur Selbstfürsorge runden das Ganze ab. Auch wenn man vermuten könnte, mit der Einleitung und dem Glossar lösungsorientierter Fragen zum Ende des Buches (das in der alten Ausgabe noch nicht enthalten war) hätte man bereits das Wesentliche erfasst, lohnt es sich m. E. sehr, sämtlichen Ausführungen des Autors wenigstens einmal die volle Aufmerksamkeit zu widmen. So einleuchtend und einfach vieles zunächst auch klingen mag, sind es in der Regel doch die Feinheiten einer spezifischen Gesprächssituation, die den entscheidenden Unterschied machen.

Interessant fand ich auch, wie verschiedenartig gewisse Techniken teilweise tituliert werden. Eine Verflüssigungsfrage bezeichne ich bspw. nach wie vor eher als Konkretisierungsfrage. Diese Frageform („Was meinen Sie konkret damit?“) hilft mir eigentlich immer sehr dabei, mich in die Wirklichkeitskonstruktionen meiner Klienten hineinzudenken bzw. diese zu hinterfragen und ihnen dadurch zu helfen, vage bleibende Konstruktionen zu klären, um allein schon auf diesem Wege neue Lösungsperspektiven zu eröffnen. Herr Bamberger hingegen scheint diese Bezeichnung vor allem für Fragen zur Ableitung konkreter Handlungsoptionen zu nutzen. Vom Grundsatz her stimmen wir aber in jeglicher Hinsicht miteinander überein. Und trotzdem konnte ich sogar hier und da noch etwas von ihm lernen.

Sollte es überhaupt etwas geben, was ich kritisieren könnte, wäre es m. E. lediglich jener Abschnitt, in dem es um die Misserfolgsprophylaxe geht. Hier scheint es sich der Autor etwas zu leicht gemacht zu haben, indem er lediglich dazu rät, Klienten bereits im Vorfeld auf die Gefahr möglicher Rückschritte hinzuweisen. Dazu hätte ich mir noch die ein oder andere ergänzende Intervention gewünscht. Das ist allerdings wirklich nur eine klitzekleine Kleinigkeit im Vergleich zu dem gesamten Rest des Buches, der mich vollkommen überzeugt hat. Hervorheben möchte ich die wunderbare Liebe zum Detail, mit der nahezu jede Facette einer Interaktion beleuchtet wird, sowie die feinfühlige Weise, mit der sich Günter G. Bamberger den entsprechenden Themen annähert. Besonders gefallen hat mir zudem die Betonung dessen, wie wichtig es ist, für die Erläuterung eines Problems zunächst einmal einen angemessenen Raum zu gewähren und die bisherigen Lösungsversuche der Klienten zu würdigen. Eine zu hastig formulierte Wunderfrage oder eine ähnlich motivierte (aber vielleicht verfrühte) Fokussierung auf vorhandene Ressourcen, kann eben schnell auch mal befremdlich wirken und die Möglichkeiten, im weiteren Verlauf eine Lösung zu finden, bereits im Vorfeld beeinträchtigen. Das gilt vor allem dann, wenn Menschen mit einem hohen Leidensdruck in die Beratung kommen.

Diese 5. Auflage erweist sich als eine gereifte Version jenes Klassikers, den ich seit jeher zu den wertvollsten und wichtigsten Werken zähle, die in meinem Bücherregal zu finden sind. Die Strukturierung ist einleuchtend, die Inhalte sind praxisrelevant und auf einem exzellenten wissenschaftlichen Niveau. Sogar der Schreibstil ist eine wahre Freude. Was kann man von einem Ratgeber für professionelle Berater mehr erwarten? Kurzum: „Lösungsorientierte Beratung“ ist m. E. eines der besten Bücher seiner Art.

Fast übersehen habe ich übrigens die zahlreichen Online-Materialien, die neben etlichen Übungen und Arbeitsblättern auch einen Vortrag von Günter G. Bamberger enthalten, mit dem sich die Lektüre des Buches auf wunderbare Weise abrunden lässt.

Günter G. Bamberger (2015). Lösungsorientierte Beratung (5. Auflage). Beltz Verlag.